Dienstag, 23. Dezember 2008

Ruhe von nun an in Frieden, Videokassette

Die Videokassette ist, zumindest in ihrer bisherigen Verwendungsform, endgültig tot.
Im Oktober versand der einzig verbleibende Video-Großhändler, pünktlich zum Vorweihnachtsgeschäft, die letzte Fuhre Videokassetten an Ramschläden und Sonderpostenmärkte.
"Sie ist tot, das war es, dies ist die letzte Weihnacht", sagt Ryan Kugler, der Präsident von Distribution Video Audio, der Ende dieses Jahres ein für alle Mal das Geschäft mit den Magnetband enthaltenden schwarzen Plastikkästen aufgegeben hat, wohl wissend das in diesen Tagen die letzten nennenswerten Videoverkäufe getätigt werden.

Auch Amoeba Music, ein in Hollywood liegendes, 41.805 m² großes Pop-Kultur-Geschäft, kauft von nun an keine Videokassetten von Großhändlern mehr. Zwar werden von Privatpersonen noch Videokasetten abgekauft, doch gewirtschaftet wird damit nicht mehr: Die Videokassetten werden für ziemlich genau den Preis aufgekauft, wie sie wieder verkauft werden.

Und dieses Jahr am 28. Oktober kündigte JVC, der letzte Hersteller von Videoplayern und -rekordern an, nur noch DVD/VHS-Mischgeräte herzustellen. Es bleibt abzusehen, wie lange dies noch andauern wird, denn sobald die reinen DVD-Player zu Rarität werden, wird diese Mischform mit Sicherheit untergehen.

Ja, wir reden tatsächlich von diesem Weihnachten im Jahr 2008. Dieses Jahr ging die VHS ein- für allemal zu Grunde. Hollywood kehrte ihr bereits 2006 den Rücken zu, veröffentlichte mit A History of Violence letztmalig einen Film auf dem abgenutzten Format, seither hing das Schicksal des überholten Mediums am seidenen Faden. Wühltische in Ramschläden waren die letzte Anlaufstelle im stationären Handel, wo man ungenutzte Kassetten aus erster Hand kaufen konnte. Diese Zeit ist nun auch vorbei, die laut Distribution Audio Video derzeit 2 Millionen Videokasetten in den Ramschläden der USA werden nun Stück für Stück verkauft und bekommen keinen Nachschub mehr (nachzulesen in diesem Artikel der LA Times).

Das ist in Deutschland schon länger Geschichte. Hier findet man Videokassetten nur noch in Videotheken, die ihre letzten VHS-Bestände aus dem Archiv holen und mit Spottpreisen ettiketieren, um endlich genug Platz für Film-DVDs und -Blu-Rays, Video- und Computerspiele zu haben, von den zahllosen riesigen TV-Serien-Staffelboxen will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal finden sich noch Einzelhändler, die über die letzten Jahre nie ihr ganzes Angebot verkaufen konnten. Ein Spielwarenladen in meiner Region führt beispielsweise noch fabrikfrische Pocahontas-Stofftiere, Super Nintendo-Spiele und halt auch einige wenige Videokassetten. Wenn es 13 Jahre lang keiner gekauft hat, lässt man es halt so lange liegen bis es jemand kauft.

Ansonsten bekommt man Videokassetten nur noch auf dem Flohmarkt oder bei ebay. Vor allem dort lebt der Kassettenverkauf jedoch von vornehmlich zwei Gruppen: Eltern, die umfangreiche Disney-, Familien- und Kinderfilmsammlungen abkaufen die aufgelöst werden und von Filmnarren die ihre Samlungen mit kuriosen Filmen vervollständigen wollen. Nicht alle Filme schafften den Sprung auf DVD, entsprechend kostenintensiv kann der Kauf einer Videokassette von obskuren und völlig in Vergessenheit geratenen Produktionen wie Disneys Mr. Boogedy (nicht zu verwechseln mit dem nie veröffentlichten Zlatko-Kinofilm Mr. Boogie) werden.

Vielen scheint es sicherlich so vorkommen, als hätte der letzte Sargnagel der VHS, der mit dem Abschied der letzten Großhändler eingeschlagen wurde, lange auf sich warten lassen. Dabei kam der Tod der VHS ziemlich rasch, üblicherweise sind Medienwechsel von längerer Dauer, besonders wenn es sich um ein einstiges Monopol handelt. Videokassetten waren lange konkurrenzlos, erst 2003 (sechs Jahre nach Markteinführung) wurden mehr DVDs als Videokassetten verkauft.

