Montag, 22. August 2011

Die deutsche Stimme der englischen Noblesse ist verstummt

Bildquelle: dpa

Am 14. August verließ uns der deutschsprachige Inbegriff des britischen Kavaliers: Im Alter von 94 Jahren verstarb der große Film- und Theaterschauspieler Friedrich Schoenfelder in seiner Wahlheimat Spandau. Es war ein friedlicher Tod im Kreise seiner Familie.

Der am 17. Oktober 1916 geborene Friedrich Schoenfelder gehörte zum alten Eisen deutscher Bühnenschauspieler. Er gab 1936 unter seinem Mentor Gustaf Gründgens am Preußischen Staatstheater sein Debüt. Nach dem Krieg nahm er mit seiner galanten Erscheinung und seiner noblen, sonoren Stimmte schnell das Charakterfach des distinguierten Herren von Welt für sich ein. "Ich kriege aber immer 'ne gut aussehende Rolle, und bei Herrn Shakespeare sind es die langweiligen doofen Herzöge, die ich spielen muss", erklärte der sich selbst als Zausel und alten Doofkopp bezeichnende Darsteller seine Stammrollen.

Zu diesen markanten Bühnenfiguren gehörten zunächst Oberst Pickering und darauf auch Prof. Higgins in der viel respektierten deutschen Erstaufführung des Musicals My Fair Lady im Berliner Theater des Westens sowie die Hauptrolle in Mein Freund Harvey. Im Bereich Film und Fernsehen machte sich der nimmermüde Gentlemanunter anderem mit den Serien Berliner Weiße mit Schuss und Die Wicherts von nebenan sowie Otto - Der neue Film einen Namen. Zudem spielte er in vier Verfilmungen von Edgar-Wallace-Romanen mit, die er nach eigenen Aussagen bereits als Heranwachsender verschlungen hat. Nicht aber aus Bewunderung, sondern aus Faszination an ihrer miesen Qualität. Und auch wenn sich seine Meinung auch nicht durch die Verfilmungen änderte, hielt er stolzen Kontakt zur großen deutschen Fangemeinde des Kultautors.

Mir selbst wird er aber stets vor allem als einer der wichtigsten sowie talentiertesten Synchronsprecher Deutschlands in Erinnerung bleiben. Schoenfelders charismatisch reibende Stimme kenne ich bereits seit meiner frühsten Kindheit, und wann immer ich die so markant kultivierte Stimme "aus den vielen Disney-Filmen" höre, muss ich unweigerlich lächeln. Ich liebe Schoenfelders Synchronarbeit, und wegen Künstlern wie ihm finde ich es so bedauerlich, dass zunehmend lautere und penetrantere Nörgler sämtliche Synchronisationen verteufeln, statt dieses Gewerbe differenzierter zu betrachten.

Schoenfelder lieh seine wundervolle Stimme unter anderem David Tomlinson, der in den Disney-Klassikern Ein toller Käfer, Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett und, allen voran, als Mr. Banks in Mary Poppins zu sehen war. Schoenfelder war außerdem als der herrliche Dr. Wasdenn in dem massiv unterschätzten Zeichentrickfilm Basil, der große Mäusedetektiv zu hören, ebenso als Kaiser in Mulan, Doc Hudson in Cars und Erzähler in der letzten Schneewittchen-Synchro und in Die Schöne und das Biest. Die Rolle des Erzählers übernahm er auch in zahlreichen Märchen-Hörbüchern, Der Schuh des Manitu, einigen Asterix-Teilen und Little Britain.
Schoenfelder war auch der Stammsprecher solcher Größen unterschiedlichster Filmsparten wie David Niven, Peter Cushing, Vincent Price, Michael Gough, Alec Guinness und Rex Harrison (durch den Schoenfelder seine Paraderolle des Professors in My Fair Lady wiederholte).

An dieser Stelle möchte ich auch das übliche Schema eines Nachrufs durchbrechen, und anmerken, wie bedauernswert ich es finde, dass Schoenfelders Ableben in den deutschen Medien eher eine Randnotiz darstellte - weshalb ich tatsächlich bis heute Abend nichts von dieser traurigen Meldung mitbekam. Dieser verspätete Nachruf soll als kleine Verneigung vor diesem begnadeten und auch überaus sympatischen Künstler dienen, und ich hoffe, so vielleicht auch weitere Menschen auf ihn aufmerksam zu machen.

Zumindest konnte der bis zu Letzt tätige Schoenfelder einen seiner größten Wünsche erfüllen: „Schauspieler ist kein Beruf, mit dem man mit 65 Jahren in den Ruhestand geht und sich darauf freut, endlich Rosen züchten zu können“, verkündete Schoenfelder in einem derzeit viel zitierten Interview. „Ein Schauspieler will im besten Falle arbeiten bis zu seinem Tod.“ Dies hat der mit dem für sein Synchron-Lebenswerk ausgezeichnete Spandauer getan. Sowohl hinter dem Mikro, als auch vor der Kamera.

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