Dienstag, 31. August 2010

Die profitabelsten Hollywoodstars


Johnny Depp und Orlando Bloom spielten in jeweils zwei Milliardenerfolgen mit, und wenn nächstes Jahr Pirates of the Caribbean - On Stranger Tides in die Kinos kommt, dann stehen die Chancen sehr gut, dass Depp einen dritten Milliardenfilm auf seiner Schläfe haben wird. Depp ist ein Geldbringer. Definitiv.

Doch welche Hollywoodstars bringen ihren Studios das meiste für ihr Geld? Depp ist immerhin genauso wie Tom Hanks auch mitunter recht teuer zu bekommen. Wenn man also die Gagen mit einberechnet, welche Hollywood-Stars sind dann die profitabelsten? Das fragte sich Forbes, und das Wirtschaftsmagazin kam auf folgende Ergebnisse:

Für jeden Dollar, den er Hollywood kostete, brachte Shia LaBeouf 81 Dollar ein. Somit ist er der einträglichste Schauspieler. Auf Platz 2 ist Anne Hathaway mit 64 Dollar. Daniel Radcliffe ist dank der Harry Potter-Filme mit 61 Dollar auf Platz 3. Nach ihm folgt eine große Lücke: Robert Downey Jr. bringt als Viertplatzierter 33 Dollar ein, Cate Blanchett 27 $, Jennifer Aniston 21 $, ebenso wie Meryl Streep (für mich eine kleine Überraschung). Auf Platz 8 ist Johnny Depp (mit 18 Dollar), gefolgt von Nicolas Cage sowie Sarah Jessica Parker mit jeweils 17 Dollar.

Die Rettungstruppe kehrt zurück

Chip und Chap retten wieder die Kinder und Tiere dieser Welt: Aufgrund des großen Erfolges der Darkwing Duck-Comics beschloss Boom! Studios, jetzt auch der Rettungstruppe eine Comicreihe zu spendieren.
Comic Book Daily schreibt, dass Ian Brill aus dem Darkwing Duck-Team auch die Story für die Chip & Chap-Comics leiten wird. Leonel Castellani (Super Hero Squad) wird als Zeichner tätig sein.

Der CEO von Boom! Studios, Ross Richie (jaaa, Ross Richie, wie Rich Ross, nur umgedreht), verriet in einem Panel die Intention, die sein Comicstudio mit der Reihe verfolgt: "Wir wollen die Rettungstruppe richtig gut machen, damit uns die Leute, die sie so sher lieben uns nicht mit einer Machete jagen werden."

Weitere Comic-Fortsetzungen beliebter Disney-Trickserien seien im Gespräch, allerdings wolle Richie den Markt nicht übersättigen. Die populären Geschichten um Käpt'n Balu und seiner tollkühnen Crew wären meinem Gefühl nach  vielleicht ein guter Tipp, oder die Gummibärenbande.

Kinder stehen Deadpool im Weg


Ganz deprimierende Nachrichten für alle Fans vom Todfeind der vierten Wand und Robert Rodriguez: Die Traumverbindung aus Deadpool und der Ein-Mann-Filmcrew könnte zerplatzen. Wie Deadline Hollywood berichtet, wird es für das produzierende Studio Fox schwierig, ein Zeitfenster zu finden, in dem sowohl Ryan Reynolds (der mögliche Hauptdarsteller) als auch Rodriguez (der geplante Regisseur) Zeit hätten.

Das Problem sind die Spy Kids, die mit Verstärkung durch Jessica Alba bald auf die Kinoleindwand zurückkehren werden. Rodriguez wünscht sich nun, dass Fox den Deadpool-Film nach den Dreharbeiten zu Spy Kids ansetzt. Bei Rodriguez schneller Arbeitsweise würde der Film erfahrungsgemäß bloß ein paar Wochen später gedreht werden. Aber möchte Fox dabei einwilligen? Und passt es dann noch in Reynolds Drehplan? Der sieht Anfang 2011 nämlich Safe House mit Denzel Washington vor...

Disneys Double Feature: Neues zu "Tron Legacy" & "Rapunzel"


Es gibt wieder ein paar nette Neuigkeiten über die beiden Nicht-Piratenfilme, auf die ich mich am meisten freue: Rapunzel und Tron Legacy. Nichts weltbewegendes, aber es sind Lebenszeichen.

MTV sprach mit Mandy Moore über Rapunzel und brachte unter anderem in Erfahrung, dass die Sprecherin der Titelheldin anfangs mit der US-Titeländerung in Tangled gar nicht einverstanden war und dass die Lieder zusammen mit einem 65 Musiker starken Orchester eingespielt werden. Wie also auch bei Die Schöne und das Biest verzichtet Menken auf getrennte Aufnahmen für Sänger und Orchester. Schonmal kein all zu übles Omen. Ihre Figur bezeichnet sie als "weder Femme Fatale, noch Disney-Prinzessin". Ein Mittelding aus beidem? Ja, das sagt mir zu...

Die LA Times veröffentlichte derweil einen überaus lesenswerten Artikel über Tron Legacy und sein massives Marketing. Ich wünsche viel Spaß - und freue mich über bewegendere Meldungen in baldiger Zukunft.

Montag, 30. August 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil LIX)

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Platz 10: Zwei Welten ("Two Worlds") aus Tarzan
Musik und Text von Phil Collins (dt. Fassung von Frank Lenart)

Tarzan beendete die so genannte Disney-Renaissance mit einem Knall: Der altbekannte Abenteuerstoff wurde aufregend und rasant umgesetzt. Disneys Version von Tarzan bestach mit einer besonders zu Herzen gehender Skizzierung der Beziehung zwischen Tarzan und seiner Adoptivfamilie (da hat das Zeichentrickmedium dem Realfilm halt einfach etwas voraus), erstaunlichen Kamerafahrten durch die atemberaubenden Dschungelhintergründe und vor allem mit Phil Collins. Der ehemalige Drummer stellte sich als die perfekte Wahl für Tarzan heraus. Er brachte den Welterfolg von 1999 zum Rocken, was für eine Zeichentrickversion des Herren des Dschungels definitiv der korrekte Weg ist. Wer möchte Tarzan zwischen schon schmalzige Broadway-Hymnen trällern hören und sehen? Stattdessen kommt die flotte und rockige, in ihrer harmonischen Melodieführung perfekt in den Disneykanon passende und trotzdem etwas modernere, peppigere Musik aus dem Off und erhöht dank ihres intensiven Drum- und Percussion-Einsatzes den Dschungelflair des Films. Diese spielen vor allem im Eröffnungssong des Films eine große Rolle, soll dieser als Leitmotiv von Tarzan den Klang dieses Disney-Meisterwerkes prägen und auch etablieren, dass Tarzan zwar zu den Vorgängern aus dem Meisterwerkekanon passt, aber letztlich etwas kerniger ist und seine aufregende Geschichte mit einem anderen Tempo erzählen möchte. Zwei Welten ist für mich deshalb ein fantastischer Einstieg in das von mir wirklich sehr geliebte Disney-Abenteuer. Während der Eröffnungssequenz sehen wir, welche Ereignisse dazu führten, dass der kleine Tarzan bei einer Gorillafamilie aufwuchs. Der singende Erzähler Phil Collins referenziert diese Ereignisse, jedoch nicht explizit, wie Clopin in Die Glocken Notre Dames (Platz 19), sondern durch Metaphern und Aussagen über die in dieser Geschichte angeschnittenen Themen. Dadurch ist Zwei Welten, obwohl es vom Tempo, der Stimmungslage und der inneren Dramaturgie her perfekt auf das Bildmaterial passt, nicht skalvisch dem Film unterworfen und kann sich von ihm lösen. Das hat nicht nur eine attraktive Nebenwirkung für den Plattenverkauf, sondern überträgt die musikalische Wirkung eines moderneren, rockigeren Disney-Soundtracks auch auf die textlische Ebene, da Collins zwar über das Leinwandgeschehen singt, aber nicht jedes einzelne Bild besingt und erklärt, was gerade geschieht. Wenn Zwei Welten in Tarzan erstmals zu hören ist, geht der Song eine weite atmosphärische Reise. Nach einem dramatischen Trommlereinstieg, der sofort Assoziationen mit großen und aufregenden Dschungelabenteuern auslöst, folgt eine anfangs die gefahrenvolle Seite des Dschungels berücksichtigende, dann aber zunehmend von der Idylle verzauberten Passage, in der Collins über das Familienglück Kalas und Kerchacks sowie von Tarzans Eltern und über die wunderschöne Landschaft singt, in der letztere gestrandet sind. Als der Leopard Sabor in einem weiteren dramatischen, instrumentalen Einschnitt Kalas Kind tötet, reagiert unser singender Erzähler mit ein paar einfühlsamen, balladesquen Zeilen, bevor er die durch Tarzans Babygeschrei wieder aufkeimende Hoffnung Kalas musikalisch verarbeitet und das Lied auf einer aufsteigenden Note beendet. Eine kurze und tonal bestimmte Reprise bringt uns das Lied zurück, wenn Kala und Tarzan vereint sind und seine stolze Affenmutter Sabor vorerst besiegen konnte.   Zum Abschluss des Films hören wir Zwei Welten zum nunmehr dritten Male, um die Geschichte mit dem Lied zu beenden, mit dem sie auch begonnen wurde, ganz so wie bei Der König der Löwen oder Der Glöckner von Notre Dame. Die triumphale Finalversion entsteht fließend aus Mark Mancinas Score und bauscht sich konstant auf, so dass Tarzan einen eurphorischen Schluss bekommt und das Publikum (auch dank des legendären Tarzan-Schreis, der im Grunde die Abblende herbeibeordert) mit einem Lächeln in die Realität entlässt. Und ja, in all ihrer Grandeur löst die finale Reprise von Zwei Welten bei mir noch immer eine wohlige Gänsehaut aus. Zudem ist sie für mich ein Teilargument, weshalb man die Disney-Ranaissance mit Tarzan als beendet betrachten sollte, denn keine letzten Filmsekunden kämen den Leistungen dieser Phase der Disneystudios besser als Abschluss zu gute, als dieser majestätische Schlussakkord. Das ergibt auch einen schönen Bogen, von den etwas melancholischeren Unterwasserklängen mit denen der Vorspann von Arielle, die Meerjungfrau beginnt, hin zu diesem impressiven Dschungelrock.
Von Zwei Welten nahm Phil Collins auch eine Poprock-Version, die für den Abspann gebraucht wurde, sich gut für's Airplay im Radio eignete und als Single ausgekoppelt wurde. Sie ist wegen der knapper gefassten Instrumentalparts kürzer als der Eröffnungstrack des Albums und ersetzt das Filmorchester durch die typischen Poprock-Instrumente, wobei für das Intro etwas von der ethnischen Percussion beibehalten wurde. Auch wenn ich die Musik aus Tarzan gerade aufgrund ihres rockigen Einschlags so sehr liebe, gefällt mir die Singleversion von Zwei Welten nicht so gut, wie die Filmversion. Bei diesem bombastischen Eröffnungssong ist mir ein Orchester, das versucht den Geist einer Rockband in sich aufzunehmen lieber, als die kleinere Rockkombo. Die Filmsongs in Tarzan nahm Phil Collins bekanntermaßen in fünf Sprachen auf, wovon im zumindest Interviews mit der deutschen Presse nach Deutsch trotz der Herausforderung am meisten Spaß machte. Die französische Version finde ich vergleichsweise schwach, da Phil Collins in ihr für meinen Geschmack zu sanft klingt. Die spanische Fassung ist dagegen recht gelungen und die sehr dynamisch klingende, italienische Aufnahme finde ich richtig super. Meine Favoriten bleiben aber die deutsche und die englische Filmversionen, vollkommen ungeachtet des Umstands, dass die deutsche Zeile "Zwei Welten / eine Familie" aufgrund seiner Länge im Gegensatz zu "Two worlds / one family" auf dem "falschen" Takt gesungen wird. Und da Phil Collins das einfach so mitmgemacht hat, wird es ihn wohl ebenfalls nicht sonderlich gestört haben. Ich finde sogar, dass dieser kleine rhythmische Bruch der deutschen Fassung ihren ganz eigenen Charme verleiht und ihr etwas Ungeschliffenheit verleiht, wodurch sich Collins' zartes Deutsch wieder ein wenig ausgleicht. Dennoch wurde diese Zeile in der deutschen Musicalfassung etwas entzerrt, so dass die gesangliche Melodieführung auch im Deutschen wieder näher am Original liegt. Die etwas leichter arrangierte, nicht ganz so pompöse Musicalfassung des Songs sagt mir allerdings nicht ganz so sehr zu wie die englische oder deutsche Filmversion, wobei ich sie Collins' Singleauskopplung noch immer bei weitem vorziehe. Da die Bühnenfassung von Zwei Welten etwas leichtfüßiger ist, wird sie von mir auch nicht völlig ignoriert, bloß weil es eine bessere Alternative ist. Insgesamt ist die Filmversion vielleicht überlegen, aber je nach Laune höre ich mir auch sehr gerne die Musicalaufnahme an. Sie wäre halt ein Kandidat für die Top 20 dieser Hitliste - die kraftvolle Hymne des Films muss ich dagegen ganz klar auf Platz 10 setzen. Collins Stimme, die Mischung aus Buschtrommel und Filmorchester, rockende Melodieführung und der große Schuss disney'scher Emotionalität - das knackt mich einfach...

