Sonntag, 11. Oktober 2009

Weshalb Pixar das derzeit sympatischste Filmstudio ist

Es ist nicht schwer, Pixar zu lieben. Und je mehr man über das in Emeryville, Kalifornien stationierte Animationsstudio weiß, desto sympatischer wird einem die künstlerisch ambitionierte Rasselbande. Genügend eingefleischte Disneyfans wünschen sich mittlerweile, dass ihr geliebtes Mäusestudio doch nur ein wenig mehr wie Pixar sein könnte, und zahlreiche ehemals verbiesterte, ignorante Filmkonsumenten, die den Animationsfilm als Kinderkram abtaten finden mittlerweile einen Zugang zu dieser Kunstform. Nicht zuletzt dank Pixar.

Aber was genau macht die Anziehungskraft der Pixar Animation Studios aus? Wieso ist Pixar so unfassbar beliebt?
Diese Fragen möchte ich euch beantworten in der nun folgenden Hitliste! Dies sind die besten Gründe, Pixar zu lieben (doch längst nicht alle!):
  1. Sie bringen die Animationstechnik voran
    Pixar-Techniker waren an der Entwicklung der revolutionären CAPS-Technologie beteiligt, die modernen Disney-Klassikern wie Die Schöne & das Biest und Der König der Löwen zu ihrem Glanz verhalf, im Hause Pixar wurde die Referenz unter den Rendersoftwares entwickelt (mit Pixars Renderman wurden Filme wie Terminator 2, Jurassic Park, Forrest Gump, Titanic, Armaggedon, Matrix, Spiderman, die PotC-Trilogie, uvm. verwirklicht, eine ausführliche Liste findet ihr hier), und mit jedem neuen Pixar-Langfilm wird die Computertechnologie ein klein wenig vorangetrieben, angefangen mit Toy Story, dem ersten abendfüllenden Computeranimationsfilm.
  2. Sie halten die Tradition des Vorfilms am Leben
    Kinobesuche von Pixarfilmen sind ein so rundum gelungenes Unterhaltungspaket - und der Vorfilm ist ein nicht zu vernachlässigendes Puzzleteil in diesem Gesamtpaket. Sie stimmen auf den Vorfilm ein, lockern schonmal die Lachmuskeln und sind nahezu ausnahmslos gelungen (Boundin' lassen wir außen vor). Pixar zeigt sich hier als eine Festung, in der das alte Hollywood weiterbesteht. Früher gehörten Vorfilme dazu - und wenn man an seinen letzten Pixar-Kinobesuch zurückdenkt, so wünscht man sich, dass es heutzutage auch nochso wäre.
  3. Insider-Jokes
    Es ist immer schön, wenn man einen guten Film genießen kann. Aber es ist noch aufregender, wenn man sich von diesem Film direkt angesprochen fühlt, wenn die Macher des Films jemanden einladen einer kleinen Gruppe beizutreten, wenn sie uns für's aufmerksame zuschauen entlohnen. Gastauftritte alter und zukünftiger Pixarfiguren in den Produktionen dieses Studios machen Spaß und geben einem das Gefühl, jemand besonderes zu sein weil man sie entdeckte und verstand. Es ist spannend, in jedem neuen Pixarfilm den Pizza Planet-Truck zu suchen und es ist immer wieder klasse zu spekulieren, welche Rolle John Ratzenberger in der nächsten Produktion sprechen wird. Und wenn man als einziger im Kino ein riesiges Grinsen aufsetzt, wenn "A113" über die Leinwand flimmert, dann kommt man sich plötzlich ganz einzigartig vor... Und zu guter Letzt ist man für einen kurzen Moment den Filmemachern verbunden, denn nur für Leute wie uns und für das eigene Vergnügen machen sie das überhaupt erst!
  4. Ihr Logo ist soooo süüüüß!
    Es ist zwar nur eine Kleinigkeit, doch sie hat solch einen positiven Effekt: Bereits während des Pixar-Logos muss ich glückselig lächeln und starte somit mit einem Endorphinrausch in jeden Pixarfilm. Wie Luxo jr. durch das Bild hüpft und mit Schwung auf das "I" im Logo springt ist einfach zu goldig, und die herrlich-süßen Soundeffekte dabei machen das Ganze perfekt. Das einzige Studio, dessen Logo bei mir noch mehr Glücksgefühle auslöst ist Disney. Studios wie Warner Bros. mit ihrem langweiligen Schild oder Universal, deren Erdball auch mal wieder neu animiert werden könnte (die Wasserflächen sehen aus wie ein Plastiküberzug) müssen gar nicht erst versuchen dagegen anzukämpfen.
  5. John Lasseter.
