Sonntag, 30. Mai 2010

Lenas Triumph und die Folgen - Gibt es 2011 "Unser Star für Berlin" oder die doppelte Dosis Lena?

Wie lange ein einziger Tag doch sein kann. Innerhalb von 24 Stunden tröpfelte langsam die Erkenntnis, dass Lena mit Satellite den Eurovision Song Contest gewann in den Verstand ein, wurde diese nachricht erstmal so richtig verarbeitet, das deutsche Fernsehprogramm durcheinandergwürfelt, Lenas feierlicher Empfang und zahlreiche Sondersendungen wurden organisiert, mit heißer Nadel Sondersendungen zurecht geschnitten und so viel gefeiert, wie sonst nur wenn Deutschland an Heiligabend vom Osterhasen den Fußball-Weltpokal geschenkt bekommt. Außerdem erlebte man zum (wenn meine Erinnerung nicht trügt) ersten Mal seit seinem Besuch beim Kegelclub "die Muschis" einen angetrunkenen Stefan Raab im deutschen Fernsehen. Und eben jener heizte in Anwesenheit von Fernsehteams, Pressevertretern und ungezählten Fernsehzuschauern einen versammelten Ratahusplatz an Leuten ein und fragte ihn, was er davon halten würde, wenn Lena 2011 die "Europameisterschaft im Singen im eigenen Land" verteidigen würde.

Genau hier machte sich für mich der erste Wermutstropfen in Mitten des triumphalen Endorphinrausches breit. Okay, Stefan Raab erlebte einen gewaltigen Adrenalinschub, die Glückshormone werden ihm die Sinne vernebelt haben und vor lauter Enthusiasmus und Restalkohol im Blut wird er nicht so ganz gewusst haben, was seine spontane Schnapsidee zu bedeuten hat. Deshalb sollte man seine Aussage nicht völlig für bare Münze nehmen. Dennoch bleibt abzuwarten, ob Raab nicht auch später zu seinem Wort stehen will. Sofern er es kann und das Reglement es erlaubt, dass der Vorjahressieger erneut antritt (bislang ist mir keine derartige Aussage begegnet, aber wer weiß?). Ich zumindest fände es wirklich schade, sollte Raab erneut auf Lena setzen. Lasst mich erklären, wieso.

Die Lena-Defensive

Zunächst einmal möchte ich Lena und ihren Siegeszug in Oslo verteidigen und schon allein deswegen von der Titelverteidiger-Taktik abraten. Die Idee des zu verteidigen Titels entlehnt Raab zu sehr aus dem Sport, der Eurovision Song Contest als Kulturveranstaltung... ach, Quatsch, sein wir ehrlich... Unterhaltungsshow funktioniert ein wenig anders.
Lenas erfolgreiches Abschneiden ist wegen der 28-jährigen Pause seit unserem letzten Sieg und den vergangenen, deaströsen ESC-Jahre ein denkwürdiger Meilenstein in der deutschen Popkulturgeschichte. Es wäre vermessen und wahnsinnig, das Andenken an Lenas Triumph dadurch zu gefährden, dass man Lena im Folgejahr erneut dem Urteil Europas aussetzt. Sie kann dabei nur verlieren. So lange sie unter den ersten drei Rängen landen sollte, wäre man glücklich, mit den Top Ten wäre bereits ein Schatten auf ihren Sieg geworfen (mit den Plätzen 6 bis 10 deutlich größer als mit Platz 4 oder 5), und alles was darunter wäre, wäre eine Katastrophe. Dazu erinnern sich Menschen einfach viel zu gut an negative Ereignisse, und vor allem das deutsche Mecker- und Pessimismusgen würde aus der sensationellen Lena, die uns mit einer charismatischen Performance zum Sieg brachte, plötzlich die erfolgsverwöhnte Exgewinnerin machen, die einen bösen Absturz erlebte. Insbesondere, wenn ihr Fall so kurz nach ihrem Karrierehöhepunkt erfolgt. Sollte Lena in drei Jahren (oder später) wieder zum Song Contest fahren wollen, liefe sie noch immer Gefahr, schlecht abzuschneiden, aber die Auswirkungen wären nicht mehr so enorm, da sich ihr Sieg dieses Jahr bereits im Gedächtnis stärker festsetzen konnte. Bis dahin sollte man sich aber damit begnügen, ihr eine hervorragende Eröffnungsnummer zu schenken, damit der ESC 2011 von Beginn an eine tolle Show ist.

