Sonntag, 27. September 2009

Ein Wahldebakel: Die TV Total Bundestagswahl 2009

Als Stefan Raab 2005 zusammen mit Peter Limbourg Spitzenpolitiker der großen Parteien um sich versammelte um seine Zielgruppe zum Wählen zu motivieren und anhand einer Telefonumfrage das Wahlergebnis der Bundestagswahl vorherzusagen (was ihm letztlich besser gelang als den meisten "seriösen" Umfrageinstituten), brachte ihm dies im Folgejahr den Goldenen Prometheus für den Coup des Jahres ein.

Umso ambitionierter (oder wie manche sagen großspuriger) ging Raab auf den Flügeln des damaligen Erfolges getragen die diesjährige Bundestagswahl an: Die Talkrunde wurde hochkarätig besetzt, schon Wochen vorher prahlte Raab mit dem Ruhm, das Wahlergebnis besonders gut vorhergesagt zu haben und als schließlich das TV-Kanzlerduell zum kuschligen Regierungsselbstgespräch verkam war das Paket vollkommen: Besser als das TV-Duell soll die Wahl-Sondersendung von TV Total werden, und einen besseren Vorausblick auf das Wahlergebnis soll man auch sonst nirgends bekommen.

Aber Raab hatte die Rechung nicht ohne Murphys Gesetz gemacht. Ja, die Poltiker ließen sich zu einem angeregten, mitunter hitzköpfigen, aber gehaltvoll-unterhaltsamen Gespräch hinreißen. Jedoch ließen sich Christian Wulff (CDU), Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Guido Westerwelle (FDP), Franz Müntefering (SPD), Jürgen Trittin (Bündnis 90/Grüne) und Gregory Gysi (Die Linke) nicht in die vorgegebenen Themen zwängen und verplemperten mit Koalitionsstreitgesprächen und Steuerpolitik die Zeit, die eigentlich den Themen gewidmet werden sollte, die jüngere Wähler wichtiger sind (etwa Datenschutz, Umweltschutz und Bildungspolitik), weshalb schonmal ein schaler Nachgeschmack blieb.
Das völlig übermotivierte Studiopublikum gab der Diskussion schließlich ihren Rest - man hat kaum etwas verstanden.

Aber gut, der Wille war da, und die Idee eines lockeren, besonders an Erstwähler gerichteten Polittalks mit Spitzenpolitikern und Entertainer Raab ist so überzeugend, dass sie selbst die gestrige, schwache Ausführung in einen zumindest im Groben und Ganzen zu lobenden Bereich hievte.

Anders verlief das Telefonvoting, dass in seinen massiven Stimmeneinstürzen für die SPD und absurd hohen Zuwächsen für die Linken sämtlichen Respekt für das Voting von vor vier Jahren wieder vergessen macht. Als sich nach drei Bundesländern abzeichnete, dass Raab seinen großen Coup nicht wiederholen wird, blieben für "König Lustig" nur noch Schönred-Versuche übrig, während der Zahlen-Präsentator Matthias Opdenhövel wieder Mal das machte, was er in Schlag den Raab so gut gelernt hat und in Das große Kipp-Roll-Fall-Spektakel perfektionierte: Er kommentierte die entgleiste Situation mit trockenem Witz und spitzbübischer Freude, die hinter seinem halbwegs seriösem Auftreten hervorschimmerte.
Limbourg dagegen verteilte im Laufe des Abends zusehends mehr harte Seitenhiebe und betonte immer stärker, wie unrepräsentativ diese Abstimmung des Unterhaltungsshowspublikums doch sei.

Aber egal, was man von der gestrigen Sendung halten mag:
Sämtliche Wahlberechtigten sollten sich, wenn sie es noch nicht getan haben, endlich aufmachen und zum Wahllokal gehen. Macht euer Kreuz (hoffentlich an der richtigen Stelle), und tut euren Beitrag für die Demokratie.

Wer nicht wählt, darf sich nachher nicht über dämliche Gesetzesbeschlüsse beschweren. Vielleicht hätte uns diese eine Stimme den schlimmsten Schlamassel erspart...

1 Kommentare:

corny hat gesagt…

mhh als damals die SPD bei Raab überraschend stark abgeschnitten hat, wurde das auch extrem bezweifelt und lag damit wesentlich näher am Endergebniss als die anderen seriösen Institute. Auch hatte Raab eine wesentlich stärkere Linke und eine schwächere CDU/CSU hervorgesagt.

Nun gut ich glaube auch nicht das die Linke in solch absurde Höhen kommen wird... aber ein Absturz der SPD ist nun auch nicht wirklich unwahrscheinlich... in 2,18 h wissen wir ja bekanntermaßen mehr :-)

Und ja das Publikum ging mir persönlich total auf den Senkel... schön fand ich das - im Gegensatz zum Kanzlerduell - hier endlich mal alle Parteien ihre Meinung kundtun konnten.

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