Montag, 10. August 2009

Die Froschgrippe greift um sich

Es folgt: Ein Beitrag zur gesundheitlichen Lage der Kinonation Deutschland. Vom diplomierten Naturwissenschaftsjournalist Elias Oliver Iwwerks.

Dieser Beitrag wurde von der SDSfDI* mit dem Prädikat "ÄR"** ausgezeichnet.
Deutschland wird von einer neuartigen Seuche heimgesucht. Sie gefährdet die Gesundheit des cineastischen Klimas unseres Landes. Sofort nach der Ansteckung befällt diese Seuche die filmischen Geschmacksneuronen der Infizierten und löst von dort aus eine radikale Persönlichkeitsveränderung aus. Der wissenschaftliche Name dieser hochgefährliche Krankheit lautet "Hypochondritisches egomanisch-zentrisches Nostalgieprotektionsfieber", doch unter Forschern wird sie bereits allgemeinhin als Froschgrippe bezeichnet, da sie erstmalig im Kontext der Kinoveröffentlichung des Walt-Disney-Zeichentrickfilmes Küss den Frosch diagnostiziert wurde.

Aber worum genau handelt es sich bei der Froschgrippe, und weshalb wird sie von Experten als höchstgradig bedrohlich beschrieben?
Die Froschgrippe ist eine bislang mit keiner weiteren Seuche zu vergleichende Krankheit, die statt das Immunsystem anzugreifen direkt in die für das Denken und Empfinden zuständigen Nervenstränge eindringt und die Persönlichkeit der Infizierten zum negativen wandelt.

Entdeckt wurde die Froschgrippe bei einer Gruppe selbsternannter Anhänger der Arbeiten des Walt-Disney-Konzerns, die zu einer Testaufführung des im Dezember startenden Zeichentrickmusicalmärchens Küss den Frosch eingeladen wurden. Obwohl sämtliche Probanden sich in vorhergegangenen Tests als einem solchen Film überaus zugeneigt erwiesen erhielt der Film von diesem speziellen Testpublikum katastrophale Bewertungen. Da sich der weltumspannende Unterhaltungskonzern diese depremierenden Ergebnisse nicht erklären konnte (schließlich schnitt der Film in anderen Testführungen, mit weniger disneytreuen Zuschauern sehr gut ab) beantragte er umgehend eine Untersuchung des Testpublikums. Niemand konnte ahnen, dass der Konzern somit eine für die Humanmedizin und -psychologie bedeutende Entdeckung ermöglichte.

Noch während des Filmabspanns wurde eine internationale Expertengruppe von Medizinern, Psychologen und Filmkritikern auf das Testpublikum angesetzt. Nach anfänglichen Eskalationen konnte die Versuchsgruppe mit Narkosemitteln ruhig gestellt werden, so dass das Expertenteam sich an die Erforschung ranmachen konnte. Dabei machte es eine schockierende Entdeckung: Sämtliche Probanden trugen einen neuartigen Virus in sich. Wie weiterführende Forschungen zeigten, war dieser Virus der Auslöäser für die schlechte Haltung der Infizierten gegenüber dem Film Küss den Frosch.
Tragischerweise sind die Auswirkungen des Froschgrippevirus weitreichender, als dass Infizierte lediglich diesen speziellen Film schlecht finden.

Der Froschgrippevirus löst einen in diesen Ausmaßen der Medienpsychologie bislang unbekannten Fall von kognitiver Dissonanz und Geschmacksverleudmung aus. Um die eigenen Kindheitserinnerungen zu beschützen reden sich Infizierte sämtliche Neuerungen mit fadenscheinigen Argumenten schlecht. Mit weitreichenden Folgen. Bereits zwei Monate nach Ansteckung mit der Froschgruppe vergreisen Erkrankte innerlich so sehr, dass sie sich weigern Telekommunikationsmittel zu verwenden, während ihre Geschmacksknospen sich zurück in den Kindheitsstaus entwickeln, so dass sich Infizierte weigern von etwas anderem als Capri-Sonne und von Mutter geschmierte Pausenbrote zu ernähren.
Eine solche Kombination aus innerer Vergreisung und kindlicher Ernährung kann weitere, ebenfalls unschöne, Folgekrankheiten wie Alzheimer, Cholera und Nervensägeritis nach sich ziehen.

Deshalb sollte man sich unbedingt vor der Froschgrippe in Acht nehmen!

