Samstag, 30. Juli 2011

Rapunzel singt Rihannas "Umbrella"


Ja, gut, ich geb's zu. Ich habe euch in der Überschrift beschummelt. Nicht Disneys wundervolle Prinzessin hat sich Rihannas Charterfolg Umbrella angenommen, sondern deren Originalstimme Mandy Moore. Allerdings ändert es nichts daran, dass dieses Cover herzerwärmend ist. Das Video ist zwar etwas betagter, doch ich bin erst vor kurzem darauf gestoßen, und ich nehme einfach mal dreist an, dass es vielen anderen bisher unbekannt ist. Schaut (und vor allem hört) es euch einfach an:



(Für die drei Menschen auf der Welt, die zum Vergleich erstmal das Original kennenlernen müssen, hier ist es. Oh, Verzeihung, ich meinte natürlich hier. Und wenn sich nun zwei der drei Menschen daran erinnern, das Lied sehr wohl zu kennen, dann überrascht mich das in der Hälfte der Fälle nicht.)

Zunächst einmal muss ich sagen, dass mir Mandy Moore durch ihre Kommentare zu Beginn des Videos nochmal um ein vielfaches sympathischer geworden ist. Dabei war ich schon vorher recht vernarrt in sie. Dann muss ich einfach die fast schon erstaunliche Tumbheit der Videoverantwortlichen applaudieren: Während Mandy Moore mit goldiger Stimme ihre zärtliche Uminterpretation von Umbrella singt, läuft im Hintergrund unbekümmert das Originalvideo, in dem Rihanna wie die letzte Schlampe auf Erden rumrennt.

Was mir so sehr an diesem Cover gefällt, ist, wie durch das Umarrangement und Mandy Moores deutlich emotionaleren Gesang eigentlich sämtliche Probleme hinweggefegt werden, die ich mit dem ursprünglichen Lied habe. Zu Rihannas Umbrella pflege ich eine klassische Hass-Liebe, größtenteils, weil der Song mehrfach kurz davor steht, eine Wende zu nehmen, hin in eine Richtung, die mir unheimlich gefallen hätte. Und stattdessen bleibt er bei seinem Standard Pop/R'n'B-Schema hängen, worüber ich mich herrlich aufregen kann. Bei Mandy Moore bleibt die von mir im Original ersehnte Klangexplosion weiterhin aus - aber in diesem Fall zu recht. War das Stück bei Rihanna ein Tanzflächen-Kracher, der sich weigerte, im richtigen Moment einen Gang zuzulegen, wird es bei Mandy Moore zur zärtlich-süßen Liebesballade, bei der schon der geringste zusätzliche Druck in Musik und Stimme die Welt bedeutet.

Schließlich und letztendlich... bin ich der einzige, der sich beim Anhören unweigerlich vorgestellt hat, wie Rapunzel und Flynn nach einem kleinen Zwist durch den Regen wandern, und Rapunzel mit lieblichem Gesichtsausdruck zu Flynn rübertänzelt und ihn in einer versöhnlichen Geste mit ihren Regenschirm vor dem prasselnden Nass schützt, während sie diese zartfühlende Ballade säuselt? Kann bitte jemand die kontemporäreren Zeilen zu Beginn des Songs durch zu Rapunzel passende Worte ersetzen und den Titel in ein Duett umschreiben, damit wir diese Sequenz als Storyboard umsetzen und an Disney schicken können? Ich will, ich will, ich will das als malerisch animierten Kurzfilm im Vorprogramm der nächstbesten Disney-RomCom sehen!

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Mittwoch, 27. Juli 2011

Jetzt noch im Kino, bald schon auf dem Schrottplatz

Als Cars 2 im April 2008 offiziell angekündigt wurde, war ich von Pixar vorerst am Boden enttäuscht. Die Gerüchte machten bereits im Vorfeld die Runde, aber ich war mir sicher, dass die Trickfilmzauberer aus Emeryville der Versuchung widerstehen können. Ja, Cars war ein Merchandising-Renner, aber von der Kritik und erwachsenen Pixar-Fans wurde er weniger warmherzig aufgenommen, als das restliche Schaffen der von einer putzigen Lampe überwachten Traumfabrik. Tja, und dann kam sie halt, die Ankündigung des Schreckens. Ich hatte in den Folgemonaten versucht, mich an den Gedanken einer Cars-Fortsetzung zu gewöhnen, und es ist mir sogar ansatzweise gelungen. Ich wollte sie nicht, doch ich konnte sie immerhin akzeptieren. Schließlich bieten die Cars-Welt und die Handlung des Originals mehr Raum für eine Fortsetzung, als etwa Die Monster AG. Dann wurde auch dieses Sequel bestätigt, und ich war völlig verloren. Auf der einen Seite wartet ein Film, den ich nicht so gut finde, der aber fortsetzbar ist, und auf der anderen ein Film den ich liebe, der sich aber nur bedingt für eine Fortsetzung eignet. Und alle Welt wartet weiterhin geduldig auf die einzige Pixar-Fortsetzung (abseits von Toy Story 3), um die wir gebeten haben: Die Unglaublichen 2.

Zwischenzeitlich verspürte ich so etwas wie verhaltenen Beinahe-Optimismus bezüglich Cars 2: Auf dem Gefühlshoch von Toy Story 3 und aufgrund des angekündigten Genrewechsels bei Cars (Teil 2 soll ein waschechter, brenzliger Spionagethriller mit eingestreutem Humor werden) war ich nach dem ersten Trailer immerhin gespannt auf den Streifen. Vorfreude wäre falsch formuliert, aber ja, ich wollte wissen, was Pixar denn nun anstellt. Mit jedem Stück zusätzlichem Material hat sich dies jedoch wieder geändert. Ja, Cars 2 orientiert sich mehr an den Stärken des Originals, also die Optik und den Humor, statt uns zu zwingen, unser Herz für Figuren zu öffnen, die schlichtweg nicht so spannend sind, wie das übliche Pixar-Ensemble... Doch der versprochene, kernige und erwachsene Agenten-Ansatz schien verloren. Stattdessen drohte das Marketing mit Spionage-Blödeleien. Meine Erwartungshaltung an Cars 2 war dadurch folgende: Für Pixar ein riesiger Rückschritt, aber der Film wird bestimmt an normalen Standards gemessen ganz in Ordnung sein.

Dann kamen die desaströsen US-Kritiken. Aber trotzdem, ein Funken Vertrauen in Pixar blieb. Am Tag vor der Pressevorführung sah ich mir nochmal sämtliche Cars Toons an, und ich erwartete schon, dass Cars 2 recht ähnlich wird. Die Cars Toons sind nämlich auf gewisse Weise besser als ihr abendfüllendes Vorbild. Natürlich ist Cars künstlerisch bedeutungsvoller, allein schon, weil er mehr Raum für Charakterisierung seiner Hauptfiguren bietet, aber im Vergleich "Cars vs. andere Pixar-Langfilme" und "Cars Toons vs. andere Pixar-Kurzfilme" stehen die Scherzgeschichtchen besser da. Sie wollen nur unterhalten, und das tun sie auch recht gut, während die Bemühungen von Cars, auch eine spannende und teils gefühlvolle sowie nostalgische Geschichte zu erzählen zwischenzeitlich in Zähflüssigkeit münden. Zudem nutzen die Cars Toons ihren Kosmos besser. Die Welt von Cars ist nämlich die einzige Pixar-Welt, die nicht völlig glaubwürdig ist - in den Cars Toons wird das ganze Auto-Konzept eh allein für Pointen genutzt, da muss es auch nicht glaubwürdig sein. Kurzum: Ich hatte am Tag vor meiner Begegnung mit Cars 2 keine echte Lust auf den Film, dachte aber, er könnte sich mit seinem größeren Fokus auf Humor und ein paar stilistischen Anlehnungen auf die Cars Toons trotzdem qualitativ rund um seinen Vorgänger einreihen. "Ein schlechter Pixar ist noch immer ein guter Animationsfilm" - so das Motto.

Poster wie dieses hätte ich als üble Vorzeichen erkennen müssen...

Dann erreichte mich der Tag der Pressevorführung. Und mit ihr der Tag, an dem beinahe mein Pixar-Fanherzen zerbrach. Wieso? Nun, sagen wir mal so: Die Moral von Cars war, dass sich das Leben nicht nur darum dreht, als Sieger über die Zielline zu schreiten. Viel wichtiger sei es, auch entspannen und mit Freunden den Tag genießen zu können. Hoffen wir, dass die John Lasseter und Co. die Arbeit an Cars 2 genossen haben und es überaus locker angehen ließen. Denn erstmals sind sie meilenweit davon entfernt, als Sieger den Rennkurs des Animations-Kinojahres zu verlassen. Cars 2 ist eher mit einem durch Motorschaden erzwungenen Rennabbruch zu vergleichen. Während die Konkurrenz dieses Jahr mit Rango und Kung Fu Panda 2 sehr gut abschnitt und cineastische Unfälle wie Gnomeo & Julia wenigstens den Reiz des Schreckens ausüben, ist Cars 2 einfach nur eine gewaltige, peinliche Enttäuschung.
Wie ich schon an anderer Stelle schrieb: Was Muppets - Der Zauberer von Oz für die Muppets war, ist Cars 2 für Pixar. Nämlich ein gewaltiger Blechschaden. Zum Glück steht zu erwarten, dass sich Pixar schneller erholt, als die frech-liebenswürdigen Jim-Henson-Schöpfungen.

Bereits die Story lädt nicht zwangsweise zu Begeisterungsstürmen ein: Wie man sicherlich bereits anhand der Trailer erahnen konnte, wird der rostende Abschleppwagen Hook in Cars 2 zu einem Geheimagenten, da ihn zwei britische Spionageautos mit ihrem amerikanischen Kontaktwagen verwechseln.
Das Grundkonzept, einen ahnungslosen Trottel mitten ins Agentengeschehen zu schubsen, ist bereits ziemlich plattgefahren. Schon im 1987 ausgestrahlten Disney-Fernsehfilm Double Agent, in Jerry Bruckheimers mit Chris Rock und Anthony Hopkins besetzten Kinomisserfolg Bad Company und dem Trashkult Condorman gab es diese Idee zu bestaunen. Und das waren nur drei von vielen Disney-Beispielen. Es lassen sich noch zahlreiche weitere finden - und noch viel mehr, wenn man den Disney-Konzern verlässt. Dass nahezu keine dieser Agentenkomödien Fuß im kollektiven Filmgedächtnis fassen konnte, hat durchaus einen Grund: Das Konzept eignet sich offenbar mehr für einen kurzen Lacher, als für einen denkwürdigen Film.

