Samstag, 29. Mai 2010

Meine zehn liebsten Eurovision-Beiträge aus Deutschland

Stefan Raab, Unser Star für Oslo, Lena und Satellite sei Dank besteht wieder große Euphorie, wenn es um den Eurovision Song Contest geht. Ob wir die Favoritenrolle, die uns einige Medien zusprechen, in einen Sieg verwandeln können, ist eine andere Frage, aber wenigstens haben die meisten Deutschen wieder Freude am internationalen Musikwettbewerb.

Zur Feier dessen präsentiere ich euch an dieser Stelle meine zehn liebsten Lieder, mit denen Deutschland beim Eurovision Song Contest antrat.

Sondererwähnung: Irgendwo zwischen peinliche, verspätete Stil-Imitation und süß-unschuldig "catchy": MeKaDo mit Wir geben 'ne Party aus dem Jahr 1994. Ganz und gar in Vergessenheit geraten, obwohl es den dritten Platz belegte.

Platz 10: Bonne nuit, ma Chéri (1960)
Gesungen von Wyn Hoop, Geschrieben von Franz Josef Breuer & Kurt Schwabach

Beginnen wir diese Hitliste eher ruhig, besonnen und altmodisch. Der damals auf Platz 4 (von 13) gewählte deutsche Beitrag zum sechsten Eurovision Song Contest geriet leider relativ stark in Vergessenheit und erreichte hierzulande auch nur Platz 44 der Charts. Dabei hat es eine schön dramatisch-romantischen Einschlag. Schlagersänger Wyn Hoop dürfte deswegen am ehesten mit seinem deutschen Elvis-Cover Bist du einsam heut Nacht Bekanntheit erlangt haben, welches seiner sonoren Stimme sehr gut zum Gesicht stand. Aber zurück zum eigentlichen Lied: Es kommt zwar nicht richtig aus dem Tritt, aber es erzeugt eine nachdenklich-liebevolle Atmosphäre und konnte sich deshalb auf den Platz 10 meiner Hitliste manövrieren.

Platz 9: Feuer (1978)
Gesungen von Ireen Sheer, Geschrieben von Jean Frankfurter & John Möring

"Das Gesetz der Zehn" verlangt ja, das Artikel wie dieser gefälligst eine Top Ten zu präsentieren haben. Elf Ränge wirken so, als könnte man sich nicht zusammenreißen (oder wolle den Nostalgia Critic nachmachen), neun oder acht Plätze wirken dagegen faul. So sehe ich mich gezwungen, diese Liste mit meiner Meinung nach guten Liedern zu füllen, die ich mir "einfach so" aber nicht anhören würde. Feuer ist ein energiereicher, voranpreschender und auch fetziger Schlager, den ich im Alltag nicht aufsuchen würde, der mir im Rahmen von Eurovision-Retrospektiven aber stets gefällt und mich auch die Lautstärke aufdrehen lässt. Ireen Sheer sang sich damit in Paris auf Platz 6 (von 20). Der Gewinnertitel des Jahres stammte aus Israel.

Platz 8: Johnny Blue (1981)
Gesungen von Lena Valaitis, Geschrieben von Ralph Siegel & Bernd Meinunger

Mit Elektrobeats im Hintergrund und einem Rapintro könnte Johnny Blue auf Englisch garantiert heute noch die Charts erobern. Okay, die Sängerin müsste sich die Haare emomäßig ins Gesicht kämmen, aber was tut man nicht alles für den Erfolg?
Johnny Blue erreichte in Dublin Platz Zwei und wurde um nur vier Punkte vom Beitrag aus dem Vereinigten Königreich geschlagen. Valaitis, die im Folgejahr das Titellied zu Mrs. Brisby und das Geheimnis von Nimh einsang, brachte mit Johnny Blue einen der dramatischsten Eurovisionssongs aus deutschen Landen auf die Bühne. Trotzdem wirkt Johnny Blue nicht selbstauferlegt bitter, sondern hat auch einen optimistischen Grundtenor. Eine Kombination, die gefällt.

