Donnerstag, 20. März 2008

What happened to Rock 'n' Roll


Vor knapp sieben Jahren, also vor gar nicht Mal so langer Zeit, kurz nach dem Jahrtausendwechsel, war der Grand Prix d' Eurovision (oder, wie er mittlerweile richtig heißt: Eurovision Song Contest) auf dem absteigenden Ast: Im deutschen Vorentscheid sollten unter anderem Rudolph Mooshammer und Zlatko aus dem Big-Brother-Container antreten.

Doch nicht überall gingen europäische Unterhaltungsgiganten zu Boden: Wetten Dass strotze nur so vor Energie. Und die Saalwette, ja damals gab es noch so etwas, sah vor, dass Thomas Gottschalk im Falle des Versagens ebenfalls beim Vorentscheid antreten muss, um Deutschland vor der Blamage zu retten.

Diese Logik mutet schnell seltsam an. Um Deutschlands Ehre zu retten, will man jemanden der nicht singen kann zur Teilnahme zwingen?
Ja, klar... Und als nächstes ernennt man Amy Winehouse zur Drogenberaterin der Bravo. Und der Esel aus Winnie Puuh wird Telefonseelsorger bei der Depri-Hotline.

Schöne, neue Welt...

Naja, weiter im Text:
Gottschalk musste seine Wettschulden begleichen und einen Song texten, singen und aufführen. Der Rest der Wette fiel jedoch flach, beim Grand Prix Vorentscheid trat er nicht auf. Angeblich wollte entweder der NDR Gottschalk nicht oder aber es war Gottschalk, der die kalten Füße bekam. So ganz einig waren sich die Medien damals nicht.

Jedenfalls sang Gottschalk am Ende der nächsten Wetten Dass-Sendung seinen Song "What happened to Rock'n'Roll", gemeinsam mit den so genannten besorgten Vätern - übergewichtigen, langhaarigen und vollbärtigen Männern in Ledermontur, die wild auf ihre Instrumente eindreschen.
Eigentlich gar keine so grauenhafte Vorstellung: behaarte, Musik spielende Männer im Motorradgang-Outfit sind mir alle Mal lieber als gertenschlanke, kurzhaarige und gepiercte Jugendliche in Klamotten aus dem "Große Größen"-Regal vom "Große Größen"-Geschäft, die nachts nach dem Kinobesuch aus irgendwelchen Ecken verlassener Kleinstädte hüpfen und unschuldige ältere Jugendliche dumm anquatschen und jemanden nach seinen Problemen fragen.

Rocker sind toll. Nur sehen meistens die Blondinen in ihrer Nähe etwas überfordert aus, und schöne Stimmen haben diese Blondinen auch selten.

Wie auch immer, zurück zu Thomas Gottschalk und seiner Background-Truppe im Rockeroutfit.


Gottschalk besingt, auf deutsch natürlich, in dem Song die Lage des Rock 'n' Rolls, die seiner Meinung nach gar nicht so rosig ist, wie sie sein sollte. Das lyrische Ich des Songs ist, so vermutet man einfach, Thomas Gottschalk selber: Mehrfacher Vater von Pop, Techno und Hip Hop gewohnten Kindern, die sich über banalen Klatsch und Tratsch ihrer Idole unterhalten und ihrem verzweifelten Vater versuchen die "aktuelle" Musik nahe zu bringen. Der jedoch leidet unter dieser Musik und wünscht sich die Rockgrößen seiner Jugend zurück.

Die drei Strophen sind kurz gehalten und recht simpel, noch simpler ist der Refrain der nur aus dem zwei Mal gesungenen Songtitel "What happened to Rock'n'Roll?", der dazwischen gesungenen Klage "Ich hab' die Schnauze voll!" und der Forderung "Bring back'em Rock and Roll!" besteht.
Ja... so ganz ohne englisch können auch die öffentlich-rechtlichen nicht!

Das gesamte Lied wurde mit dem Holzhammer auf die Einhaltung der Regel "Reim dich, oder ich fress' dich!" geprüft, so dass die allesamt wirklich einfachen und nicht überraschenden Paarreime dem Lied eine gewisse Debilität geben. Immer schön ein Griff zum nahesten liegenden Reim!

Die, ich sag mal so, "Pointen" im Text liegen auf "Thomas Gottschalk macht sich langsam warm"-Niveau, so wie man es von den ersten Minuten bei Wetten Dass kennt. Ihr wisst schon, die Strecke vor Vorstellung der Saal- bzw. Stadtwette und noch lange bevor der erste Gast kommt.

Gottschalks Singstimme ist erwartungsgemäß kein Knaller - bemüht er sich zu Beginn des Songs noch sich etwas zu verstellen und eine rauchig, knarzende Stimme aus seiner Kehle zu pressen, die wohl an versoffene, rauchende Old-School-Rocksänger erinnern soll, gibt er es im Laufe der 3 Minuten 15 Sekunden auf und wechselt zu seiner normalen Moderationsstimme.