Platz 9: Rosa Elefanten ("Pink Elephants on Parade") aus Dumbo 
Musik von Oliver Wallace, Text von Ned Washington (dt. Fassung von Heinrich Riethmüller)

Animagique ist eine vor Energie und Magie nur so überschäumende, einfallsreiche Bühnenshow; exklusiv geschaffen für den Walt Disney Studios Park, den kleinen Schwesternpark des Pariser Disneylands. Sie ist für mich einer der leuchtend strahlenden Höhepunkte jedes Parkbesuchs und ein stolzes Merkmal dafür, dass unsere europäischen Imagineers ihren japanischen und amerikanischen Kollegen ebenbürtig sein können. Die Show ist rundum gelungen, ein ansteckender Spaß für große und kleine Kinder und sie zeugt von perfemtem Casting. Doch einer der wichtigsten Gründe, weshalb mir die Show seit Jahren ungebrochen so sehr gefällt, ist die Musikauswahl. Das schwächste Glied in der Kette ist tatsächlich der für sich genommen bereits sehr spaßige Animagique Song (Platz 250), der als Buchstütze für diese verrückte Show allerdings wunderbar funktioniert. Der Rest der großartig miteinander harmonierenden und super ineinander übergehenden Songs ist wie eine von Hand erlesene Spitzenauswahl von Liedern, die sich für eine derartig bunte und freudensprühende Show eignen: Ich will jetzt gleich König sein (Platz 57), Unter dem Meer (Platz 37) und Ich wär' so gern wie du (Platz 22) sorgen bei mir für einen Glücksüberschuss. Besonders froh macht mich aber die Verwendung von Rosa Elefanten, dem Lied, das die mit Abstand großartigste Szene in Disneys Kleinod Dumbo begleitet und essentieller Teil eines der köstlichsten Momente der gesamten Disney-Filmgeschichte ist. Rosa Elefanten ist für eine Schwarzlicht-Theateraufführung mit Disneythematik zwar eine sehr nahliegende Wahl, dennoch bin ich unheimlich glücklich darüber, dass dieser Song in Animagique vorkommt, denn so populär die Sequenz aufgrund ihrer berauschenden Imaginationskraft bei Animationsliebhabern auch sein mag, Disney tut ihr einfach nicht ihr verdientes Recht
Und da ich nicht nur die psychadelische, verrückte und manche Kinder (wohl aufgrund der Farbkombinationen und den schnellen Bildwechseln) auch ängstigende Szene verehre, sondern gleichermaßen in den düster-wahnsinnigen und dadurch auch komischen Marschschong verliebt bin, freue ich mich jedes Mal unheimlich, wenn der Song wieder einmal etwas Anerkennung erhält. Denn selbst wenn wir alle darin übereinstimmen, dass das Lied ohne die surreale Alkohol(alb)traum-Sequenz rund um die Rosa Elefanten nie so bekannt geworden wäre, so muss man gleichermaßen betonen, dass die Sequenz ohne dieses Lied nicht halb so wirkungsvoll wäre. Walt Disneys früher Stammkomponist Oliver Wallace, der die Musik zu sehr vielen Donald-Cartoons schrieb und dessen Musik mich somit ins Disney-Fansein begleitete, schuf mit seinem verängstigt amüsierten Rosa Elefanten die ins Schwarze treffende Titelmusik für gespenstische Albträume, die letztlich schiefgehen und anfangen einem mit ihrem (beziehungsweise dem verdrehten eigenen) Geistesreichtum zu beeindrucken. Der Liedtext von Ned Washington (und in der deutschen Zweitsynchro von Heinrich Riethmüller) unterstützt diese Wirkung, gleichzeitig traut er sich aber auch, diese Wirkung durch selbstironische Spitzen wieder ad absurdum zu führen. Ideal für eine künstlerisch stilvolle Prozession des Abstrusen wie diese.
Aufgrund seiner Andersartigkeit wurde Rosa Elefanten leider sehr selten gecovert, wobei es doch ein perfekter Titel für Psycadelic Rock wäre, allerdings kann ich an dieser Stelle wenigstens auf die durchgeknallte Swing-Kombo Lee Press-On & the Nails verweisen, die die herrlich gestörte Mentalität des Songs einfängt und mit einem Swingarrangement und ein paar außergewöhnlicheren Instrumenten wunderbar wiedergibt.

Platz 8: Chim-Chim-Cheree ("Chim Chim Cher-ee") aus Mary Poppins
Musik & Text von Robert B. & Richard M. Sherman (dt. Fassung von Eberhard Cronshagen)

Disneys zauberhaftes, unbeschwertes und liebevolles Mischfilm-Meisterwerk Mary Poppins, Heimat zahlreicher Kinderträume, den ehrlichen Mühen massenhaft talentierter Filmkünstler und Geburtsort einiger der hartknäckigsten und heißgeliebtsten Disney-Ohrwürmer. Und der Film, aus dem der bestplatzierte Oscar-Gewinner meiner Musikalisches Immergrün-Hitliste stammt. Gleichzeitig ist Chim-Chim-Cheree meine favorisierte Sherman-Komposition und Anlass für manch hitzige Diskussion mit anderen Disneyfans, denn gerade bei diesem Lied scheinen die meisten die Entscheidung der Academy of Motion Picture Arts & Sciences zu Gunsten von Supercalifragilisticexpialigetisch (Platz 71), Ein Löffelchen voll Zucker (Platz 60), oder Fütter die Vögel (Platz 46) in Frage zu stellen. Mir soll's gleich sein, denn für mich ist Chim-Chim-Cheree die wohlklingende Verkörperung des unerklärlichen Zaubers hinter Mary Poppins. Das Leitmotiv des frohgemuten Tagelöhners, künstlerischen Tausendsassas Bert ist eine freigeistige, zum Tanzen und Träumen verleitende Melodie, die in ihrer munteren Offenheit eine nostalgische Romantik verbirgt. Zudem wohnt den instrumentalen Interpretationen Irwin Kostals eine geheimnisvolle Traurigkeit inne, wenigstens meiner Auffassung nach, und vollkommen unabhängig davon, ob diese beabsichtigt ist, hebt sie Chim-Chim-Cheree in meiner Gunst zusätzlich empor. Ich sah Chim-Chim-Cheree stets als eine Verankerung von Mary Poppins, als ein den vor Vorstellungskraft und Unbeschwertheit vibrierenden Film erdendes Lied. Mehr noch als Fütter die Vögel, welches als Gute-Nacht-Ballade mit schwerer Thematik ebenso einen überweltlichen Charakter aufweist wie die zauberhaft-fröhlichen Spaßlieder dieses Films (dessen menschlichen, greifbareren Elemente ich  hiermit keinesfalls unter den Teppich kehren möchte). Dennoch entschweife ich in Gedanken immer in kleine Fantasiewelten, wenn ich außerhalb des Films diese Melodie höre, am liebsten in den Disneyparks, wo Chim-Chim-Cheree ein großartiger Begleiter für einen Streigang darstellt. Da diese ambivalente Ausstrahlung des Liedes in den meisten Coverversionen verlorengeht, bevorzuge ich ohne jeden Zweifel instrumentale Neuarrangements (denen es meistens gelingt dies beizubehalten) und die Filmfassung. Chim-Chim-Cheree ist also ein wenig paradox, es ist für mich ein tonaler Anker für Mary Poppins und auf der anderen Seite eine in fantasiereichere Orte entführende Komposition. Aber genau deshalb liebe ich dieses unvergleichliche Lied der Sherman-Brüder so sehr, es ist in meinen Ohren deswegen gewissermaßen ihre komplexeste, wirkungsvollste Arbeit. Es war auch eines der schwierigsten Lieder: Die Sherman-Brüder, die Walt Disney dazu überredeten Mary Poppins im Zeitalter Eduards VII. spielen zu lassen um so Music Hall und traditionellen britischen Folk in ihre Kompositionen einarbeiten zu können, schrieben Supercalifragilisticexpialigetisch zum Beispiel lange bevor Walt Disney überhaupt die Filmrechte an P.L. Travers' Geschichten erwerben konnte, aber die Aufgabe, einen zentralen Song für Bert zu kreieren schien ihnen nahezu unüberwindbar. Irgendwann machte es aber glücklicherweise Klick: "Eines Tages kam Bob mit dieser Zeile 'One chimney, two chimney, tree chimney sweep' an. Ich verließ den Raum, während diese Worte durch meinen Kopf ratterten, und plötzlich hörte ich eine Melodie in meinem Kopf, die zu diesen Worten passte. Ich rannte zurück zu Bob und spielte sie auf dem Piano. Dies war die Geburtststunde von Chim-Chim-Cheree", fasste Richard Sherman die Entstehung des Liedes einmal zusammen. So hatten sie endlich ein Lied für Bert, das schließlich als wiederkehrendes Motiv verwendet wurde, in dem unser Teilzeiterzähler auch manche Plotelemente des großen, fantastischen Musicals erläutert. Eine weitere Inspiration für Chim-Chim-Cheree war der den Shermans zuvor unbekannte, uralte britische (und auch hierzulande verbreitete) Aberglaube, es bringe Glück einem Schornsteinfeger die Hand zu geben. Diese Idee war prägend für das Lied und floss sicherlich auch in die Charakterisierung des liebenswürdigen Bert ein, der wahrlich göttlich von Dick Van Dyke verkörpert wurde. Van Dyke, der als Amerikaner im Team hinter Mary Poppins besonders auffiel, wurde von Walt Disney höchstpersönlich ohne Vorsprechen oder Kameratest besetzt - und es ist eine der Entscheidungen, die zeigten, warum Walt Disney zu solch einer Größe im Unterhaltungsgewerbe aufstieg. Zwar lästern manche Filmhistoriker, dass sein Cockney-Akzent der schlechteste auf Film gebannte Imitationsversuch eines britischen Akzents sei, allerdings gibt Van Dyke seiner Rolle so viel Herz, dass man seine Art zu reden sehr gut auch als eine der Figur ganz eigene, charismatisch andersartige Sprechweise sehen kann. In der deutschen Fassung fällt dieses Problem aber sowieso weg, da Bert in ihr vom großartigen Harry Wüstenhagen gesprochen wird (auch bekannt als Strolch aus der verbreiteteren Synchronfassung von Susi und Strolch), der Bert sehr warmherzig und zu gleichen Teilen verträumt wie aufgeweckt anlegt, ein wunderbarer Freund in jeder Lebenslage.

