Freitag, 1. August 2008

Fan-o-logie: Die Natur der Film- und Serien-Fans

So ein Medienwissenschaftsstudium ist mitunter sehr trocken, kann aber auch außerordentlich unterhaltsam sein. Zwar sind solche Fälle viel seltener als sie sein sollten, aber wenn es sie gibt, freut man sich als abgearbeiteter Student doch ungemein.

Thema Publikumsforschung, Fokus auf die verschiedenen Zielgruppen, darunter auch die speziellere Gruppe des so genannten Fandoms. Im Kurs soll nun darüber diskutiert werden, welche Eigenschaften diese Zielgruppe so an sich hat. Und schnell kann der etwas bewanderte Filmfan erkennen, wer unter seinen Kommilitonen ausschließlich Gelegenheitszuschauer ist (und das Dasein als Fan höchstens aus dem sportlichen Metier kennt), und wer sich doch etwas stärker mit Fans aussetzt, höchst wahrscheinlich weil man zu irgendeiner Fangruppe dazugehört.

Mir blieb nichts anderes übrig, als sich zurückzulehnen und das Schauspiel in aller Gelassenheit zu betrachten. Und nun, mit etwas zeitlichem Abstand, möchte ich diese Diskussion als Anlass für eine kleine Diskussionsrunde nehmen. Das Thema?

Die ewig währende Frage: Sind Fans eine blinde Masse oder zeternde Meckerfritzen?

Eine der ersten Stimmen kam dann auch aus den vorderen Reihen, aus der Ecke der geschäftigsten Mitstudenten. Abwertend wurde über Fans als blinde Masse gesprochen, die völlig anspruchslos dem verehrten Verein, Schauspieler, Regisseur oder der geliebten Serie hinterherrennt und sich nicht nur leicht abzocken lässt, sondern dies sogar im vollen bewusstsein von selbst fördert, indem er nach jeglichem Schwachsinn sucht, der zum ausgewählten Heiligtum dazugehört. Fanschals, auf denen lieblos schnell irgendwelche Logos geklatscht wurden, zigtausend Telefonanrufe um bei irgendwelchen Votings für den Star zu wählen, bis hin zu obskuren Memorabilia wie angeknabberten Toast bei Ebay.

Wow, dass ein studierender und somit eigentlich gebildeter Mensch sich so sehr von Halbwissen, sensationsgierigen Medien und halbseidenen, selbst getätigten Beobachtungen ohne jegliche Hintergrundinformationen leiten lassen kann. Hier beurteilt jemand jegliche Form von Fandom an hohldoofen Teenagerpüppchen mit der Bildung aus der "BILD", die sich vor den Kameras von RTL und Co. auf einem Tokio Hotel-Konzert oder während einer Casting-Show zum Affen machen.
Hätte ich mich nicht zu diesem Zeitpunkt bereits so entspannt auf meinen Platz gemümmelt wäre mir mit Sicherheit übel geworden.

Zwei verrückte "Star Wars"-Fans

Auch nachfolgende Antworten schlugen, wenn auch weniger übertrieben oberflächlich, in die selbe Kerbe: Fans folgen allem, was ihnen diktiert wird, kaufen sich alles, so lange der richtige Name drauf steht und achten nicht auf Qualität, und so weiter, und so weiter.
Der allgemeine Konsens war also, dass Fans dumm und unkritisch seien. Und seltsam seien sie auch, da sie ihre Liebe mit seltsamen Kostümen, Ritualen und Fantasiesprachen ausdrücken.

Ich glaube, ich muss euch nicht sagen, dass diese Ansicht wohl kaum mit meinem Denken übereinstimmt. Und da ihr dies lest, werdet ihr wohl mir zustimmen, wenn ich diese Denkweise ablehne. Wer landet denn sonst auf einem Filmfan-Blog...?!
Diese kritische und drastische Ansicht ist jedenfalls ziemlich absurd. Jedoch ist diese Sichtweise von Fans, wenn man sie sehr stark verwässert, gar nicht so fernab von der Realität.

