Mittwoch, 4. Mai 2011

Eurovision Song Contest 2011: Das erste Halbfinale (Teil III)

Der Wonnemonat Mai nähert sich seinem Höhepunkt. Bevor aber Captain Jack Sparrow wieder in See sticht, wird Europa von einem bunten Abenteuer ganz anderer Machart erobert: Dem Eurovision Song Contest, der nach über zwanzig Jahren wieder in Deutschland stattfindet. Dabei haben uns wütende Gelegenheitszuschauer und die "BILD" jahrelang weißgemacht, nie wieder könne ein westeuropäisches Land den heiteren Sanges- und Kompositionswettbewerb gewinnen. Tja, so überraschend kann das Leben sein...

In zwei Schüben habe ich euch bereits den Großteil jener Lieder vorgestellt, die am 10. Mai im ersten Halbfinale des ESC antreten werden. Jetzt bringen wir auch die letzten Beiträge hinter uns, die deutsche Fernsehzuschauer in einer historischen Aktion nicht etwa auf einem öffentlich-rechtlichen Sender, sondern auf ProSieben erleben dürfen.

Startnummer 13: Kroatien - Celebrate (Daria)


Die Medien werden es die nächsten Tage sicherlich noch ausschlachten: Mit Kroatien hat Deutschland gewissermaßen einen Plan B in der Hinterhand. Schon letztes Jahr juxten ja einige, dass Deutschland mit dem Siegerplatz und die Türkei auf dem zweiten Rang eine Doppelspitze für die Bundesrepublik bedeutete... Sollte Kroatien gewinnen, wäre es aber tatsächlich eine Deutsche, die ihr Lied nochmal vortragen darf. Daria wurde am 29. Mai 1988 in Aschaffenburg geboren, hat mütterlicherseits jedoch auch kroatische Wurzeln. Und in Österreich ist sie als von der niederländischen Sangesdiva Susan Rigvava-Dumas ausgebildete Musicalsängerin tätig. Daria verkörpert also den europäischen Gedanken des Eurovision Song Contests... und trällert mit Celebrate ein unaufregendes Elektro-Popstück vor. Der Beat klingt wie etwas, womit im Partyraum von Dorfdiscos der DJ die Lücke zwischen zwei Titeln überbrückt, der Gesang ist zurückhaltend, ja fast laff, Refrain und Strophen verschwimmen zu einem biependen und ziependen Klangteppich. Wenigstens nervt's nicht...

Startnummer 14: Island - Coming Home (Sjonni's Friends)


Wer auch immer Sjonni ist, er oder sie hat einen gesanglich talentierten Freundeskreis. Wetten, dass Peter Urban kommende Woche einen ähnlichen Gag vom Stapel lassen wird?
Seit 1986 mit dabei, gelang Islang bislang noch nie der Sieg beim Eurovision Song Contest, aber es reichte gleich zwei Mal für die Silbermedaille. Coming Home ist dafür wohl zu schnell vergessen, jedoch ist die lockere und gleichsam zurückhaltende, altmodische Nummer sehr eingängig und ist schnell fü einr strahlendes Lächeln verantwortlich. Die Stimmen von Sjonnis Freunden harmonieren toll und es fällt einem schwer, nicht mit den Füßen im Takt mitzuwippen. Ich kann nicht einschätzen, wie es beim von Nation zu Nation unterschiedlich strukturierten Kernpublikum dieser Musikveranstaltung ankommen wird, vielleicht wird es ein Überraschungskracher, vielleicht geht es unter. Zwischen mittlerer Top Ten und Blamage ist wohl alles drin. Ich mag's sehr...

Startnummer 15: Ungarn - What About My Dreams (Kati Wolf)


YouTube nach zu urteilen müsste Ungarns Beitrag einer der Favoriten sein, bei der berüchtigten Google-Prognose ist dieser Elektro-Tanzpop hingegen nicht einmal in Riechweite des Gewinnertitels. Der mitteleuropäische Staat, den die Presse im Falle eines Gewinns sicherlich urplötzlich Osteuropa zuschieben wird, dürfte wohl die allgegenwärtige Wohnzimmer-Jury spalten. Es ist für jene, die mit Elektro nicht so viel anfangen können, mit seinen aggressiveren Beats und der pathetischeren Stimme schwerer zu verdauen als einige andere Tanznummer des diesjährigen Contests, dafür wird es Anhänger des Genres viel stärker ansprechen. In meinen Ohren jault Kati Wolf zu viel, ihr Gesang passt stilistisch nicht zu diesen hochgepitschten Elektro-Beats, mir besorgt das Lied (in dieser Abmischung) Kopfschmerzen. Das letzte Drittel könnte live katatsrophal werden oder dem synthetischen Song etwas Leben einhauchen - abhängig davon, wie sicher Kati und etwaige Background-Sänger die Töne treffen. Fans von Post- oder Neo-Eurodance-Bands wie Novaspace (die mir aber viel sympatischer sind als diese Nummer) werden dagegen zum Telefon greifen. Finaleinzug? Recht sicher.

