Freitag, 25. Februar 2011

Bezüglich dieser Antisemitismus-Frage und Walt Disney...

Vor kurzem postete ich bei Twitter einen Link für diesen Artikel, in dem laut darüber philosophiert wird, weshalb so viele Jugendliche heutzutage davon überzeugt sind, dass Walt Disney ein Rassist war. Ich dachte, damit hätte sich das Thema erledigt, aber ein Stammleser spornte mich dazu an, selbst nochmal in die Tasten zu hauen.

Will man Walt Disneys Persönlichkeit und seine politischen Einstellungen richtig einschätzen, so muss man zunächst von all der Literatur über ihn die Extrempositionen wegstreichen. Adieu, ihr von seiner Firma glattgebügelten Beschreibungen des stets lächelnden, nur für seinen Traum lebenden Märchenonkels, der aus Zuckerwatte zu bestehen schien. Und hoffentlich auf Nimmerwidersehen, ihr marktschreierischen, mit Provokation auf Profit geifernden Schundwerke wie "Hollywood's Dark Prince".

Sind die verzerrenden Extrembeschreibungen Walt Disneys ignoriert und vergessen, bleibt nichts spektakuläres übrig. So sehr es die Hasser des Disney-Konzerns und die zynische, nach Schatten in der Zuckerbäckerwelt suchende moderne Gesellschaft enttäuschen wird: Walt Disney war... ein Durchschnittsamerikaner. Nicht in seinem Lebenswerk, seinen Ambitionen oder seinen Talenten. Doch in seiner politischen Identität.

Woher rühren dann die nie enden wollenden Gerüchte, Walt Disney wäre ein Rassist bzw. Antisemit gewesen? Möglicherweise hat Amid Amidi mit seinem Cartoon Brew-Beitrag Recht, und es liegt einfach an dem Spaß vermeintlicher, moderner Satiriker, ein seliges Image zu zerstören - gepaart mit der Naivität vieler junger Medienkonsumenten. Jedoch müssen sie irgendwo ihre Wurzeln haben. Kann es sein, dass Walt Disney vor dem Komitee für unamerikanische Untriebe und in Gesellschaft von Mitgliedern der Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideal (eine Gesellschaft, mit der er aufgrund ihrer antikommunistischen Haltung sympathisierte, bis er sich in den 50ern von ihr distanzierte, da sie ein ihm unangenehm werdendes Gesicht annahm) unreflektierte, unflätige Kommentare über jüdische (Ex-)Angestellten aussprach? Wie auch sonst praktisch jeder, der heutzutage über Walt Disneys politische Gesinnung mutmaßt, war ich nicht dabei, aber es ist gut möglich. Und keinesfalls gutzuheißen.

Bloß muss man differenzierter denken, zu unterscheiden wissen, zwischen "aus heutiger Sicht politisch inkorrekt", "unsensibel" und "rassistisch/antisemitisch". Eine (jetzt rein hypothetisch in Walt Disneys Mund gelegte) Äußerung wie "Ich glaube, dieser verfluchte Jude war Teil einer kommunistischen Verschwörung, mein Studio von innen zu zersprengen" ist aus heutiger Sicht politisch inkorrekt, war schon damals äußerst unsensibel. Allerdings war sie nicht antisemitisch. Man muss berücksichtigen, dass sich die gesellschaftlichen Werte und Umgangsformen änderten, und damals waren jüdische Karikaturen, das besondere Herausstellen des jüdischen Glaubens einer Person, an der Tagesordnung. Durch die zunehmende politische Korrektheit, und selbstverständlich durch den Holocaust, hat sich das Vokabular der Nachkriegsgenerationen gebessert. Es ist heutzutage glücklicherweise undenkbar, eine nervige Person, die zufälligerweise jüdisch ist, als "Drecksjuden" zu bezeichnen. Vor einigen Jahrzehnten zog man jedoch keine Grenze zwischen solchen Beschimpfungen, und dem heute noch gebräuchlichen Necken übergewichtiger Personen. Wenn etwa an der Supermarktkasse ein dicker Zeitgenosse sein Kleingeld zählt, und zählt, und zählt... da werden sicher viele denken "Boah, du Fettsack, mach hin!". Manche würden es sogar aussprechen. Das ist nicht wohlerzogen - würde aber wohl kaum eine politische Affäre nach sich ziehen, weil man deshalb angeblich Vorurteile gegenüber der übergewichtigen Bevölkerung hat. Wer weiß, vielleicht eventuell wird sich unser Sprachgebrauch auch in dieser Beziehung sensibilisieren, bis jetzt können aber Filme wie Eddie Murphys Norbit (ja, den Streifen lasse ich so schnell nicht in Ruhe) im Fernsehen laufen, ohne dass bald darauf ethische Grundsatzdiskussionen in den Medien geführt werden.

