Sonntag, 31. Oktober 2010

Lordi: Babez for Breakfast

Zwei Jahre ist es mittlerweile schon her, dass die monströse Finnentruppe Lordi mit Deadache ihr erstes Studioalbum nach dem sensationellen Sieg beim Eurovision Song Contest auf den Markt brachte. Die Reaktionen auf das Album waren, soweit ich das richtig überblicken kann, äußerst wohlwollend, doch dem vierten Lordi-Album gelang es nicht, einen so bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wie es der erfolgreichere (und glattere) Vorgänger The Arockalypse leistete.

Babez for Breakfast brennt sich allein schon beim ersten Augenkontakt mit der CD-Hülle stärker ins Gedächtnis ein als Deadache (vorausgesetzt natürlich, man kauft weiterhin CDs und ist nicht völlig im Zeitalter der digitalen Downloads angelangt). Statt eines vollkommen unauffälligen, grau-grauen Monstercovers wartet eine pralle Brust, an der sich ein nackter Mr. Lordi jr. labt. Es ist kein hübsches Cover, auch nicht ein wirklich stylisches, aber es prägt sich ein und strahlt auch den markanten Humor Lordis aus, der einem bislang auf den Titelblättern verheimlicht wurde und sich erst beim akustischen Kontakt mit der Band offenbarte.
Insofern ist das Cover eine treffende Repräsentation von Babez for Breakfast, denn das neue Lordi-Album schlägt wieder eine amüsierendere und rockigere Richtung ein. Es schraubt die Lordis öffentliches Image bestimmende und in Deadache (von Ausnahmen wie dem Kalauer-Kracher Girls Go Chopping abgesehen) vergleichsweise gerade heraus ausgelebte Horror-Thematik (die aber nie das bestimmende Stilelement ihrer Musik war) zurück und nutzt die Monsterkulisse für augenzwinkende oder zumindest schaurig-erheiterte  Liederszenarien.

Am effektivsten lassen sich Stil und Qualität des Albums umfassen, wenn man sich die Lieder einzeln vorknöpft. Schließlich legt es Babez for Breakfast mehr darauf an, bei Metalheads und Rockern im Shuffle zu landen, als in Konzeptalbum-Herangehensweise bei einem Kelch Wein gedankenbrütend goutiert zu werden. Monströser Spaß ist das Ziel. Wollen wir mal feststellen, ob's gelang...

1) SCG5: It's a Boy!

Babez for Breakfast eröffnet mit einem für jedes Lordi-Album obligatorischen, kurzen Intro, das im Stil eines Hörspiels eine "Horrorstory" erzählt. Dieses Mal begleiten wir eine Geburt im Krankenhaus, die nach der Geburt des monströsen Jungen in Panik ausartet. SCG5 ist nicht sonderlich atmosphärisch oder schrecklich-komisch, als Vorgeschichte des Albumcovers aber recht annehmbar.

2) Babez for Breakfast
I feel my confidence rise, I give them everything, they came to see, yeah, I've got nothing to hide!

Mit dem Titelsong Babez for Breakfast legt Lordi dann direkt den höchsten Gang rein und metzelt sich mit ordentlichem Tempo durch den Gehörgang. Babez for Breakfast hat treibende Drums und einen wahnsinnigen Basseinsatz, die dem spaßigen Song aufgrund ihres Tempos einen klaren Heavy-Metal-Anklang geben, die Melodie (vor allem des Refrains) weckt dagegen Erinnerungen an den Hard Rock der 80er-Jahre. Somit wird mit viel Ohrwurmcharakter der Ton für das restliche Album vorgeführt.

3) This is Heavy Metal
You think they are all dead, But it's all in your head, The zombies never left, They're just a bit faded.