Platz 7: Wunder gibt es immer wieder (1970)
Gesungen von Katja Ebstein, Geschrieben von Christian Bruhn & Günther Loose

Katja Ebsteins erstes von drei Eurovisionliedern ist schnell überspielt, und deswegen werden viele bei diesem Titel schnell mit den Augen rollen. Die für 70er-Schlager wirklich sehr typische Art dieses Songs hilft ihm auch nicht gerade, seiner Überreizung entgegenzuwirken. Aber wenn man davon absehen kann und sich auf das Lied alleine konzentrieren kann, dann ist Wunder gibt es immer wieder ein wirklich guter Titel, der (zumindest im starken Refrain) die Schlagerbürde ablegt und mit großen Schritt direkt in Richtung deutsches Musikkulturgut schreitet. Die Stophen hingegen haben sich zu Recht weniger hartknäckig im Gedächtnis festgesetzt. 1970 reichte es in den Niederlanden für Platz 3 beim Wettbewerb, es gewann die Rekordsiegernation Irland.

Platz 6: Theater (1980)
Gesungen von Katha Ebstein, Geschrieben von Ralph Siegel & Bernd Meinunger

Bei Theater muss ich zumindest während des ersten Dritels irgendwie an Lasst mich euch verwöhnen aus Basil, der große Mäusedetektiv denken. Der dritte Eurovisionssong von Katja Ebstein schafft eine schöne Varieté-Stimmung, die zu Beginn noch sehr bedrückt, angespannt und dramatisch ist, bevor sie sich zum Schluss hin immer mehr öffnet. Es ist auch eine ironisch-kritische Nummer, die Ralph Siegel und Bernd Meinunger für den Song Contest schrieben, die sich mit der Scheinwelt des Theaters und den Anforderungen des Publikums auseinandersetzt - und sie im gleichen Atemzug glorifiziert. Ja, ab und zu geht's beim Eurovision Song Contest mehr, als nur um Schall, Rauch und Glitzerpailletten. Den in Den Haag stattfindenden Wettberwerb verließ Deutschland auf Platz Zwei, um fünfzehn Punkte geschlagen von Irlands Barden Johnny Logan, der mit What's another year? auftrat.

Platz 5: Guildo hat euch lieb (1998)
Gesungen von Guildo Horn, Geschrieben von Alf Igel (aka Stefan Raab)

1998 wurde der Eurovision Song Contest neu erfunden. Einerseits durch die Einführung der Telefonvotings, die zunächst Mitmacheuphorie und Demokratieglauben, später ständige Ostblockparanoia und fadenscheinige Entschuldigungen seitens der Verlierer auslösten. Andererseits wurde aber vor allem in Deutschland der Eurovision Song Contest, der massiv an Popularität verlor und durch die Nichtqualifizierung im Jahr 1996 hierzulande endgültig einen Genickbruch erlitt, revitalisiert. Und wem haben wir das zu verdanken? Natürlich Stefan Raab und Guildo Horn!
Guildo Horn und seine orthopädischen Strümpfe verquicken Schlagermelodie und -mentalität mit rockigen Arrangements und die Texte parodieren wundervoll das klassische Schlagergut. Zusammen mit Guildos extrovertiertem und quirligem Auftritt, war der schräge Abgesang auf das Bild, das sich der Eurovision Song Contest in den Jahren vorher langsam aufbaute, absolut perfekt. Den Show- und Comedynummern der Folgejahre war der Weg bereitet und Deutschland fand wieder Interesse am sich verjüngenden Wettberweb. Der Siegertitel des Jahres passt genauso gut ins Bild: Dana International, eine Transsexuelle aus Israel, holte sich in Birmingham den Sieg, während Guildo Horn zwar nur Platz 7 erreichte, sich aber zu den erinnerungswürdigsten Nichtsiegern der Wettbewerbsgeschichte aufbaute.