Dass Cars 2 eine uralte Idee aufgreift, ist gar nicht einmal soooo schlimm. Es ist bei weitem eines der geringsten Probleme von Pixars zwölfter abendfüllender Kinoproduktion. Denn was so sehr am Agentenplot von Cars 2 stört, ist der simple und dafür umso ärgerlichere Fakt, dass absolut gar nichts neues mit ihm gemacht wird. Die Regisseure John Lasseter und Brad Lewis begnügen sich damit, sich die meistgenutzten Klischees aus diesen Filmen zu kopieren und unreflektiert zu übernehmen. Das Agentendasein Hooks hat keinerlei Eigenleben, es verfährt durchweg nach Schema F. Fehlte nur noch, dass Hook deshalb für einen US-Spion gehalten wird, weil er nahezu genauso aussieht, wie ein Topagent des CIA, und ich hätte das Kino zusammengeschrieen.

Wirklich jeder der von mir genannten "Ein Doofkopf wird Geheimagent"-Filme hat inhaltlich mehr distinktive Merkmale als Cars 2. Die einzige Eigenheit, die der ganze Spionage-Trubel um Hook zu bieten hat, ist folgender: In Cars 2 sind es keine Menschen, sondern Autos, die ihr Leben im Namen der Majestät auf's Spiel setzen. Car-amba, wie erfrischend. Die nicht nur von Kritikern, sondern offenbar vom Kinderpublikum gleichermaßen verachtete Jerry-Bruckheimer-Parodie G-Force (aus dem Hause Jerry Bruckheimer!) hatte da viel mehr Pepp zu bieten. Wo Cars 2 schlicht die Konventionen des Subgenres abspult, bloß halt in einer Welt voller Autos, nutzte die "Nagetiere machen eine stereotype Actionhandlung voller Bruckheimer-Klischees"-Produktion ihre ungewöhnliche Besetzung, um sich über die abgeklapperten Konventionen lustig zu machen. Cars 2, obwohl klar als Komödie gedacht, möchte noch immer "ernst" genommen werden.


Erstaunlich, was dabei eigentlich möglich gewesen wäre. Zum Vergleich muss man bloß mal Toy Story 3 heranziehen. Wie, es klingt unfair, einen der besten Pixar-Filme direkt neben den Totalschaden namens Cars 2 zu stellen? Nicht für mich. Zwar mag ich Woody, Buzz und die restliche Spielzeug-Gang (viel, viel) mehr als Lightning McQueen und seine Freunde aus Radiator Springs, dennoch war mir der erste Cars lieber als Toy Story 1 & 2. Auf dem Papier sind die Ideen, eine Toy Story- und eine Cars-Fortsetzung zu machen für mich recht ähnlich: Beides sind ganz humorvolle John-Lasseter-Regiearbeiten, denen die künstlerische Tiefe und Schwermütigkeit späterer Pixar-Filme größtenteils abhanden geht. Dann kam Toy Story 3, nahm die Figuren und einige handlungsbedingte Traditionen seiner Vorgänger, blieb diesen treu, verband sie mit einer interessanten Spielform des Gefängnisausbruch-Subgenres und mischte sehr viel Gefühl hinein. Das Ergebnis war gedankenvoll, herzerwärmend, herzzerreißend und urkomisch.

Auch Cars 2 könnte diese Route wählen, detailliert und nachfühlbar zeigen, wie Hooks Mission, die Welt zu retten, ihn von seinem besten Freund Lightning McQueen entzweit. Man könnte den eh schon schrottreifen Hook in Lebensgefahr bringen, es so aussehen lassen, als sei sein Heldentum das letzte, martialische Aufflammen seiner Zündkerzen... Das wäre großartig. Alternativ hätte man meinetwegen auch die, wenngleich weniger begehrenswerte, Cars Toons-Strecke nehmen können und einen rasanten, vor das ganze Familienpublikum ansprechenden Gags sprühenden Kracher machen können. Er wäre nach den letzten Pixars eine Enttäuschung, so wie schon der Vorläufer es nach Die Monster AG, Findet Nemo und Die Unglaublichen war, aber noch immer ein kurzweiliges Vergnügen. Stattdessen will Cars 2 "irgendwas dazwischen" sein, und wird letztlich zu einem dieser dämlichen Familienfilme, die das erwachsene Publikum aus den Augen verlieren und eine Moral zelebrieren, die nicht aufgeht. Denn in Cars 2 wird zwischen zahllosen lahmen Gags in stotternden Dialogen tatsächlich auf Hooks Gefühlsleben eingegangen. Nicht so mitreißend und rührend, wie von Pixar gewohnt, wohlgemerkt. Drehbuchautor Ben Queen ist halt kein Andrew Stanton, Michael Arndt oder Brad Bird. Viel eher verliert sich der "emotionale Faden" (der eh schon der unterentwickelste bei Pixar ist seit... öh... seit das Studio mit Langfilmen anfing) in unüberlegte Plattitüden. Wenn also alle halbe Stunde drei, vier Worte über das metaphorische Innenleben der Figuren gesprochen wird, dann so oberflächlich, wie möglich. Und sobald man sein Hirn einschaltet, klingt es vollkommen fehlgeleitet...


Wahrscheinlich kennt jeder solch einen Typen: An sich ist er ganz nett, und man verbringt auch gerne seine Zeit mit ihm, aber er weiß einfach nicht, sich fremden Situationen anzupassen. Nun, man kann daran arbeiten. Oder in beidseitigem Einvernehmen darauf verzichten, ihn in Gesellschaften zu zwingen, wo er sich eh nur blamiert. Nun stelle man sich ein extremes Zerrbild dieser Person vor. Einen simplen, kindischen verrückten Kerl, auf Festivals eine waschechte Stimmungskanone. Säuft wie ein Loch, kann toll brüllen, unterhält mit seiner Schlichtheit, kann auf den Händen rückwärts laufen, während seine Hose bis zu den Knöcheln runtergezogen ist... So in der Art. Das Problem: Er benimmt sich immer so. Einmal hat man ihn mit zur Arbeit genommen, weil der Vorsitzende der Bank / des Büros für Schadensregulierung M bis Z / wasauchimmer beschlossen hat, dass gelegentliche Besuche die Arbeitsmoral steigern. Er kam mit vor Alkohol glühendem Kopf und aus seiner zerfetzten Aktentasche fallenden Pornoheftchen ins Büro, tanzte mit dreckigen Schuhen auf dem Tisch des Chefs und hat der dicken Erika alle Kinder-Countrys aus dem Kühlschrank weggenascht.

Jetzt kommt Cars 2 an, und will, dass ihr ein schlechtes Gewissen habt. Was seid ihr nur für Freunde, dass ihr euren treuen Kumpel, dieser bodenständigen und naiv-liebenswürdigen Seele, die niemals etwas böses im Sinn hat und nichts von all dem öden, strunzfeinen Hokuspokus versteht... Ja, was seid ihr für Leute, dass ihr ihn nicht anfeuert? Ihr solltet ihn jeden Tag mit zur Arbeit nehmen und ermutigen, noch viel mehr er selbst zu sein. Konnte man ja nicht mit ansehen, wie er sich beim letzten Mal am Riemen gerissen hat. Welch Qual für den armen Kerl...

Allen ernstes. Das ist der emotionale Kern von Cars 2! In John Lasseters Rückkehr auf den Regiestuhl mutiert Hook, die dümlich-kindlische Nebenfigur aus Cars, die Lighnting McQueen mit ihrem Herz aus Gold den Wert von Freundschaft lehrte, zur lärmenden, sämtliche sozialen Kompetenzen vermissenden Nervensäge. Als Hook von John Lasseters und Brad Lewis' Story-Team ins Scheinwerferlicht geschubst wurde (obwohl er dort kaum hingehört), müssen sich irgendwo ein paar Schrauben und Muttern verabschiedet haben. Er bekommt überhaupt nicht mehr mit, wie seiner Umwelt geschieht, die ganze Welt dreht sich nur noch um ihn und Cars 2 handelt allein davon, dass man den Hooks dieses Erdenrunds die Freiheit lassen sollte, stets das zu tun, was sie zu tun gedenken. Wer sie darum bittet, beim großen Galaempfang nicht während der Präsentation auf die Bühne zu rennen und den Wasserfall wegzutrinken, der hat kein Einfühlungsvermögen. Zugegeben, es gibt einen Moment, in dem Hook realisiert, dass alle Welt ihn für einen Dummkopf hält. Ich halte John Lasseter und Co. für intelligent genug, dass sie mit Cars 2 beabsichtigten, beide Seiten der Medaille zu zeigen. Lighnting soll lernen, dass er mit Hook zu hart ins Gericht ging, da Hook es einfach nicht besser weiß, und Hook soll lernen, wie er auf den Rest der Welt wirkt. Aber das geschieht nicht. Nach Hooks "Realisation" kehrt der Film zu seinem zuvor eingeschlagenen Tonfall zurück. Hook wird letztlich beruhigt, er habe sich geirrt, niemand hält ihn für vertrottelt oder unselig, und wer ihn nicht in Ruhe lässt, bekommt dafür ordentlich Ärger. Tolle Lektion, die unsere Kinder aus Cars 2 mitnehmen sollen. Wenn du auf den Ball deines Mitschülers rotzen willst, weil er dann besser flutschst, dann rotzt du auch auf den Ball deines Mitschülers. Wenn er sich darüber aufregt, dann ist der ein lahmer Eierkopf.


Viele werden ja sagen, dass Cars 2 nur entstand, um mehr Merchandising loszuschlagen. Dem möchte ich widersprechen. Ich finde schon, dass man Cars 2 anmerkt, dass John Lasseter schlichtweg einen schwachen Nerv für die Welt und Figuren von Cars hat. Immerhin entstand dieser Film aus einem höchst emotionalen und teils auch nostalgischen Familientrip. Die Idee, man könnte Cars 2 internationaler machen und zeigen, wie sich McQueen und Hook in Frankreich, Tokyo, Italien oder Deutschland schlagen, kam ihm dagegen während der Promo-Tour für eben jenen persönlichen Film. Nun, die Rennsequenz durch den Schwarzwald wurde aus Zeitgründen gestrichen, ebenso wie das Intro in Prag dem Pazifischen Ozean weichen musste um die Settings abwechslungsreicher zu gestalten, aber man merkt Cars 2 diese Genese weiterhin an. Der Film hangelt sich an Gedankenblitzen heran, die da lauten "wie würde Hook auf [landestypische Sache] reagieren". Das wäre Stoff für nette Kurzfilme, aber "Hook auf einer japanischen Toilette", "Hook auf einem Pariser Trödelmarkt" und "Hook trifft die Queen" ergeben ohne handfeste, weitere Gedanken keinen sehenswerten, rund zweistündigen Kinofilm.

Aber Lasseter liebt halt seine Cars-Schöpfung - also kreuzt man dies mit der aus dem Original geworfenen Idee eines Auto-Agentenactionfilms (den sich McQueen im Autokino angesehen hätte), und dann kann Lasseter einen weiteren Autofilm produzieren. Dann wurde er als Notfall-Regisseur hinzugezogen, und irgendwas sagt mir, dass dann jegliche inhaltlichen Bedenken aus dem Fenster flogen. Lasseter liebt Hook, natürlich hat er recht... Ja, vielleicht dresche ich zu viel auf den armen Mann drauf... Was ich jedenfalls sagen will: Ich schätze nicht, dass Cars 2 reines kommerzielles Kalkül ist. Eher haben sich der Produzent/Regisseur und letztlich sein Team zu sehr von den persönlichen Vorlieben hinreißen lassen. Denn die Autovernarrtheit und die Detailliebe spürt man Cars 2 nahezu jede Sekunde an. Dies bewahrt Pixars zwölften Langfilm davor, zum überlangen Spielzeugauto-Werbespot zu verkommen, sorgt ganz allein jedoch nicht für vergnügliche Kinostunden.


