Montag, 31. Januar 2011

Unser Song für Deutschland - Die 1. Entscheidungsshow

Fast ein Jahr ist es her, als in der ersten Ausgabe von Unser Star für Oslo ein kleines Fräulein namens Lena Meyer-Landrut den Großteil von Fernsehdeutschland im Sturm eroberte.

In der Zwischenzeit gewann sie den Eurovision Song Contest, wurde von Stefan Raab im Alleingang zu Deutschlands Vertreterin für den ESC 2011 auserwählt und erhielt gleich drei ganze Shows, um ihren nächsten Eurovision-Song zu bestimmen. Sechs Lieder gibt es heute, die bessere Hälfte kommt ins Finale im Ersten. Wie die Show gefällt, zeigt sich im Laufe der Entstehung dieses Beitrags. Welche Lieder hat das Kompetenzteam ausgewählt, was sagt der Jurvorsitzende Stefan Raab? Wenigstens kennt Raab die Historie der Titelverteidigerinnen - er spricht sofort von einer niederländischen ESC-Siegerin, die im Folgejahr Letzte wurde.

Bevor es losgeht, blickt eine MAZ auf den letztjährigen Vorentscheid zurück, und deckt ungewollt den uns bedrohenden Nachteil von Unser Song für Deutschland auf: Lena gewann, weil sie jung, frisch, ungewöhnlich, unverbraucht war. Dieses Jahr ist sie es nicht mehr - für eine Top-Ten-Platzierung muss dafür ihr Lied umso frischer und besser sein. Manche sehen Lena ja sogar bloß noch als verkrampfte Kopie ihrer selbst. Ich fand ihren ersten kurzen Auftritt zwar natürlich nicht mehr so ungewöhnlich wie vor einem Jahr, aber gestelzt fand ich es nicht. Doch dass sie wohl an "Stoßwirkung" verlor, sollte selbstredend sein. Wie gesagt - umso wichtiger die Musik, und wenigstens letzte Woche bei TV Total sprachen eine dort ungezwungener auftretende Lena und ein zum Scherzen aufgelegter Raab ("Oh, du trittst also in SECHS verschiedenen schwarzen Kleidern an?") genau davon. Nach der Werbepause (und dem ersten Blick hinter die Entstehung der Songs) sollte uns endlich klar werden, ob es leeres Gerede war oder der Wahrheit entsprach.

1) Good News
Das erste Lied des Abends ist eine behutsame, jazzige Clubnummer. Viel zu laff für den Eurovision Song Contest und meines Erachtens nach nicht passend zu Lenas Stimme /Gesangsstil. Eine etwas volouminösere Stimme, etwas mehr Kratzen, dann könnte es ein stilvoll-lässiges Bluesbar-Stück werden. Aus dem deutschsprachigen Bereich käme mir Raabs Zögling Stefanie Heinzmann in den Sinn, mit der ich ihn mir als ansprechende Begleitung für einen Pokerabend vorstellen könnte.

2) Maybe
Das von einem Berliner Duo stammende Maybe klingt nach... Indie-Coming-of-Age-Tragikomödie. Ich sehe eine phlegmatische Partymontage vor mir, oder einen zwischen Freiheitsgefühl und emotionaler Befangenheit schwankenden Zusammenschnitt eines einschneidenden Sommers. Mit stärkerer Abmischung (Lena ist mir hier stimmlich schon wieder zu dünn), wäre es was für einen deutschen Garden State oder meinetwegen auch was für einen mit Jugendlichen in den Hauptrollen besetzten Film von Regisseur Til Schweiger (er liebt sie ja, seine Montagen), aber für den ESC...?

3) I Like You
Während der amerikanisch/britischen Co-Komposition kann ich wenigstens erstmals die ästhetischen Qualitäten der Showbühne voll würdigen. Das Lied selbst ist mir, Tamborin zum Trotz, zu langweilig und spannungs-/emotionsarm. Muss allerdings sagen, dass Raabs Eventmacher zu den Besten im deutschen TV gehören. Lena ist echt klasse ausgeleuchtet. Bringt nicht viel, aber hey, auch solche Produktionswerte gehören gelobt.

Einwurf: Nach Stefanie Kloß' Anmerkung, das Lied sei als Albenabwechslung oder Livekonzert-Atempause ganz gut, für den ESC allerdings eventuell viel zu ruhig sei, argumentiert Raab, die Sendung sei ja auch dazu da, um Lenas "musikalische Range" zu präsentieren, und nicht einen Knaller nach dem Anderen rauszuhauen. Seltsam, bei TV Total hieß es letzte Woche noch, die Auswahl qualitativer Songs, die beim ESC antreteten könnten, stünde im Vordergrund, und Lena präsentiere sie halt. Mhhh...

