Sonntag, 4. Juli 2010

No Good Deed

Vorsicht! Dieser Beitrag enthält Spoiler zu Wicked! Wer sich bislang weder das Buch, noch das Musical zu Gemüte geführt hat, sollte besser nicht weiterlesen!

Die Werbespots für Wicked zeigen imposante Szenenbilder, extravagante Kulissen und eine eklige grüne Hexe, die offenbar was gegen die glitzernde, dümmlich lächelnde blonde Hexe hat. Der inhaltliche Trugschluss, den die Fernsehwerbung für Wicked nahelegt, ist durchaus ein Ärgernis, da so manche Teile des Publikums verscheucht werden und Werbemogelpackungen von vornherein mancherlei Probleme nach sich ziehen. Andererseits verstärkt sich bei uninformierten Zuschauern so der Überraschungseffekt über wahre Handlung, weshalb die Werbung womöglich gar nicht so schlecht ist. Die Konzentration auf die Schauwerte in der Werbung ist meiner Meinung nach zumindest nicht anzugreifen - selbstverständlich kehrt man somit die Komplexizität und den intellektuellen Anspruch der durchdachten Geschichte unter den Teppich, allerdings lässt sich dies schwerlich attraktiv in einen Fernsehwerbespot drängen.

Man muss nichtmal weit unter die Oberfläche graben, um in Wicked den Anspruch zu entdecken. Klar, Wicked behandelt eine ungewöhnliche Freundschaft, ein Thema, das für bunte Musicals keineswegs außergewöhnlich ist. Die Freundschaft zwischen Elphaba und Glinda entwickelt sich allerdings nicht wie die stereotypen, gegensätzlichen Freundschaften, die einem häufig in Unterhaltungsstoffen begegnen, sondern realistischer und mit deutlich größeren Makeln. Allein darin zeigt sich, dass Wicked nicht so anspruchslos ist, wie viele andere knallige Bühnenshows. Und der Verlauf der Freundschaft zwischen Glinda und Elphaba ist lediglich die Spitze des thematischen Eisberges. Vorurteile und Ausgrenzung spielen in Wicked ebenso eine Rolle wie die Grausamkeit der Realität, die einem bei der Erfüllung seiner Träume all zu häufig Striche durch die Rechnung macht. Und wie im Land von Oz sprechende THIERE praktisch zum Staatsfeind hochstilisiert, mundtot gemacht und abgeführt werden weckt (ganz gleich ob diese Analogie nun genau darauf abzielt oder nicht) unangenehme Erinerungen an ein ganz dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Dass der Zauberer von Oz der Mehrheit der Bürger einen inneren Frieden und Zufriedenheit mit ihrer Lebenssituation schenken will, indem er ihnen einen gemeinsamen Feind vorgaukelt, ist ein bitterer Kommentar über fehlgeleitete Politik, die Beeinflussbarkeit der Massen und sicherlich kein Handlungselement, das man beim Anblick der Werbespots für Wicked erwartet.

Diese thematischen Elemente sind jedoch gleichermaßen der Grund, weshalb einige eingeschworene Anhänger der Buchvorlage von Gregory Maguire sehr unglücklich mit dem Musical sind. Dieses ist trotz all der angerissenen Punkte weniger zynisch und bitter wie Maguires Roman und macht einen unbeschwerteren Gesamteindruck. Maguire selbst hingegen hat sich sehr positiv über das Musical geäußert, und man darf bei seiner etwaigen Kritik der vielen künstlerischen Freiheiten nicht vergessen, dass Maguires Buch nicht nur die Erzählperspektive umdrehte und Der Zauberer von Oz aus der Sicht der bösen Hexe wiedererzählt, sondern sich von einem Kinderbuch über ein magisches Land zu einem düsteren Erwachsenenroman inspirieren ließ. Und der populäre Judy-Garland-Film ist ebenfalls recht frei im Umgang mit seiner Vorlage, auch wenn in diesem Fall die vorherrschende Grundstimmung ähnlich bleibt. Künstlerische Freiheiten sind halt Tradition im Umgang mit der Oz-Thematik.