Jake Gyllenhaal & Anne Hathaway: Viagra - Der Film

 Bis gerade eben habe ich von dem Film ja absolut gar nichts mitbekommen: Jake Gyllenhaal und Anne Hathaway spielen in einer Tragikomödie über den Viagra-Erfinder mit! Kommt passend zu David Finchers Drama über die Facebook-Schöpfer, allerdings tendiere ich hier zum Urteil "Zufall".

Der Streifen heißt in den USA Love and other Drugs, ein deutscher Titel steht noch nicht fest. Fox überlegt den US-Titel entweder zu übersetzen oder mit einem dämlichen Untertitel zu versehen. Alternativ gäbe es, wie mir geflüstert wurde, die Möglichkeit ihn Die Chemie der Leidenschaft oder Risiko & Nebenwirkung zu nennen. Falls das wer von Fox liest: Chemie der Leidenschaft klingt aufregender und intelligenter und besser!



Deutscher Starttermin ist voraussichtlich der 6. Januar 2011.

Sonntag, 29. August 2010

Getting Crap Past The Disney Radar #2

 Wie konnte sich Jack Sparrow das nur einfangen?

Herzlich willkommen zur zweiten Ausgabe einer hoffentlich langlebigen Reihe hier im Blog: Getting Crap Past The Disney Radar, ein liebevoll gemeinter Führer durch die Welt der versteckten, derberen Gags in Disneywerken, unserer Sammlung des an verbiesterten Moralhütern vorbeigemogelten Erwachsenbonus.

Spreewälder Damenglück

Die High School Musical-Filme wurden ja vielerorts geschunden, weil sie das Leben an einer High School zu züchtig skizzierten. Keine Fremdgänger, keine Prügeleien, kein Alkohol, kein hemmungsloser Sex. Welche Schule in welchem Universum soll das bitte sein?
Allerdings sollte man sich, wenn man solche Kritik äußert, vor Augen halten, dass die High School Musical-Filme einiges an über den Köpfen des kindlischen Kernpublikums vorbeigeschmuggelte Scherzereien gibt, was High School Musical 1 - 3 im Zusammenspiel mit der fabulösen Selbstironie um Längen besser als Disneys zahlreiche Selbstkopien wie etwa Camp Rock erscheinen lässt. In der Premierenausgabe dieser Reihe äußerte ich mich ja schon begeistert über ein aus kindlicher Perspektive betrachtet unschuldig-schwachsinniges Lied, das für aufmerksame erwachsene Zuschauer das Gewand einer hemmungslosen Werbung für's Hochschlafen annimmt. Denn nichts öffnet den Weg nach oben besser, als das Öffnen des Hosenstalls...

In High School Musical 3: Senior Year gibt es dagegen einen sehr obskuren Dialog zwischen zwei Nebenfiguren, der keinerlei Bedeutung für den Plot aufweist und der im Kino auch kein einziges Kind zum Lachen gebracht hat. Das ältere Publikum hingegen hat sehr erfreut gekichert... Woran das wohl liegen mag?

Der hibbelige Basketballer Jimmy "Rocket Man" Zara (woher der Spitzname kommt, wird nie erklärt) wird zur Zweitbesetzung für das kommende Schulmusical erklärt. Er ist davon vollkommen begeistert und prahlt damit bei der britischen Austausschülerin Tiara Gold. Nicht in einer "Guck mal, toll, ne?"-Weise, sondern ganz klar baggernd.  Es entsteht ein gemeinsamer Austausch darüber, wie sehr man auf sein Gegenüber verzichten kann. Schließlich meint Rocket Man, er könne in Brand stehen und würde sich niemals mit Tiars löschen, selbst wenn sie der letzte Eimer wäre, den er erreichen könne. Tiaras Konter: Wenn sie verhungern würde, würde sie Rocket Man nichtmal essen, wenn er die letzte Gurke auf der Welt wäre. Sie verlässt entrüstet den Raum, und Rocket Mans bester Freund meint zu ihm begeistert in anzüglichem Stimmtimbre, er solle die Motoren starten und rollen lassen, roaaar! In seiner Seltsamkeit grenzt diese Szene an einen BIG LIPPED ALLIGATOR MOMENT, vor allem aber haut sie einem die Zaunpfähle um die Ohren, dass es nur so kracht. Wieso muss Tiara von allen Metaphern, die man wählen könnte ein Eimer sein (ihr wisst schon, rund, man kann etwas hineinstopfen, im Idealfall ist er von innen feucht oder gar nass...) und von allen Nahrungsmitteln wird Rocket Man als eine Gurke bezeichnet. Er könnte ja eine Erdbeere, Kokusnuss oder Pizza sein. Nein. Gurke. Dazu dieser augenzwinkernde Tonfall der Darsteller...

Der Adler mit den speziellen Hobbys

Ein paar Jahrzehnte vorher bot auch Condorman einen eindeutig zweideutigen Dialog zwischen Mann und Frau. Der frisch zum Agenten beförderte Comiczeichner Woody stolpert auf der Suche nach seiner Kontaktperson durch ein Etablissment in Istanbul, als er über zwei lange, verführerische Frauenbeine fällt. Er richtet sich mühselig auf, blickt ins "Femme fatale"-Gesicht einer russischen Spionin. "Wir haben etwas auszutauschen", meint sie zu ihm. "Ja, denke ich auch. Ich mein, ich bin schließlich ein Mann, sie eine Frau..."
Etwas spezieller ist ein Gag kurz zuvor. Woody bekommt von seinem Kumpel einen Aktenkoffer in die Hand gedrückt. Er zückt ein Paar Handschellen und kettet Woody an den Koffer. Als der Freizeitagent das kalte Stahl der Handschellen an seinem Gelenk spürt, ruft er ein freudiges "Ooooooh...!" in die Welt hinaus. Die trocken, leicht genervte Antwort seines Kumpels: "Ich wusste, dass dir das gefällt..."

Captain Jack Sparrows Sehschärfe

Mit ihrem PG-13-Rating und ihrem generellen Fokus auf piratig-verräterischem Abenteuer, spaßiger Action und freibeuterischem Alkoholkonsum fallen die Pirates of the Caribbean-Filme weitesgehend aus dem Raster für diese Artikelreihe heraus. Erstens, weil sie eh auf ein älteres Mindestalter angelegt sind, und zweitens weil in ihnen nicht wirklich etwas unter dem Radar durchgeschleust wird, sondern alle Karten offen gelegt werden. In Aladdin würden Kommentare über die Jungfräulichkeit der Figuren überraschen, dass sich Elizabeth Swan schon tierisch auf ihre heiße Hochzeitsnacht gefreut hat, bevor alles schieflief, das überrascht angesichts der generellen Ausrichtung der Filmreihe eher weniger. Natürlich gibt es dennoch ein paar Momente, wo sich der Zuschauer erstaunt fragt "Wie haben die das denn bitte an der Disney-Geschäftsführung und/oder der MPAA vorbeigekriegt?", wie etwa die Anhäufung unangenehmer On-Screen-Tode im finalen Teil der ursprünglichen Trilogie. Kopfschüsse, Massenexekutionen, Genickbrüche und mehrere von Schwertern durchbohrte Brustkörbe, alles heiter mit einem PG-13-Rating? Ja, die MPAA hatte einen guten Tag, ebenso wie die FSK, die an anderen Tagen sicher statt einer FSK ab 12 auch mit dem blauen Freigabelogo auf Am Ende der Welt geantwortet hätte. Eine typischere Form von "Getting Crap Past The Radar" findet aber in Dead Man's Chest statt, und eine in ihrer Durchführung besonders geschickte ist es noch dazu! Denn dieser verruchte Scherz wurde von den schelmischen Autoren so dezent untergebracht, dass er nicht nur über die Kindesköpfe hinwegflog. Auch ich kam erst nach über einem Dutzend Sichtungen dahinter.

