Freitag, 31. Dezember 2010

Meine Hits des Jahres 2010

2010 war ein Jahr, dass mir äußerst schnelllebig vorkam. Urplötzlich war der durch Daisy verlängerte Winter vorbei und der Frühling fing an, die hier verzögert startenden Filme aus dem US-Kinojahr 2009 machten endlich Platz für Produktionen aus diesem Jahr, schon war der Sommer da, alle klagten wie grauenvoll Temperaturen über 30°C doch seien, jetzt heulen alle über den wegzuschippenden Schnee.

Insbesondere musikalisch fühlt sich 2010 weniger wie ein vollwertiges Jahr an, sondern eher wie die Schemen eines sich noch in der Komplettierung befindlichen Jahres. In meinem Musikalltag setzte sich der Trend vergangener Jahre fort, dass Filmsoundtracks eine zunehmend prominentere Stellung einnehmen, das "normale" Musikjahr dagegen besteht aus lediglich drei markierten Phasen: Auf der einen Seite Eurovision und der herbstliche Sturm an neuen Alben einiger meiner Lieblingskünstler, andererseits das gewaltige Musikvakuum, das die WM in den Kalender geschossen hat. Shakira klaute Fozzie Bärs Kultspruch "Wakka-Wakka" und sang ihn mit einer Kermit-Stimme in die Welt hinaus, mir wurde wiederholt in monotoner Notenfolge befohlen, gefälligst eine Flagge zu schwenken und zahlreiche Sänger scheiterten gleichermaßen an der Tonleiter, wie an der Vorhersage des neuen Weltmeisters. Mjaaa...

Hier präsentiert sich euch also das, was das Musikjahr 2010 aus seinen zwei Hochphasen und dem gelegentlichen Charthit für meine Ohren anzubieten hatte. Wie schon bei den Hitlisten zu den Jahren 2007, 2008 und 2009 gelten meine ganz eigenen Gesetze: Keine Filmsongs. Prägnanz kann über Qualität gehen, wenn ein Lied, über das ich eigentlich die Augen rolle mir über die Dauer hinweg irgendwann ironischerweise Spaß bereitet. Positive Assoziationen sind dabei hilfreich - anderweitig hätte es Rihannas Umbrella es auch niemals in eine meiner Jahresbestenlisten geschafft.

Und wie schon letztes Jahr... Ohne die richtigen Alben wäre das wohl eine magere Liste geworden. Ich befürchte, wenn das so weitergeht, müssen wir ab 2011 Filmmusik zulassen.
    Platz 25: Give a Little More - Maroon 5
    Then I give a little more, oh babe / I give a little more, oh babe

    Erst erinnert das Lied an die Elektrische Selbstzerstümmelung (das ist der deutsche Name der originalen Muppet-Band, ihr Unwissenden, wo bleibt eure kulturelle Erziehung?). Dann trifft mich kurz ein ins neue Jahrhundert verzerrter Huey-Lewis-Vibe. Und dann klingt es nur noch nach verwaschener... aber stilvoll verwaschener Retro-Funky-Urlaubsparty-Sturmfreimusik. Oder sowas in der Art. Nur ohne den nötigen Biss, um sich im Gedächtnis einzuhämmern.

    Platz 24: (Let Me Hear You) Scream - Ozzy Osbourne
     I'll pull you up and push you right back in your place
     
    Ozzy lebt tatsächlich noch, und er ist noch fit genug, um ein ganzes Album aufzunehmen! Ich sag's euch, nach der Apokalypse werden Ozzy und Keith Richards zusammen mit Joopie Heesters vor Millionen von Kakerlaken Konzerte geben... Bis WALL•E ihnen die E-Gitarren wegnimmt.
    (Let Me Hear You) Scream aus dem Album Scream erfindet den Rockopa nicht neu, geht aber schnell ins Ohr und hat genug Wumms hinter sich, um an einem trägen Nachmittag den Alltag wieder behände in Gang zu setzen. Auch das restliche Album ist sehr solide geworden, aber es stachen nur wenige Lieder besonders hervor. Trotzdem ist das mittlerweile zehne Studioalbum von Ozzy ein kleiner Höhepunkt meines Musikjahres. Unter anderem auch wegen Ozzys stets sehenswerten Fernsehauftritten.

    Platz 23: (Love Is Like A) Heatwave - Phil Collins
    It's like a heatwave, burning in my heart
     
    Das Lied mag aus der Motown-Ära stammen, aber Phil Collins' Cover war dieses Jahr taufrisch. Somit zählt dieser Song in dieser Liste! Und was kann schon schiefgehen, wenn einer der besten Motown-Hits vom tollen Phil Collins gecovert wird? Eigentlich nichts. Ich bin zugegebenermaßen ein bisschen enttäuscht, da seine Motown-Neuaufnahmen lediglich gut für zwischendurch sind, und keinen musikalischen Homerun dastellen, aber Heatwave hat sich dieses Jahr dennoch recht gut bei mir durchgesetzt. Ein solider 23. Platz, bei dem die Sympathie für Projekt und Interpreten den Sprung in die Hitliste erleichterten.

    Platz 22: I Care For You - Jennifer Braun
    I care for you / ohohoho / I care for you / ohohoho

    Die arme Jennifer: Da bekommt sie von Max Mutzke einen Eurovision-Titel zugeschoben, und kein Jahr später dürfte wohl nur noch ein Drittel der USFO-Zuschauer sie erkennen. Die Ausmaße der Lena-Mania konnte man während des Finales von Unser Star für Oslo auch kaum vorhersagen. Okay, Lenas Sieg konnte jeder mit Zugriff auf die Besucherzahlen seiner Webseite erahnen (nach Lenas Auftritten explodierten während meiner USFO-Livekommentare die Besucherzahlen - es wurde nach Lena gesucht, mein Blog gefunden und offenbar drangeblieben), aber nach I Care For You hätte ich dennoch nicht meine Hand für einen Lena-Sieg ins Feuer gelegt. Die ersten Forenreaktionen auf Satellite waren ja eher perplex, während I Care For You als schmusig-schneler Poprock ganz gut aufgenommen wurde. Offenbar rufen bei Castingshows andere Leute an, als diejenigen, die bei einschlägigen Fernsehseiten rumstöbern. I Care For You hätte dennoch das Zeug zum Mitsumm-Sommerhit gehabt. Aber Deutschland konnte sich dieses Jahr nur auf eine junge Newcomerin aus dem eigenen Land konzentrieren.