Bloß weil Walt Disney zuweilen ein Vokabular nutzte, welches in der heutigen Gesellschaft Kopfschütteln hervorrufen würde, war er nicht antisemit. Eine Anekdote besagt, wie Walt Disney in der Mittagspause über einige Vorhaben sprach, und dann das Gespräch mit einem freudigen "Ich sprech mit meinem Juden darüber!" verließ. Denn der Anwalt seines Vertrauens, von dem in dieser Anekdorte die Rede ist, war jüdisch, und er sollte die Angelegenheit klären. Keineswegs eine Wortwahl, die dem lieben Märchenonkel geziemt. Aus zeitgenössischem Blickwinkel dennoch akzeptabel. Hier kreuzt sich der Umgang der Prä-Holocaust-Generation mit dem Judentum mit einem flapsigen Unterstreichen, einer Minderheitenqualität eines vertrauten Menschens. Alternativ könnt ihr euch vorstellen, dass John Lasseters angetrauter und geschätzter Anwalt homosexuell ist, und Lasseter freudig ankündigt: "Ich frag mal meinen warmen Bruder, was er davon hält." Politisch korrekt? Hmmmrmpf. Schwulenfeindlich? Nun mal nicht übertreiben - wenn er sich so gut mit seinem Anwalt versteht... Unter vertrauten werden ja auch mal Bierbäuche getätschelt: "Na, mein Dickerchen..." Es kommt auf die Person, den Kontext und das Verhältnis zur angesprochenen Randgruppe an. Sowie den Tonfall. Quentin Tarantino bringt auch beliebig oft in seinen Drehbüchern das Wörtchen "Nigger" unter, und dennoch weigerte sich meines Wissens nach bislang kein Afro-Amerikaner, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Bis in die frühen 40er waren stereotype Judenkarikaturen für Cartoonisten etwas vollkommen normales. Ihr wisst schon, das Bild des großnasigen, bärtigen Mannes mit Schläfenlocken. Solche Zeichnungen kamen in Tageszeitungen vor, in Cartoons sämtlicher Studios, auch in denen der (jüdischen) Warner Bros. Dass das Bild des als jüdischer Borstenverkäufers verkleideten Bösen Wolfs Walt Disney bis heute nachgetragen wird, ist bloß als Hexenjagd auf einen sich mit unschuldigem Ruf brüstenden Konzerns zu erklären. Die Verbindung, die manche sehen wollen, scheint zunächst klar: Der Bösewicht verkleidet sich als Jude, also muss der Filmemacher Juden als böse ansehen. Eine Milchmädchenrechnung. Der Böse Wolf versucht Eintritt ins Haus der drei kleinen Schweinchen zu erlangen, indem er sich als Bürstenverkäufer ausgibt. Das Humorverständnis der 30er Jahre sah es als amüsant an, in die Klischeekiste zu greifen: Seinerzeit waren viele fahrende Händler jüdischen Glaubens, also verkäuft sich der Böse Wolf nicht als irgendein Vertreter, sondern als jüdischer Vertreter. Ebenso wenig ein guter, zeitloser Witz, wie eine antisemitische Aussage. Immerhin lernte man bei Disney dazu, und kehrte diese visuelle Pointe später unter den Teppich, vermied auch die Wiederholung solcher Fehler. Als Donald Duck anno 1948 als Bürstenverkäufe rum die Häuser zog, bekam er zwar dank Ajax-Wunderpillen eine neue Stimme verpasst, aber keine Schäfenlocken.

Oder das elendige Thema Onkel Remus' Wunderland... Was soll man sich als Kenner des so heiß diskutierten Films noch groß aufregen, diese Kontroverse hat sich Disney selbst eingebrockt. Indem man den Film vor der Öffentlichkeit versteckt, feuert man die Mutmaßungen nur an, statt sein Gesicht zu wahren. Der Oscar-prämierte Mischfilm spielt, entgegen der zahlreichen Fehlinformationen in der weiten Welt des Internets, nicht zur Zeit der Sklaverei und zeigt mit ihrem Schicksal glücklich lebende Baumwollpflücker. Was sich der Film zu Schulden kommen lässt, ist Naivität. Die in der Zeit nach dem Bürgerkrieg angesiedelte Familienproduktion möchte, saccharinsauer, die Geschichte einer Alters- und Rassengrenzen überwindenden Freundschaft erzählen. Spielt man Teufels Advokat (ich spare mir besser die Bezeichnung Winkeladvokat), ist es gewiss unglücklich, dass man außerdem auf der altgedienten Moralschiene "Besser arm und warmherzig, als reich und verbiestert" fährt, da dies in Kombination mit dem Thema "Packt man Vorurteile bei Seite, können alle Menschen Freunde sein" und dem historischen Setting von Onkel Remus' Wunderland eine weichgespülte Weltsicht vermittelt. Trotzdem muss man schon sehr verbiestert sein, den Filmemachern unbedingt Rassismus zu unterstellen.

