Montag, 24. Mai 2010

Eurovision 2010: Die Songs aus dem 2. Halbfinale (Teil II)

Der Eurovision Song Contest steht an der Tür. Er steht so nah an der Tür, dass er sich bereits die Nase platt drückt. Ich ging bereits die Lieder des ersten Halbfinales durch (hier und hier), meine Besprechung des zweiten Halbfinals ist dagegen noch unvollendet (Teil I findet ihr hier). Ändern wir das. Hier sind die restlichen Songs aus dem 2. Halbfinale, das der NDR leider erst unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai ausstrahlen wird.

Startnummer 9: Niederlande - Ik Ben Verliefd (Sha-la-lie) (Sieneke)



Seit einschließlich 2005 konnten die Niederlande nicht mehr ins Finale des Eurovision Song Contests einziehen. Fast könnte man glauben, dass sich unsere westlichen Nachbarn jetzt dafür an Europa (und einer Hand voll weiterer Nationen) rächen wollen. Dämlicher Kirmes-Volksmusikschlager, der die Rentner in den Bierzelten zum unrhytmischen Klatschen und alle diesseits der 60 auch ohne die meterlange Bratwurst vom usseligen Büdchen um die Ecke oder die fünfte Runde Mega-Looping-Achterbahn in die Ecke reihern lässt. Der holländische Beitrag: So muss der Eurovision Song Contest für eingeschworene Feinde dieser Veranstaltung klingen.

Startnummer 10: Rumänien - Playing With Fire (Paula Seling & Ovi)



Das Konzept: Ein Pianoduell zwischen Mann und Frau, eingebettet in einen leichtherzigen Popsong mit fetzigen Backgroundsängerinnen und weit versprühender, positiver Stimmung. Die Umsetzung: Mies, langweilig, unoriginell und irgendwie klingt alles gleich. Sicher, dass das nicht einfach ein 30-Sekunden-Song in Dauerschleife ist?

Startnummer 11: Slowenien - Narodnozabavni Rock (Ansambel Žlindra & Kalamari)



Was passiert, wenn wir während eines Auftritts der Seidlheimer Sodomisten ständig zu einer schlechten Altrocker-Coverband, die selbst bei der Bummsdorfer Volkskirmes mit vollen Bierflaschen von der Bühne verjagt wurde, hin und her schalten? Es entsteht der diesjährige Eurovision-Beitrag aus Slowenien! Ein "Das schlechteste aus zwei Welten", gepaart mit fast schon parodistisch klingenden Hauptstimmen und einem Kopfschmerzen verursachenden Übergangs zwischen Pseudorock und Volksmusik. Man könnte das ganze sicherlich irgendwie reizvoll aufziehen (wo ist Stefan Raab, wenn man ihn braucht? Achja, er kümmert sich ja neuerdings um ernsthafte deutsche Beiträge!), aber das ist fast schon Konkurrenz für Holland um den Titel der roten Laterne.

Startnummer 12: Irland - It's For You (Niamh Kavanagh)



Irland. Land der Kobolde, der leckersten Butter der Welt, Johnny Logan, Eurovision-Rekordnation mit sieben Siegen, darunter zwei in Folge, und Heimat von Dustin the Turkey. Jepp. Die glorreichen Zeiten Irlands sind zweifelsohne gezählt, was man vor zwei Jahren mit einem oberpeinlichen und missglückten Versuch in Selbstironie reflektieren wollte. Stattdessen verursachte man Ohrenbluten und lieferte mir einen Running Gag für meinem Blog. Dieses Jahr wird alles besser. Zumindest qualitativ, denn mit Nimah Kavanagh schickt man eine erprobte ESC-Gewinnerin nach Oslo, die eine kräftige und gefühlvolle Stimme hat. It's For You ist kein Versuch, eine klassische Eurovision-Schmachtballade hinzuklatschen, es ist eine klassische Eurovision-Ballade, und eine sehr ansehnliche dazu. Kitsch hoch Zehn, aber es ist funktionierender Kitsch!

Startnummer 13: Bulgarien - Angel Si Ti (Miro)



Bislang war Bulgarien nur eine einzige Finalteilnahme vergönnt. Diese wurde 2007 prompt mit Platz 5 belohnt. Dieses Jahr gibt es Bilig-Pseudo-Operngesang über einer Armee von Beats und Synthie-Viloinen. Unausgegoren abgemischt und ohne Spannungsbogen. Gehört, Achseln gezuckt, vergessen.

Startnummer 14: Zypern - Life Looks Better In Spring (Jon Lilygreen & The Islanders)



Die Zyprioten fanden ihren diesjährigen Beitrag zum Eurovision Song Contest auf sehr moderne Weise: Die Komponisten Nasos Lambrianides und Melis Konstantinou schrieben den Song Life Lokks Better In Spring, um ihn beim nationalen Vorentscheid einzureichen. Doch es mangelte ihnen an Produzenten und Sängern. Im Internet stießen sie auf einen britischen Musikproduzenten, den sie ins Blaue hinein kontaktierten, und dieser schlug ihnen vor, sich ein Demo von Jon Lilygreen aus Wales anzuhören. Ihnen gefiel das Demo, und so luden sie ihn ein, ihren Song einzusingen.
So modern die Hintergrundgeschichte, so altmodisch der eigentliche Song. Es ist eine klassische Friede-Freude-Eierkuchen-Einlage mit trifig glücklichem Hintergrundchor und eingängiger Melodie. Nichts, was ich gezielt im Radio suchen würde, aber mit mehrmaligem Anhören setzt es sich langsam in meinem Gehöhrgang fest, ohne Abwehrreaktionen auszulösen. Irgendwo ist's nett...

