Dienstag, 4. Mai 2010

Eurovision 2010: Die Songs aus dem 1. Halbfinale (Teil II)

Es hat ein klein wenig gedauert, aber hier ist sie: Meine Übersicht über die restlichen Lieder aus dem ersten Halbfinale des diesjährigen Eurovision Song Contests. Wer sein Gedächtnis auffrischen möchte, findet die ersten sieben Songs hier.

Startnummer 8: Bosnien & Herzegovina - Thunder & Lightning (Vukašin Braji)



Ähnlich wie Deutschland vergangenes Jahr, beschlossen Bosnien & Herzegovina dieses Jahr intern, wer denn in Oslo an den Start gehen darf. Es traf Sänger Vukašin Braji und den Komponisten Dino Šaran, die mit einer dramatischen Rocknummer mit gemäßigtem Tempo versuchen einen guten Platz zu erreichen. Der von Toleranz und Koexistenz handelnde Song Thunder Lightning ist zwar etwas generisch, aber eine der besseren Nummern im schwachen ersten Halbfinale und Vukašin Braji hat wirklich eine ganz nette Radiorock-Stimme. Meiner Meinung nach gehört dieses Lied ins Finale.

Startnummer 9: Polen - Legenda (Marcin Mroziński)



Der polnische Musicaldarsteller Marcin Mroziński geht mit einem sehr gemächlichen Lied an den Start. Legenda baut sich zwischendurch immer wieder etwas auf, nur um sich dann wieder in einem unaufregenden Tonfall aufzulösen. Ob unsere Nachbarn, die bislang nur zweimal in die Top Ten klettern konnten (1994 & 2003) damit bis ins Finale kommen? Ich wage, es zu bezweifeln. Wieder ist das Lied aufregend, noch kann ich mir dazu eine denkwürdige Bühnenshow vorstellen...

Startnummer 10: Belgien - Me and My Guitar (Tom Dice)



Belgiens frühere Regel, das der ESC-Beitrag einmal auf flämisch und einmal auf französisch gesungen wird, scheint nicht mehr aktuell. Bereits vergangenes Jahr trat Belgien mit einem englischen Lied (genauer gesagt einer Elvis-Imitation) auf, im Jahr davor versuchte man sich in einer Fantasiesprache. Dieses Jahr singt der belgische Castingshowgewinner Tom Dice in einem ruhigen, warmherzigen Lied auf englisch über sich und seine Gitarre. Dieses Lied wurde nicht wie sonst üblich aufgenommen (also zuerst die Drums, dann der Bass, dann die anderen Instrumente und zuletzt der Gesang), stattdessen spielten alle anderen Musiker auf Grundlage von Tom Dices Aufnahme. Das merkt man dem Lied nicht zwangsweise an, aber ich muss definitiv festhalten, dass Me and My Guitar mein Interesse stärker aufrecht erhält als vergleichbare Musikstücke. Dice hat eine tolle, warme Stimme, die sehr gut mit dem sanften Gitarrengezupfe harmoniert. Eine gute, wenngleich nicht herausragende Nummer, der ich den Finaleinzug gönnen würde.

Startnummer 11: Malta - My Dream (Thea Garrett)



Wie wichtig ist das letzte Viertel eines Songs? Zumindest bestimmt es ja den letzten, bleibenden Eindruck eines Liedes. Wenn man dort angelangt überhaupt noch aufmerksam ist.
Am Erfolg Maltas beim diesjährigen Eurovision Song Contest kann man möglicherweise ein Exempel statuieren: Während die ersten Minuten einfach nur generisches Popgesülze sind, ist der Schluss richtig gelungen, packend und "Gänsehaut reibend", um es mit den Worten eines unvergessenen Künstlers zu sagen. Käme diese Qualitätssteigerung und Tempoänderung etwas früher, wäre es für mich ein klarer Top-Ten-Kandidat. So hingegen... mh, ich weiß nicht...

Startnummer 12: Albanien - It's All About You (Juliana Pasha)



Albanien nimmt erst seit 2004 am Eurovision Song Contest teil und erreichte vier Mal das Finale. Sowohl 2009 als auch 2008 war der knapp 3 Mio. Einwohner zählenden südosteuropäischen Republik im Finale der 17. Platz vergönnt. Dieses Jahr soll ein modernes, elektrisches und tanzbares Power-Poplied die Statistik aufpolieren. Die richtigen Zutaten hat man schonmal gewählt: Sängerin Juliana Pasha hat eine kräftige Stimme mit rauchigem Charme, die kraftvolle Popmelodie ist nichts wirklich frisches, aber treibt gut voran und ich halte sie für recht kompatibel mit dem ESC-Publikum. Zwar am Puls des musikalischen Zeitgeschehens, aber nicht zu neuartig-modern, sondern mit Wurzeln in den frühen 00ern und späten 90ern. Nostalgie für Leute mit Gedächtnisproblemen, Aufmerksamkeitsschwäche oder einer übersichtlichen Vergangenheit.
It's All About You hat Wumms, Dynamik und vor allem hat das Komponisten- und Songschreiberduo Pirro Çako & Ardit Gjebrea die Zutaten dieses Songs gut zusammengemischt, was bei vielen anderen ESC-Titeln ja nicht gelang. Mir gefällt's und ich wünsche diesem Song ein gutes Abschneiden.

