Donnerstag, 23. Dezember 2010

Der unsterbliche Reiz des Kinos – Drei Gründe, weshalb das Kino anderen Unterhaltungstechnologien trotzen wird

Plasmafernseher in HD. Blu-ray. Gewaltige Dolby-Soundsysteme für zu Hause. Mikrowellenpopcorn, das tatsächlich schmeckt. Das iPad mit seinem hochauflösenden Bildschirm. Und, und, und. Immer mehr häuft sich die Behauptung, das Lichtspielhaus habe ausgedient, das große Kinogefühl sei endlich für die eigenen vier Wände zu haben. Oder sogar für die Hosentasche.

Als leidenschaftlicher Kinogänger verfolge ich diesen Trend zum Kino für zu hause und zum mitnehmen natürlich mit großem Interesse. Seit ich mich noch als passionierter Kinoblogger betätige und beim Onlinemagazin Quotenmeter.de für Kinobesprechungen zuständig bin, kommen auch immer öfter Freunde und Bekannte an, um mich nach meiner semi-professionellen Meinung zu fragen. Ist das Kino wirklich vom Aussterben bedroht? Werden wir in naher Zukunft nur noch im Wohnzimmer Filme gucken, und in der U-Bahn, in der Mittagspause auf einem kleinen Hocker... Eigentlich überall, nur nicht in Kino?

Ich möchte definitiv mit „Nein“ antworten. Medien sterben nicht so einfach, und ganz besonders nicht das Kino. Es hat die Konkurrenz des Fernsehens überlebt, das Aufkommen des Internets – da wird es auch mit flachen Fernsehern und ein paar überfachteten Handys fertig. Um meine These zu untermauern, hier meine aus der Zuschauersicht getroffenen Topgründe, weshalb sich das Kino weiter standhaft halten wird.
  • Das Gemeinschaftsgefühl
Die Fußball-WM 2006 hat den Deutschen, was schon seit ungezählten Jahrzehnten in der örtlichen Kneipe oder in den eigenen vier Wänden veranstaltet wird auf eine größere Ebene gehoben: Gemeinschaftliches Sportschauen, ohne im Stadium sein zu müssen. Wieso erweist sich das „Public Viewing“ so großer Beliebtheit? Weil alles viel spannender ist, wenn man mit einer großen menge mitgehen kann. Das gleiche gilt auch für Konzerte. Ja, der Künstler, der da auf der Bühne rumhampelt hat ebenfalls Einfluss darauf, dass eine solche Veranstaltung etwas besonderes wird, doch er wäre nichts ohne die vielen Leute, die einen während des Spektakels umgeben. Das Kino bietet beim Filmkonsum ein ganz anderes Genusserlebnis als die heimischen vier Wände, in denen man sich bestenfalls mit einer Hand voll Freunden oder der Familie vor den Fernseher drängt. Nie ist eine Komödie lustiger, nie ein aufwändiger Actionblockbuster aufregender, als dann, wenn man sie in einem ausverkauften Kinosaal erlebt und Dutzende oder Hunderte fremder Leute mitlachen und mitfiebern.
  • Größer, lauter, besser
Natürlich ergeben die Adjektive „groß“ und „laut“ nicht zwingendermaßen „besser“. Wer könnte sich schon „Schindlers Liste“ als glattpolierte, große Hollywoodproduktion mit eingestreuten, knallig-lauten Kriegsszenen vorstellen? Für die meisten sind es aber nicht die zurückhaltenderen Dramen, die zum Kinopflichttermin werden. Wenn sich Filmfans am Starttag solcher Filme ins Kino stürzen, dann um ihn möglichst früh zu sehen, nicht etwa, weil sie auf der großen Leinwand besser wirken. Selbst wenn es ruhige Filme gibt, auf die das sehr wohl zutrifft, als Beispiel sei nur Christopher Nolans hypnotisches Meisterwerk Prestige genannt.
Kinopflichttermine, das sind große Actionfilme, aufwändige Leinwandabenteuer, atemberaubende Science-Fiction mit schwelgerischem Produktionsdesign. Solche Filme wurden für die breite Leinwand geschaffen, für die wämmernden Kinolautsprecher, mit denen man daheim den Nachbarn zur Weißglut bringen würde. Man will völlig in solchen Filmen verschwinden, und dafür müssen einen Bild und Ton vollkommen vereinnahmen. Diesbezüglich gilt nunmal doch „großer, lauter, besser“. So hochauflösend der eigene HD-Fernseher auch sein mag, auf einer Riesenleinwand in einem guten Kino sieht man halt doch mehr von den malerischen Landschaftsaufnahmen, den üppig ausgestatteten Bühnenbauten und den liebevoll erarbeiteten Kostümen. Oder von der wundervollen Ästhetik der Zerstörung, den beinahe poetisch einstürzenden Großbauten und den fast lachhaft detaillierten Monstrositäten aus dem Computer, die für Blockbuster herbei gezaubert werden.

