Samstag, 25. Juni 2011

Verregneter Funk: Die Heavytones gastieren in Erkelenz


Die Heavytones - es heißt, sie seien die meistgelobte Studioband der Fernsehgeschichte. Seit 2001 sind sie fester Bestandteil von TV total und haben sich im Laufe der Jahre immer mehr musikalische Anerkennung erarbeitet. Ihre Zusammenarbeiten mit dem musikalisch versierten Entertainer Stefan Raab sowie seinen jegliche anderen Castingstars der deutschen Fernsehwelt alt aussehen lassenden Zöglingen, und nicht zu vergessen ihre zahllosen Live-Auftritte mit den Größten des Musik-Business haben ihnen Respekt eingebracht, von denen viele nur träumen können. Vergangenen Mai konnten sie als Begleitband von Stefan Raab und Lena bei der Eröffnungs-Rockabillyversion von Satellite ein Millionenpublikum von ihrem Talent überzeugen.

Und trotzdem genießen die Heavytones noch immer nicht den verdienten Ruhm. Schließlich sind sie meistens nur wenige Sekunden lang zu hören, als musikalischer Rahmen von TV total, wenn Werbung läuft oder Gäste auf- und abtreten. Es reicht, um manche Zuschauer aufhorchen zu lassen "Mensch, ist das eine geile Version von Song XY!", aber sie bleiben für die meisten noch immer "die Band vom Raab". Und exakt die trat vergangenen Donnerstag in meiner Beinahe-Heimatstadt Erkelenz auf. Quasi als Headliner des Open-Air-Bühnenprogramm des alljährlichen Lambertusmarkts. Fünf Tage Kirmes und Musikprogramm zum Sommerbeginn - naja, zumindest in der Theorie, denn der Juni 2011 erinnert einen ja eher an albtraumhafte Februarwochen.

Am Donnerstagmorgen sah die Welt ja noch ganz sonnig aus, doch kaum machten sich meine kleine, auf die Heavytones neugierige Gruppe nach einer gepflegten Runde Nichtlustig! Laborchaos (tolles Kartenspiel, kauft es euch!) auf den Weg, färbte sich der Himmel mausgrau. Vom leichten Nieselregen unbeeindruckt schauten wir uns erstmal auf der Kirmes um, und zu unserem Erstaunen hielt sie sich an den Trend der letzten Jahre, dass von Mal zu Mal immer weniger Fahrgeschäfte zur Auswahl standen. Warum es uns überraschte, wenn man es ja ganz dem Trend entsprach? Nun, das Verhältnis Fahrgeschäft/Rest ist nun völlig umgekippt. Ein Riesenrad, zwei Autoscooter, zwei Kinderzüge, ein klassisches Kinderkarussel, eine Raupe (auch bekannt als "Schlagerexpress"), ein wiiiiinziger Flugsimulator, ein Kettenkarussel und zwei etwas wildere Attraktionen für Jugendliche. Dem gegenüber standen zahllose Crêpes-Stände, mehrere Bratwurstbuden, zwei Softeis-Stände, und, und, und... Ich habe zuvor nirgends die Imbissstände und Los-/Wurfbuden in einer derartigen Übermacht gesehen. Nun, all zu schlecht finde ich das jedoch nicht, immerhin konnte man an einem Dosenwerf-Stand Plüsch-Yoshis gewinnen. Den Stand haben wir zu spät entdeckt, weshalb wir aus Zeitdruck nicht unser Glück versuchen konnten, aber der Lambertusmarkt läuft ja noch bis Montag... Hey, Yoshi ist ja wohl der knuffigste aller Videospielhelden und ich will mir schon länger einen Plüschkameraden anschaffen, wie kann ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen?

