Dienstag, 25. Mai 2010

Eurovision 2010: Die gesetzten Finalteilnehmer

Dass die ausrichtende Nation automatisch als qualifiziert gilt, ist nachvollziehbar und gängige Praxis in internationale Wettbewerben. Dass zusätzlich zum Ausrichter die vier größten Geldgeber garantiert teilnehmen, das sähe man im Sport wohl als Bestechung an. Geht es hingegen um Musik, finden das Spanien, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Deutschland vollkommen gerecht. Was man im Rest Europas davon hält, möchte ich lieber nicht wissen. Auch das Argument "sonst ginge der Eurovision Song Contest zu Grunde" kann ich nicht gelten lassen. Ja, selbstverständlich käme es ohne Deutschland, Frankreich, Spanien und dem Vereinigten Königreich zu einem radikalen Quoteneinbruch, allerdings wären die fnanziellen Folgen eher gering. Die Beiträge sämtlicher "Big Four"-Nationen werden von einem öffentlich-rechtlichen Sender gestellt. Diese Sender haben ihr Geld so oder so in der Tasche.

Doch lassen wir die Politik hinter dem Song Contest bei Seite und stürzen uns auf die fünf garantierten Finalteilnehmer:

Frankreich: Allez Ola Olé (Jessy Matador)



Deutschland steht dieses Jahr so stark hinter seinem Beitrag, wie schon lange nicht mehr. In Frankreich dagegen erhielt Jessy Matador eher weniger Unterstützung vom Volke. Nachdem Frankreich vergangenes Jahr mit der internen Entscheidung deutlich besser abschnitt, als Deutschland (Patrica Kass ersang sich den achten Platz), beschloss man, die "Notfalllösung Entdemokratisierung" fortzuführen. Die Wahl der Expertengruppe von France 3 fiel aus Jessy Matador und seinen Song Allez Ola Olè, eine Anspielung auf Music of the World Cup: Allez! Ola! Ole!, das offizielle Musikalbum zur Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Die Fußball-Anspielung kommt nicht von ungefähr: Der Song ist gleichzeitig die diesjährige Fußball-Hymne der öffentlich-rechtlichen Anstalten in Frankreich und eine große Sommerhit-Hoffnung. Ein Schelm, wer kommerzielle Hintergedanken dabei wittert?
Naja, ich wollte die Hintergrundpolitik ja fallen lassen. Also, zum eigentlichen Song: Allez Ola Olé klingt genau nach dem, was er darstellt. Es ist ein typischer WM-Sommersong und er weckt starke Erinnerungen an die WM 1998, als französische Fußballanfeuerungsnummern die deutschen Charts eroberten. Das wird seine Feinde finden, aber genauso sehr seine Freunde. Und wenn ich meine Metal-Shirts für einen Moment im Schrank einschließen und meine kalte Schulter gegenüber "König" Fußball nicht auf mit ihm verbundene Musik übergreifen lasse, dann muss ich sagen: Ja, zählt mich zu zweiterem. Gut gemachte, tumbe französische Sommer-Tanzmusik mit Gute-Laune-Wirkung lässt mich halt doch hin und wieder schwach werden. Nein, Alors on danse zählt nicht dazu, eher besagte WM '98-Mucke oder Alizée, die Marke halt. Ich könnte mir sowas nicht täglich in hohen Dosen geben, aber als (zugegeben durchkalkulierte) frische Brise im Sommer ist sowas bei mir durchaus willkommen. Allez Ola Olé hebt die Stimmung und klingt nach "Sonne, als Beifahrer Cabrio fahren, kühlen Biermix trinken" und "Sandstrand". Kommerzielle Hintergedanken hin, Fußball-Assoziationen her, ich gönne dem Song die Top Ten. Und jetzt dürft ihr mich ruhig ausbuhen, ich verstecke mich hinter einem alten, zu großen Metalfestival-Shirt und hoffe, dass ihr mich dann nicht wiedererkennt. Ätsch!

Norwegen: My Heart is Yours (Didrik Solli-Tangen)



Ich bin ja ein Musicalfreund (Hey! Du, da hinten! Sag bloß, du willst schon wieder meine Rock-Shirts konfiszieren? Sag mal, spinnst du?), doch wenn ich eins hasse, dann diese übertheatralischen Solonummern, die traurig beginnen und dann zum Schluss vollkommen explodieren und die nur existieren, damit das weniger zynische Publikum beim rausgehen denkt "Boah, meine Fresse, der [Protagonist] konnte vielleicht schauspielern, was?"

