Samstag, 7. Mai 2011

Eurovision 2011: Das zweite Halbfinale (Teil I)


Das erste Halbfinale 2011 ist eine eher unauffällige Ansammlung von Eurovision-Song-Contest-Beiträgen. ProSieben wird sich über die Sondergenehmigung, dank der man auch als Nicht-EBU-Mitglied das Halbfinale übertragen darf, garantiert dennoch freuen. Denn wenn ab Montag in den Sendern der ARD und auf ProSieben die große Eurovision-Sonderschicht gefahren wird, dürfte auch erstmals das Halbfinale ohne deutsches Stimmrecht relevante Quoten einfahren. Und sei es auch nur, weil Tausende Neugierige einschalten, um zu überprüfen, was vor kurzem durch die Medien ging: ProSiebens Oscar-Mann Steven Gätjen soll neben Peter Urban einen Platz in der Kommentatorenkabine finden. Der Kerl wartet also doch nicht 364 Tage im Jahr vor dem Kodak Theatre, bis er wieder vom roten Oscar-Teppich aus den Reporter spielen darf!

Auf das zweite Halbfinale werden trotzdem garantiert viel mehr Augen gerichtet sein. Es profitiert von der Nähe zum Finale, also dem größer gewordenen Hype, der deutschen Stimmberechtigung und angenehmerweise direkt noch von einem für deutsche Ohren spannenderen Teilnehmerfeld: Unser im Falle einer Polkappenschmelze rasch zum großen Aachener Meer mutierende Nachbarland mit den orange bekleideten Fußballspielern winkt uns fröhlich entgegen (leider nicht mit einem saftigen Sha La Li Sha La La), Belgien ist mit von der Partie, die weiterhin mit dem ABBA-Bonus gekrönten Schweden, auf seine ehrwürdige Tradition erneut sch****de Irland und die zum Contest zurückgehrten Österreicher sind ebenfalls in der perfekten Startposition, um sich bald lautstark zu beklagen, weshalb Deutschland schon wieder den bösen, bösen Türken 12 Punkte gab, statt sich mal um seine südlichen Alpennachbarn zu kümmern.

Das zweite Halbfinale bietet mannigfaltige Anlässe für süffisant-alberne Völkerverständigung und -vergraulung. Exakt dafür muss man diese Spaßveranstaltung einfach lieben - ob man auch die Musik lieben kann? Hören wir rein...

Startnummer 1: Bosnien und Herzegowina - Love In Rewind (Dino Merlin)


Stammtischparole #2 zum Thema Eurovision: "Seit dieser dreckige Ostblock dabei ist, gewinnen ja eh nur die!" Dieser Quark müsste angesichts des diesjährigen Gastgeberlandes wohl (vorerst) unter'm Tisch gelandet sein (direkt neben den billigen Chips vom Aldi und Mutters Spinatauflauf), aber zur Sicherheit hier noch ein Überblick auf die Statistik des ehemals jugoslawischen Staats mit dem hübschen Doppelnamen: Seit der ersten Teilnahme anno 1993 hat es Bosnien und Herzegowina nur fünf Mal in die Top Ten geschafft. Im unteren Spektrum war die Republik dagegen sehr häufig anzutreffen.
Dieses Jahr könnte sich das, sofern Google sich irrt, ändern. Top Ten sind durchaus drin, denn obwohl die Videoqualität was von frühen 90er-Jahren hat, gehört der Beitrag des Komponisten von Bosnien und Herzegowinas allererstem ESC-Beitrag nicht zu den alljährlichen aus Osteuropa zum Contest geschickten Relikten vergessener Discozeiten. Love In Rewind ist ein eingängiges, beseeltes Lied, das wunderbar den Eurovision Song Contest in einem kleinen Gefäß abfüllt. Die Gesangsmelodie erinnert öfters an Chanson-Zeiten, die Instrumente sind aber modern arrangiert, ohne einen mit der Elektro-Keule zu erschlagen. Sänger Dino Merlin bringt einen charismatischen osteuropäischen Akzent in sein Englisch hinein, der gerade bei längeren Tönen durchknallt und so auch einen Hauch Lokalkolorit mitbringt. Es ist ein "kleines" Lied, das "groß" wirkt und sich angenehm im Ohr festsetzt, jung und alt ähnlich stark anspricht. Das wird was... Trotz des ungewöhnlichen Tanzstils von Dino und seinen Musikern. Oder sogar gerade deswegen?!