Womit man mich dann endgültig die Palme hochjagen kann, sind solche vermeintlich geniale Entdeckungen unterschwelliger Botschaften in Filmen wie Das Dschungelbuch. King Louie ist ein Affe, der darüber singt, dass er gerne ein Mensch wäre. Er singt Swing - eine schwarze Musikrichtung! Also... sind Schwarze in den Augen der Filmschöpfer (namentlich natürlich stets nur Walt Disney, denn wer kennt sonst irgendwelche Flachhpfeifen, die stundenlang daran arbeiten, eine Sekunde eines Kinderfilms zu produzieren, also, päääh!) keine Menschen! Hossa...! Nun, ich würde ja eher sagen, dass diejenigen, die zwingend in jedem Affen der Filmgeschichte einen Afro-Amerikaner sehen wollen, die wahren Rassisten sind, aber lassen wir mal die Provokation wieder außen vor. Das Dschungelbuch sollte durch die Musik einen zeitgenössischen Flair erhalten. Jazz und Swing waren in. Was wäre naheliegender, als den für eineinhalb Sequenzen auftauchenden Affen eine flotte Swingnummer singen zu lassen? Viele Swingmusiker waren (sind) halt Afro-Amerikaner, und da ist die Trefferquote, den Orang-Utan plötzlich von einem Afro-Amerikaner vertonen zu lassen, ziemlich hoch. Käme man erst heute auf die Idee, Das Dschungelbuch (sehr freigeistig) zu verfilmen und moderne Musik einzubringen, würde auch irgendein Genie in der Geschäftsführung fragen, welcher Hip-Hop-Künstler gerade Zeit hätte. Zack, plötzlich wäre 50 Cent King Louie. Uuuuh, dieser Rassismus.

Zu guter Letzt, das haarsträubendste aller politisch angehauchten Walt-Disney-Gerüchte: Der Mann soll ein Nazi-Sympathisant gewesen sein. Gerade deshalb war er ja auch der Produzent hinter einigen der einschneidensten US-Propagandafilmen wie Der Fuehrer's Face oder Education for Death... Verzeiht mir, dass ich so spät in diesem flammenden, essayistisch angehauchten Posting vollkommen dem Sarkasmus verfalle, während kurz zuvor noch die Vernunft die Überhand hatte. Bloß ist dies von allen Gerüchten das wohl dämlichste. Ist der Vorwurf des Antisemitismus, wenngleich falsch, aus heutiger Sicht aufgrund mancher (semi-gesicherten) Überlieferungen von Walt Disney noch beinahe nachvollziehbar, da sich die Wortwahl seither enorm änderte, und das Rassismusgerücht wegen solcher Dinge wie dem Dschungelbuch eher amüsant-verschwörerisch, ist die Faschismus-Theorie schlichtweg lächerlich. Man muss wirklich nicht mit der Lupe Walt Disneys Schaffen durchforsten, um diese Vermutung außer Kraft zu setzen. Herrje, das Kinoprojekt, an dem Walt Disney in der Post-Fantasia-Ära mit dem wohl größten Feuereifer arbeitete, hieß Victory Through Air Power. Eine Sachbuch-Verfilmung, die minutiös erläuterte, wie man durch Verwendung von Langstreckenflugzeugen die Nazis ins Jenseits bomben kann. Eine Kopie wurde an Winston Churchill und Franklin Roosevelt gesandt, und laut einigen Animationshistorikern, darunter Leonard Maltin (eingschworenen Disneyfans durch seine vielen Entschuldigungen für politisch unkorrekte Gags in der Kostbarkeiten-DVD-Reihe bekannt), soll Roosevelt sich nach Sichtung des Films für die Verwendung eben solcher Flugzeuge ausgesprochen haben.