Es stimmt nämlich insofern, das Fans von Natur aus bis zu einem gewissen Grade aufgrund ihrer Loyalität weniger kritisch sind als "Normalos". Ein Fan einer Fernsehserie wird nach einer recht passablen Episode zwischen vielen genialen Volltreffern wohl kaum entscheiden, nicht weiter einzuschalten, während ein Gelegenheitszuschauer sich bei dieser mittelmäßigen Folge vielleicht schon überlegt, in der darauffolgenden Woche etwas anderes zu unternehmen.
Ein Filmfan wird sich eher eine Trilogiebox kaufen, wenn er zum Beispiel Teil 1 und Teil 3 liebt, aber Teil 2 passabel findet. Einfach aus Komplettierungsgründen. Jemand anderes würde hier vielleicht auf die Einzelveröffentlichungen der gelungenen Filme zurückgreifen.
Und seltsam... Nun, sicherlich gibt es Fans, die ihre Liebe etwas übertreiben (muss man sich das Logo seines Lieblingsfilms wirklich auf die Stirn tättowieren lassen?), aber normalerweise sind Fantreffen oder rituelle Kinoverführungen um Mitternacht eigentlich ganz unschuldig-putzige Veranstaltungen. Mit eigenwilliger Attitüde.

Dies jedoch so von oben herrab zu verurteilen ist jedoch völlig überzogen. Wo man nicht drin steckt, sollte man nicht zu schnell verurteilen.

Bevor ich mich aufraffen konnte, vielleicht dann doch meine bequeme Sitzposition zu verlassen und den bonierten Betonköpfen vorne im Saal die Meinung zu geigen, übernahm jemand anderes das für mich.
Nun übernahm die nächste Runde von Studenten die Diskussion, und schien die Fan-Welt verteidigen zu wollen, indem sie in ihnen das absolute Gegenteil sah.
Fans seien viel mehr eine übertrieben kritische Masse, die ein Bild von ihren Filmen, ihrer Serie oder wasauchimmer hat, und sobald davon abgewichen wird, stürzen sich die Fans darauf und kritisieren diese Veränderungen, die sie als Verfälschungen sehen.
In diesen Fällen seien Fans dann auch weniger loyal, als die normale Masse. Während zum Beispiel der durchschnittliche Kinogänger in Stirb langsam 4.0 ging, mieden manche Fans der Originale den Film allein schon aufgrund seiner Jugendfreigabe.

So ging es dann weiter: Gerade Fangruppen zerpflücken doch jede Folge ihrer Lieblingsserie ("In Episode 3x07 sagt Kate, sie hätte ihre Jungfräulichkeit an einem Samstag Morgen verloren, doch in der gestrigen Episode 18x05 meint sie, sie wäre in einer regnerischen Freitag Nacht entjungfert worden... Diese idiotischen Autoren richten die ganze Kontinuität zu Grunde!"), halten den Fan-Kanon für die bessere Entwicklung der Serie ("Die Auflösung, dass der Codename für einen Banküberfall stand, ist bei weitem nicht so schlüssig wie Serienfan1999s Idee!") und seien einfach nie zufrieden ("Warum wird Homer immer dümmer?", "Die Farben sind zu grell", "Die Colorierung ist zu leblos", "Warum wurde eine neue Titelsequenz gedreht, die zwei Sekunden kürzer ist?").


"Nein, er trug eine marine-blaue Unterhose, und keine royalblaue, du dummes Stück Brot!"

Nach und nach wurde ein Bild von lauten, wütenden Spinnern vor ihren Computern gezeichnet, die kein gutes Haar an etwas lassen können und dabei auch nach und nach die gesunde, menschliche Logik hinter sich lassen ("Die Deluxe-DVD ist ja dicker als die Single-Edition, was soll das?!") und bei Außenstehenden die Frage aufkommen lassen: Wenn ihnen doch nichts gefällt, warum sind die dann bitteschön Fans?