Wenigstens sorgt es dafür, dass Cars 2 ein inhaltliches Totalwrack, das man sich sehr schön ansehen kann. Wieder einmal beweisen die Trickkünstler bei Pixar, dass sie zu den besten ihres Fachs gehören. Unter der Führung von Jay Shuster wurde ein wundervolles Produktionsdesign erstellt, das visuell dort weitermacht, wo Cars aufhörte. Die Hintergründe sind wirklich beeindruckend, sei es das überaus vitale und neonbeleuchtete Tokyo, das malerische Paris, die pittoreske italienische Riviera oder das detailverliebt nachgebildete London. Cars 2 wagt einen interessanten Spagat zwischen Realismus und der Bildung einer Fantasiewelt, und durch das für Pixar so typische, makellose Rendering und die mühevolle (virtuelle) Beleuchtung erwecken die Hintergründe förmlich zum Leben. Blöd nur, dass in der 3D-Fassung bei schnelleren Kamerafahrten alles wieder zu einem undefinierbaren Wust verwischt. Die visuellen Auto-Gags werden irgendwann zu viel, da sind mir die Pixar-Cameos wesentlich lieber, aber wenigstens zeigt man sich optisch einfallsreicher als bei den Hunderttausenden von lahmen Auto-Wortspielen, von denen vielleicht drei oder vier zünden.

Wenn ich gerade schon das rare Lob an Cars 2 von mir lasse, sollte ich noch dringend Michael Giacchino erwähnen. Der Oscar-gekrönte Komponist nahm absichtlich Abstand vom energetischen Blechbläser-Stil aus Die Unglaublichen, dennoch haftet auch dieser Filmmusik ein hübsches Retro-Feeling an, das aber deutlich mehr Kraft und Dynamik innehat als Randy Newmans Score für den ersten Cars-Teil. Es ist längst nicht Giacchinos beste Arbeit, aber noch immer sehr gut anzuhören, vor allem in den Actionpassagen des Streifens.


Giacchino muss allein schon deshalb gelobt werden, weil seine Musik spannender ist, als die Action, die sie begleitet. Die Handlung drumherum ist recht lahm und uninspiriert, und wirklich Fahrt (höhö...) nimmt Cars 2 während der Spionageaction nicht so recht auf. Die Action ist zwar pompös umgesetzt, aber sehr vorhersehbar. Für die jüngsten Zuschauer ist sie aufgrund einer netten, kindertauglichen Balance aus Albernheit und Brenzligkeit ganz nett, doch wir reden hier von Pixar! Cars 2 ist Kinderbespaßung, von zwei vollkommen unerwartet harschen Momenten spielen die Regisseure total sicher, halten den Ball stets flach und möchten keineswegs einen der kindlichen Zuschauer überfordern. Wo bleibt der Mut, die künstlerische Hingabe, wodurch Pixar so groß wurde? Man stelle Die Unglaublichen neben Cars 2, und man kann gar nicht mehr glauben, dass auf beiden Filme der selbe Markenname prankt. Ich bin mir sicher, als die finale Fassung von Cars 2 der gesamten Pixar-Crew vorfeführt wurde, saß Brad Bird ganz weit hinten in der letzten Ecke und hat geheult. Der arme Mann muss regelmäßig mit Prügel drohen, weil so viele Ignoranten Animationsfilme als Kindergenre bezeichnen, und dann kommt John Lasseter, und wirft dieser Meute neues Fressen vor.

Was mich aber an der Action in Cars 2 erstaunt: Obwohl sie im Vergleich zu anderen animierten Actionfilmen eher mau ist, so sind mir die Figuren darin noch imer zu agil. Die Autos hüpfen herum wie junge Kätzchen auf Ecstasy, und so verliert die Action für mich endgültig an Relevanz. Die physischen (oder eher biologischen?) Gesetze des Cars-Kosmos sind eh sehr ominös. Der eine derbe Blechschaden ist vollkommen reperabel, am ehesten mit einem gerrissenen T-Shirt in unserer Welt zu vergleichen. Da sind die Autos unempfindlicher als wir. Der nächste derbe Schaden ist aber urplötzlich eine tödliche Verletzung. Dann aber muss ich mir ja wieder keine Sorgen machen, denn sofern die Autos nicht gefesselt und geknebelt sind, können sie ja wie hyperaktive Mietzekatzen durch die Gegend springen, und so jeglicher größeren Verletzung entgehen. Ja, man soll bei einem Film nicht alles dreimal überdenken, aber in Cars 2 sind solche Überlegungen unvermeidbar.


Bereits der Vorläufer vermochte es nicht, eine in sich schlüssige Parallelwelt zu schaffen. Allerdings waren die Logikprobleme in Cars zu Gunsten des Filmvergnügens übersehbar. Nicht so in der Fortsetzung, die völlig unüberlegt (und inkonsistent) die Welt des Vorläufers erweitert. Cars 2 schleudert seine logischen Fehler mit einer derartigen Penetranz ins Gesicht der Zuschauer, dass man sie selbst beim besten Willen schlichtweg nicht ignorieren kann. So erschwert sich eine der brennendsten Fragen aus Cars: Wo kommen eigentlich die kleinen Autos her? Also, der Auto-Nachwuchs. Wird er gebaut? Aber wieso plaudert der italienische Rennwagen dann dauernd von seiner Mama? Ach, kommt, doch nicht einzig und allein, weil er Italiener ist?
Oder nehmen wir die putzigen VW Käfer, die in Cars als das Äquivalent von Käfern in dieser Welt etabliert wurden. Sie sind klein, putzig, geflügelt... Nette Sache. In Cars 2 nimmt aber plötzlich ein "lebensgroßer" VW Käfer gemeinsam mit Lightning McQueen am World Grand Prix teil. Ähm... ja... Bin ich da alleine, wenn mir dabei ein eisiger Schauer über den Rücken jagt. Das muss doch für die Pixar-Cars so sein, als würde ab sofort ein gigantischer Mistkäfer an der Formel 1 teilnehmen. Klingt nach einer möglichen Storyline für eine stupide Starship Troopers-Fortsetzung...

Überhaupt, wie funktioniert die Welt von Cars? In Cars 2 ist dauernd davon die Rede, dass ein ökologisch wertvoller Benzinersatz die fossilen Brennstoffe ersetzen soll. Ich wiederhole ganz vorsichtig: Fossile Brennstoffe. In der Welt von Cars. Im Sinne von: Es gab mal Lebewesen, die keine Maschinen waren. Und wo kamen dann irgendwann die Maschinen her?

Oh, aber das wohl schaurigste, wenn man mal eine Sekunde darüber nachdenkt, ist die Darstellung von Zügen in Cars 2. Ja, in Cars wurde bereits in Güterzug gezeigt, aber der war nichts weiteres als ein lärmendes Ding. Ähnlich wie die Traktoren, die offensichtlich Kühe, also "Nutztiere" darstellen sollten (da fällt mir ein... welchem Zweck dienen die Traktoren im Cars-Universum eigentlich?). Cars 2 belehrt uns eines besseren: Sie sind eloquente, fühlende, denkende Wesen, ganz genau wie die uns bekannten und liebgewonnen (?) Autos. Die Züge sind geistig genauso fortgeschritten wie die Autos... Lasst das mal für zwei, drei Momente sacken.

Also, das mit den Autos, die genauso wie wir Menschen sind, nehme ich ja noch hin. Auch das mit den intelligenten Flugzeuge, sind die halt sowas wie Vögel, nur halt... menschlicher. Ähnliches gilt für Schiffe, die sind halt... Wassermenschen, Meerjungfrauen, Menschenfische.... Sowas halt. Alles vollkommen in Ordnung. Aber Züge?! Wie funktioniert das denn bitteschön?! Wo kommen die her? Gab es in der Cars-Welt einfach schon immer Züge und Schienen? Oder gab es schon immer Züge, die sich als arme hilflose, nicht der Fortbewegung mächtige Wesen, denen die gütigen Autos in einem Akt der Liebe Schienen bauten, damit die Züge wenigstens etwas Bewegung haben? Wohl kaum… Die einzig schlüssige Erklärung: Die Autos bauen sowohl Züge, als auch Schienen… Versteht ihr, was das bedeutet? Sie nutzen die Züge als arme Sklaven, die sich nicht wehren können. Was soll so ein Zug schon machen, wenn er genug Fracht von A nach B und von B nach A gebracht hat? Harakiri durch Entgleisung?! Oh, der Horror...

Und nein, ich denke nicht zu viel, die Macher haben zu wenig gedacht. Zeigt einfach keine den Autos in Fragen Intellekt gleichwertige Züge in der Welt, und gut wär’s! Beim Papamobil lass ich ja noch mit mir reden... Auch wenn ich es schon seltsam finde, dass der Papst der Cars-Welt (das Papamobil) in einem (zweiten) Papamobil herumtransportiert wird. Irgendwas stimmt an diesem Bild nicht, auch wenn ich das als kurzen Gag noch halbwegs schlucken kann.


Was ich dagegen nicht schlucken kann, ist die Gesamtheit von Cars 2, denn die ist nunmal schrottreif. Die Agentenstory ist unambitioniert, der Renn-Subplot wird derart an den Rand gedrängt, dass ich ihn hier bislang nichtmal erwähnen musste, Hooks Blödeleien sind anstrengend und von den vielen Doppeldeutigkeiten und Randgags für den erwachsenen Kinogängern zündet viel zu wenig. In der Mitte des Films sind die Dialoge außerordentlich holprig. Die Action ist, kommt man aus der Zielgruppe der sich bestimmt weiterhin wie bescheuert verkaufenden Spielzeugautos raus, eher larifari und die Moral... Ich fang besser nicht nochmal davon an. In seinen besten Momenten ist Cars 2 "naja, okay... irgendwie", aber durch die ganzen Blechschäden, die er sich außerhalb seiner Komfortzone einfängt, ist jegliche Hoffnung auf Ehrenrettung Pixars vergebens.

