Dienstag, 25. März 2008

Zweite Chance für Jackie Brown


Jackie Brown habe ich nie sonderlich gemocht. Für mich persönlich war dieser Film stets das Tarantino-Stiefkind. Irgendwie packte mich der Streifen nicht und die Geschichte fand ich eher langweilig erzählt. So kam es nicht nur, dass ich diesen Film am Ende meiner Tarantino-Hitliste ansiedelte, sondern auch dazu, dass ich den Film ab und zu regelrecht vergesse. Wenn ich mich über Tarantino-Filme unterhalte, geht er mir öfters durch die Lappen und während mir auf Anhieb Dialoge aus Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Kill Bill und Death Proof einfallen, komme ich beim besten Willen nicht ohne Hilfe auf irgendwelche Gespräche aus Jackie Brown.

Die allgemeine Meinung über diesen Film ist da recht gespalten. So ganz allein bin ich mit meiner Ansicht zumindest nicht: Während Buena Vista (nun Walt Disney Studios Home Entertainment) zum Beispiel Pulp Fiction nochmal auf DVD rausbrachte um so ein Stück vom Kuchen abzukriegen, den in Deutschland bisher nur ufa aß, scheint man nicht gerade zu denken, dass es sich auch bei Jackie Brown lohnen würde.
Auch beim Merchandising steht Jackie Brown etwas zurück, der Sammler kann sich mit wesentlich mehr Zeug zu Pulp Fiction, Kill Bill und Grindhouse eindecken.

Bei den Kritikern dagegen gibt es kein wirklich eindeutiges Bild. Die meisten verehren Pulp Fiction am meisten, aber auf den Rängen dahinter wird jeder Film mal favorisiert. Ein so krasser Abstand zwischen Jackie Brown und den anderen Tarantinos, wie es in meiner Rangliste der Fall ist, lässt sich jedoch nirgends vernehmen.

Jedenfalls hatte ich es nun langsam selber satt, dass ich Jackie Brown in meiner persönlichen Rangliste so fern ab vom Schuss rangieren lasse.
Und so gab' ich Jackie Brown eine neue Chance.

In Jackie Brown, einer Hommage an die Blaxploitationfilme der 70er Jahre, geht es um die gleichnamige Hauptfigur, gespielt von Pam Grier, einst Star zahlreicher Blaxploitation-Streifen. Sie verkörpert eine Stewardess bei einer Billig-Airlinem die sich in ihren mittleren Vierzigern befindet und Geldkurier für den Waffenhändler Ordell Robbie (Samuel L. Jackson) ist. Als sie auffliegt und die Wahl zwischen Gefängnis (und dem möglichen Mord durch ihren Auftraggeber) oder Verrat hat, wählt sie ihren völlig eigenen Weg und plant mit ihrem Kautionsagenten Max einen großen Coup, der ihr Freiheit, Sicherheit und eine Menge Geld einbringen soll.

Wie die meisten so genannten "Heist Movies" dreht sich auch Jackie Brown knapp zur Hälfte um den Plan und zur anderen Hälfte um die eigentliche Durchführung dieses großen Unternehmens. Typisch, wie es für Tarantino ist, wird diese Geschichte vor allem über ausgeklügelte Dialoge vorran getragen. Doch was man immer wieder vergisst ist, dass Tarantino nicht nur großartige Dialoge schreiben kann, sondern auch Momente der Stille einzusetzen weiß. So werden mehrere Schlüsselmomente dieses Films allein von Kameraposition, Beleuchtung und vor allem Darstellung gestützt.

Gerade diese Momente, in denen allein ein Blick oder eine kurze Bewegung alles entscheidende über eine Figur und ihr Vorhaben verrät, sind es, bei denen ich  bemerkt habe, dass Jackie Brown ein wesentlich besserer Film ist, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Ein herausragender Film ist Jackie Brown meiner Meinung nach allerdings immer noch nicht - und im Vergleich mit Tarantinos restlichen Regiewerken bleibt Jackie Brown auch weiterhin das Schlusslicht.
Ich muss aber zugeben, dass Jackie Brown für mich von nun an nicht mehr Tarantinos Ausrutscher ist, sein einziger Fehlgriff, sondern einfach "nur" der Film von ihm, der mir am wenigsten zusagt. Zwar mit leichtem Abstand zu den anderen Tarantinos, aber dennoch eine deutliche Verbesserung gegenüber meinem vorherigen Urteil.

Das Problem an Jackie Brown ist für mich einfach, dass er am Sprung in die gehobene Filmkategorie knapp scheitert - und man es beim Ansehen bemerkt. So gut geschrieben die Dialoge auch sein mögen, bereits zwei oder drei Szenen später sind sie vergessen. Es fehlt den Gesprächen zwischen all den Charakteren schlicht und ergreifend ein gewisser Flair, der sie vom simplen Werkzeug des Geschichtenerzählens zur Filmkunst befördert.
Auch der Look des Films ist sehr passend, doch irgendwie fehlt etwas, vor allem im Vergleich zu Tarantinos restlichen Werken. Mir mangelt es an Feinschliff, ich finde keine Idee, die das alles treffend abrundet.
Und auch die Musikauswahl ist zwar stimmig, doch auch nicht mehr.
Größter Fehler des Films ist aber seine Zähflüssigkeit. Langsamkeit und eine ausschweifende Erzählweise sind keineswegs etwas schlechtes und gerade Tarantino weiß eh, wie man einen Film der im Grunde auch halb so lang sein könnte so sehr strecken kann, dass es einfach nur noch als genial zu bezeichnen ist. Aber bei Jackie Brown ist einfach irgendwann ein Punkt erreicht, an dem ich als Zuschauer nur noch wissen möchte, wie es ausgeht. Nicht, wie die Figuren dazu kommen, nicht, was sie als nächstes tun, einfach nur, wie es ausgeht.

Und der Abstand zwischen diesem Punkt und dem eigentlichen Schluss ist zu groß. Besonders tragisch ist, dass gerade das Herzstück des Films, die bessere zweite Hälfte, sehr gut getrimmt werden könnte.

Trotz allem weiß Jackie Brown zu Gefallen. Die Charaktere sind treffend umschrieben und werden von ihren Darstellern mit Freude zum Leben erweckt. Allen vorran weiß Pam Grier zu brillieren, aber auch Rober De Niro (als träger Komplize), Bridget Fonda (als dauerbekiffte Blondine) Robert Foster (als der Kautionsagent Max) und Sam Jackson sind sehr gut.
Es sind ebenfalls alle typischen Tarantino-Kultelemente sind vorhanden und vor allem die Regieführung ist beeindruckend. Wenn nur die Geschichte was straffer wäre - und auch die Atmosphäre ist nicht ganz dicht gehalten. Manchmal erwischt man sich vor dem Film zu sitzen und zu denken: "Ich gucke gerade einen recht guten Film." Das sollte aber nicht sein.

Ich bin aber richtig froh, Jackie Brown eine zweite Chance gegeben zu haben, denn ich habe den Streifen vorher unterschätzt. Nun weiß ich die gut durchdachte, spannende Unterhaltung die er liefert jedoch zu schätzen. Und, mal ganz unter uns, einer muss halt die rote Laterne schleppen. Mit einem Schlusslicht wie Jackie Brown kann man jedenfalls ganz zufrieden sein.

1 Kommentare:

WildHuhn hat gesagt…

Besser als Kill Bill ist er allemal.

Bei den 7 reinen Tarantino Regiewerken bishe rist er aber auch bei mir bloss auf Platz 5.

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