Platz 4: Dschinghis Khan (1979)
Gesungen von Dschinghis Khan, Geschrieben von Ralph Siegel & Bernd Meinunger

Ralph Siegels Dschinghis Khan war eigentlich seiner Zeit weit voraus. Es war ein reiner Showact mit Kostümen, Choreographie und Disco-Schlagermucke, außerdem würfelte man die Truppe extra für den Eurovision Song Contest zusammen. Hinzu kommen Textstellen wie "Hu! Ha!", und schon steht Dschinghis Khan direkt in einer Reihe mit modernen ESC-Nummern wie Wild Dances, dem ukrainischen Gewinnerbeitrag von 2004. Dschinghis Khan, ein manchmal belächeltes, aber dennoch immer auch für glückliches Grinsen und Mitwippen sorgendes Stimmungslied, erreichte in Jerusalem den vierten Platz. Und möchte man Zeitzeugen Glauben schenken, witterte halb Europa großen Betrug. Zumindest meine Mutter beteuert immer wieder, dass sie im jährlichen Griechenlandurlaub nach diesem "Grand Prix" von allen nur verärgerte und mitleidige Stimmen zu hören bekam, dass "wir" hätten gewinnen müssen. Der Sieg ging übrigens erneut nach Israel, wo extra für die Ausrichtung des Wettbewerbs die Einführung des Farbfernsehens vorgezogen wurde.
Dschinghis Khan gehört zu den seltenen, extra für den Song Contest zurecht geschusterten Gruppen, die sich danach noch einige Jahre halten konnten. Und sie hatten auch international Erfolg, darunter in Japan, Israel, der Suwjetunion und Australien, Ländern, in denen sie den ersten und bislang einzigen deutschen Nummer-Eins-Hit der Charts stellten.

Platz 3: Satellite (2010)
Gesungen von Lena Meyer-Landrut, Geschrieben von Julie Frost & John Gordon

Während ihrer ersten Auftritte bei Unser Star für Oslo im Internet noch als "Nora Tschirner jr." betitelt, dürfte Lena (zumindest für diesen Augenblick) die witzige und ähnlich liebenswürdig-freche Schauspielerin und Moderatorin in Sachen Bekanntheit und Beliebtheit überflügelt haben. Und ihr Eurovisions-Beitrag Satellite? Der genießt kurz vor dem Wettbewerb deutlich mehr Unterstützung, als in den Sekunden, kurz nachdem er im Vorentscheid präsentiert wurde. Das liegt wohl an seinen unglaublichen und überraschenden Dauerbrenner-Qualitäten. Viele Lieder wären nach dermaßen intensivem Radioairplay absolut überreizt, Satellite hingegen legte erstmal Stück für Stück zu und verbesserte sich mit mehrfachem Anhören. Der Aufwärtstrend dürfte bei vielen wieder gestoppt sein, aber nur die wenigsten dürften ihn jetzt schlechter finden, als beim ersten Kontakt. Beim Eurovision Song Contest bringt hohe Wiederspielbarkeit bloß wenig (immerhin gibt's ja die zehntausend Schnelldurchläufe vor der Punktevergabe) - andererseits haben viele Deutsche, so wie ich, Satellite erstmals während des USfO-Finales gehört, als man gemeinschaftlich ein Wunder erwartete. Das ist beim Song Contest ja wieder völlig anders. So oder so - Satellite ist ein verspieltes, blubberndes Liedchen, das sehr lange frisch bleibt und eine gute Spielbühne für Lenas Gesangsstil bietet. Und es soll bereits auf Metal-Partys mitgesungen worden sein tun bumms dingens, äh... wisst was ich mein. Wenn das Lordi wüssten!