Die übrigend je nach Textzeile ein bisschen mehr Druck und Betonung abbekommt oder eben auch nicht. Manchmal ist es freiwillig, wenn er zum Beispiel altlehrerhaft proklamiert "Und AC/DC ha'ms gewusst!" (sogar musikalisch von einem Schulglocken-, äh, Verzeihung, Glockensample unterstützt!) oder gerade noch seinen nach Rock dürstenden Aufschrei unterdrückt und einfach nur einen stärker betonten Satz rauspresst.
Streckenweise merkt man aber auch, dass Gottschalk einfach nur die Puste ausging und deshalb das Ende einer Zeile etwas kurzatmig angehaucht wird.

Hinzu kommt, dass man Gottschalks Stimme durchgehend durch einen Verzerrer jagte um so die nicht getroffenen Noten zu verwischen. Es ist allerdings nicht bis zur Unerkentlichkeit seiner Stimme getrieben (wie etwa bei beinahe allem was Cher in den letzten 12 Jahren rausgebracht hat), aber deutlich verändert ist es trotz allem.

Doch so sehr man sich damals über das Lied lustig machte und es bald darauf auch wieder komplett vergaß, darf man nicht vergessen, dass hier ein deutscher Moderator einfach nur seine Wette einlöste.
Gottschalk selbst hat, völlig zu Recht, keine Gesangsambitionen und so weit ich weiß trieb es ihn auch nie dazu Autor zu werden. Und wenn man das Lied unter diesen Umständen betrachtet ist es doch auch nur halb so grausig.

Der Text ist eine (sehr einfach gestrickte) Liebeserklärung an den alten Rock 'n' Roll unter AC/DC, Led Zeppelin und Deep Purple, verpferdeäpfelt dabei Eminem und Britney Spears, aber auf so unschuldig-simple Art und Weise, dass man keineswegs behaupten könne, dass hier jemand der musikalisch nichts drauf hat sich selbst zu einem Kenner aufspielt.
Es sind einfache Häm-Reime die augenzwinkernder und harmloser sind als alles was man auf deutschen Schulhöfen hören kann. Halt nur ein kleiner Spaß.
Manche der Reime sind zwar schon ein bisschen schmerzhaft, aber auch nicht mehr wie ein kleiner elektrischer Schock, so wie man ihn manchmal in Kaufhäusern erlebt, sobald man das Treppengeländer anfasst. Es ist bei weitem nicht so schmerzhaft dämlich wie geschätzte 98% aller Mallorca- und Apres Ski-Lieder, die ja mehr einer Dampfwalzenfamilie gleichen, die das Gehirn plattwalzt und dabei den Lapaloma tanzt.

Das wirklich schlimme an dem Lied sind einzig und allein die billigen E-Gitarren, die man wohl mal eben aus dem Modern Talking-Studio nebenan geklaut hat. Für eine Hommage an den Rock hätten es ja wohl weniger poppige Waschlappen-Gitarren sein dürfen, oder?!

Die Melodie, die da so weichgespült abgespielt wird, ist dagegen einfach nur da. Es reicht bei weitem nicht zu einer tollen Melodie und auch nicht zum Ohrwurm.
Ein Volkslied von der Rückseite der Venus ist da näher dran als diese Melodie. Aber sie ist vor allem auch nicht gänzlich stupide und auf einem "Kopf ------> Tisch ------> Aua!"-Niveau wie all die nervige Quälerei, die man auf die Ohren bekommt, wenn man zur falschen Zeit auf einer Fete wieder vom Klo kommt und plötzlich alle wild die Arme in die Luft heben, rumhüpfen und das ganze Bier durch die Luft fliegt.


What happened to Rock 'n' Roll ist schlicht und ergreifend kein gutes Lied. Aber es ist auch kein nerviges, bescheuertes, menschenunmögliches oder schlechtes Lied. What happened to Rock 'n' Roll ist der drittletzte Schüler, der beim Schulsport in eine Mannschaft gewählt wird - und keine Freunde in diesem Kurs hat.
Der letzte Schüler ist höchst wahrscheinlich der Versager, steht nicht nur im Weg rum und fördert die Mannschaft nicht, sondern behindert sie sogar.
Der vorletzte Schüler ist einfach nur nicht gut, aber er stört die Mannschaft auch nicht.
Und der drittletzte? Ja, er hat es halt nicht drauf. Und entweder hat er Freunde und hat immerhin die Garantie noch schnell gewählt zu werden, bevor es peinlich ist... oder nicht. Denn dann, wenn er keine Freunde hat, dann gucken die zwei Mannschaften erstmal dumm, realisieren, wer die anderen zwei sind und wählen dann ihn. Kurzes peinliches Schweigen, aber sonst ist alles in Ordnung.

So ist What happened to Rock 'n' Roll - keiner mag ihn, aber es hat auch niemanden was gegen ihn. Er hat keine wirklichen Stärken, aber seine Schwächen sind auch nicht wirklich störend. Man empfindet ihn aber trotzdem als mies. Bis man sich an die wirklich miesen, Nerven zerfetzenden anderen Schrottlieder erinnert, die es so gibt.

Fazit: 8 % auf der Schmerzskala (weil es beim Hören kaum weh tut und das Lied danach komplett vergessen ist)
8% auf der Peinlichkeitsskala (weil der Rock 'n' Roll bessere Reime zur Verteidgung seiner selbst verdient hat)

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