Startnummer 13: Griechenland - OPA (Giorgos Alkaios and Friends)



Von der krisengeschüttelten Akropolis meldet sich der ehemalige Reality-TV-Star Giorgos Alkaios, dessen Karriere 1989 begann und aus zahlreichen Popsongs bestand, die griechische und orientalische Elemente mit zeitgenössischen Elementen vermischt. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Alkaios für sein Heimatland beim Eurovision Song Contest antritt, schließlich konnte sich das seit 1974 teilnehmende Land in den vergangenen Jahren mit exakt dieser Masche seit nunmehr sechs Jahren einen Platz in den finalen Top Ten sichern. Und auch wenn dieses Vorgehen mittlerweile mehr als vorhersagbar ist, gehören die griechischen Beiträge regelmäßig zu meinen Favoriten. Überhaupt sollte uns mein heimliches Lieblingsland beim Song Contest ein Vorbild sein: Bis 2001 waren die Helenen eines der erfolglosesten Völkchen bei diesem Wettbewerb. Mit einem überraschenden dritten Platz 2001 wuchs das Interesse am ESC, man nahm den Liederwettstreit plötzlich richtig ernst. Im vergangenen Jahrzehnt war Griechenland auf einmal die zweiterfolgreichste Eurovision-Nation direkt hinter Russland. Das zeigt uns Deutschen, dass das Rumgejammer "Keiner hat uns lieb, wir gewinnen eh nie" nur Quatsch mit Zaziki ist.

Dem diesjährigen Beitrag fehlt mir irgendwie der gewisse Pepp, er läuft eher spannungsarm vor sich hin, doch die Mischung der verschiedenen Einflüsse ist gut abgestimmt und macht trotz allem Laune. Top Ten? Ja, bitte!

Startnummer 14: Portugal - Há Dias Assim (Filipa Azevedo)



Portugal schleppte sich bislang vollkommen sieglos durch seine 43 Eurovision-Teilnahmen. Die bislang beste Platzierung war der sechste Platz im Jahr 1996. Machen die Portugiesen deswegen solch einen Stunk bei der EBU wie die "Big Four" Deutschland, Spanien, das Vereinigte Königreich und Frankreich? Nein. Portugal widersteht sogar vehement der Versuchung, Beiträge in englischer Sprache zum Wettbewerb zu schicken. So auch dieses Jahr. Há Dias Assim bedeutet ungefähr "Es gibt Tage wie diese" und gehört locker zu den besseren Balladen des ersten Halbfinales. Die Stimme der Sängerin Filipa Azevedo ist sehr schön, die Komposition unaufgeregt, aber ansprechend. Trotzdem befürchte ich, dass dieses Lied von einem englischen Text enorm profitieren könnte. Bei manchen vermisse ich für mich verständliche Texte gar nicht erst, und auch hier werden die Gefühle schon allein durch Musik und Gesang rübergebracht, doch ein kleiner Teil von mir hätte doch lieber englischen Text. Ob es anderen Zuschauern genauso geht?

Startnummer 15: Mazedonien - Jas Ja Imam Silata (Gjoko Taneski)



Bislang nur mit einer finalen Top-Ten-Platzierung in petto schickt Mazedonien dieses Jahr gleich zwei seiner national erfolgreichsten Künstler ins Rennen: Den mit Preisen überhäuften Sänger Gjoko Taneski und den Komponisten Kristijan Gabroski, der mit seiner Rap-Folk-Rock-Truppe das erfolgreichste Album in der Geschichte des Landes veröffentlichte.
Was in Mazedonien Rekorde bricht, muss meinereins allerdings längst nicht ansprechen. Dort wird man auch wohl kaum etwas für Der Schuh des Manitu übrig haben. Jas Ja Imam Silata schmerzt nicht unbedingt in den Ohren, allerdings finde ich den behäbigen und kruden Pop-Sülz-Rock-Rap-Mix durchaus anstrengend. Die Stimme Taneskis und die Rapeinlage sind mir auch nicht wirklich genehm. So müssen sich Linkin-Park-Balladen für Leute anhören, die mit der Band nichts anfangen können. Nur in weichgespült.

