Sonntag, 30. August 2009

Projekt Hörsturz - Die 3. Runde

Erneut sind zwei Wochen vergangen, erneut werden die Ohren der Blogosphäre von fünf Liedern umgarnt, die liebend gerne fünf von fünf Punkten erhalten würden. Doch der Geschmack der Jury ist so mannigfaltig wie die Musikauswahl bei iTunes und der Pool, aus dem der Zufallsmechanismus die kandidierenden Lieder auswählt steht in Sachen Abwechslung der Jury in Nichts nach.

Meine Damen und Herren, das ist Projekt Hörsturz!

Wir befinden uns in der mittlerweile dritten Runde, und kommen am besten gleich zur Sache. Haltet eure Kopfhörer fest und schnallt euren Musikantenknochen an, denn wir stürzen uns jetzt sofort ins erste Lied!

I'm a Man von Black Strobe

unsere musikalische Abenteuerreise führt uns heute direkt zu Beginn mit lässigem, dunklem Rock'n'Roll-Geklampfe und sich steigenden Drums in ein anachronistisches Rockergefilde. Klingen die Einsätze im Intro noch so, als befänden wir uns in einem kaugummirosa eingerichtetem Burgerpalast, auf dessen Parkplatz Dutzende Cadillacs parken, ändert sich dieser Eindruck in Sekundenschnelle und wir fühlen uns heimisch in einer vernebelten 70er-Untergrundkneipe, in der eine zottelige Band wilden Rock serviert und uns besoffene Fans der Band aus Versehen kühles Bier in den Nacken kippen. Im Refrain verzerrt sich die Gitarre, und wir sind in der Gegenwart angekommen und verfolgen eine Gruppe postmoderner Gangster mit Zigarettenstummel im Mundwinkel, zurückgegelten Haaren und Heißhunger auf einen leckeren Cheeseburger zu ihrem nächsten Auftrag.
Der Titelsong von Guy Ritchies RocknRolla treibt an, inspiriert einen zu einem filmisch-lässigen Trip durch ein paar verruchte Untergrundkneipen und versprüht eine testosteronbespritzte Atmosphäre.

Das resultiert in 4 von 5 schräg gehaltenen Pistolen.

Double Dutch von Malcolm McLaren

Wechseln wir schnell die verrauchten, stinkigen Ganovenanzüge und werfen quietschbunte Plastikklamotten an. Am besten setzen wir noch schnell eine Afro-Perrücke auf und klatschen unrealistisch glücklich grinsend in unsere Hände, während wir uns ausgelassen zappelnd um unsere eigene Ache drehen. Double Dutch stammt zwar aus dem Jahr 1983, klingt aber eher so als wäre er mindestens sieben Jahre früher geschrieben worden. Vor unseren Augen ziehen grobkörnige, farbübersättigte Videoaufnahmen von in Saft und Kraft stehenden Jugendlichen der 70er vorbei, die eine unschuldige, funky-groovy-mäßige Zeit verleben, während unser musikalischer Lovetrain eine neue Ladung Koks (Kohle-Koks, nicht Nase-reib-und-große-Augen-bekomm-Koks) vertragen könnte. Denn so spaßig unsere kleine Besichtungstour durch Funny-Funkytown auch sein mag, ein wenig zu lang ist sie dann dennoch. Viereinhalb Minuten lang aufgesetzt viel Lebensfreude haben und quietschbunte Plastikklamotten tragen zehrt dann doch an den Energiereserven.

Deshalb gibt es 3,5 von 5 farbenfrohen jugendfreien Retro-Tagträumen.

Transylvanian Concubine von Rasputina

So ganz haben wir unser schräges "Klatsch-Zappel-Grins-Klatsch-Zappel-Grins"-Verhalten nicht abgelegt, schon bremst uns die musikalische Reiseleitung aus. Von der nächsten Station treffen wir gleich zwei unterschiedliche Versionen an, ein längeres Live-Youtubevideo und eine kürzere Studioaufnahme. Da die Akustik bei der Videoversion unvorteilhaft ist, entschließt sich unsere Truppe mit fest zugegurteten Musikantenknochen für die kürzere Tour durch das nächste musikalische Ländle. Sonderlich transilvanisch mutet das Cello Rock-Stück trotz seines Titels allerdings nicht an. Eine fröhlich-lyrische Melodie wird gespielt, das Cello dominiert das Stück, eine hohe Engelsstimme singt schnell darüber hinweg. Irritierend schnell. Die Musik legt zwar bereits ein lebensfrohes Tempo vor, aber die Sängerin rast durch ihren Text durch, als hätte sie die doppelte Menge an Strophen niedergeschrieben, als die Länge des Liedes hergibt.

Unschön auch der sehr bearbeitet klingende Hall der Stimme in der kürzeren Version - und im Youtubevideo kann man die Sängerin schlechter hören, und wenn sie mal etwas dominanter wird, dann scheint sie neben die gewollten Tönen zu landen.

Das macht leicht unschlüssige 2,5 von 5 englischsprachigen Neuaufnahmen von Nippon-Rollenspiel-Soundtracks.