Ich glaube wirklich, dass ich meine Liste der fünf von mir am meisten gehassten Disney-Trickfilme neu schreiben muss. Himmel und Huhn war vielleicht (!!!) schlechter, allerdings verabscheue ich Cars 2 zweifelsohne mehr. Disneys erster komplett am Computer entstandener Langfilm war konfus erzählt, fand nie so recht seine wahre Identität und hatte das schwächere (und farblich aggressivere) Hintergrund-Design, wäre aber durch einen strafferen Schnitt noch halbwegs rettbar gewesen. Wie ich schonmal erklärte: Der Film war eher bemitleidenswert, als ärgerlich. Cars 2 dagegen ist unrettbar. Nicht die Idee einer Cars-Fortsetzung schreit bereits nach einer solchen Katastrophe, aber die eingeschlagene Richtung. Man kann Cars 2 kürzen und so die Strapazen zeitlich verringern, aber man kann den Film nicht mehr in ein besseres Konzept schubsen. Und wo Himmel und Huhn ein paar nervige Nebenfiguren hatte, ist es bei Cars 2 der Star der Show, dem Mann den schwerwiegenden Motorschaden an den Hals... Kragen... ähööööööh... wünscht. Himmel und Huhn opferte seine Aussage für einen kurzen Schlussgag, in Cars 2 funktioniert die Moral dagegen hinten und vorne nicht. Und dabei habe ich die Öko-Botschaft bisher völlig außen vor gelassen. Der Appell "Pro alternative Energien!" wird nämlich anfangs sehr aufdringlich angeschlagen, dann völlig vergessen, im Mittelteil endlich richtig angepackt und dann wieder völlig misshandelt.


Also, kommen wir mal endlich zur Zielgeraden. Cars 2 ist nicht, wie etwa erhofft (wenn man das bei so niedrigen Erwartungen sagen kann), an Pixar-Maßstäben bemessen schlecht, aber an und füs sich ganz akzeptabel. Cars 2 ist schlecht, richtig schlecht. Das hilft auch die schimmernde, glänzende Produktionsniveau nichts. Es ist wirklich schade, dass ich euch nicht meine sofortigen Reaktionen nach meiner Begutachtung dieses Unfalls aufzeichnen konnte, denn ich war nach Cars 2 wortwörtlich zerrüttet.

Mein Pixar-Fanherz verbrachte von den zwei Stunden bestimmt rund 90 Minuten im Schraubstock, irgendwann war der Punkt erreicht, ab dem jede der "einfühlsamen" Szenen mit Hook für mich so klang, als schrappten Fingernägel über eine Schultafel. Die Nullnummern unter den Gags hämmerten mir gegen die Großhirnrinde. Cars 2 hat es geschafft, mein Vertrauen in Pixar liegt momentan in Trümmern. Keine Bange, ich sage nicht, dass Pixar dem Untergang geweiht ist. Merida sieht weiterhin viel versprechend aus. Aber meine "Die kriegen alles hin!"-Mentalität ist futsch. Zweifel sind von nun an angebracht, und wenn Tom Hanks' Rumgesabbel bezüglich Toy Story 4 entgegen jeglicher menschlicher Vernunft wahr sein sollte, so bewahre uns der Geist Joe Ranfts. Pixars makellose Statistik ist bereits zerstört, bitte lasst die bislang von Schrammen freien Werke aus Pixars Schaffen in Frieden...
Weiterführende Artikel:

Dienstag, 26. Juli 2011

52 Songs #4: Sex

Da freut sich sicher meine Blogstatistik. Denn bei der 52 Songs umfassenden Blogparade von Konnas Gedankendeponie wird dieses Mal Sex gesucht. Wohl eines der vielfältigsten musikalischen Themen. Ob Klassik, ob Pop, Rock oder Hip Hop. Mal subtil, mal mit mehr "Fucks pro Minute", als man von Hand mitzählen könnte. Sex wird überall thematisiert. Auch in Disneyliedern.

Eigentlich könnte man eine ganze Artikelreihe, allein über Sex-Musik abhalten. Allein hier im Blog wurden, Gastautor Elias sei Dank, bereits fünfzehn Lieder aufgezählt, die einen ordentlich in Stimmung bringen können. Was sollte ich da denn nur wählen... Erst tendierte ich dazu, euch mittels Knorkator entgegenzubrüllen, dann überlegte ich, ob nicht Rammstein augenzwinkernd von ins Sauerkraut gesteckten Bratwürsten erzählen soll, oder ob ich nicht lieber Robert Rodriguez unheimlich-sinnlich rumsiffen lassen möchte. Oder klaue ich einen Song aus Elias' Hitliste?

Nein, ich habe mich letztlich dafür entschieden, einen wenngleich "sexy" so nicht unbedingt vom reinen Klang her besonders offensiven oder sinnlichen Song zu wählen. Meine Wahl ist schon irgendwo klangliche Erotik und textlich doppeldeutig, aber auch spaßig und schwungvoll. Was ja irgendwie gewisse Gütekriterien sind, denn was wäre das Song-Thema dieser Woche, würde der Spaß daran fehlen... Ähem, ja, außerdem möchte ich den letzten Ahnungslosen unter euch dieses wundervolle Musical unter die Nase reiben, selbst wenn ich hoffe, dass ihr alle es bereits auf DVD zu Hause habt.

Mein Beitrag zur Sex-Woche beim Projekt 52: Catherine Zeta-Jones mit All That Jazz aus Chicago.


CHICAGO - All That Jazz von manon42

Montag, 25. Juli 2011

Meine liebsten Tarantino/Rodriguez-Filme - Vol. 2

Sah nach einem abrupten Ende aus, oder? Dem war aber nicht so. Als ich auf die Idee kam, über Quentin Tarantino und Robert Rodriguez zu schreiben, steigerte ich mich in einen, wie es in der Werbung so schön heißt, höchst subjektiven Salmon cineastischen Geschwurbels hinein. Ich subjektifizierte und schwurbelte und ich war damit bereits verflucht noch eins zufrieden. Ich habe eine Menge Leute verwirrt und einige Filme genannt, um bis an diesen Punkt zu gelangen. Aber ich habe noch ein paar Filme vor mir. Die, auf welche ich genau jetzt hinleite. Nur rund zwei Cartoonhände voll sind übrig. Und wenn ich mein Ziel erreicht habe, dann habe ich sie alle genannt, meine liebsten Tarantino/Rodriguez-Filme.

Platz 8: Machete (Rodriguez, 2010)
Sowohl Tarantino, als auch Rodriguez tragen ihre Ideen mitunter sehr lange mit sich. Wenn also ein Film wie Machete vorbeikommt, und mit Fug und Recht behaupten kann, dass er zu den Ideen gehört, die eine der längsten Anlaufzeiten sämtlicher Projekte dieser beiden Kultfilmer in Anspruch nahm, dann will das was heißen. Schon als Rodriguez und Trejo im Vorfeld der Produktion von Desperado Bekanntschaft machten, merkte der Regisseur an, dass Danny Trejo ein mexikanischer Jean-Claude Van Damme werden sollte - oder Rachefilme wie Charles Bronson machen müsste. Für ihn stand fest, dass man mit Danny Trejo die klaffende Lücke der Latino-Gewaltfilme schließen sollte. Amerikansiche Schund-Liebhaber nahmen asiatische Exploitation und Blaxploitation in ihre verdorbenen Herzen auf, doch einen nennenswerten Mexploitation-Streifen gab es nicht. Schon 1993 soll Rodriguez einen ersten Drehbuchentwurf zusammengekritzelt haben, in dem Danny Trejo als Machete der Mann für's Grobe war, die billige Aushilfskraft der US-Geheimbehörden, wenn es ihnen zu schmutzig wurde. Als er letztlich zusammen mit Tarantino Grindhouse verwirklichte, drehte er einige Machete-Sequenzen, um sie als Fake-Trailer in das Projekt zu integrieren. Die Fan-Reaktionen waren überwältigend, und so versprach Rodriguez, aus dem bereits fertigen Material und einigen neu gedrehten Szenen einen eigenständigen Kinofilm zu machen. Und wer weiß, vielleicht wird direkt eine ganze Trilogie daraus...
Als Machete letztes Jahr dann endlich das Licht der schmuddeligen Filmwelt erblickte, sah das fertige Projekt etwas anders aus, als von einigen Fans erwartet. Es war keine derart übertriebene, mit mehrfach gestaffelter Meta-Ebene versehene Schundkino-Parodie wie Planet Terror, sondern eine (vergleichsweise) bodenständigere Exploitation-Hommage. Insofern liegt Machete relativ nahe an Jackie Brown: Wie Tarantino nahm sich Robert Rodriguez der Exploitation-Welt des Rachekomplotts an und würzte sie mit einer Kunstfertigkeit, die sie selten zu sehen bekommt.


Ähm... Auf... Rodriguez-Art.

Ja, Machete ist flach, vulgär und voller exzessiver Gewalt. Und dennoch in seiner comichaften Übertreibung so zurückhaltend, dass man manchmal nicht so genau weiß, ob Rodriguez (mit seinem Co-Regisseur Ethan Maniquis) einen echten Schundfilm drehen wollte, oder doch eher eine parodistische Schund-Hommage. Aber man muss auch bejahen: Rodriguez ist ein ungeheuerlich versierter Regisseur, der etwa einem rücksichtlosen Gemetzel in einer Kirche etwas poetisches abgewinnen kann (siehe dazu auch meine Kinokritik) oder den Zuschauer sämtliche Zweifel über Bord werfen lässt, dass Danny Trejo der mexikanische Chuck Norris ist. Machete kann alles, kriegt alles, schafft alles. Und dennoch wird der Film nicht langweilig. Dies liegt nicht zuletzt am tollen Ensemble. Michelle Rodriguez, Jeff Fahey und Danny Trejo eben ihre Rollen, Robert DeNiro glüht vor Spaß an der Freude und Lindsay Lohan... naja, sie spielt sich selbst, was kann da schon schiefgehen. Steven Seagal ist kurzweilig, ebenso die Cameos einiger Rodriguez-Stammfreunde. Nur Frau Alba ist manchmal was zu zurückhaltend. Die Gewaltsequenzen sind mit Genuss inszeniert, häufig genug pointiert und der Soundtrack rockt sowieso. Ebenso wie die Titelsequenz.
Was mich allerdings etwas an Machete stört, ist, dass er irgendwie zwischen den Stühlen steht. Er nimmt sich "ernster" als Planet Terror, ist gleichzeitig aber noch immer selbstironisch-schundhafter als Rodriguez' andere Tex-Mex-Produktionen. Durch Trejos Charisma und einiger Randgags, die ich nach mehrmaligem Ansehen schlicht zu genial finde, hat sich Machete in meiner Gunst mittlerweile etwas weiter nach oben gearbeitet, doch er hat klar seinen Zenit erreicht. Ein paar kultige Sprüche mehr, dafür etwas weniger Exposition, dann wäre noch mehr drin. Oh, und ich finde es schade, dass der schrille Cameo von Rose McGowan rausflog. Allerdings wäre der Film dann gewollt alberner, und das hätte wiederum die Fans der "echten" Exploitation geärgert. Seht ihr... Machete ist einer dieser Filme, die sich in eine Zwickmühle dirigiert haben. Trotzdem... ist ja schon ein geiles Ding...

