Freitag, 12. August 2011

Ey, lad dir mal Liebe runter!

Deutsche Fernsehkomiker überfallen regelmäßig die Kinolandschaft. Trotz solcher Flops wie Ausbilder Schmidts Morgen, ihr Luschen! kann man diese cineastischen Gehversuche der televisionären Ulknudeln getrost als florierendes Geschäft bezeichnen. Otto erreichte mit jedem seiner Kinofilme zwischen einer und acht Millionen Besucher, Otto's Eleven einmal ausgenommen. Michael "Bully" Herbig ist für den erfolgreichsten (Der Schuh des Manitu, 11,7 Mio. Besucher), den zweiterfolgreichsten ((T)Raumschiff Surprise - Periode 1, 9,2 Mio.) und den 19. erfolgreichsten (Wickie und die starken Männer, 4,9 Mio.) deutschen Filme aller Zeiten verantwortlich.

Loriot gilt (berechtigterweise) als Kulturgut und konnte gleich zweimal über 3,5 Millionen Kinobesucher anlocken. Als krassen Gegenpol hätten wir Tom Gerhardt, dessen Filme die Kulturwächter unseres Landes in den Wahnsinn treiben. Ebenso trugen unzählige Kinoangestellte herbe Traumata davon, denn das Gerhardt-Kinopublikum gilt als das ungepflegteste, lärmendste und saumäßigste, das man in Deutschland haben kann. Und dennoch, naja, wohl auch gerade deshalb, gelten diese Witzschinken in gewissen Schichten als Kult.

Oh, und irgendwo dazwischen siedelt sich Helge Schneider an, der entweder der größte Spaßvogel der Welt oder der seltsameste und unlustigste Depp ist, der je viermal die Finanzierung einer eigenen Komödie aufstellen konnte. Diese Liste lässt sich beliebig weiterführen: Hape Kerkeling habe ich komplett ausgelassen, genauso wie die WiXXer-Filme. und Til Schweiger ist zwar kein Fernsehkomiker, doch seine Filme kommen selten ohne eben diese aus und haben allesamt eine beachtliche Anhängerschaft. Eigentlich sind fast alle Kinoausflüge deutsche Komödianten Kult, Kultur oder erstaunliche Kassenschlager. Manche sogar alles zugleich.

Bereits unter diesen Erfolgen gibt es ein paar unverdiente Fälle. Und die Kinoausflüge der TV-Spaßgesellschaft, die schnell in Vergessenheit gerieten, haben es eigentlich allesamt so verdient. Eigentlich. Denn unter den wenigen Komödien, die weder eine treue, eingschworene Fangemeinde haben, noch ihren Produzenten eine riesige Villa einbrachten, gibt es eine goldene Ausnahme. Einmal suchte ein deutscher Fernsehkomiker das Glück in der Kinowelt, fand dort weder große Abneigung, noch große Begeisterung und hätte es meiner Meinung nach verdient, mit seinen Leinwand-Gehversuchen wenigstens auf DVD zu einem Kult-Geheimtipp zu werden.

Wieso? Nun, das versuche ich euch nun zu erklären.

Meine Damen und Herren, ich erbitte mir mehr Respekt für...

Vollidiot

Schreibtman über den Vollidiot-Kinofilm, sollte man wohl am besten auch seine Meinung über Oliver Pocher kundtun. Pocher ist für mich ein Grenzfall. Manche hassen ihn wie die Pest, andere finden nahezu alles, was er macht, hervorragend. Bei mir ist es mal gut, mal mies. In der Zeit vor Vollidiot fand ich ihn einen besseren Stand-Up-Komiker, als Teilzeitmoderator, doch nach Vollidiot hat er sich von kurzen Stand-Up-Einlagen weg, zu einem ausgewachsenen Comedyprogramm hinentwickelt, und das fand ich sterbenslangweilig. Generell ist Pocher jemand, der sehr witzig sein kann, aber offenbar schnell faul wird und sich in kopflose Provokation und/oder miese Parodien flüchtet (letzteres erst seit dem anfangs netten, dann plötzlich katatsrophal abgeschmierten Schmidt & Pocher). Manchmal kitzelt Gesprächspartner oder fixe Ideen aber ganz gute Momente aus ihm raus.

Anders gesagt: Ein Pocher-Fan bin ich wirklich nicht. Doch ich gehöre auch nicht zu denen, die ihm am liebsten die vorlaute Fresse einschlagen würden. Und irgendwie denke ich, dass die Abneigung gegen Pocher schuld daran ist, dass sehr viele Leute Vollidiot keine faire Chance geben. Genauso, wie so manches glühendes Paar Eierstöcke einigen Frauen jegliche Fähigkeit vernebeln, eine schlechte Johnny-Depp-Performance zu erkennen, wenn sie ihnen in den Hintern tritt und notgeile Teenies einfach jeden Film mit Megan Fox superdupermegatoll finden, werden manche Oliver Pocher saumies finden, ganz egal, was er macht.