Startnummer 2: Österreich - The Secret Is Love (Nadine Beiler)


Wohin, kleines Pony? Das fragte Österreich Europa im Jahre 1957. Zur Belohnung gab es Platz 10. Ob das Pony zurückkehrte, steht nicht in meinen Unterlagen. Wohin, kleines Pony? fragte Europa dann 2008 den Alpenstaat, der sich mürrisch aus dem Musikwettbewerb zurückzog. Zuvor verpasste man zwei Mal den Einzug ins Finale und erlebte 2004 einen harschen 21. Platz. Ein Jahr dafür erklärte Alf Poier noch den sechsten Platz zum österreichischen Gebiet Weil der Mensch zählt, aber das schien vergessen.
Kaum gewann Lena den Eurovision Song Contest, wurden Stimmen aus dem Süden laut, dass er ESC ja doch eine geile Sache sei. Entgegen früher Meldungen sorgt kommenden Donnerstag jedoch nicht der DJ Ötzi für Ballermann- und Apres-Ski-Stimmung. Stattdessen sorgt Casting-Gewinnerin Nadine Beiler für... Castingshow-Stimmung. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Sie hat eine viel, viel kräftigere Stimme als die ganzen Problemkinder, die bei Onkel Bohlen rumpiepsen, Nadines Stimmvolumen ist sogar beeindruckend. Doch der Song klingt recht nach Casting-Show-Beeindruck-Nummer. Mal die gesamte Tonleiter rauf und runter, durch Soul, Soul und nochmal kurz die Rockröhre rausgehängt eine emotionale Vielfalt aufgezeigt... Und dann sollte einen die Jury ja wohl lieben.
Und wisst ihr was? Jo. Passt! Für den Alltag finde ich diese Powerballade zu unnatürlich, ja sogar aufdringlich, für einen Musikwettstreit finde ich sie hingegen sehr stark. Es geht spürbar mehr um das Talent der Sängerin, als um wahre Gefühle oder eine starke Komposition - festsetzen kann sich das Lied nichtsdestotrotz. Man fühlt sich am Ende (positiv) erschlagen. Lieber das, als mich von einigen anderen balladen einlullen zu lassen.

Startnummer 3: Niederlande - Never Alone (3JS)


Die Niederlande haben eine Wagenladung Vernunft importiert. Nachdem man Europa mit Schlager- und Volksmusikunfällen terrorisiert hat, bei denen niemand so recht wusste, ob sie Angriffe, absurde Scherzchen oder weltfremderweise ernstgemeint waren, bringt Holland nun ein ganz gefälliges, poppiges Lied. 3JS haben zwar was von Boyband, jedoch erwachsener und glaubwürdiger. Dürfte den Teeniemädels sehr gefallen und auch einige außerhalb dieser Zielgruppe um den Finger wickeln. Was durchschnittlich in der Klangfarbe, die Umsetzung macht dies zum Glück locker wett.


Startnummer 4: Belgien -With Love Baby (Witloof Bay)


Coole, swingende A-capella-Nummer mit eingezwängtem Beatbox-Part für die coolen jugendlichen Kerle in XXL-Zeltstoffhosen und etwas zu langer Laufzeit für ihr eigenes Wohl. Erfrischend, nicht aber den Griff zum Telefonhörer erzwingend. Man muss Belgien aber den Mut zum Experiment zu gute halten. Gitarren-Gezupfe, Elvis-Klone, Fantasiesprachen, es gibt wirklich einige originelle Beiträge aus unserem mehrfach zweitplatzierten, bisher aber nur einmal als Gewinner hervorgegangenen Nachbarland.

Startnumer 5: Slowakei - I'm Still Alive (TWiiNS)


Die Slowakei nahm ab 1994 während der 90er Jahre im Zwejahrestakt am Eurovision Song Contest teil. Danach verkrümelte sich das Mutterland Andy Warhols aus dem Musikwettstreit - bis 2009. Seither gab es keinen Finaleinzug, und auch dieses Jahr sehe ich nicht, dass während des Finales sich auch nur irgendjemand fragt, wie die Chancen für den ESC 2012 in Bratislava wohl so stehen. Das gibt sicher wieder einige "Männerfantasie-Stimmen", aber dieser disharmonisch überlappende (künstliche) Gesang, die schleppende Melodie und all dieser Kitsch ohne Schwung, das wird eine Bruchlandung! Ich hoffe es zumindest... Und was suchen die Fußballschnipsel im Musikvideo?