Vitriol von Bluejuice

"Und nun, meine Damen und Herren, möchte ich Sie alle daran erinnern, dass dies eine rein musikalische Reise ist. Zu ihrem eigenen Schutze werden wir deshalb eine an Raupenbahnen von der örtlichen Kirmes erinnernde Planen über unseren musikalischen Lovetrain streifen und sie erst beim nächsten Lied wieder abnehmen. Denn was sie im oben verlinkten Video sehen, wird sie nur völlig verwirren und den falschen Eindruck vom Song geben, um den es jetzt geht. Bitte denken Sie nicht an einen seltsamen, große Fische anbetenden Kult! Nachher glauben Sie, dass das tatsächlich ernst gemeint ist.", tönt der Sicherheitshinweis aus den Sprecherboxen.

Allerdings könnte uns der Gedanke an einen solchen kult von dem nervig quiekigen Keyboard ablenken...

Die einhaltlich singenden Jungsstimmen während unserer derzeitigen Station der musikalischen Abenteuerreise gehen ins Ohr, dürften aber (gerade wenn im Hintergrund schon das Keyboard nervt) etwas weniger in die Höhe treffen... "Catchy" ist das Ganze trotzdem und mit etwas anderem Arrangement könnte man aus der Melodie richtig was rausholen.

Macht (gnädige) 3 von 5 roten, großen Fisher Price-Keyboardimitationen

No Comment von Café Surreal

Legen wir jetzt den Turbogang ein und rasen mit Vollgas in ein mit blauen Neonleuchtröhren behangenes Café aus der Zukunft, in der uns unsere Bedienung immer und immer wieder ins Ohr haucht, dass sie die Kellnerin ist. Undefinierbare Elektrosoundeffekte piepsen, zurren und wabern in gemäßigt hohen Tönen hin und her, und so langsam fragt sich die Reisegruppe, wann sie sich denn endlich den heiß ersehnten Schoko-Rosinenkuchen und eine Tasse warmen Haselnusskakao (flüssiges Nutella) bestellen kann. In der Zukunft scheint man wohl den Kunden nicht gern zum Zuge kommen zu lassen, was auch die Musik erklären würde. Andauernd denkt man "jetzt, ja, jetzt, JETZT komm ich dran", stets täuscht das Lied an uns für sich zu gewinnen, doch es ist zu kalt. Wenn das auch auf die Heißgetränke in diesem Laden zutrifft, dann machen wir uns lieber schnell von den Socken.
Das künstliche Licht schmerzt eh in den Augen...

Das macht 2 von 5 Bedienungen, die garantiert kein Trinkgeld bekommen werden

Uuuuund da sind wir auch wieder in der Heimat angelangt. Unsere musikalische Reise war dieses Mal ausgesprochen interessant, wenn ich Mal für mich sprechen darf.
Der kulturelle Horizont hat sich geweitet, ich habe nun einen Mordshunger auf einen blau beleuchteten, von in buntem Plastik bekleideten Rollenspielfiguren servierten, fischförmigen Cheeseburger und es hat sich gelohnt. Selbst wenn meine Punkteverteilung eher so lala ausfiel.

Wenn es euch gefallen hat: Ich bin euer musikalischer, als Showmaster ausgebildeter, Reisebegleiter Sir Donnerbold und das war Projekt Hörsturz - Runde 3. Bitte steigen sie auch das nächste Mal ein, wenn es dann wieder heißt: "Meine Fresse, schreibt' der viel..."

Wenn es euch nicht gefallen hat: Ich bin Uwe Hübner, und dass war die ZDF Hitparade Spezial - Eine musikalische Reise durch das Interweb... äh World Wide Net... ähhh...

Arrividercio!

Ähnliche Beiträge:

6 Kommentare:

beetFreeQ hat gesagt…

Hehe, mal wieder sehr schön geschrieben! Selbst wenn man mit der Musik gar nix anfangen könnte, würden einem die Rundreise so sicher Spaß bringen ;)

cimddwc hat gesagt…

*räusper* Es heißt "Ländle", nicht "Länd'le". Ansonsten stimme ich meinem Vorredner zu. :)

Das Transsilvanische an der Konkubine steckt übrigens im Text, und passenderweise kam das Lied in der Serie "Buffy the Vampire Slayer" vor, woher ich es auch kannte. Und ja, das Video würde ich eher ignorieren...

Sir Donnerbold hat gesagt…

Das mit dem Ländle hab ich verbessert.

Den Text bei Rasputina hab ich schon bemerkt, aber nur weil das Wort "Transylvania" fällt, heißt das ja nicht sofort, dass das Lied auch gleich so klingt, wie ich zuvor wegen des Adjektivs vermutete. ;-)

juliaL49 hat gesagt…

Herrlich! Du darfst immer so viel schreiben :) Die musikalische Reise als Thema ist eine super Idee (auch wenn keine freundlichen rosafarbenen Buchstaben mit "Don't Panic" und paranoide Androiden aufgetaucht sind).

Edigrieg hat gesagt…

Oh mein Gott, Double Dutch. Du hast grad eine furchtbar lang verschlossene Schublade in meinem Kopf geöffnet. Jetzt sitz ich wieder vor Youtube und sinne vergangenen Zeiten hinterher. Danke für diese Retro-Injektion ;)

symBadisch hat gesagt…

Herzlichen Dank an die Reiseleitung für diesen unterhaltsamen Trip, der aber zweifellos unter dem Motto stand: "Der Weg ist das Ziel"!

Bei der nächsten musikalischen Exkursion bin ich gerne wieder mit an Bord ...

Kommentar veröffentlichen