    Platz 21: Coming Home - Iron Maiden
    Oh the bittersweet reflection / As we kiss the earth goodbye  / As the waves and echoes of the Towns / become the ghosts of time

    Iron Maiden gelang etwas, das die eingschworene Internetgemeinde nicht auf die Beine stellen konnte. Im April wurden gleich zwei Aktionen gestartet, um den DSDS-Gewinner an der Eroberung der Singlecharts zu hindern. Wurde nichts draus. Derweil in den Albencharts: Iron Maiden rief während der Welttournee zu The Final Frontier die Fans dazu auf, das Album bis zur Spitzenposition in ihrem Land zu tragen. Es gelang. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in 22 anderen Ländern. Es fanden auch, und jetzt kommen wir zu den wirklich großen Ehren, zwei Lieder des Albums Eingang in diese Hitliste. Das melancholisch-progressive Coming Home ist der erste Titel, da er mir zwar insgesamt sehr gut gefällt, vor allem aufgrund seiner Balance aus musikalischer Kraft und eher bedächtiger Stimmung, er es aber nie so richtig in meinen diesjährigen Musikalltag schaffte. Es war ein Gelegenheits-Musikstück, das ich schnell wieder aus den Ohren verlor - bis es mir wieder begegnete. Für die Hits des Jahres bedeutet das in diesem Fall Platz 21.
        Platz 20: Hands All Over - Maroon 5
        Put your hands, all over, put your hands all over me

        Der Song Hands All Over von Maroon 5 ist einer dieser Fälle, die mir unerklärlich bleiben. In der Komposition liegt das Zeug zu einem Titel, der mich voll und ganz überzeugt. Die Klangfarbe ist gedrückter als beim üblichen Maroon 5-Lied, wodurch er an meinem absoluten Lieblingssong dieser Band erinnert (Harder to Breathe), der Refrain hat einen mantraartige, beschwörenden Flair, er treibt sehr bestimmt voran. Und dennoch stört mich irgendetwas genug an Hands All Over, dass ich das Lied nicht höher platzieren könnte.In ihm steckt eine unvorteilhafte Disharmonie, auf die ich beim besten Willen nicht deuten kann. Ich kann bloß benennen, dass mir das Lied deswegen auch deutlich länger vorkommt, als es tatsächlich ist.
        Hands All Over: Cool, ungeheuerlich stylisch, und leider auf eine mir nicht bewusste Weise verbaut. Verwendet es auf erstaunliche Weise in irgendeinem mich begeisternden Independent-Film, und wir reden in ein paar Jahren nochmal etwas gönnerhafter über dieses Lied.

        Platz 19: Give Your Life for Rock 'n' Roll - Lordi
        Give your life for Rock and Roll, Your soul shall live on / Give your life for Rock and Roll, You'll never be gone
        Eine Lobeshymne an den Rock 'n' Roll, frisch aus den Klauen Lordis. Nicht, dass solche Stücke Mangelware wären, aber Give Your Life for Rock 'n' Roll ist "irdischer" und ehrfürchtiger, als vorherige Rockhommagen der Finnenmonster. Genau richtig für männliches Schunkeln und Feuerzeuge rausholen. Wobei, spätestens beim Instrumentalpart stört das Feuerzeug, lassen wir also diesen Schwachsinn. Gehen wir halt ohne Acessoires mit.

            Platz 18: I Am Bigger Than You - Lordi
            Buhu Buhu I do what I want to! Buhu Buhu and I want to do you!

            Es scheppert, es deppert und eine kratzige, volumenreiche Stimme erklärt, dass sie zerrissene Haut mag und sich darüber freut, wenn mein Körper durchlöchert wird, denn dann gibt es mehr Löcher, die der Besitzer dieser monsterhaften Stimme füllen kann. Eine solche Beschreibung kann eigentlich nur auf zwei Dinge zutreffen: Schüler/Lehrer-Gespräche nach dem allwöchentlichen Schulsport oder einen Lordi-Song. Glücklicherweise ist an dieser Stelle von zweiterem die Rede. Das ist wenigstens noch überaus offensichtlich nicht ganz so bedrohlich gemeint. Der Refrain von I Am Bigger Than You ahmt harmlosen Kinderschreck nach und erinnert somit weniger an einen Torture Porn, sondern mehr an etwas fehlgeleitetes Toben unter jungen Kindern. Buhu, buhu, ich bin größer als du und mach mit dir, was ich will. Unter Kindern ist das niedlich, im Erwachsenenalltag muss man wieder aufpassen, zu wem man sowas sagt, sonst hat man eine Ladung Pfefferspray in der Schnauze. Und obwohl es schärfere Soßen gibt, die zum Verzehr freigegeben sind, ist es ob des bitteren Geschmacks des Selbstverteidigungspühzeugs keine angenehme Erfahrung. Im dunklen Rockpartykeller hingegen, darf man wieder grenzenlos den neckischen grinsenden Kinderschreck spielen. Am besten zu I Am Bigger Than You.

            Platz 17: California Gurls - Katy Perry feat. Snoop Dogg
            Fine, fresh, fierce / We got it on lock

            California Gurls hat ungefähr so viel Klasse, wie ein schlecht besuchter, kitschig bemalter Süßwarenstand auf einer ramschigen Dorfkirmis. Er enthält obendrein genauso viel Zucker wie besagter Süßwarenstand. Aber es handelt sich bei California Gurls auch um einen sommerlichen Electropopsong, will man da Niveau und lebensverändernde, tiefschürfende Melodien? Der Song soll ein treffender Begleiter während der Autofahrt zum Grillabend bei Freunden sein, die Geräuschkulisse für den ungezwungenen Aufenthalt am Baggersee, das vertonte, eisgekühlte Biermischgetränk. Und in diesen Belangen ist California Gurls, in fein dosierten Maßen genossen, ein gelungener Titel. Zumal Snoop Dogg so ziemlich der einzige US-Rapper ist, bei dem nichtmal eine einzige Faser meines Körpers zusammenzuckt. Der Kerl ist dafür zu vergnüglich. Wenn er bloß Katy Perry eine ähnliche Tonlage mitgebracht hätte, statt nur einen Jahresvorrat an Zuckerwatte - denn an manchen Stellen quiekst Perry doch zu hoch von ihrem sommerlichen Wunderland.
            Das Video, nebenher gesagt, ist so eine Sache. Ich begrüße die überbordende Schlaraffenzuckerland-Fantasie und Snoop Doogs Sugardaddy-Outfit (ha...ha...ha), die Outfits von Katy Perry und ihren Hintergrundtänzerinnen sind dagegen scheußlich und billig. Und nur weil sie bunt sein wollen, heißt das nicht, dass man sich bei dem Farbarrangement gar keine Gedanken machen muss. Wenn ich dann auch noch bedenke, dass die Zuckerwelt vor einigen Jahren noch gebaut worden wäre, statt sie komplett am PC zu erstellen, finde ich es nochmal ein gutes Stück mieser. Aaaber irgendwie hypnotisiert einen diese irreal beleuchtete Plastik-PC-Zuckerfarbenpallette. Wegschauen fällt also trotz der Kritik schwer. Selbst wenn ich mir danach die Augen auswaschen muss.