Nicht zu vergessen, dass mit Saludos Amigos und Drei Caballeros (Heimat des für mich besten Disneysongs aller Zeiten sowie der genialste filmische Drogentrip der Disneyhistorie) gleich zwei Einträge in Disneys Meisterwerke-Kanon allein deshalb entstanden, weil Walt Disney und eine ausgewählte Crew treuer Mitarbeiter eine Good Will Tour durch Mittel- und Südamerika unternahmen. Missionsziel: Einerseits Sympathien für die USA aufbauen, wodurch die zunehmenden nationalsozialistischen/faschistischen Tendenzen eben dieser Länder durchbrochen werden sollen... und andererseits die Erschließung neuer Märkte, die nach dem Verlust der europäischen Kinokultur für das Überleben des Studios unerlässlich waren. Naja, ihr merkt schon: An erster Stelle standen für Walt Disney seine Visionen. Was trotzdem über seine politischen Ansichten verbürgt ist: Er war stolzer Patriot und tendierte zur republikanischen Partei. Wohl niemand weiß, ob er nicht zwischendurch vielleicht auch einmal die Demokraten wählte, allerdings weiß man, dass er öffentlich einen Wahlkampfbutton für Barry Goldwater trug. Während er vom demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson die Medal of Freedom verliehen bekam. Irgendwas sagt mir, dass sich Walt Disney tierisch gut mit Jerry Bruckheimer verstanden hätte...

Walt Disney war, das muss man einräumen, nicht der Saubermann, den sein Konzern gerne in ihm sieht. Gerade während des Streiks 1941 und im direkten Anschluss war er äußerst paranoid. Jahrelang lebte er in, kaum gebrochener, enthusiastischer Arbeitsatmosphäre gebettet, seinen Traum, plötzlich stand alles vor dem Zusammenbruch. Hinzu das vom Weltkrieg geschürte, kalte weltpolitische sowie -wirtchaftliche Klima und die in den gesamten USA (und ganz besonders Hollywood) vorherrschende Kommunistenangst, und wir haben einen Mann in seinen Vierzigern, der vor einem Komitee unbedachte, teils haltlose Vorwürfe über abtrünnige Zeichner tätigt. Übertriebene Kommunistenagst und Rassismus sind jedoch zwei vollkommen unterschiedliche Paar Schuhe.

Und wem all dies nicht genügt, um den Glauben an all die Gerüchte über Walt Disney abzulegen, für den habe ich drei Namen: Floyd Norman sowie Robert & Richard Sherman. Der afro-amerikanische Zeichner Floyd Norman, der gegenüber der Geschäftsführung Disneys kein Blatt vor den Mund nimmt (und sich tierisch über den Filmtitel Tangled lustig machte), arbeitete als Zeichner an Dornröschen und als Story Artist an Das Dschungelbuch, ist noch heute als Freelancer für Disney tätig. Er springt für Walt Disney immer sofort in die Bresche, wenn es um das elendige Rassismusthema geht. Nicht, dass er Walt Disney als Heiligen bezeichnet - sondern als einen ganz normalen Menschen.

Und die Sherman Brothers? Sie waren in den späten Jahren seines Schaffens, als er gedanklich komplett in Disneyland und Walt Disney World versunken war, burchstäblich die einzigen, die Walt Disneys Interesse am Filmgeschäft lebendig hielten. Sie unterhielten eine der innigsten Beziehungen des späten Walt Disney zu seinen Mitarbeitern, erlebten in noch am ehesten als Privatmenschen... und sind jüdisch. Hier kommt eine weitere Anwalt-Anekdote zum Vorschein: Ein kaltschnäuziger Anwalt (nicht aber der berühmt-berüchtige Gunther Lessing) soll die Shermans als "diese liederschreibenden Juden" beschimpft haben... und wurde umgehend von Walt Disney gefeuert. Was die weiter oben beschriebene Theorie mit der von mir vermuteten Kumpel-Attitüde verstärkt... Es kommt auf die Beziehung zueinander an, was erlaubt ist. Und die Shermans waren nicht gerade die einzigen, wertvollen jüdischen Disney-Angestellten. Ohne nachzudenken kommt noch Disney-Legende Joe Grant in den Sinn, Schöpfer der bösen Königin in Schneewittchen und Co-Autor von Dumbo. Wertvoller Mitarbeiter an Der Fuehrer's Face oder auch zahlreichen Disney-Renaissance-Filmen wie Die Schöne und das Biest (was zugegebenermaßen nichts mehr mit Walt zu tun hat).

Um zu guter letzt ein Argument aus dem Cartoon Brew-Artikel zu verwenden: Disney wurde 1955 von der jüdischen, für Toleranz und Verständnis kämpfenden Organisation B'nai B'rith als Mann des Jahres ausgezeichnet. Keine Ehre, die leichtfertig vergeben wird.

Mehr muss man zu diesem Thema wirklich nicht mehr sagen, oder?

18 Kommentare:

Kevin Kyburz hat gesagt…

Was ich für wichtig halte, ist die besondere Verbindung Hollywood + Judentum zu verstehen, bevor wegen vermeindlichem Antisemitismus kritisiert wird. Die Situation ist einfach eine entspanntere als in Europa. Wenn man in anderen Ländern der Welt hören würde, wie man hier mit Vorurteilen über Ausländer fröhlich Komik betreibt, würde man uns mancherorts auch als Rassisten beschimpfen.

