Montag, 16. Mai 2011

Eurovision 2011: Ein Rückblick


Leider kam ich die letzten zwei Tage nicht dazu, meine abschließenden Gedanken über den Eurovision Song Contest festzuhalten. Jetzt habe ich aber endlich Gelegenheit dazu, und ich spekuliere einfach mal darauf, dass sich wenigstens ein paar Leutchen noch immer dafür interessieren werden, was ich zum Musikwettbewerb aus Düsseldorf zu sagen habe.

Zäumen wir das Pferd einmal von hinten auf, und kommen sofort auf den Sieger zu sprechen: Aserbaidschan mit Running Scared vom Duo Ell/Nikki. Meine Reaktion darauf war ein beherztes: "Ähhh, watt?!" Ganz unabhängig davon, dass mir das Lied persönlich überhaupt nicht gefiel, sah ich es bis zur Punktevergabe nicht einmal in der Nähe des Gewinnerpodests. Weder war dieses Duett besonders einprägsam, noch ist die Halle beim Lied oder seinen Erwähnungen im Rückblick spürbar lauter geworden. Es war irgendeine belanglose Popnummer unter vielen, und urplötzlich holte sie einen Punkt nach dem anderen. Weder habe ich damit gerechnet, noch habe ich es dem Lied gegönnt. Es ist kein grauenvoller Sieger, über den ich mich noch wochen- oder gar jahrelang aufregen werden, doch von den Titeln mit reellen Siegchancen gegen Schluss des Abends hatte ich es Schwedens Popular viel, viel mehr gegönnt.
Platz 10 für Lena (die von allen am professionellsten mit der Kamera spielte) ist übrigens vollkommen in Ordnung. Taken by a Stranger ist halt was... strange.

Wenn wir aber kurz zur Punktevergabe zurück wollen, so muss man wenigstens sagen, dass der diesjährige Eurovision Song Contest den ewigen "Punktescheiberei!"-Nörglern erneut den Wind aus den Segeln nahm. Russland schnitt recht schwach ab, Westeuropa (wo ja niiiiiie, nieee niemals Punkte geschoben werden) ist gut vertreten, Schweden hätte mehr Punkte aus Skandinavien bekommen und somit gewinnen können und Aserbaidschan... Nun, wer jetzt wirklich aufschreit, dass "die da unten sich ja immer gegenseitig die Punkte zuschustern", der sollte mal auf einer Weltkarte nachschauen, wie viele Nachbarländer Aserbaidschan denn so hat, wieviele davon beim ESC teilnehmen und dann guckt man mal in den Politikteil der Tageszeitung und liest nach, wie gut man sich mit denen so versteht. Eine ähnlich geartete Überraschung war der zum Schluss auf den zweiten Platz stürmende italienische Beitrag. Das Lied gefiel mir recht gut, echte Chancen sah ich für den Comeback-Song Italiens allerdings nicht. Nun, wenigstens sollte damit sichergestellt sein, dass Italien nächstes Jahr nicht wieder vor'm Song Contest flieht.


Was meine persönlichen Favoriten anging, musste ich wieder einmal feststellen, dass mich nach dem Vorabhören sämtlicher teilnehmender Songs der volle ESC-Effekt packte. Soll heißen: In den zum Finale hinleitenden Tagen hat sich durch die zahlreichen Eurovision-Sondersendungen und die Halbfinals mein musikalischer Anspruch dezent verschoben, so dass ich ein paar zuvor kritisch beäugte Beiträge plötzlich äußerst unterhaltsam, charismatisch und mitwippenswert fand. Wie lange die jeweiligen Lieder davon profitieren, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. Letztes Jahr war etwa Frankreichs Allez Ola Ole während des Finales am Ende meiner ESC-Top-Five, doch es war außerdem eines von drei Eurovision-Liedern in meinem musikalischen Jahresrückblick.

Dieses Jahr bemerkte ich sogar recht viele Verschiebungen in meiner Einschätzung der Eurovision-Songs. Den Schweizer Beitrag mochte ich im Vorfeld, obwohl er nicht meinem alltäglichem Musikgeschmack entsprach, im Halbfinale hingegen habe ich mich förmlich in Anna Rossinelli und ihren lockerflockigen Titel verschossen, inklusive der hübsch-bunten Grafik auf der LED-Hintergrundwand. Umso mehr wurmt mich der vollkommen unverdiente letzte Platz im Finale. Wenigstens gab es selbst dafür noch 19 Punkte, das Schlusslicht wird ja in manchen Jahren völlig übergangen. Dennoch, sehr, sehr schade...

