Dienstag, 10. Mai 2011

Eurovision 2011: Die gesetzten Finalteilnehmer


Lang erwartet, plötzlich da: Der Eurovision Song Contest. Heute Abend beginnt um 21 Uhr die heiße Phase, wenn auf ProSieben das erste Halbfinale ausgestrahlt wird. Eingerahmt wird diese fernsehhistorische Besonderheit durch Spezialsendungen des TV Total-Teams, welches (sofern die gestrige Eurovision total-Ausgabe ein Wegweiser war) für die Laufzeit dieses Musikevents mal wieder zu seiner Hochform zurückfindet. Insofern wäre es mal eine Idee, Rock am Ring total und Wacken total einzuführen, findet ihr nicht auch?

Bevor bald weitere Finalteilnehmer gewählt werden, seien aber an dieser Stelle die Beiträge vorgestellt, die sich gar nicht erst durch das Halbfnal-System kämpfen müssen. Üblicherweise sind dies die "Big Four", die Lieder aus den Ländern, die den größten EBU-Beitrag zahlen und somit dieses verrückte Event überhaupt erst finanziell über Wasser halten, sowie das Gastgeberland. Dieses Jahr treten aber bekanntlich eines der großen Länder und der Gastgeber in Personalunion auf - und dennoch sind fünf Teilnehmer gesichert im Finale. Denn nach jahrelanger Pause fand Italien den Weg zurück zum Eurovision Song Contest. Und wie es der Zufall so will, wurde Italien bei einer eventuellen Rückkehr schon länger der Status einer "Big Five"-Nation versprochen. Westeuropa stärkt auf dem Papier seine Position - wie es Samstag nach der Abstimmung damit aussieht, das ist wieder eine andere Frage.

Frankreich - Sognu (Amaury Vassili)


Der französische Beitrag aus dem vergangenen Jahr vereinte WM-Song, Sommerhit und das, was man bei Eurovision oftmals als "zeitgemäß" versteht (beim Publikum aber bestenfalls als "retro" ankommt). Eine Mischung, die bei der französischen ESC-Fangemeinde nicht mit großer Begeisterung aufgenommen, von der deutschen Delegation sowie dem TV Total-Team hingegen mit offenen Armen empfangen wurde. Allez Ola Olè erhielt auch von deutschen Radiosendern etwas Aufmerksamkeit, was wirklich nur ein Bruchteil der alljährlichen Eurovision-Titel von sich behaupten kann, und darüber habe ich mich dann sogar richtig gefreut. Denn trotz Fußball-Thematik war es für mich einer der Hits des Jahres 2010. Schwer zu toppen. Oder auch doch nicht, denn beim Song Contest genügte es nur für Platz 12, nachdem man im Vorjahr mit Patricia Kaas immerhin in die Top Ten kam. Wohl auch deswegen machen die Franzosen dieses Jahr wieder das, wofür sie beim Eurovision Song Contest bekannt sind: Was langsames. Statt der schmachtenden, französischen Liebesballade, die von einer glanzvollen Diva nach Europa getragen wird, setzt man dieses Jahr allerdings auf eine schwach getarnte Raubkopie von Vangelis' Conquest of Paradise. Könnte Punkte aus Deutschland geben, weil einige ältere, verwirrte Herrschaften denken, wenn sie dafür anrufen, gibt Henry Maske sein Box-Comeback, weitreichendes Verständnis wird das multikulturelle Publikum des ESC wohl kaum aufbringen. Es ist ein Stück Qualität beim Eurovision Song Contest, nur nicht die attraktive Qualität, die es bräuchte, um sich gegen reizvollen Trash, kühl berechnete Massenbeglücker und eingängige Exzentrik durchzusetzen.

Italien - Madness of Love (Raphael Gualazzi)


Italien gehört zu den sieben "Gründerstaaten" des Eurovision Song Contests, aufgrund sinkendem Zuschauerinteresse zog man sich aber 1981 aus der Veranstaltung zurück. 1983 kehrte Italien wieder zum Eurovision Song Contest zurück, nur um nach Albano & Romina Powers Beitrag 1985 wieder für ein Jahr zu pausieren. 1997 nahm Italien zum bislang letzten Mal teil - nicht jedoch, wie manche Journalisten behaupten, aus Frust über miese Platzierungen. In den 90er Jahren hat Italien einmal gewonnen, zweimal den vierten und einmal den siebten Platz belegt. Es bestand tatsächlich schlicht zu wenig Zuschauerinteresse, da Italien mit dem Sanremo Musikfestival seinen eigenen, kleinen und sehr erfolgreichen ESC hat.
Dieses Jahr meldet sich Italien also zurück, traditionell mit dem Gewinnertitel des Sanremo Musikfestival, der dieses Jahr zudem auf dem Soundtrack von Manuel of Love mit Monica Belluci und Robert de Niro zu hören ist. Es ist ein schönes, Liebe ausstrahlendes Liedchen, das eine ganz klar italienische Klangfärbung hat, aber auch sehr jazzig ist. Wie das wohl beim ESC-Publikum abschneiden wird?