Platz 7: From Dusk Till Dawn (Rodriguez, 1996)
Auch wenn Machete und From Dusk Till Dawn in dieser Rangliste Nachbarn sind, klafft zwischen ihnen in meiner subjektiven Wahrnehmung eine gewaltige Lücke. Machete ist ganz cool, ein gelungener Rodriguez-Film. Aber mit From Dusk Till Dawn erreichen wir bereits die höheren Sphären meines Filmgenusses. Von nun an sind wir in der Pflichtzone angelangt, hier folgen die Filme, bei denen ich richtig ins Schwärmen geraten kann.
From Dusk Till Dawn manifestierte die Kollegialität zwischen Quentin Tarantino und Robert Rodriguez. Tarantino schrieb das Drehbuch auf Anregung des Make-Up-Künstlers Robert Kurtzman, gewissermaßen als Entlohnung für seine hervorragende Leistung an der Folterszene in Reservoir Dogs. Nach kurzen anfänglichen Überlegungen verzichtete Tarantino allerdings auf den Regieposten und gab ihn an seinen Kumpel Robert Rodriguez weiter. Das Ergebnis ist die vielleicht beste stilistische Ehe dieser beiden Kultfilmer, die man sich denken kann (siehe auch meine Filmkritik). From Dusk Till Dawn ist zu gewissem Grade sein eigenes, kleines Grindhouse, nur mit einem strikteren, durchgehenden roten Faden. Wir eröffnen mit der Tarantino-Hälfte, dem kernigen Gangsterfilm, in dem sich Seth Gecko (George Clooney) mit seinem psychopathischen Bruder (Quentin Tarantino) rumschlagen muss, sowie mit einer bockigen Geisel (Harvey Keitel als vom Glauben abgefallener, besonnener Priester mit zwei Kindern). Im berühmt-berüchtigten Titty Twister angekommen, wird die Stimmung ungezwungener und WHAM, Rodriguez haut den ironischen Splatter raus.
Wieso, weshalb und warum die BPjM From Dusk Till Dawn indiziert hat, werde ich nie nachvollziehen können. From Duk Till Dawn ist zwar nicht gerade zimperlich, doch weder ist die Gewalt in diesem Film menschenverachtend, noch wird sie glorifiziert. Einer der faszinierendsten Aspekte an From Dusk Till Dawn ist schließlich sogar, wie Rodriguez und Tarantino ganz heimlich ihrem Publikum einen subversiven Kommntar bezüglich medialer Gewalt und deren Rezeption unterjubeln. Wie sie sich über Fernsehnachrichten, die sich an Amokläufen oder Massakern aufgeilen, lustig machen, ist kaum zu übersehen. Aber wie eine besonders abscheuliche Tat zwar angedeutet und kommentiert wird, deren Abbildung aber auf ein kurzes, die Neugier schürendes Aufflackern reduziert wird - das scheint den Moralaposteln entgagen zu sein. Tarantino und Rodriguez führen den Gewaltdurst des Publikums vor, nur um rund eine halbe Stunde später mehr (und albernere) Gewalt auf den Zuschauer loszulassen, als ihm zuvor lieb war.
From Dusk Till Dawn ist ein saucooler Film, er enthält alle Elemente, die für einen lässigen Kultfilm nötig sind. Lockere Sprüche, einen einprägsamen Soundtrack, eine absurde Grundidee, eine Prise Erotik und natürlich den selbstbewussten Trash-Faktor. Doch irgendwo darin versteckt sich auch ein erstaunlich solider Kandidat für's Programmkino - sei es beabsichtigt oder nicht. Und da kann ich nur sagen: (Texas-)Hut ab!

Platz 6: Desperado & Irgendwann in Mexiko (Rodriguez, 1995 & 2003)
Auf Platz 6 meiner liebsten Regiearbeiten von Robert Rodriguez und Quentin Tarantino befinden sich, wie unschwer zu erkennen ist, gleich zwei Filme. Obwohl man sicherlich das Argument machen könnte, dass es eigentlich drei Filme sind. Denn als Robert Rodriguez sich aufmachte, Irgendwann in Mexiko zu verwirklichen, beschloss er, den Film als das epochale Finale einer Trilogie aufzuziehen. Jedoch nicht als das große Finale der mit El Mariachi gestarteten Trilogie, sondern als den gigantischen Abschluss der non-existenten Desperado-Trilogie rund um Antonio Banderas' Mariachi-Figur.
Und so enthält Irgendwann in Mexiko Rückblenden auf den niemals gedrehten zweiten Teil. Beziehungsweise auf den niemals gedrehten dritten Teil der El Mariachi-Filmreihe. Robert Rodriguez hat es also gewissermaßen geschafft eine Trilogie mit nur zwei Filmen zu drehen. Oder ist es letztlich doch eine vier Filme umfassende Trilogie?
Jedenfalls behandelt Robert Rodriguez in Desperado und Irgendwann in Mexiko sehr intensiv das Thema der Legendenbildung. Allein schon durch die (mangelnde) Kontinuität der Trilogie... Quadrologie... des Double-Features... ähm, ist ja auch egal. Desperado mit Antonio Banderas und Salma Hayek ist gleichzeitig Remake, als auch Fortsetzung von El Mariachi. Die Darsteller wurden ausgetauscht, Details in der Geschichte des sagenumwobenen, einen Gitarrenkoffer mitschleppenden Killers abgewandelt. Die kleinere, bodenständigere Geschichte ist praktisch die "wahre" Geschichte des Mariachis, mit Desperado betreten wir bereits mythisch überhöhten Grund und Boden. Größer, härter, verwegener. Es ist die Hollywood-Version einer wahren Geschichte - und sie wird bis zum letzten Tropfen gemolken. Aus einer kleinen Verwechslung, die einen armen Musiker zwang, zum abgebrühten Revolverhelden zu werden, wird eine nicht enden wollende Sage eines legendären, unschlagbaren, mexikanischen Motherfuckers.
Und, oh die Ironie, selbst Desperado, die übertriebene Nach- und Weitererzählung von El Mariachi, beginnt damit, wie ein runtergekommener Loser (der wie immer begnadete Steve Buscemi) in eine Bar kommt und Geschichten dieses Mariachis erzählt. Er macht den Leuten in dieser Bar mit seinen Übertreibungen Angst, während der Zuschauer aus dem Grinsen nicht herauskommt - denn Buscemis Erzählung verliert jegliche Bodenhaftung.
Das ist es auch, was letztlich Irgendwann in Mexiko ausmacht. Im Original auf Anraten Tarantinos Once Upon a Time in Mexico betitelt, nimmt die Legende des Mariachis verworren komplexe sowie politische Züge an, sie entückt mit den weit vorausgeplanten Schachzügen seiner Handlungsträger und den fast übermenschlichen Fähigkeiten der Schlüsselfiguren vollends der Realität von El Mariachi.
Man könnte es als einen "Jumping the Shark"-Moment in abendfüllender Spielfilmlänge betrachten, doch Rodriguez bedient sich einer Kameraarbeit, die viel Gravitas versprüht, verwendet einen solch "epochal" klingenden Soundtrack und macht sich in gesunden Dosen ausreichend über sich selbst lustig, dass Irgendwann in Mexiko meiner Ansicht nach eben kein Totalausfall, sondern ein konsequenter Abschluss dieser Filmreihe wird. Außerdem hat Rodriguez durch den Film dafür gesorgt, dass das überaus köstliche Fleischgericht Puerco Pibil bekannt wird. Muss man ja auch loben. Und, jaaa, Johnny Depp bringt auch ein paar Pluspunkte. Genug, damit ich die von mir verhasste Eva Mendes gepflegt vergessen kann. Weitere Pluspnkte gibt es für die Kackendreistigkeit, mit der Robert Rodriguez das Studio über's Ohr haute: Er schwörte, dass das Drehbuch zu Irgendwann in Mexiko fertig sei und dass das Skript nach dem Wochenende den entsprechenden Entschaidungsträgern vorliegen könnte. Nach diesem Telefonat fing er mit der Skriptarbeit an. Und um seine schnell an den Haaren herbeigezogenen Notizen auf Spielfilmlänge zu strecken, hat er einfach das Drehbuch zu einem Kurzfilm über einen Banküberfall wahllos dazwischen gelegt. Als dieses Drehbuch genehmigt wurde ("Nur, Robert... also, dieser Subplot mit dem Banküberfall... der sollte raus!"), fing Rodriguez mit der richtigen Schreibarbeit an. Gewiss, man merkt Irgendwann in Mexiko an, dass er nicht über Jahrzehnte entwickelt wurde, so wie Tarantino es mit manchen Drehbüchern pflegt, aber ich glaube nicht, dass durch eine längere Vorbereitungsphase was kohärenteres bei rumgekommen wäre.