Und nicht nur neuste Hollywoodproduktionen verlangen nach der Kinoleinwand. Schonmal Spiel mir das Lied vom Tod im Kino gesehen und Tonino Delli Collis überwältigenden Kameraaufnahmen an dem Ort bewundert, für den sie gedacht waren? Im Kino strahlen selbst große Sternstunden der Filmgeschichte noch heller.
  • Der Reiz des Imperfekten
Verwirrt? Zugegeben, oberflächlich betrachtet widerspreche ich mich mit diesem Punkt selbst. Doch nur auf der Oberfläche betrachtet. Denn das Kino vermag es, dem geneigten Besucher beides zu bieten, technische Perfektion sowie charmante Fehlerhaftigkeit. Neue, aufwändige Hollywoodproduktionen sehe ich mir natürlich in modern ausgestatteten, großen Kinos an, von denen ich weiß, dass sie ihre Soundanlage in Schuss halten und geübte Filmvorführer mit ausgezeichnetem Equipment haben. Doch hin und wieder zieht es mich auch in sympatische, persönliche Kleinkinos, mit leicht durchgesessenen Sesseln und der Ungewissheit, ob man eine Spitzenkopie, oder eine abgenudelte, mehrfach durch die Republik gereichte Filmkopie vorgesetzt bekommt. Bei kleineren, kurioseren Produktionen verstärkt das nur das Flair. Und ich stehe damit nicht alleine dar. Die Kultregisseure Quentin Tarantino und Robert Rodriguez stampften mit Grindhouse eine über drei Stunden lange Hommage an solch charmante Zweitklassekinos mit ihrer abstrusen, drittklassigen Filmauswahl aus dem Boden. Das Ergebnis war ein Feuerwerk an inhaltlicher Absurdität und Nostalgie entfachenden, künstlich erstellten Bild-, Farb- und Tonfehlern.
Es klingt vielleicht albern, wenn man behauptet, dass abgenutzte Kopien ihren Reiz haben, allerdings sollte man das selbst mal erlebt haben. Ich sah Blues Brothers einmal in DVD-Qualität, und einmal mit feinem Bildrauschen und gelegentlichen Klebstellen. Diese Abnutzunsgerscheinungen erzählten ihre eigene Geschichte, waren ein stetes Testament der Beliebtheit dieses Films, dessen Filmkopien bis heute durch Kinos gereicht werden. Ratet mal, wann ich und der gesamte Kinosaal mehr Spaß hatte...
Aber auch für Leute, die für diese Form der Nostalgie nichts übrig haben, kann die Imperfektion des Kinos ihren Reiz ausüben. Während des gemeinsamen Besuchs der Vorpremiere zu Avatar -Aufbruch nach Pandora passierte mir und einem Freund folgendes: Wir haben es uns in unseren Sitzen bequem gemacht, hatten vorher gut gegessen und waren gespannt auf die von James Cameron versprochene Kinorevolution. Der Saal verdunkelte sich, die Trailerrolle lief und dann... kam ein Trailer zu Avatar, der vom Publikum direkt entsprechend kommentiert wurde. „Also, den Scheiß guck' ich mir garantiert nicht an!