Freitag, 4. Juni 2010

Eurovision 2010: Mein Fazit

(Quelle: www.eurovision.tv)

Es ist schwer, den Eurovision Song Contest 2010 durch eine möglichst objektive Brille zu betrachten und sich nicht völlig von Lenas Sieg beeinflussen zu lassen. Schließlich war dieser Abend für mich ab dem vom Hallenpublikum gefeierten Beginn von Satellite eine einzige Feier, vollkommen unabhängig von den eigentlichen Qualitäten der Show (*mehr dazu*). Mittlerweile aber konnte ich etwas Abstand zu Lenas Sieg gewinnen und denke, die Show als solche besser beurteilen zu können, als es etwa Sonntag noch der Fall gewesen wäre.

Die Moderation

Obwohl der Eurovision Song Contest die zuschauerstärkste Unterhaltungssendung der Welt ist, sind die Moderatoren des Song Contests ein schnell übersehenes Detail der Show, das nur wenig Eindruck hinterlässt. Kein all zu großes Wunder, schließlich müssen sie nicht viel mehr erledigen, als die mittlerweile altbekannten Regeln vortragen, sich beim Veranstalter des vorjährigen Wettbewerbs zu bedanken und zum anrufen aufzurufen. Dennoch sollte man die Bedeutung der Moderatoren nicht unterschätzen. Während die ESC-Moderatoren kaum Raum hbaen, sich positiv hervorzuheben, so fällt es sehr wohl auf, wenn sie einen schlechten Job machen, wie vielleicht die Erinnerung an eine rosa Schreckschraube bestätigen, die vor wenigen Jahren den komödiantischen Part übernahm.

Die diesjährigen Moderatoren Erik Solbakken, Haddy N'jie und Nadia Hasnaoui waren eher profillos, aber angenehm. Vor allem Erik Solbakken war charismatisch und sein Votingaufruf nach dem letzten Act war ganz unterhaltsam. Die Idee, dass der blonde Sunnyboy Solbakken außerhalb des Kameraausschnitts alles herbeizieht, von dem er gerade spricht ("Machen sie sich Popcorn" *Popcorn herbeihol und in Mikrowelle steck*) wurde in ihrer Cartoonhaftigkeit dermaßen konsequent durchgezogen, dass man für sie trotz des abgedroschenen Konzepts loben muss, zumal er es vor über 120 Millionen Zuschauer live machte, was diesem Sketch eine enorme Fallhöhe verlieh. Bei einer Aufzeichnung wären die Anforderungen an perfektes Timing nämlich bedeutsam niedriger gewesen.

Ein kleiner Wermutstropfen war für mich Hasnaouis Präsentation der Punktevergabe. Mir ist zwar bewusst, dass beim Eurovision Song Contest trotz der stattlichen Länge dieser Show mit einem knappen Zeitfenster gearbeitet wird, welches dieses Jahr noch stärker verkürzt wurde, da man Spanien unvorhergesehener Weise zweimal auftreten ließ, dennoch hätte ich mir etwas mehr Interaktion mit den internationalen Punktepräsentatoren gewünscht.

Der inoffiziell vierte Moderator, Peter Urban, war für mich so gut wie eh und je. Urban gehört einfach dazu, und es war schön, seine Stimme und seine leicht verrauscht ankommenden Kommentare wieder zu hören, nachdem er letztes Jahr pausieren musste. Bei einer solchen Sendung müssen Kommentatoren ja ihre eigene Balance zwischen Berichteratattung und subjektiv eingefärbten Kommentaren finden, und meiner Meinung nach macht Urban es genau richtig. Schade nur, dass er seit Einführung der Halbfinals einige seiner Notizen gleich zweimal verwertet.

Die Showelemente

Der Pausenact zwischen den Songs und der Punktevergabe stieß dieses Jahr auf hervorragende Resonanz. Zum Song Glow der norwegischen Band Madcon fand ein Europa übergreifender Flashmob-Tanz statt mit Aufnahmen des tanzenden Publikums in der Halle (und choreographierten Tänzern), aufgezeichneten Videos aus mehreren Ecken Europas (zu enttarnen durch die bessere Kameraführung und mangelnder "Live from" Einblendung) und Live-Videoschnipseln von Eurovision-Partys, wie etwa der offiziellen Feier auf der Reeperbahn, wo Hape Kerkeling auch die deutschen Punkte vergab. Ich selbst kann mich diesem nahezu universellen Lob für den Flashmob nicht anschließen. Mir ist zwar die Intention dahinter bewusst, da er die Nationen vereinende Wirkung des Song Contests auf eine neue, interaktivere Ebene heben sollte, aber dennoch sprang der Funke nicht über. Weder fand ich diesen Pausenact lustig (nicht nur Peter Urbans Ankündigung bezeichnete ihn so, das Internet läuft glatt über mit Kommentaren, wie witzig das doch alles war), noch gefiel mir der Song, so dass ich eher kühl vor dieser Aktion stand und innerlich mit den Achseln zuckte.

