Samstag, 29. August 2009

Moonwalker

Normalerweise wecken schlechte Kritiken keinerlei Neugier in mir. Es gibt zu viele gute Filme, die ich mir noch unbedingt ansehen möchte, als dass ich meine Zeit mit schlechten Machwerken verschwenden würde. Sicher, es gibt auch schlecht bewertete Filme, von denen ich mich gerne selber überzeugen möchte, jedoch möchte ich sie trotz der negativen Kritiken sehen. Es bestand also schon Interesse, bevor ich die Verrisse entdeckte.

Ein Film, der eine Ausnahme von der Regel darstellt, ist Michael Jacksons Moonwalker. Ich wusste nicht viel über diesen Streifen und er hat mich auch nie sonderlich gejuckt, bis sich vergangenen April der Nostalgia Critic diesem Film annahm. Dann war es um mich geschehen - ich wollte Moonwalker mit eigenen Augen sehen. Weshalb ich dieses Verlangen hatte, ist schwer zu erklären. Zum einen liegt es wohl daran, dass es eines der besten Videos vom Nostalgia Critic war und er darin tatsächlich sogar Platz für Lob fand. Und dann wirkte Moonwalker wie ein ganz besonderer Trashfilm, einer, der in seiner mangelnden Qualität und Konzeptlosigkeit unfreiwillig zu unterhalten weiß.

Jedoch war mir meine Neugier nicht genug wert, um ein altes Moonwalker-Video oder eine alte DVD zu ergattern, und erst Recht war mir der Film nicht genug wert, um ein Exemplar der mit riesigem Ursula-von-der-Leyen-Gedächtnisflatschen geschmückten Neuauflage zu erwerben.
Nach Jacksons Tod lief der Film einmal auf Arte, was eigentlich die ideale Gelegenheit für mich gewesen wäre ihn zu begutachten, allerdings bekam ich davon zu spät Wind.

Heute wäre der "King of Pop" 50 Jahre alt geworden, und Super RTL nahm sich dies zum Anlass den Film Moonwalker zur besten Sendezeit zu wiederholen. Und dieses Mal habe ich glücklicherweise bereits im Voraus davon erfahren, weshalb ich mir endlich diesen berühmt-berüchtigten Musikfilm zu Gemüte führen konnte!

Und was soll ich sagen? Ich hätte nichts versäumt, bliebe diese Wissenslücke von mir weiterhin ungefüllt. Moonwalker ist nochmal deutlich schlechter, als es der Nostalgia Critic in seiner Videokritik darstellte.

Moonwalker beginnt mit einer schnulzig-zuckrigen Konzerperformance des unspektakulären Jackson-Songs Man in the Mirror, daraufhin folgen rund zehn Minuten narzistisches Füllmaterial: Eine wahllos zusammengeschnipselte Collage aus Jackson-Songs, während uninspiriert Fotos (wie etwa Jackson Arm in Arm mit E.T.), Ausschnitte aus Musikclips und sonstiger Kram durch das Bild fliegen. Diese gesamte Passage, die Jacksons Karriere nachbilden soll, ist vollkommen sinnlos. Es ist kein Medley aus Jacksonliedern, noch ist es eine informative Zusammenstellung. Es ist einfach nur vollkommen willkürlich zusammengeschnipselt und grauenhaft selbstbeweihräuchernd. Man kann die Musik nicht genießen (ein paar Sekunden Thriller, dann ein paar Takte Bad, ein kurzer Happs von Dirty Diana... es ist wie eine Ausgabe der Ultimativen Chartshow, nur ohne reinquatschende B-Promis), und visuell ist es vollkommen unaufregend.

Als nächstes folgt eine alberne, aber recht putzige Parodie des Musikvideos zu Bad, in der Kinder das berühmte Video nachstellen. Das ist relativ unaufregend und bei weitem nicht so pointiert wie Weird Al Yankovichs famose Bad-Parodie Fat (*zum Video*), aber es kommt wenigstens einems ehenswertem Konzept nahe. Ein Michael-Jackson-Kinofilm, bestehend aus Konzertschnipseln, neuen, besonders aufwändigen Musikvideos und Parodien alter Videos wäre ja eigentlich ganz ansehnlich, und bestünde Moonwalker bloß aus der Eröffnung, dem Bad-Segment und seinem Herzstück (dem Smooth Criminal-Musikvideo), dann wäre er immerhin eine recht passable Hälfte eines akzeptablen Jackson-Films geworden.