Platz 5: Pulp Fiction (Tarantino, 1994)
Pulp Fiction ist immens populär. Er vereint sowohl Cineasten auf seiner Seite, als auch den sich ach-so-cool haltenden, rumgammelnden Schüler, der einen Arthouse-Film normalwerise selbst dann nicht gut fände, wenn er ihm ein Bier ausgibt. Pulp Fiction ist sowohl was für die besoffenen, lärmenden Typen aus der Studentenverbindung, als auch für die verschnupften Intelektuellen. Pulp Fiction-Poster verkaufen sich wie geschnitten Brot, die Dialoge sind längst nicht mehr aus der Popkultur wegzudenken und seinem Soundtrack allein wird für die Wiederbelebung des Surfrocks zugeschrieben. Man wähle einen Song aus Pulp Fiction, lass ihn irgendwo laufen, und genügend Leute werden aufschreien: "Moment, der ist doch aus Pulp Fiction!"
Tarantinos Überraschungshit sorgte 1994 im Disney-Konzern für vergrößertes Vertrauen in die frisch eingekaufte Independent-Schmiede Miramax, prägte die gesamte Indie-Kultur, beeinflusste Filmstudenten rund um den Globus und dürfte bis heute den Protoypen des postmodernen Kinos darstellen. Und so ganz nebenher ist Pulp Fiction auch der Grund, weshalb es hier im Blog diese Hitliste zu lesen gibt. Denn als ich vor ein paar Wochen andere Fälle präsentierte, wo ich bezüglich des Schaffens eines Regisseurs oder den Teilen einer Kinoreihe nicht mit der Mehrheit übereinstimme, war schlichtweg kein Platz mehr für meinen Kommentar in Sachen Tarantino.
Denn diese Situation könnte sich als etwas komplex herausstellen. Ich finde nämlich nicht, dass Pulp Fiction überschätzt ist. Ich gönne diesem Streifen jedes Stückchen Anerkennung, das es erhält - und sogar noch mehr. Die Leser der Cinema wählten ihn beispielsweise zum zweitbesten Film aller Zeiten. Ich bin mit dieser Wahl vollauf zufrieden und werde kaum ins Zetern geraten. Pulp Fiction erhielt fantastische sieben Oscar-Nominierungen, obgleich er wirklich überhaupt nicht in das übliche Aufgebot der Academy Awards passt, und Quentin Tarantino & Roger Avary gewannen immerhin einen der begehrten Goldjungen. Und zwar für das beste Original-Drehbuch. Ohne nachgezählt zu haben, bin ich mir sicher: Mehr "fucks" gab es bis heute in keinem Oscar-prämierten Drehbuch. Und, wenn ich was zu sagen hätte, so hätte Pulp Fiction gerne mehr als nur diesen einen Oscar gewinnen dürfen.
Wäre ich in einem Komitee, das einen Filmkanon erstellen soll, der darüber entscheidet, welche Produktionen für die Nachwelt auf jeden Fall erhalten bleiben sollen, und ich dürfte aus einem mir unerklärlichen Grund nur einen Tarantino-Film auf die Liste setzen, so fiele meine Wahl (nach ausreichendem Protest, da Tarantino mindestens zweimal vertreten sein müsste) auf Pulp Fiction. Es ist ein pop- und filmkulturelles Testament mit einer solchen Aussagekraft über unser Medienverhalten und einem so weitreichenden Einfluss, dass ich guten Gewissens schlichtweg nicht anders entscheiden könnte.
Es ist Tarantinos wichtigster Film. Hinischtlich der Frage, ob es sein bester Film ist, darüber könnte man schon viel einfacher mit mir in eine hitzige Diskussion geraten. Tarantinos bester Film ist für mich viel eher auch der bestplatzierte auf dieser Liste - doch ich lasse sehr wohl mit mir reden, dass Pulp Fiction "besser" ist als die anderen drei Filme, die euch noch in meiner Hitliste erwarten. Vielleicht.
Und dennoch ist Pulp Fiction nur mein fünftliebster Streifen des kultigen Duos Tarantino/Rodriguez. Verwirrend, hm? Ich sagte ja, es könnte kompliziert werden. Wenn ich jeglichen filmjournalistischen Anspruch in mir ausschalte, und mich schlichtweg frage, welcher Film mir mehr Genuss gab, jedes Mal wenn ich ihn sah, und auf welchen ich häufiger nochmal Lust habe, dann steht Pulp Fiction halt unter manch anderen Tarantino-Regiearbeiten. Ich liebe Pulp Fiction. John Travolta und Samuel L. Jackson sind großartig (Jackson war niemals besser als hier), Uma Thurman ist klasse, Harvey Keitel gefällt mir in seiner Mini-Rolle besser als in der Gesamtheit von Reservoir Dogs. Christopher Walken, zu guter Letzt, erwischte in Pulp Fiction einen seiner Tage, an dem man ihn auch ernsthaft gut finden kann. Bruce Willis ist ebenfalls sehr gut in seinem Segment, allerdings finde ich diese Geschichte etwas zäh erzählt. Obwohl... das ist nicht ganz das richtige Wort. Sie ist eigentlich solide erzählt, vom sadistischen Höhepunkt im Keller des Pfandhauses ist sie jedoch längst nicht so ikonisch wie der Rest des Films, wodurch sie sich so anfühlt, als bremse sie den kultig-genialen Irrsinn aus. Es hat halt schon seinen Grund, weshalb bei Pulp Fiction alle zunächst an Travolta, Jackson und Thurman denken. Ich liebe auch die verschachtelte Erzählweise Tarantinos, mit der er uns ein (anti?)klimatisches Ende zaubert, tja, und die Dialoge sind eh über alle Zweifel erhaben. Nie waren pseudo-philosophische Gedanken wie die über kulturelle Unterschiede zwischen den USA und Europa (beobachtet an den französischen und niederländischen Fast-Food-Gewohnheiten) oder die tiefere emotionale Bedeutung einer Fußmassage einprägsamer.
Aber dennoch ist mir Pulp Fiction dann ganz persönlich weniger lieb als das, was auf dieser Liste noch folgt. Mal ganz davon abgesehen, dass Pulp Fiction ja trotzdem in meinem cineastischen Olymp ruht und es deshalb eigentlich unnötig ist, eine all zu ausschweifende "Verteidigungsrede" abzuhalten: Es geht eigentlich viel weniger darum, was Pulp Fiction nicht hat, sondern darum, was mir die noch ausstehenden Rodriguez/Tarantino-Filme mehr bieten. Ich werte Pulp Fiction nicht ab, ich werte den Rest bloß auf. Vielleicht dürfte das ja schon manche besänftigen. Ansonsten kann ich mich ja noch um weitere Argumente bemühen:


Empfehlenswerte Artikel:

Samstag, 23. Juli 2011

Der einzig wahre Captain America


Die Muppets haben bereits den Green Lantern-Trailer parodiert, und nun nehmen sie sich passend zum US-Start von Captain America die patriotische Marvel-Schöpfung vor. Zwar nur in Poster-Form, aber ich möchte euch das jüngste Stück Muppet-Marketing dennoch zeigen. (Gefunden via FirstShowing)

Freitag, 22. Juli 2011

Brautalarm


Die Filmwelt hat mitunter eine äußerst kurze Aufmerksamkeitsspanne. Beweis gefällig? Wenn ihr an die letzten, sagen wir Mal, fünf bis sechs Jahre denkt, wer ist der Meister der erwachsenenorientierten Hollywoodkomödie? Viele würden nun sicher aufspringen und Todd Philips nennen, der mit Hangover, Stichtag und Hangover 2 zahlreiche Hintern in die Kinosessel dieser Welt manövriert hat.
Ja, was ist denn aus der Allzweckwaffe Judd Apatow geworden? Er und seine Comedytruppe rund um Seth Rogen, Jonah Hill und Co. galten nach Beim ersten Mal als die Herrscher des räudig-charismatischen US-Humors. Es folgten Superbad, Nie wieder Sex mit der Ex, Ananas Express und vieles mehr.

Kommerziell ist es Apatow diesen Sommer nicht gelungen, die Herrschaft wieder an sich zu reißen. Qualitativ bleibt das Rennen hingegen äußerst spannend, denn Brautalarm macht Hangover 1 & 2 schwer Konkurrenz.

Die Geschichte erinnert an den üblichen "Chick Flick": Annie (Saturday Night Live-Komödiantin Kristen Wiig) hat weder Glück in der Liebe, noch in der Arbeitswelt. Als ihre beste Freundin Lilian (Maya Rudolph aus Idiocracy) zu allem Überfluss auch noch heiratet und Annie somit ungewolt vorführt, wie mies ihr Leben ja ist, fühlt sich unsere Protagonistin am Boden angelangt. Von wegen... Als ihr nämlich Lilians Arbeitskollegin und neue engste Freundin Helen (Rosy Byrne) bei der Verlobungsfeier die Schau stiehlt, ist Krieg angesagt. Ein Krieg, den Annie nicht gewinnen kann...

Klingt nach weibischem Zickenkrieg? Vielleicht, aber in Wahrheit ist Brautalarm eine waschechte Apatow-Komödie, die sich einen feuchten Kericht um Geschlechtergrenzen kümmert. Und so werden die Kinogänger mit Verrücktheiten der verpeilten Nebenfiguren bombadiert, sei es das naive Jung-Ehepaar, das Trickfilme liebt, die entnervte Hausfrau und Mutter, die von ihren pubertierenden Jungs gefrustet ist ("Mein ganzes Haus ist voller Sperma! Letztens habe ich Bettlaken gewechselt und eins davon konnte man durchbrechen!") oder der kernige, dicke Rotschopf, der seit einem Dampfer-Unfall (sie fiel wie eine Flipper-Kugel von Deck zu Deck, von Reling zu Reling) ein künstliches Bein hat. Hinzu kommen furioser Slapstick (seit Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug gab es keine witzigeren Flugzeug-Sequenzen) und die patentierte Dosis Apatow-Menschlichkeit in Mitten all des derben Humors.

Sofern man keine absolute No-Go-Politik bezüglich Toilettenhumor hat (da gibt's eine ausgedehnte Szene), sollte man unbedingt einen Blick wagen. Brautalarm ist was lang, und manche Figuren sind vielleicht überflüssig, aber die Mischung aus feistem Witz und unerwarteter Feinfühligkeit wird Fans von Hangover, Beim ersten Mal oder Nie wieder Sex mit der Ex zu begeistern wissen.

Shut Up and Take My Money, Gringo!


Sollte die San Diego Comic Con in diesem Moment abgebrochen werden, mir wär's schnuppe. Denn besser kann sie eh kaum noch werden. Robert Rodriguez stellte sich dem Publikum in der stets überfüllten Halle H, um seine jüngsten Projekte vorzustellen. Um effektiver arbeiten zu können, gründete er ein neues Studio namens Quick Draw Productions, welches dank des finanzielle Inputs seiner Geschäftspartner mehr kreative Freiheit und eine schnellere Arbeitsweise garantiere. Nun, hoffen wir, dass dies stimmt, denn was Rodriguez versprach, klingt zu genial, um wahr zu sein:
  • Machete kehrt zurück
    Laut Robert Rodriguez stehe die Finanzierung sowie die Studio-Unterstützung für beide Machete-Fortsetzungen, die vor dem Abspann des ersten Films angekündigt wurden. Allerdings werde Rodriguez sich zunächst allein um Machete Kills kümmern, zu dem das Drehbuch laut Danny Trejo bereits seit letztem Jahr steht. Mit dem zweiten Machete-Teil wird aber auch ein (Fake?)-Trailer kommen, der das Publikum für den dritten Teil einheizt. Dieser wird allerdings nicht, wie zuerst angekündigt, Machete Kills Again heißen, und auch nicht wie in manchen Interviews von Rodriguez versprochen Machete... in Space. Stattdessen plant Robert Rodriguez Machete Kills Again... IN SPACE!!! - der Fake-Trailer wird Lichtschwerter und außerirdische Schönheiten enthalten, zitiert ComingSoon den Regisseur. Ob Teil 3 dann auch Realität wird? Mal schauen...
  • Sin City 2... mal wieder
    Frank Miller hat das Drehbuch zu Ende geschrieben, und es enthält neben A Dame to Kill For auch zwei neue Geschichten aus dem Sin City-Kosmos. Eine der beiden trägt den Titel The Long Bad Night, und wie FirstShowing schreibt, will Rodriguez die Dreharbeiten dieses Jahr beginnen. Wenn nicht jetzt, dann niemals. Ist immerhin eine entschlossener klingende Ansage, als wir es bei diesem Thema sonst gewohnt sind. Rodriguez behauptet außerdem, einen vollkommen neuartigen Nutzen für 3D gefunden zu haben, weshalb er den Film in 3D drehen möchte.
  • Fire and Ice
    Robert Rodriguez ist riesiger Frank-Frazetta-Fan, weshalb er in Austin, Texas ein Museum organisieren wird, in dem eine feste Ausstellung seiner Kunstwerke zu sehen sein wird. Aber mehr noch: Die Vorproduktion zum letztes Jahr angekündigten Fire and Ice ist weit fortgeschritten, weshalb Rodriguez auf der Comic Con erste Konzeptbilder und weiteres Demo-Material vorführte. Die Reaktionen waren enthusiastisch, wie unter anderem FirstShowing anklingen lässt.
Und nun macht euch bereit für die ganz große Nummer:
  • Robert Rodriguez produziert Heavy Metal!
    Hell Yes! Seit der ersten Ankündigung durch David Fincher sage ich, dass diesem Projekt eins fehlt: Robert Rodriguez. Und, wer ist nun daran beteiligt? Robert Fucking Rodriguez! Heavy Metal soll drei Kernsegmente und eine Rahmenhandlung umfassen, außerdem ist in bester Grindhouse-Manier Fanmaterial gefragt. Von den bisher mit dem Film in Verbindung gebrachten Namen ist bislang nur Kevin Eastman (einer der Teenage Mutant Ninja Turtles-Schöpfer) für eine Rückkehr bestätigt, aber ich will mir einfach nicht vorstellen, dass sich Rodriguez die Chance entgehen lässt, gemeinsam mit den Regisseuren Zach Snyder, David Fincher und Gore Verbinski den männlichsten Animationsfilm aller Zeiten zu verwirklichen. Allein schon, weil sich Verbinski und Rodriguez sicherlich vieles über Rango zu erzählen haben... Aber gut, sollte es eine Rodriguez-Einzelnummer werden, ist's noch immer ein saugeiles Projekt. Alle vier zusammen jedoch.... *fangasm*
    Ja, Seiten wie /Film mutmaßen, dass Fincher endgültig raus ist, aber: Fincher will den Film seit Jahren machen, bekam nur nie die nötige (finanzielle) Unterstützung. Vielleicht ist er nun Teil von Rodriguez' Version des Films? Ich wünsch's mir jedenfalls... Aber gut, ich sehe ein: Wären Fincher & Co. weiter am Film beteiligt, hätte Rodriguez das bestimmt bekanntgegeben. *mrmpf*