“ und ähnliches war im Saal zu hören. Direkt darauf folgte... ein zweiter Avatar-Trailer. Das Licht ging wieder an und der Kinobesitzer schritt eilig den Gang hinunter. Er bat freundlich um Ruhe und Verzeihung, denn er habe eine schlechte Nachricht: Das Kopierwerk habe aufgrund der hohen Sicherheitsbestimmungen, die Fox für Avatar verordnete zwar schon am vergangenen Montag die digitale Kopie verschickt, jedoch nicht das Sicherheitspasswort, das zum Öffnen benötigt wird. Das sollte wenige Stunden vor der Vorpremiere eintreffen. Es kam aber noch nicht. Der wirklich sympathische, aber sichtbar aufgelöste Kinobesitzer hatte sichtbar Sorge. Nicht darum, sein Publikum zu verärgern und so Geld zu verlieren, sondern darum, uns einen großartigen Kinoabend zu versauen. Er erklärte, dass er mit dem Kopierwerk telefoniert hat, es wolle den Code so schnell wie möglich schicken. Könnte eine halbe Stunde dauern. So lange sollten wir uns auf Kosten des Hauses was zu trinken holen.
Eine halbe Stunde und eine Gratiscola später kam der nette Herr wieder in den Saal: Über 200 Kinos in Europa seien betroffen, das Kopierwerk habe totalen Mist gebaut, es täte ihm unheimlich leid und der Code sei noch immer nicht da. Deshalb wolle er uns die analoge Kopie (und somit2D statt 3D) zeigen. „Umsonst! Die Unkosten soll mir mal schön Fox zahlen!“. Die Folge: Ein jubelnder Saal. Denn seit des zweiten Avatar-Trailers entwickelte sich aufgrund all dieser dummen, aber nicht wirklich störenden Fehler eine Eigendynamik im Kinosaal und alle hatten riesigen Spaß an dieser charmanten Pannenshow, die nicht Schuld des Kinobesitzers war, der mit den beiden Trailern nur Zeit gewinnen wollte. Später kam der Code übrigens an, pünktlich zum aufregenden letzten Drittel des Films. Immer wieder denke ich mit meinem Kumpel gerne an diesen Abend zurück, da er auf eine seltsame Weise Spaß machte, und bei einige Vorpremieren treffen wir weitere „Opfer“ dieses Abends, die ebenfalls mit seligem Lächeln daran zurückdenken. Hätten wir einfach auf die Avatar-DVD gewartet uns olchen Stress mit ihr gehabt, wäre es dagegen ein pures Ärgernis gewesen.

Eigentlich ist dieser Abend das Paradebeispiel, weshalb man als Zuschauer weiterhin dem Kino die Treue halten wird, denn der enthielt das Gemeinschaftsgefühl, den Reiz des Imperfekten und die technische Perfektion. Er unterstrich nochmal, dass der Gang ins Kino das Filmesehen zu einem Event macht. Das schaffen Blu-rays nicht. Geschweige denn irgendwelche Handys mit hochauflösendem Display. Kinoatmosphäre im Zug zur Arbeit? Das gelingt niemals.

Anmerkung: Dieser Artikel war ein Gastbeitrag, den ich vergangenen Sommer für Stoppagen verfasste. Da er durch Umstrukturierungen von Mircos Blog dort leider verloren ging, beschloss ich, ihn hier neu zu veröffentlichen.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ist einer deiner älteren Feulliton mäßigen Artikel oder? Du bist mittlerweile echt ein besserer Schreiber geworden.

Dieser Artikel war furchtbar ungelenk und unschön zu lesen.

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