Hinzufügen könnte man, dass selbst Art Babbitt, immerhin 50 Jahre erklärter Todfeind des "Disney-Regimes", nie den Aspekt des Antisemitismus versuchte ins Spiel zu bringen, wenn es um den '41-Streik ging. Für einen Kerl, der wohl seine eigene Großmutter vor einen Lastwagen gestoßen hätte, um es hinterher Disney in die Schuhe zu schieben, eine durchaus beachtenswerte Sache. Ich glaube, dass Walt Disney tatsächlich politisch naiv wahr. Das war nicht sein Gebiet, genausowenig wie die Finanzen. Letzteres wird ihm ja kaum angekreidet, aber sein – wie die schon sagst – jüdischer Anwalt Lessing hat ihm mit seiner Vorgehensweise einiges eingebrockt – besonders eben 1941. Ich glaube auch, dass er Disney durchaus in Panik versetzt hat, was die Umstände des Streiks anging.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Gut, dass du Art Babbitt ins Spiel bringst. Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, die gleiche Aussage zu tätigen, fand allerdings keinen angemessenen Punkt in meiner Argumentationskette. "Ein weiterer Beweis, dass Walt kein Antisemit war, ist dass Art Babbitt im dies nie vorwarf. Obwohl Babbitt ihm einfach alles vorgeworfen hat." ;-)

Interessant auch, dass du Hollywoods Umgang mit dem Thema anbringst. Tatsächlich scheint selbst in der heutigen, politisch korrekteren Gesellschaft in den USA mehr "jüdischer Humor" angebracht zu sein, als sich irgendein deutsches Medium erlauben könnte. Nun, ein Großteil davon stammt aus den Mündern von Mel Brooks, Woody Allen oder Sacha Baron Cohen ("schnell, zerstört das Judenei bevor der dreckige Jude schlüpft!" :-p), aber dennoch erwähnenswert.

Dafür kann ich mir schwer vorstellen, dass in den USA, wo man sich auf Cartoon-Sammlereditionen für Erwachsene (!!!) für italienische Akzente oder ein dummes, kurzes "Hugh!" (inkl. Indianer-Trommel-Sound) entschuldigt, schwer vorstellen, die Menge an Türken-, Russen- und Sonstwas-Witzen von deutschen Comedysendungen wie "TV Total" und Co. jemals durchkäme.

Kevin Kyburz hat gesagt…

Ich wollte bei Babbitt ja noch schreiben, dass er meinte, die Frage nach seiner Religion hat die Öffentlichkeit genauswenig zu interessieren wie die Länge seines besten Stücks, aber ich ließ es lieber bleiben, damit dein Blog nicht unter den von Google angeschwemmten Massen, die mehr von Zac Efron sehen wollen, als nur sein hübsches Gesicht, zusammenbricht.

Zum anderen, ja, Hollywood ist tatsächlich ein großer Friedmann: Aufmerksamkeitssüchtig + Jüdisch + immer offen für ein paar härtere Sachen.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Und offen für Experimente mit Koks und Nutten...

Danke sehr, danke, ein Charlie-Sheen-Gag muss auch mal sein, danke...!

Ach, im Zusammenhang mit Art Babbitt darf man ruhig über Interviewer reden, die gefragt werden, ob sie nicht mal nachschauen wollen, ob beim guten Krawallbruder Vorhaut zu finden ist, oder nicht. :-P

cartoonpress hat gesagt…

Sehr schöner Beitrag - sehr schöner Blog, Florian!
Habe Dich eben in meine Blogroll aufgenommen.

Steve hat gesagt…

Mal wieder ein toller Beitrag, den ich mit großer Freude verschlungen habe.

Stefan Kraft hat gesagt…

Lieber Sir Donnerbold, vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Letztendlich bestätigst Du den Eindruck, den ich vom "Cartoon Brew"-Artikel hatte: Politisch war Walt ein Durchschnittsamerikaner, dem vor allem das Wohlergehen seiner Studios wichtig war.