Eines der polarisierenderen Elemente jedes ESCs sind ja die kleinen Videos vor den eigentlichen Wettbewerbsbeiträgen. Ich selbst war nie ein großer Fan und bin deswegen froh, dass sie antiproportional zum Teilnehmerfeld verlaufen und mittlerweile an Länge verloren. In ihrer jetzigen Form finde ich sie eigentlich optimal: Ein paar Stimmungsbilder aus dem folgenden Land, in ihrer Länge genau so lang, dass die Kommentatoren ein paar Informationen über Song oder Interpreten loswerden können, weiter geht's mit der Musik. Kein Platz für Langeweile.

Der traditionelle Eröffnungsauftritt des Vorjahressiegers passte gut in den Trend der letzten Jahre, wonach die Eurovision-Introversion größer und dramatischer zu sein hat, als dieursprüngliche Fassung des Songs. Während es Lordi etwa optimal stand und das effektlastige Introvideo richtig cool war, stehe ich dem drmatischeren Fairytale mit gespaltenen gefühlen gegenüber. Die Geigenarmada, mit der Alexander Rybak azftrat war ja schön und gut, aber bei aller Thetralik ging der eigentliche, leichtherzigere Reiz des Songs verloren.

Die Wettbewerbsauftritte

Da ich bereits sämtliche Songs des Eurovision Song Contest 2010 besprochen habe, werde ich mich an dieser Stelle etwas kürzer fassen und bloß auf ein paar besonders herausstechende Lieder beziehungsweise Bühnenauftritte eingehen. Denn meine Sicht über manche der Songs hat sich während des Finales ein wenig verändert. Das lag teilweise an überraschend guten oder schlechten Liveauftritten (inklusive Bühnenshow), teilweise am Eurovision-Syndrom: Irgendwie verändert er für eine Zeit lang den eigenen Musikgeschmack. Wie Raab in TV Total Oslo Spezial schon sagte: Eine Woche Grand Prix, und man geht plötzlich zu Liedern ab, die man zuvor total scheiße fand.

Für mich fiel zum Beispiel der belgische Beitrag Me and My Guitar während der Show enorm ab. Fand ich ihn vorab noch sehr gut, hat er mich am Samstag eher gelangweilt. Auch Armeniens Apricot Stone, welches ich zuvor noch für einen guten Eurovision-Titel hielt, verlor für mich an Reiz. Eva Rivas hat einfach keine Livestimme, um nicht zu sagen, dass sie keine gute Sängerin ist und von Studioaufnahmen abhängig ist, wo man ja mehrere Versuche für jede Stelle sowie technische Hilfsmittel hat, und dann ging das eher ruhigere Ethnopopliedchen unter der vollkommen überfrachteten Bühnenshow unter. Auch Drip Drop, der von den Buchmachern als Deutschlands härtester Konkurrent gehandelte Song aus Aserbaidschan, litt an der Livesituation. Generell schien man sich zu viel Mühe um ein ansehnliches Drumherum zu machen, als den eigentlichen Song zu optimieren. Denn während Lena seit ihrem Unser Star für Oslo-Sieg durch Deutschlands Showlandschaft tingelte und überall eine leicht umarrangierte Version ihres Titels sang um so den perfekten Auftritt für den Eurovision zu finden (und es gelang - wer hätte gedacht, dass man auf die Band verzichten und Lena stattdessen Backgroundsängerinnen zur Seite stellen muss?), wirkt Drip Drop wie eine Betaversion eines potentiellen Radio-Chartsstürmers. Mit mehr "Wumms!" dahinter und aufgedrehtem Bass könnte es ein Erfolg der Marke Rihanna werden. Aber das merkte in Aserbaidschan wohl niemand, weil man damit beschäftigt war Beyonces Choreographen zu engagieren und der Sängerin Safura ein LED-Kleid an den Leib zu schneidern, vollkommen gleich ob es ihr passt oder ob man die LED-Leuchten auf der gut ausgeleuchteten Bühne überhaupt sieht.

