Freitag, 24. Juli 2009

Hilfe: Freiwillige Selbstkontrolle jetzt auch bei Büchern gefordert


Deutschland ist dabei alle Hebel in Bewegung zu setzen um den Titel "Medieninkompetentetes Industrieland der Welt" zu erarbeiten. Wir sind rettungslos verloren - wo auch immer diese radikale und arrogante Haltunger der Politiker herkam, das Volk als einen Haufen gedankenloser, hilfs- und herrschaftsbedürftiger Dummbeutel abzustempeln, Deutschland hat es versäumt die Flutwellen rechtzeitig einzudämmen. Jetzt können wir nur noch beim Untergang der deutschen Kunst- und Medienkultur zusehen.

Wie sich auf Heise nachlesen lässt, fordert der SPD-Politiker Sebastian Edathy nach Vorbild der Jugendschutzorgane USK (für Computer- und Videospiele) und der FSK (für Filme) eine Organisation, die den Büchermarkt überprüft. Erneut beweist sich, dass Politiker in der Medienpolitik ihr Mundwerk aufreißen, bevor sie sich informieren: Der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestag verlangt, dass diese Freiwillige Selbstkontrolle der Literaturwirtschaft "im Vorfeld die Verbreitung von rechtsextremistischem Gedankengut und Verherrlichung des Dritten Reichs" verhindern soll. Dass es eine solche Institution bereits gibt (und sie obendrein auch gewaltverherrlichende und anderweitig kritische oder straftätige Medien auf den Index setzt) scheint der gute Mann nicht zu wissen.

Auslöser für diese Forderung war augenscheinlich die Entdeckung von rund 60 antisemitischen Büchern bei Amazon. Der Versandhandel reagierte prompt mit dieser Stellungnahme: "Wir glauben, dass die richtige Antwort auf diskussionswürdige Literatur nicht deren Entfernung ist, sondern mehr Diskussion." Außerdem meint Amazon, dass man sich beruhigt auf die Arbeit der BPJM verlassen könne.

Somit könnte sich die Frage nach einer Bücher-FSK erledigt haben.

Grund zur Beunruhigung sehe ich dennoch: Da Edathy explizit eine Selbstkontrolle wie in der Spiele- und Filmindustrie fordert, wird er sich nicht mit dem bloßen Verbieten nationalsozialistischem Gedankenguts zufriedengeben. Es dauert sicherlich nicht lange, bis irgendein anderer Politiker auf den Zug aufspringt und ein "ausgetüfteltes" System vorstellt, nach dem Bücher für Jugendliche freigegeben werden sollten (höchst wahrscheinlich handelt es sich bei diesem Politiker um jemanden, der einmal durch ein Buch schaden nahm. Vielleicht verließ ihn in der Mittelstufe seine Freundin, nachdem ihr ein Buch klarmachte, dass sie in der Liebe mehr verlangen kann als das, was sie bekam...).
Sobald sich in der Politik der Gedanke verbreitet, dass auch Bücher negative Auswirkungen auf Kinder haben können, weshalb Warnhinweise nach Vorbild der Zigarettenschachteln von Nöten sind, wird dies selbstverständlich eine ganz bestimmte dumme Pute auf den Plan rufen, die die Welt für Kinder so sicher wie das Ballparadies bei IKEA machen möchte. Und schon sind auch Bücher beflatscht.
Ihr nennt die Erwartung eines solchen Lauffeuers übertrieben? Was ist denn dann mit der Internetzensur, bei der vorher Stein und Bein geschworen wurde, dass sie nur Kinderpornographie betrifft und jetzt über Erweiterungen diskutiert wird?
Im Bezug auf Medien haben die Politiker erkannt, dass sie alles tun können, was sie wollen. Und die Umfragewerte geben immer wieder den medieninkompetentesten Parteien recht.
Wir können nur hoffen, dass am Wahltag all diejenigen Wählen gehen, die bei den Umfragen vergessen wurden.

Bislang ging ich davon aus, dass Bücher aufgrund ihres Alters das Medium darstellen, das fein raus ist. "Bücher gibt es seit Jahrhunderten und die Menschheit lebt noch immer - sie können keinen schlechten Einfluss haben, ganz anders als dieses neumodische Teufelszeug", scheinen die Politiker zu denken. Jedenfalls kann man es fast schon als gesellschaftspolitisches Naturgesetz betrachten, dass Medien mit zunehmendem Alter an Kritikern verlieren. Wo früher über das Fernsehen hergezogen wurde, zündet das geistige Bauernvolk unter den selbsternannten Intelektuellen und Expertens eine Fakeln an, um gegen das Internet zu protestieren.

Aber nun gerät sogar diese Weltordnung ins Wanken. Seltsamerweise scheint in Deutschland nur eins heilig zu sein: Der Alkohol. Hier vertraut die Politik kurioserweise auf das Verantwortungsbewusstsein des Handels und der Eltern. Mehr als ein scheinheiliges, bigottes Anheben der Verkaufsregulierung wurde in den letzten Jahren nicht bewegt. Und während auf Filmen und Videospielen unüberlesbar stehen muss, wer sie konsumieren darf und wer nicht, können sich die Alkoholfabrikanten gegenseitig mit hippen und eleganten Verpackungsdesigns übertreffen. Warnhinweise unnötig.

Woran das liegt ist offensichtlich. Alkohol hat in der deutschen Politik die größte Lobby, sowohl in der Form von Lobbyisten, als auch in der Form von Befürwortern in den eigenen Reihen. In einem Land, in dem Politiker behaupten, man könne nach zwei Maß Bier noch Auto fahren kann dem Alkohol nichts schlimmes passieren.
Vielleicht sollten Filmstudios ihren Sammlereditionen einen guten Tropfen beilegen um so die Politik zu besänftigen? So eine Pirates of the Caribbean Limited Collectors Edition mit 8 Discs und zwei Buddeln voll Rum wäre doch eine feine Sache. Und wer könnte der Hannibal-Lector-Box mit Limabohnen und einem guten Cianti widerstehen?

Mehr politische Aufreger:
P.S.: Da wir ja gerade von Politik reden: Noch könnt ihr bei DirektZu für meinen Beitrag abstimmen. In vier Tagen ist damit dagegen Schluss und wenn ihr sehen wollt, wie die Praktikanten des Familienministeriums händeringend nach Gegenargumenten fischen, dann solltet ihr jetzt abstimmen, wenn ihr das noch nicht getan habt.

Zu guter Letzt möchte ich hier noch betonen, dass ich es niemandem den hübsch verpackten Alkohol madig machen möchte. Ich wollte bloß auf die Bigotterie aufmerksam machen. Ausschimpfungen könnt ihr euch also sparen.

1 Kommentare:

Kontrabass hat gesagt…

In Bezug auf den Alkohol muss ich Ihnen leider beipflichten. Politik und Medien bevormunden die Bevölkerung mit Halbwahrheiten, Falschmeldungen und Nichterfüllen ihrer Pflicht. Bewusste und unbewusste Korruption.

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