    Der Retter Disneys. Er zog den Stöpsel bei den billigen DVD-Fortsetzungen von Meisterwerken, er brachte John Musker, Ron Clements und den Zeichentrick zurück in die Studios, er sorgt für mehr Sorgfalt bei der Planung der Disney-Themenparkattraktionen, er bemüht sich Disney's California Adventure endlich bei den Amis beliebt zu machen, er gibt hervorragende, sympatische und aussagekräftige Interviews, er geht auf die Disney- und Pixar-Fans zu und er trägt witzige Hawaiihemden mit Motiven aus Disney- und Pixarfilmen. Muss ich noch irgendetwas sagen?
  6. Andrew Stanton
    Er ist witzig, er ließ sich aufgrund einer Wette während der Produktion von WALL•E einen Bart und lange Haare wachsen (was ihm wirklich super steht und wie einen waschechten, intelligenten Künstler aussehen lässt), er scheut sich nicht über die Ursprünge seiner Filme die Wahrheit zu sagen (WALL•E wird für seine Umweltbotschaft gelobt, Stanton reagiert, indem er sagt dass sie eher zufällig in den Film rutschte und es ihm mehr um die zentrale Liebesgeschichte ging), er war in früheren Pixar-Hintergrundberichten ein ausgelassener Scherzkeks und schaffte es trotzdem bei den Interviews zu WALL•E wie ein glaubwürdiger Dichter und Denker aufzutreten, er brachte mit Findet Nemo damals eine inhaltliche Schwere zu Pixar, die das Studio reifen ließ.
  7. Pete Docter
    Mit Die Monster AG traute er sich ins kalte Wasser zu springen und den ersten Pixar-Film zu leiten, bei dem nicht John Lasseter Regie führte, er brachte mit diesem Film eine neue Emotionalität zu Pixar und brachte diese herzerwärmende Rührseligkeit mit Oben zur Perfektion, zur Promotion von Oben stellt er sich doch tatsächlich in eine deutsche Videothek und philosophiert über Filme (und zettelt eine Diskussion über den besten Disney-Spielfilm an, siehe hier).
  8. Brad Bird
    Der rotschöpfige Hitzkopf, der laute Mann mit Leidenschaft, der Außenseiter, der vollkommen integriert wurde. Um sich nicht auf seinen Erfolgen auszuruhen, entschied das Studio nach seinem fünften Erfolg in Folge, dass man die Dinge ein wenig durchrütteln muss und jemand neues gewinnen muss. Dieser jemand war Brad Bird, der mit einer etwas anderen Attitüde an seine Filme heranging und sich dennoch perfekt ins Pixar-Portfolio einfügte. Er kämpft lautstark für seine Budgetvorstellungen, er übernahm Jan Pinkavas Projekt Ratatouille und perfektionierte es in Rekordzeit und er drohte öffentlich damit, jedem ins Gesicht zu schlagen, der Animation als ein Genre bezeichnet. Fuck Yeah!
  9. Lee Unkrich
    Die ewige zweite Geige. Er war Cutter bei Toy Story und Das große Krabbeln, er führte Co-Regie bei Toy Story 2, Die Monster AG und Findet Nemo und bekommt erst mit Toy Story 3 (2010) seinen ersten Versuch als "richtiger" Regisseur eines Pixarfilms. Trotzdem zeigt er keine Spur von Neid gegenüber seinen Kollegen (wieso etwa durfte Pete Docter DER Regisseur von Monster AG sein und er nur Docters Assistent, obwohl er doch schon bei Toy Story 2 erfolgreich assistierte?) und scherzt in Interviews und Bonusmaterial mit riesiger Lebensfreude herum. Er ist sich nicht zu schade sich wegen einer Wette eine Glatze zu rasieren (*klick*) oder einen Kuchen ins Gesicht zu scheuern (*klick*). Gibt es eigentlich irgendjemand unsympatisches bei Pixar?
  10. Sie haben den tollsten Arbeitsplatz auf der Welt!
    Wer schonmal eine Reportage gelesen hat, in der ein Journalist oder Fan die Pixar-Studios besuchen durfte, der weiß, dass das was man auf den DVD-Extras sieht nicht künstlich erzwungen wurde. Immer wieder schwärmen selbst die schärfsten Hunde, wie schön der Pixar-Campus sei und wie detailverliebt und harmonisch dort alles ist. Auf dem Presse-/Besucherausweis steht "Ein Fremder, aus der Außenwelt!", es gibt lustige Verkehrsschilder, Grünanlagen, einen kleinen Pool, Sportmöglichkeiten,... Anders als die Disney Studios, die sehr bürohaft eingerichtet und aufgebaut sind, sprüht es auf dem Pixargelände vor Charme. Und das färbt offensichtlich auf die Filme ab.
  11. Sie sind gegen Outsourcing