Woran kann ich Froschgrippe im Frühstadium erkennen?
  • Man redet sich mit den schwachsinnigsten Begründungen den kommenden Disneyfilm Küss den Frosch schlecht. So vergleicht man beispielsweise seinen runden, weichen Zeichenstil mit dem harten, kantigen und grafischen Zeichenstil von Atlantis, obwohl offensichtlich keinerlei Parallelen im Design bestehen. Dadurch, dass man einen solchen Totschlagvergleich anstellt (Atlantis stieß seinerzeit aufgrund seiner Andersartigkeit viele Disneyfans aus den 90er-Jahren ab) infiziert man viele weitere Menschen: In ihren Köpfen zementiert sich der Vergleich zwischen beiden Filmen ein und macht sich dadurch für den Froschgrippe-Virus anfälliger.
  • Man verfälscht nicht nur seine eigene Rezeption neuer Filme, sondern auch der alten Kindheitsschätze. Viele von der Froschgrippe infizierte reden sich plötzlich ein, Disney habe bis in die 90er Jahre hinein ausschließlich vorlagengetreue Filme produziert. Um eine solch hirnrissige Sichtweise von Zeichentrickfilmen wie Arielle, die Meerjungfrau zu ermöglichen, löst der Froschgrippevirus eine Überproduktion an Oberflächlichkeits-Hormonen aus. Plötzlich denken die Froschgrippe-Opfer solche Dinge wie. "Schneewittchen war vorlagengetreu! Das spielte in einem märchenhaften Europa. Und es kamen Zwege mit Bärten vor! Das ist eine originalgetreue Grimm-Adaption!" Diese Froschgrippe-Oberflächlichkeit ist unheilbar, ist sie erstmal im fortgeschrittenen Stadium angelangt, verfälscht sie die komplette Realitätswahrnehmung. Probanden, die das Andersen-Original der kleinen Meerjungfrau vorgelesen bekamen sangen an den unpassendsten Stellen Under the Sea mit und lächelten während des "wunderschönen Happy-Ends".
  • Bei einigen Froschgrippe-Patienten löste der Virus sogar Rassismus aus. 80% der bislang Infizierten mutierten von toleranten Wesen zu hassgeschürten Subjekten. "Cinderella, das war noch ein Film! Disney hielt sich an die Vorlage! Das ist exakt so, wie im Perraultmärchen beschrieben. Ein weißes Mädchen in Lumpen, 'ne böse Stiefmutter, alles toll. Küss den Frosch dagegen verfälscht das Märchen an allen Ecken und Enden. Die Handlung hat gar nichts mehr mit dem Original zu tun. Oder spielte das etwa im N*zensiert*ggerland? Nein, tat es nicht!"
  • Opfer der Froschgrippe halten die alten Disney-Prinzen wie Prinz Charming oder Eric für runde, mehrdimensionle Charaktere und können bereits bei Sichtung des Küss den Frosch-Trailers beschwören, dass alle Figuren in Küss den Frosch total platt und einseitig sind.
  • Froschgrippe-Patienten geraten in Nähe von Kindergärten und Grundschulen in wahnsinnige Wutattacken, weil "die Jugend an die Jugend verschwendet wird" und diese "verschissenen Balgen nicht wissen, was wir zu meiner Zeit noch für Ahnung vom Kino gehabt haben, und so!"
Wie kann ich vermeiden, dass ich mit der Froschgrippe angesteckt werde?

Halten Sie sich fern von Internetforen! Besuchen Sie nur noch Disneyblogs, die mindestens einem Disneyfilm aus den Jahren 2000 bis 2009 eine positive Rezension gönnten! Besuchen Sie keine Protestdemonstrationen über den vermeindlichen Rassismus in Küss den Frosch - kurioserweise wird sie nämlich genau dies zu einem (Film-)Rassisten machen! Waschen Sie sich nach jedem Kontakt mit Nostalgikern die Hände! Vermeiden Sie längere Gespräche mit Menschen, die Pixarfilme nicht mögen - viele von Ihnen sind besonders anfällig für die Froschgrippe, als Vorsicht!

Wenn Sie etwas gegen die Froschgrippe unternehmen wollen, klären Sie Ihre Freunde, Bekannte und Verwandte auf! Sprechen Sie mit Ihnen über Küss den Frosch! Erläutern Sie Ihnen, dass heutige Zeichentrickfilme aufgrund besserer Technik und jahrzehntelanger Erfahrung mit dem Medium nicht mehr so aussehen, wie alte Xerox-Produktionen! Sagen Sie Ihnen, dass dennoch viel Liebe und Handarbeit in solchen Produktionen steckt! Diskutieren Sie mit Menschen über die Bedeutung von Neuinterpretierung und Veränderungen von Filmvorlagen. Weisen Sie daraufhin, dass eine Umsiedelung in ein anderes Setting ungleich eine Veränderung der Handlung ist, und dass nicht jeder Film im Originalsetting vorlagengetreu sein muss.

Bleiben Sie stark. Und vielleicht können wir Dank Ihrer Hilfe die weitere Verbreitung von Froschgrippe verhindern!

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Fußnoten:
*SDSfDI: Sir Donnerbold Stiftung für Disney-Information
**Prädikat "ÄR": "Äußerst Relevant"

1 Kommentare:

kroko_dok hat gesagt…

Sehr schöner Beitrag!!!

Und, auch wenn es garnicht zum Thema passt:

Ich habe soeben bei einem Wettbewerb der Sparkasse eine CinemaxX-Silver-Flatrate-Card gewonnen!!!! Ein halbes Jahr Kino :D:D:D

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