Captain Jack Sparrow wird aufgrund seiner Schulden bei Davy Jones mit dem schwarzen Mal gebrandmarkt, einem schwarzen, schwülstigen Fleck in seiner Handinnenfläche das als Zeichen dienen soll, dass er von Davy Jones' fürchterlichem Leviathan verfolgt wird und einem grausamen Tod geweiht ist. Auf der Suche nach einem Schlupfloch aus dem Deal mit Davy Jones stattet Sparrow in all seiner Verzweiflung sogar einer mystischen ehemaligen Flamme einen Besuch ab: Der Voodoohexerin Tia Dalma, die in einer kleinen Hütte irgendwo im Sumpf lebt. Als diese Jacks schwarzes Mal enttarnt, reagieren Sparrows abergläubischen Weggefährten panisch, drehen sich um sich selbst und spucken auf den Boden, um sich vor diesem Zeichen des Verderbens zu feihen. Jack Sparrow setzt daraufhin ein verschmitztes Grinsen auf und verkündet stolz: "Meine Augen sind so gut wie eh und je, nur damit ihr's wisst!"

Hände hoch, wer hat sich nicht gefragt, was dieser Spruch soll? Tja, liebe Leute, ich erkläre es euch. Wie ihr vielleicht selbst erfahren musstet oder bei Michael Mittermeier aufgeschnappt habt, erzählen strenge Eltern und/oder katholische Pädagogen sich in der Pubertät befindlichen Jungs', dass ihr Rückenmark schwinden wird und sie erblinden werden, sollten sie zu viel an ihren Geschlechtsmerkmalen herumspielen. Im amerikanischen Kulturkreis bestehen weitere urbane Legenden über das selbstherbeigeführte Erleben sexueller Freudengefühle. In den Handinnenflächen sollen angeblich nämlich haarige Auswüchse oder grässliche Geschwülste wachsen, wenn man seine Finger nicht außerhalb der eigenen Intimzone halten kann. So heißt es wenigstens... wenn man an dererlei Dinge glaubt. Die Blindheitsmärchen sind aber ebenfalls verbreitet.

Was Jack Sparrow seiner einstigen Affäre und seinen Mannschaftsmitgliedern also verschmitzt verkündet, ist dass es sich bei seinem schwarzen Mal nicht um diese Art eines Handinnenflächengeschwürs handelt. Er mag zwar ein Lügner, Betrüger, ein hinterlistiger Schurke, ein Säufer und ein Dieb sein, aber bei den schlechten Zähnen der heidnischen Meeresgöttin, er ist kein Wich... kein mörderischer Zylinderträger in Totenkopfmaske, nicht der große Master Bate.

Hört Robert Rodriguez' Musikalbum "Mexican Spaghetti Western (Special Edition)"

Was macht Robert Rodriguez, wenn er gerade keinen Film dreht?
Er kündigt neue Filme an. Okay. Aber was macht er, wenn er gerade weder das eine, noch das andere tut?

Er ist ein absoluter Badass in der Küche und filmt dies, so dass DVD-Besitzer seiner Filme Hunger bekommen. Gut, okay. Aber wenn er auch davon die Finger lässt, dann ist der Kultfilmer Musiker. Seine Band heißt Chingon und sie steht für einen ganz besonderen Stilmix, der auch perfekt zu den meisten von Rodriguez' Filmen passt. Chingon spielt von Spaghettiwestern inspirierten, klassischen Rock mit heftigem Mariachi-Einschlag. Klingt ungewöhnlich und ist saumäßig cool.
Anlässlich des Kinostarts von Machete wird das 2007er Album Mexican Spaghetti Western als digitaler Download neu veröffentlicht, inklusive vier neuer Titel, die im absurden Racheactioner zu hören sein werden.

Wer sich nun selbst einen Eindruck von Robert Rodriguez' Musik machen möchte, der sollte auf diesen Link klicken, denn Alt.Latino präsentiert einen exklusiven Stream des Albums. Oh yeah!

Samstag, 28. August 2010

Projekt Hörsturz - Die 27. Runde

Projekt Hörsturz findet nunmehr zum 27. Mal statt. Der Zufallsgenerator mischte etwas buntes zusammen, und nun werde ich es benoten. Da Firefox neuerdings bei langen Postings zusammenbricht, werde ich aus Protest nur Ein-Satz-Rezensionen abliefern. Nimm das, Blogger. Oder Firefox. Wer auch immer daran Schuld hat!

Every New Day von Five Iron Frenzy

Christlicher Ska, dem man seine Christlichkeit am ehesten am gezügelten Chaos anmerkt (und überhaupt nicht am Text) und der einen hübschen Blasereinsatz hat sowie einen netten Drive, jedoch unter'm Strich die richtige Würze missen lässt.

3 von 5 Bibeln

Am 30. Mai ist der Weltuntergang von Die lustigen Jungs

Ein dezent amüsanter Text, unterlegt mit mir in den Ohren schmerzender, deutsch-volkstümlicher Musik.

1 von 5 gesellschaftlich akzeptierten Suffköpfen, da es absolut asozial ist, wenn Jugendliche in schwarzen T-Shirts Flaschenbiere in sich kippen, aber dickbäuchige Grau-Schnurrbartträger mit Tränensäcken dürfen sich ihre zehn Maß und zig Schnäpse reinkippen...

Bitte oszilieren Sie von Tocotronic

Lahme Musik, maue Stimme und sich für gewitzt haltender Text.

1 von 5 Physikbüchern

Converter von The Helio Sequence

Beruhigend und anstrengend zugleich.

2 von 5 Esoterikern mit Koffein-Kick

The Legend of Gods Gun von Spindrift

Dieses Stück der psychadelischen Rockgruppe Spindrift klingt wie ein liedgewordener Exploitationfilm der 70er, ein etwas langatmiger Exploitationfilm der 70er zwar, aber immerhin ein kultiger Exploitationfilm der 70er, trotz des ausbleibenden Wow-Effekts zum Schluss.

2,5 von 5 retrokultigen Ideen

Somit hätten wir auch diesen Hörtsurz überlebt.

Reingehört 30: Wir haben 100 Leute gefragt... ZONK!


In einer der ersten Ausgaben des Quotenmeter-Podcasts behandelten wir die großen Samstagabend-Gameshows. Früh stand fest, dass wir eine Fortsetzung machen werden, und nun war es so weit: Jan Schlüter, Glenn Riedmeier, Gregor Elsbeck und meine Person sprachen dieses Mal im Podcast über Ruck Zuck, Risiko, Jeder gegen jeden, Familienduell, Geh auf's Ganze, Jeopardy und Co.!

Was machte diese Daily-Gameshows aus, welche würden heutzutage noch funktionieren und welche kleinen Anekdoten haben wir über diese Sendungen zu berichten? Erfahrt es in unserem großen Special!

Bis zur Milliarde - und noch viel weiter!

Sensationen, Attraktionen: Disney ist das erste Hollywoodstudio, das zwei Milliardenerfolge in einem Jahr erreichte (Anfang des Jahres erstaunte Alice im Wunderland mit seinem Siegeszug) und das bislang einzige, das drei Filme in dem Milliardärsklub unterbringen konnte. Hollywood Reporter meldet, dass ab diesem Wochenende dank des fantastischen Einspielergebnisses von Toy Story 3 nun sieben Filme weltweit diese magische Grenze überschreiten konnten.

Dass Toy Story 3 solch ein Erfolg wurde, ist seiner internationalen Attraktivität zu verdanken: Die Fortsetzung ist der kommerziell erfolgreichste Disneyfilm in Lateinamerika und in UK, wo er der Film mit dem viertgrößten Einspielergebnis in der Kinogeschichte des Königreichs ist. Auch in Japan nahm Toy Story 3 über 100 Millionen Dollar ein. In Hong Kong ist es der erfolgreichste Film aller Zeiten, der nicht von James Cameron gedreht wurde.

Umso peinlicher sind die Zahlen aus Deutschland: Mittlerweile wäre selbst das Überschreiten der 2-Millionen-Besucher-Grenze eine Überraschung. Somit ist Toy Story 3 der erfolgloseste Pixarfilm im hiesigen Lande (*mehr dazu*).

Mich freut es übrigens sehr, dass Toy Story 3 so viel einnimmt. Natürlich profitiert er, wie auch Avatar und Alice im Wunderland, von den 3D-Ticketpreisen, zugleich ist es aber auch ein Siegeszug guten Erzählkinos und eine gewisse Wiedergutmachung für Burtons Wunderland-Film. Dem gönnte ich die Milliarde zwar insofern, als dass er nicht völlig schlecht war und sowohl Studio, als auch Regisseur und Hauptdarsteller mag, aber er hatte die Milliarde nicht so sehr verdient wie Toy Story 3.

Auf geht's, die Top Ten der Kinogeschichte kriegen wir bald mit Milliardenfilmen voll. Harry Potter hat das Potential dazu (*seufz*) und Disneys Piraten ebenfalls. Und wer wird der überraschende Dritte im Bunde? Ich bin gespannt...

The Expendables


Mein Verhältnis zu hohlen Gewaltfilmen ist auf den ersten Blick vielleicht etwas verwirrend. So liebe ich Crank 2: High Voltage oder Desperado, kann dagegen mit den archetypischen B-Actionern von Stallone, Van Damme und Co. nichts anfangen. Woran dies liegt? Nun, wenn ich Actionfilme sehe, dann sollten sie entweder ästhetisch sein (Bruckheimers Hochglanzproduktionen), oder comichaft übertrieben und dadurch unterhaltsam (etwa Planet Terror). Stallones Machwerke fallen in meinen blinden Fleck für Action: Zu überhoben um durch Realismus spannend zu sein, zu schmutzig und hart um "hübsch" zu wirken, nicht überzogen genug um mich vollkommen umzuhauen.