    Hier ist Rodriguez' Aufruf an alle Heavy Metal-Fans:

    Wie immer bei Robert Rodriguez gilt an dieser Stelle natürlich: Alle Angaben ohne Gewähr. Der Mann ist vielleicht ein Arbeitstier, sobald er loslegt, nur lässt er sich sehr schnell ablenken... Drückt uns die Daumen, dass alles klappt, Leute!

      Donnerstag, 21. Juli 2011

      Die Chroniken von Narnia: Die Reise auf der Morgenröte


      Vergangene Woche startete mit Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2 der achte und finale Film der Harry Potter-Kinosaga. Fans nehmen Abschied, Kinorekorde werden gebrochen und auch ich ahnungsloser Muggel habe mich zu ein paar Grußworten hinreißen lassen.

      Weshalb ich das an dieser Stelle mit euch teile? Nun, weil Harry Potter, das muss ich einfach mal zugeben, ein vorbildliches Beispiel für die Adaption größerer Buchreihen ist. Zum Vergleich braucht man einfach nur die mit ebenfalls sieben Bänden gleichermaßen umfangreiche Narnia-Reihe heranziehen. Disney hoffte mit der von Walden Media produzierten Kinoreihe auf Bais der populären Bücher von C. S. Lewis sein eigenes Harry Potter-Phänomen aufbauen zu können. Funktionierte dies noch mit Der König von Narnia, stürzte die Fortsetzung Prinz Kaspian von Narnia an den Kinokassen enorm ein. So sehr, dass Disney Monate später seinen Rückzug aus dem Franchise vermeldete.

      Disneys unversöhnlicher Bruch mit Die Chroniken von Narnia dürfte Walden Medias großer Finanzsicherung weiteren Schaden zugefügt haben. Statt 2009, also ein Jahr nach Prinz Kaspian von Narnia, in die Kinos zu kommen, schaffte es der Film erst 2010 in die Kinos, da der Drehstart so lange verschoben werden musste, bis Walden Media einen finanzkräftigen Produktions- und Vertriebspartner fand. Diesen fand man in 20th Century Fox, wobei auch dieser Hollywood-Riese nicht willig war, die anfänglichen Pläne für den Film zu berücksichtigen. Andere Drehorte mussten ranhalten und auch das Budget, wenngleich nicht so stark zusammengekürzt wie es Disney nach dem Kinostart von Prinz Kaspian beabsichtigte, war ebenfalls geringer, als man zu Beginn der Vorproduktionsphase erwartete.

      Als Die Chroniken von Narnia: Die Reise auf der Morgenröte schließlich in die Kinos kam, waren nunmehr fünf Jahre seit dem ersten Teil vergangen. Eine zu lange Zeit, wenn man eine stabile Kinotradition aufbauen möchte. Dennoch nahm der Film weltweit nur knapp weniger ein als sein direkter Vorgänger. Dies ist genug, um der Serie keinen offiziellen Schluss zu setzen, aber zu wenig, um einen vierten Teil zu sichern. Geht es nach den Kritikern, hat die Serie eh so konstant abgebaut, dass sich eine Fortsetzung nicht lohnen würde.

      Ich fand Teil 1 und Teil 2 jedoch ungefähr gleich stark. Der erste ist, schon allein wegen seiner Geschichte, wesentlich magischer, jedoch finde ich die Handlung in Prinz Kaspian von Narnia ausgereifter adaptiert und der realistischere Ansatz hatte einen unerwartet großen Reiz auf mich. Deswegen war ich nach diesem Film weiter auf einen dritten Narnia-Film gespannt.

      Die Reise auf der Morgenröte offenbar jedoch, dass die unsichere Zukunft der Kinoreihe nicht allein der Studiopolitik in die Schuhe zu schieben ist. Teilweise liegt sie auch am Material selbst begründet. Dem waren sich die Drehbuchautoren sogar bewusst, sie überlegten, die Handlung dieses Films mit der von Die Chroniken von Narnia: Der silberne Sessel zu verschmelzen. Letztlich sah man, von einem kurzen Element, davon ab. Vielleicht hätte man sich an diese Idee halten sollen. Denn Die Reise auf der Morgenröte ist sehr schwach erzählt:

      Lucy und Edmund Pevensie wohnen nun bei ihrem Cousin Eustachius Knilch, einem anstrengenden, neunmalklugen Spießer-Quengelburschen. Während eines Streits zwischen den dreien schwappt das Wasser aus einem Gemälde über, wodurch sie nach Narnia transportiert werden. Prinz Kaspian fischt sie aus dem kühlen Nass heraus und hievt sie auf sein stolzes Schiff, die Morgenröte.
      Prinz Kaspian erzählt seinen neu dazugewonnen Crewmitgliedern, dass er auf der Suche nach sieben verschollenen Lords ist. Als sie auf einer vermeintlich einsamen Insel ankommen, erfahren sie, dass Sklavenhändler diese Gegenden unsicher machen. Außerdem begegnen sie einem der verschollenen Lords, der ihnen erzählt, dass Sklaventreiber unschuldige Menschen einem ominösen grünen Nebel opfern. Kaspian, die Pevensies und ihr zweiflerischer Cousin machen sich auf, herauszufinden, wohin die vom grünen Nebel verschlungenen entschwinden. Auf der Reise gelangen sie an mehrere magische Inseln, auf denen seltsame und teils gefährliche Dinge geschehen...

      Die Reise auf der Morgenröte ist episodisch und sehr kopflos verfasst. Dabei habe ich mit episodischen Handlungen gar kein wirkliches Problem. Ich habe eine Schwäche für Road Movies, die sind nahezu immer episodisch. Ich mag die Disney-Trickadaption von Alice im Wunderland, welche absolut episodisch ist, und einer meiner größten Kritikpunkte an Tim Burtons Variante dieser Geschichte ist, dass sie einen stringenten, roten Faden hat, statt schlichtweg Irrsinn aneinander zu reihen. Das ist nicht mein Problem. Allerdings kann man nicht wahllos irgendwelche Versatzstücke einer Geschichte aufeinander folgen lassen und dann hoffen, eine runde Handlung zu erhalten. Man muss sich das episodenhafte verdienen und im besten Fall aus Vignetten wieder eine perfekte Story formen.  


      Findet Nemo macht im Grunde genommen das, was Die Reise auf der Morgenröte machen möchte: Wir haben eine Mission, nämlich jemand verlorenes wiederzufinden. Es folgen einzelne, kleine Abenteuer, die unsere Helden auf dem Weg zum Ziel überwinden müssen. Andrew Stanton schaffte es in Findet Nemo jedoch, diese kurzen Episoden durch einen stringenten, emotionalen roten Faden zu einer Einheit zu verbinden. Das Drehbuch, das Christopher Markus, Stephen McFeely und Michael Petroni auf der Basis des Romans von C. S. Lewis schrieben, scheitert daran. Es kommt in keinen Erzählfluss, weder ein emotionaler, noch ein Spannungsbogen zieht sich durch die gesamte Laufzeit und auch die einzelnen Subplots funktionieren nicht. Dass Edmund sich von Prinz Kaspian bevormundet fühlt, ein uns kaum bekanntes Mädchen seine Mutter sucht und Lucy ihre Schwester Susan um ihre Schönheit beneidet, das alles kommt kurz auf, und verschwindet dann so schnell, wie es aufgekreuzt ist. Appropos: Allein schon, wie und weshalb die Pevensies in Narnia aufkreuzen, ist ein müder Schatten dessen, was man in Teil 1 schuf. Ich weiß, dass Fantasy-Geschichten, die davon handeln, dass jemand aus "unserer" Welt in eine andere stolpert, immer darunter kranken, dass manche Zuschauer die Exposition wünschen und andere lieber sofort in die Fanatsywelt stürzen wollen, aber erzählerisch ergibt der dritte Abstecher nach Narnia keinerlei Sinn. Im zweiten Film "rief" Prinz Kaspian die Pevensies mittels eines magischen Horns, das für Notfälle gedacht ist. Jetzt sind die Pevensies in Narnia, weil, naja, eine Fortsetzung sollte halt drin sein.

      Die Drehbuchautoren haben ja bereits am Buch herumgedoktert, aber längst nicht genug. Man hätte sicher einige Fehler ausbügeln können, so wie bereits Prinz Kaspian von Narnia seine Vorlage kinotauglicher gestaltere.


      Eine weitere Schwäche ist der nervige Cousin. Eustachius sollte eine Nervensäge für die Figuren im Film sein, nicht jedoch für die armen Zuschauer. Wenige Sekunden mit ihm, und man würde ihm am liebsten in die Magengrube boxen. Und dass Aslan den sich bereits in Prinz Kaspian von Narnia abzeichnenden Trend verfolgt und endgültig zu einem leo ex machina mit ordentlicher Dosis christlich-religiösem Pathos. Dass Der König von Narnia seitens manch bitterer Kritiker zerrissen wurde, da er penetrant missionarischer sei, halte ich für absolut übertrieben. Ja, der Film nutzte Metaphern mit biblischem Hintergrund, allerdings finden die sich vielerorts. In Die Reise auf der Morgenröte wird der christliche Subtext jedoch zu Text und die Symbolik wird völlig plump genutzt. Ein wenig Fingerspitzengefühl hätte wahrlich nicht geschadet.