Der Videokassette haben Filmfreunde allerhand zu verdanken. Videotheken entstanden, zahllose nicht enden wollende Filmsammlungen wurden gegründet, das gemütliche Filmerlebnis auf dem eigenen Sofa wurde eingeführt, ja, sogar den Formatkrieg lebte uns die Kassette vor.

JVCs VHS-Kassette musste sich nämlich gegen die audiovisuell überlegenen Formate Betamax (von Sony) und Video2000 (von Grundig und Phillips) sowie anfangs noch gegen VCR durchsetzen.

Übereilte Öffnungen gegenüber dem Endverbrauchermarkt und technisch wesentlich aufwändigere Rekorder brachten den Konkurrenzformaten der VHS jedoch herbe Nachteile, ebenso wie die längere Vor- und Rückspulzeiten der Betamax-Kassetten.

Entscheidend war jedoch wohl, dass JVC anderen Herstellern Lizenzen vergab, selber Abspielgeräte für das Format zu produzieren, sowie JVCs Akzeptanz der Pornobranche. Während sich die anderen Firmen weigerten Pornofilme zu unterstützen, erschienen diese Filme auf VHS, was eine neue Ära der Erwachsenenunterhaltung einläutete und in Windeseile das VHS-Format zum Marktführer machte.

Aber auch außerhalb des nur für Erwachsene gedachten Bereiches von Videotheken blühte das Geschäft. Darum lassen wir dieses Mal den filzigen, stinkigen grau-kackbraunen Vorhang zu, um den sich dauernd frisch gebackene Achtzehnjährige herumdrucksen und auf einen Moment warten, in dem niemand guckt.

Denn dank der Videokassette öffnete sich erstmals für eine breite Masse der Fundus zahlloser Filmstudios. In den 80ern erschien nahezu jeder Schrott auf Videokassette (für den man wie vorhin schon angedeutet mittlerweile kleine Vermögen zahlen darf), die Archive Hollywoods wurden auf den Kopf gestellt. Nur Disney hielt seine größten Klassiker lange Zeit zurück, veröffentlichte in den ersten Jahren nur Spielfilme und Cartoon-Sammlungen, aus Angst, die besten Disneyfilme würden ihren Reiz verlieren wenn man sie jederzeit auf Video sehen kann.

Erst unter Michael Eisner begann der Konzern als Geldbeschaffungsmaßnahme langsam seine größten Klassiker auf Video zu veröffentlichen (den Anfang machte in den USA 1985 Pinocchio). An Besonderheit verloren sie dennoch nicht, da der Konzern beschloss diese Filme in relativ kleinen Stückzahlen zu veröffentlichen und nach kurzer Zeit aus dem Handel zu nehmen, nur um sie sieben Jahre später in einer Neuauflage zu verkaufen. Hier liegt auch der Grundstein für die so genannte Platinum Edition aus dem DVD-Zeitalter, einer Produktreihe Disneys in der jährlich große Klassiker veröffentlicht werden. Die DVDs verschwinden nach wenigen Monaten aus dem Handel und werden kurz darauf für Unsummen bei ebay verschachert.

In den frühen 90ern kosteten neue Videofilme gerne Mal so viel, wie heutzutage eine 2-Disc-DVD aktueller Blockbuster. Für ganz große Filmerfolge durfte man gerne bis zu 49,95 DM hinblättern.

Das ist längst vorbei. Ottonormalverbraucher hat mit der VHS gar nichts mehr am Hut, Filmfans mit entsprechendem Haushaltsgeld verlieben sich bereits in die optische Brillanz der Blu-Ray, die restlichen Sammler hamstern derzeit die letzten Wunschfilme auf DVD, bevor die neuen FSK-Kennzeichnungen zur Pflicht werden.

Eigentlich verschwinden Medien niemals komplett, im Gegensatz zu Formaten wie der HD-DVD oder Video2000, die im Kampf gegen ähnliche Formate untergingen, weil die Hersteller schlechtes Marketing betrieben oder mit den falschen Leuten Verträge unterschrieben. Die Schallplatte bekam durch DJs völlig neue Anwendungszwecke. Einige Künstler bringen noch heute ihre aktuellen Alben und Singles auf Vinyl heraus und so manche puristischen Toningenieure, Komponisten und Toncutter Hollywoods schwören bis heute, dass eine absolut unverbrauchte, gut behandelte Schallplatte bessere Tonqualität liefert als alle akustischen Folgemedien. Beurteilen kann ich das nicht, doch eine ambitionierte und angemessen große Nische hat die Schallplatte damit gefunden.