The Expendables will ein gigantischer Fanservice für Liebahber exakt dieser B-Action sein. Kann man so aber nicht sagen. Der Film hat zwar ein Traum-Ensemble, allerdings spielt sich im Film alles so ab, wie gehabt. Dieser Film ist ein 08/15-B-Actionfilm mit großem Namenswert. Für Freunde dieser Action klar ein Highlight, schließlich sieht man solche Filme immer seltener, aber was hätte man alles mit diesem ganzen Actiontalent machen können... The Expendables mangelt es an herausragenden, einmaligen Elementen. Statt Dinge zu liefern, von denen die Fans der Darstellerriege nichtmal zu träumen gewagt hätten, bringt Stallone in seinem neusten Actioner einfach das Grundpaket für einen Film dieser Stilrichtung. Es fehlt an Profil. So, als wäre Aladdin ohne den Dschinni ausgekommen oder hätte Der König der Löwen auf die afrikanische Note verzichtet. Und ja, ich bespreche tatsächlich The Expendables, indem ich Disneyvergleiche anstelle... damit ich mal was vorzeigen kann, wenn sich ein nur für die Disney-Inhalte hierherkommender Leser beschweren sollte, ich behandle zu viele "Off Topic"-Dinge...

Jedenfalls finde ich es schade, dass The Expendables keinen "Clash of the B Movie Cultures" bietet, in dem der moderne Statham, Ballermann Stallone, Eastern Martial Artist Jet Li und Co ihre Stärken voll ausspielen. Oder Stallones gnadenlose Abrechnung mit seiner Filmvergangenheit, wie Clint Eastwood es mit Erbarmungslos tat. The Expendables will ein unbedeutender, dummer, lauter B-Movie sein. Dabei könnte er ein denkwürdiger, dummer, lauter B-Movie sein.

Außerdem verstehe ich den ganzen Fangasmus nicht, wie hart der Streifen doch sei. Also, da haben die meisten der am Film beteiligten Schauspieler schon härteres gedreht...

Freitag, 27. August 2010

M. Night Shyamalans Escalation

 M. Night Shyamalan, Penthouse Pet Ryan Keeley, ein "Star" aus M. Night Shyamalans Die Legende von Aang, Ryan Keeleys Reizwäsche und ein Überraschungsgast aus Avatar sind die Stars in M. Night Shyamalans Escalation. Einem übernatürlichen Thriller. Basierend auf einer Idee von M. Night Shyamalan.



Das ganze ist natürlich ein Fake-Trailer (gefunden via Slashfilms Twitter-Account). Und der überraschende Beweis, dass Shyamalan womöglich doch Humor hat. Nachdem er sämtliche Industriebosse, die sich gegen Das Mädchen aus dem Wasser auflehnten in seiner Biografie beschimpfte und gegenüber Journalisten, die ihn auf die negativen Kritiken seiner letzten Filme ansprachen in eine Illusionswelt rettete (in der er angeblich hier in Europa weiterhin ein umfeierter Starregisseur ist), ist das erstaunlich.

Escalation ist übrigens eine Parodie auf den kommenden Thriller Devil, ebenfalls basierend auf einer Idee des gefallenen Regiewunderkinds:

Donnerstag, 26. August 2010

Musikalisches Immergrün - Meine 333 liebsten Disney-Lieder (Teil LVIII)

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Platz 13: Er lebt in dir ("He Lives in You") aus Rhythm of the Pride Lands
Musik und Text von Mark Mancina, Jay Rifkin und Lebo M (dt. Filmfassung von Frank Lenart / dt. Musicalfassung von Michael Kunze)

Wohl kein Bonussong hat in der Disney-Geschichte eine weitreichendere Laufbahn beschreiten können als Er lebt in dir. Weder speziell für einen Film, eine Fernsehserie, ein Videospiel noch für einen Themenpark geschrieben, ist Er lebt in dir ein erfolgreiches Leidenschaftsprodukt von Musikproduzent Jay Rifkin, einem Kindheitsfreund von Hans Zimmer, dem afrikanischen Komponisten, Sänger und Chorleiter Lebo M und Mark Mancina, dem Verantwortlichen für viele der Arrangements von Hans Zimmers und Lebo Ms Filmmusik für Der König der Löwen. Nach der Arbeit an Der König der Löwen verwirklichten sie aus Hingabe zur Filmmusik dieses Disney-Meisterwerkes das Album Rhythm of the Pride Lands. Während die meisten der Lieder auf diesem Album von Lebo Ms und Hans Zimmers orchestralen Kompositionen inspiriert wurden und diese zu eigenständigen Liedern in verschiedenen afrikanischen Sprachen ausarbeiteten, wurde Er lebt in dir von den inhaltlichen Themen in Der König der Löwen beeinflusst. Das im Original auf Englisch gesungene Lied erinnert an Simbas und Rafikis Unterhaltung darüber, dass Mufasa nicht tot ist, sondern in Simba weiterlebt und von den Sternen aus über uns wacht. Deshalb solle der vor seinem rechtmäßigen Platz im ewigen Kreis des Lebens fliehende Simba seinen Glauben wiederfinden und für das Recht einstehen. Das zweifelsohne auch religiöse Vorstellungen verarbeitende Lied thematisiert auch, dass alle durch einen Geist vereint sind und steht somit inhaltlich nahe am Eröffnungslied von Der König der Löwen, Der ewige Kreis, sowie an der Szene, in der Simba von seinem weisen und stolzen Vater erklärt bekommt, dass Löwen und ihre Beute philosophisch betrachtet alle eins sind. Er lebt in dir, von Lebo M sehr einfühlsam und mit einer andächtigen Glaubensstärke gesungen, ist in dieser Ursprungsfassung kein spektakulärer Song. Das Arrangement ist bedächtig, am meisten stechen die Percussions hervor, der afrikanische Backgroundchor verleiht dem Lied eine leicht mystische Note. Allerdings gefällt das Lied genau deswegen, es kopiert nicht einfach Der ewige Kreis, sondern schlägt einen eigenen, gesammelten Weg ein, der dank Lebo Ms seelenvollen Texten und überzeugtem Gesang überaus einprägsam ist und das Lied direkt zu Herzen gehen lässt.

Als sich Broadway-Regisseurin Julie Taymor der Aufgabe widmete die Songliste von Der König der Löwen auf eine musicaltaugliche Länge zu erhöhen, bat sie nicht nur Elton John und Tim Rice um drei neue Lieder für Figuren, die ihrer Meinung nach noch eine (weitere) Gesangseinlage benötigten (Der Wahnsinn von König Scar, Der Morgenreport, Putz weg), sie nahm sich auch dem ambitionierten Album Rhythm of the Pride Lands an, welches sie als Quelle für weitere Musik nahm, die den Einfluss afrikanischer Kultur auf das Musical verstärken sollte. So nahm sie das lockere, zelebrierende One by One (Platz 203) unverändert in das Bühnenstück auf, um die Pause zu beenden und in den zweiten Akt überzuleiten. Das Stück Lala textete sie dagegen um, so dass es als Endlose Nacht (Platz 108) ein handlungstragendes musikalishces Motiv für Simba darstellen kann. Er lebt in dir schließlich beeindruckte Julie Taymor ganz besonders, für sie hatte es das Potential neben Der ewige Kreis als zweite thematische Hymne für Der König der Löwen zu dienen. Deshalb entschloss sie sich nicht nur dazu, das Lied mit einigen textlichen Veränderungen als Sie lieben hier ("They Live in You") als berührendes Gesangssolo für Mufasa an seinen noch jungen Sohn Simba einzusetzen, sondern es, parallel zu Der ewige Kreis, mit einer ausführlichen Reprise zweimal im Musical zu verwenden. Die Reprise wiederum trägt wieder den Titel Er lebt in dir und dauert mit fast viereinhalb Minuten sogar länger als Mufasas Sie leben hier. Während Sie leben hier für die Szene genutzt wurde, in der Mufasa seinem Sohn unter dem Sternenhimmel über die vergangenen großen Könige und seine eigene Sterblichkeit berichtet, wird Er lebt in dir von Rafiki gesungen, der den zunächst zweifelnden Simba an seinen Vater Mufasa und seine Lehren erinnert und ihn davon überzeugt, ins geweihte Land zurückzukehren. Sie leben hier ist aufgrund des väterlichen Gesangs der Mufasas und der natürlicher wirkenden Instrumentierung nicht ganz so geheimnisvoll wie Lebo Ms Originalfassung, aber es geht aus eben diesen Gründen noch mehr zu Herzen. Die Musicalversion von Er lebt in dir beginnt der zuvor gehörten Version Mufasas sehr ähnlich, nur mit dezent zügigerem Tempo und weniger dezenter Orchestrierung, doch schnell wird Rafikis Botschaft an Simba eindringlicher, der Hintergrundchor ist stärker zu vernehmen und letztlich mündet es in ein zelebrierendes, losgelöstes Stück mit kräftigen Trommeln, in das auch ein energischer und wiedererstarkter Simba mit einstimmt.
Die Verwendung von Er lebt in dir blieb allerdings nicht nur auf das erfolgreiche Broadway-Musical beschränkt. Denn nicht nur Julie Taymor sah in dieser Komposition ein Werk des Kalibers von Der ewige Kreis, auch die Schöpfer von Der König der Löwen 2: Simbas Königreich sahen diese Parallelen. Regisseur Darrell Rooney nahm diese Sichtweise von Lebo Ms Lied sogar noch strenger als Julie Taymor und verwendete Er lebt in dir als direkten Stellvertreter von Der ewige Kreis, indem er ihn als Begleitmusik für die Intro und Ende des Originalfilms spiegelnden Anfangs- und Schlusssequenzen gebrauchte. Diese Version war eine gekürzte Fassung von Lebo Ms Originalaufnahme. Außerdem ließ man eine leicht aufgepeppte Version von Tina Turner einspielen (welche andere Disney-Videofortsetzung kann so große Namen für sich verbuchen?), die aber noch immer deutlich werkgetreuer geriet als die meisten anderen Popfassungen großer Disneystücke. Sie nutzt lediglich ein leicht westlicheres Klangbett, dass eher an Elton Johns Der König der Löwen-Lieder erinnerte und auch auf Turners röhrendes Timbre zugeschnitten wurde. Welche Fassung des Songs mir am liebsten ist, kann ich so nicht sagen. Alle genannten Versionen haben ihre Daseinsberechtigung und erfüllen ihre gesetzte Funktion ideal. Welche Aufnahme ich bevorzuge hängt also primär von meiner Stimmung ab. Aber ganz unabhängig davon ist Er lebt in dir ein wahnsinnig starkes Lied, das ein schweres Erbe antritt und es grandios ausfüllt.

