Dienstag, 26. April 2011

Eurovision 2011: Das erste Halbfinale (Teil I)

Kaum zu glauben, aber wahr: Rund ein Jahr ist es mittlerweile her, dass das letzte Mal das große Eurovision-Fieber ausbrach. Damals schwamm fast ganz Deutschland auf einer von Raabs Qualitäts-Casting Unser Star für Oslo auf einer Euphoriewelle - wie ironisch, dass die gefühlte Moral ausgerechnet bei der "Europameisterschaft im Singen" im eigenen Land wieder Richtung Süden geht. Die Apathie eines Alex Swings, Oscar Sings-Jahres ist dennoch glücklicherweise in weiter Ferne und es sind ja noch ein paar Tage bis zum 56. Eurovision Song Contest. Da kann sich das Eurovision-Fieber noch um einiges steigern.

Der Eurovision Song Contest 2011 sieht die Rückkehr alter Nationen wie Österreich und Italien - plötzlich wittern sie für Westeuropa wieder Siegeschancen, schon sind sie wieder mit von der Partie. Dennoch hat sich am Modus nichts geändert. Zwei Halbfinals, fünf gesetzte Finalteilnehmer. Am 10., 12. und 14. Mai heißt es dann, frei nach Daniel Küblböck: Feel your heart beat!

Auf dem Weg dorthin möchte ich euch, wie in den vergangenen Jahren, die diesjährigen Eurovision-Beiträge einen nach dem anderen vorstellen. So als kleine Vorbereitung, denn so wird's tatsächlich nochmal um einiges spannender. Man kann sich schon im Vorfeld Favoriten rauspicken und ihre Entwicklung miterleben. Außerdem ist diese ganze Eurovision-Berichterstattung ein toller Lückenfüller zwischen zwei Pirates of the Caribbean-Beiträgen...

Kommen wir also endlich zum ersten Beitrag des ersten Halbfinales...

Startnummer 1: Polen - Jestem (Magdalena Tul)


Unsere polnischen Nachbarn starteten mit einem Knall in ihre Eurovision-Geschichte: 1994 schaffte es der Beitrag To Nie Ja! auf den zweiten Platz. Seither hat es nur noch ein weiteres Mal für die Top Ten gereicht, nämlich 2003 mit dem mehrsprachigen Titel Keine Grenzen - Zadnych Granic. Die international verständliche Karte wird dieses Jahr nicht gespielt: Jestem, zu deutsch "Ich bin", wird komplett in polnischer Sprache gesungen, selbst wenn man es im dem westlichen Musikgeschmack um mindestens ein halbes Jahrzehnt hinterherhinkenden Discopop-Beat-Refrain kaum noch bemerkt. Nach einem Tower Bier klingen englische Lieder aus Dorfdisco-Boxen auch nicht groß anders als Jestem. Das klingt mal wieder enorm schnippisch von mir, aber ich mein's gar nicht sooo böse. Zwar klingt Jestem für all seine aufgelegte Zeitgemäßigkeit halt doch etwas unmodern, aber es ist ein eingängiges, frisches Lied, das keinem weh tut. Mit einer Bühnenshow, die hilft, diesem "zu einem Ohr rein, schön die Beine in Bewegung gesetzt und wieder zu einem Ohr raus"-Song irgendein Bild zuzuordnen, sehe ich es im Finale.

Startnummer 2: Norwegen - Haba Haba (Stella Mwangi)


Vor zwei Jahren stellte Nowegen den Siegertitel. Einen historischen obendrein: Mehr Punkte gab's bislang noch nie für den Gewinner. Vergangenes Jahr schwänzelte Strahle-Geiger Aleksander Rybak dann erstaunlich oft um unsere Lena herum - sehr zum Vergnügen der TV Total-Zuschauer, die Rybak und Lena sei dank eine der besten Wochen in der Geschichte von Raabs Show erleben konnten. Zwei Jahre nachdem sich Norwegen musikalisch als Irland ausgab, wirft das wohlhabende Land nun einen erschreckend sommerlichen Song nach, der so klingt, als hätten sich ein paar Brasilianer zusammengetan, um den Ballermann zu erobern. Haba Haba ist in Norwegen ein kommerzieller Sensationserfolg, der die Interpretin Stella Mwangi vom Niemanden zum Supertar machte. Ich wittere ein (Sommer-Hit-typisches) One-Hit-Wonder, welches sich obendrein nicht europaweit durchsetzen wird. Irisch angehauchten Pop gibt's selten, aber Sommergefühl bekommt man beim Eurovision Song Contest auch authentischer und mit dem bei diesem Wettbewerb manchmal so entscheidenden Lokalkolorit geliefert...