            Platz 16: Allez Ola Olé - Jessy Matador
            Allez Allez Allez Allez / Il faut danser, tout le monde, danser, tout le monde, danser collé serré! / Tout le monde, danbadam badamdam...


            Mit einem WM-Song werden in dieser Hitliste wohl die wenigsten gerechnet haben. Was für ein Glück, dass Allez Ola Olé kein WM-Song ist, sonst müsste ich meine Leser ja enttäuschen, was ich selbstredend nicht möchte. Frankreich mag das Lied vielleicht als offizielle WM-Erkennungsmelodie für einen seiner Sender gebraucht haben, bloß bin ich kein Franzose. Allez Ola Olé war vor allem Frankreichs ESC-Beitrag und so präsentierte er sich dem Rest Europas. Und, Überraschung, als Deutscher zähle ich aus Frankreichs Sicht zum Rest Europas! Tada! Diese Logik kann man bestechend finden oder nicht, zumindest ist es für mich ein Eurovision-Lied und noch dazu eines, das ganz versteckte Seiten an mir offenlegt. Französischer, sommerlicher Tanzhallen-Elektro-Pop. Alizée sei verdammt, alle Jahre wieder erwischt mich ein solcher Song und nimmt mich für sich ein. Allez Ola Olé weckt Erinnerungen an frühe Frankreich-Ausflüge und wie es der Zufall so wollte, war ich auch diesen (Spät-)Sommer in Frankreich. Obendrein war es der einzige Nichtdeutsche Eurovisionsong, der am Wettbewerb teilnahm und in meinem Umfeld hängen geblieben ist, weshalb er sich als kleiner, privater Sommerhit behauptete. Sowas bringt weitere Pluspunkte für den Jahresrückblick!

            Platz 15: Tik Tok - Ke$ha
            The party don't start until I walk in

            Ich hasse diesen Song. Wenn Ke$ha zu Beginn ihren Text rauskotzt, kann man nicht nur förmlich ihre verkaterte Fresse vor seinem geistigen Auge sehen, nein, sogar der Geruch von ungeschützem Verkehr, verschüttetem Bier und Vokdka mit Energy kommt aus dem Autoradio raus. Von den Bröckchen eines halb verdauten BigMäc-Menüs erst ganz zu schweigen. Es ist eklig. Und der Text selbst ist nur minimal besser, lässt er sich er doch keine Gelegenheit für einen schauderhaften Reim und asoziales Kopfkino aus.

            Ich liebe diesen Song. Wenn er zur richtigen Zeit am richtigen Ort läuft. Der Refrain ist gelebte Party, treibt einen voran und hat gleichzeitig schon die richtigen Tanzbewegungen in der Melodie. Wochenende, Sorglosigkeit. Und die Bridge gen Schluss, dieser totale Stilbruch mit dem restlichen Song, das ist die vertonte Sekunde, in der man nach seiner Aklimatisierungsphase vom aus dem Alltag gezerrten Miesepeter wieder allen Balast fallen lässt und sich auf den genussvollen Moment fokussiert.
            Ja... der gute Schatten-Todd traf den Nagel auf den Kopf: Kein Popsong war jemals so irritierend und in seiner Individualwirkung ambivalent wie Tik Tok. Man liebt es nicht ihn zu hassen oder hasst es ihn zu lieben - man tut beides auf einmal, unabhängig voneinander. Positiven Assoziationen sei Dank zieht es diesen mehrere Monate nach US-Debütauch bei uns veröffentlichen Song trotz zahlreicher Negativpunkte beschwingt wie im Refrain auf meinen 15. Platz. Prägnanz und gute Erinnerungen über Qualität... Somit macht sich die einschneidende Bridge bezahlt, denn ohne sie wäre ich zögerlicher mit der Beförderung.

            Platz 14: Misery - Maroon 5
            I am in Misery

            Der Mensch braucht Vorbilder. Maroon 5 hat es uns dieses Jahr deutlich vorgeführt: Leadsänger Adam Levine verriet, dass das Debütalbum Songs About Jane stark von Stevie Wonder geprägt wurde, während das zweite Album zwischen Prince und The Police pendelte. Hands All Over hingegen, sei ohne musikalische Inspirationsquelle entstanden. Das dritte Studioalbum von Maroon 5 ist zugleich auch ihr meiner Meinung nach schwächstes und farbloseste. Dies hindert die Hauptsingle des Albums jedoch nicht daran, sich nahe an meinen Jahres-Top-Ten zu platzieren. Ein Glück, dass Linkin Park mit seinem mich schwer enttäuschenden Album nicht hatte... 
            Misery ist klar der stärkste Titel von Hands All Over und bietet stimmigen Falsetto-Funk-Rock und Maroon 5s Paradethema: Beziehungsstress sowie den Kampf mit der Ex. Levine scheint wirklich viel verarbeiten zu müssen, mit seiner Musik. Misery klingt überaus typisch für Maroon 5, eigentlich sogar zu typisch, da es ein richtig generischer Titel für die Band ist. Zumindest der Refrain bleibt dennoch haften, und für die höchst amüsante Klang/Text-Schere gibt's auch ein paar Sympathiepunkte. Und naja... generisch-stereotyper Maroon 5-Sound ist noch immer besser als schwacher Maroon 5... Ach, ich hab diesen Song irgendwie schon richtig gern. Was soll's, er bekam ja einen guten Platz! Erklärungen gibt's woanders. Vielleicht beim nächsten Song?