Und das ist schade. Mal ganz davon abgesehen, dass man sich Pocher ja wohl eh in keiner besseren Kinorolle vorstellen kann, als die titelgebende Figur einer Komödie namens Vollidiot, er ist in diesem Film auch eine richtig positive Überraschung. Gewiss, er spielt hauptsächlich eine zu Gunsten der Filmhandlung gedrosselte Version seiner selbst, aber das erstaunlich natürlich. Wenn man mal auf einige der neben Otto agierenden Gastkomiker der 7 Zwerge-Filme blickt, so sind sie sehr hölzern und einseitig. Pocher dagegen ist zwar bei weitem kein Oscar-Kandidat, doch er ist in seiner Darstellung so flexibel, wie es die Handlung auch verlangt und zeigt mehr als nur seine neckische Seite. Einzig in einer kurzen Rückblende, die zeigt wie die Freundin seiner Leinwandfigur Simon Peters ihm beichtet, schwanger zu sein, dass das Kind von jemand anderem ist und dass sie Schluss machen will, klingt Pocher etwas bemüht. Es ist keineswegs qualvoll, aber er drückt seine Stimme, seine Darstellung rückelt etwas, so als wüsste er nicht wirklich, wie er die Szene anlegen soll, mogelt sich aber noch ganz hinnehmbar durch. Von dieser Seqeuenz abgesehen gibt Pocher eine ganz überzeugende Leistung ab. Natürlich gibt es ein paar Seitenhiebe auf seine eigene Persona (bei einem so überdeutlichen Fall von Typcasting unvermeidlich), trotzdem gewinne ich bei Vollidiot den Eindruck, dass Pocher klar im Dienste des Films steht, und nicht etwa die Buchvorlage während des Übersetzungsprozesses auf die Kinoleinwand als Pocher-Vehikels zweckentfremdet wurde.

Ja, es gibt einige humoristische und inhaltliche Unterschiede zum Buch, jedoch sind dies in meinen Augen sehr gelungene Kompensationsversuche, um das zu ersetzen, was man nicht vom Papier auf Film retten konnte. Jaud umschreibt Situationen und Gedanken sehr komisch, allerdings kann man ja nicht ununterbrochen einen Erzähler das Bild kommentieren lassen. Also ließ man sich ein paar herrlich verschrobene neue Dinge einfallen und hat die Hauptfigur etwas "pocheriger" gemacht, ohne sie vom Vollidioten zum Megaarsch zu machen. Finde ich alles sehr gut, da man das Humorlevel beibehielt, ja, sogar steigerte (während die spätere Jaud-Verfilmung Resturlaub ordentlich Federn ließ).

Vollidiot handelt davon, dass der Telekom-Angestellte Simon Peters (Pocher) in strammen Schritten auf die 30 zugeht. Von seinen ahnungslosen Kunden ("Ey, du, 'schab Klingelton gelöscht, weissu, welchen Knopf drückisch, dass wieda drauf?") ist er ebenso genervt, wie von der Firmenleitung, die zum Beispiel meint, ihr Image verbessern zu müssen, indem sie ab sofort den Markennamen an den Filialen weglässt. Seine Chefin, wegen ihrer Brille nur "Eule" (eine gut gelaunte Anke Engelke) genannt, kann Simon aus Prinzip nicht leiden.
Was Simon aber wesentlich mehr auf den Zeiger geht, als sein Beruf, ist sein Liebesleben. Oder viel eher das Fehlen eines Liebeslebens: Seit er von seiner langjährigen Freundin Tina (Frederke Kempter) verlassen wurde, findet sich Simon auf dem Singlemarkt einfach nicht zurecht. Glücklos versucht ihn seine Putzfrau Lala mit einer anderen Kundin zu verkuppeln, in Clubs verscheucht Simon die Frauenwelt mit seiner exzentrischen Tanzerei. Oder mit seinen dämlichen Anmachsprüchen. Als er auf Anraten seiner besten Freundin Paula (Tanja Wenzel) in einen Cluburlaub fliegt, kommt er als einziger ungevögelt nach Deutschland zurück. Und um seine Erfolglosigkeit noch brutaler vorgeführt zu bekommen, hat nun auch noch ausgerechnet sein dicker Freund Flik (Oliver Fleischer) eine neue Flamme, mit der es gut läuft. Dabei "hat der dicke Flick nur dick zu sein", neben Simon zu stehen und dafür zu sorgen, dass er sich besser fühlt. Aber dann kommt endlich der Silberstreif an Simons Horizont: Im neusten Schuppen der All American Coffee Company verliebt er sich unsterblich in die umwerfende Bedienung mit dem temperamentvollen Namen Marica P. Garcia. Klar, was es nun zu tun gilt: Marica für sich gewinnen, mit ihr eine Familie gründen und glücklich werden...