Platz 12: Schattenland ("Shadowland") aus Der König der Löwen - Das Broadway Musical
Musik von Lebo M & Hans Zimmer, Text von Lebo M und Mark Mancina (dt. Fassung von Michael Kunze)

Die wenigsten "Inspired by"-Alben haben einen wirklich hohen Zusammenhang mit dem Werk, von dem sie (vermeintlich) inspiriert wurden. Sehr häufig nutzen Hollywood-Studios diese Musiksammlungen, um thematisch lose mit einem Film verknüpfte Musik an den Sammler zu bringen. Oder würde irgendjemand tatsächlich behaupten, dass Almost Alice für Tim Burtons Alice im Wunderland einen sonderbaren Mehrwert aufwies? Ich gehe an dieser Stelle sogar so weit zu sagen, dass selbst unter Berücksichtigung der besseren (weniger kommerziell durchgerechneten) Alben dieser Art keines an das ambitionierte Musikprojekt Rhythm of the Pride Lands heranreicht, dessen Kompositionen man das Herzblut anmerkt, dass die Verantwortlichen dort hineinsteckten. Anders als die meisten "Inspired by"-Alben wuchs die Lust auf Rhythm of the Pride Lands wirklich aus den Musikern von Der König der Löwen, die von ihrer Arbeit an diesem Film angetrieben weitere Stücke schrieben um ihrer Kreativität aus, die letztlich auf dieses Album gepackt wurden. Basierend auf einem kurzen, sehr emotionalen Motiv aus Hans Zimmers orchestraler Hintergrundmusik zu Der König der Löwen entstand die auf Zulu gesungene Ballade Lea Halalela, der die Bühnenregisseurin Julie Taymor große Ohrwurmqualitäten zusprach, weshalb sie dieses Lied als Stück für Nala im Broadway-Musical vorsah. Taymor fand, dass es Der König der Löwen an starken Frauenrollen mangelte, weshalb sie nicht nur den weisen Affen Rafiki von einer Frau spielen ließ, sondern auch Nala mehr Belang für die Geschichte zuwies. Außerdem sollte Nala für den Zuschauer eine emotional bedeutungsvollere Figur werden. Umarrangiert, mit einer strafferen Musikdramaturgie sowie englischen Texten versehen sollte Lea Halalela es ermöglichen, ins Herz und die Gedanken Nalas zu blicken und ihre Hintergrundgeschichte zu vertiefen, so dass sie nicht einfach im zweiten Akt auf der Suche nach Futter plötzlich wieder in Simbas Leben (und der Geschichte) auftaucht. Schlussendlich wurde auf der Grundlage von Lea Halalela mit klarer Orientierung am Stück aus Rhythm of the Pride Lands die schwerwiegende Ballade Schattenland konzipiert, die im Anschluss an Hakuna Matata (Platz 47), das losgelöste Stück One by One (Platz 203) und Scars bitter-manischen Szenensong Der Wahnsinn des König Scar (Platz 260) die atmospärische Verdunklung während des Musicals direkt mehrere Schritte weiterführt. Waren in Scars kurzer Gesangseinlage noch latent-böse Humorelemente enthalten, ist das direkt daran anschließende Stück Schattenland eines der ernsthaftesten und zunächst auch bedrückendsten Lieder des gesamten Disney-Pantheons. Nalas Vorschläge, wie das unter König Scars Wahnsinnsherrschaft zu Grunde gerichtete und leergejagte geweihte Land zu retten ist, finden kein Gehöhr, weshalb sich Nala von ihrer Familie verabschieden muss, in der Hoffnung neue Jagdgründe abseits ihrer vernarbten, zum Schattenland verkommenen Heimat. Bereits Nalas Beschreibung, was mit Mufasas einst stolzem Königreich geschah ist ergreifend, doch wenn sich Nala im Refrain von ihrem Stamm verabschiedet und ihnen verspricht, dass sie ihn im wohin auch immer ihr Weg sie führen mag im Herzen tragen wird, stellt sich bei mir bereits Gänsehaut ein. Wie Nala und später auch die anderen Löwinnen davon singen, dass sie ihren Glauben an den Traum einer glücklichen Zukunft für ihr Land nicht aufgeben werden, ganz gleich wie finster sämtliche Anzeichen sein mögen, ist äußerst bewegend, ebenso wie Hans Zimmers Melodie im Zusammenspiel mit dem Gesang Nalas Trennungsschmerz von Heim und Familie einfängt und scheinbar mühelos auf den Zuhörer überträgt. Der vornehmlich für seine einschlägigen, launisch-wummernden Actionthemen bekannte Zimmer hat für bekümmernden Reiseschmerz, der Tief in seinem Kern einen unbehelligten und zaghaft keimenden Hoffnungsschimmer trägt, ein wahrlich beachtliches Talent. Neben einigen rein instrumentalen, mich mitten ins Herz treffenden Momenten während Schattenland, die ambivalent zwischen unerschütterlichem Erfolgsglauben und tiefstem Schmerz wandeln sind auch einige Stücke aus seinem Score zu Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt großartige Momente, in denen er dieses Können unter Beweis stellt. In seiner Wirkung ist Schattenland aufgrund seiner inneren, emotionalen Dramaturgie allerdings schwer vergleichlich. Wenn der Chorgesang in Nalas Abschiedsgesang einstimmt entwickelt Schattenland eine unglaubliche Tiefe und packende, mitfühlsame Leidgeprüftheit. Sämtlicher erdrückender, auf dem gesamten Schattenland lastender Schmerz wird so vollkommen ehrlich und unverfälscht vermittelt, dass man glauben mag, dass der vor seiner Karriere als Musiker von der Apartheid geschundene, seines Landes verstoßene und zwischenzeitlich in Armut lebende Lebo M all sein persönliches Leid in diesem Stück verarbeitete. Und dennoch ist Schattenland kein unverdaulicher musikalischer Brocken an Unglück und Schmerz. Nicht nur der bereits erwähnte, zarte Hauch einer Zuversicht bewahrt Schattenland vor dem Umkippen, auch seine Eingängigkeit stützt diesen Song und hebt ihn mit strenger Sicherheit zu einem meiner liebsten Disneylieder aller Zeiten empor, und das obwohl ich üblicherweise nicht der Typ für belastende, weniger pompöse Balladen bin. Denn Schattenland vermag es bei aller Bedrückung ins Ohr zu gehen, mehr noch als viele der wundervoll witwippbaren Gute-Laune-Songs aus dem Disneyfundus. Schattenland anzuhören ist ein Genuss, für den man nicht gerade schicksalsgeschunden sein muss oder den dramatischen Kontext des Musicals benötigt. Und daran kann man ablesen, welche Klasse in dieser Ballade steckt. Schattenland ist eine intelligent konzipierte, beseelte und ausdrucksvolle Ballade über Leid und Hoffnung, die sich schmiegsam in den Verstand ihres Zuhörers begibt, statt ihn selbstgeiselnd zu bedrücken. Wie kann man dieses Lied nicht lieben?

Platz 11: Die drei Caballeros ("The Three Caballeros") aus Drei Caballeros
Musik von Manuel Esperón, Text von Ernesto Cortázar (engl. Text von Ray Gilbert, dt. Text von ?)

Bahn frei für etwas vollkommen anderes. Der Titelsong des psychadelischen, mit frenetischen visuellen Gags und beschwingter lateinamerikanischer Musik gewürzten Geheimtipps unter den Disney-Meisterwerken ist kein Stück weit dramatisch oder gefühlvoll. Und handlungstragend ist es erst recht nicht, denn in Drei Caballeros gibt es keine wirkliche Geschichte, die man vorantreiben könnte. Die drei Caballeros ist höchstens insofern von inhaltlicher Relevanz, als dass es die Freundschaft zwischen dem gerade seinen Geburtstag feiernden Donald Duck, seinem bereits aus Saludos Amigos (Platz 185) bekannten José Carioca und dem ganz frisch und unverbraucht über die Leinwand hechtenden Panchito beschreibt und die drei als über die aus dem Film bekannten Grenzen hinaus eingespanntes Trio etabliert. Somit erfüllt das Lied, auch wenn es keine ernstzunehmende dramaturgische Relevanz hat, durchaus eine weitere Funktion, als einfach nur den Zuschauer mit spaßigen, mexikanisch angehauchten Rhythmen zu umgarnen, während auf der Leinwand gerade erneut ein durchgeknalltes Feuerwerk an einfallsreichem Zeichentrickzauber abgefeuert wird. Die drei Caballeros ist auch ein weiteres Disney-Freundschaftslied, welches das unbeschwerte und sämtliche Lebensfreude in sich aufsaugende Dreiergespann besingt. Somit steht es in Verwandschaft zu Hakuna Matata und Probier's Mal mit Gemütlichkeit (wobei Die drei Caballeros keine Mentorfunktion erfüllt), Ohne dich wär' ich des Lebens nicht froh, The Boys Are Back, Bop Bop Bopbop Bop (Ich lieb dich so), Freundschaft ist das schönste auf der Welt, Du hast 'n Freund in mir und aufgrund der dieses Lied begleitenden Filmsequenz vor allem zu Nur ein kleiner Freundschaftsdienst, während dem Aladdins neuer Freund Dschinni mit effektvoller und comichafter Magie im Sekundentakt erstaunt. Der Unterschied ist nur, dass während Nur ein kleiner Freundschaftsdienst der Dschinni Aladdin und das Filmpublikum überwältigt. Während Die drei Caballeros zündet das ganze Trio dank wild gewordener Animation, fantastischem Timing und akuten Anfällen magischer Kräfte (beziehungsweise dank passend zum Takt partiell aussetzenden physikalischen Gesetzen) einen Gag nach dem anderen ab. Visuell, akustisch, inhaltlich. Die drei Caballeros ist eine rasante und energetische Spaßnummer mit ansteckend froher Laune und einem die Sinne kitzelnden lateinamerikanischen Flair. Für die authentische musikalische Note konnte Walt Disney den mexikanischen Komponisten Manuel Esperón gewinnen, der sich bei der Entstehung von Die drei Caballeros auf seinem Lied Ay, Jalisco, no te rajes! stützte, ähnlich wie fast sechzig Jahre später Mark Keali'i Ho'omalu auf zwei seiner eigenen Interpretationen hawaiianischer Volksweisen basierend He Mele No Lilo (Platz 21) für das Intro von Lilo & Stitch verfasste. Die drei Caballeros behält die Grundmelodie von Esperóns Klassiker bei, strafft das Lied aber insgesamt und wird auch schneller gespielt, wodurch ein stärkerer Showeffekt entsteht als beim mit mehr traditionellem Lokalkolorit versehenen Original, welches Panchito zum Schluss des Liedes auch sofort anstimmt. Die Verwandschaft zwischen Ay, Jalisco, no te rajes ist also vergleichbar mit der Beziehung von Schattenland zu Lea Halalela. Der neue spanische Text stammt von Ernesto Cortázar, der in Mexiko für seine moderne klassische Musik berühmt war, während Songtexter Ray Gilbert (Zip-A-Dee-Doo-Dah) aus den Disney-Studios den englischen Text verfasste. Anders als etwa Komm ich schenk' dir mein Herz (Platz 77) wurde Die drei Caballeros im Film für die deutsche Fassung nicht übersetzt, was aber für ein deutsches Sing mit uns-Video nachgeholt wurde. Diese Aufnahme ist, wohl auch wegen der Produktionskosten (für ein solches Video fliegt man nicht extra irgendeinen großartigen Sänger ein, man nimmt was da ist), nicht ganz so treffsicher gesungen wie die spanische und die englische Variante, allerdings bin ich mittlerweile wahrlich erstaunt, wie treffsicher der Text ins deutsche übertragen wurde. Als Kind nahm ich das einfach als gegeben hin. Damals sah ich das Video zu Drei Caballeros wohl fast genauso häufig, wie die entsprechende Stelle auf der besagten Mitsing-Kassette, weshalb ich für die deutsche Fassung genauso nostalgische Gefühle habe, wie für das "Original" aus dem Film. Und aufgrund der überraschend fantastischen deutschen Texte könnte ich auch heute nicht sagen, welche Version dieses wundervoll aufgelegten Ohrwurms mir lieber ist. Doch so oder so, es ist ein perfektes Gute-Laune-Freundschaftslied und eine einprägsame Mischung aus aufgedrehtem Disneystil und mexikanischen Klängen. Besser kann man diese beiden Richtungen nicht vereinen.