            Platz 13: We Could Be The Same - maNga
            For all this time / I’ve been loving you / Don’t even know your name / For just one night, we could be the same / No matter what they say

            Während wir gespannt darauf warten, ob Linkin Park es gelingt, ihren vertraglich geregelten, regelmäßigen Besuch in meiner Jahreshitliste abzuleisten, überbrücken wir die Wartezeit mit der türkischen Antwort auf  Chester Bennington und Co.: maNga! Wie, ihr kennt maNga nicht? Na hört mal, das waren die Zweitplatzierten beim diesjährigen Eurovision Song Contest! Ihr seid weiterhin planlos? Mh, vielleicht helfen euch diese Stichworte: Leichtgängiger Alternative metal mit dezent orientalischer Percussion, flottes Tempo bei klanglich heller Melodieführung, sehnsuchtsvoll verliebter, aber bestimmter Gesang... Als Hintergrund-Act tanzte ein RoboCop/PowerRangers-Crossover, der sich mit der Flex das Kostüm aufschnitt... Und sich, ACHTUNG, SPOILER!!! als schlanke, langhaarige Blondine mit strengem sexy Blick entpuppte. Also war's streng genommen ein RoboCop/PowerRangers/Metroid-Crossover.
            Naja, auch wenn sich wohl niemand mehr an diesen Zweitplatzierten erinnerte: manGas Auftritt hat mir sehr gefallen und wäre bei einem Versagen Lenas ein für mich willkommener Gewinner gewesen. Das Lied hat Power, einen leicht mitsingbaren Refrain, recht coole Sprechgesang-Parts und dieses gewisse ins Nichts sehnsüchtelnde Rock-Feeling. Im richtigen Kontext eingebettet hätte We Could be The Same enormes Potential gehabt, auf meiner Hitliste hoch hinauszuklettern. Ein 13. Platz für Linkin Park vom Bosporus sollte aber ebenfalls niemanden grämen, denke ich.

            Platz 12:  Let It Die - Ozzy Osbourne
            It's a new day for the faceless / Take the torches from the useless / First amendment, second guesses / All dependant, I'll do anything to help you

            Ich will nicht als Tonabmischer für Ozzy Osbourne arbeiten, wirklich nicht. Er verfügt schon lange nicht mehr über die Stimmgewalt aus Black-Sabbath-Zeiten, schreibt sich heutzutage aber ungebrochen laute Musikstücke. Nicht nur das, auf seinem diesjährigen Album Scream sind einige Songs packevoll mit schnellen Notenfolgen und intensivem Hintergrundgeschrammel zum Gesang. Let It Die ist solch eine Komposition. Schnelles Gitarrengequäle, Bass, Keyboard, zügige Drums und oben drüber Ozzy Osbournes sicherlich zum Patent angemeldetes leises Geschreie. Wer da im Tonstudio saß und am Mischpult so lange die Regler rauf und runterschob, bis ein stimmiger und kraftvoller Song bei rumkommt hat einen Orden verdient. Denn Let It Die hat gewaltiges Scheiterpotential. Aber der Eröffnungssong von Scream haut die Fledermaus aus der Grotte raus: Elektrisierender und zügiger Refrain trifft auf markant stampfende Strophen und ein über die gerade im Refrain wild gewordene Instrumentierung hinweg scheppernder Gesang, der idealen Gebrauch von Ozzys (aufpolierter) Gesangsstimme macht. Der irritierende und nicht in das Tempo oder die Dramaturgie des Songs passende Instrumentalpart gegen Schluss müsste noch etwas gestrafft werden, dann wäre wohl auch ein Rang in meinen diesjährigen Top 10 möglich gewesen.
              Platz 11: ZombieRawkMachine- Lordi
              Gray-skinned heads banging, some get loose / Rocking and rolling in wet gory mousse

              ZombieRawkMachine ist bei weitem nicht der beste Lordi-Song aller Zeiten und auch lange nicht das beste Stück auf dem Album Babez for Breakfast. Dennoch könnte ZombieRawkMachine zu den repräsentativsten Liedern der Band gehören. Er vereint zu gleichen Teilen ihre Hardrock- wie Metaleinflüsse und behandelt die stete Monsterthematik, die mal comichaft und mal horrormäßig umgesetzt wird, auf der schwankenden Lordi-Skala so ziemlich auf einem mittleren Niveau. Dessen ungeachtet: ZombieRwakMachine ist beim ersten Anhören was kraftlos, mit mehrfachem Anhören wird es aber immer leichter mitzugehen. Und so reicht es nach einigen Wochen "Heavy Rotation" mit dem restlichen Album für einen sehr ansehnlichen 11. Platz auf dieser Liste. 

              Platz 10: Satellite 15... The Final Frontier - Iron Maiden
              Too close to the sun and surely will burn

              "Aber Sir D., wo bleibt den Satellite?" Bitte schön, da habt ihr einen mit Satellite betitelten Song. Er ist sogar in meinen Top 10! Rock on...!

              Na gut, na gut. Etwas mehr Text darf's wohl doch sein... Insgesamt fand Iron Maidens neues Album sehr viel Gegenliebe, sowohl vom Publikum, als auch von den Kritikern. Der (Semi-)Titeltrack und Albenopener Satellite 15... The Final Frontier hingegen polarisierte seine Zuhörer. Die Sci-Fi-Klangatmosphäre, die ungleichmäßige Tonabmischung, eigentlich das gesamte "Gefühlserlebnis" dieses Titels war einigen Fans eine zu weitreichende Abkehr vom typischen Iron-Maiden-Stil. Satellite 15... The Final Frontier wäre den meisten seiner Kritiker nach der falsche Song für die richtige Band. Oder eher der richtige Song für eine andere Band. Wie man's nimmt.
              Während ich diese Kritik der Fans eher nachvollziehen kann, als ständige Beschwerden über zu viel Schwermetal in einer Metal/Hardrock-Combo (oder Ärger über zu viel Hardrock in einer Hardrock/Metal-Combo), bin ich immer noch anderer Meinung. Satellite 15... The Final Frontier mag nicht der archetypische Iron-Maiden-Song schlechthin sein, doch mir gefällt er als eigenständiger Song sehr gut. Ich muss "meine" Iron-Maiden-Songs nicht zwingend als Iron-Maiden-Songs erkennen, ich kann auch sehr gut mit einem kleinen Stück Space-Rock-Oper leben. Abstruserweise habe ich mich dennoch mehr an die zurechtgestutzte Musikvideo-Kurzfassung gewöhnt, als an die vollständige Albenfassung. Wieso? Weiß nicht, ich werde selbst nicht schlau draus.
                  Platz 9: Stalker - Christian Durstewitz
                  My mind is crazy singin' Babalabalabo / Because I'm lazy singin' Babalabalabo