Die Deutschland-Offensive

Man sollte nicht nur Lena und ihrem Denkmal zuliebe darauf verzichten, sie bereits 2011 wieder ins Teilnehmerfeld zu stoßen. Ganz größenwahnsinnig gedacht, sollte man auch zum Wohle der deutschen Eurovision-Statistik auf ein anderes Pferd setzen. Denn auch, wenn man nicht mit einem Doppelsieg Deutschlands rechnen sollte (es gab bislang nur 3 Doppelsiege und einen Dreifachsieg, und das war alles vor Einführung der Telefonvotings), so sollte man sich auf jeden Fall Griechenland zum Vorbild nehmen: Dauerabbonnement auf die Top Ten. Ob das mit einer doppelten Dosis Lena gelingt, wage ich an dieser Stelle zu bezweifeln. Denn der Eurovision Song Contest lebt von Überraschungen. Als 2007 nach dem Lordi-Sieg auf Rock gesetzt wurde, waren Balladen am Drücker. Die ganzen Geigennummern dieses Jahr, die sich an Alexander Rybaks Erfolg orientierten, wurden in die Flucht geschlagen. Okay, Griechenland und zu gewissem Grade auch die Türkei schaffen es immer wieder mit Ethnopop in die Top Ten, aber dabei hanelt es sich wenigstens um ein ganzes Subgenre, das man zudem erwiesenermaßen stark variieren kann. Lena dagegen ist einfach nur Lena. Das ist ihre Stärke, und daran sollte sich nichts ändern, aber beim Eurovision Song Contest wirkt das zweimal hintereinander mit großer Sicherheit langweilig. Wir sind besser beraten, wenn wir eine weitere Künstler/Song-Kombination suchen, hinter der wir mit geballter Überzeugung stehen, statt uns bloß zu wiederholen.

Aber wir müssen erstmal abwarten, was der NDR, die ARD und ProSieben zu Stefan Raabs Träumerei sagen. Die Fernsehsender wollen sicherlich nicht auf den Quoten- und Kritikererfolg des Raabcastings verzichten und werden bestimmt auf ein Unser Star für Berlin (oder Köln, Hannover, Hamburg oder wasauchimmer) verzichten wollen. Vielleicht sollte man dieses Mal auch auf Duos oder Bands setzen, statt nur auf Solotalente? Es brächte auf jeden Fall mehr Abwechslung in den Song Contest - und mehr Spannung.

7 Kommentare:

Andi hat gesagt…

Hm, ich hatte gehofft, du überzeugst mit jetzt von der Qualität der Idee.
Der einzige Punkt ist, dass man nächstes Jahr nicht mit dem gleichen Ernst einen "Star für X" suchen kann, weil sicher davon auszugehen ist, dass das gleiche Land nicht zweimal infolge gewinnen wird - egal wie gut der Auftritt ist; da geht's einfach um's Prinzip! Und so eine Sendung zu veranstalten ohne ernsthaft gewinnen zu können/wollen macht keinen Sinn. und für eine die schoneinmal gewonnen hat wäre eine Niederlage nicht so tragisch.
Aber damit kann ich mich nicht wirklich trösten. ich war schon immer jemand, der dem Moment kostet und ihn für etwas einzigsrtiges hält und ihn daher nicht kopiert sehen möchte. Daher fand ich schon von vornehrein doof nächstes Jahr nochmal die Show zu machen, denn etwas Schönes soll meiner Meinung nach im etwas einzigartiges bleiben und nicht im Sumpf der Kopien verschwinden. Daher übrigens auch meine Abneigung gegen Fortsetzungen von Kinofilmen ;-) Insofern gebe ich dir also vollkommen Recht.
Ich halte mich jetzt an Jan Feddersen, der in seinem akteullen Blog-Eintrag schreibt, dass Raab selbst darauf sowieso keinen Einfluss hat.