Ansonsten taucht immer mal wieder der Vorwurf auf, Disney sei vor Pearl Harbor ein Hitlersympathisant gewesen (siehe Leserkommentar bei http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumdiscussion/4581/donald_gegen_hitler.html und Artikel bei http://www.straightdope.com/columns/read/1623/was-walt-disney-a-fascist ; der Artikel scheint mir aber äusserst schlecht recherchiert, weil mal wieder behauptet wird, in den Disney Studios habe es "a lot of antisemitic feeling" gegeben, Beweis: Die von Dir erwähnten stereotypischen Cartoons...)
Mein Eindruck: Wenn, dann war Walt Hitlersympathisant wohl nur in der Hinsicht, dass er gute geschäftliche Beziehungen mit Deutschland haben wollte. Und worauf ein Kommentator bei Cartoon Brew wohl korrekterweise hinweist: Es gab in den USA vor dem Kriegsbeginn viele, die Sympathien für Hitler hatten - mit dem damaligen Wissen über Hitler aus amerikanischer Sicht ist das wohl verständlich (viele meinten, er habe ja offensichtlich die deutsche Wirtschaft wieder flott gekriegt etc.). Das macht es aus heutiger Sicht trotzdem kaum entschuldbar.
Spätestens mit "The Fuehrer's Face" und "Education for Death" (für mich einer der beeindruckendsten Zeichentrickkurzfilme, die ich kenne) dürfte es aber mit jeglicher Sympathie bei den Amerikanern und insbesondere bei Walt vorbei gewesen sein.

Stefan Kraft hat gesagt…

P.s.: Michael Barrier bringt es wohl auf den Punkt: "Where Walt is concerned, what was truly amazing was that even the traces of prejudice [in Walt's letters etc.] were absent. In reading thousands of pages of documents at the Disney Archives, I can recall only one instance in which someone—not Walt—spoke disparagingly about a race or ethnic group in the notes from a story meeting, and the notes do not show Walt responding favorably, or at all. As I quote Roy Disney saying in The Animated Man, 'For an artist that had delivered, Walt didn't care how he combed his hair, or how he lived his life, or what color he was or anything. A good artist to Walt was just a good artist and invaluable.' " (http://michaelbarrier.com/Commentary/TwoGuysNamedJoe/TwoGuysNamedJoe.html )
Das macht Disney natürlich nicht zum Kämpfer gegen Rassismus und Diskriminierung - aber Antisemit und Rassist war er mit ziemlicher Sicherheit nicht.

Onkelosi hat gesagt…

Hi, sehr schöner Artikel über Walt Disney, er war einfach nur ein Mensch wie Du und ich mit menschlichen Werten und menschlichen Schwächen. Davon kann sich keiner auch seine größten Kritiker freisprechen.

Allerdings wundert es mich fast das Du nicht die Einladung an Leni Riefenstahl von den Disney-Studios erwähnt hast, die diese auch angenommen hat.

Sie war übrigens hat für Hitler Filme gedreht, die trotz ihres Inhalts Meisterwerke an sich sind. Kein Wunder dass sie eingeladen wurde und kein Wunder das dieses Argument sehr gerne von den Kritikern verwendet wurde. In wirklich wollten sich beide vermutlich über ihre filmischen Träume unterhalten.

Ein Disney-Film von Leni Riefenstahl wäre bestimmt gewaltig geworden, aber Drachenfutter für seine Kritiker.

Lutz hat gesagt…

Sehe ich in vielen Teilen genauso. Es ist einfach so, dass sich gerade Disney durch die Jahrzehnte ja selbst immer mehr den Stempel der politischen Korrektheit aufdrückt. Dadurch machen sich dann frühere "Verfehlungen" aus den Zeiten bevor es P.I. überhaupt gab, dann umso mehr bemerkbar. Und außerdem kommt es natürlich gut, wenn man Disney entzaubern kann. Der Mann war kein Heiliger und er war ein knallharter in vielen Fällen auch rücksichtsloser Kapitalist, aber er war eben vor allem ein normaler Mann seiner Zeit.

Ich finde, über drei Beispiele aus dem Disney-Kanon kann man schon die Stirn runzeln. Während ich nicht so weit gehen wie Disney oder Ebert, die weiterhin sagen, dass dieser Film nie wieder der amerikanischen Öffentlichkeit zeigen wollen, aber ich denke schon, dass die Entschuldigung, es sei naiv schon ein wenig kurz greift, wenn man bedenkt, wie sehr und wie lange man sich mit einem Film beschäftigen muss, bis das Ding endlich fertig ist. Die Macher wussten schon was sie taten und sie haben es in Kauf genommen, was dabei rauskommt. Fahrlässigkeit trifft es da eher als nur "Naivität".

Ähnliches gilt für die debil grinsende schwarze Zentaurin in Fantasia. Die Karikatur ist an sich schon unsensibel, wenn man sie jedoch im Zusammenspiel mit den an Idealtypen modellierten anderen Zentauren sieht, gibt es einfach einen faden Beigeschmack.

Schließlich die Krähen in Dumbo. Wenn man so blöd ist und die Hauptkrähe "Jim Crow" nennt und noch dabei die Krähen ebenso nach schwarzen Stereotypen modelliert, ist es einfach klar, dass da Aufreger kommen.

