Samstag, 15. Mai 2010

8 ½

Lange habe ich die Filmkritik zu Federico Fellini surrealistischen, tragikomischen Klassiker 8 ½ vor mir hergeschoben. Man muss ja auch nicht zu jedem Film, den man sich ansieht eine ausführliche Kritik verfassen. Weder werde ich dafür bezahlt, noch habe ich dafür die Zeit. Irgendwann muss ich mir ja auch ein paar Filme anschauen, damit ich darüber schreiben kann. Und überraschenderweise muss auch ein Internetblogger hin und wieder an die Sonne. Oder was essen. Oder sonstwelche Gelüste stillen. Bin ja keine Maschine. Auch wenn das sicherlich Aufsehen erregen würde. Dann wäre ich so richtig berühmt und womöglich auch erfolgreicher. Dann müsste ich keiner geregelten Tätigkeit nachkommen, und könnte mehr Filme besprechen. Vielleicht hätte ich dann so viele Rezensionen auf Halde, dass ich mich wieder in einen Menschen verwandeln könnte.

Jedenfalls hatte ich mir 8 ½, mir ein Urteil gebildet und daraufhin unbehelligt weitergelebt. Zugegebenermaßen, kurzfristig saß ich vor einem leeren Postingformular, starrte es an und wartete darauf, dass sich das stichelnde Weiß mit schwarzen Zeichen füllt, die idealerweise Sinn ergeben. Wenigstens für manche Personen. Für jeden? Pah, das wäre bereits zu viel verlangt, das muss ich mir eingestehen. Irgendwann sah ich ein, dass ich meine Lebenszeit mit dem Versuch einer Besprechung dieses filmischen Meisterwerks verschwende. Also ließ ich es sein. Wo kämen wir denn hin, wenn ihr jeden Film nachlesen könntet, den ich gesehen habe? Nicht jedes cineastische Machwerk bietet sich dazu an. Die Rezeptionsgeschichte einiger Filme ist in Stein gemeißelt, und sofern ich an dieser Inschrift nicht kratzen möchte, weshalb erst die Finger bemühen? Ich verliere Zeit, ihr verliert Zeit, wenn ihr etwas lest, das ihr bereits hunderte Male gelesen habt. Alle sind traurig, wir müssen zu Mami rennen oder den Schoß unserer Geliebten feucht tränen... Oder uns am Busen unserer Weggefährtin wärmen... Wo bliebe da der Nährwert meines Schaffens? Und wieder andere Filme... Habt ihr zu jedem Film, den ihr gesehen habt eine stundenlange Argumentationskette für eure Freunde parat? Oder gar eine druckreife Niederschrift eben dieser? Sicherlich nicht. So ergeht es selbst Menschen, die das Besprechen der Kunst bewegter Bilder als Steckenpferd pflegen. Man sieht einen Film, trägt seine Haltung zu ihm zwischen Zwerchfell, Seele und Herz und damit ist diese Affäre beendet.

Kratzt es mich? Vielleicht. Sollte es mich kratzen? Definitiv nicht! Ich hätte viel mehr eine Schar mir bedingungslos ergebener Liebhaberinnen meiner Kunstbesprechungen verdient, die mir meine Blockade bezüglich einiger Filme zärtlich wegstreichelt. Im Notfall ließe ich mir meine Gedanken sachte und dennoch bestimmt aus den Lippen saugen.

Wer weiß, möglicherweise entlockten mir meine unvergesslichen Damen, die mein Leben beeinflussten und meine Persönlichkeit bildeten und deshalb eine bessere Behandlung von mir verdient hätten, manche Gedanken, die mich selbst überraschten. Dass ich eine Schwäche für Filme über den künstlerischen Prozess habe, wird nicht zu diesen Überraschungen gehören. Eher schon, dass 8 ½ als Film, der diesen Prozess deskriptiv und assoziativ verarbeitet aufgrund eben dieser Art anstrengender doch auch entlohnender ist. Bis ich auf diesen Gedanken kam, verging sehr viel Zeit. 8 ½ ist wirklich eine Produktion, die trotz ihrer wunderbaren und durchdachten Kostüme und der filigranen sowie distanzierenden Kameraarbeit erst langfristig gewinnt, statt auf Anhieb zu wirken. Liegt sicherlich auch an der introvertierten Art von Fellinis Geschichte über Denkblockade und die Bedeutung sowie Macht der Frau. Der Film ist ein unaufpolierter innerer Monolog, der das Publikum bestenfalls als anwesend warnimmt. So etwas stehe ich immer kritisch gegenüber, da Selbstkommunikation ja eigentlich genauso gut auch gar nicht erst zum Rezipienten gelangen brauch. Ein Haken, an dem sich das Publikum aufhängen kann, sollte immer da sein. 8 ½ versteckt diesen gut, kann ihn aber aufweisen. Zudem gleitet Fellini in meinen Augen charmanter und einladender am Publikum vorbei als David Lynch.


Quetzalcoatl!

Manche 8 ½-Sequenzen sollen unklar sein und funktionieren auf einer schwer umfassbaren, intelektuellen Ebene genau deswegen. Andere lassen unklar, ob sie unklar sein sollen. Das finde ich abstrus. Ebenso wie manche Szenen, die im Gegensatz zu anderen nicht absichtlich absurd oder absurd-komisch wirken, sondern eher misslungen absurd-surreal und plötzlich nur noch unangenehm schräg. Etwa misslungene Erotik. Mährmpf.

Trotzdem bleiben Bilder, visualisierte Gedanken Fellinis lange hängen, wenn man sich wenigstens auf irgendeiner Ebene mit ihm für kurze Zeit vereint fühlt. Prägt, gerade das Ende. Als Kunst erfüllend. Als kunstvolles Genussmittel? Schwerlich. Doch Schmunzeln ist machbar. Hey, Claudia Carinale und Marcello Mastroianni sind einfach hervorragend. Waren sicher gute Leute, mit denen man feiern kann.

Feiern... ja, das sollte ich auch wieder einmal. Vielleicht feiere ich, dass es mir schnurzpiepegal ist, ob ich diesen verflixten Filmklassiker mal besprochen kriege oder nicht. Danach hat eh keiner gefragt! Ich geh jetzt raus und lebe. Meine Meinung kann ich später ungefragt in die Welt hinausposaunen.

Achtung! Die vorangegangene Filmkritik ergibt nur für diejenigen Sinn, die bereits ihre Erfahrungen mit 8 ½ gemacht haben. Und selbst diesen Individuen sei vom Autor keine Erleuchtung garantiert.

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1 Kommentare:

Clochette hat gesagt…

Joaaa, wenn auch keine Kritik, so ist doch eine sehr treffende Review draus geworden - und mir steckt jetzt die Ouverture delle Donne stundenlang im Ohr...

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