Wie dem auch sei, konzentrieren wir uns wieder auf das wesentliche: Die Heavytones. Als ich mich, von einer Da Bomb Final Answer-Currywurst gestärkt, auf dem viel zu kleinen Vorplatz der Open-Air-Bühne einfand, hörte der Regen endlich auf. Der Platz war gerammelt voll und das Bühnenvorprogramm sorgte bereits für lockere Stimmung. Nach Behebung kleinerer technischer Probleme (was muss der Tontechniker auch dauernd am Lautstärkeregler der Mikros rumspielen?) wurden dann pünktlich um 20.30 Uhr die Heavytones angekündigt und der "Moderator" verließ die Bühne. Während gefühlt die halbe Jugend aus Erkelenz und Umgebung (plus ein paar ältere Semester) nach vorne starrten und darauf warteten, dass irgendwas geschieht, dröhnte mit starkem Bass aus den Verstärkern ein wilder Musikzusammenschnitt. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis langsam klar wurde: Halt, das ist kein planloser Lückenfüller. Da hat sich jemand beim Zusammenfügen unterschiedlichster Songs (unter anderem: Rock DJ, Give it Away der Red Hot Chili Peppers, der Titelsongs der Simpsons, From Sarah with Love, Daylight der No Angels und I Shot the Sheriff) ja richtige Gedanken gemacht. Die Lieder führten nämlich eine richtige Korrespondenz untereinander. Spätestens als Zlatkos Ich vermiss' dich wie die Hölle mit einem saftigen Shut Up! abgewürgt wurde und sich Stefan Raabs liebster Schlagerbarde René Pascal zwischen einige Pop- und Rockklassiker mogelte war klar: Das ist die Auftrittsmasche der Heavytones. Und eine richtig großartige obendrein - abgeschlossen wurde sie von einem saukomischen Kommentar der legendären TV total-Stimme, dann war es endlich so weit: Die Heavytones schlufften mit sympatischem Lächeln auf die Bühne und ohne größere Umschweife schwingten sie sich hinter ihre Instrumente, um erstmal ein rund achtminütiges Funk-Medley rauszuhauen.

Dass Stefan Raab und die Heavytones dem hierzulande eher ein Nischendasein führendem Funk alles andere als abgeneigt sind, sollte eigentlich jedem klar sein, der je mit offenem Ohr ein paar Ausgaben TV total gesehen hat. Und der Heavytones-Funk ist eine ideale Einstiegsdroge, wie man auch während des Open-Airs gesehen hat, denn neben spielerischer Frische verbreitete das erste Stück auch eine sehr fetzige Note, die ein paar Jungs in der ersten Reihe zu wildem Headbanging verführte. Nun, das war vielleicht eine etwas übertriebene Reaktion, aber die Heavytones wussten auch den etwas ruhigeren Marktbesuchern einzuheizen. Schnell zeigte sich auch einer der "Running Gags" des Abends: Das angetäuschte Ende. Großer Tusch, ausklingende Instrumente, applaudierendes Publikum, grinsende Heavytones, nochmal eine Minute Lied drangehangen.

Auf das funkige Intro folgte eine kleine Vorstellungsrunde, schließlich ist nicht jeder so ein treuer TV total-Zuschauer wie etwa meine Freunde und ich. Im Laufe des Konzerts schwangen sich auch Schlagzeuger und Bandgründer Herb sowie Keyboarder Wolfgang (dem Unser Star für Oslo-Zuschauer vergangenes Jahr die genialen Arrangements zu verdanken hatten) hinter's Mikro, aber es war überraschenderweise Percussionist Alfonso, der sich zum Conférencier aufschwang. Mit goldiger Laune erklärte er, dass die Heavytones den Sommer (sofern da draußen irgendwo Sommer ist) nutzen, um endlich wieder die Luft außerhalb des stickigen Studios zu schnuppern und den Menschen zu zeigen, dass sie mehr können, als nur eine halbe Minute lang die Fernsehwerbung einzuleiten.

