Donnerstag, 17. April 2008

Lost Housewives


Desperate Housewives Staffel 4, Episode 9: Tornado

Gestern Abend lief auf ProSieben die letzte Folge Desperate Housewives vor der zwangsverordneten Sommerpause. Und wer letzte Woche den Trailer zur Episode sah, weiß schon was ihn so ungefähr erwartet: Eine Highlightfolge von Desperate Housewives. Und was für eine...

Als Desperate Housewives am 3. Oktober 2004 in den USA startete, löste sich ein wahrer Hype um die Serie aus. Hohe Einschaltquoten und jede Menge Kritikerlob pushten die neue Serie auf ABC zu einem der Fernsehmeilensteine dieses Jahrzehnts hoch. Und im Gegensatz zu manch anderen Serien schwappte hier auch die Erfolgswelle nach Europa rüber - seit dem 12. April 2005 weißt der deutsche Haussender von Stefan Raab und den Blockbustern aus dem Hause Disney (nette Kombi, btw) mit Desperate Housewives eine der wenigen konstanten Erfolgsserien im eigenen Hause auf.

Bei den verzweifelten Hausfrauen ging es um Affären, extremen Konservatismus, Lügen und Intrigen sowie den überzeichneten Wahnsinn des Alltags hinter der ach-so-friedlichen Fassade der amerikanischen Vorstädte. Bitterböse Satire, gepaart mit Situationskomik, messerscharfen Dialogen und einem fesselnden Geheimnis um die Erzählerstimme bestimmten die Mischung und zogen die Zuschauer in ihren Bann.
Im Laufe der Serie trat die ursprüngliche Prämisse, aufzuzeigen wie es hinter der Idylle der Kleinstadt wirklich aussieht, etwas zurück und da die Serie auch nicht mehr neu war, verlor sie etwas von ihrem Sensationsfaktor. So ging auch der Hype zurück. Nicht aber zwangsweise auch die Qualität: Die Prämisse trat zugunsten der Charaktere in den Hintergrund. Aus anonymerer Satire wurden verwobene Schicksale von liebgewonnenen Figuren. Manchem war das ursprüngliche Rezept der Serie lieber, anderen nicht. Und wieder anderen fiel die Veränderung gar nicht auf.

Mit der gestrigen Episode "Tornado" kehrte die Serie zu ihren Anfängen zurück - um sogleich alles über den Haufen zu werfen und zu zerstören. Die Vorstadtidylle der Wisteria Lane wird von einem gewaltigen Tornado heimgesucht und die Erzählerin der Serie, Mary Alice, stimmt uns bereits auf das schlimmste ein.
In den nachfolgenden Szenen gibt Gabrielle ihren Freundinnen endlich zu, dass sie eine Affäre mit Carlos hat, während die Situation zwischen Mike und Susan eskaliert und Bree erneut hofft hinter Catherines Vergangenheit zu kommen.

So trifft Desperate Housewives nicht nur sich selbst in der Form ihrer Anfangszeit zurück (die Dekonstruktion der heiteren und klinisch reinen Fassade; die Wichtigkeit des sicheren Heims), sondern vor allem auch den fast gleichaltrigen Serienkollegen Lost. Man könnte fast glauben, dass der Autorenstamm von Lost und Desperate Housewives für je eine Folge die Plätze getauscht haben. (Eine Idee, die man auch in echt einmal umsetzen sollte, und sei es nur als Non-Kanon-DVD-Exklusive-Bonusepisode)

Dadurch, dass eine solche Naturkatastrophe wie ein Tornado die Wisteria Lane heimsucht, werden Dramatik und Tragik der Serie auf ein neues Level gehoben. In dieser Episode geht es um Geld, Freundschaft, Liebe, Leben und Tod. Es ist nicht nur ein gewaltiger Tornado, der auf die lieb gewonnen Charaktere zubraust - dank Mary Alices Ankündigung schwebt über ihnen zudem ein unüberwindbares Damoklesschwert.
In dieser Episode kokettiert Desperate Housewives außerdem mit der Lost-Bildästhetik: Chaos und Zerstörung allerortens, enge Räume in denen die Charaktere zusammengepfercht werden und sich paradoxerweise eben hier öffnen.

Doch nicht nur das erinnert an Lost: Allein schon der Tempowechsel den die Serie hier durchmacht scheint aus einer JJ Abrams-Serie entliehen. Mit einem Mal werden Geschichten vorran getrieben und beendet, die sich bislang nur dahinschleppten, teilweise sogar seit der letzten Staffel.
Teil dessen ist jedoch auch ein alter Lost-Trick: Es wird eine untergeordnete Geschichte gelöst, die zwar vom Figureninventar her mit einem zentralen Geheimnis zu tun hat, jedoch erst vor kurzem eingeführt wurde und genau genommen nichts mit dem eigentlichen Geheimnis zu tun hat. So ist der Zuschauer zufrieden, dass er endlich eine Lösung hat - viel klüger als vor drei Wochen ist er dennoch nicht.

Ebenfalls scheinbar von Lost entliehen ist das "Ausblenden" mancher Charaktere. Doch während dies bei Lost legitim ist und sogar zum Konzept der Serie gehört, stößt dies bei der neusten Desperate Housewives-Episode sauer auf. Schon in den letzten Wochen fehlte die eine oder andere Figur, doch in einer Episode, in der alle Charaktere gleichzeitig mit dem selben Problem zu kämpfen haben gibt es keine Ausrede nach dem Motto "Da ist heute halt nichts passiert". Die neuen Nachbarn scheinen Tornados wohl sehr gelassen gegenüber zu treten, so gelassen, dass sie sich gar nicht vorbereiten, keine Angst haben und deshalb auch gar nicht vorkommen. Und Dylan und Julie haben an diesem Tag wohl besonders lange Schule - oder wieso scheinen ihre Mütter sich nicht um deren Wohl zu kümmern?

Abseits dessen ist "Tornado" jedoch eine der besten Episoden dieser Serie. Packend inszeniert, visuell hervorstechend, mit neuen Erkenntnissen gespickt und einige der Darsteller dürfen wieder ihr ganzes Talent zur Schau stellen. Vor allem Felicity Huffman stiehlt allen die Schau.

Mit dieser Episode wollte sich ABC ursprünglich in die Zwangspause dank des Autorenstreiks verabschieden. Aus Angst vor wütenden Zuschauern, die den gewaltigen Cliffhanger nicht über sich ergehen lassen wollen wurde jedoch die zehnte Episode der vierten Staffel nachgeschoben. ProSieben befolgt aber ABCs eigentlichen Plan und geht nun in Sommerpause. Im Herbst werden wir dann endlich wissen, welche Folgen der Tornado nun wirklich hatte.

Und wenn ab Episode 11 ein Eisbär und ein unheimlicher Computer in der Wisteria Lane zu finden sind, ist Lost tatsächlich überall...

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