Die Stimme der Vernunft? Oder eine Gruppe schlechter Verlierer? Disney•Pixar kehren Annies den Rücken zu

Wow. Diese Meldung ist ein kleiner Schocker: Wie Variety berichtet, kehrt die Walt Disney Company den Annie Awards (dem Oscar-Pendant für die Animationsfilmbranche) den Rücken zu. Seit der ersten Preisverleihung 1972 ist Disney einer der Sponsoren des anerkannten Awards der International Animated Film Association. Jetzt will man sämtliche Brücken kappen und nichts mehr mit den Annies zu tun haben. Weder will man die Veranstaltung finanziell unterstützen, noch möchte man seine eigenen Produktionen zur Wahl einreichen.

Ed Catmull, Präsident der Pixar und Walt Disney Animation Studios, wird im Branchenblatt Vairtey wie folgt zitiert:

"After more than a year of discussions with the ASIFA board, we have regretfully decided to withdraw from the organization and no longer participate in the annual Annie Awards. We believe there is an issue with the way the Annies are judged, and have been seeking a mutually agreeable solution with the board. Although some initial steps have been taken, the board informed us that no further changes would be made to address our concerns."

Dieser schwerwiegende Schritt, der den Annie Awards negative Publicity bringen könnte, kommt zwei Jahre nachdem der von Kritikern in den Himmel gelobte (und von mir abgöttisch vereherte) Pixar-Film WALL•E eine "zu Null"-Schlappe gegen Dreamworks Kung Fu Panda hinlegte. Nach der Preisverleihung ging ein wütendes Gröhlen durch das Internet. Und ich gröhlte mit.

Viele der seitens Disney genannten Mängel am System der Annies lassen sich auf diese, sagen wir Mal, ungewöhnliche Nacht, in der ein Panda einen Roboter bezwang, zurückführen. Ein Beispiel: Anders als bei den Oscars (für die man der Academy of Motion Picture Arts & Sciences angehören muss, um abzustimmen, und man wird für eine Mitgliedschaft erwählt) kann man sich eine stimmberechtigte Mitgliedschaft für die ASIFA erwerben. Dreamworks Animation schenkt jedem Angestellten eine solche Mitgliedschaft.

Auf Disneys Druck wurde bereits vergangenes Jahr (da noch hinter verschlossenen Türen und mit weniger Medientrubel) eine Regeländerung gewilligt, laut der nur noch Branchenprofis in den individuellen Kategorien (für beste Einzelleistungen wie etwa "Bester Animator in einem Langfilm") stimmberechtigt sind, während nichtprofessionelle Mitglieder nur noch für Gesamtkategorien (Bester Kurzfilm, Bester Langfilm, usw.) abstimmen dürfen. Dies schein den Disney-Studios nicht genug - und so kam es zu diesem drastischen Schritt.

Antran Manoogian, der Vorsitzende der Organisation hinter den Annies, reagierte auf Catmulls Beschluss mit der Erklärung, dass etwaige Vermutungen, die Annies wären nun wertlos da sie von nun an bloß noch "die besten Non-Disney-Produkte des Animationsgewerbes" prämierten, falsch wären. Einzelne Stimmberechtigte könnten Disney- und Pixar-Filme weiterhin vorschlagen, selbst wenn das Studio dahinter sie nicht mehr automatisch einreiche. Zudem bestätigte auch Catmull, dass man keinem Pixar- oder Disney-Angestellten die Mitgliedschaft bei der ASIFA oder die Wahlbeteiligung verbieten werde.
Aufgrund der Kritik, die Annies würden durch unqualifizierte Stimmen verwässert, kündigte Manoogian eine weitere Änderung im Regelwerk des Preises an: Mitglieder, die ein Stimmrecht begehren, müssen von einem qualifizierten Komitee eine Bewilligung erhalten, um an der Wahl teilnehmen zu dürfen.

Ich bin unschlüssig, was ich von dieser ganzen Sache halten soll. Mit der "WALL•E vs. Kung Fu Panda"-Geschichte im Hinterkopf klingt es durchaus so, als wären Catmull und Co. bloß schlechte Verlierer. Andererseits haben sie durchaus guten Grund, "Schiebung!" zu schreien, wenn man sich so durchliest, wie löchrig das Annie-Regelwerk ist und welche Schlupflöcher dadurch aufgedeckt werden, dass der ASIFA-Chef öffentlich zugibt, wie sie nun gestopft werden. Außerdem ist es ja nicht so, als hätten Disney und Pixar Grund, sich über durchgehend unfaire Behandlung zu beschweren: Die Studios gewannen (vom Jahr, über das man besser nicht spricht) zahlreiche Preise und dieses Jahr hatte Jeffrey Katzenberg nicht genug Bestechungsgeld in der Portokasse sah es wieder sehr gut für Disney und Pixar aus. Vielleicht wollte man wirklich bloß Regelverbesserungen durchsetzen, die dem Ansehen der Annies helfen sollten. Aber wieso macht man dann einen solchen öffentlichen Tumult, wenn die (so scheint mir) gröbsten Unsinnigkeiten im Reglement behoben wurden?

Während wir uns alle unsere Gedanken über dieses Streitthema machen, hören wir etwas gute Musik (und hier der Link für Ungeduldigere) und wer mag, liest sich noch meine Kritiken für die beiden Streit auslösenden Filme durch: WALL•E und Kung Fu Panda.

Rent a Donnerbold: He's a Heavy Metal Pirate

Yarr, ihr Skorbut verseuchten Leseratten!

Der bärtige Käpt'n eures Alltages auf den sieben Webmeeren möchte nun als Kommodore Donnerbold angesprochen werden! Jegliche Widersetzung wird damit bestraft, dass diese stinkige Qualle gekielholt wird! Denn von nun an ist von eurem geliebten, gutmütigen und nachsichtigen Käpt'n nicht nur hier, auf seinem eigenen Windjammer, der "Bagatellen" zu lesen! Nein, er hat auch einen der stolzesten Schoner in der Flotte der Disney-Fanblogs geentert!

Leset meine von dem erfahrenen Salzwasser unter meinem Kiel zeugenden Ergüsse drüben auf Covering the Mouse und küsset mir die Seetang verdreckten Stiefel!

Gut so, neidisches Gesindel!

Mehr Alestorm:

Mittwoch, 25. August 2010

Machete: Robert Rodriguez lässt mich um die DVD-Veröffentlichung bangen

Machete nähert sich endlich seinem heiß ersehnten Kinostart. In den USA gab es bereits ein "R Rating for strong bloody violence throughout, language, some sexual content and nudity". Und für die DVD-Veröffentlichung hat sich Robert Rodriguez etwas ganz spezielles ausgedacht: Natürlich gibt es mehr Blut und härtere Gewalt, das ist ja nichts besonderes mehr. Aber: Es sterben auch Figuren, die in der Kinofassung überleben (Quelle: Schnittberichte). Es gibt dann also eine Kino- und eine DVD-Kontinuität. Das gibt's hin und wieder zwar auch, ist aber doch deutlich seltener.

Und durch Rodriguez' Pläne zweier Fortsetzungen zu Machete wird das gleich noch kurioser. An welche Kontinuität werden sich die Sequels halten? Spielt sowas bei Rodriguez überhaupt eine Rolle?

Ein wenig nervös werde ich dabei allerdings, wenn ich an die deutsche Veröffentlichung denke. Schon der letzte Trailer ruft nach einem Einsatz der SPIO, die dem Film "keine schwere Jugendgefährdung" attestieren wird. Wenn die DVD (und Blu-ray) härter wird, dann sollte man sie sich am besten sofort am Starttag besorgen, bevor die Onkel und Tanten der BPjM ebenfalls auf ihn aufmerksam werden...

Der deutsche Kinostart des (hoffentlich ungeschnittenen) Films ist am 18. November. Alternativ könnte man an dem Tag in Harry Potter 7.1 gehen, aber wer will das schon?

Supersüßes Rapunzel-Bild des Tages

Disclaimer #1: Dies ist möglicherweise das herzlichste und knuffigste, was ihr dieses Jahr gesehen habt. Vergesst Katzenbabys. Vergesst Schoßhunde, die ihren eigenen Schwanz jagen. Vergesst WALL•E! Dieses Bild wird sich in euer Herz brennen und euch ein mollig warmes Gefühl geben. Ob ihr wollt oder nicht!

Disclaimer #2: Diabetiker, wählt vorsichtshalber den Notruf!

Disclaimer #3: Das Bild ist nicht farbkorrigiert. Der Film sieht nicht derart grell aus. Bedankt euch bei Disneys Merchandisingabteilung, die dieses Motiv als Puzzle verkaufen wird.

Okay...

...3...

...2...

...1...

....

OooooooooooooooooooOOOOoooooooooohhhhhhhhhhhhh... wie süüüuuuüüÜuuÜÜÜüüüüÜüüuuüüß!