4) That Again
Raabs Lied That Again schien mir schon die längste, aber auch die interessanteste MAZ zu haben. Mehr über seinen Vorgang beim Songschreiben zu erfahren, war schonmal für mich das beste am bisherigen Fernsehabend. Das Lied... bleibt hinter Nummer 2 zurück. Seichtes, zugleich kantiges jazziges Gedudel mit Charme, aber ohne erinnerungswürdige Qualität. Als Hintergrundbegleitung für eine WDR- oder ZDFneo-Show für die späte Nacht sicher treffend, für den ESC mies, mein Geschmack ist es auch nicht. Im richtigen Kontext könnte ich es nach einiger Zeit sicher mögen lernen (schreibt schnell einen originellen Film über eine Nachteule, die während Autofahrten durch Großstädte sich selbst findet), aber so... Mh, sorry, Stefan...

5) Taken By A Stranger
Das erste Lied des Abends, das ich ohne größere Einschränkungen gut finde. Es ist mit seiner geheimnisvolleren, runtespielenden Klangatmosphäre und den ungewöhnlichen Soundeffekten eine klare Abkehr von Satellite und auch alles andere als ein sicherer Wett-Tipp, aber es gefällt mir immerhin. Mit einer elaborierten, das Lied nicht völlig übertünchenden Bühnenshow, wäre er wenigstens ESC-tauglich. Spitzenkandidat? Neeee. Nicht in dieser Fassung. Doch Satellite wurde ja auch gesundgewerkelt, man könnte also immerhin in die Top Ten (sage ich jetzt, ohne die Konkurrenz zu kennen).

6) What Happened To Me
Nochmal Raab, nun als komponierender Unterstützer von "uns Lena". Eine frühsommerliche Stimmung wird verbreitet, mit pointiertem Streichereinsatz. Der auch das denkwürdigste am Lied bleibt. Nein, also, irgendwie hat Lena zwar was ungewöhnliches an sich und Raab ist weiterhin einer der feschesten deutschen Pop-Komponisten, aber wenn man die beiden zusammensteckt, dann scheinen sich ihre Charakteristika gegenseitig aufzuheben. Vom Wadde Hadde Dudde Da-Tusch am Schluss mal abgesehen.

Von diesen Songs würde ich 2, 5 und 6 weiterwählen. Für die zweite Show wünsche ich mir allerdings einen klaren Qualitätssprung, was den Gesamtdurchschnitt angeht, denn wenn ausgerechnet in einer Raab-Show, wo die Juroren sonst zu Ehrlichkeit taugen, Stafanie Kloß und der Graf von Unheilig mit Verklausulierungen um ein gehaltvolles Feedback herumdrucksen, ist das nicht gerade ein Merkmal für eine gelungene Songauswahl.

Das Fernsehpublikum entschied sich ebenfalls für Maybe und den Favoriten der Saalzuschauer, Taken By A Stranger. Und auch eine der Raab-Nummern hat es ins Finale geschafft, nämlich (Überraschung!) What Happened To Me. Insofern war das Voting das einzige am Abend, das mich völlig zufriedenstellte. Nun, was soll's, in der nächsten Woche kann sich noch vieles tun. Oder eben nicht - dann hat Deutschland keinen Vorentscheid, der einem Gastgeberland angemessenen ist, sonderne ine gute Werbeplattform für Lenas zweites Album. Und mit Taken By A Stranger einen zufällig reingerutschten Sleeperhit mit Top-Ten-Tendenz.

2 Kommentare:

Bernhard hat gesagt…

Ich wähle 2,3 und 6.
5 war mir zu extrem anders. Sicher fällt 5 aus dem Schema und es hat ja schon deswegen ein paar Sympathiepunkte, weil das normalerweise die wichtigste Eigenschaft von Lena-Songs bei USFO war, aber der Song gefällt mir einfach nicht. Dies traf allerdings auch damals auf Satellite zu. Das war der Song den ich am wenigsten beim ESC in Oslo sehen wollte. Und wir wissen ja alle, was dann passiert ist. Insofern ist mein Nicht-Gefallen eventuell auch eine gute Richtschnur zum Erfolg.

Aber was die gesamte Songauswahl betrifft, muss ich dir Recht geben. Es fehlen tatsächlich ein paar Kracher, die deutlich positiv auffallen. Wie etwa Durstewitz' Stalker damals.

Man hat in der Show auch gemerkt, wie wichtig es Raab war, dass die Juroren die Songs nicht gleich komplett zerreisen. Und entsprechend sind die beiden meist eher um ihre echte Einschätzung herumgeeiert (insbesondere Stefanie von Silbermond).

Schön war wieder der Übergang von USFD zu TV total. Bin mal gespannt, ob Pocher das am Freitag bei den Winterspielen der Stars ähnlich elegant lösen kann. Er will seine Show ja direkt vor Ort produzieren. Und interessant ist auch, ob das Publikum der Winterspiele-Show sich auch die Pocher-Show ansehen möchte oder ob er dann aus einer leeren Halle moderieren wird.

corny hat gesagt…

Ja wie soll ich das sagen - war kein einziger Titel darunter der mich irgendwie mitgerissen hätte.

Ich find die Idee das "kleine Fräulein Wunder Lena" nochmal antreten zu lassen - naja very German!

Hoffe in der 2. Hälfte ist mehr Pepp darunter.

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