Montag, 9. Mai 2011

Eurovision 2011: Das zweite Halbfinale (Teil II)

Rund die Hälfte der Beitrage aus dem donnerstäglichen Eurovision-Halbfinale habe ich euch schon vorgestellt. Jetzt, wo wir alle den Bericht über die Weltpremiere von Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten verarbeitet und uns mit der gesteigerten Vorfreude arrangiert haben, sollten wir uns bestimmt wieder ausreichend konzentrieren können, um auch den Rest des Halbfinales abzuhaken.

Also, was schreib ich hier noch rum? Auf in den Kampf, Torreros!


Startnummer 9: Zypern - San Aggelos S’Agapisa (Christos Mylordos)


Zypern ist seit 1981 fester und verhältnismäßig erfolgreicher Bestandteil des Eurovision Song Contests. Der Inselstaat kam einige Male in die Top Ten, ein Sieg steht bislang jedoch aus. Für die rote Laterne hat es hingegen schonmal gereicht, nämlich 1986. Zypern ist außerdem ein sehr spannendes Untersuchungsobjekt hinsichtlich politischem Abstimmungsverhalten: Bis 2003 ignorierten sich Zypern und die Türkei aus politischen Gründen geflissentlich beim Eurovision Song Contest, dafür stehen sich Griechenland und Zypern beim Song Contest traditionell nahe. So nahe, dass viele Zyprioten mehr am griechischen, als am eigenen Abschneiden interessiert sind. Das erklärt trotzdem nicht die schwache Songauswahl. Die sehr gelangweilt mit Lokalkolorit spielende, griechischsprachige Ballade vermag es weder Spannung, noch Emotionen aufzubauen. Die drei Minuten vergehen wie zehn - und der Sänger wirkt viel älter, als er ist. Keine Ahnung, wieso ich das nun unbedingt erwähnen musste...

Startnummer 10: Bulgarien - Na Inat (Poli Genova)


Seit 2005 dabei, nur 2007 ins Finale gekommen: Bulgarien, das Land, in dessen musikalischer Kultur ungerade Takte eine große Tradition haben und somit Musiker aller Welt vor eine Herausforderung stellen, muss sich beim Eurovision Song Contest noch etablieren. Dieses Jahr geht man einen behutsam poppig-rockigen Weg. Der mittelschnelle Girlie-Rocksong Na Inat wird aber entgegen den generellen Trend in der Landessprache gesungen, wodurch die altherbekannte "Ich kämpf mich durch"-Botschaft gar nicht rüberkommt. Oder hättet ihr es anhand der monotonen Rockberieselung erahnt?

Startnummer 11: Mazedonien - Rusinka (Vlatko Ilievski)


Ihr könnt wieder aus eurer Deckung hervorteten: Der Interpret aus dem Land mit der sonnigen Flagge heißt Vlatko, nicht Zlatko! Viel mehr lässt sich von meiner Warte über den Song auch nicht schreiben. Er ist ein wenig exzentrisch, nicht aber genug, um so richtig aufzufallen, aber zu sehr, um ganz einfach seinen Zuhörer um den Finger zu wickeln. Osteuropa-Rock im ESC-Stil, ein wenig seltsam, recht schwerfällig und schnell vergessen.

Startnummer 12: Israel - Ding Dong (Dana International)


Denke ich im Bezug auf den Eurovision Song Contest an Israel, dann kommt mir in den Sinn, wie das Land vor allem in den Jahren besonders gut abschnitt, in denen mir der deutsche Beitrag gefällt. Und nur äußerst selten sagen mir die israelischen Beiträge zu. Auch Ding Dong lässt mich vollkommen kalt, weder nervt es oder verwundert es mich, so wie einige andere Beiträge die mir nicht gefallen, noch langweilt es mich, Ding Dong rauscht einfach ohne jegliche Höhepunkte an mir vorbei. Dennoch ist es einer der spannenderen Beiträge dieses Jahr, zum einen, weil Ding Dong offenbar einigen Leuten sehr gefällt, weshalb es zu den Favoritentiteln gehört, zum anderen, weil es reizvoll wird, den Kampf der Ex-Gewinnerinen zu betrachten. Denn nicht nur Lena ging schon Mal als Siegerin aus dem Contest hervor, auch Dana International trällerte einst den Gewinnertitel. Anno 1998 gewann sie mit dem treffend betitelten Lied Diva, begleitet von gigantischem Presserummel. Dieses Jahr kamen mir weniger erboste Stimmen zu Gehör. Entweder ist die Welt aufgeschlossener, oder es juckt sich niemand leicht in seinen Weltvorstellungen erschütterbares für den Song Contest...