Es folgt mein derzeitiges Lieblingsstück des Albums, This is Heavy Metal, welches mir wie eine rockige und klare Reaktion auf den Hypebacklash vorkommt, der Lordis Eurovision-Kracher Hard Rock Hallelujah im Kern der Metalgemeinde ereilte. Manche Stimmen würden unken, dass einige Metalheads, nachdem Lordi europaweit einen geheuren Bekanntheitsschub erlebte, der elendigen Popularitätsallergie anheim fielen. Jedenfalls wurde einige Zeit nach Lordis Sieg die Kritik, einige der Arockalypse-Songs seien ja gar kein echter Heavy Metal und somit auch nicht gut, immer lauter und harscher. Mir kam sogar die Kritik zu Ohren, Hard Rock Hallelujah sei bloß Pop im Gewand des Metal. Yikes. Also, Leute. Pop? Man kann sich auch anstellen, wenn etwas eine eingängig-schmissige Melodie und etwas weniger Geschrammel hat. Das ist Pop, das Hard Rock Hallelujah. Nun wollen wir uns mal nicht lächerlich machen. Ich selbst empfand den Song ja eh mehr als eine Kreuzung aus Heavy Metal und Hard Rock mit überdeutlichen Einflüssen von Hair Metal (a la Bon Jovi) und ins düstere verkehrten Elementen des Glam Rock. Also ja, es ist kein purer Heavy Metal, aber direkt Genreverrat brüllen? Mich wundert es nur, dass zwischen Hard Rock Hallelujah und der dynamischen und ansteckend-gröhlbaren Bandreaktion ein ganzes Album liegt. Vielleicht passte sie einfach nicht in die Richtung, die man mit Deadache einschlagen wollte, während sie sich mit ihrem bezeichnenden (Sub-)Genremix nahtlos ins aktuelle Album einfügt.

4) Rock Police
We are the Rock Police! (A sure sign of control) We are the Rock Police! (And we are rock 'n' roll's finest) We are the Rock Police! (But first give me control)

Die süffisante Kritik an selbsternannten Hütern des Genrereinheitsgebots in This is Heavy Metal fließt sofort in den ohne Bruch anschließenden Titel Rock Police über, der sich noch stärker von Lordis Metal-Seite entfernt und sich ganz klar ihrem Hard-Rock-Charakter widmet. Rock Police steht unüberhörbar in der Tradition von KISS und könnte gerade im harmonischen Refrain auch problemlos als Song der famosen Altrocker durchgehen. Rock Police beginnt noch etwas gezügelter, zum Schluss hin ist es aber purer, elektrifizierender "Thunderock".

5) Discoevil
It's discoevil toxic toast, it's discoevil bringing roast, it hollered steaming, sweat, blood and screaming!

Mit Discoevil endet die Seitenhiebtrilogie auf Musikpuristen mit Scheuklappensicht: Der Song erzählt auf sarkastische Weise die Geschichte eines jungen Menschen, der sich (schokierenderweise) Samstagabend aus dem Elternhaus schleicht, um gegen seines besseren Gewissens (und nun haltet euren Atem an!) in die Disco zu gehen (aaaaaaaaaaaaaaah!!!!). Das dortige, dämonische Treiben wird mit dem typischen Horrorvokabular beschrieben, das Lordis Öffentlichkeitsbild ja so dominiert, und obwohl sich der Discogänger den Schrecken der (sicherlich ultra-kommerzialisierten und somit verteufelswürdigen) Discomusik bewusst ist, kann er, ja, will er gar nicht gehen. Einer erschreckenderen Horrorgeschichte haben sich Lordi im Laufe ihrer gesamten Karriere nicht angenommen. Wirklich nichts für schwache Gemüter!
Musikalisch ist Discoevil konsequent etwas "leichter" als der typische Lordi-Sound gehalten (wer also schon Hard Rock Hallelujah als Pop empfand wird hier wohl endgültig einen Kulturschock erleiden) und weist im Refrain auch eine recht "verspielte" Instrumentierung auf. Leider geht Discoevil weder als Parodie, noch als Hommage auf "Disco-Metal" oder ähnliches durch. Der Song hat zwar Ohrwurmqualitäten, aber keine eigene "Identität" und ist mir, oh die Ironie, zu blutarm. Dennoch würde ich ihn aufgrund der Idee und seiner spielerischen Keyboardeinsätze noch im Mittelfeld meiner Rock- und Metal-Playliste einordnen.

6) Call Off the Wedding
Oh Lord, my demons are here, Oh yes, my demons are here!