Stattdessen verwandeln sich die "Badder"-Kinder in den erwachsenen Michael Jackson und seine Gefolgsleute, die durch ein Studiogelände laufen und von gruselig animierten, grotesken Knetmassekameraden verfolgt werden. Es sind abscheuliche, nervige Viecher, die Jackson schimpfend um Autogramme und Fotos anbetteln, darunter zwei fette Zwillinge die Hüte mit Micky Maus-Ohren tragen und sich auf kleinen Mopeds fortbewegen. Aus der Selbstbeweihräucherung zwei Episoden früher wurde nun eine in frühem Planungsstadium wohl humoristisch gemeinte, so nur noch flache und abgeschmackte Abrechnung mit seinen Fans. Und extrem schlechter Stop-Motion-Animation.
Jackson (der hier besonders schlecht schauspielert, und entgegen der von den nervigen und widerlichen Verfolgern sprechenden Inszenierung so grinst, als hätte er gerade den Spaß seines Lebens) verkleidet sich als Knetmasse-Hase, und im Hintergrund läuft leise und kein Stück zur Musik abgestimmt Speed Demon vom Album Bad. Nach einem einschläferndem Tanz-Showdown zwischen dem mittlerweile wieder entkostümierten Jackson und seinem zum Leben erwachten Hasenkostüm beginnt das animierte Musikvideo zu Leave Me Alone - das komplette Gegenteil der "Schaut auf euren großen Star"-Montage nur wenige Minuten vorher.

Darauf folgt der bekannteste Teil von Moonwalker, ein an den Haaren herbeigezogener, strunzdämlich aufgezogener und käsig inszenierter Kurzfilm, dessen unerreichten Vorbilder wohl dümmliche Kinder-Fernsehfilme mit überzogener (und sich widersprechender Moral) und untalentierten Kinderdarstellern waren. Jackson und seine Kinderfreunde spielen Ball, treffen auf den krächzenden und albern aussehenden, völlig übertrieben agierenden Joe Pesci als bösartigen, lächerlichen Drogendealer, der allen Kindern seine Drogen verkaufen will. Seine comichafte Armee von Untergebenen verfolgt Jackson und seine kleinen Freunde, Jackson flieht vor ihnen, verwandelt sich in ein Auto, und dank der unaufregenden Regieführung und dem miesen Schauspiel bleibt der Zuschauer komplett uninteressiert. Nichtmal die Lächerlichkeit des Kurzfilms kann einen aufwecken...

...bis Jackson den Club 30 betritt, einen im 30er Jahre Stil gehaltenen Gangsternachtclub mit stilisiertem Interrieur. Was beginnt ist der einzige und alleinige Grund, sich Moonwalker anzusehen: Das atemberaubende, über 9 Minuten andauernde Musikvideo zu Smooth Criminal, ein Meisterwerk der Musikclip-Geschichte. Das ganze hat (zum Glück) überhaupt nichts mit der Handlung des restlichen Segments zu tun, ist visuell komplett durchstilisiert und wirklich beeindruckend. Die Kamerawinkel, Jacksons Choreographie (inklusive dem patentierten Anti-Gravity-Lean), die Beleuchtung des Nachtclubs... es stimmt einfach alles. Man kann sicherlich mit der Lupe nach Fehlern suchen (in manchen Aufnahmen hätte die Beleuchtung für meinen Geschmack etwas stärker sein), aber was Coolness, Kameraführung und Szenenbild angeht reicht kaum ein Musikvideo an diesen Meilenstein heran.

Danach ist Moonwalker von allen guten Geistern verlassen: Jackson verwandelt sich in einen Roboter, tötet die Bösewichter, ein Raumschiff, die Kinder flennen, weil er sie verlassen hat, Jackson kommt zurück, Jackson lädt sie zu einem Auftritt von ihm ein. Jackson singt eine passable Coverversion des Beatles-Songs Come Together. Abspann. Und irgendwann kommt das Publikum wieder zu Sinnen.

Der Großteil vor dem Smooth Criminal-Video ist unsinnig zusammengewürfelt, unsympatisch selbstverliebt und im Vergleich zu Jacksons damaligem Standard bei Musikvideos schlecht ungesetzt. Nach Smooth Criminal verwandelt sich Moonwalker in einen peinlichen Fernseh-Kinder-Sci-Fi-Film mit einem Witz von einer Handlung, pathetischen Momenten die sich als absolut unnötig herausstellen, widersprüchlicher Moral ("Habt euch alle lieb! Frieden auf Erden! Robo-Michael-Jackson knallt Drogendealer ab! Coooool!") und einer großen Portion Langeweile.

Meine Empfehlung: Verzichtet darauf, euch Moonwalker anzusehen. Das ist nur verlorene Zeit. Sucht euch stattdessen eine ungeschnittene Version des Smooth Criminal-Videos und guckt für eine Zusammenfassung des restlichen Films die Kritik vom Nostalgia Critic an. Das ist wesentlich unterhaltsamer und um einiges kürzer.

1 Kommentare:

Mortimer hat gesagt…

Was für ein merkwürdiger Film. Der ist echt strange.^^

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