Mittwoch, 16. Februar 2011

Ein Unterhaltungsveteran verabschiedet sich von Deutschlands Samstagabend-Dinosaurier

Vergangenen Samstag, den 12. Februar 2010, strahlten das ZDF, der ORF und SF die erste Ausgabe von Wetten, dass..? nach dem tragischen Unfall von Wettkandidat Samuel aus. Im Vorfeld wurde, nach einem so erschreckenden Schicksalsschlag wohl unvermeidlich, sehr viel über die Zukunft der gigantischen Unterhaltungssendung diskutiert. Wie fühlt sich eine Jubiläumsausgabe zum 30-jährigen von Europas größter Samstagabendshow an, wenn sie zugleich Ausgabe 1 nach einem derartigen Unglück ist? Wie geht es weiter, wie spaßig will, ja darf Thomas Gottschalk durch den Abend führen?
Im Laufe des späteren Freitags und Samstags verdichteten sich auch die Gerüchte, der goldlockige Moderator wolle seinen Hut nehmen. Von diesen Meldungen bekam ich, obwohl ich seit ungezählten Jahren treuer Stammseher der Sendung bin, nichts mit. "Fluch der Karibik live in Concert" war eine zu starke (und tolle) Ablenkung.

Sonntag kehrte ich dann aber aus München heim, und dann wurde ich mit der Nachricht überrumpelt. Einer Nachricht, die eh eines Tages kommen musste, nur wusste man zuvor nie, wann, in welcher Form und aus welchem Anlass: Thomas Gottschalk tritt als Präsentator von Wetten, dass..? zurück.

Wie treue Hörerinnen und Hörer des Quotenmeter-Podcast sicherlich schon bemerkt haben, sind Wetten, dass..? und Thomas Gottschalk für mich feste Banken der deutschen Unterhaltungskultur. Diese nun im Bruch zu sehen, erschüttert mich tatsächlich. Ja, das klingt banal, sich die Moderation einer TV-Sendung so zu Herzen zu nehmen, aber vielleicht versteht ihr in diesem Zusammenhang den Titel dieses Blogs besser. Es geht hier nunmal um Bagatellen, denen ich großen Platz einräume (ohne damit das größere Weltbild degradieren zu wollen). Und Wetten, dass..? gehört dazu. Gottschalks Entscheidung trifft mich, gewissermaßen, persönlich, denn durch sie wird ein weiteres Stück meiner Kindheit abgetragen, eine weitere Verbindung zwischen mir und dem Stück des deutschen Fernsehbetriebes, den ich unreflektiert seit Jahren genießen konnte. Ich sah schon als kleiner Steppkes diese in ihrer Ausführung einmalige Symbiose aus Gala-Abend und Kindergeburtstag. Die Show, wo sich große Namen in feinem Zwirn auf einem Sofa niedersetzen, Gottschalks mal kalauernde, mal jegliche Grenze einer öffentlich-rechtlichen Familiensendung sprengende Altherrenwitzchen lauschen, Gespräche führen, die im Idealfall (wenn der Thommy besonders gut aufgelegt ist) die Formel "Style over Substance" zu einer eigenen, überhöhten Unterhaltungsform formierten und Normalbürger mit verrückten Talenten oder Hobbys irgendwelche amüsanten und/oder spannende Wettspielchen absolvieren. Überaus entscheidend für diesen atmosphärischen Spagat: Thomas Gottschalk, in seiner weltmännischen und dennoch bodenständigen Rolle als der juxende und sich jeden zum Kumpel machenden Moderator. Durch die Trennung dieser Einheit zwischen Sendung und Moderator stirbt für mich also ein Stück lebender Nostalgie. Es musste eines Tages geschehen, aber wer hätte je damit gerechnet, dass es vor dem Hintergrund einer solchen Tragödie wie Samuels Unfall geschieht? Und dadurch gewinnt die von mir eh stets befürchtete Nachricht einen bitteren Nachgeschmack.

Es Gottschalk auszureden, ist dabei jedoch zwecklos. Selbst wenn Aussicht auf den Rücktritt vom Rücktritt bestünde, wäre es falsch, Gottschalk zum Bleiben zu zwingen. So bedauerlich es für mich als Wetten, dass..?-Nostalgiker ist, so korrekt ist diese Entscheidung für den Moderator, der dieser Sendung das Bild verlieh, welches sie seit Jahrzehnten ausstrahlt. Wie Blogger- und Quotenmeter-Kollege Stefan bei Orange Ink treffend schreibt, ist Thomas Gottschalk von der raren Sorte menschlich-authentischer Fernsehprofis im deutschen Medienzirkus. Samuels Unfall warf für ihn einen Schatten auf seine Erfolgssendung, obwohl er sich keinerlei Schuld anzulasten braucht, zeigt Gottschalk nicht allein Mitgefühl, sondern zieht auch für ihn weitreichende Konsequenzen aus dem Schockerlebnis. Mit schwerem Herzen möchte er Wetten, dass..? nicht weitermoderieren, unter seinen Möglichkeiten bleiben. Das zeugt von menschlicher Größe, von einer Charakterstärke, wie sie im Fernsehgeschäft zur Seltenheit wurde. Schade bloß, dass sie in diesem Falle dem Zuschauer zum Nachteil gereicht. Denn, sinkende Quoten hin, sinkende Quoten her, Wetten, dass...? ist weiterhin eine riesige Erfolgsgeschichte und zeigte trotz der überflüssigen Rolle von Michelle Hunziker die letzte Staffel über wieder einige Glanzlichter.