Mit Call Off the Wedding versucht sich Lordi wieder einmal an einer Schauerballade. Das vom ehemaligen KISS-Gitarristen Bruce Kulick mitverfasste Stück ist für mich eine dieser Kompositionen, bei denen ich mich nie wirklich festlegen kann, was ich von ihnen halten soll. Einerseits schafft es in den Strophen mit seinem sentimentalen Gitarrenriff eine dichte Atmosphäre aufzubauen, die in einen melancholisch-schunkelbaren Refrain übergeht. Die Komposition als solche könnte durchaus für eine solide Hard-Rock-Ballade ausreichen, doch es fehlt ihr eine gewisse Frische, hinzu kommt, dass Mr. Lordis kratzige Monsterstimme nicht zur Gefühlslage des Stücks passen möchte und das eingestreute Instrumentensolo altbacken wirkt. Und dennoch hinterlässt Call Off the Wedding einen bleibenden Eindruck und bleibt mir hartknäckig in den Gedanken verhaftet. Wenn ich es bewusst zu hören versuche, schalte ich irgendwann ab, da es meiner Meinung nach zu lang ist (obwohl die Laufzeit humane 3:31 Minuten beträgt) und es weder wirklich (morbid-)romantisch ist, noch cool. Was für eine Rockballade ja das mindeste darstellen sollte. Aber in der Erinnerung funktioniert das Lied halbwegs... Tja, ich weiß nicht so recht.

7) I Am Bigger Than You
Buhu Buhu I do what I want to! Buhu Buhu and I want to do you!

I Am Bigger Than You gehört wiederum der Spaßschiene an. Kalauertexte, ein "Popmetal"-Refrain mit kindlicher "Uhuhu-Melodie" und als Kontrastprogramm kommt die Gitarre wieder etwas dreckiger aus dem Verstärker. Ein Song, der die Fans wohl spalten wird. Ich finde ihn außerordentlich gefällig, vor allem, da der Refrain einen selbstironischen Flair sowie einen süffigen Drive hat.

8) ZombieRawkMachine
Fists pounding, Dead feet tap Rock hard until the worms make the spines snap

Der achte Track von Babez for Breakfast, ZombieRawkMachine, stellt zumindest meinem Geschmack nach ein gutes Bindeglied zwischen den zwei musikalischen Gesichtern der Finnenmonster dar. Melodisch erinnert die ZombieRawkMachine an Titel, mit denen Alice Cooper zu glorreicheren Zeiten der wundervollen Welt des Rocks die Charts gestürmt hätte, während Lordis typische, gedrückte Monsterstimme und ein etwas schwereres Arrangement an den Metal-Geist erinnert. Meines Erachtens nach eine tolle Fusion, die zwar beim ersten Anhören noch etwas kraftlos scheint, bei wiederholtem Anhören jedoch ihr volles Potential entfaltet.

9) Midnite Lover
Oh, I know you're waiting for your midnite lover but I met your lover and he didn't survive

Mit Midnite Lover rückt das Album während seines neunten Stücks wieder stärker in die 80er-Rockschiene. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man Midnite Lover problemlos für einen vergessenen Klassiker der späten 70er oder frühen 80er halten. Eine eingängige, gedrückt-harmonische Melodie mit einem Refrain, der eine hellere Klangfarbe als die strikteren Strophen hat, ein zügiges Tempo, keine zu schwere oder schrammelige Instrumentierung und ein blutiger Text, der vor einigen Jahrzehnten noch die Moralwächter auf den Plan gerufen hätte (insbesondere, wenn Lordi bereits damals in solchen Kostümen aufgetreten wäre). Was in den 80ern aber als Shock-Rock bezeichnet wurde, ist heutzutage bereits Teil der "guten, alten Schule". Und so ist Midnite Lover für Rocknostalgiker ein idealer Partykracher mit einem rockig-schwungvollen und leicht mitsingbaren Refrain sowie zwielichtig-amüsierten Strophen.

10) Give Your Life for Rock and Roll
Give your life for Rock and Roll, Your soul shall live on / Give your life for Rock and Roll, You'll never be gone

Give Your Life for Rock and Roll ist, wie der Titel unmissverständlich klar macht, eine weitere Lobeshymne an den Rock and Roll. Es ist für langlebige Rockbands, die auf die große Tradition in der sie stehen wenigstens irgendetwas geben, ja mittlerweile fast schon zu einer stillschweigenden Pflicht geworden, mindestens ein solches Musikstück zu schreiben - und Lordi thematisiert in seiner Musik besonders gerne seine geschätzten Musikgenres. Give your life for Rock and Roll unterscheidet sich von Titeln wie Bringing Back the Balls to Rock, Hard Rock Hallelujah oder This is Heavy Metal dadurch, dass es sich mit seiner ehrfürchtig-feiernden Grundstimmung und den zelebrierten Soli nicht bloß als "Lied über Musik" verstehen lässt, sondern tatsächlich als große Hymne qualifiziert. Natürlich, ganz im Einklang mit den vorherigen Songs, im besten 80er-Stil. Ein monstermäßiges Stück Retrorock mit klanglicher Schwere.

