Mittwoch, 19. Mai 2010

Kekssushi - Der Niedergang des Backofens

Seit Generationen ist die Menschheit im Besitz wertvollen Wissens. Wohl jeder von uns teilt von Kindesbeinen an die selbe Erfahrung. Wir begegneten ihr mit gewaltiger Wahrscheinlichkeit während des gemeinsamen, vorweihnachtlichen Plätzchenbackens mit Mutter: Das Leckerste, was uns beim Plätzchenbacken begegnet ist... der rohe Plätzchenteig! Wer mit Geschwistern (oder einem hungrigen Vater) aufwuchs, wird sich herbe Verletzungen zugezogen haben, wenn es wieder Zeit war für das traditionellen Prügeln um das Recht, die Teigschüsssel auszuschlecken. Jeder hat schonmal heimlich vom ungebackenen Teig genascht. Und trotzdem hat die Weltbevölkerung Milliarden von Tonnen an Teig naiver und ignoranter Weise in einen Backofen geschoben, was zu dem Ergebnis führte, dass leckere Plätzchen geschaffen wurden. Doch diese leckeren Plätzchen hätten phänomenaler Keksteig bleiben können! Und weshalb begannen die Menschen immer und immer wieder diesen fatalen Fehler? Aus nichts weiterem als sturem Konservatismus. "Aus Plätzchenteig wurden schon immer Plätzchen gemacht, weshalb sollte ich es anders machen?"

Langsam und vorsichtig aber macht unsere Gesellschaft einen Lernprozess durch. Zu verdanken haben wir dies den amerikanischen Eismarken Ben & Jerry's und Häagen-Dazs, die Eis der Geschmacksrichtung "Kekse" salonfähig machten. Einst ein Geheimtipp unter weltoffenen und experimentierfreudigen Jugendlichen mit schwach verheimlichten, warmen Gefühlen für ihre Kindheit, eroberte sich diese Geschmackssorte weitere Zielgruppen. Mittlerweile hat Eiscreme mit Keksteig flächendeckenden Einzug in handelsübliche Eisdielen gefunden. Und nicht nur in Mitten von gefrorener Milchcreme werden Plätzchen in ihrer ungebackenen, schmackhafteren Form ungefragt hingenommen, ohne sich vor einem warmen Ofen fürchten zu müssen.

Denn insbesondere Studenten lassen immer häufiger den letzten Schritt der Plätzchenzubereitung ausfallen und verwöhnen sich stattdessen mit einer köstlichen Schüssel Plätzchenteig, auch bekannt als "Kekssushi". Dass ausgerechnet die heutige Generation an Jugendlichen aus dem ewigwährenden Zirkel ausbrach, und der bestialischen Backtradition ein Ende bereitet, liegt in der Bolgna-Studienreform begründet. Ein durchschnittlicher Bachelorstudent hat nicht die Zeit dazu, den Plätzchenteig in die gewohnte Form zu bringen, in den Ofen zu schieben und nach der Backzeit wieder herauszuholen, schließlich muss er sich noch darum kümmern, dass er auch seinen Beteiligungsnachweis in einem überflüssigen Seminar erhält, welches den Stoff einer langweiligen Vorlesung wiederholt. Referate müssen verfasst werden, Stundenprotokolle gehören geschrieben und der Studienstoff in einer genormten, gestrafften Zeit durchgeprügelt. Wer sich nicht um Vorteile bringende Kontakte zum Studien- und Bibliothekspersonal kümmert, wird dies eines Tages bitter bereuen. Und wenn der Bachelorstudent gerade nicht für die Uni schuftet, muss er arbeiten gehen, um sich das Studium zu finanzieren. Schließlich muss er dafür bezahlen, studieren zu dürfen. Manche Studenten könnten sich deshalb nichtmal dann Plätzchen backen, wenn sie es wollten. Aufgrund der Studiengebühren können sie sich nämlich keine unnötig hohe Gas- oder Stromrechnung leisten.