Startnummer 15: Kroatien - Lako Je Sve (Feminnem)



Feminnem ist nicht etwa Eminem nach einer Geschlechtsumwandlung, sondern eine dreiköpfige Girl-Group mit Eurovision-Erfahrung. 2005 traten die drei Blondinen mit einem peinlichen, dümmlichen und billigen ABBA-Abklatsch einer liebevollen Hommage an ABBA auf und holten so den 16. Platz für Bosnien-Herzegowina, dem Heimatland von 2/3 der Truppe. Weshalb auch immer wurden die drei Grazien dieses Jahr im Heimatland des letzten Drittels der Besetzung zum Eurovision-Vertreter gewählt, und so setzt nun Kroatien auf Feminnem. Fast könnte man denken, eine andere Band mit dem selben Namen träte auf: Die Haare wurden dunkler, die Stimmen ebenfalls und statt hastigem Pop auf Touristenenglisch gibt es eine langsame Ballade mit kraftvollen, energischen Phasen. Alles ist einfach bedeutet ihr überhaupt nicht danach klingender Song, der ohne die wohl aus dem Nachbarstudio rüberdröhnenden Technobeats wesentlich stärker wäre. Lako Je Sve ist, wenn man darüber hinwegsehen kann, eigentlich eine ganz nette Fem-Powerballade, die garantiert nicht ohne übertrieben hampelnde, Muskel bepackte männliche Hintergrundtänzer auskommen wird. Wetten, dass?

Startnummer 16: Georgien - Shine (Sofia Nizharadze)



Vergangenes Jahr verzichtete Georgien auf die Teilnahme, da man sich weigerte auf Bitten der EBU den Text seines Beitrags We Don't Wanna Put In zu ändern. Dieser wurde als stark politisch aufgefasst, da die Interpreten "Put in" (offensichtlich/angeblich/aus Versehen) wie "Putin" betonten.

Dieses Jahr ist Georgien wieder mit am Start und schickt eine weniger offensive Kraftballade ins Rennen. Würde man das Arrangement an Kroatien verleihen, wäre das ein wahrer Akt der Güte, so hingegen ist mir Shine gerade im Refrain etwas zu dick aufgetragen. Diese enorm schwellende Musik und dazu Sofia Nizharadzes wahnsinnige Stimme, das ist einfach zu viel, zu überfrachtet. Ob man vielleicht doch einen Tausch in Erwähung ziehen könnte?

Startnummer 17: Türkei - We Could Be The Same (maNga)



Und zum Abschluss des zweiten Halbfinals erwartet uns die Türkei, ein weiteres starkes Eurovision-Land, das ähnlich wie Griechenland in den vergangenen Jahren eine deutliche Masche entwickelt hat. In Oslo wird allerdings auf den markant-typischen Bosporusklang verzichtet und statt Ethno-Pop wird Europa "Nu Metal made in Turkey" vorgesetzt. Ähnlich wie Lordi mit einem ihrer "weicheren" Songs auftrat, lässt die fünfköpfige Band in Norwegen keine toughen, wämmernden Nu-Metal-Sounds auf die Fernsehzuschauer los, sondern nimmt einen Song mit stärker abgeschliffenen Ecken und Kanten. Statt wie sonst üblich, singen maNga für den ESC auch auf Türkisch. Allerdings muss das ja nicht zwangsweise etwas schlechtes sein - Hard Rock Halleluja war richtig geiler Party-Metal und What I've Done gehört trotz mangelnder Härte zu den besten Linkin Park-Songs. Und was maNga angeht... Ich habe Mal in ein paar ihrer Songs reingehört, und während es Musikgenres gibt, in denen fremde Sprachen vollauf funktionieren, klingt türkischer Nu Metal auf mich wirklich sehr befremdlich. Blöd nur, dass der Sänger von maNga bei diesem Lied wie ein zu stark gebuderter Milchbubi klingt. Hoffentlich lässt er diese Masche wieder fallen und gurgelt vor dem Halbfinal-Auftritt ordentlich Whiskey. Denn ein Finale ohne die Türkei wäre einfach nicht das wahre - und den Song an sich hätte ich ebenfalls gerne mit dabei. Bloß wenn möglich bitte in einer raueren Version, als die hier eingebettete.

Das waren sie jetzt also alle: Die Lieder, die sich diese Woche noch beweisen müssen und um einen Platz im Finale kämpfen. Bevor Samstag die große Show halb Europa vor denFernseher fesseln wird, beschäftige ich mich noch mit den Lieder, die auf jeden Fall am Samstag ab 21 Uhr zu hören sein werden. Natürlich auch mit der guten Lena.

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