Startnummer 13: Slowenien - No One (Maja Keuc)


Der Pressetext auf der Eurovision-Webseite vergleicht Maja Keuc mit Christina Aguilera. Deren markante, manchmal zu aufgesetzt ins soulige driftende, Röhre hat Maja Keuc nun nicht unbedingt, die Klangatmosphäre von No One erinnert trotzdem durchaus an einen Albenfüller, wie er bei Aguilera aufkreuzen könnte. Die Rockballade braucht etwas, um aus dem Tritt zu kommen, das letzte Drittel weiß dafür zu überzeugen. Beim Eurovision Song Contest ist dies sicher etwas gefährlich, die berüchtigte Wohnzimmersofa-Jury ist da dann mit lästern und Bierholen beschäftigt. Die Aufmerksamkeit muss etwas früher gesichert sein. Man kann es sich dennoch gut anhören und ich hätte nichts gegen eine Mittelfeldplatzierung im Finale.

Startnummer 14: Rumänien - Change (Hotel FM)


Nach der Eurovision-Premiere 1994 machte Rumänien sofort eine kleine Pause - 1998 kehrte man zurück. Der 22. Platz war wohl nicht besonders ermutigend, deswegen machte man wieder ein Jahr Pause. 2000 winkte der 17. Platz. Die darauffolgende Pause mündete 2002 in den neunten Platz. Seither ist Rumänien alljährlich dabei, mit sehr wechselhaftem Erfolg. Top Ten und Randplätze (bzw. versäumte Finaleinzüge) wechseln sich bunt ab, mit leichter Tendenz zum negativen. Ob es sich dieses Jahr zum guten wendet?
Change ist wieder einer dieser Eurovision-Beiträge, die einem einfach erschreckend bekannt vorkommen. Gesang, das ansteckende, energetische Klaviergeklimper, der sich so enorm von den Strophen abhebende Refrain mit seiner Mitsing-Fröhlichkeitsmentalität... Vollkommen gleich, wie recycelt Change auch klingen mag, es ist ein heiteres, mitwippbares Lied, wie es im Sommer einige Radiostationen erobern könnte. Wenn Hotel FM diese Stimmung von der Bühne aus bis in die europäischen Wohnzimmer übertragen kann, dann sollten die Top Ten ja wohl locker drin sein. Google stimmt mir da sogar zu. Braves Google. Und nun spionier mal dieses eine Mädel aus, von dem ich dir erzählt habe. Danke.

Startnummer 15: Estland - Rockefeller Street (Getter Jaani)


Alljährlicher Pflichtbeitrag #3b: Harmloses, dezent aus aktuellen Trebds zusammengeklaubtes Popliedchen einer weiblichen Interpretin. Also ein Lied der Marke Secret Kombination, nur weniger infektiös, dafür mit einem deplatzierten Rockeinfluss. Und der Einwand kommt von mir, wem, der schon vor Glückseligkeit ausflippt, wenn Hans Zimmer ein Thema aus Fluch der Karibik nimmt und ihm in der Fortsetzung zur Verstärkung eine E-Gitarre auf den Weg gibt.
Rockefeller Street ist als Lied absoluter Eurovision-Mittelmaß, aber diese mauen Nümmerchen mit elaborierter Choreographie plus Bühnendeko gehören einfach dazu, und deswegen ist mir Estlands Beitrag viel sympathischer, als er sein dürfte. Vielleicht wackelt die Sängerin was mehr mit dem Hintern, das gibt immer ein paar Zuschauerstimmen extra.

Startnummer 16: Weißrussland - I Love Belarus (Anastasiya Vinnikova)


Selbstbeweiräucherung kommt nicht gut an. Im Internet muss man viel graben, um durchweg positive Stimmen über Weißrusslands popelektropseudorockige Ode an sich selbst zu finden. Dabei muss ich gestehen: Aus einer trashigen "es geht beim ESC um Spaß, nicht um gute Musik"-Perspektive finde ich es einen der besten Beiträge dieses Jahres. Es ist bescheuert, dabei aber musikalisch ganz und gar solide. Da gibt's alljählich mülligere Nummern beim Song Contest. I Love Belarus darf deswegen sehr, sehr gerne ins Finale.