Startnummer 16: Portugal - Luta É Alegria (Homens Da Luta)


Bei jedermanns Lieblings-Videodienst YouTube krebst Luta É Alegria am unteren Spektrum der Bewertungsskala herum. Im Moment, in dem ich das hier schreibe, stehen 282 positive gegen 597 negative Stimmen. Im Internet türmen sich die schockierten Foren- und Blogbeiträge, wie Portugal so etwas nur ernsthaft zum Eurovision Song Contest schicken kann. Ähm, Leute, ich halte es für äußerst offensichtlich, dass sich beim Auftreten der Band um einen subversiven Witz handelt. Und das Lied ist zwar ein bisschen dämlich, macht jedoch auch irgendwie Spaß und ist generell nicht zwanghaft zu ernst zu nehmen. Es ist schräg, ich würde es mir nie auf CD holen, es ist ein Beitrag eben jener Art, die zum Eurovision Song Contest dazugehört! Solche Nummern braucht der ESC! Es sorgt für die klassischen Lästereien vor'm Fernseher, für schräge Blicke und für Diskussionen. Man hätte Folklore und Scherzauftritt gewiss besser vereinen können, aber ich finde es wirklich nicht übel. Das ist unterhaltsam, das landet irgendwo hinten (mehr Action auf der Bühne könnte dagegen helfen), sowas ähnliches kommt nächstes Jahr wieder. So gehört's sich ja auch...

Startnummer 17: Litauen - C'est Ma Vie (Evelina Sašenko)


Das überwiegend römisch-katholische Litauen schickt die per Televoting und Juryentscheidung gewählte, polnisch-ukrainische Wurzeln aufweisende Evelina ins Rennen. Und zwar mit einer klassischen, großen und überdramatischen Eurovision-Ballade. Das ideale Gegensrtück zum portugiesischen Beitrag. Fast so, als stünde hinter dem Startnummernlosverfahren eine raffinierte Methode. Wieso die YouTube-Stimmen fast 50:50 sind, kann ich mir nicht erklären. Das Rad erfindet C'est Ma Vie keinesfalls neu, aber Evalina hat eine kräftige Stimme und ihr Lied klingt nicht nach eingeschlafenen Füßen, sondern ganz traditionell nach Gänsehaut und Pathos. Dennoch, bei Google belegt sie derzeit sogar komplett ohne irgendwelche Punkte dne letzten Platz. Dürfen Balladen nur aus alteingesessenen Eurovision-Ländern kommen? Denn ja, Schwung fehlt dem Lied, ebenso wie eine grundlegende Herzlichkeit, nur fehlte das auch Islands Schnulze Is it true?, und die war 2009 Mitfavorit...

Startnummer 18: Aserbaidschan - Running Scared (Ell/Nikki)


Reisen wir nun ans kaspische Meer, wo sich einige penible Meckerfritzen wieder fragen werden: "Ähm, hallo, Eurovision?" Ich frage mich viel eher, wie Runnung Scared den nahezu obligatorischen Plagiatsvorwürfen entgehen konnten, die alljährlich zur Eurovision-Saison auftauchen. Wenn ich das Mainstreamradio-Programm nehme, alle Exzentriker wie Katy Perry und Lady Gaga sowie alle "Klassiker" (das beste der 70er, 80er, 90er und die Welterfolge von heute!) rausschmeiße, dann klingt der Rest... so. Vor allem, je älter die Gesamtklangfarbe des Senders ist. Running Scared ist Erwachsenen-Popradio in ultrahochkonzentrierter Form, und würde ich genauer hinhören, wenn die Lieder angesagt werden, dann könnte ich euch jetzt garantiert auch sagen, welche zwei Musikstücke genau hier verbraten werden. Nein, nein, nein, Aserbaidschan: Letztes Jahr wart ihr mit Drip Drop ja noch ganz nett, die Rihanna-Kopie nahm ich euch nicht übel, aber dieses langeweilige, gesichtslose "energiereiches Geschluchze" geht mir deutlich mehr auf den Keks, als die seltsamen Narren aus Portugal.

Startnummer 19: Griechenland - Watch My Dance (Loucas Yiorkas feat. Stereo Mike)


Historiker werden glucksen, aber zwei der Länder, auf die ich mich beim Eurovision Song Contest am meisten freue, sind Griechenland und die Türkei. Da Europas Tor zu Asien dieses Jahr ein klein wenig hinter seinen Möglichkeiten zurückblieb, wären es jetzt eigentlich die Griechen, die wieder ordentlich einen Eurovision-Kracher raushauen. Ob es gelingen wird? Die Stimmen sind sehr geteilt, Google sieht den Beitrag weit vorne, andere zerreißen ihn in der Luft.
Schon letztes Jahr setzte Griechenland weniger auf die altbekannten Ethno-Klänge in seiner Pop-Nummer, dieses Jahr wurden sie nahezu wegrationalisiert. Langsam, dramatisch, elektronisch, leidenvoll, mit ein wenig Bouzouki (?) im Hintergrund, so präsentiert sich der schleppende griechische Beitrag, der gleichmal mit einer deplatziert wirkenden Rap-Einlage eröffnet.
1999 und 2000 pausierte Griechenland beim Eurovision Song Contest. Seither war die hellenische Republik acht Mal in den Top Ten. Diese beeindruckende Statistik wird dieses Jahr einen gewaltigen Dämpfer bekommen... Im Gegensatz zu Google zweifle ich nämlich bereits am Finaleinzug.

So viel also zum ersten Halbfinale. Keine wirklich starke Aufstellung, aber es bleibt ja noch eins übrig. Vielleicht ist das mit deutscher Stimmberechtigung stärker? Schon bald finden wir's heraus!

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