Samstag, 7. Juni 2008

Wo bleibt "Pulp Disney"?

Manche von euch erinnern sich vielleicht noch an Pulp Disney, das von Gerüchten und Sagen umhüllte Mammutprojekt der Walt Disney Animation Studios und den Weinstein-Brüdern.

In Pulp Disney, einem zum Großteil animierten Episodenfilm mit deutlichem Hang zur Überlänge, wollte man im Zuge der Trennung Disneys von den Weinsteins, die gemeinsame Geschichte locker aufbereiten, indem Disney-Charaktere wie Micky, Donald, Goofy, aber auch Dumbo, Bambi oder Aladdin in Rollen von Charakteren aus Weinstein-Filmen wie Scream, Equilibrium, Chicago oder Pulp Fiction und Dogma steckt.

Allein schon die Absurdität der Vorstellung von Micky Maus und Donald Duck als Kiffer-Kumpel Jay und Silent Bob oder Daisy Duck als Stripperin Nancy aus Sin City verlieh diesem unwirklich scheinenden Projekt jede Menge Charme - aber die versprochenen zahlreichen versteckten Anspielungen auf Disneys Meisterwerke und das Weinstein'sche Kunst- und Schundkino ließ Kinofreaks vor lauter Vorfreude die Betten nässen.

Nachdem das Projekt verständlicherweise im Underground-Fanbereich der Disney-Studios für Furore - und auch so manche herbe Kritik von konservativeren Fans - sorgte und für den 29. September 2005 angekündigt wurde, folgte eine Terminverschiebung nach der anderen.
Zunächst waren diese noch dadurch bedingt, dass Eisner den Konzern verließ und durch Iger ersetzt wurde (welcher wiederum Pixars John Lasseter als Chef der Disney-Animationstudios engagierte), später verschob man den Film weil man einige Sequenzen neu animieren musste: Teile bereits fertig gestellter Szenen fielen einem Wasserrohrruch im Disney-Studio zum Opfer (siehe dazu den Artikel auf Animated Views).

Das letzte, was man von Pulp Disney hörte, war die stolze Ankündigung Disneys den Film im Winter 2008 zu veröffentlichen. Diese Verlautbarung ist jedoch schon einige Zeit her, und ein Poster oder ein Teaser, geschweige denn ein waschechter Trailer, lassen weiterhin auf sich warten.

Deshalb vermutete manch einer das Projekt schon längst in der Development Hell, oder gar im Papierkorb. Mit einem veranschlagten Budget von rund 110 Millionen Dollar schrie Pulp Disney ja auch geradezu "finanzielles Risiko" aus sich heraus. Denn wer kann bei einem solch wagemutigen Experiment schon garantieren, dass neben den Hardcore-Fans mit Lust auf endlosem Meta-Humor und unzählbaren Selbstreferenzen eines Filmstudios auch "normale" Kinozuschauer angelockt werden?

Zum Glück können wir euch alle jedoch beruhigen: Pulp Disney wurde nicht eingestellt, sondern befindet sich weiterhin in der Produktion.
Aufgrund der kontroversen Natur dieses Projektes entschloss sich Disney jedoch Pulp Disney nicht zusammen mit den anderen Animationsprojekten die bis 2012 ins Kino kommen sollen anzukündigen. Viel mehr möchte Disney den Film bis er endgültig spruchreif ist eher im verdeckten halten. Deshalb wurde über den momentanen Stand von Pulp Disney nur noch in Publikationen berichtet, die mit Disney eng kooperieren - hier muss Disney nicht mit Kritik dem Projekt gegenüber rechnen.

So berichteten in den letzten Wochen der "Duckburgh Esquire" (die Mitarbeiterzeitschrift von Tokyo DisneySea), die "Wonderland Times" (die aufgrund des englischen Titels nur unter Protesten geduldete Tageszeitung für Mitarbeiter des Disneyland Resort Paris) und der "Dreamworld Express" (die Sonntagszeitung für Mitarbeiter von Walt Disney World) darüber, wie weit die Produktion vorangeschritten ist.