                  Na gut, einen Ehrenpreis für den intelektuell geistreichsten Liedtext des Jahres wird Unser Drittplatzierter für Oslo garantiert nicht bekommen. Dessen ungeachtet hat er sich ganz klar einige imaginäre Gummipunkte dafür verdient, dass er den am fröhlichsten klingenden und dadurch missleitendsten Song 2010 über das Stalken schrieb. Wer nur mit einem halben Ohr zuhört und den Songtitel nicht kennt, würde wohl kaum gewisse, unheimliche Untertöne in Stalker entdecken. Was auch wieder viel über unsere Musikrezeption aussagt. Eigentlich lässt sich dem Volk textlich alles verkaufen, wenn es nur entsprechend verpackt ist. Bestimmt hat selbst Ursula von der Leyen ein Lied über Kindesmord oder Frauenmisshandlung in ihrer Lieblingslieder-Playlist, ohne dass sie davon weiß. Vorausgesetzt, sie besitzt so etwas wie eine Playlist...
                  Ähm, ich schweife ab. Stalker beginnt als Eurovision-taugliche "Ein trauriger Junge mit seiner Gitarre"-Singer/Songwriter-Ballade, bevor die Stimmung komplett umkippt und sich als ein hibbeliger Straßenrock-Titel mit Pop-Harmonie entpuppt. Schnell, ein Ticken verrückt, viel zu spät veröffentlicht. Dazu hätte man im Sommer unsagbar manisch durch den Park hüpfen können... Schade...
                  Disclaimer: Die Blogleitung möchte mitteilen, dass Sir Donnerbold manisches Durch-den-Park-hüpfen nicht zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen zählt. Jegliche gegenteilige Behauptung ist eine diffamierende Unterstellung und zieht strafrechtliche Konsequenzen nach sich. Manisches Durch-den-Park-Hüpfen wird von den Leitern dieses Blogs in keinster Weise untersützt, LeserInnen, die sich durch diesen Artikel dazu inspiriert fühlen, diese Tätigkeit einmal auszuprobieren, sollten der blogleitenden Meinung nach sofort psychologische Hilfe konsultieren. Die Blogleitung möchte sich des Weiteren von sämtlichen Implikationen distanzieren, dass Mitglieder unserer vergötterungswürdigen Bundesregierung Gefallen an Liedern mit abscheulichen Texten finden könnten. Ein solcher Gedanke ist wahrlich absurd. Die Blogleitung zieht in Betracht, den Verfasser dieser Zeilen auf einen Bauernhof zu schicken, damit er sich an den saftigen, grünen Wiesen zu erfreuen. Die Stadt ist nichts für ihn. Den Konsumenten dieses Blogs wird aber ein neuer Autor gekauft.

                  Platz 8: Rock Police - Lordi
                  Justice in leather uniform (we prosecute transgression!) Crashing through windows, breaking doors (we practice devastation law)

                  Und noch einmal Lordi. Ich verrate an dieser Stelle schonmal eins, ihr soltet euch an Lordis Präsenz in den Top 1 gewöhnen, denn die finnischen Monsterrocker mit Metaleinflüssen (oder Metalmonster mit Rockwurzeln?) haben sich in einem widerlichen Massaker direkt einige weitere Spitzenplätze gekrallt. Rock Police gehört dabei zu den harmloseren Songs und könnte mit einer etwas gedämpfteren Abmischung vielleicht sogar die normalen Radiostationen erobern... wären die "anderen" Bands gegenüber etwas aufgeschlossener. Aber rein klanglich tut sich zwischen Lordi und manchen Rockklassikern wie den bekannteren KISS-Titeln, die es auch heute noch gelegentlich ins Massenradio schaffen, nicht viel. Eine eher muntere Rockmelodie, die Instrumentalparts sind sehr licht und hell, statt dicht und schwer, der Refrain hat einen leichtherzigen Drive... Auf die monstermäßigen Juxtexte, die sich über eine selbsternannte Rockelite mokieren achtet der Gelegenheitszuhörer doch eh nicht, also kommt Lordi sicher mit ein wenig Folter hier und dort davon...
                    Platz 7: Loud and Loaded - Lordi
                    You were about eleven / when your sister pissed you off / you chopped off her finger / and ate it in a hot dog

                    Lordis komödiantisches Lob(?)lied an eine extrem temperamentvolle Person vermixt Hardrock mit Power Metal, hat einige sehr charmant veraltet klingende Keyboardeinsätze und prischt mit Wahnsinnstempo voran. Die geborchene Melodieführung und das nach einer Zäsur in den Strophen steigende Tempo geben Loud and Loaded etwas gleichermaßen eingängiges wie unkontrolliertes. Vor allem ist es aber ein saumäßig energiereicher, amüsanter Song. Zum einen wegen seiner Wirkung als musikalisch flotte Rock/Monster-Metal-Pastiche, andererseits wegen der nicht minder süffisanten Texte. Was Loud and Loaded an einer besseren Platzierung hindert, ist seine Kürze. Ich hätte gern weitere Strophen in diesem Stil - und da ich üblicherweise Lordis Refrains den Strophen vorziehe, ist das eigentlich ein Kompliment, das ich hier als Kritikpunkt anwende.