Appropos Bühnenauftritt: Während die deutsche Delegation alles richtig machte, und die Backgroundmädels im Hintergrund ließ, so dass Lenas Charme allein den Auftritt trug, und man dennoch den Vorteil weiterer Stimmen im Refrain kam (besonders das zu Lenas Gesang zeitversetzte "Oh, Love..." am Schluss hatte eine weitreichende Wirkung), hat sich Frankreich meiner Meinung nach selbst ein Bein gestellt. Der Fehler war nicht so gravierend wie bei den oben genannten Beispielen aus dem Nahen Osten, sondern eher ein solches Detail wie besagtes "Oh Love" von Lenas "Backing-Girls": Die Choreographie der Franzosen war länger als der eigentliche Song. Nach dem letzten Takt wurde noch von martialischem Gebrüll begleitet herumgestampft. Das war pure Absicht und war bereits in den Proben so, aber für den unvorbereiteten Zuschauer konnte es schnell so wirken, als wären die Interpreten nicht mit ihrem Tanz fertig geworden. Das könnte Frankreich ein paar Punkte gekostet haben, ebenso wie das Jurysystem. Langsam tröpfeln ja die Jurywertungen verschiedener Nationen ein, und Satellite hätte ohne Jurys wohl einen noch triumphalren Sieg eingefahren. Frankreichs Song dürfte ebenfalls eher eine Publikumsnummer sein - so viel dazu, dass die Jurys hilfreich sind und Verzerrungen vermeiden oder wahlweise dem Westen helfen...

Spanien gewann während der Show für mich weiter an Sympathie. Die Zirkus-Bühnenummer unterstrich die Wirkung des Liedes perfekt und so wurde der Beitrag für mich zu einem meiner Lieblinge des Jahres. Schade, dass er beim Publikum eher auf Unverständnis stieß. Dass das Lied zweimal vorgetragen wurde, weil der berühmte Störenfried Jimmy Jump beim ersten Mal auf der Bühne herumhampelte, war übrigens eine konsequente und richtige Entscheidung. Da es Spanien nicht in die Top Ten verhalf, dürften wir wohl auch vor getürkten Störenaktionen gefeiht sein.

Dann war da noch das Vereinigte Königreich... Die Komponisten versprachen ja eine mehr auf den Sänger zugeschnittene Version, und tatsächlich klang die Finalversion anders als die zuvor veröffentlichte. Aus dem Wendler-Double wurde eine verwaschene, altbackene 80er-Popnummer, die klingt, als habe sie Rick Astley damals abgelehnt, weil sie ihm zu lahm und kantenlos war. Während dieses Songs sagte ich zu mir selbst "DAS wird der letzte Platz!"... Und, wer hatte Recht?

Die türkischen Wettstreiter dagegen haben wohl meine Gedanken gelesen: Live in Oslo kratzte die Stimme des Sängers mehr, als in der vorab von mir besprochenen Musikvideo-Version, er legte mehr Härte in das Lied hinein, und so gönne ich der türkischen Antwort auf Linkin Park und ihrem strippenden Emo-Power -Ranger den zweiten Platz vom ganzen Herzen.

Als Trashnummern, die mir nicht wirklich gefallen, aber doch irgendwie denkwürdig waren und deshalb auf einer Eurovisionparty wohl zu einem verschmitzten Jubeln führen würden, sind mir noch Moldawien (ich wusste es, eine witzige Bühnenshow hilft dem Lied!) und Serbien mit seinem androgynen Playmobilmännchen hängen geblieben. Vor allem letzteres Lied ist überhaupt nichts für meine Ohren, aber zusammen mit dem Sänger hat es wirklich was unterhaltsames.

Mein Voting als Jurymitglied nach dem Finale hätte wohl so ausgesehen:
  • 12 Punkte: Türkei
  • 10 Punkte: Frankreich
  • 8 Punkte: Griechenland
  • 7 Punkte: Spanien
  • 6 Punkte: Ukraine (hat live ebenfalls ein klein wenig eingebüßt)
  • 5 Punkte: Irland
  • 4 Punkte: Zypern
  • 3 Punkte: Portugal
  • 2 Punkte: Armenien
  • 1 Punkt: Aserbaidschan
Dürfte ich für Deutschland abstimmen, hätte natürlich Lena meine 12 Punkte erhalten, und hätte ich nach den Vorabversionen abgestimmt, wäre Belgien wohl zwischen Ukraine und Irland gelandet.

Abschließende Worte

Der Eurovision Song Contest lebt von den Gegensätzen: Technisch und logistisch ist es die wohl größte Unterhaltungsshow der Welt (der Superbowl als Sportübertragung dürfte eigentlich nicht zählen, ansonsten ist es halt ein Kopf-an-Kopf-Rennen), inhaltlich dagegen ist es eine reizvoll unausgegorene Mischung aus Trash, Kulturschock, netten Kleinoden und sehr wenigen, vereinzelten Krachern. Auch dieses Jahr war der ESC genau das, was so spannend an ihm ist, wieder war die Mischung absurd und interessant zugleich. Musikalisch war es für mich nicht unbedingt das beste Jahr, die längste Halbwertszeit der Nicht-Siegertitel traue ich Frankreich zu, aber es war dafür eins der unterhaltsamsten Jahre. Wenn man dann noch Lenas Sieg einrechnet, ist es dann letzten Endes als Gesamtpaket gesehen zusammen mit 2006 der für mich beste Eurovision Song Contest. Die DVD steht schonmal auf meinem Einkaufszettel...

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