Sehr viele böse Verrisse von Kinokritikern kreiden Vollidiot an, ein mit Gastauftritten deutscher Fernsehgesichter bespicktes Schaulaufen reinsten Prollhumors zu sein. Wirklich? Also, ja, es stimmt, dass man nahezu jedes zweite Gesicht in Vollidiot aus dem Fernsehen kennt, aber dieses Schaulaufen ist wesentlich unangestrengter, als das 7 Zwerge-Schema "Oh, guck mal, den kenne ich.. Und er macht genau das, was er immer macht!". Das Ensemble ist bis in die kleinsten Rollen mit talentierten Darstellern besetzt, wie etwa Jana Pallaske und Julia Stinshoff als angebaggerte Stewardessen, Herbert Feurstein als Gerichtsvollzieher oder Bettina Lamprecht (Frau Bruck aus Pastewka) als Simons von seiner Putzfreu arrangiertes Date. Mit Ausnahme von Feuerstein sind das keinesfalls einschneidende Rollen, aber es kann ja wirklich nicht schaden, Pocher jemanden gegenüberzustellen, der ihm hilft den Comedyball am Rollen zu halten.

Und Proll-Humor? Also echt, da haben sich aber einige ordentlich von Oliver Pochers Ruf blenden lassen.
Proll-Humor? Echt? Vollidiot ist zwar längst keine dieser Tragikomödien, die für jeden Witz mindestens zwei schwerwiegende Gedanken anschneiden, doch dies bedeutet keinesfalls, dass es eine "Höhö, höhö, er hat 'Ficken' gesagt und Bier getrunken!"-Komödie ist. Mir fällt nicht eine einzige Pointe ein, die unter die Gürtellinie zielt und auch der konsequente Schenkelklopfer-Blödelhumor von Bully ist in Vollidiot nicht aufzufinden.

Viel eher verspürhre ich bei Vollidiot einen kleinen Scrubs-Vibe. Ja, jetzt hab ich's gesagt, Vollidiot hat für mich die Aura eines deutschen Kino-Scrubs. Wenn das nicht mal ein Ritterschlag ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Vollidiot ist etwas gröber (klar, wir haben ja auch mit Oliver Pocher zu tun) als Scrubs und nicht ganz so schrill wie meine geliebte, skurrile Comedyserie mit Dramaeinschuss. Aber, definitiv, vor allem im letzten Drittel könnte ich von der Grundstimmung und den in ihrer Absurdität urplötzlich doch wieder lebensnahen Einfällen her genauso gut eine sich auf JDs Liebesleben konzentrierende Folge von Scrubs gucken. Und die meisten Blogleser sollten wissen, wie sehr ich Scrubs liebe.

So haben wir in Vollidiot genauso wie in Scrubs einen sich ständig ans Publikum wendenden Protagonisten, der in einem Off-Kommentar sowohl seine eigene Idiotie reflektiert, wie über sein Umfeld ablästert. Es gibt mehrere Stellen, an denen ein kleiner Tagtraum das Geschehen unterbricht, um es mit leicht skurrilen Bildern zu kommentieren. Das reicht von kurzen visuellen Gags wie einem mit Post-its beklebten Dom bis hin zu einer herrlich schnulzig-übertriebenen Traumversion von Simons erstem Date mit der Kaffeedame Marcia. Am besten sind aber die Eilnachrichten-Unterbrechungen mit dem ntv-Anchorman Lars Brandau, der knochentrocken die jüngsten Entwicklungen in Simons Leben oder Psyche als weltbedeutende Neuigkeiten verkauft. Und das gefällt mir so sehr an Vollidiot: Zwischen all den Frotzeleien Pochers finden Autor Tommy Jaud und Regisseur Tobi Baumann (Der WiXXer, Zwei Weihnachtsmänner, Ladykracher) die Zeit, sehr knallige Gags dazu zu missbrauchen, sehr subtil darauf hinzuweisen, wie sehr sich in einer Krise befindliche, junge männliche Singles doch übertrieben wichtig nehmen.