Ich denke aber eben auch, dass man bedenken muss, dass der Hintergrund Disneys und seiner Mitarbeiter nun einmal gezeichnete Karikaturen sind und die leben nun einmal davon, dass Stereotype hervorgehoben und überzeichnet werden. Wie du schon sagst, waren die typischen Überzeichnungen von Juden und Farbigen dabei einfach gängig. Aus diesem Grund hat man sich einfach nichts dabei gedacht, wenn diese Karikaturen eingebracht wurden. Und vermutlich wurde diese Haltung dann auch in die frühen Realfilme, vor allem "Onkel Remus Wunderland" mitübernommen.

Unglücklich, unsensibel, fahrlässig, aber eben nicht bösartig.

Anonym hat gesagt…

Ändert nichts daran, dass er Charlie Chaplin und diverse andere der Hollywood Ten ernsthaft in Bredouille brachte, als er sie beim Rat für Un-Amerikanische Umtriebe angeschwärzt hat.
Walt Disney war ein schlechter Mensch. Republikanischer Ordnungs- und Sicherheitsfanatiker.

Anonym hat gesagt…

"ist aus heutiger Sicht politisch inkorrekt, war schon damals äußerst unsensibel. Allerdings war sie nicht antisemitisch. Man muss berücksichtigen, dass sich die gesellschaftlichen Werte und Umgangsformen änderten,"


Also war es ok, nur weil es "so usus" oder eben noch nicht geächtet war? Das kann es ja nicht sein. Nur weil es nicht unschick war, gegen Juden und Kommunisten zu hetzen, macht das nicht ok. Naturalistischer Fehlschluss. Niemand sollte sich aufgrund gesellschaftlicher Konventionen aus eigenverantwortlichem Denken herausreden dürfen.

Dann war Walt Disney eben ein - für seine Zeit - nicht übermäßiger antisemitischer Mensch, meinetwegen auch Opportunist.

Sir Donnerbold hat gesagt…

Wer den ganzen Text liest, und nicht bei diesem Satz stolpert, wird dies sinngemäß auch in ihm enthalten finden: Es war kein Fremdenhass, und nach damaligem Empfinden vielleicht sogar ganz gesellschaftskonform, sonderlich vorbildlich aber auch nicht.

Anonym hat gesagt…

Und was ist damit:

http://www.youtube.com/watch?v=VCH2Xqqfax8&feature=relmfu

:'(

Anonym hat gesagt…

Was für ein Haufen Schwachsinn....da der Judenhass zur damaligen Zeit gesellschaftlich akzeptiert war, entsprechen Walt Disneys Einstellungen den gängigen Vorstellungen und sind somit nicht als antisemitisch zu bezeichnen. Natürlich. Deshalb war das Halten schwarzer Sklaven und der rechtlose Status schwarzer Menschen in den Südstaaten der USA bis zum Ende des Civil War 1865 auch nicht rassistisch sondern entsprach den allgemeinen Wertvorstellungen und war sozial toleriert. Dies wäre die logische Analogie Deiner Schlussfolgerung. Durch diese Verharmlosung kann man wirklich jede Form von offenem Rassismus, Antisemitisus und alle weiteren vorurteilsbehafteten Vorstellungen als Produkt des jeweiligen Zeitgeistes darstellen und die "Täter" entschuldigen. Wach mal auf!!! Und fang an zu denken! Und lies mal u. a. Wolfgang Wippermann "Agenten des Bösen" um ein wenig mehr Überblick zu bekommen. Wenn Antisemitismus oder Rassismus gesellschaftlich akzeptiert ist, ist der allgemeine Zustand einer solchen Gesellschaft in Frage zu stellen und damit auch jeder Einzelne der diese Zustände nicht nur akzeptiert, sondern sie selbst übernimmt als antisemitistisch oder rassistisch zu bezeichnen. "Wir sind nur ein Produkt unserer Zeit" ist so ziemlich die idiotischste Entschuldigung für die Negation eigener Verantwortung. TRAURIG!!!

Sir Donnerbold hat gesagt…

Danke für deinen Kommentar - und auch wenn du es ob deines Tonfalls offenbar nicht glauben wirst - ich gebe dir völlig recht. Vorurteile und Hass sind nicht zu entschulden, nur weil Leute "Produkte ihrer Zeit sind".

Wie es kommt, dass wir uns (von meiner Perspektive aus) einig sind, obwohl du meinem Beitrag widersprichst?

Nun, mir scheint, dass du entweder manche Stellen nicht hast lang genug sacken lassen oder dass ich sie nicht stark genug betont habe: Walt Disney hatte, sofern man sich auf langjährige Mitarbeiter wie nunmal die Sherman-Brüder bezieht und nicht auf irgendwelche Hassprediger von Biographen, keinen Fremden- oder Judenhass gezeigt, war da völlig tolerant. Sondern "nur" (denk dir hier dicke, fette Anführungszeichen) im kollegialen Kreis zuweilen einige unangebrachte Witze gerissen.