Startnummer 16: Weißrussland - Butterflies (3+2)



Weißrussland nahm sieben Mal am Eurovision Song Contest teil und zog bloß ein einziges Mal ins Finale ein. Soviel also erstmal zur Russland-Mogelconnection. Sie existiert nicht.
Nachdem dies aus dem Weg geräumt ist: Butterflies klingt wie ein schlechter Versuch eines Hollywoodstudios, eine schmalzig-kitschige und dennoch angenehme Disneyballadenkopie zu erstellen. Ein Lied für Däumeline und Co. Behäbig, zu dick aufgetragen und nervig, aber trotz allem ein Ohrwurm und dadurch noch lästiger, zugleich jedoch auch mit nicht unbeachtlichen Chancen wenigstens ins Finale zu ziehen. Manche Menschen sind für solch pathetische Raubkopien stilistischen Gedankengutes halt anfällig. Ich bekomm davon Zahnbluten. Tickt halt jeder anders.

Startnummer 17: Island - Je Ne Sais Quoi (Hera Björk)



Englische Strophen, im Refrain geht's ab ins Französische. Kann man damit eine etwas steife 00er-Eurodance-Nummer zum Erfolg hieven? Eigentlich würde ich "Nein!" brüllen, aber Alors on danse ist bedeutend langweiliger und eroberte dennoch die deutschen Charts. Aber vielleicht hat der Rest der EBU-Nationen einen anderen Geschmack. Schlimm ist Je Ne Sais Quoi nicht, da gab es in der Vergangenheit wesentlich ätzendere Dancetitel, aber es ist charakterlos. Kräftiger Frauengesang, der auf planloses Elektrogehämmer geklatscht wurde. Aufeinander abgestimmt klingt dort gar nichts.

Das waren also die Songs aus dem 1. Halbfinale. Ein eher schwaches Starterfeld, das selbst durch die neugierige Eurovision-Brille betrachtet (und weniger durch meinen "alltäglichen" Musikgebrauch) nur wenig zu bieten hat. Ein Komplettausfall blieb uns allerdings auch erspart. Im schlimmsten Fall wird's halt öde. Demnächst stürze ich mich ins zweite Halbfinale. Also... bleibt am Ball!

2 Kommentare:

Rothi hat gesagt…

Den weißrussischen Beitrag werde ich nie verstehen. Das Lied "Far away", das sie eigentlich dorthin schicken wollten, hatte hundertmal mehr Schmiss.
Ansonsten... ja, ein eher schwaches Halbfinale, da geb ich dir Recht. Aber ganz ehrlich: Griechenland geht inzwischen gar nicht mehr. Denen gehört für ihre Schema-F-Songs endlich mal ein Denkzettel verpasst.

Andi hat gesagt…

Ach ja, ganz vergessen. Neulich schon angefangen, heute erst fertig gestellt:

8: Nicht schlecht, das "gewisse etwas" fehlt aber. Schön, dass es härter ist als normaler langweiliger "Radio-Rock" á la Nickelback. Reizt mich aber auch so selten.

9: Polnischer Folk-Pop? *kotz*

10: Schade, ich bin gerade auf so 'nem kleinen Singer-Songwriter-Trip. Das Lied ist selbst nicht der außergewöhnliche Hit, aber das Pop-Arragement stellt das noch zusätzlich heraus und lässt den Song nicht von anderen Radio-Schnulzen unterscheiden. Für den Grand-Prix vielleicht eine nette, ruhige Abwechslung zwischendurch, aber alles ein bisschen zu gewollt.

11: Willkommen bei Carmen Nebel!

12: Jo, flotter Elektro-Mist, bei dem man mal mitsingt und der nächsten Sommer wieder vergessen ist. Tut aber nicht weh und hat eine nette eingängige Melodie von daher einer der besten Titel bisher. Guter Gesang.

13: Boah, verfolgst du den Grand-Prix so intensiv? Ich glaube ich habe den außer damals mit Max nie gesehen.
Der Beitrag ist eine Zumutung! Ich glaube es ist bereits deutlich geworden, dass ich keinen Folklore-Pop mag.

14: Könnte die Pop-Version eines Alan-Menken-Songs sein.

15: Abgesehen davon, dass rhytmisch schwätze keine Musik ist, ein anhörbarer Song. Besser noch als die 8; schöne, eingängige Melodie, was besonderes hat er allerdings auch nicht.

16: Es geht um eine Ostblock-Mogel-Connection! Und wenn du die leugnest bist du entweder blind oder von der rosaroten Brille geblendet. Nebenbei machen die auch fast alle nur den gleichen Scheiß-Folklore-Pop.

17: Jo, Elektro-Pop, den man noch hören kann, da er im Gegensatz zu sowas wie House nicht vollständig auf Melodie und Harmonie verzichtet. Eurodance halt ;-)

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