Richtig froh war ich dagegen, dass die Türkei im Halbfinale rausflog - ich freue mich ja alljährlich auf die Beiträge von der Türkei und dem Erzrivalen Griechenland, dieses Jahr fand ich den türkischen Beitrag im Vorfeld nicht ganz so prickelnd, im Finale wollte ich ihn trotzdem sehen. Die Live-Performance hat mich davon aber kuriert - da stimmte kaum etwas. Da wollte ich lieber den vom Eurovision total-Team zum Scherzkult hochstilisierten armenischen Beitrag Boom Boom (Chaka Chaka) weiterziehen sehen - aber auch er scheiterte. Die griechische Nummer hingegen leider nicht. Es war der schlechteste Beitrag, den sich die Hellenen seit Jahren ausgesucht haben, und dem Driss hätte ich es wahrlich gegönnt, Griechenlands beeindruckende Top-Ten-Serie zu vermiesen. Und, was war? Platz 7! Boah, wer hat dafür denn abgestimmt?

Achja, Eurovision total -doof, dass Opdenhövel so ein schnarchnasiges, kleines Studiopublikum hatte, denn er war ein fantastischer Raab-Ersatz und die vielen, äußerst witzigen Einspieler sorgten für die beste Woche, die ProSiebens Late-Night-Show seit langem hatte. Auch die gute Lena konnte ich wieder sehen, nachdem ich sie im Anschluss an den Vorentscheid 2011 vorerst satt hatte. Aber in Raab-Einspielern ist sie komödiantisch eh viel mehr mein Geschmack, als musikalisch. Elton und Sonya waren herrlich chaotisch drauf und es steht wohl zu befürchten, dass bald in TV Total wieder Alltag herrscht. Schade, schade.

Moldaus Zwergen-Ethno-Rock gönnte ich im Vorfeld die Top 5, live war es aber so... unschön seltsam, dass ich den letztlich ergatterten Platz 12 angemessener finde. Tja, und Schweden? Das wurde durch die Halbfinals zu meinem neuen Favoriten. Popular kriege ich einfach nicht mehr aus dem Kopf, und Eric Saade plus Background-Tänzer haben eine Hammershow abgelegt, mit super Choreographie und auch wenn der Glaskasteneffekt seit dem schwedischen Vorentscheid was vereinfacht wurde, krachte dieser überproduzierte Plastikpop richtig schön. Schon sehr künstlich, aber wirklich geil und irgendwo auch knuffig - hätte sehr, sehr gerne gewinnen dürfen. Ansonsten bin ich mit den Ergebnissen recht zufrieden, nur Estlands Rockefeller Street wuchs mit letztlich doch noch nah ans Herz - hätte gerne mit Lipstick die Ränge tauschen dürfen. Obwohl Jedward das meiste aus der LED-Wand rausholte...

Bildquelle: ARD

Appropos LED-Wand: Technisch war der Eurovision Song Contest in Düsseldorf ganz klar der bis dato hervorragendste. Die Lichttechnik, der kristallklare Ton (abgesehen von den nationalen Kommentatoren im ersten Halbfinale), das Bühnendesign, alles einfach phänomenal. Die mit Tilt-Shift-Technik aufgenommenen "Postkarten", in denen deutsche Mitbürger vorgestellt wurden, die ihre Wurzeln im darauffolgenden Teilnehmerland haben, waren malerisch, auch wenn bei den Schauplätzen gerne etwas mehr Abwechslung hätte herrschen dürfen. Heimlicher Star des Song Contests war aber die bereits bejubelte LED-Wand, die jedem der Songs atemberaubende Hintergrundbilder spendierte. Seien es bunte Fantasielandschaften, psychadelischer Wahnsinn, eine aufgehende Erdkugel oder, oder, oder... Die Motive waren super ausgewählt und wurden toll mitsamt dem Lied in Szene gesetzt.

Die Moderation wusste ebenfalls zu gefallen. Sehr überrascht war ich von der Souveranität und Leichtigkeit von Judith Rakers, die ich von nun an gerne öfter in hübschen Kleidern steckend Unterhaltungssendungen moderieren sehen will. Ich fand es zuvor eine seltsame Wahl, eine Tagesschau-Sprecherin in dieses Riesenevent zu stecken, doch sie wusste mit kecken Blicken die Albernheiten von Raab/Engelke zu kommentieren und sehr natürlich im Greenroom mit den Interpreten zu interagieren. Hat mir gut gefallen.