Vereinigtes Königreich - I Can (Blue)


Das sich dem Euro verweigernde EU-Mitglied war die letzten Jahre abwechselnd ein bockiger Dauerverlierer, der Europa aus Rache für miese Platzierungen mit die Hirnzellen verätzendem Plastikpop quälte (nur um sich dann bei einer erneuten Blamage über die Ostblockmafia aufzuregen) und ein sehr engagierter, gefallener Riese, der Geld und Talent in seinen Beitrag pumpt. Dieses Jahr ist man weiter auf der bemühten Seite und hat dafür die Boyband Blue ausgegraben. Zu ihrem Höhepunkt sammelten sie ihnen zugeworfene Damenunterwäsche, wie andere Briefmarken und durften mit Sir Elton John einen seiner größten Hits covern. Nach dem schon 2009 gestarteten Comeback hat man nicht mehr ganz so viel von Blue gehört, aber wenigstens in Westeuropa dürften am Samstag bei ihrem Auftritt sicherlich trotzdem einige Herzen aufgehen. I Can zeigt Blue nicht auf der Höhe ihres Könnens, ist allerdings mehr als nur solider, eingängiger Pop, der sich irgendwo zwischen blubbernd-jugendlich und elegant-erwachsen einordnen möchte. Angenehm zu hören.

Deutschland - Taken By a Stranger (Lena)


Taken By a Stranger ist etwas, das man als "Glück im Unglück" bezeichnen muss. Nach dem hervorragend organisierten, unterhaltsamen und niveauvollen Unser Star für Oslo vergangenes Jahr, war der diesjährige Vorentscheid unbedeutend mehr als eine penetrante, kuschelweiche und witzlose Dauerwerbesendung für Lenas Album Good News, welches genau auf den Stil des Fräuleinwunders zugeschnitten, von Meister Raab hingegen als musikalisch sensationell facettenreich bejubelt wurde. Die Ironie, dass aus allen zwölf möglichen Gewinnertiteln ausgerechnet Taken By a Stranger vom Fernsehpublikum gewählt wurde, der eine Song, der wie ein Dorn heraussticht, ja,. genau diese Ironie muss ich ja wohl nicht weiter kommentieren. Wie ich Taken By a Stranger im Vergleich zu Satellite einschätze, weiß ich noch immer nicht. Es ist musikalisch reifer, einfallsreicher und hochwertiger, es sprüht eine morbide Faszination aus - hat aber nicht diesen süchtig machenden Rauschfaktor. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Taken By a Stranger als exzentrischere Nummer nicht ganz diese Massenattraktivität hat, durch welche Satellite (fast) die ganze Nation in einen Taumel versetzte. Wie schon Satellite ist auch Taken By a Stranger dieses Jahr eine Kraft innerhalb des Eurovision Song Contest, mit der man sich nicht anlegen sollte. Google taumelt zwar in seiner Prognose tagtäglich, Lena ist aber immer in den Top Ten, häufig auf Platz 2, und dann hat sie nur die Deppennummer aus Irland vor sich, die sich Europa eher aus Trash-Begierde ergoogelt. Und einmal war Lena ja auf Googles Nummer 1. Und: Wie bereits Satellite kann Taken By a Stranger von Lena live mal total versemmelt, und mal berauschend und verführerisch performt werden. Beim ESC-Finale war Satellite so gut, wie sonst nie. Also, wer weiß schon, was dieses Mal passiert...

Spanien - Que Me Quiten Lo Bailao - They Can't Take The Fun Away From Me (Lucía Pérez)


Da wünscht man sich, die letztjährige Zirkusnummer ein drittes Mal auf der großen Eurovision-Bühne hören zu dürfen... Sofern Spanien nicht unter den letzten fünf Rängen landet, wird das ZDF-Publikum diesen Beitrag garantiert noch im Rahmen des Fernsehgartens präsentiert bekommen. Wetten?!

So, Freunde der guten Töne... Das war's. Mehr Lieder hat das diesjährige Eurovision-Teilnehmerfeld nicht zu bieten. Jetzt alle ab, husch, husch, zum Duslog. Viel mehr kann ich für euch gerade nicht tun. Klar, ihr werdet schon noch etwas mehr Eurovision-Futter bekommen, aber jetzt ist erstmal Schicht im Schacht.

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