Dienstag, 24. August 2010

Die geflügelte Witzfigur der Disneykultur

Als der Disney-Konzern Ende der 70er und zu Beginn der 80er sein verstaubtes Image durch kantigere Kinofilme aufbessern und seinen Marktwert bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufbessern wollte, entstanden zahlreiche Filme, die sich nicht an den studiointernen Erwartungen messen konnten. Manche dieser Filme wurden im Laufe der Jahrzehnte zu Kultklassikern und somit letztlich doch noch zu ansehnlichen Gewinnbringern (bestes Beispiel ist an dieser Stelle der Sci-Fi-Film Tron), andere gerieten dagegen in Vergessenheit.

Und dann wäre da noch ein Film, der sich zum gesammelten Gespött der (us-amerikanischen) Disneyfangemeinde mauserte. Im August 1981 als humoristische Antwort auf das James Bond-Franchise gestartet, ging er wie fast alle anderen Disney-Spielfilme seiner Zeit sang- und klanglos an den Kinokassen unter, die Kritiken bewegten sich von müde bis mäßig. Mittlerweile jedoch erlebt dieser Streifen eine Renaissance als Running Gag: Die Pixar-Köpfe Pete Docter und Julian Rivera nannten ihn frech grinsend neben 20.000 Meilen unter dem Meer und Mary Poppins den einzigen konkurrenzfähigen Kandidaten um den Titel des besten Disney-Realfilms aller Zeiten. Auf zahlreichen US-Webseiten wird er augenzwinkernd als Must See tituliert. Und selbst bei einer der ersten D23-Veranstaltungen stach er obskur hervor, als Kostüme und Requisiten aus den wichtigsten Disney-Realfilmen ausgestellt wurden. Und halt ein Kostüm aus dieser Produktion, die den wenigsten Leuten etwas sagen dürfte.

Nun, zumindest gerät diese Actionkomödie mit Michael Crawford (Hello, Dolly!) somit nicht in Vergessenheit. Allerdings läuft sie Gefahr durch all diese ironischen Lobpreisungen bei Nichtkennern irgendwann automatisch als einer der schlechtesten Disney-Realfilme aller Zeiten abgestempelt zu werden. Denn warum sonst sollte dieser stilistische Ausrutscher der Disney-80er immer gepiesackt werden? Zumindest ich finde, dass es sich dabei um einen ganz ansehnlichen Film handelt, der eher liebevoll hochgenommen wird. Bloß muss man seine Qualitäten auch Mal ernsthaft begutachten, außerhalb der Behandlung dieses Films als Steilvorlage für kecke Seitenhiebe. Und wenn es schon irgendjemand machen muss, wieso nicht ich?

Also, es wird Zeit, dass die geflügelte Witzfigur der Disneykultur wenigstens für einen Moment lang aus ihrem Status als Insidergag herauswächst und wir sie als das betrachten, was sie ist.

Meine Damen und Herren, ich erbitte mir mehr Respekt für...

Condorman

Basierend auf dem Roman Spaghetti mit blauen Bohnen des mit komödiantischer Feder schreibenden Sci-Fi-Autors Robert Sheckley, erzählt Condorman den abenteuerlichen, haarsträubenden Agenten-Werdegang des Comiczeichners und -autors Woody. Sich derzeit in Paris aufhaltend versucht der aufstrebende Comickünstler seinem an sich selbst gestellten Anspruch gerecht zu werden, ein ungewohnt realistisches Superheldenheft zu verfassen. Er möchte, dass sein Protagonist Condorman nur Dinge tut, die im wirklichen Leben funktionieren. Deshalb baut Woody selbst Flugapperate, um auszutesten, ob man als Normalsterblicher mit einem entsprechenden Superheldenkostüm wirklich vom Eiffelturm aus über Paris fliegen kann. Woodys bester Freund Harry findet dieses Vorhaben ziemlich albern, hält sich mit seiner Kritik allerdings so gut es geht zurück. Kurz nach Woodys misslungenem Flugversuch kommt Harry, der bei der CIA arbeitet, in die Verlegenheit einen Auftrag an einen unbedarft aussehenden, amerikanischen Zivilisten weiterzuleiten. In seinem besten Freund sieht er die ideale Zielperson, und so schickt er den abenteuerlustigen Woody mit geheimen Papieren mit dem Zug quer durch Europa, um in Istanbul mit einer sowjetischen Spionin einen Austausch abzuhalten. Aufgrund Woodys aufgesetztem Selbstbewusstsein kommt es jedoch zu Komplikationen: Er und die Agentin Natalia entkommen nur knapp und mit sehr viel Dusel feindlichen Auftragnehmern eines türkischen Geheimdienstes. In Natalias Augen aber erschienen Woodys chaotischen Selbstwehrmaßnahmen besonders kühn, aalglatt und stahlhart, weshalb sie dem CIA explizit ihn als persönliche Wunscheskorte für ihren kurz nach dieser Mission geplanten Überlauf angibt. Da Natalia für den amerikanischen Geheimdienst von großem Wert ist, sieht man sich gezwungen Woody auch für diese Mission anzuheuern. Woody sieht seinen großen Moment gekommen und wünscht sich für seinen Auftrag eine auf seinen Comics basierende, absurd kostspielige Ausrüstung - die er tatsächlich erhält. Und wie es der Zufall so will, erweisen sich seine technischen Spielzeuge sehr nützlich, denn der simple Überlauf Natalias entwickelt sich aufgrund des hartknäckigen Einschreitens ihres ehemaligen Bosses Krokov zu einer halsbrecherischen Mission, wie sie die CIA noch nie gesehen hat.

Weshalb von allen Disney-Realfilmen ausgerechnet Condorman zum Spielball der Disneyfankultur wurde, ist ein kleines Rätsel. Dass es einen Film aus den 80er Jahren erwischte ist durchaus nachvollziehbar, da die meisten Produktionen aus den "Dark Ages" aus einem sachlichen Blickwinkel betrachtet mit ihrer naiven Vorstellung der Bedürfnisse eines jugendlichen Publikums und dem unsicheren Versuch eines Balanceakt zwischen "Modern" und "Klassisch Disney" eine leichte Zielscheibe sind. Zugleich versprühen sie genau deswegen auch einen gewissen Charme, weshalb man diesen Filmen nicht böse sein kann, so dass man bei leicht ernst gemeinten, leicht spaßigen Seitenhieben endet. Weshalb aber Condorman als das spöttische Hauptziel, nicht etwa Schreie der Verlorenen?

Mein Erklärungsversuch: Condorman fällt selbst für einen Film dieser Phase der Disney-Geschichte besonders harsch zwischen den Stühlen. Als "kantiger, harter" Disneyfilm für die 80er-Offensive ist er zu albern und leichtherzig (er ist zum Beispiel auch deutlich knalliger als die ähnlich gelagerte Krimikomödie Trenchcoat), für einen vor den 00ern erschienenen Disneyfilm ist er aber auffällig actionreich. Somit sticht Condorman ins Auge. Zudem ist Condorman kein "tragisches" Beispiel für die frühen 80er Jahre der Disney-Studios. Hinsichtlich Schreie der Verlorenen beispielsweise ist bekannt, wie ambitioniert und tough der Film hätte werden können, weshalb sein scheitern betrüblicher ist. Über Condorman dagegen kann man ohne Gram scherzen.

Doch wieso sollte man über Condorman nicht verächtlich die Nase rümpfen? Weshalb sollte man über die Reputation dieser Actionkomödie hinaus gehen und ihr auch ein Stück weit Respekt entgegenbringen? Nun, was Condorman ausmacht, ist der feine Spagat zwischen James Bond-Parodie und erfrischend familientauglichem Agentenabenteuer, den Regisseur Charles Jarrott mir diesem Film auftischt. Einerseits ist Condorman eine für Kinder aufregende und spaßige Einstiegsdrogen in die Welt der Agentenaction, andererseits kann man sich sehr gut über die comichaften Geschehnisse des Films amüsieren. Michael Crawfords Spiel als versehentlich talentierter Agent und in seinen Illusionen vertiefter Comicschöpfer erinnert ein wenig an den Humor eines Leslie Nielsen, der ähnlich trocken und augenscheinlich bierernst durch absoluten Irrsinn stapft. Der Unterschied ist, dass Crawford weniger knalligen Slapstick hinlegt, dafür glaubwürdiger die glatt-verführerische Seite des Bond-esquen Agententums zu verkörpern weiß.

Zugegeben, fesselnde Spannung kommt in Condorman nicht auf, aber dennoch sind die Actionszenen für einen Familien-Agentenfilm sehr gut gemacht, insbesondere die explosive Autoverfolgungsjagd quer durch ein jugoslawisches Dorf ist gut choreographiert. Überhaupt sind die ganzen Gadgets von Condorman ein filmgewordener Jungstraum: Laserknarren, Autos mit Flammenwerfer und knallige Flugapperate zeichnen hier einen etwas bunteren Agentenalltag als beim an ein wenig ältere Zuschauer gerichteten Vorzeigeagenten. Das Spiel mit Klischees ist in seiner teils gespielten, teils authentischen Blauäugigkeit herzerfrischend und der von Pink Panther-Komponist Henry Mancini geschriebene, extra dick auftragende Filmmusik weiß mich ebenfalls zu überzeugen.

Die vergnügliche, quer durch Europa führende Hatz ist zu blutleer, um dem von der damaligen Geschäftsführung Disneys gesetzten Ziel der Kantigkeit gerecht zu werden oder heutzutage als Disney untypischer Geheimtipp zu gelten, aber werden an Condorman dennoch ungebrochene Freunde haben. Und für ältere Zuschauer bietet Condorman außerdem eine hübsche Prise Charme, weshalb Condorman irgendwo zwischen einem sündigen Vergnügen und einem schlichten, einfach gestrickten und sympatischen (sowie undschuldigem) Vergnügen steht. Crawford und Barbara Carrera sind ein nettes Protagonistenpärchen und die Handlung hat eine reizende sowie entwaffnende 80er-Familienaction-Ausstrahlung. Condorman ist sicherlich kein Glanzstück der Disney-Filmgeschichte, aber es ist ein unterhaltsamer und schmerzfreier Spaß für Kinder (fast) jeden Alters, dem man einfach nicht böse sein kann. Und ja, manche Szenen sind sogar durchaus denkwürdig, so dass Condorman im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Produktionen nicht nach einmaligem Sehen für immer und ewig vergessen ist.

Und deshalb hat Condorman mehr Respekt verdient.

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