                    Platz 6: Satellite - Lena Meyer-Landrut 
                    Like a satellite, I’m in an orbit all the way around you

                    Ein musikalischer Rückblick auf 2010 wäre wohl kaum komplett ohne Lenas Satellite. Leicht hat es mir unser Eurovision-Titel allerdings nicht gemacht. Ich habe länger mit mir gehadert, welchen Rang Satellite in dieser Liste erhalten sollte. Würde ich mich ins Frühjahr zurückversetzen, als ich Satellite zum ersten Mal hörte, und allen nach meinem üblichen Musikgeschmack urteilen, würden Stalker und I Care For You unter den Beinahe-Eurovisionbeiträgen besser abschneiden, da mir Durstis erfrischender, wilder Straßenrock und Jennifers schwungvoller Poprock ganz trocken betrachtet halt mehr liegen als Lenas... öh... "bubbly" Alternative-Pop... Mrmpfjha... Musikgenrebezeichnungen erfinden ist ein Faible von mir, man merkt es...
                    Wie dem auch sei, mit entsprechender Gewöhungsphase oder einem dem Lied zu Gute kommendem drumherum können sich ja auf dieser Liste ein paar Verschiebungen gegenüber dem ersten Eindruck ergeben - und Satellite hatte in diesen Belangen bekanntermaßen großartige Voraussetzungen. Zunächst einmal hat sich Lena nach Unser Star für Oslo noch mehr an die Bühne und endlich auch an das Lied gewöhnt, weshalb es ein paar TV-Auftritte später immer besser klang. Außerdem haben Lena, Raab und die restliche Mannschaft hinter dem noch folgenden Eurovision-Sieg während Lenas Fernsehtour mit unterschiedlichen Performances experimentiert. Mit den Heavytones in relativ prominenter Position (wohl inspiriert von Max' Eurovison-Auftritt), die Band mehr im Hintergrund, ein etwas Percussion lastigeres Arrangement, mdoch eher die Gitarre rausstellen... Beim Finale in Oslo hatte man dann endlich die dem Lied und Lena am meisten schmeichelnde Bühnenversion auf die Welt losgelassen: Instrumental nicht ganz so einheitlich abgemischt wie die Radioversion (oder bilde ich mir ein, dass hie und da die Gitarre was kräftiger ist) und vor allem auch: Backgroundsängerinnen! Retrospektiv spricht es nicht gerade für die organisatorischen Hintergründe von Unser Star für Oslo, dass Lena mit einer zwar für sie umgearbeiteten, jedoch weiterhin ungeschliffenen Satellite-Version an den Start ging, aber es ging ja alles glatt, von daher...
                    So oder so sprechen für Satellite die tolle ESC-Finaldarbietung und auch die ganze gebangte Wartezeit auf den Song Contest. Ich liebe sie ja, diese musikalische Freakshow mit dieser eklatanten Divergenz zwischen Technik und Organisation auf der strahlenden, und musikalischem Inhalt auf der zumeist entgegengesetzten Seite - und dass ich zum ersten Mal seit Max wieder Sympathie für den deutschen Beitrag einbringen konnte, verstärkte selbstredend das Vergnügen am ESC. Dann explodierte die Halle, bevor Lena überhaupt den Mund aufmachte, und ich konnte mich endlich mit einer ganzen Fernsehnation freuen, wenige Stunden danach auch über einen Sieg in etwas wertvollerem als Bälle treten. Hübsch. Allerdings fiel Satellite, mh, zwei Monate danach für mich in ein Vakuum. Nicht, dass es mich nervte, doch es spielte für mich keinerlei Rolle mehr. Verschlimmernd kam Raabs dem NDR und dem Zuschauer vordiktierter Beschluss hinzu, Lena 2011 erneut zum ESC zu schicken. Wenige Monate zuvor lobpreiste Raab die Bedeutung der Zuschauerentscheidung, feierte USFO als demokratisches Fernsehen. Jetzt hat Lenas Sieg diesen Nachgeschmack des "nicht so schnell ein zweiter Antritt bei dieser Veranstaltung, och, nee..." Und so lange ich Satellite wegen der vergnüglichen ESC-Phase nach oben pushe, sehe ich mich gezwungen, mein gesamtes Rezeptionserlebnis zu berücksichtigen. Also klar ein Top-10-Eintrag, doch genauso eindeutig muss ich die Handbremse ziehen und dem Lied eine noch höhere Bewertung entsagen.
                      Platz 5: Carry Out - Timbaland feat. Justin Timberlake
                      You look good, Baby, must taste heavenly / I'm pretty sure that you got your own recipe

                      Hallo und herzlich willkommen zum obligatorischen Justin-Timberlake-Song des Jahres. Was darf's für Sie sein? Möchten sie Pommes dazu oder die Country Potatoes? Extra Mayo? Wir haben es auch supersize...
                      Jaaaa... *ähem* also, von allen Timberlake-Songs, die sich in meine Jahresbestenlisten schlichen, ist Carry Out zweifelsohne der stupideste, das gebe ich offen zu, wohlwissend, dass die Latte der X-tra-Long-Chilli-Cheese dank Timberlakes, Timbalands und Madonnas 4 Minutes bereits außerordentlich tief liegt. Mit dem heiß frittierten Schnellfeuerwerk an speckigen Fast-Food-Doppeldeutigkeiten, den sich die Kumpels Timbaland und Timberlake jedoch in Carry Out leisten, haben wir einen neuen Tiefpunkt in der lyrischen Karriere des feschen Ex-Mickey-Mouse-Club-Buben erreicht. Wieso es Carry Out trotzdem in meiner Gunst so weit nach oben geschafft hat? Das ist so einfach, wie durch zu viel Schnellfraß mollig werden! Streicht das "trotzdem" aus der Frage! Gerade weil Carry Out an textlich derartig hirnverbrannt ist, hat er sich dieses Jahr für mich zu einem heimlichen Kulthit entwickelt. Wenn zwei so lockere und sympatisch auftretende Popstars wie Timbaland und Timberlake uns so versalzene Doppeldeutigkeiten wie "What's your name? Girl, what's your number? I'm glad I came" um die Ohren hauen, kann ich dem Song einfach nicht böse werden. Denn ganz gleich, wie viel oder wenig Absicht in der Dämlichkeit dieser Liedtexte steckt, es ist cool, sei es nun auf einer verdrehten, schadenfrohen "Ich kann es nicht fassen"-Weise, oder vor lauter Selbstironie der Interpreten. Hinzu kommt, dass Carry Out mit seiner 50er-Drine-In-Optik das stylischste (Mainstream?)-Musikvideo des Jahres aufbot und der Beat sowie die verspielt-lässige Melodie des Songs einen total entspannt mitreißen. Das alles erhob Carry Out zu meier Gute-Laune-Nummer des Frühjahres, mitsamt Eigendynamik. Grauenvolle Fast-Food-Sprüche, verlängerte Nächte und Burger-Snacks lange nach Mitternacht. Yeah, es waren schon karikaturesque, coole Wochenenden.