Als zweites Stück spielte die bodenständige Musikertruppe eine umarrangierte (und natürlich instrumentale) Version von Stings Oscar-nominierten My Funny Friend and Me aus Ein Königreich für ein Lama. Vielleicht hätten die Heavytones auf musikalische Ausflüge in den Regenwald verzichten sollen, denn spätestens als Alfonso mit seinen kunterbunten und kuriosen Spielzeugen authentische Regengeräusche (nur viel rhythmischer!) erzeugte, prasselte es auch aus den Wolken. Somit verschwand die Band aus meinen Augen, da der geübte Erkelenzer offenbar nicht ohne seinen Regenschirm auf die Kirmes geht, und wie auf Kommando auch alle ihre Regenschirme aufspannten. Irgendwo hinter den vielen Schirmen ließen die Heavytones die Sting-Schnulze nahtlos in eine peppige Interpretation von Beyoncés Déjà Vu fließen, der die (wie ich am Tag darauf der Presse entnehmen konnte) knapp Tausend Anwesenden unter ihren Regenschirmen tatsächlich auch zum Tanzen brachte. Naja, so gut das halt unter'm Regenschirm und auf glitschigem Kopfsteinpflaster möglich war. Mit Beyoncé kann ich (nicht mehr) viel anfangen, aber die Version der Heavytones klang sowieso viel aufgeweckter und antreibender als das Original - es zahlt sich halt aus, wenn die Musik handgemacht ist und nicht aus dem Computer stammt.


Es folgte ein Gastauftritt von Christian Durstewitz, der genauso zerzaust rumlief wie bei Unser Star für Oslo und ganz locker mit (kurzzeitig nicht mehr eingeregnetem) Publikum sowie Band rumscherzte. Pflichtmäßig lobte er das schöne Erkelenz und kündigte an, nach der ans Konzert anschließenden Autogrammstunde wieder um die Buden ziehen wird. Irgendwo war ein Pferderennspiel, wo er sich unbedingt nochmal versuchen müsse, denn vorhin sei er leider nur Dritter geworden. Wäre ja schade, sowas.
Durstewitz spielte erst allein auf seiner Gitarre, beim zweiten Song setzten die Heavytones dann aber mit einem hübschen "WUMMS!" im Refrain wieder ein. Großartiges Timing, denn gerade kam wieder Nieselregen auf, was einige der verweichlichteren Besucher wieder unter die Regenschirme trieb. Mit Bandbegleitung konnte die Stimmung aber gerettet werden - bloß sah man leider nicht mehr sehr viel vom rumscherzenden Durstewitz. Der hatte nämlich prächtige Laune (und das, obwohl laut Alfonso am Vortag seine Scheune von einem umgestürzten Baum zerstört wurde) und leistete sich bei langen, höhen Tönen einige herrlich alberne Grimassen. Nach einem ruhigen Mando-Diao-Cover, bei dem sich die Heavytones "hinsetzen müssen, die alten Rücken halten das ja nicht länger aus" verabschiedete sich Durstewitz mit seinem Song Stalker - "den kennt ihr vielleicht aus der Werbung".

Nachdem Durstewitz die Bühne verließ, kündigten Alfonso und Wolfgang an, auf das Wetter zu reagieren und für den Rest des Abends das kürzere Regenprogramm zu spielen. Dies bestand aus einem etwas romantischeren und einem mittelschnellen, dafür recht langen Stück - beide sagten mir nichts, ich habe auch nicht ergooglen können, ob's etwas eigenes der Heavytones war oder mir unbekannte Funk-Klassiker. Jedenfalls verabschiedeten sich die Heavytones und kündigten an, sich nur kurz frisch zu machen und sich dann darauf zu freuen, uns "bei einem Bier... oder zwei... ein bisschen zu quatschen und, naja, rein zufällig haben wir auch ein paar Kopien unserer Alben hier, nur so, falls die jemand haben möchte".