Außerdem darf man nie die Gesetzmäßigkeiten der Kunstform unterschlagen. Sicherlich wäre es möglich, Wicked vorlagengetreuer auf die Bühne zu transferieren, bloß müssten sich idealerweise auch die Lieder dem schwärzeren Handlungsverlauf anpassen und wieviele fänden an einem durchgehend überdramatischen und tragischen Musical Gefallen, in dem sich ein trübes Lied ans andere reiht? Ganz zu schweigen davon, wie man ein sich derart selbstgeißelndes Musical ernst nehmen könnte, während eine grün bemalte Schauspielerin, schräg kostümierte Tänzer und fliegende Affen über die Bühne purzeln. Es ist nicht gänzlich undenkbar, jedoch wage ich zu behaupten, dass es eine adäquate Buchumsetzung Wickeds auf der Bühne einen deutlich riskanteren Stand hätte, und das meine ich nicht bloß aus komerzieller, sondern auch aus künstlerisch-qualitativer Sicht. Zudem macht das Wicked-Musical in seiner endgültigen Form jede Menge Spaß, während es ernste Themen behandelt und sehr zum Denken anregt. Eine überaus gelungene Mischung, für die nunmal ein paar Abschwächungen gegenüber des Romans von Nöten waren.

Zudem gelingt Wicked in seiner Musicalform ein absolut gerissener Coup. Vielleicht sind euch so genannte "Stealth Parodies" ein Begriff, Parodien, deren Intentionen häufig unter dem Radar ihrer Konsumenten fliegen und für ernstgemeinte Werke durchgehen. Ein berühmtes Beispiel dürfte das Unreal Tournament-Kind sein, ein laut fluchendes und seine Tastatur zerdepperndes Blag, das von manchen als vorzügliches Beispiel für den schlechten Einfluss von Videospielen gilt - obwohl der Bub nur eine überspitzte Rolle spielte und sein Wutausbruch eben nicht real war. Das Musical Wicked ist in Anlehnung an diesen Begriff eine "Stealth Tragedy", eine verborgene Tragödie. Was man von Wicked primär mit nach Hause nimmt, das sind Erinnerungen an seine Lieblingslieder des Stücks, bunte Kostüme, glitzernde Bühnenbeleuchtung und witzige Momente zwischen der urkomisch-verwöhnten und selbstverliebten Glinda und der staubtrockenen Elphaba. Das Ende, das scheint ein frohes, wenngleich nicht kitschig-strahlendes zu sein: Elphaba und Fiyero sind vereint und verlassen Oz um das gemeisname Glück zu finden.