                      Platz 4: Babez for Breakfast - Lordi
                      I'll season them all with my special sauce / I'll bang their flesh to tenderise

                      Irgendwie war es das Musikjahr der Ess-Metaphern, aber bei Lordi bin ich mir wenigstens ganz und gar sicher, dass Zeilen wie die obige scherzhaft gemeint sind. Der Titelsong des jüngsten Lordi-Albums hat aber mehr zu bieten, als nur vorsichtig angebratene Futter-Wortspiele, sondern auch eine selbstironische, comichafte Reflexion des Monsterimages dieser Band, flottes Tempo, eine ohrwurmverächtige Melodie und ein die 80er-Retro-Hardrock-Atmosphäre des Songs stützendes Metal-Arrangement. Es ist halt dieser leichtfüßige Spaßmetal, der beim Kopfnicken aufgrund des rasanten Refrains schnell in den Nacken geht, dafür aber der Tagesverfassung eine Energiespritze verpasst. Babez for Breakfast ist der Song des Jahres, der sich am schnellsten und mühelosesten für Stunden oder gar Tage in den Gehörgängen festkrallte - und dort auch sehr gerne bleiben darf. Babez zum Frühstück und Schlampen zum Brunch - was sollte man auch schon dagegen haben?
                      Platz 3: Midnite Lover - Lordi
                      I met your darling, In a darkened alleyway / I met the fool, I gave no warning / When solving little problems , I don't leave no proof

                      Midnite Lover ist gewissermaßen etwas, dass ich eine Anti-Ballade bezeichnen würde. Am Ende der Strophen und des Refrains und in der Bridge erinnern mich die Harmonien ziemlich stark an archetypische Balladen, das Gesamttempo dieses mittelschweren Songs, das recht stark durchdringende Schlagzeug und Mr. Lordis lauter, voranpreschender Gesang passen nicht in dieses Bild. Der Inhalt verstärkt den Eindruck einer Anti-Ballade: Mr. Lordi singt zu einem (weiblichen) lyrischen Du, welches begierig auf seinen "Midnite Lover" wartet. Dieser wird allerdings niemals auftauchen, denn Mr. Lordi erklärt stolz, dass er ein hervorragender Stalker sei, der dem "Midnite Lover" ohne jegliche Spur zu hinterlassen auflauerte, ihm jegliche Knochen zerschmetterte und ihn letztlich tötete. Hach, Poesie...
                      Hätte ich diese Liste direkt nach dem Erwerb von Lordis Babez for Breakfast erstellt, wäre Midnite Lover wohl nicht so weit oben gelandet. Aber der Song gewinnt mit der Zeit an Schmissigkeit und seine Launenhaftigkeit entfaltete sich mir ebenfalls erst nach mehrmaligem Anhören. Die Strophen nehmen beständig an Fahrt und Klanggewalt zu, der fröhlich dahingesungene Refrain steht im deutlichen Gegensatz zu den monströseren Strophen und wenn man sich das alles in einem Rutsch anhört, wird Midnite Lover zu einem genüsslichen, dynamischen 70er/80er-Shock-Rock-Revival, das die Endorphine nur so rauschen lässt. Blutrünstiger Mord, der glücklich macht. In rein musikalischer Form, natürlich.
                          Platz 2: This is Heavy Metal - Lordi

                          Now this is heavy metal! No matter what you say! / Now this this heavy metal! The only righteous way!

                          Mit ihrem jüngsten Studioalbum Babez for Breakfast verfolgen Lordi gleichermaßen ihre Hard-Rock, wie ihre Metal-Wurzeln. Und da es in jedem Musikgenre unter den eifrigen Konsumenten auch selbsternannte Reinheitswächter gibt, ist Lordis markanter Einfall, gerade diesem Album eine selbstreferentielle Schiene zu verleihen, ein begrüßenswertes Stück Musikerziehung. Denn spätestens nachdem Lordi in der Metelcommunity kurzfristig einen Hype-Backlash für das "total kommerzielle, massentaugliche, poppige" Hard Rock Hallelujah erlebte, ist ein locker hingerocktes, eingängiges "Shut Up!" durchaus angebracht. Insbesondere, wenn der Song, mit dem diese Botschaft vermittelt wird, so rockig-vergnüglich anzuhören ist. Man kann ja ruhig einige Lordi-Songs nicht mögen, aber Verrat an der Metal-Ehre, weil sie Erfolg hatten? Also, Hard Rock Hallelujah ist immer noch härter und schrammeliger als das, womit Unheilig dieses Jahr durchstartete, und auch in dem Fall meine ich aus Interviews rauszuhören, dass es keine kommerzielle Berechnung, sondern die Lust nach solchen Songs war, die uns das sanfte Unheilig bescherte. Das macht die Lieder nicht griffiger und beraubt sie nicht dieser zahnlosen "Seufzerakustik", mich hält es aber davon ab, dem Interpreten irgendwie die Künstlerlizenz entziehen zu wollen.
                          Jedenfalls kann ich Lordi in seiner nicht all zu ernst und böse gemeinten Kritik an etwaiger Kritik nur beipflichten - und genieß den leicht mitgröhlbaren Refrain und die flott fetzende Melodie dieses sehr Hard-Rock-mäßig arrangierten, eingängigen Metaltitels.

                          Platz 1: Don't Tell Me That It's Over - Amy MacDonald
                          And I wanna see what it’s all about / And I wanna live, wanna give something back