Und auch wenn in Bussen, Zügen und Straßenbahnen kaum jemand mit einem tragbaren CD-Player herumläuft, sondern sich seine Musik auf dem MP3-Player anhört, so ist die CD weiterhin das Medium, auf dem im stationären Handel Musik verkauft wird. Saturn, Media Markt und Co. verkaufen keine USB-Sticks mit sämtlichen AC/DC-Alben, sondern weiterhin CDs. Egal wie viel die Musikindustrie über sinkende Absätze jammert, die CD ist noch lange nicht tot, genügend Menschen wollen ihre Lieblingsmusik nichtbloß als digitale Datei besitzen.

Musikkassetten wichen zwar schon vor langer Zeit der CD, doch als Medium für Kinder-Hörspiele haben sie sich einen festen Platz gesichert, und so manchem Romantiker zu Folge übertrifft nichts ein Mixtape. Durchaus verständlich, was ist schon romantisch an einem selbst erstellten Dateien-Ordner mit den Lieblingsliedern der holden zu erobernden Maid? Das ist wahrlich kein Geschenk, mit dem Herzen gewonnen werden.

Das Radio war einst das Medium für die große Abendunterhaltung, nun ist es dazu da die Staumeldungen aufzusagen und lange Autofahrten mit möglichst angenehmen und unauffälligem Gedudel zu überbrücken.

Bloß die Videokassette scheint vom Tisch zu fallen. Welchen besonderen Zweck wird sie erfüllen, welche Nischenposition hat die Popkultur für sie erkoren? Um ehrlich zu sein zeichnet sich in meinen Augen keine neue Funktion für die angestaubten Kassetten ab. Im Gegensatz zum eingangs erwähnten Artikel der LA Times soll der VHS hier jedoch eine nostalgische Liebe zugesprochen werden.
2006 wurde das Wort "Bandsalat" ins Lexikon der bedrohten Wörter deutscher Sprache eingetragen und allein dieses Jahr verneigten sich zwei Hollywood-Filme mit verklärtem Blick und ehrlichen Gefühlen vor der Kassette. In Michel Gondrys Komödie Abgedreht löscht Jack Blacks elektromagnetisch geladene Figur sämtliche VHS-Kassetten in einer vom Puls der Zeit abgeschlagenen Videothek sämtliche Bänder, woraufhin die Filme mit amateurhafter Liebe neu gedreht werden müssen und der titelgebende Protagonist von WALL•E wahrt eine im Abfall der Menschheit gefundene Videokassette als seinen größten Schatz und lehrt durch den auf ihr enthaltenen Film Emotionen kennen.

Und wenn Robert Rodriguez und Quentin Tarantino wirklich auf Zack gewesen, so gäbe es Grindhouse, ihre Verneigung vor Schundkinos und Exploitationfilme, nicht auf DVD sondern nur auf Videokassette zu kaufen, mitsamt vorgetäuschtem Bandsalt.

VHS mag unter Filmfreunden niemals den Status einnehmen, den Schallplatten im Musikbereich erreicht haben. Während das weiße Album der Beatles nur als große schwarze Scheibe als das einzig wahre weiße Album, ein Meilenstein der Popmusik, angesehen wird, wird kaum jemand im Elektrofachgeschäft einen ahnungslosen Kunden davon abhalten die neue Blu-Ray-Disc vom Blockbuster-Urgestein Der weiße Hai aus der Hand schlagen und erbost befehlen, er solle sich gefälligst für 1,99 Euro die abgegrabbelte VHS-Kassette aus der Videothek nebenan kaufen, die gerade auf dem Wühltisch verschimmelt.

Doch wenn ein wahrer Liebhaber seiner Filmsammlung Lust verspürt einen vergessenen Schatz anzugucken, und deshalb eine klobige Videobox öffnen muss, das schwere Band in die Hand nimmt und dann vorsichtig in den angestaubten Videorecorder schiebt, werden doch Gefühle wach. Das Surren des Abspielgerätes, die weißen, flackernden Schlieren in den ersten Sekunden des Schwarzbildes, die FSK-Ansage, das unnachahmliche Geräusch während des Vorspulens... So lernten Generationen von Filmfreunden erst die Vergangenheit der Filmgeschichte kennen. Mit von Mal zu Mal verschlechternder Qualität begutachteten sie ihre Lieblingsfilme. Zunächst akribisch erlernt, später ins Blut hinübergegangen waren die Abstände, in denen man die Vorsprul-und Playtasten drücken musste um an die liebsten Stellen zu kommen.

Ein wenig werde ich sie dann doch vermissen, die VHS.

Diskussionsideen:
  • Was war eure zu letzt gekaufte Videokassette?
  • Welchen Film habt ihr euch als letztes auf Video angesehen und wann war das?
  • Wisst ihr noch, wann ihr eure erste Kassette gekauft habt, welcher Film hatte die Ehre?
  • Wieviele Videorecorder hat eure Familie verschlissen?
Eure Antworten würden mich sehr interessieren!