Wir bei Sir Donnerbolds Bagatellen haben an dieser Stelle in unserer Funktion als Newsblog der von den Walt Disney Studios unterstützten Duckipedia exklusiv die Gelegenheit Nicht-Mitarbeitern der Walt Disney Company ein kleines Update über Pulp Disney zu bieten. Und auch wenn man uns gegenüber nicht gewillt war alles zu verraten, was wir gerne erfahren hätten, so kann sich unsere Ausbeute an Informationen durchaus sehen lassen.

Glen Keane, der bei der Finalsequenz dieses Films Regie führte, sprach mit uns über den Wasserschaden:
"Es ist wirklich ärgerlich - und zugleich so schräg. Uns war von Beginn an klar, dass die Finalsequenz [von Pulp Disney] das aufwändigste und Zeit raubendste wird, was wir hier bei Disney je animiert hatten. Deshalb entschlossen wir uns, die bereits erledigte Arbeit an dieser Sequenz zusammen mit ein paar anderen arbeitsintensiven Szenen dieses Films im Archiv aufzuheben. Normalerweise heben wir dort kein Material zu Filmen auf, die noch nicht beendet sind, aber wir wollten sicher gehen, dass dem Material nichts geschieht - und im Archiv ist es am sichersten.
Dachten wir. Dann brach tragischerweise ein Rohr. Das ironische an der Sache ist, dass dadurch, dass das Pulp Disney-Material so viel Wasser aufsog, ging kein historisch-wertvolles Material zu Schaden.
Und so schön dies auch sein mag... Wir müssen trotzdem die ganze Arbeit wiederholen."

Dass sich der Veröffentlichungstermin von Pulp Disney aufgrund dieses Vorfalls nach hinten verschiebt ist unvermeidlich. Somit verliert Pulp Disney jedoch auch immer mehr von seiner Aktualität. Aus dem brandaktuellen "Abschiedsgeschenk" der Weinsteins ist schon längst ein nahezu nostalgisches Werk geworden, ein Rückblick auf vergangene Zeiten.

"Damit aus unserem Rückblick auf liebgewonnene Erinnerungen und Kultklassiker kein Besuch in einem Museum wird, sahen wir uns gezwungen das Drehbuch von Pulp Disney zu aktualisieren.", erklärte uns Eric Goldberg, der Regie bei einer Episode führt, die der kontroversen Komödie Dogma Tribut zollt. "Seit dem Produktionsstart hat Kevin Smith wieder Filme gedreht - die wir unmöglich ignorieren können. Durch Clerks 2 sind einige unserer Dialoge völlig veraltet. Doch den Film einfach mit in Pulp Disney einzubauen war auch keine Selbstverständlichkeit, da unser Konzept ja vorsah Miramax-Filme und Disneys große Trickfilmklassiker zu vereinen. Clerks 2 jedoch ist kein Miramax-Film..."

Wie uns einige der Filmemacher erklärten, berief man eine Generalstabssitzung ein, die dieses Problem besprach. Schnell einigten sich die Künstler auf den Konsens, dass weiterhin nur Miramax-Filme und Disney-Meisterwerke die Vorlagen für die Handlung der einzelnen Episoden bilden sollte, doch genauso wie man schon im Originalskript zu Pulp Disney Anspielungen auf andere Disney-Trickfilme und disney'sche Spielfilme sowie Touchstone-Produktionen vorsah, so sollten nun auch neuere Weinstein-Produktionen mit Referenzen bedacht werden.
So zeigte man uns grobe Bleistift-Animationstests von einer berühmten Disney-Ikone, die im Laufe von Pulp Disney eine Prothese verpasst bekommt, die nicht von ungefähr an Planet Terror erinnert. Und Donalds treuer 313, der im Originalskript von Pulp Disney zu irgendeinem Cabrio umgebaut wurde, darf sich nun in ein Muscle-Car verwandeln, dass den in Death Proof von Kurt Russel verkörperten Stuntman Mike neidisch machen würde.