                          Wäre ich so frei, auch Filmmusik in meiner Jahres-Hitliste anzunehmen, folgten hierauf noch einige Filmkompositionen, doch dem ist nicht so. Somit hätten wir also meinen Song des Jahres in der energetischen Alternative/Folk-Rock-Verzweiflungsballade Don't Tell Me That It's Over von der schottischen Sängerin und Songwriterin Amy MacDonald gefunden. Nichts lautes, nichts schrammeliges, stattdessen eine schöne, nicht zu poppige, weibliche Gesangsstimme und vor allem eine packende, dichte Klangatmosphäre. MacDonalds Stimme ist wie ich finde perfekt für solche etwas schnelleren, kraftvollen und trotzdem zarte Lieder geeignet und es ist wirklich schade, dass sie ansonsten eher diesen plätschernden Folk betreibt, der mich nach ein paar Takten wieder den Sender wechseln lässt. Doch was beschwere ich mich? Mit dem klangenden, kämpferischen Don't Tell Me That It's Over hat sie genau meinen Nerv getroffen, und das ist schon mehr, als ich von den meisten aktuellen Chartinterpreten verlangen kann.
                          In Don't Tell Me That It's Over verarbeitete MacDonald unter anderem ihre Gedanken zum Klimawandel, was mir zum Zeitpunkt, als sich dieser Song zu einem meiner Jahresfavoriten aufbaute, noch nicht bewusst war. Es war die einvernehmende Atmosphäre des Liedes, welche mich diesen Titel vor allem im Frühjahr immer wieder mehrfach hintereinander anhören ließ. Aufgrund dieser unverzagten Aussichtslosigkeit, die Don't Tell Me That It's Over vertont, konnte ich mich gänzlich auf diesen leicht poppigen Folkrock einlassen. Das Lied drückt Wut, Enttäuschung und den Willen aus, sich gegen das unvermeidliche aufzulehnen, und das mit einem hypnotisch-schnellen Klangerlebnis. Don't Tell Me That It's Over war nie das dominanteste Musikstück in meinem diesjährigen Alltag, aber stets eine sehr willkommene klangliche Abwechslung. Im langen Lauf hat es sich so die Krone erkämpft. Auch so kann's gehen.

                          Das waren also meine (nicht aus Filmen stammenden) Lieder des Jahres 2010. Ganz gleich, wie euer 2010 war: Feiert heute ordentlich und begrüßt heute Nacht, im kleinen oder im großen Kreis, still oder laut, ein hoffentlich erfolgreiches, glückliches und schönes 2011.

                          Viel Spaß bei euren Silvesterfeierlichkeiten und einen guten Rutsch!

                          7 Kommentare:

                          Jupiter Family hat gesagt…

                          Happy New Year!!
                          New Year's 2011 Fireworks Celebrations Around the World
                          http://fireworks2011.blogspot.com/
                          Demo on YouTube
                          http://youtu.be/FB7Wr_tfkFM
                          http://youtu.be/QlQ3b0TfiFM
                          http://youtu.be/sDlFKY8JdEU

                          Sunshine hat gesagt…

                          Joa, den Großteil der Lieder kenne ich mal wieder nicht. *g* Egal. Amy MacDonald auf 1 find ich überraschend, aber nicht unverdient - die Frau ist einfach gut.

                          Den Dursti hab ich auch recht oft gehört, mir gefallen aber andere Lieder seines Albums besser. *g*

                          Der Timberlake-Song ist total an mir vorbeigegangen. Hm. Ich fühle mich aber auch nicht so, als hätt ich was verpasst. *g*

                          maNga waren in der Tat nicht schlecht, aber so wirklich homogen wirkte das Lied nie auf mich. Fand "Playing with fire" besser. *g* Und das Frankreich-Lied hat mir so gar nix gegeben. Wenn ich Sommerhits will, hör ich Ricky Martin. DAs WM-Lied war dieses Jahr für mich eh "Marchin' on".

                          Sir Donnerbold hat gesagt…

                          Ja, Amy MacDonald ist wirklich super, sogar den Songs, die mir persönlich nicht gefallen, kann ich ihre Qualität kaum absprechen *g*

                          Der Timberlake-Song kann überhaupt nicht TOTAL an dir vorrübergegangen sein... Aber ja, dass du ihn offenbar verdrängt hast, ist so übel auch wieder nicht. Er hatte definitiv schon objektiv bessere Songs. Viele davon.

                          "Playing with Fire" war doch dieses passabel abgestimmte Pianoduett... Mh, okay... wenn's dir besser gefiel, was soll ich da schon sagen. Ich mochte die Idee... :-p

                          Moment, 2010 hatte für dich einen WM-Song? Sommer-Song, ja, wir hatten sogar einen Sommer, einen tollen Sommer, den alle Sanfthäslis miesreden wollten ("Puhu, zu warm, ich will Regen!"), aber WM-Song? Braucht man dazu nicht, naja, eine WM...?! *muha, muha, muHA!*

                          Dursti hätte es fast mit ein paar weiteren Titeln in die Liste geschafft, nur scheiterte es dann irgendwie an der Prägnanz, den Assoziationen. Vom bisherigen Gesamtwerk ist er mir aber ganz klar der liebste USFO-Kandidat. Wobei Lena die eigenständigere Musikfarbe bedient, das muss man unserem Fäulein lassen.

                          Sunshine hat gesagt…

                          Okay, zugegeben, da du irgendwann mal über diesen Timberlake-Song berichtet hast, hab ich ihn für einen winzigkurzen Moment wahrgenommen.

                          Jaaa, für mich hatte der Sommer einen WM-Song! :P Aber wie immer natürlich nicht den offiziellen (bis auf den damals von Grönemeyer, den fand ich gut). *g*

                          Stimmt schon, Dursti erfindet das Genre nicht neu, aber egal. Seine Songs machen mir zumindest Spaß. Ein ganzes Album Lena, ich weiß nicht... wohldosiert gefällt sie mir aber sehr gut. *g*

                          The Hirsch hat gesagt…

                          Mich wundert, dass trotz des schwächeren Albums insgesamt drei Titel von Hands All Over in der Liste sind. Bis auf 'Never gonna leave this bed', 'Give a little more' und 'Stutter' fand ich den Rest doch eher mittelmäßig.

                          Neben maNga und Lena sind mir außerdem noch Griechenland und Spanien positiv in Erinnerung geblieben, obwohl, wie Stefan Raab schon sagte, eigentlich Armenien die besseren Argumente hatte... ;)

                          Sir Donnerbold hat gesagt…

                          Dass trotz des insgesamt mäßigen Albums gleich drei Lieder aus "Hands All Over" in meiner Liste sind, spricht halt weniger für das Album, sondern eher gegen mein Musikjahr 2010. Und des liegt auch daran, dass diese drei Songs für mich noch etws rausrissen. So wie du drei Favoriten aus dem Album rauspickst, fällt auch bei mir das restliche Album arg zusammen.

                          Spanien und Griechenland waren beim ESC auch meine "Follow ups". Dass Armenien gut argumentiert hat, habe ich dagegen wieder völlig vergessen. Ich erinnere mich dafür noch an "Shalali shalala, shalali shalala..." :-p

                          The Hirsch hat gesagt…

                          "Shalali Shalala" assoziiere ich mehr mit TV Total. Das etwas stereotype Lied der Schweiz war auch recht amüsant.

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