Und auch hier fand ich alles ziemlich überzeichnet. Doch im Kern steckt wieder ein Körnchen Wahrheit. Wenn ich lese, dass in Internetforen mehr über die Dicke eines DVD-Geschenk-Sets als über den Inhalt diskutiert wird, dass sich Leute über Goodies beschweren ("Mein Death Proof-Duftanhänger stinkt!") und darüber die eigentlichen Filme in Vergessenheit geraten, dann greife ich mir doch immer wieder an den Kopf und wundere mich über fremde oder auch eigene Beiträge.
Und, seien wir doch Mal ehrlich, bei Diskussionen über Serien wird sehr oft das gute schnell abgetan, während bei schlechtem wirklich alles aufgezählt und von allen Seiten beleuchtet wird ("Also die heutige Doppelfolge... ja, die erste Episode war klasse. Nix auszuseten... aber die zweite.... *lange Analyse folgt*"). Meckern macht Fans einfach Spaß...

Allerdings gibt es auch eine logische Erklärung, weshalb Fans sich so sehr mit den Schattenseiten ihres Hobbys auseinandersetzen: Weil sie im Gegensatz zum normalen Konsumenten viel Zeit mit dem Film, der Serie, der Spielereihe usw. verbringen und ihre geliebte Sache einhergehend "studieren" sehen sie Dinge, die der Normalo nicht erkennt. Und dazu gehören neben lobenswerten Details nunmal auch kleinere Fehler. Und als Fan möchte man diese halt aufzeigen - damit sie nicht wiederholt werden.

Ein Fan geht aufgrund seines Fandaseins intensiver an die Sache herran, und ist ihr gegenüber loyal. Dadurch bedingt zeigt er sich manchem gegenüber gnädiger (wenn eine ganze Staffel der geliebten Serie schlecht war, gibt man als Fan die Hoffnung nicht auf und bleibt am Ball - und wird ggf. mit der darauf folgenden besten Staffel belohnt, die der Gelgenheitszuschauer verpasst), und anderem gegenüber kritischer, denn woher soll der Durchschnittszuschauer schon die Details kennen?

Somit sind Fans für Kreative eine wertvolle, aber auch anspruchsvolle Zielgruppe. Mehr kann man über Fans im allgemeinen nicht sagen - denn wie vielschichtig Fans sein können, wissen treue Leser des Blogs bereits. Der Rest kann dies hier nachlesen.
Fans sind zu vielseitig, als dass man sie über einen Kamm scheren kann. Eigentlich sollten Studenten intelligent genug sein, um sich das denken zu können.
Aber naja... auch Studenten sind nunmal vielschichtig...

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Warum wundert mich dein Studienfach nicht...? *g*

Nun ja, der Mensch pauschalisiert eben gern, so lebt's sich leichter. Wenn ich von jedem im PotC-Fandom sagen würde, er ist ein Jack/Elizabeth-verehrendes Individuum, das jeden, der dieses Pairing nicht zu seinen Favoriten zählt, mit fiesesten Ausdrücken in Grund und Boden schimpft, dann hätte ich auch einen guten Anteil erwischt, tue damit aber all denen Unrecht, die sich benehmen können.

Ich finde, man sollte auch als Fan versuchen, sich ein gewisses Maß an Objektivität zu bewahren. Nein, der Lieblingsschauspieler spielt nicht nur in den besten Filmen aller Zeiten, da ist auch mal was dabei, was Mittelmaß (oder - Gott bewahre! - noch schlechter ist). Genausowenig ist alles scheiße, was sich z.B. die Drehbuchautoren ausgedacht haben und was möglicherweise eigene Interpretationen über den Haufen wirft (auch manche meiner Ansichten wurden "gejossed"^^, doch ich lebe noch!).

(Dabei ists im PotC-Fandom ja noch relativ ruhig... was ich so mitbekommen habe, scheint es v.a. bei Harry Potter mehr abzugehen, da gab es ja richtige Skandale. *g*)

Ich liebe die PotC-Reihe, aber dennoch ist mir bewusst, dass auch sie kleinere Fehler enthält. Was soll's. Das hindert mich nicht daran, die Filme toll zu finden.^^

Interessant finde ich, dass bei eurer Diskussion anscheinend nur die Extreme berücksichtigt wurden bzw. das waren, was den Leuten als erstes einfiel. Es sagt einem natürlich einiges über die Mitstudenten. *g*

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