Auch neuere Disney- und Pixar-Produktionen finden ihren Eingang in die aktualisierte Pulp Disney-Fassung. So darf sich auch Remy, die kleine Ratte aus Pixars Ratatouille an der mexikanischen Spezialität "Conchita Pibil" versuchen. Wer Irgendwann in Mexiko kennt und sich nun um den kleinen Nager sorgt, sei beruhigt: "Nein, Remy wird nicht sterben - wir fanden einen schreiend komischen Weg ihn vor Johnny Depps Figur zu retten.", verriet Robert Rodriguez, der sich dafür einsetzte die Screentime Depps in Pulp Disney auszuweiten.

Aber nicht jeder erhielt durch im umgeschriebenen Drehbuch mehr Screentime. "Wir realisierten, dass wir mit einem über 600-seitigen Drehbuch nicht nur über das Ziel hinausgeschossen sind, sondern es regelrecht atomisiert haben.", lachte Quentin Tarantino, der sich mit zu langen Drehbuchfassungen auskennt.
Irene Mecchi, die auch an Der König der Löwen mitwirkte, erzählte uns, was nach der von Tarantino erwähnten Erkenntnis geschah:

"Nachdem wir es mit dem Produktionsteam und den Regisseuren absprachen, setzten sich [Sir] Denny [E. Gisch], Quentin [Tarantino], Robert [Rodriguez], ich sowie Ted Elliott und Terry Rossio an die einzelnen Episoden des Films. Denny und Zach [Braff] nahmen sich noch die Rahmenhandlung des Films vor. Zusammen mit den Regisseuren der einzelnen Episoden wurden dann die Intention und die Atmosphäre besprochen. Dann sahen wir uns im Autorenzimmer nochmal die Skizzen an, um den dramaturgischen Bogen zu überprüfen. Außerdem wollten wir so Kontinuitätsfehlern vorbeugen. Und dann wurde gekürzt, wo wir nur konnten."

Mecchi versicherte uns, dass der Film von den Kürzungen nur profitiere: "In den letzten Monaten verloren wir die rosa Brille, durch die wir Pulp Disney so lange sahen. Wir waren zu sehr in unsere Idee verliebt, dachten mehr sei halt mehr, und stopften nahezu jedes Detail, das uns in den Sinn kam, auch in den Film hinein. Und keiner merkte, dass wir den Film überlasteten."

"Teilweise war es wirklich peinlich, was es alles ins erste Drehbuch geschafft hat. Noch peinlicher war nur, wie euphorisch wir alle wegen dieser Drehbuchfassung waren.", beichtete Sir Denny E. Gisch, der ehemalige Radiomoderator, der mit Pulp Disney versucht in Hollywood durchstarten zu können. "Als erstes machten wir Pulp Disney zeitloser. Einige Pointen und Referenzen waren bereits jetzt veraltet, steckten zu sehr in der Zeit fest, in der wir das Drehbuch schrieben. Nun aber sind die Anspielungen zeitlos, wir konzentrieren uns mehr auf denkwürdige Momente der Geschichte von Disney und Miramax. Es gibt weiterhin zahllose Insider-Gags und Details für die Freaks unter den Zuschauern, aber die Anspielungen auf Filme, die man so gerne vergessen hatte sind nun rausgeflogen."

Im kurzen Interview, das wir mit ihm haben durften, ließ sich Gisch auch über bestimmte Konkurrenten kein gutes Haar: "Wer sich heute das Pulp Disney-Skript durchliest, wird genauso sehr lachen, wie er es in zehn Jahren tun wird. Gags über Müll, den man morgen schon vergessen hat gibt es nicht. Deshalb heißt der Film ja auch Pulp Disney und nicht Pulp Shrek."

