Donnerstag, 10. März 2011

Lenas "Taken By a Stranger" - Eine Musikvideo-Kritik

Von den mangelnden Unterhaltungs-Qualitäten des diesjährigen Eurovision-Vorentscheids Unser Song für Deutschland war ich letzten Endes so genervt, dass ich nach Kommentaren zu den beiden Halbfinals das Finale gar nicht mehr hier im Blog besprach. Die Musikauswahl war einseitig, die Show plätscherte ohne Highlights vor sich hin, immer mehr wunderte man sich, wieso die Sendung nicht als Dauerwerbesendung für Lenas Album deklariert werden musste.

Doch in wenigstens einem Belang schlug Unser Song für Deutschland die musikalisch facettenreichere, showtechnisch kurzweiligere und weniger Misstrauen säende Vorgängershow Unser Star für Oslo: Statt das Musikvideo in einer Nacht- und Nebelaktion runterzuleiern, nahm man sich für das Video zu Taken By a Stranger mehr Zeit. Ein richtiges Set wurde verwendet, es gab ein echtes Konzept für den Videoclip und offensichtlich mehr Budget und Drehzeit. Ob all dies in ein gutes Video resultierte? Lasst uns Taken By a Stranger mal etwas genauer ansehen:



Da hat der Regisseur zum Video wohl den Trailer von Black Swan gesehen, Gratulation! Zumindest bezweifle ich es, dass einige der visuellen Parallelen Zufall sind. Natürlich hat Black Swan den Schrecken des Spiegelbilds mit Eigenleben nicht erfunden, doch zeitlich liegen der Überraschungskinoferfolg des Ballett-Psychothriller-Horrordramas und dem überdeutlichen Sieg von Taken By a Stranger im Rahmen des ESC-Vorentscheids verflixt nahe beinander. Hinzu kommen eine sehr ähnliche Spiegel-im-Spiegel-im-Spiegel-Aufnahme, diese aus dem Trailer bekannte Aufnahme des Lena/Nina böse hinterherblickenden Spiegels und eine ähnliche Inszenierung der Szenen vor dem großen Schminkspiegel.

Richtig übelnehmen kann ich dem Regisseur von Taken By a Stranger diese Anlehnungen an Black Swan allerdings nicht, es ist halt sehr verfüherisch, Lena gerade zu diesem seltsamen, dunkel-atosphärischen Song eine Metamorphose durchmachen zu lassen, die an Natalie Portmans ungewöhnliche Rolle in Black Swan erinnert. Da man zudem weise genug war, das Video in einem Hotel, nicht in einem Ballett-Proberaum spielen zu lassen, kann man sich auch keine all zu große Dreistigkeit vorwerfen lassen.

Was ich dem Taken By a Stranger-Video hingegen vorwerfen möchte, ist Ideenlosigkeit. Ja, man hat durchaus die Stimmung des Liedes eingefangen, nur nicht auf möglichst umfängliche Art und Weise, sondern indem man den einfachsten Weg ging. Ich hätte mir weniger "Oh, wir haben da diesen Black Swan-Trailer gesehen und Lust darauf, in einem Hotel zu drehen!" gewünscht und mehr "Wir achten auf den Liedinhalt und entwerfen dann was entsprechendes". Das Lied würde sich großartig für einen Musikclip im Neo-Noir-Stil eignen, mit ein paar paranoid-verschrobenen Elementen. Eine dunklere Farbpalette, vielleicht sogar schwarz-weiß mit wenigen Farbakzenten, Statisten, die sich befremdlich bewegen, große Schatten, ein Café mit David-Lynch-artiger Einrichtung... Wäre das zu viel verlangt? Stattdessen gibt es so nichtssagende Einstellungen wie Lena auf dem Hotelbett sitzend mit dieser kleinen Fußhupe von Töle auf dem Schoß. Passt nicht zum restlichen Video, sieht ein wenig nach Nostalgia Chick aus, hätte für etwas beklemmenderes weichen müssen.

Die Aufnahmen mit Lena, die in einem Spiegelraum, frontal zur Kamera positioniert ihre leicht exzentrische Art zu Tanzen verfolgt, finde ich hingegen ganz gut. Sie sind eine kleine Reminiszenz an das Satellite-Video, bloß mit in den Spiegel reflektierten Lichtern statt der Studiodeko von USFO und mit einem langsameren, beschwörenderen Tanz als der bubbelnd-spaßigen von Satellite. Es hätte nur was weniger davon sein dürfen. Und diese Damen im engen Silberanzug waren auf der USFD-Bühne vielleicht ganz amüsant/schräg, in diesem Video haben sie trotzdem nichts zu suchen.

Oh, und was hat der Visagist bitte mit Lena angestellt? In rund der Hälfte der Einstellungen sieht ihre ganze untere Gesichtspartie so aufgequollen aus. Man wollte sie wohl etwas "erwachsener" und "mysteriöser" schminken, aber das sieht einfach nur falsch aus. Oder liegt's an mir?

Das Video zu Taken By a Stranger ist zweifelsohne besser, als das zum letztjährigen deutschen Eurovison-Beitrag. Es trifft die Atmosphäre des Songs und hat keine größeren Mängel, allerdings ist es zugleich recht mutlos. Es schröpft nicht aus dem Potential des Liedes und wagt es sich nicht, die Stimmung und Wirkung des Liedes zu verstärken, statt sich nur ihr anzupassen. Aber: Es ist hundertmal kurzweiliger und erfrischender als Unser Song für Deutschland. Na, immerhin!

1 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Das Problem ist: Hätte man das in "Black Swan" nicht viel besser gesehen, wäre das Video eigentlich sehr cool. Nur ist leider offensichtlich, woher die Inspiration stammt, und das macht es dann wieder unoriginell.

Ich stimme dir auch zu, was den Text angeht: Warum hat man sich nicht etwas mehr daran orientiert, anstatt einfach nur die Stimmung des Songs einzufangen? Es wäre doch wirklich leicht gewesen, aus dem Text und der Stimmung was zu machen...

Naja, hätte ja auch schlimmer kommen können. *g*

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