Engelke wiederum ging ja förmlich auf. Wild, frech und dennoch mit einer dem Event angemessenen Gravitas. Gerade im Zusammenspiel mit Raab war sie sehr witzig - Highlight dürfte das etwas anders geartete Eurovision-Hitmedley gewesen sein. Etwas mehr Interaktion hätte ich mir aber bei der Punktevergabe gewünscht. Klar, dort ist ein enges Zeitkorsett, aber Sloweniens Raab-Fan oder der großartiges Deutsch sprechende israelische Juror hätten z.B. ein paar Kommentare verdient gehabt.

Tja, und dann halt Stefan Raab... Ich glaube, dass er in den Halbfinals bei seinen Fans um einiges besser ankam, als bei jenen, die ihn nicht kennen oder nicht mögen. Dafür, dass er vorher in Interviews runterspielte, er müsse wegen der hohen Zuschauerzahlen nicht nervös werden, kam er zu Beginn des ersten Halbfinals sehr verkrampft rüber, aber mit eingeschleusten Insidergags für das deutsche Publikum (er hatte manchmal bewusst was von einer Parodie auf Max Giermanns Raab-Parodie), konnte er zumindest bei einigen Zuschauern etwas an Boden gewinnen. Sein Englisch blieb mit mehr Akzent behaftet, als bei seinen Kolleginnen, die Witze schwankten in bester ESC-Tradition zwischen "soooo schlecht, dass es wieder witzig ist" und "joh, passt", aber die Einspieler waren gut und irgendwie hatte es einen schwer erklärlichen Charme. Es war in den Halbfinals nicht Raab auf Höchstform, und Hape Kerkeling (den sich ja fast jeder wünschte), hätte bestimmt natürlicher gewirkt, aber es war so gut, wie man es in einem normalen Eurovision-Rahmen halt machen konnte.

Aber dann kam das Finale. Und, meine Güte, was für ein furioses Opening! Die Rockabilly/Big-Band-Powerversion von Satellite war Stefan "Funky" Raab in bester, megalomanischer Tradition. Gigantisch, unterhaltsam, überwältigend, knallbunt und voller Energie. Subtilität ist anders, da war selbst Lordis Spezialeffekt-Musikvideo zu Hard Rock Halleluja beim ESC in Finnland bescheiden gegen. Mit Lenas Miniauftritt ganz am Schluss war das Intro dann perfekt - wie sie zusammen mit Raab abfetzte und sich dann noch auf den Kontrabass stellte, das hatte wirklich was. Dass man Satellite kaum noch erkannt hat, kann man da gerne übersehen.

Tja - und mit dem Anfang des Abends hört auch schon mein Rückblick auf den Eurovision Song Contest 2011 auf. Mal schauen, ob es zu Unser Star für Baku kommen wird, und ob Aserbaidschan auch für die treuste Fangemeinde des "Grand Prix" ein guter Gastgeber sein wird. Ich bin gespannt.

1 Kommentare:

Ratzefratz hat gesagt…

Also ich fand die musikalische Qualität diesmal nicht so hoch. Wobei mir die Lieder bei der Veranstaltung meistens nicht so gefallen.
Und die Platzierungen von Aserbaidschan und Italien kann ich auch nicht nachvollziehen, die beiden Titel haben mir gar nicht zugesagt.
Der Beitrag aus Aserbaidschan von letztem Jahr hat mir da viel besser gefallen.

Und der zehnte Platz für Lena geht vollkommen in Ordnung, nur leider sind wir hinter dem furchtbarsten Beitrag von allen gelandet, nämlich dem Irischen. Unglaublich, dass die überhaupt den irischen Vorentscheid geschafft haben.
Persönlich hat mir ja der estnische Beitrag gefallen, schade dass die nur den vorletzten Platz belegt haben (wobei ich ja auch nicht für die angerufen habe, daher will ich mich ja nicht beschweren).

Blöd fand ich es vom deutschen Publikum etwas zu buhen, wenn sich die anderen Länder die Punkte zugeschoben haben, aber wenn wir zehn Punkte von Österreich kriegen, dann liegt das natürlich einzig und allein an der musikalischen Qualität.

Für nächstes Jahr fänd ich es ja mal wieder gut ,den Raab hinzuschicken, hat ja gezeigt das er auf der Bühne ne Show abziehen kann, auch wenn wir damit nicht unbedingt gewinnen würden.
Man könnte aber auch mal Rammstein hinschicken, denn dann würden wir den Sieg wohl mit einem Rekordvorsprung einfahren.

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