Das verbliebene Publikum (ein paar Leutchen gingen, als kurz nach Durstewitz' Auftritt wieder etwas heftigerer Regen aufkreuzte) hatte aber noch nicht genug. Der Abschiedapplaus wurde von immer lauter werdenden "Zugabe!"-Forderungen unterstützt, bis Alfonso auf die Bühne stoperte: "Für mich reicht das, aber für die ganze Band muss das noch ein wenig lauter werden!" So gesagt, so getan. Die Heavytones kehrten nochmal zurück und holten in der halbstündigen Zugabe nochmal zwei richtig dicke Kracher raus, die dem Publikum so richtig einheizten. Über die Euphorie war die Band wohl selbst richtig erstaunt (O-Ton Herb: "Was seid ihr auf einmal so freundlich zu uns?") und so dauerte es nach dem zweiten Abgang nicht mehr lange, bis sie Heavytones die erneuten Zugabe-Wünsche erhörten: "Leute, wir sind jetzt leergespielt. Aber, wenn ihr unbedingt wollt, wir können euch noch so richtig den Abend verregnen..." sprach es, und die Heavytones übten sich als Acapella-Truppe. Und, ja, man merkte, dass es nicht ihre Hauptprofession ist, aber es war dennoch beschwingt und vor allem locker-lässig-cool.

Das Schlussfazit? Ein wirklich toller Auftritt einer extrem talentierten Musikkombo. Die Heavytones sind nicht gerade die großen Rampensäue, aber mit ehrlicher Bescheidenheit, viel Charisma und ihrer musikalischen Versiertheit haben sie ein tolles zweistündiges Konzert abgeliefert, ohne sich zu sehr vom plagenden Regen stören zu lassen. Ich hoffe, dass die Heavytones bald wieder in meiner Nähe auftreten, dann aber gerne in einem Jazzclub oder ähnlichem, denn das hätte nochmal einiges mehr Stil und würde was besser zur Truppe passen.

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3 Kommentare:

Sunshine hat gesagt…

Regen! Natürlich Regen, der Lambertusmarkt wird doch jedes Jahr brav von ordentlichen Regenschauern heimgesucht, die erst am letzten Tag aufhören, wenn den ganzen Schaustellern das Geschäft schon gut vermiest wurde.

Immerhin schön, dass das anwesende Publikum aber sehr gut mitging und v.a. dass es trotz des blöden Wetters ordentlich voll war (will heißen: Platz ausgenutzt). Vielleicht kommen sie ja nächstes Jahr wieder (gerne mitm Dursti), gegebenenfalls würde ich dann die Anreise in Kauf nehmen, wenn nicht grad wieder Klausuren, Familienfeste und sonstige Feiern anstehen. *seufz*

Aber hey, cool, dass hier so viel Spaß hattet! Und Funk ist doch toll, aber Deutschland ist ja manchmal seltsam... ;)

Sir Donnerbold hat gesagt…

Ist der Regen tatsächlich eine alljährliche Tradition? Ich kann mich sonst an keine verregneten Besuche erinnern, nur an einen sehr windigen an dem der Betreiber des Schlager-Express wohl kein Geld verdienen wollte und uns eine extra lange Runde spendiert hat. Was bei der Musikauswahl zur Qual wurde.

Aber ja, das Wetter haben die meisten Besucher gekonnt ignoriert. Als die bei den kleinsten Tropfen schon ihre Regenschirme aufspannenden Miesepeter gegangen sind, war der Knoten endgültig geplatzt und man hat das auch an den Gesichtern der Heavytones gesehen, dass die Stimmung nochmal um einiges besser wurde. :-)

Sunshine hat gesagt…

Der typische Erkelenzer Kirmes-Regen ist irgendwie ein Running Gag. Wer zu diesem Zeitpunkt draußen feiern will und sich dann über Regen beschwert, bekommt immer zu hören: "Was bist du auch so blöd, und feierst zur Erkelenzer Kirmes draußen? Da regnets doch sowieso immer!"

"Gefühlt" stimmt das auch. *g* Aber es trifft bei der Spätkirmes wohl eher zu... spontan fällt mir auch kein besuch ein, bei dem geregnet hätte. Kann natürlich auch sein, dass ich mir einfach schon nie die Mühe gemacht habe, hinzufahren und einen Parkplatz zu suchen, wenn's eh nach Regen aussah. *g*

Aber yeah, Heavytones! :)

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