6 Kommentare:

Onkel hat gesagt…

Servus Sir Donnerbold,

also zu deinen 4 Fragen zur guten alten VHS.

1. Meine letzte gekaufte Kassette war Herr der Ringe 3.

2. Rowan Aktision LIVE wurde von mir etwa vor 3 Jahren geguckt.

3. Die erste Kassette war Asterix und Cleopatra.

4. Wir sind jetzt beim 4 Abspielgerät.

Gruß onkelosi

Anonym hat gesagt…

Hallo Sir D,

also zu dem Thema gibt´s auch von mir etwas Senf:

1. Meine letzte Videokassette war eine 10-Kassetten-Box mit ganz obskuren Sachen von Erich von Däniken.

2. Die Muppets-Weihnachtsgeschichte. Irgendwie hat die DVD sich immer beim Einkaufen vor uns versteckt und so wurde am 4. Advent die Videokassette herausgesucht.

3. Keine Ahnung, ist zu lange her.

4. Ebenfalls schwer zu sagen, da ich damals schon mit VCR und SVCR-Recordern abgefangen habe.
Danach sind dann diverse Betamax-Recorder dran gewesen (bis zu meinem Lieblingsrecorder Sony SL-HF 950 - ein Meisterwerk!) aber leider musste man, wenn man auch Filme aus der Videothek haben wollte, auf VHS umsteigen. Dabei waren die Beta-Recorder (ohne Kopierschutzmöglichkeit) einfach die besseren Geräte. Aber egal, die Masse machts.
Alles in allem haben wir wohl an die zwanzig Geräte verschlissen, da man ja auch zum Kopieren immer einen zweiten brauchte.
Zur Zeit sind noch zwei Geräte in Betrieb - ob ich jetzt aber nochmals Geld in neues investiere oder lieber die paar exklusiven Sachen digitalisieren werde, kann ich noch nicht sagen.

Anonym hat gesagt…

Tja und schon wieder nicht signiert.

Viele Grüße und frohe Feiertage. . .

Wild Bill Kelso

Andi hat gesagt…

Danke für den tollen Artikel über ein Format, von dem ich nie ganz verstanden habe, warum es den großen Erfolg hatte, obwohl andere medien qualitativ hochweriger waren.

Meine erste VHS? "Aristocats" zum Geburtstag.
Wir haben derzeit unseren 2. Videorekorder.
Erst letzten Winter habe ich alle gekauften und aufgenommenen VHS-Filme durchgeschaut.

Anonym hat gesagt…

Nein! Solange meine Video-Sammlung samt Spieler existieren, ist das Videoband nicht tot!

* Was war eure zu letzt gekaufte Videokassette?
Zuletzt wurde mir "Das letzte Einhorn" geschenkt, und nach der herzlichen Kritik auf TGWTG.com bin ich ganz gespannt drauf.
* Welchen Film habt ihr euch als letztes auf Video angesehen und wann war das?
Letzte Woche "Space Jam".
* Wisst ihr noch, wann ihr eure erste Kassette gekauft habt, welcher Film hatte die Ehre?
Oh, unsere Filme hat lauter Fernsehaufnahmen von Disney-Filmen, da ist die Frage schwierig zu beantworten ^^
* Wieviele Videorecorder hat eure Familie verschlissen?
Mindestens vier.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Erstmal vielen Dank für eure Kommentare. Ich hoffe es kommen noch mehr, und deshalb möchte ich das hier noch anstacheln, indem ich meine vier Fragen selber beantworte. Könnte ja sein, dass es wen interessiert...^^

1) Meine letzte nach Erscheinen gekaufte VHS war "Die Schöne & das Biest" in der Extended Edition, die letzte neu gekaufte Kassette war "Das schwarze Loch", aber einige Zeit nach Erscheinen im Handel. Meine endgültig letzte VHS war eine gebrauchte von Mr. Holland's Opus.

2) Vor wenigen Wochen "Robin Hood", aber das wird nicht mehr lange halten. Die VHS von "Der Goofy Film" steht gerade auf meinem Schreibtisch und wartet auf den Einsatz.

3) Ich weiß tatsächlich nicht mehr, was meine erste Kassette war, ich vermute dass es irgendeine Disney-Cartoon-Kompilation war. Meine erste aktiv herbeigebettelte VHS war "Drei Caballeros".

4)Mindestens sechs, eher sogar acht. Meine Familie hatte eine kleine Pechsträhne, während der jährlich um Weihnachten herum der Videorecorder irreperable Schäden erlitt. Derzeit befinden sich noch zwei funktionierende Videorecorder im Haus, wovon allerdings nur noch einer auch tatsächlich aufzeichnen kann.

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