Startnummer 6: Ukraine - Angel (Mika Newton)


Die Ukraine gewann bereits bei ihrem zweiten ESC-Auftritt: Ruslanas Wild Dances brachte Jahrzehnte nach Dschninghis Khan dem Subgenre der Eurovision-Songs über wilde Krieger endlich den längst verdienten Siegertitel. Später folgten zwei Silbermedallien nacheinander, einmal für die Spaßnummer von Verka Serduchka, einmal für die agressive Popnummer Shady Lady. Dieses Jahr soll Film-, Fernseh- und Werbesängerin Mika Newton mit dem Eurovision-Erbe der recht erfolgreichen, flächenmäßig nur von Russland übertrumpften Nation antreten. Ich erwarte nicht viel - der Gesang ist zu aggressiv für die intendierte Emotionslage, die Musik plätschert vor sich hin, kann ihren Balladen-Pop nie so recht vermitteln. YouTube schwankt um die 50:50-Marke, derzeit überwiegen die negativen Stimmen knapp. Angesichts der sehr starken Konkurrenz im zweiten Halbfinale, muss die Ukraine im Finale wohl mal aussetzen...

Startnummer 7: Moldawien - So Lucky (Zdob și Zdub)


Der östliche Partnerstaat der EU ist seit 2005 alljährlicher Teil des Eurovision Song Contest. Bis auf 2008 gelang den moldawischen Teilnehmern immer der Einzug ins Finale, wo man sehr wechselhaften Erfolg verbuchte. Dieses Jahr treten für Moldawien die Ethno-Rocker Zdob și Zdub an, die folklorisch angehauchten Ska mit Rapcore vermengen. Als Vergleichswert für Zdob și Zdubs diesjährigen Song könnte man den türlischen Beitrag von 2004 heranziehen: Athena erreichte mit der Ethno-Ska-Nummer For Real auf Platz 4. So Lucky gefällt mir persönlich besser, da es sich noch kerniger vom Ska-Durchschnitt abhebt. Die türkische Nummer klang aber größer, und fiel somit stärker auf. Man könnte als anderen Bewertungsmaßstab auch Zdob și Zdubs ersten Eurovision-Auftritt heranziehen, Boonika Bate Doba eine Spaßnummer über eine trommelnde Großmutter. Musikalisch war das exzentrischer, war allerdings auch witzig, ungewöhnlich und somit enorm auffällig. Das brachte der Band Platz 6 ein. Ganz logisch gesehen könnte ich nun Platz 5 vorhersagen. Mache ich auch einfach mal, was kann mir da schon passieren...?

Startnummer 8: Schweden - Popular (Eric Saade)


Schweden bringt uns dieses Jahr wieder eine dieser klassischen Eurovision-Bühnennummern mit aufwändiger Choreographie, vielen Lichtern, Requisiten und sexuell ambivalent grinsenden Männern. Der Song ist dämlich, doch so aggressiv-eingängig, dass man sich schon während des ersten Refrains beim mitsingen und -wippen erwischt. Und deswegen ist Popular unberechenbar. Der peinliche, quäkende Einstieg und die offensive Elektro-Pop-Keule werden beim Eurovision Song Contest öfter mit unteren Platzierungen abgestraft, nur um dann wieder eine großbusige Osteuropäerin oder einen rattigen Nordeuropäer damit wieder nach ganz oben durchzureichen. Popular ist für mich ein Beitrag, wie ich ihn beim ESC dabei haben will und auch beeindruckend sowie extrem unterhaltsam finde. Anderen wird es wohl ähnlich gehen, und der ganze Showeffekt dieses Songs könnten ihm helfen, sich durchzusetzen. Am 24. Mai findet es dann wieder halb Europa zum in den Boden versinken peinlich. So ist der Lauf der Eurovision-Welt.

Puuuuh. Nach dem Lied brauche ich eine Verschnaufpause. Demnächst geht es dann unter anderem mit  Zypern, Bulgarien und Israel weiter.

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