11) Nonstop Nite
I'm a serpent in heat, and I'm hungry for meat, I constrict and bite, Non-Stop Nite!

Nonstop Nite schlägt inhaltlich wieder einen deutlicheren Bogen zurück zu Lordis Monsterthema. Der fast vierminütige Song handelt von einem blutrünstigen Monster, das sich auf der Jagd nach seinen menschlichen Monstern befindet. Die Strophen sind allerdings schwach und der routinierte Refrain mit perfekt getimter Mitgröhl-Zeile verliert durch seine Wiederholungen ebenfalls an Reiz. Live könnte Nonstop Nite durch den Mitmachfaktor und dadurch, dass er sehr viel Raum für improvisierte Soli bietet vielleicht den Anschluss an stärkere Lordi-Songs finden, aber auf dem Album ist er mir viel zu lasch.

12) Amen's Lament to Ra

Extrem kurzes und nichtssagendes Instrumental.

13) Loud and Loaded
25 December, and your brother's baby cried, you threw it out the window, just to see the kid fly!

Schwarzer Humor, willkommen. Loud and Loaded ist an ein unbenanntes lyrisches Du gerichtet, welches ein äußerst explosives Temperament hat und in genervten Momenten die bestehende Problemsituation durch kaltblütige Gewalt löst. Die zynischen, ein freches Grinsen ausstrahlenden Strophen finde ich einfach zu komisch und der 80er-Party-Hard-Rock-Refrain mit hohem Tempo, schwungvoller Melodie und pointiertem Keyboardeinsatz sorgt ordentlich für Laune. Bloß länger dürfte der Song sein - oder eine der vielen Refrainwiederholungen durch eine weitere Strophe ersetzen.

14) Granny's Gone Crazy
It's all porn on TV, The whole world's gotten too obscene, Little girls dressing up like whores, Mothers too fat to fit out the door, Grown men dressing up like girls, This is not my world

Es müssen ja nicht immer Kreaturen der Nacht sein, die in Lordis blutigen Songs Amok laufen. Granny's Gone Crazy handelt von einer ganz normalen Großmutter, die für sich beschließt, dass die Welt durchgedreht und verkommen ist. Um dies zu beheben, geht sie auf einen Mordzug. Ich sag's ja immer wieder, nicht die Zocker und Rocker sind gefährlich, sondern selbsternannte Moralapostel, insbesondere, wenn sie ein gewisses Alter überschritten haben. Granny's Gone Crazy ist als Song alles in allem vollkommen grundsolide. Das Lied hat keine herraustechende Merkmale, es ist bei weitem nicht Lordis eingängigstes Stück, aber auch nicht ihr "kantigstes". Für die Schlussphase eines Albums oder eines Rockabends ganz nett, aber wahrlich kein Muss.

15) Devil's Lullaby
The night is your friend, the morning is the enemy The darkness transcends the day, like brings misery
Ein Schlaflied für den Teufel. Tolles Konzept, solide und stilsichere Umsetzung. Fans wird Lordi mit dem Stück nicht gewinnen können, aber es ist ein pfiffiger Rausschmeißer aus Babez for Breakfast.

Gesamtüberblick: Babez for Breakfast ist tonal sowohl musikalisch, wie auch thematisch "leichter" als der ernstere, härtere Vorgänger Deadache, verfolgt seine Schiene zugleich aber strikter (um die Umschreibung "weniger poppig" zu vermeiden) als die größten Kracher aus The Arockalypse. Das Album ist größtenteils ein herrlicher Rückstürz in die Rockszene der 70er/80er und beweist süffisante Selbstironie. Für Lordi-Fans ein Muss, ebenso für all jene, die nur zu gern neues Material von KISS oder Alice Cooper hätten. Genauso sollte jeder, der davon überzeugt ist, dass es mit dem Rock seit Ende der 80er nur noch bergab ging unbedingt reinhören. Wem Härte über Retromelodie geht, sollte dagegen sicherheitshalber erst probehören, bevor er die Rock Police ruft und Lordi dem unerlaubten Genremischmasch beschuldigt.

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