Donnerstag, 12. Juni 2008

Das Schneewittchen Video

Hi, ich bin es wieder, euer Elias Oliver Iwwerks. Vielleicht erinnert ihr euch noch an meinen letzten Beitrag.
Jedenfall nahm ich einige Wochen nach dessen Veröffentlichung eine Stelle als freier Redakteur bei einem berühmten Monatsmagazin an. In dieser Position entdeckte ich eine wirklich spannende News-Story, doch leider weigerte sich mein Chef, den daraus entstandenen Artikel abzudrucken. "Zu irrelevant", meinte er. Also habe ich mich an meinen alten Kumpanen Sir Donnerbold gewendet. Irgendetwas sagte mir, dass er sich für dieses Thema erwärmen könnte. Und tatsächlich: Er erlaubte mir, dieses Thema in seinem Blog zu posten.

Dafür nochmal vielen lieben Dank, Sir D.!

Nachfolgend also der unveränderte Wortlaut meines abgelehnten Top-Artikels. Ich wünsche euch alles Gute!


Versteckte die Disney Company jahrzehntelang Teile des legendären Trickfilmes?

Paris (drp) - Dutzende von Generationen und Millionen von Kindern und Junggebliebenen kennen und lieben es: Walt Disneys Schneewittchen. Doch was kaum jemand weiß: Jahrelang versteckte der Disney Konzern die ursprüngliche Version des großen Trickfilmklassikers vor den Augen der Öffentlichkeit.
Nun gelang die Originalversion von 1938 wieder ans Tageslicht - sehr zum Unmut des Maus-Konzerns, der dadurch in Erklärungsnot gerät.

Die Geschichte, wie der ganze Skandal über die "verschollene" Version von Schneewittchen aufgedeckt wurde, könnte einen ganzen Kinofilm füllen. Losgetreten wurde die Lawine von der französisch-stämmigen Saarländerin Croustillere Sorcière (75). Vor wenigen Wochen wurde sie in Rahmen eines Disney-Fanprojektes interviewt und plauderte über ihre Erfahrungen mit Disney. Dabei erwähnte sie auch, wie sie 1938 in Paris einen Platz in der VIP-Lounge bei der Frankreich-Premiere des Films "Schneewittchen" ergattern konnte, weil ihre allein erziehende Mutter damals ein Techtelmechtel mit dem Chansonsänger Maurice Chevalier hatte.
Sorcière erzählte dem Interviewteam, dass sie sich noch genau an die Filmpremiere erinnern kann - und dass der Film "Schneewittchen", so wie wir ihn heute kennen, ganz anders abläuft als das, was sie damals zu sehen bekam.

So begann der Film laut der rüstigen Saarländerin bei der Frankreich-Premiere 1938 noch mit einer zusätzlichen Sequenz: Das königliche Schloss erhebt sich über einen frostigen Winter. An einem Fenster in diesem Schloss saß Schneewittchens Mutter, wie sie ein abstraktes Muster auf ein Kissen stickt und aus dem Fenster blickt. Sie sticht sich in ihren Finger, und drei dunkelrote Tropfen Blut fielen zu schauriger Musik in den Schnee.
Eine düstere Erzählerstimme erklärte, dass die junge Königin somit ihren Tod besiegelte - denn immer, wenn eine schöne Frau bei Stickarbeiten ans Kinderkriegen denkt und sich sticht, wird ihr Kinderwunsch erfüllt, allerdings zum Preise ihres Lebens.
Es folgte eine Gesangssequenz, wie man sie nie wieder im Kino erleben sollte - ein Duett zwischen der Königin und dem Erzähler, welches den Lauf des Schicksals beschreibt. Am Ende sah man Schneewittchens Wiege und wie die Mutter über den Kopf von Schneewittchen streichelt und kurz darauf erschlafft.
Der Erzähler erwähnt, dass der König neu heiratete und noch in der Hochzeitsnacht von seiner neuen Frau vergiftet wurde.
Es folgte ein Panoramashot über den Schlosshof im Frühling. Vögel flogen an der Kamera vorbei, und der dunkle Schatten der bösen Königin fällt wie ein Damoklesschwert über die Wiege des kleine Schneewittchens.
Erst im Anschluss an diese Szene ging der Film so weiter, wie es heute bekannt ist.

Außerdem gab es eine weitere Szene in der Mitte des Films, als die böse Königin erfährt, dass Schneewittchen noch immer lebt, und zwar hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. In dieser Szene zerschlug die böse Königin den Zauberspiegel mit dem Kästchen, in welchem sich ja angeblich Schneewittchens Herz befand. Daraufhin schreitet die böse Königin in einen Zaubertunnel, der sich hinter dem Spiegelrahmen eröffnete. Um sie herum schwebten Kerkerzellen, aus denen verrottete Hände nach ihr greifen. Kurz sah man auch Schneewittchens Vater, dem die böse Königin die Augen ausstach, nachdem er sie um Wasser bat.