Nicht zuletzt genau deswegen funktioniert  auch Oliver Pocher so überraschend gut in Vollidiot. Er rüpelt in der Rolle von Simon Peters nicht wahllos um sich herum, sondern wird als ein (halbwegs) erwachsen gewordener Klassenclown gezeichnet. Er albert herum, spricht gegenüber Menschen, mit denen er eigentlich nichts zu tun hat stets das aus, was ihm durch den Kopf schießt. Einfach nur, um sich selbst zu amüsieren. Auf diesen Luxus mag er nicht verzichten, gleichzeitig würde er aber gerne wieder ein geregeltes Liebesleben haben. Darüber kann man lachen, da der Film in der Hinsicht erstaunlich lebensnah ist: Unser amüsanter Frechdachs bekommt das, was er will, deshalb nicht, weil er an etwas anderem festhält, dass er will. Man kann also über die Frechheiten von Simon Peters lachen, und gleichzeitig aber auch über seine Rückschläge lachen - denn er hat beides verdient.

Letztlich erzählt Vollidiot, sobald die Handlung voranschreitet, davon, dass ein entnervter Single derart verbittert darum kämpft, wieder eine Beziehung führen zu können, dass er vom albernden Zeitgenossen zum reinsten Vollidioten verkommt. Das wird leicht überzogen dargestellt, ist aber tatsächlich etwas, das man nachfühlen kann. Dabei hilft auch die Inszenierung Baumanns, der sein Hauptaugenmerk auf die Pointen legt, aber dennoch bemüht ist, seinem Film in den wichtigsten Phasen auch eine gewisse, leicht verschrobene realistisch-melancholische Grundnote zu geben. Erneut möchte ich den letzten Teil hervorheben, in dem sich Simon Peters auf ein kleines Experiment einlässt: Er will seine Umwelt von der furchtbaren Geißel, die er darstellt, befreien... unter der Bedingung, dass sie auch ihn in Ruhe lässt. Eine simple, sehr tolle Idee, die mit einer gesunden Skurrilität umgesetzt wird und sehr gerne mehr Laufzeit in Anspruch nehmen dürfte. Achja, noch was: Der sorgfältig zusammengestellte Soundtrack passt wie die Faust auf's Auge. Kennt man ja ebenfalls von Scrubs...

Trotzdem gibt es natürlich auch ein paar Schwächen in Vollidiot. Der "Deine Schwester ist soooo dick..."-Running-Gag ist lahm, da wäre mir noch mehr Imperialismus-Kritik lieber gewesen, oder mehr vom Insidergag rund um die 30C für aufmerksame Zuschauer. Auch das andauernde Gerede über die innere Kanalstraße in Köln ist viel witziger und hätte mit noch mehr Penetranz ein umwerfender Dauerscherz werden können. Auch Simons Traumfrau Marcia P. Garcia (schön kühl-trocken gespielt von Ellenie Lany Salvo González) ist zwar eine gelungene Figur, aber das stückchenweise kommende Kennenlernen könnte ein paar tüchtigere Überraschungen gebrauchen. Sicher wären da ein paar Boni für wiederholtes Anschauen des Films denkbar, aber da verlange ich wohl viel zu viel von dieser Komödie.

Trotzdem: Alles in allem ist Vollidiot eine dem deutschen Gegenwartshumor angepasste Variante der Scrubs-Mentalität. Mit verschrobenen Einfällen und frechen Dialogen versucht Vollidiot ein Lebensgefühl einzufangen und zu Gunsten unbeschwerter Lacher zu überzeichnen. Dies gelingt auf ganzer Strecke, und hätte man sich noch mehr getraut ins melancholische zu gehen, wäre dieser frech-fröhliche Film noch kultiger und langlebiger. Dieses Wunschdenken bei Seite gibt es in Vollidiot Oliver Pocher von seiner sympatischsten Seite zu sehen, eine toll aufgelegte Riege an Nebendarstellern und sehr viele Dialoge, die dazu taugen, im Alltag zitiert zu werden. Angesichts seines Status als "noch eine deutsche Komödie über Singles" und dem Hauptdarsteller hätte ich es nie gedacht, aber seit seinem Kinostart hat sich Vollidiot richtig gut gehalten. Ich kann ihn mir regelmäßig anschauen und jedes Mal bin ich überrascht, wie gelungen er doch ist. Ein ums andere Mal denke ich mir: "Ach, ist doch eigentlich eine der stärkeren modernen, deutschen Komödien! Wieso genau haben wieder alle verdrängt, dass es diesen Film gibt?"

Und deshalb hat Vollidiot mehr Respekt verdient.

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2 Kommentare:

The Reader hat gesagt…

Ich wurde damals von Freunden ins Kino gequatscht und hatte dann von allen am meisten Spaß. Den anderen wurde wohl zu wenig Pocher-Humor geboten. Bei der Szene, in der Pocher sich einschließt und Wahnvorstellungen bekam, musste ich wie du an Scrubs denken.

Habe es (flüsternd!) meinen Freunden mitgeteilt und wurde schräg angeguckt. Aber jetzt weiß ich, dass ich nicht alleine bin. ;-)

Anonym hat gesagt…

GUTER FILM ! Er verdient Reschpekt.

Ich komme aus Würzburg.

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