Montag, 2. Mai 2011

Eurovision 2011: Das erste Halbfinale (Teil II)

Vergangene Woche stiegen wir in das erste Halbfinale des diesjährigen Eurovision Song Contests ein, und nun kehrt der Angriff auf die Ohren zurück. Wie jedes Jahr ist der ESC auch 2011 eine kunterbunte Achterbahnfahrt, und da die Karten in Rekordtempo für Mordspreise weggingen, werden sich die meisten deutschen Eurovision-Fans wieder selbst eine heitere Zeit daraus machen. Etwa durch intensives Vorabverfolgen der vielen Beiträge und dem Schmeißen eigener Partys. Da fällt mir ein... ich habe noch gar kein kollektives Massengucken in die Wege geleitet. Ich sollte mich mal langsam umhören, wer sein großes Wohnzimmer zur Verfügung stellen möchte!

In der Zwischenzeit werdet ihr es mir entweder gleichtun und mal langsam eure Freunde belästigen... oder ihr lest euch durch, was ich so zu den folgenden Beiträgen zu sagen habe. Eure Entscheidung, Freunde.

Startnummer 6: Seriben - Čaroban (Nina)


Serbien gewann direkt bei der ersten Eurovision-Teilnahme den begehrten Preis. Und zwar mit der trägen, pathetischen Ballade Molitva. Es folgte ausgleichende Gerechtigkeit: 2008, im Jahr nach dem Sieg, reichte es zwar noch für Platz 6, dann folgten aber zwei Jahre ohne Finalteilnahme. Vergangenes Jahr kam Serbien auf Platz 13... Ihr merkt es vielleicht, mit den serbischen Beiträgen konnte ich so viel nicht anfangen, der diesjährige Titel ist mir allerdings endlich sympatisch. Musikalisch klingt Sängerin Nina wie eine weniger quäkige Duffy mit energiereicheren Musikern im Hintergrund. Ihrer Stimme fehlt mir zwar das gewisse Erkennungsmerkmal, musikalisch sticht Čaroban (zu deutsch: "Magisch") aber aus dem restlichen Teilnehmerfeld mit ihrem schwungvollen Retro-Klang klar heraus. Die Struktur des Songs ist was eintönig, zum Schluss fehlt einfach der letzte, denkwürdige Kick, der Čaroban vielleicht in die Top Ten katapultieren könnte, aber ich gönne ihm aufgrund seines Gute-Laune-Faktors einen Einzug ins Finale inklusive respektabler Platzierung. Swingnummern haben es ja nicht leicht... davon könnte Roger Cicero sicherlich ein Liedchen trällern.

Startnummer 7: Russland - Get You (Alexej Vorobjov)


Auffällig waren sie ja, die russischen Beiträge der letzten Jahre. Ob die von Timbalandproduzierte Apologize-Kopie oder richtig anstrengende, theatralische Balladen, zumindest den verbitterten Siegeswillen konnte man dem flächenmäßig größten Teilnehmerland kaum absprechen. Auch in Get You ist sicherlich wieder jede Menge Geld geflossen: Einer der Komponisten ist Musikproduzent RedOne, der für Lady Gagas Monsterhit Pokerface mit einem Grammy ausgezeichnet wurde. Nur muss das nicht automatisch Qualität bedeuten... Get You hat vielleicht ganz tief im Hintergrund einen hittauglichen Beat, das ganze andere charakterlose Pop-Gefetze darüber und die (nicht auf attraktive Weise) kratzende Stimme des Sängers machen Get You zu einem identitätslosen, auf Dauer leicht anstrengenden Popsong. Get You klingt wie einer von diesen überproduzierten Sommerhit-Kandidaten, die plötzlich von etwas erfrischenderem in Vergessenheit gedrängt werden.

Startnummer 8: Schweiz - In Love For A While (Anna Rossinelli)


Die Eidgenossen griffen ebenfalls auf einen wohletablierten Komponisten zurück: David Klein schrieb bereits Songs für Herbert Grönemeyer, und mit einer leichtfüßigen Akustiknummer soll die Schweiz ihr erstes Eurovision-Finale seit 2006 erleben. Ich kann wirklich nicht vorhersagen, ob das gelingen wird, denn In Love For A While ist sehr gefällig, aber auch sehr durchschnittlich. Dieser "Na na, nana na... *klimper klimper*"-Sound läuft im Mainstreamradio rauf und runter, wird auch in Werbespots völlig überreizt. In Love For A While klingt wie das heimliche dreizehnte Lied von Unser Song für Deutschland, nur dass Anna Rossinelli viel mehr Soul als Lena in ihren Stimmbänder trägt. Lena tritt ja bekanntlich mit dem Un-Lena-mäßigsten Lied aus dem deutschen Vorentscheid an, also wird wohl wenigstens Deutschland diesen Sound wirklich satt haben. Andererseits ist es ein sympatisches Lied mit einer charismatisch wirkenden Sängerin... Nun, mein Geschmack ist dieses seichte Geklimper, dass einen an sommerliche Fahrradtouren denken lässt, nicht wirklich, im Gegensatz zu fast allen Vertertern solcher Musik langweilt mich In Love For A While jedoch nicht. Das muss doch was bedeuten, oder etwa nicht?