Der diesjährige norwegische Beitrag ist das musikalische Pendant zu "Oscar-Bait"-Stoff wie Der Vorleser, Sieben Leben oder Das wirklich wahre und nur minimal dramaturgisch überarbeitete Leben des geistig behinderten Judens, der den blinden Hund eines Nazis vor links-radikalen Jugendlichen rettete und dadurch einem von seinen Eltern mit Vorurteilen indoktrinierten Mann symbolisch die Augen öffnete - Eine Tragödie in drei Akten (mit Meryl Streep). Oder Titanic.

[Pause für Buh-Rufe]

Ich find's ätztend, gelackt und prätentiös. Nächstes Lied.

Spanien: Algo Pequeñito (Something Tiny) (Daniel Diges)



Daniel Diges sieht so aus, als ginge er für die Briten an den Stand. Die Hintergrundmusik klingt wie ein stereotyper Chanson vom Montmartre, dem im letzten Drittel ein paar alte deutsche Fernsehkrimmi-Melodien untergemischt wurden. Und die Gesangsstimme von Diges ist das waschechte Timbre eines Hollywood-Latinos. Spaniens fünfzigster Beitrag zum Eurovision Song Contest verdient allein wegen dieses (unbeabsichtigten?) multikulturellen Coleurs Aufmerksamkeit. Und mit mehrmaligem Anhören gewinnt Algo Pequeñito (Something Tiny), ein Loblied an die kleinen Dinge des Alltags, enorm an Qualität. Vielleicht ist es der Kontrast zwischen der Erwartung an die Musik, die man beim Klang des Sängers entwickelt, und der Erwartungen an den Gesang, achtet man auf das Musikstück allein. Vielleicht sind es die subtilen Walzer-Anklänge. Auf jeden Fall landete Spanien mit diesem Lied einen kuriosen Treffer, der bei einer ansprechenden Performance auch ohne die Aufwärmphase eines mehrmaligen Anhörens im Gedächtnis bleiben sollte.

Vereinigtes Königreich: That Sounds Good To Me (Josh)



Der 19-jährige Musicaldarsteller Josh tritt in Oslo für das Vereinigte Königreich mit einem Lied an, das vom Wendler geschrieben sein könnte. Nur mit dem Unterschied, dass der an dramatischeren und klügeren Stoffen erprobte Bühnendarsteller diesen Song einem leichten Umarrangement unterzog. Statt krähendem Sprechgesang (gerne auch mit ein paar Promille Alk im Blut), gibt es ein paar Sekunden lang Anflüge richtigen Gesangs. Die meiste Zeit des Songs verbringt Josh aber mit schüchtern rübergebrachtem, melodiösem Reden.
Die Komponisten arbeiteten seit dem britischen Vorentscheid tüchtig an einer neuen Version, die Joshs Stimmtalente stärker zur Geltung bringen sollen. Wie es live im Finale klingen wird? Wir dürfen gespannt sein. Ein Wunder erwarte ich allerdings nicht - wäre ein dermaßen krasses Umarrangement wie zwischen den beiden Satellite-Versionen aus dem Unser Star für Oslo-Finale eigentlich regelkonform?

Deutschland: Satellite (Lena)