Platz 2: Wadde Hadde Dudde Da? (2000)
Gesungen und geschrieben von Stefan Raab

Zeigte Guildo Horn, dass Deutschland sehr wohl Humor haben kann, untermauerte Stefan Raab diese Vermutung zwei Jahre später. Beim Eurovision Song Contest in Schweden trat Stefan Raab im peinlichen Glitzeranzug auf und setzte Europa mit Wadde Hadde Dudde Da? eine spaßige Funk-Nummer mit rasant abgeliefertem (Pseudo-)Schwachsinnssprechgesang ab, die ohne die offensichtliche Unersnthaftigkeit sicherlich einen Kulturschock auslösen könnte. Doch Raab war nicht nur offensichtlich ironisch, sondern paarte seinen ganz eigenen Humor, der hier noch besser durchknallte als bei Guildo Horns Beitrag, auch mit einer musikalisch qualitätsvollen Komposition. Und gerade dies hebt Stefan Raabs Wadde Hadde Dudde Da? von vielen Spaßauftritten der Folgejahre ab. Raab machte Schwachfug auf hohem Niveau, den man sich auch anhören kann, wenn man überhaupt nichts vom Text versteht und während des Auftritts wegsieht. Wadde Hadde Dudde Da? landete im Wettbewerb auf Platz 5, nur zwei Punkte hinter dem Song aus Estland. Vielleicht hätten wir die Esten noch hinter uns lassen können, wären die Backgroundsängerinnen (und die mitsingenden bandmitglieder) talentierter gewesen, denn seien wir mal ehrlich: Während des Liveauftritts haben sie nicht jeden Ton angenehm mitgenommen. Dennoch schaffte es Stefan Raabs zweiter Angriff auf die Welt des ESCs in eine "Memorable Moments"-Montage während der offiziellen Jubiläumssendung zum 50. Song Contest. Das dürfte Herrn Siegel wohl etwas sauer aufgestoßen sein, schließlich beschimpfte er kurz nach dem Wettbewerb Raabs Leistung als eine Schande, ein fünfter Platz wäre vollkommen inakzeptabel für Deutschland. Tja, es war unsere beste Platzierung im vergangenen Jahrzehnt...

Platz 1: Can't wait until tonight (2004)
Gesungen von Max Mutzke, Geschrieben von Stefan Raab

2004 stellt gewissermaßen einen Wendepunkt in Stefan Raabs Karriere dar. Zuvor war Raab ein talentierter, frecher Entertainer, der sich für seine Sendungen ins Zeug legte, aber nie den Eindruck erweckte, als nehme er irgendetwas besonders ernst. Auch seine Musik spiegelte das wieder: Zwar reihten sich zwischen Raabs reinen Scherznummern wie Hol mir ma' 'ne Flasche Bier einige gut komponierte Lieder, aber keines davon war nicht irgendwo ein Spaßlied. Mit SSDSGPS (Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star) änderte sich dies. Was anfangs wie ein Seitenhieb auf DSDS wirkte, entwickelte sich zu einem ambitionierten Musik-Talentwettbewerb, bei dem hervorragende Künstler mit Respekt und Achtung empfangen wurden. Seltsamerweise waren einige Jahre später bei SSDSDSSWEMUGABRTLAD und Unser Star für Oslo erneut weite Teile der Öffentlichkeit vollkommen baff, dass ausgerechnet Raab etwas mit großer Ernsthaftigkeit und Achtung vor den Gefühlen anderer umsetzen kann. Das Gedächtnis ist manchmal halt sehr kurzatmig.
Jedenfalls schickte sich Stefan Raab 2004 an, den Eurovision Song Contest dieses Mal nicht mit einer witzigen Shownummer zu erobern, sondern mit einem starken Gesangstalent und einem ernstzunehmenden Song. Mit Max Mutzke fand er auch einen wundervollen Sänger, der eine soulige und einschmeichelnde, gefühlvolle Stimme hat, und Raabs Can't wait until tonight ist eine romantische, langsame und dennoch beschwingte, wunderschöne Ballade. Man merkte Raab an, dass er hiermit den Sieg viel mehr herbeiersehnte, als zuvor. Und ich hatte ihm die Spitzenposition nochmal um einiges mehr gegönnt, als eh schon. Leider sollte es nur der achte Platz sein (danach ging es für Deutschland beim ESC steil bergab), stattdessen holte sich in Istanbul die Ukraine den Sieg. Dennoch hielt Raab an Mutzke fest und unterstützte ihn als Produzent und Komponist. Mutzke wuchs als Bühnenkünstler heran (er steht, tanzt und hat die Augen offen!) und Can't wait until tonight hat auch Jahre nach dem Medienhype nichts von seiner Wirkung verloren. Ein wirklich großartiges, ruhiges Lied, das alles richtig macht.

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