Das Interview-Team, das mit der mittlerweile siebenfachen Mutter Croustillere Sorcière sprach nahm die Rentnerin nach eigenen Aussagen zunächst nicht ernst und erwägte, das Videomaterial von ihr nicht für das Fanprojekt zu verwenden und schnellstens zu vergessen. Schließlich gab es keinen ersichtlichen Grund, weshalb Disney diese Szenen aus dem Film hätte schneiden sollen, und Dokumentationen über eine weltweite, sinnlose Zensur von "Schneewittchen" gab es auch nicht. Also, so dache das Team, musste die alte Frau sie belogen haben.

Kaum war die Geschichte wieder vergessen, traf das Interview-Team, an dessen Fan-Dokumentation bislang unter dem Arbeitstitel Project Mineral King gedreht wird, auf einen anderen Disney-Fan, der diese Erzählung untermauerte. Wie er dies tat ist allerdings außerordentlich ungewöhnlich.

Der 88-jährige Carolwood Pacific aus Burbank, Kalifornien, wurde von den ambitionierten Hobbyfilmern besucht, damit er über seine Sammlungen (die weltgrößte Privat-Sammlung von Disney-Bleistiftskizzen und die zweitgrößte Privat-Sammlung von Fotografien der Disneyland-Eisenbahnen) sprechen kann. Womit das Team aber nicht rechnete, war dass Pacific auch im Besitz einer wackeligen Aufzeichnung eben jener Schneewittchen-Premiere ist - und somit der wahrscheinlich ältesten noch erhaltenen Raubkopie der Welt.

"Der Schmalspurfilm ist von schlechter Qualität, der Ton hat gelegentliche Aussetzer und die Kamera ist ziemlich wackelig, außerdem stehen an mehreren Stellen des Films Leute auf und blockieren die Sicht, aber trotzdem beweisen diese Rollen Film, dass Schneewittchen 1938 noch ganz anders aussah", erzählt Pacific über die wertvollen Aufnahmen, die er vor drei Monaten von seinem Vater erbte.
Über die Beweggründe hinter diesen Kürzungen wollte uns der Disney-Konzern keine Aussage geben. Jedoch informierte man uns darüber, dass man erwägt Carolwood Pacific wegen Filmpiraterie und unlauteren Wettbewerbs vor Gericht zu ziehen.

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi Sir D,
Netter Post deines Kollegen.
Liest sich wie ein Film-Drehbuch.
Ist aber noch keinem aufgefallen, dass "Carolwood Pacific" die Hobby-Eisenbahn im Garten hinter Walt Disneys Haus im Carolwood Drive in LA, Kalifornien war?
Aber den Schmalfilm von 1938 würde ich gerne sehen. Wird wohl von der Qualität sein wie meine Kopie von Roger Cormans Fantastic Four.

Viele Grüße,
Wild Bill Kelso
(immer noch Belushi Fan!)

Kevin Kyburz hat gesagt…

@Wild Bill Kelso:
Wie unverschämt, Zweifel an der Identität von Mr. Pacific zu äußern, muss der alte Herr doch noch den Tod seines Vaters verarbeiten!

Sonst kann auch ich diese Recherchearbeiten nur unterstützen.

beste Grüße,

aKu

Sir Donnerbold hat gesagt…

@Wild Bill Kelso:

Ja, ein wirklich seeehr seltsamer Zufall. Diese Namensgleichheit ist wirklich kurios. Ein Schelm, wer sich böses dabei denkt...

Ob du den Schmalfilm jemals sehen wirst wage ich zubezweifeln. Wir kennen doch alle Disneys ausgefuchste Horde von Anwälten. Die werden so lange die Paragraphen reiten, bis der arme alte Mann den letzten Taler verliert und daraufhin diese Kopie an sich reißen.

Ich vermute einfach Mal, dass der Schmalfilm dann alsbald neben der Lösung von Lost, dem Rezept für Donald Ducks Tomatensuppe und Jessica Rabbits fleischfarbener Unterhose im Disney-Tresor landen wird...

Einzige Hoffnung: Carolwood digitalisiert den Film und stellt ihn online...

@Kevin:

Ich werde das Lob für die Recherchearbeit weiterleiten :-P

Viele Grüße,
Sir D.

Anonym hat gesagt…

Also ich kann aus eigener Erfahrung nur bestätigen, daß das stimmt. Ich bin jetzt 41 Jahre und in der DDR aufgewachsen. Jedes Jahr zu Weihnachten lief im Leipziger Kino "Casino" Disneys Schneewittchen. Ich habe ihn mir oft mehrfach hintereinander angeschaut, bestimmt 20-30 mal, es war einer meiner Lieblingsfilme und ich kannte ihn auswendig. Natürlich war dies die alte Synchronfassung von 38 und ich kann mich genauestens an die beiden genannten Szenen erinnern. Wenn diese Filmkopien nicht vernichtet wurden, wovon ich mal nicht ausgehe, dürften sie nach dem Untergang der DDR vom Bundesarchiv-Filmarchiv übernommen worden sein. Der Beweis für die Richtigkeit obiger Angaben könnte also sogar in einem deutschen Archiv liegen - und da allmählich verrotten. Jedenfalls würde ich an Ihrer Stelle versuchen, diese Kopien zu finden, mit diesem Beweis in den Händen könnte der Disney-Konzern in echte Erklärungsnöte kommen.

LG André aus Dresden

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