Startnummer 9: Georgien - One More Day (Eldrine)


Linkara wird dieses Lied lieben...

Okay, zu wenig TGWTG-Fans, die sich das hier durchlesen... Wie auch immer. Georgien hebt endlich den Rockfaktor des diesjährigen Eurovision Song Contests an - nur um mich sofort zu enttäuschen. One More Day ist ein unausgegorener Mischmasch aus mainstreamtauglich gemachtem Goth-Rock, Nu Metal und dem Auftreten einer albernen Eurodance-Coverband. Zu sanft im Bass, zu schwach in den Stimmen, es passt einfach nicht.

Startnummer 10: Finnland - Da Da Dam (Paradise Oskar)


Ein Junge mit seiner Gitarre... Paradise Oskar hat eine interessante Stimme, deren Wirkung für mich flott verfliegt. Da Da Dam erinnert sehr an den letztjährigen Beitrag aus Belgien, nur längst nicht so emotional, sondern zwischenzeitlich fast apathisch. Bei solchen Liedern wechsle ich normalerweise den Radiosender, damit ich beim Fahren nicht plötzlich einschlafe. Jedoch weiß ich genau, dass solche Pantoffelhelden-Musik viele, viele Fans hat und deswegen ahne ich, dass Finnland es dem letztjährigen (verdienteren) belgischen Erfolg gleichtun wird. Gähn...

Startnummer 11: Malta - One Life (Glen Vella)


Eurodance. In hiesigen Gefilden längst ein dermaßen alter Hut, dass man ihn mittlerweile schon aus nostalgischen Gründen wieder cool finden darf. In anderen Ecken Europas scheint er noch aktuell zu sein - oder wieso ist er Jahr für Jahr so präsent? One Life ist eine der harmloseren Vertreter des "Eurovision-Dances". Nicht so nervig, in seiner Pop-Anbiederung dafür umso lächerlicher. Naja, Traditionsnation Malta (seit 1971 mit dabei) wird in spätestens zwei Jahren sicher wieder sein Trumph-Ass Chiara hinschicken, dann geht's wieder emotionaler zu.

Startnummer 12: San Marino - Stand by (Senit)


San Marino, das Land, wo die vielen, schönen, bunten Briefmarken herkommen. Die 30.000 Personen starke Nation warf in schöner regelmäßig Briefmarken mit hübschen Disney-Motiven auf den Markt, und hat abseits dessen außerdem die längste Geschichte aller noch bestehenden Republiken zu bieten. Die Eurovison-Historie fällt wesentlich knapper aus: 2008 nahm man teil, und scheiterte im Halbfinale. Das war's bislang. Die sehr durchschnittliche Ballade Stand by wird von der Musicalsängerin Senit dargeboten, die unter anderem in der Schweiz in Fame auftrat und im Hamburger Der König der Löwen mitspielte. Zwar alles ganz spannend, Stand by kommt dennoch nicht so ganz aus dem Tritt. Ich traue dieser rhythmischen Schunkel-und-Kusche-Ballade aber zu, dass sie live an Kraft gewinnt. Also: Stimmbänder ölen, etwas an Pathos zulegen und mit großen Gesten das Publikum beim Halbfinale für sich gewinnen, dann klappt es womöglich sehr wohl mit dem Finaleinzug. Nur, muss das Arrangement so weihnachtlich klingen?

Und damit gönne ich uns zum letzten Mal eine Pause von den Teilnehmern des ersten Halbfinales. In den kommenden Tagen folgen die letzten Songs, darunter die Beiträge aus Kroatien, Portugal und dem Top-Ten-Dauerkandidaten Griechenland.

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1 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Der serbische Siegertitel hie "Molitva", soviel Zeit muss ein. ;)

Datt Anna aus der Schweiz hat eine sehr schöne Stimme, aber besonders spannend find ich das Lied dennoch nicht. Hätte tatsächlich auf Lenas Album super gepasst.

Finnland schickt seinen James Blunt.

Malta? Nee, dann lieber Schweden, der war mehr Adam Lambert als der aus Malta. *g*

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