Startnummer 3: Albanien - Feel The Passion (Aurela Gaçe)


Aber doch nicht so! Feel The Passion ist ein anstrengender, musikalischer Gemischtwarenladen aus Ethnopop, Powerballade, Esoterikgesülz und einigen undefinierbaren Füllseln. Albanien hat keine glückliche Eurovision-Statistik, und auch dieses Jahr sehe ich keine nennenswerten Chancen. Bis ins Finale wird es dieses Stück wohl kaum schaffen.

Startnummer 4: Armenien - Boom Boom (Emmy)


Armenien nahm fünf Mal am Eurovision Song Contest teil, und noch nie landete die Kaukasus-Republik außerhalb der Top Ten. Aber einmal ist immer das erste Mal, und nach den massentauglichen Stücken der verganenen Jahren ist Emmys angestrangt fröhliches Stück Boom Boom ein echter Tiefschlag. Das Lied schwankt zwischen mies kalkuliertem Ethno-Pop und Kaugummi-Radiopop, wie ihn meine Mitschüler in der Mittelstufe hörten. Und es bereits Monate später vehement leugneten. Fast könnte man denken, Boom Boom sei eine Parodie, doch dafür fehlen Witz und Cleverness.

Startnummer 5: Türkei - Live It Up (Yüksek Sadakat)


Vergangenes Jahr schaffte es die Türkei mit der an Linkin Park erinnernden Band maNga auf Platz 2. Und somit überrascht es nicht all zu sehr, dass auch dieses Jahr unsere südlichen Freunde weiter Abstand von ihrer einst so erfolgreichen Ethnopop-Marke nehmen und erneut auf rockiges setzen. Live It Up fehlt etwas von der Griffigkeit und dem Knall, durch den maNga auf den zweiten Rang rockten, aber all zu schlecht dürfte es die Türkei wohl auch dieses Mal nicht treffen. Die Band Yüksek Sadakat hat ein Stück geschaffen, dass eine sehr weitreichende, allgemeine Attraktivität aussrahlt. Mir sind die Gesangsstimme und das Haupt-Gitarrenriff etwas zu beliebig, aber trotzdem ist das Lied ganz annehmbar und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es einigen Eurovision-Zuschauern gut genug gefallen wird, um ein paar Mal zum Handy zu greifen. Wirklich kein 12-Punkte-Kandidat, doch es wird sich was zusammenläppern.

Und mit dem türkischen Beitrag setze ich einen Schnitt. Eurovision-Ignoranten können aufatmen und sich auf ein paar anders thematiserte Artikel freuen, Eurovision-Fans müssen wiederum nicht zu lange warten. Natürlich werde ich bald auch auf die anderen Songs aus dem 1. Halbfinale des Eurovision Song Contests blicken. Die musikalische Europareise und qualitative Achterbahnfahrt geht weiter...

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3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Malta, Serbien und Österreich, das sind meine Favoriten von den Songs die ich bereits gehört habe. Auch wenn alle drei starke Klischees aufweisen, so sind sie dennoch nicht so schrecklich wie Aserbaidschan, Finnland (verträumter Schmusejungetaktik ~.~) Ukraine oder Lettland.

Anonym hat gesagt…

Bosnien und Herzegowina gefällt mir sehr gut.
Niederlande, beste Ballade bisher.
Belgien hat Groove und hebt sich vom Rest sehr positiv ab! Ich liebe diesen Song. *_*
UK scheinen jedes Jahr zu versuchen sich mit einer noch mieseren Band zu übertreffen :-/

Sunshine hat gesagt…

Bosnien-Herzegovina gefällt mir auch ziemlich gut, das Lied hat irgendwas. Für Slovenien und Rumänien habe ich auch eine Schwäche; grade letzteres ist zwar total vorhersehbar, aber mir gefällt der Refrain einfach sehr gut.

Besonders EPIC wird es jedoch erst, wenn Jedward die Bühne betreten! :D

Zu den o.g. Beiträgen: Polen, Albanien, Türkei langweilig. Armenien fängt nett an und geht in einen absolut miesen Refrain über. Und die Stella aus Norwegen kann nicht singen.

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