Und auch wenn politisch inkorrekte Sprüche oder das Bezeichnen eines geschätzten jüdischen Angestellten als "mein Jude" nicht astrein sind, so ist es bei weitem nicht der krasse Antisemitismus, den so manch einer Walt Disney unterstellen will.

Ich wollte solchen Sprachgebrauch keineswegs entschuldigen, aber aufzeigen, dass man nicht direkt ein intolerantes Arschloch hinter Disney vermuten darf. Es besteht letztlich doch ein Unterschied zwischen Hass und ungebührlichem Humor. Der in deinem Kommentar durchscheinenden Ansicht nach wären 100% aller Komiker frauen- und ausländerfeindlich. Oder du hast mich (ob es nun mein oder dein Verschulden ist, ist ja völlig gleich) halt leider falsch verstanden.

Statt also Walt Disneys Umgang mit Judenwitzen direkt mit Sklavenhaltern gleichzusetzen, die sich mit "wieso, ist doch normal?" entschuldigten, sollte man eher eine Parallele zu Leuten ziehen, die zwar offen sind, aber dennoch kein vorurteilsfreies Mundwerk haben.

Jemand, der z.B. homosexuelle Freunde und Kollegen hat, völlig tolerant mit ihnen umgeht und dennoch mal unter Freunden einen Schwulenwitz reißt, ist kein Heiliger und sollte je nach Tonfall der Witze dringend darüber belehrt werden, wie diese Sprachwahl wirken kann. Wenn dieser jemand aber dann noch Chef wird, auch Schwule einstellt, ihnen in seiner Firma die gleichen Rechte und Pflichten gibt wie heterosexuellen Angestellten - ist es dann richtig, ihn nach seinem Ableben in Biographien als Schwulenhasser zu beschreiben?

Ich finde nicht - er hätte sich besser ausdrücken können und sollen, definitiv. Dennoch macht ihn das nicht zu einem homophoben Bastard.

Münzt man dies wieder von "schwulenfeindlich" auf "antisemit" um, so hat man meine obige Argumentation über Disney. Ehemalige Mitarbeiter sind sich da einig: Manche Sprüche, die damals falsch waren, aber erst heute als inakzeptabel gelten, hat er sich geleistet, doch mehr als dummer Humor steckte nicht dahinter. Man muss Disney also im grauen Bereich sehen, nicht im tiefschwarzen, wie es manche verlangen, und auch nicht im strahlendweißen, wo ihn sein Konzern hinstecken mag.

DMJ hat gesagt…

Ah, interessant, mal weitere Ausführungen dazu zu lesen!

Ich hatte auch immer wieder mal vages Zeug gehört, Disney sei Rassist/Antisemit gewesen und kannte die "Dumbo"- und "Dschungelbuch"-Deutungen (die ja nun nicht vollkommen sinnlos sind, aber wie gesagt, im Rahmen ihrer Zeit betrachtet werden müssen, aber nie was konkretes. Offenbar wohl, weil es tatsächlich nichts konkretes gibt - "Kumpelwitze" zähle ich auch in der Tat nicht mit. Und die Entschuldigung der damaligen Zeit halte ich auch für wesentlich.
Ja, es stimmt, dass falsche Dinge früher auch nicht richtig waren, aber es geht auch nicht um Rechtfertigung (also, es als richtig zu betrachten) sondern um Entschuldigung (also, anzuerkennen, dass es ein verzeihlicher Irrtum war). Ohne das müssen wir praktisch alle Figuren der Geschichte verdammen, da sie fast alle irgendwoe Dingen anhingen, die wir überwunden haben. Jeder griechische Philosoph war Teil einer Gesellschaft von Sklaverei und Gewalt, auch für Kant war die Todesstrafe noch normal und richtig, sollen wir sie deshalb alle verachten?

Die Kommunistensache ist Disney natürlich weiterhin übel zu nehmen und gibt natürlich fette karmische Minuspunkte, aber ein Denunziant ist nicht auch gleich ein Rassist, das muss also gesondert gesehen werden.

Wie es im Artikel eben zentral gesagt wird: Verabschieden muss man sich von den simplen Extremen, dass Leute immer gleich Helden oder Schurken sind, sondern sie als gemischt anerkennen.

Anonym hat gesagt…

Und was ist mit Sexismus und Homophobie? :( Er hat Tommy Kirk ja glaube ich rausgeschmissen, als er sich geoutet hat, oder?

Kommentar veröffentlichen