Eine Schonfrist ist dem Zuschauer noch vergönnt, doch 2012 wird Wetten, dass..? mit einem neuen Gesicht auf die Bildschirme zurückkehren. Eine seit Jahren diskutierte Frage, zu der es noch immer keine greifbaren Antworten gibt. Die für viele naheliegendste Lösung hört auf den Namen Hape Kerkeling. Tatsächlich vereinen ihn, trotz unterschiedlichem Humor und Moderationsstil, viele Ähnlichkeiten mit Gottschalk. Beide erreichen ein junges, wie altes Publikum, können gleichermaßen gut mit Prominenten und Normalbürgern. Kerkeling strahlt etwas brüderliches aus, ist eine neckische, auf dem Boden gebliebene Person, hat dennoch ein starkes Star-Appeal und hat die "Größe" oder "Breite" für eine solche Gala-Sendung. Bloß ist Kerkeling als Gottschalk-Nachfolger unwahrscheinlich. Er spricht seit Jahren von seinem Fernsehausstieg, er würde nun kaum eines der Flagschiffe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens übernehmen.

Ist Kerkeling aus dem Weg, wird die Luft bereits erschreckend dünn. Schon gute Livemoderatoren lassen sich nicht ohne weiteres finden, und von denen fallen einige stilistisch raus. Scheinbar, jedenfalls. Soll Wetten, dass..? einen vergleichbaren Anstrich wie in Gottschalks Ausführung behalten, fiele etwa der Schlag den Raab-Veteran Matthias Opdenhövel raus, da sein Zielpublikum (noch) etwas zu jung ist. Günther Jauch, ARD-Vertrag mal außer acht gelassen, fehlt diese "Ah, hier, mein Lieber!"-Mentalität, ist dort zu journalistisch-steif. Er kann auch gute Unterhaltungssendungen auf die Beine stellen, bloß passen deren Dynamik nicht zum Wetten, dass..?-Geschmack. Stefan Raab, der erst auf einer Schlag den Raab-, dann auf einer Eurovision-Welle ernsthaft von den Medien betrachtet wurde: Zu sehr Macher, zu wenig Moderator. Raab selbst brachte seinen Praktikanten Elton ins Gespräch. Es wird wohl kaum geschehen, ist allerdings längst nicht so absurd, wie man vermuten könnte. Er hat den Promis und Wettkandidaten umgarnenden Knuddelbär-Charme, der zwar in eine andere Kerbe als Gottschalks kumpelhaftes Altherren-Gerede schlägt, doch eine ähnliche Wirkung zeigt. Nur die riesige Präsenz mit den Hallen füllenden Gesten fehlt ihm - und die nicht zu stoppende Eloquenz Gottschalks, der eigentlich auch die ganze Sendung alleine bestreiten könnte. Etwas, mit dem auch Pilawa durchfällt, der seine Sendungen immer mehr runterspult.

Flachnasen wie Marco S. will ich gar nicht erst beäugen. Die einzige, bislang völlig übersehene, Möglichkeit, die gar nicht so absurd wäre, ist für mich Ilja Richter. Er hat die Disco-Erfahrung, eine Altersgrenzen sprengende Ausstrahlung, sehr viel Charisma, dank welchem er sich auch kleinere Frechheiten erlauben darf. Ich höre Ilja Richter sehr gerne zu (ich wiederhole mich hier alle eineinhalb Jahre, aber sein ausführliches Radio-Interview, das mich durch eine stundenlange Autofahrt begleitete, werde ich nie vergessen), er ist witzig... jünger als Gottschalk... Und dennoch hätte er nicht viel zu verlieren.

Darin liegt wohl die größte Gefahr: Wer auch immer in die Riesentreter Gottschalks schlüpft, er wird kritisiert. Die Weitergabe des Staffelstabs von Wetten, dass..? ist nicht ohne weiteres mit Verstehen Sie Spaß und Stern TV zu vergleichen (und letzteres war ja nun auch nicht gerade eine Randnotiz der TV-Geschichte). Fragt Wolfgang Lippert.

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich denke, wer es auch werden wird, man wächst in so eine Show hinein. Sein es nun Elton oder Domian, der Nachfolger wird sicherlich gut ausgewählt werden!

Dr-Lucius hat gesagt…

In der taz vom 14.02. gibt es einige (nicht ganz) ernst gemeinte Vorschläge zur Nachfolge.
u.a. Raab, vor allem weil er weder Maffay noch Chris de Burgh einladen würde. Dem könnte ich mich anschliessen. Wie wärs mit Karl-Theodor zu Guttenberg. Der wird doch bald frei. (Dieser Text wurde nicht abgeschrieben!)

Anonym hat gesagt…

Oliver Geißen bitte !!

Co-Moderation Ruth Moschner

milan8888 hat gesagt…

Jochen Bendel

Anonym hat gesagt…

Karl Moik !

Dr-Lucius hat gesagt…

Lothar Matthäus mit Cindy aus Marzahn

Kommentar veröffentlichen