Wird somit einer der größten Fehler der Menschheit endlich für immer in Vergessenheit geraten? Als Antwort auf diese Frage ist derzeit leider ein "Nein!" zu befürchten. Das Bachelorstudium wird unentwegt reformiert und soll in seiner vollgepackten, verschulten Form entschlackt werden, so dass Studenten wieder Zeit hätten, in alte Muster zurückzufallen und einen mit Plätzchen befrachteten Backofen zu bewachen. Je nachdem, welche Parteien sich in Nordrhein-Westfalen zusammenraufen, könnten im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands die Studiengebühren abgeschafft, und hemmungslosen Backtagen Tür und Tor geöffnet werden. Kekssushi würde somit in eine Randposition als kuriose Eissorte zurückgedrängt. Und selbst da ist ein ungebrochener Erfolg, wie ihn einst die Kombination "Milcheeis mit kleinen, harten Schokoladenstückchen" genoss, nicht garantiert. Zu viele vor allem ältere Bürger stehen stutzend an der Eistheke, runzeln angesichts der Sorte "Cookies" die Stirn und wählen eine Kugel Vanillie. Ähnliches gilt für akute Langweiler, verängstigte Mauerblümchen und Entsandte des Teufels, deren Aufgabe es ist, die Menschheit daran zu hindern, aus ihren Fehlern zu lernen. Denn wenn viele Leute mit Vanillieeis durch die Gegend rennen, dann bekommt keiner Lust auf Cookieseis.

Wir müssen den Bremsprozess beenden und die Entwicklung zum Guten weiter beschleunigen! Klar, die Studenten unter uns müssten dafür ein paar kleinere Opfer bringen. Aber sie wären überaus lohnenswert.

7 Kommentare:

Mowgli hat gesagt…

iehh... Roher Keksteig ist doch echt widerlich... :D
Hoch lebe das Staatsexamen im von Studiengebühren befreiten Land Hessen. Da hat man dann auch noch zum Backen Zeit.^^

Dank dir weiß ich jetzt übrigens, dass Häagen-Dasz keine dänische Eismarke ist (was ich irgendwie immer dachte oO), danke dafür ;)

Anonym hat gesagt…

Ich seh es schon, der neue Rafunzelname hat bei dir bleibende Schäden hinterlassen. XD
Roher Keksteig in rauen Mengen? Mir wird schon beim Gedanken daran schlecht!

Sunshine hat gesagt…

... Sowas gibt es? Whoa!

Ich gehöre zu den glücklichen Kindern, die weder nervige Geschwister noch einen hungrigen Vater zur Seite prügeln mussten (aber nur, weil mein Vater lieber fertige Kekse mochte und er außerdem seiner kleinen, süßen Tochter das Schüssel-Ausschlecken nicht nehmen wollte *g*). ;)

Muss ich doch mal nach Cookieseis Ausschau halten.Ich bin immerhin unkonventionell genug, die unaussprechliche Sorte Stracciatella zu nehmen. Oder Lebensmittelfarbstoff. *yummy*

Mowgli hat gesagt…

Dieser Beitrag hat mir heute so sehr Lust auf Ben & Jerry's Eis gemacht, dass ich eine wahre Odyssee hinter mir hab. In der Lebensmittelabteilung von Galeria Kaufhof fand ich endlich die Sorte, die ich haben wollte (Bohemian Raspberry), nur um, wieder zu Hause angekommen, merken zu müssen, dass das Eis mit Eiskristallen durchzogen war.
Nach dem ganzen Umtausch-Prozedere wurde es dann doch Häagen-Dasz Vanilla Caramel Brownie. Auch Lecker :D

Steve hat gesagt…

Mmmmmmm.... Cookie Dough ist so lecker! =) Genau wie Baked Alaska und Chocolate Therapy (welches es in Deutschland irgendwie nicht mehr gibt).

Sir Donnerbold hat gesagt…

@ Mowgli: Bezüglich Häagen-Dasz... Genau diese Assoziation will die Marke erwecken. Eine Zeit lang waren sogar die Konturen Dänemarks auf den Verpackungen abgedruckt. Man möchte in den USA als "fremd" und "europäisch" durchgehen und sich hierzulande an den "Anti-Imperialisten-Scheiß"-Leuten vorbeimogeln. *g*

Kevin Kyburz hat gesagt…

Calwer Straße 31, neben dem zweiten Maredo, Königstraße-Seitengasse vor der U-Bahnstation Stadtmitte rechts hoch = Häagen-Dasz-Eisdiele! Stuttgarts schönste Ecke.

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