Startnummer 17: Lettland - Angel in Disguise (Musiqq)


Elvis sang noch vom Devil in Disguise, aber wie ein musikalisches Trio aus Lettland neuerdings erfuhr, weilen auch Engel inkognito unter uns. Die sind aber extrem gut verkleidet, denn engelsgleich ist nichts an diesem wild zusammengewürfelten Lied. Als wären die Komponisten mit einem großen Einkaufswagen durch die Pop-Abteilung eines Elektrofachgeschäfts gegangen und sich aus jedem dritten Lied fünf Sekunden geklaut. Ich find's äußerst anstrengend, Google sieht's recht sicher in den Top 5.

Startnummer 18: Dänemark - New Tomorrow (A Friend in London)


Schon wieder ein Lied, von dem ich schwören könnte, es  bereits dutzendfach in leicht unterschiedlichen Variationen gehört zu haben. Der Beitrag unserer nördlichen Nachbarn zieht im Refrain etwas an, könnte da bei entsprechender Live-Atmosphäre schon einen winzigen Hauch Eurovision-Magie versprühen, farblose Massenpampe bleibt's trotzdem. Okay, es ist angenehme farblose Massenpampe, die mit mehrfachem Hören sogar richtig gut wird. Man kann es leicht mitsummen, es ist optimistisch ohne zu kitschig zu werden, es hat Radio-Appeal... Ich will mich wehren, aber ich mag es.

Startnummer 19: Irland - Lipstick (Jedward)


Das Eurovision-Traditionsland mit dem einstigen Gewinnerabo und solch stolzen Interpreten wie Johnny Logan mutiert zur trashigen Spaßnation. Dustin the Turkey schlug bereits dem Fass den Boden aus, Jedward beschmutzt sogar den dreckigen Matsch unterhalb vom Fass. Peinlich, künstlich, durchgeknallt, nervig, auffällig... und je nach Laune faszinierend. Ich fand den Truthahn wegen seiner Absurdität tatsächlich das reizvollere Bashing-Opfer, Lieder wie der diesjährige Portugal-Beitrag sind in ihrer Verrücktheit natürlicher und damit sympatischer. Jedward ist für mich einfach nur eine depperte Nummer, die man untergehen sehen will. Der Autounfall-Effekt kommt zum vollen Zuge, nur nicht ganz so pointiert, wie der Internet-Hype suggeriert. Schnell weg...

Tja, und das war es auch tatsächlich schon. Das waren die letzten Lieder, die sich in einem Halbfinale beweisen müssen. Demnächst reiche ich noch die fünf gesetzten Finalteilnehmer nach. Bis dahin: Lasst das Eurovision-Fieber steigen und haltet stets eine Flasche voll Rum bereit, denn das wichtigste Ereignis, das die Unterhaltungskultur dieses Jahr zu bieten hat, folgt dem Song Contest auf dem Fuße. Yarr...

Siehe auch:

4 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Den slowenischen Beitrag finde ich auch sehr, sehr gut. Ich mag diese sich langsam aufbauenden, dramatischen Balladen. ;)

Und hah! Jedward! Bin gespannt, wie asynchron ihr Tanzen dieses Mal ausfällt.
Was das Lied angeht, gehe ich mich jetzt mit der "Glee"-Version von "Rose's turn" beruhigen.

Sir Donnerbold hat gesagt…

"Was das Lied angeht, gehe ich mich jetzt mit der 'Glee'-Version von 'Rose's turn' beruhigen."

Soso, du also auch... :-p

milan8888 hat gesagt…

Mir ist der Mazedonische Song am sympathischsten in Erinnerung geblieben.

Anonym hat gesagt…

Ich habe mir mal alles gut durchgelesen und mir die Lieder allesamt angehört. Da merkt man direkt, wie unterschiedlich doch Geschmäcker sind.

Einige Texte hätte ich wohl vertauscht, so dass andere Songs besser gewertet werden, als sie es hier wurden.
Ich bin gespannt, was heute passiert.
Aber ich glaube, dass die modernen Popsongs wieder eine gute Chance haben werden, Satelite war nichts anderes, es passte genau in die Zeit und es war ein Ohrwurm. So geht es mir hier bei manch anderen Songs, die eher als schwach bewertet wurden, auch. Ich glaube zum Beispiel nicht an eine Ballade, ich denke die werden es dieses Jahr mehr als schwer haben.

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