Zugegebenermaßen ist der Schluss vom Wicked-Musical kein pechschwarzer, doch zumindest als dunkelgrau müsste seine Couleur eingeordnet werden, sobald man weit genug denkt, um sich nicht von seiner strahlenden Oberfläche blenden zu lassen. Rekapitulieren wir schnell die einschneidensten Figurenentwicklungen und Handlungsverläufe: Früh im Bühnenstück wird der Zauberer von Oz nicht nur wie in Das zauberhafte Land als Schwindler entlarvt, sondern obendrein als gemeinsam mit Madame Akaber unter einer Decke steckender Verschwörer und Strippenzieher, der eine gesamte Propagandamschine unterhält, um THIERE und später auch Elphaba zum Feind seiner "ozianischen Mitbürger" zu erklären. Die anfangs noch sympatische Nessa entwickelt sich zu einer tyrannischen Herrscherin, die in einer obsessiven und selbsttrügerischen Liebe zum von ihr unterdrückten Moq lebt. Sie wird von Dorothys Haus zerdrückt. Der schüchterne und in Glinda verschossene Moq wird in eine ungewollte Beziehung zu Nessa gedrängt, welche ihm in einem Wutausfall aus Angst, er könne sie verlassen, beinahe das Leben nimmt. Elphaba verwandelt ihn in einen Zinnmann, weil dies die einzige Chance ist, sein Leben zu bewahren. Kein Schicksalsschlag, der ihm behagt, und Nessas selbstleugnerischen Manipulationsversuche schüren diese Abscheu Moqs vor seinem Schicksalsschlag. Der von Elphaba verehrte Lehrer Doktor Dillamonth verliert zunächst sein Recht zu Unterrichten und schließlich seine Fähigkeit zu sprechen. Fiyero entwickelt sich während des Stücks zunächst dem allgemeinen Trend entgegengesetzt: Der oberflächliche und faule Prinz entdeckt seine verantwortungsvolle Seite als er Elphaba dabei hilft einen im Unterricht gequälten Löwen zu befreien. Zwar ordnet er sich während des zwischen beiden Akten abspielenden Zeitsprungs dem Militär unter, hilft in der Stunde der Not jedoch Elphaba. Zur Strafe wird er als Verräter gefoltert und ein misslungener Zauberspruch Elphabas lässt ihn zur Vogelscheuche mutieren. Ja, er ist am Ende mit Elphaba wiedervereint, und ja, sie schwört ihm, dass sie ihn dessen ungeachtet liebt, dennoch ist das kein wirklich glückliches Ende (stellt euch bloß deren gemeinsames Liebes- oder gar Sexualleben vor - warum liegt da wohl Stroh rum, und wieso sticht es nicht so, wie es sollte?). Unsere Protagonistin Elphaba schließlich gewinnt zwar während ihrer Schulzeit im Glizz kurzzeitig gesellschaftliche Anerkennung, wird aber bald darauf für ihre Ideale bestraft, indem sie zum Opfer des Zauberers und in den Untergrund gedrängt wird. Trotz dessen bemüht sie sich zunächst, weiterhin gute Werke zu vollbringen. Nach weiteren Rückschlägen entsagt sie ein für alle Mal ihrem Drang, Gutes zu tun, hinterfragt sogar die Intention ihrer guten Taten, die sie vielleicht bloß in der Hoffnung vollbrachte Achtung zu erhalten, und akzeptiert schließlich ihren Ruf als böse Hexe. Am Ende flieht sie mit Fiyero auf ein entlegenes Schloss, wo sie ein Leben in Abgeschiedenheit führen wollen. Der Kampf für politische Gerechtigkeit ist verloren - und sogar ihre Freundschaft zu Glinda kann sie nicht mehr fortführen, da sie zum eigenen Schutz nicht einmal ihre beste Freundin darüber informieren kann, dass sie ihren Tod lediglich vortäuschte.
Einzig und allein Glinda entwickelt sich im Laufe der Geschichte zum Besseren, ohne dass ihr draufhin schlechtes widerfährt. Durch ihre Freundschaft zu Elphaba lässt die nicht sonderlich helle, dafür umso verwöhntere Glinda im Glizz ihre Arroganz und ihren Narzissmus zurück. Zum Schluss von Wicked übernimmt sie sogar erstmals Verantwortung. Dennoch ermutigt einen das Stück nicht zur Annahme, dass sich Oz mit Hilfe Glindas aus seiner Krise manövrieren kann. Dafür ist sie weiterhin zu einfach gestrickt und unbedarft.

Dennoch schickt Wicked sein Publikum mit einem Lächeln aus dem Theatersaal. Einerseits, weil es zuvor ein gelungenes Musical genießen durfte, anderserseits, weil die Inszenierung ein verhaltenes bis deprimierendes Ende wie ein Happy End zelebrierte. Ein hinterlistiger Schachzug, wie ihn die Propaganda des Zauberers von Oz nicht ersprießlicher vollziehen könnte.

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1 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Der Anfang hört sich schon serh interessant an, am WE kommt dann ein sinnvoller Kommentar, dann ist der erste Stress vorbei...

Was mir grad spontan einfiel: Die Kritiker haben sich damals (egal ob sie das Buch gelesen hatte oder nicht) eher darüber mokiert, dass es sich bei Wicked um ein Spektakel mit viel Bühnenzauber handelt und dass die Handlung nicht viel zu bieten hat. So nach dem Motto: "Und was passiert, wenn man die hübsche Verpackung weglässt?"

Ich würd mal sagen, dann hat man immer noch ein sehr unterhaltsames Musical, denn der riesige Erfolg gründet sich mit Sicherheit nicht nur auf den Schauwerten. Die wenigsten Leute gehen wohl 10x in ein Musical, weil ihnen die Kostüme gefallen...

Die Story hat einiges zu bieten - gut, sie mag weniger düster sein als der Roman (den ich immer noch lesen muss, jaja), aber sie bietet, wie du ansprichst, einige sehr gute Denkanstöße und Themen. Es soll ja auch bei aller Dramatik ein unterhaltsamer Abend werden. und selbst wenn man nur die CDs kennt, wird man von einigen Dingen überrascht. :)

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