Unser bester "Grand Prix"-Song seit Can't Wait Until Tonight. Zugegebenermaßen erwartete ich nach den wundervollen Wochen, in denen der talentierte Musiker und Entertainer Stefan Raab unseren Eurovision-Interpreten suchte etwas, das mich mit mehr "Wumms!" überzeugt, aber die unerreichbaren Hoffnungen sind schnell abgeklungen. So wie mir ging es anscheinend auch vielen anderen: Während der Erstvorstellung der vier potentiellen Eurovision-Lieder war im Internet ein kollektives "ähm... und das war's jetzt?" inklusive leichter Enttäuschung bezüglich eines kleinen Wunders zu vernehmen, aber kaum war die Sendung zu Ende, stürmten alle zur legalen Download-Plattform ihres Vertrauens und machten Satellite zu einem Rekordlied. Ganz gleich, wie gut oder schlecht Lena beim internationalen Lieder- und Gesangswettbewerb abschneidet, wir können dieses Mal stolz hinter unserem Beitrag stehen, statt verschähmt die Augen zu rollen. Der ESC hat 2010 deutlich mehr Rückendeckung, als er in der Post-Max-Phase je hatte, und allein deshalb ist es eine segensreiche Meldung, dass Stefan Raab und die ARD auch 2011 auf jeden Fall wieder kooperieren werden.
Bevor wir alle uns zu früh freuen: Satellite ist kein durchgehend typischer Eurovision-Song. Musikalisch dröppelt er seine Laufzeit über sehr gleichmäßig vor sich hin, mit Strophen die ein wenig langsamer als der Refrain, aber frappierend ähnlich arrangiert sind. Die auffälligsten akustischen Veränderungen sind das weniger stark besetzte Intro (inklusive effekthaftem "instrumentalem" Einstieg) und der Gitarrenpart vor dem letzten Refrain sowie der scheinbare verfrühte Schlagzeug-Einsatz. Diese Spielerei ist sehr charmant, trotzdem lebt das Lied primär davon, dass Melodie und Arrangement eine Steilvorlage für Lenas charakteristischen Gesangstil bieten. Auf dessen Schultern (und der unglaublichen Ausstrahlung Lenas) ruhen unsere Hoffnungen. Und womöglich ist das unser Glück. Nicht immer sind es die klassischen Eurovision-Songs, die besonders erfolgreich sind. Als Gewinnerbeispiel wäre da etwa Lordi zu nennen, ein Act der nicht gerade typische "Grand Prix d' Eurovision de la Chanson"-Assoziationen weckt. Und auch Guildo Horn und Stefan Raab (beide erreichten immerhin die Top Ten, wovon wir die letzten Jahre nur träumen konnten) waren damals vollkommen außergewöhnlich, bevor die ESC-Comedy-Performances fast schon zu einem Subgenre wurden.
Satellite ist jedenfalls ein erfrischendes, munteres Lied mit einer klasse Sängerin, die eine ganz eigene Marke ist und positiv auffällt. Ich würde uns dieses Jahr den Sieg gönnen (hätten wir die letzten Jahre den Wettbewerb nach Deutschland geholt, wäre ich geschockt gewesen - Sieg für Deutschland, schön und gut, aber womit?) und
aus dem diesjährigen Starterfeld gefällt mir Satellite am besten. Dennoch bin ich mir bezüglich eines Sieges sehr unsicher. Sofern uns die neuen Regeln keinen Strich durch die Rechnung machen, sollten die Top Ten aber sicher möglich sein.

3 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Frankreich: Wäh, da gibts aber viel bessere Fußball-Sommer-Hymnen. Die konnt ich mir jedenfalls nicht lange anhören. Wenn ich da an die Sachen von Shaggy oder Grönemeyer denke...

Norwegen: Das Lied erinnert mich frappierend an irgendein Lied von Westlife. Das fing genauso an. Ist mir zu langsam, und ohne Handlunsghintergrund taugts für mich als Musical-Fan auch nicht als dramatische Ballade, dafür ist mir das Déjà Vu zu groß und der Aufbau viel zu durchkakuliert.

Spanien: Irgendwie interessant. Kann was draus werden.

England: Biste sicher, dass das wirklich nicht vom Wendler ist?! Schlimm. Naja, all die Discofox-Freunde werdens sicher toll finden. Und ich hab ner Freundin in GB gesagt, ich ruf einmal für ihren Beitrag an, wenn sie für Lena anruft.. *heul*

Deutschland: Top 10 sollte wirklich machbar sein. *daumendrück*

Sir Donnerbold hat gesagt…

Frankreich: Neee, die Grönemeyer-Fußballnummer hat sich bei mir damals schon während des Erstkontakts überreizt.

Hinsichtlich England... Ich bezweifle ernsthaft, dass es allein vom Wendler ist. So gutes Englisch traue ich ihm nicht zu. Mindestens ein Übersetzer hat daran mitgefuchtelt. :-D

Dominik Hennig hat gesagt…

Norwegens Didrik kann wenigstens singen!

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