Sonntag, 23. Dezember 2007

Keinohrhasen


Mit barfuss brachte Til Schweiger 2005 einen wahren Überraschungsfilm in die Kinos. Auf hohem Produktionsniveau präsentierte Schweiger eine fast märchenhafte Liebesgeschichte der anderen Art, eine RomCom mit vielen dramatischen Zügen und einem guten Schuss Roadmovie-Charme.

Mit Keinohrhasen bringt Schweiger zur Weihnachtszeit 2007 das indirekte Nachfolgewerk zum Millionenerfolg. Erneut stand Schweiger auf Basis eines eigenen Skriptes vor der Kamera und produzierte den Film selbst. Stilistisch und vor allem von der Atmosphäre her ist Keinohrhasen dabei das flottere, modernere Gegenstück zum zeitloseren, nostalgisch-verträumten barfuss.

Damit halst sich Keinohrhasen allerdings auch sofort eine schwierige Aufgabe auf - während barfuss schon allein aufgrund seines Erzählstils und der Atmosphäre originell und einzigartig wirkte, sticht Keinohrhasen als moderne, romantische Komödie eben nicht so schnell aus der Masse der Genrevertreter heraus. Um Keinohrhasen trotzdem originell wirken zu lassen, benötigt es eines intensiven, kreativen Preproduktionsprozess.
Doch es ist barfuss, in den mehr Arbeit floss. Dieses Projekt schleppte Schweiger Jahre lang mit sich herum, nahm es sogar zeitweise mit in die USA, produzierte es letztlich aber aufgrund der größeren künstlerischen Freiheit hier in Deutschland.

Keinohrhasen ist da schon wesentlich gewöhnlicher - und das hindert ihn daran, sich komplett an seinen Vorgänger anzuschließen.

Keinohrhasen erzählt, wie zu erwarten, die Geschichte eines Mannes und einer Frau aus verschiedenen Welten, die sich zunächst auch überhaupt nicht leiden können. Schweiger spielt hier den Boulevardreporter Ludo, der sämtliche Verantwortung ablehnt, eine Frau nach der anderen abschleppt und im Beruf keinerlei Skrupel kennt. Als er eines Tages die Pressefreiheit eindeutig viel zu weit überschreitet, wird er zu Sozialstunden in einem Kinderhort verdonnert. Wie es der Zufall so will arbeitet eben dort (die von Nora Tschirner verkörperte) Anna, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das früher von Ludo immer herumgeschubst wurde und nun zu einer verantwortungsbewussten jungen Frau herarnrief.

Durch das Setting eines Kinderhorts gewinnt der Film sehr viel Humor. Die Interaktion zwischen Schweiger, Tschirner und den Kindern sowie viel Slapstick- und Situationskomik prägen den Film ungemein. Vor und nach der Arbeit mit den Kindern lockern zusätzlich noch fesche Seitenhiebe auf die Welt der Boulevardblätter den Film auf. Die Methoden von Ludo erinnern nicht von ungefähr an die der selbst ernannten "Zeitung" mit den vier Buchstaben. Egal ob Ludo und sein Fotograf nun C-Promis auf offener Straße überfallen und ihre Schwangerschaft aufdecken, oder ob sie ein Volksmusikantenehepaar über ihre heile, heile Welt interviewen, die Ausflüge in die Pressewelt sind angenehm lächerlich (und leider auch zutiefst wahr). Heimliches Highlight des Films ist schließlich eine Szene mit Jürgen Vogel, die ganz zu Beginn gezeigt wird und sich zusätzlich noch über den Schönheitswahn bei den Promis lustig macht. Aber auch Rick Kavanian als cholerischer Redaktionschef weiß die Lacher auf seine Seite zu holen.

Außerdem geht es im Film um Sex. Zwar reichen die Sexgespräche allein schon rein quantitativ und in ihrer Ausführlichkeit nicht ganz an jene aus Filmen von Kevin Smith heran, aber so wie sie in den restlichen Film eingebaut wurden und trotz frivoler Komik nicht den Charme des Filmes nicht zerstören (sondern ihn zum Teil sogar untermauern), lässt einen wirklich nicht die Vermutung los, Schweiger hätte sich den Kultregisseur zum Vorbild dieser Szenen genommen.

Gerade auch in diesen Szenen beweist sich das Casting von Nora Tschirner als Volltreffer. Tschirner spielt ihre Rolle sehr charmant und glaubwürdig, hat zudem ein großartiges Gespür für's Timing in den Wortgefechten zwischen ihr und Schweiger.

Das Gefühl für Timing hat dieser wiederum bei der Arbeit an Keinohrhasen leider nicht so ganz gehabt. Als modern-flotter barfuss-Nachfolger steigert er sich mitunter zu sehr in eine MTV-Dramaturgie hinein. Obwohl der Film mit über 100 Minuten bereits eine stolze Laufzeit für eine Komödie aufzuweisen hat, hetzt er sich streckenweise viel zu sehr ab, wird nahezu holprig. Vor allem in den ersten 15 bis 20 Minuten wirft der Film durch diese holprige Weise nahezu jedes Gefühl für Zeit über Bord. Denkt man noch, weiterhin Ludos ersten Tag im Hort erzählt zu bekommen, ist plötzlich davon die Rede, dass die Kinder in Vergangenheit mögen gelernt und bei ihren Eltern lobend erwähnt haben.
Das ist wirklich schade, da gerade eine Romanze sich nicht abhetzen sollte, da dies viel von der romantischen Atmosphäre zerstört. An den Stellen, an denen Schweigers Schnitt bzw. Erzählweise (mit einem übertriebenen Hang zu Montagen) mal eben drei, vier Sequenzen lang holpernd den romantischen Charme zu zerstören bedroht muss Tschirner mit ihrem Charme und den feschen Dialogen den Film und vor allem dessen Charme völlig alleine stützen.

Dafür muss man Schweiger zu gute geben, dass er alles tat, um den Film davor zu bewahren wie eine deutsche Beziehungskomödie zu wirken. Auf Produktionsniveau gleicht dieser Film genauso wie der Vorgänger mehr einem US-Kinofilm als einer deutschen Fernsehproduktion.

Auf deren Niveau ist Keinohrhasen auch keinesfalls abgeglitten. Charme, Witz und gute Dialoge hat er definitiv. Doch durch das undurchdachte Tempo fehlt die gewisse Romantik und es erschwert dem Zuschauer auch mit dem Film mitzugehen, man wird stellenweise zu sehr aus der Handlung herausgerissen. So ist Schweigers neuster ein überdurchschnittlicher Film, der das Potential gehabt hätte gut zu werden.

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