    Viele Animationsfilme und -serien werden zum Teil in China, Korea, Indien oder weiteren Staaten mit Niedrigstlöhnen und absurden Arbeitszeiten animiert um Kosten zu sparen und die Produktivität zu erhöhen. Pixar-Senior und -präsident Ed Catmull äußert sich strikt gegen diese Politik und erklärt, weshalb es besser ist alle Prozesse unter einem Dach zu haben: "Pixar macht seine computeranimierten Filme komplett in unserem Studio in Emeryville, Kalifornien, und zwar auf dem, wie ich glaube, höchsten Standard in dieser Industrie. Wir glauben äußerst stark daran, dass in jedem einzelnen Schritt unseres Proesses Kreativität steckt, und dass uns die Integration all dieser Schritte [...] erlaubt solch herausragende Filme zu machen. [...] Wenn Firmen gezwungen werden aus wirtschaftlichen Gründen Stellen ins Ausland zu verlegen entsteht eine Trennung zwischen den Schöpfern und Machern dieses Produktes. Es ist eine noch größere Trennung zwischen dem Marketing und den Schöpfern. [...] Ich glaube, dass eine stärkere Bindung zwischen den Schöpfern und der Produktion zu wesentlich besseren Produkten führt." (Die komplette Aussage Catmulls findet ihr hier)
  12. Geschichte vor Technik
    Obwohl Pixar Pionierarbeit für die Computertechnologie betreibt, ist ihnen eine gelungene Geschichte viel bedeutender. Im Bezug zu Pixars ersten abendfüllenden 3D-Film Oben hieß es, dass man in dem Moment, in dem man mehr über die Effekte als über die Geschichte nachdenkt (sei es als Macher oder Zuschauer), etwas schief gelaufen ist. Recht haben sie.
  13. Marktforschung? Was ist das?
    Andrew Stanton erklärte im Vorfeld zum Kinostart von WALL•E, dass man bei Pixar bei der Entwicklung neuer Stoffe nicht auf das hört, was das Publikum angeblich will. Stattdessen verlassen sich die Pixar-Leute auf ihren eigenen Filmgeschmack. Sie drehen Filme, die sie gerne sehen würden und gehen davon aus, dass diese Filme auch vielen anderen gefallen. Im Gegensatz zu vielen anderen Studios wird der Markt nicht nach irgendwelchen Trends belauscht, niemand achtet darauf, was das Publikum laut irgendwelchen Experten sehen möchte. Es wird also keinen Hunde-Film geben, nur weil Hunde gerade wieder besonders in sind, und nur dank dieser selbstbewussten Einstellung bescherte uns Pixar Filme über eine kochende Ratte, einen alten Mann der mit seinem Haus nach Südamerika fliegt und einen verliebten Müllroboter auf einer postapokalyptischen Erde. Nahezu jeder sagte vorher, dass sich das niemand ansehen würde, und die Pixar-Genies produzierten diese Filme trotzdem. Und was geschah? Genau, die Leute strömten in die Kinos...
  14. Der Zusammenhang innerhalb den Studios
    Kollegialität wird bei Pixar goß geschrieben, und damit der Campus zusammenwächst gibt es so tolle Aktionen wie einen Halloween-Kostümwettbewerb, Papierflieger-Wettbasteln, ausgelassene Feiern wenn ein Film endlich zu ende animiert wurde, die Auszeichnung treuer Mitarbeiter, und, und, und...
  15. Ihre Filme!
    Doch machen wir uns nichts vor: Der Topgrund, weshalb Pixar es verdient hat von uns geliebt zu werden sind die fantastischen Filme, die aus diesem Studio kommen. Ob Toy Story 1 & 2, Das große Krabbeln, Die Monster AG, Findet Nemo, Die Unglaublichen, Cars, Ratatouille, WALL•E oder Oben: Jeder von uns hat einen Favoriten und abseits des persönlichen Lieblings findet man noch immer eine bunte Auswahl guter bis außergewöhnlich-genialer Produktionen. Witzig, charmant, emotional, intelligent. Wenn Pixar so weiter macht, wie es bei seinen ersten zehn Filmen anfing, dann hat dieses Studio die Sympatien aller Filmfans für noch sehr lange Zeit sicher.

2 Kommentare:

Onkelosi hat gesagt…

Boundin ist aber nicht so schlecht wie Du es behauptest. Zwar ist Jack-Jack Attack viel besser, aber Boundin hat schon irgendwo seinen hintersinnigen Humor.

milan8888 hat gesagt…

Ich glaub Boundin ist mein liebster Kurzfilm - wie kann man den nicht mögen???

Kommentar veröffentlichen