Sonntag, 16. März 2008

Nicht nur Malerei ist Kunst

Ich bin ja nicht sonderlich talentiert. Im Sport verliere ich nahezu immer, es sei denn es geht ums Pokern oder Bowlen. Manchmal, an guten Tagen, auch Billiard.
Handwerklich bin ich überhaupt nicht begabt, kein Wunder, dass es mich nie in eine handwerkliche Beufslaufbahn gezerrt hat.
Und Malen... naja, in Kunst schwankte meine Note zwischen 5 (!!!) und 1 (!!!), je nach Lehrer. Und auch wenn ich keinen Kunstunterricht mehr habe (ich studier ja seit einem Semester, Unterricht ist Vergangenheit), sehe ich meine sich so rapide verändernde Notenlaufbahn in Kunst wieder als bestes Beispiel dafür an, dass nicht nur Kunst im Auge des Betrachters liegt, sondern auch die Kunstnote. Ich hatte in Kunst meinen größten Noten-Einbruch (von 1 auf 5). Was hatte sich geändert? Der Lehrer. Und nun spreche Mal jemand von Zufall.

Natürlich gibt es auch Lehrer, die etwas mehr Distanz zwischen ihrem Geschmack und dem objektiven Benotungsvorgang halten können, aber dennoch liege ich weiterhin mit dem Kunstunterricht auf dem Kriegsfuß. Nicht nur bei mir selbst, sondenr allgemein konnte ich feststellen, dass man immer ein bisschen vom Lehrer abhängig war. Hinzu kommt folgendes: Kunstunterricht (in Deutschland und vielen anderen Ländern) ist zu einem Großteil von der Veranlagung zur Malerei abhängig. Manche können halt besser malen als andere.

Ja, auch Mathe, Fremdsprachen oder philosophischere Fächer sind von der eigenen Veranlagung abhängig, aber für diese Fächer kann man lernen.

Ich möchte keineswegs den Kunstunterricht abschaffen, aber ich stelle halt immer wieder fest, dass unser Schulsystem Kunst mit Malerei gleichsetzt. Nur in der Grundschule und später wieder in der oberen Mittelstufe wird auch auf Bastelei und gegen Ende der Laufbahn auch auf Bildhauerei / Töpferei (je nach Lehrer... meine Klasse hat Bild gehauen, die Parallelklasse getöpfert) Rücksicht genommen.

Doch nicht nur Bilder und Statuen sind Kunst. Musik zum Beispiel ist ebenfalls Kunst. Gut, das wird auf deutschen Schulen gesondert behandelt. Damit bin ich einverstanden.

Aber was ist mit allen anderen kreativen Prozessen. Kurzgeschichten oder Gedichte schreiben etwa. In der Schule wird (sobald die Aufsätze vom Lehrplan verschwinden) nur das Verfassen von non-fiktionalen Texten gefördert. Analysen, Interpretationen, Reden, Argumentationen, ... Aber nie wird einem gesagt, wie man sich selber einen Text ausdenkt. Das muss man sich selber beibringen. Und dann sitzt man in der Deutsch-LK-Abiprüfung des ersten Jahrgangs in NRW mit Zentralabitur und bekommt bei einem der frei wählbaren Themenkomplexen aus dem nichts die Aufgabe gestellt einen Leserbrief zu schreiben. Hö, das hatten wir noch nie?!

Wie auch immer - worauf ich hinaus möchte: Deutschland muss den Kunstbegriff weiter dehnen. Denn dadurch, dass in Kunst fast nur gemalt wird, bekommt man als Bürger auch diese Definition eingeimpft. Und wer es nie so mit der Malerei hatte (entweder weil sie einem nicht gefällt oder man sie nicht beherrscht), ernennt sich schnell freiwillig zum Kunstbanausen. Filme, Comics und weiteres sind offiziell nur Unterhaltung.

In Frankreich spricht man von neun Kunstbereichen: Architektur, Bildhauerei, Malerei, Musik, Tanz, Poesie, Filmerei, die Kunst der Präsentation (im Sinne von Theater, Fernsehen und Fotografien, nicht im Sinne von Referaten, die man halten muss) und Comics.

Frag einen Deutschen nach Kunst, und er wird an Bilder denken, die im Museum hängen. Auch im kleinen Kreise ist das so: Meine Abschlusstufe wählte die drei besten Künstlerinnen und Künstler unserer Stufe, und alle sechs malten. Songschreiber und passionierte Dichter wurden übergangen.

Um also den Kunstbegriff wieder besser zu definieren und Leuten wie mir, die keinen Menschen zeichnen oder malen können, ohne sich lächerlich zu machen, in der Schule zu helfen fordere ich hiermit einen neu gestalteten Kunstunterricht. Gut, niemand von Bedeutung wird das hier lesen, aber irgendwer muss doch irgendwo mit den Forderungen beginnen.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi Sir D.
Nach dem typischen Kopfschütteln und der Frage "Wann tippt/sieht/liest der Typ das alles?" kann ich wieder mal nur mein vollstes Verständnis für einen deiner Posts äussern.
Ich lese gern Comics! Sehr gern! Und das seit meinem sechsten Lebensjahr, also seit über 40 Jahren. Und was ich da schon an dummen Sprüchen zu hören bekommen habe, grenzt an Völkerverdummung. Der Standarttenor ist ja: "Ja, Comics hab ich auch gelesen - aber als Kind!" Schlaue Antwort: "Ach, aber die Msik von damals hörst du heute noch, oder?" Manche denken nach, aber die meisten lachen blöd und fangen an mit noch blöderen Sprüchen. Keiner kann erklären, wieso gerade dem Comic dieser Makel des Kinderproduktes anhängt. Jeder kann zwischen Musik für Kinder (Techno-Schlümpfe - du liebst es doch auch!) und die, die sie heute hören unterscheiden. Jeder (der noch liest - eine austerbende Kunst) kann zwischen Hanni und Nanni und Ken Follett/Umberto Eco/Stephen King u.a. unterscheiden. Aber wenn man denen versucht zu erklären, das nichts von Alan Moore auch nur annähernd für Kinder ist oder das Pulitzer-Autoren und Drehbuchschreiber aus Film und Fernsehen Comics schreiben, wollen sie es kaum glauben. Von meinen Bekannten habe ich in all den Jahren nur zwei (meine Frau nicht eingerechnet) überzeugen können. Aber alle die uns besuchen kommen wundern sich zuerst über all die seltsamen Sachen in der Wohnung. Das Batsignal und andere Props im Flur gegeüber einigen gerahmten Comicdrucken von Bolton, Manara oder Wrightson - ein Regal mit 10 verschiedenen Buzz Lightyear Modellen über dem Esstisch - Vitrinen mit Porzellanfiguren im Wohnzimmer und an jeder Wand Drucke und Originalzeichnungen. Manche sind ziemlich verstört, manche erheitert, aber mit allen kommt man gut ins Gespräch!
Und daher: Read more Comics - TV rots your brain! (Originaltext einer Kampagne vom Comic Publisher Top Cow - Bevor es die Witchblade-Tv-Serie gab!)
Aber solange bis wir hier in Deutschland die Comics wie in Frankreich als neunte Kunst akzeptiern, werde ich wohl nicht mehr leben.
Viele Grüße,
WBK

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