So und zum Schluss kann ich mir eine kleine Spitze nicht verkneifen. Hast du die Presse-Konferenz gesehen? Raab wörtlich: "...dass Deutschland wieder stolz sein kann auf seine musikalischen Taten..." Stolz auf die Leistung anderer Landesgenossen... Hatten wir das neulich schonmal?! ;-)

Sir Donnerbold hat gesagt…

"ich war schon immer jemand, der dem Moment kostet und ihn für etwas einzigsrtiges hält und ihn daher nicht kopiert sehen möchte. Daher fand ich schon von vornehrein doof nächstes Jahr nochmal die Show zu machen, denn etwas Schönes soll meiner Meinung nach im etwas einzigartiges bleiben und nicht im Sumpf der Kopien verschwinden. Daher übrigens auch meine Abneigung gegen Fortsetzungen von Kinofilmen ;-)"

Diese Logik ist ja wohl (trotz Augenzwinkern) eher lachhaft. Was sollte man stattdessen machen? Nie wieder ein respektvolles Casting, bei dem man die Künstler ehrt und mit den heavytones gute Musik macht, sondern lieber Würfeln? Und wenn man das gemacht hat intern entscheiden... Ach ne, geht ja nicht, hatten wir schonmal. Wollen ja nix wiederholen. Äh... darf man dann eigentlich überhaupt noch einen ESC machen?

Lena sofort nochmal zu schicken, das ist zweimal das selbe. Das ist ZU ähnlich. Wenn man aber USfO neu auflegt, und etwa auch Bands zulässt (oder nur Bands oder sowas), dann macht man etwas neues auf bewährter Basis, und nicht etwa USfO kaputt. Deiner Logik nach dürfte es auch kein "Schlag den Raab" mehr geben, weil die erste Ausgabe ja so schön war.

Man könnte auch sagen, dass nicht Fortsetzungen dein Problem sind, sondern mangelndes Talent Unterschiede zu erkennen. *mal hoffentlich kumpelhaft frech sei, extra für deinen Seitenhieb am Schluss*

AlphaOrange hat gesagt…

Ich finde auch, dass man genau den falschen Weg geht. Statt nochmal genau dasselbe zu machen (und damit entweder auf die Nase zu fallen und/oder das völlig falsche Signal zu geben) müsste man etwas komplett anderes probieren. USFDeutschestadt als Bandcontest - warum nicht?

Ist ja nicht so, als ob nicht jedes Jahr ein Land vor dem "Problem" stünde, seinen ersten Platz kaum wiederholen zu können. Auf den Gedanken, dass das keinem neuen Künstler zuzumuten sei, ist von denen aber nie jemand gekommen.