Gisch weihte uns auch in weitere Änderungen am Pulp Disney-Skript ein: "Natürlich reicht es nicht, sämtliche überflüssige Popkultur-Referenzen rauszustreichen, wenn man ein überfrachtetes 600-Seiten-Skipt nicht nur verfilmbar, sondern zu einer cineastischen Glanzleistung machen möchte. So musste der eine oder andere Nebenplot weichen. Einige der Episoden hatten tatsächlich vier Storylines neben der Haupthandlung. Wenn man bedenkt, wieviele Episoden wir haben, und dass diese nur Auswüchse der eigentlichen Haupthandlung sind, so wird schnell klar, dass wir es etwas zu gut meinten. Aber nicht alle Sub-Sub-Subplots sind weg, einige wurden auch eingedampft oder zusammengelegt. Und aus zwei Nebenhandlungen, darunter auch meine Lieblingshandlung des Films, machten wir sogar eine neue Episode."

Während das streichen mehrerer Handlungsstränge kein Problem darstellte, so war die Zusammenlegung, Zusammenfassung und Neuschöpfung der Nebenhandlungen schon eine größere Herausforderung für das Team, schließlich musste deshalb viel Material neu animiert werden.
"Wir fingen keineswegs wieder bei 0 an, aber mit Sicherheit bei 40. Wenn man bedenkt, dass wir 70% der Arbeit hinter uns hatten sicherlich dennoch betrüblich. Aber was macht man nicht alles für einen guten Film?" , so Gisch. Das schwerste sei es jedoch gewesen, die Termine für Neudrehs des Realfilmmaterials für die Spielfilm-Elemente des Films ) zu organisieren, sagte uns Gisch am Ende des Interviews.

Trotz aller Kürzungen ist aus Pulp Disney jedoch bei weitem kein Kurzfilm geworden. Voraussichtlich wird der Film rund 360 Minuten dauern, verriet man uns. Das sind zwar noch immer 120 Minuten mehr, als man anfangs anvisierte, aber dennoch weitaus weniger, als man bis vor kurzem noch zu befürchten hatte.

Angesichts der weiterhin stattlichen Laufzeit diskutieren die Produzenten von Pulp Disney derzeit darüber, ob man den Film nicht vielleicht als Dreiteiler veröffentlichen sollte, und nicht etwa als Zweiteiler, wie bislang geplant.

"Wenn wir Pulp Disney als Dreiteiler veröffentlichen, hätte das den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass wir für das Finale etwas mehr Produktionszeit hätten. Und da die Finalsequenz außerordentlich komplex gestaltet ist und uns vor die Herausforderung stellt eine so bei uns noch nie da gewesene Menge an Figuren in ein und derselben Sequenz unter einen Hut zu bringen, würde ich dieser Szene gerne zusätzliche Produktionszeit genehmigen.", sagte uns Glen Keane.
Außerdem verriet er, dass er damit liebäugeln würde, die dazu gewonnene Zeit gerne dafür nutzen würde das Drehbuch ein weiteres Mal abzuändern: "Würden wir Pulp Disney tatsächlich in drei Teilen veröffentlichen, hätten wir die Gelegenheit auch Hommagen an No Country for Old Men und There Will Be Blood gebührend in den Film einzubauen. Ich sehe schon vor mir, wie der aus dem Dschungelbuch beliebte Mogli mit windschiefer Frisur und Schlachtschussapparat durch die Szenerie rennt und alles ordentlich aufmischt."

Ob Pulp Disney tatsächlich als Dreiteiler veröffentlich wird, wird noch zu klären sein. Doch egal ob in zwei oder in drei Teilen: Pulp Disney ist ein wirkliches Mordsprojekt, auf das es sich zu warten lohnt.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Veröffentlichungstermin nicht noch einmal nach hinten verschiebt.

Edit: Der Link zum Artikel bei "Animated Views" scheint nicht mehr zu funktionieren. Wir versuchen den Fehler zu beheben.

3 Kommentare:

mimaletze hat gesagt…

Die ganze Sache war doch ein Aprilscherz. Siehe die Fußnote auf duckipedia.de

Sir Donnerbold hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Sir Donnerbold hat gesagt…

Hi mimaletze,

willkommen im Blog! Freut mich immer, neue Leser zu haben die auch kommentieren.

Zur Pulp-Disney-Aprilscherz-Sache empfehle ich dir folgenden Blogeintrag:

http://tinyurl.com/46t8zb

Viele Grüße,
Sir Donnerbold

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