Andi hat gesagt…

Na na na, jetzt werd mal nicht frecher als ich!
Das mangelde Talent würde ich eher dir in die Schuhe schieben: Ich sprach zuerst von Kopien! Wenn man nächstes Jahr eine Show von genau gleichem Format und genaugleichem Ziel ansetzen würde wäre das eine Kopie. So wie jede neue DSDS-Staffel eine Kopie der ersten ist. Denn wie du schon schreibst ist zweimal dasselbe ZU ähnlich! Über einen Band-Contest habe ich schon drüber nachgedacht, aber die Tatsache, dass es auch hier wieder eine Casting-Show von Raab mit dem Ziel des ESC-Gewinns wäre ist mir für meinen Geschmack schon zu ähnlich und meiner Ansicht nach insofern zum Scheitern verurteilt, als dass der diesjährige Hype sicher nicht wiederholt wird. Aber ab wann einem die Ähnlichkeit zu hoch ist, ist jedem selbst überlassen. Ich persönlich wäre froh, wenn es gar keine Casting-Shows mehr geben würde. Mit USFO hat man jetzt die Spitze erreicht, besser geht's nicht und auf den ganzen POPDS-Kram konnte ich immer schon verzichten. Und von mir aus soll der NDR hinschicken wen er will, dann ist mir der ESC halt wieder so egal wie die letzten Jahre zuvor. Damit konnte ich auch leben.
Zum Begriff "Fortsetzung": Ich schrieb, dass ich die meisten Fortsetzungen von Kinofilmen nicht mag als Beispiel dafür, dass ich keine Kopien mag. Und viele Fortsetzungen und nebebei bemerkt auch Remakes etc. SIND Kopien des Originals. Man denke nur an "Simbas Königreich"! Für mich ist oftmals allerdings auch schon die Verwendung der alten Figuren ein Kopie, selbst wenn die Geschichte eigenständiger ist. Bitte UNTERSCHEIDE zwischen den Begriffen "Kopie" und "Fortsetzung"!
Von daher ist dein Argument bzgl. SdR lächerlich, weil eine Show nunmal von vorneherein auf mehrere Ausgaben festgelegt ist. Deswegen habe ich im Allgemeinen auch nichts gegen Filmreihen, die als solche geplant sind. Bescheuert finde ich jetzt dagegen, dass jetzt dverse Sender Raab zu kopieren versuchen indem sie plötzlich alle irgendwelche Spielshows aus der Luft stampfen!
Und was USFO angeht hatte ich nicht den Eindruck, als wäre von vorneherein geplant gewesen, das als jährliches Format zu etablieren. Natürlich ist es fernsehfinanziell sinnvoll, etwas erfolgreiches zu wiederholen, aber vor allem finanziell. Ich denke niemand wird der 12. Big-Brother-Staffel oder der 8.-DSDS-Staffel ein großes Maß an Kreativität zusprechen.
Es wäre schön, wenn der ganze Mist endlich beendet würde und man lieber auf wirklich neue Ideen kommen würde und nicht Altbackenes nochmal anders anstreichen würde. Soll heißen: Wenn der Erfolg von SdR nachlässt bitte keinen Regeländerungen etc. sondern einfach absetzen und neues Format ausdenken! Soll heißen: Der Erfolg von USFO ist nicht mehr steigerbar, bitte ein neues Format. Natürlich wird es immer ein Auswahlverfahren bleiben, aber etwas anderes ist ja auch gar nicht möglich. Aber es gibt viele formale wie inhaltliche Möglichkeiten.
Ich hoffe jetzt ist meine Position dir klarer.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Du frech zu mir (sagst ja selbst, du ziehst mich als Gegner heran... sehr bezeichnend...), ich frech zu dir. Konto ausgeglichen.

Juergen hat gesagt…

Das jemand beim ESC seinen "Titel" verteidigt gabs ja noch nie, also warum nicht?
Ein Fußball-Weltmeister tritt beim nächsten Turnier auch wieder an und der Titel-Gewinn wird nicht geschmälert wenns dann nicht klappt.
Dazu glaube ich nicht, das der NDR danach nochmal den ESC ausrichten will...

Wenn man sieht, wer dieses Jahr bei USFO alles ausgeschieden ist - da könnte man einfach wieder ein Casting unter den restlichen 19 veranstalten.

Dann gibts nächstes Jahr ein Casting für das beste Lied - auch mal was neues...

Sir Donnerbold hat gesagt…

Kommt darauf an, ob du die Titelverteidigung an der Person oder dem Land festmachst. Die Iren haben letzteres schon einmal geschafft.

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