      Dafür haben Lucy und Edmund wieder mehr zu tun, als noch in Prinz Kaspian von Narnia, und auch wenn ihre Subplots sehr abrupt abgeschlossen werden, so stecken dahinter noch immer recht annehmbare Konzepte. Auch Riepischiep ist mit seinem erfrischenden Humor und seiner gewissen Würde wieder einmal ein Highlight des Films. Er und Aslan sind in Die Reise auf der Morgenröte auch deutlich besser animiert, als noch in Prinz Kaspian von Narnia. Die restlichen Effekte sind dagegen ein klarer Abstieg: Die Minotauren und Faunen sehen, für einen Film dieser Größe, eher schäbig aus und viele der Aufnahmen zu hoher See wirken sehr künstlich. Dass sich Die Reise auf der Morgenröte wie ein kleiner Nachgedanke wirkt, den irgenjemand mal nach den ersten beiden Teilen hatte, ist außerdem Mitschuld der Kameraarbeit von Dante Spinotti und der Musik von David Arnold. Spinottis Bilder lassen einfach kein episches Fantasy-Gefühl aufkommen und David Arnolds Kompositionen kommen nicht an die Klanggewalt von Harry Gregson-Williams heran. Regisseur Michael Apted schlug sich derweil ganz passabel. Andrew Adamson vermittelte mehr Magie, auch im an Fantasyelementen ärmeren Prinz Kaspian von Narnia, doch ich fand keine wirklich relevanten inszenatorischen Mängel, die ich nicht eher im Drehbuch vermuten würde. Wobei man natürlich nie weiß, was auf Anraten des Regisseurs im fertigen Film landete.

      Da Die Reise auf der Morgenröte in der zweiten Hälfte anzieht (reeeein zufällig genau dann, als man den nervigen Cousin zum Schweigen brachte) und wieder unbeschwerten, familientauglichen Fantasy-Spaß bietet, sehe ich ihn trotz des haarsträubenden Gesprächs mit Aslan nicht als Ausfall an. Einzelne Segmente sind recht gut geworden, und wenn man den Cousin sowie besagte Audienz bei Aslan ignoriert, sind die Dialoge (wie ich finde) besser, als in Der König von Narnia. Dieser hatte allerdings die deutlich bessere Geschichte und auch sehr viel zauberhafte Atmosphäre. Die Reise auf der Morgenröte ist schwach erzählt und hat... eigentlich gar keine Stimmung zu vermitteln. Der Film unterhält für 100 Minuten, mehr auch nicht.

      Waren die ersten beiden Teile in meinen Augen (sehr) gut, ist Die Reise auf der Morgenröte für mich schlichtweg "joah, ok". Sollte Teil 4 kommen, würde ich ihn mir bestimmt ansehen, doch wenn die Kino-Chroniken von Narnia nun enden, werde ich keine Träne vergießen.

      Übrigens, wer es (immer) noch nicht weiß: In Deutschland gibt es den Film nur geschnitten zu erwerben. Disney hatte damals ja wenigstens den Anstand, die unzensierte Fassung auf DVD zu veröffentlichen, Fox hingegen zwängt uns auf allen Formaten die gestutzte "ab 6"-Version auf. Bloß nicht auf der 3D-Blu-ray. Die man, in bester Avatar-Manier, nur erhält, wenn man sich 3D-Hardware von Sony kauft. Was in der deutschen Fassung fehlt, erfahrt ihr hier.

      Mittwoch, 20. Juli 2011

      Der neue Spinnenmann biedert sich an

      Irgendwo muss ein Nest sein. Erst der The Dark Knight Rises-Teaser, nun der Teaser Trailer zum neuen Spider-Man. Auch er wurde verfrüht inoffiziell veröffentlicht, aber dank Movie-List gibt es nun auch eine etwas klarere Version zu betrachten:



      Andrew Garfield kann ich als neuen Spider-Man akzeptieren und Marc Web, Regisseur von (500) Days of Summer, scheint mir recht komfortabel mit seinem ersten wirklich großen Film. Dass Spideys Ausflug über die hohen Dächer New Yorks aus der Egoperspektive gezeigt wird, ist auch schön. Und trotzdem: Selbst wenn sich der Teaser Trailer dunkler anfühlt, als Sam Raimis erster Spider-Man, sehe ich keine wirkliche Innovation. Ich wurde den ganzen Trailer über diesen Gedanken "Und warum?!" nicht los. Zumindest dieser Trailer wirkt deutlich überflüssiger, als das, was ich aus jüngerer Vorberichterstattung bezüglich des Films gezogen habe. Als Nolan Batman neu erzählte, hatte das ja Hand und Fuß. Dies sieht mir dagegen wie das Projekt eines motzigen Studios aus, das nach Sam Raimis und Tobey Maguires Ausstieg neu anfängt. Weil man ja immer gleich bei 0 anfangen muss...

      Mein Urteil, basierend auf diesem Teaser Trailer: Sieht ja ganz solide aus, doch es ist das Produkt einer depperten Idee. Ich will Spider-Man 4, nicht Spider-Man: Nochmal von vorn!

      Vergessene Schätze

      Lord, what fools these mortals be!
      Von vielen Filmen heißt es, sie seinen vollkommen unterschätzt und hätten einen unverdient schlechten Ruf. Doch das setzt voraus, dass sie überhaupt im allgemeinen Bewusstsein angekommen sind. Was ich für sehr viel tragischer halte, sind grandiose Filme, die einfach kein Mensch zu kennen scheint und zu denen es teilweise noch nicht einmal eine deutsche DVD gibt.
      Den größten Juwelen unter diesen vergessenen Schätzen sei diese Liste gewidmet.



      Ehrennennung: REPO! The Genetic Opera

      Dieses einmalig seltsame Machwerk hätte definitiv eine Nennung verdient, aber durch Sir Donnerbolds Bemühungen dürfte der Film zumindest im Rahmen dieses Blogs alles andere als unbekannt sein. Daher belasse ich es dabei, allen, die sich diesen Film noch nicht angesehen haben, kräftig auf die Finger zu hauen.
      DVD besorgen. Sofort!

      Platz 5: Momo

      Ein kleines Mädchen, das mit ihren Freunden am Rande einer großen Stadt lebt, muss gegen die Grauen Herren antreten, um den Menschen ihre gestohlene Zeit wiederzubeschaffen.
      Dieses Werk ist zugegebenermaßen bei uns nicht allzu unbekannt - in Deutschland dürfte die Verfilmung von Michael Endes Roman doch einigermaßen zum allgemeinen Kulturgut zählen. Ich führe den Film dennoch aus zwei Gründen an: Erstens bezieht sich diese Bekanntheit wirklich nur auf den deutschen Markt und bisher ist noch in keinem anderen Land eine DVD erschienen (weshalb auch niemand so genau weiß, in welchen Sprachen der Film gedreht wurde). Und zum Zweiten haben zwar viele von dem Film gehört, doch wahrgenommen wird er meist nur als „dieser Kinderfilm“.
      Ich würde dem gerne widersprechen: Mit dem Film verhält es sich wie mit dem zugrundeliegenden Buch, das man meiner Meinung nach nicht in Schubladen wie „Kinderliteratur“ oder „Erwachsenes Märchen“ schieben kann. Michael Ende hat außerhalb solcher Kategorien geschrieben und seine Werke - vor allem „Momo“ und „Die Unendliche Geschichte“ - beinhalten eine allumfassende Gültigkeit und eine tiefe Poesie, die jeden Menschen gleichermaßen anspricht.
      Und im Gegensatz zu der Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ hat sich dieser Zauber bei „Momo“ ungebrochen auf den Film übertragen.

      Platz 4: Zug des Lebens

      Ein polnisches Dorf voller Juden will den Konzentrationslagern der Nazis entkommen, und so besorgen sie sich einen Zug, in dem sie ihre Deportation vortäuschen, um so in die Freiheit zu entkommen.
      Der Film, der fast zeitgleich mit „Das Leben ist schön“ herausgekommen ist, teilt eine Menge der Charakterzüge, die diesen zu etwas Besonderen gemacht haben. Beide Filme handeln von Juden, die sich dem Schrecken des Nationalsozialismus mit Witz und Chuzpe entgegenstellen; beide Filme schaffen es, aus dieser schwierigen Thematik eine freche Komödie zu erschaffen, ohne jemals ins Pietätslose abzugleiten.
      Ich habe keine Ahnung, warum diese Filme bei uns so unterschiedlich bekannt sind - wahrscheinlich hat der Oscargewinn Roberto Benigni doch einen großen Vorsprung verschafft. Meiner Meinung nach ist „Zug des Lebens“ auf jeden Fall mindestens genauso gut. Der Film ist erfrischend, lustig, rührend und alles in allem eine wunderbare Groteske.
      Da ein nicht unerheblicher Teil des Films darin besteht, wie einige der Juden versuchen, Hochdeutsch ohne jiddische Einsprengsel zu reden, ist der Film auch einer der seltenen Fälle, in dem die Synchro besser ist - oder mit Sicherheit mehr Sinn macht - als das Original.
      „Das Deutsche ist sehr hart, Mordechai, präzise und traurig. Jiddisch ist eine Parodie des Deutschen, hat jedoch obendrein Humor. Ich verlange also nur von Ihnen, wenn Sie perfekt Deutsch sprechen wollen ohne eine Spur von jiddischem Akzent, den Humor wegzulassen, sonst nichts.“ - „Wissen die Deutschen, dass wir ihre Sprache parodieren? Vielleicht ist das der Grund vom Krieg.“

      Platz 3: Ein Sommernachtstraum

      Shakespeare‘sche Irrungen und Wirrungen dreier Paare im Athener Wald - veredelt mit einer großen Prise Feenzauber.
      Der Platz ist wieder etwas geschummelt, denn anno 1935 war dieser Film ein großer Hollywood-Erfolg, der zu einigen größeren Shakespeare-Verfilmungen geführt hat. Heute allerdings ist er völlig in der Versenkung verschwunden - die wunderbare deutsche Synchro ist noch nicht einmal auf DVD erhältlich.
      Das dürfte wohl zum einen daran liegen, dass man dem schwarz-weißen Film mit der ruhigen Kameraführung und dem teilweise etwas dick aufgetragenen Schauspiel seine Jahre eindeutig anmerkt, vor allem aber auch an dem neueren Sommernachtstraum-Blockbuster von 1999, der mit Hollywood-Größen gespickt ist, die noch leben ...
      Dabei wirkt die ältere Verfilmung keineswegs altbacken: Die Effekte sind simpel, aber immer noch überzeugend, die Komik sitzt perfekt und der Soundtrack von Mendelsson-Bartoldy ist sowieso zeitlos genial. Und ein Plus gibt‘s dafür, dass der seitdem tausendfach verwendete Hochzeitsmarsch hier zu der Szene kommt, für die er geschrieben wurde ...
      Gerade im Vergleich mit der neueren Version fällt mir auf, dass die Feen in diesem Film einen viel mächtigeren, unnahbaren Eindruck machen. Es mangelt nicht an der nötigen Komik, aber hier kommt in dem Spiel von Titania und Oberon noch eine wilde, düstere Note dazu, die den Gesamteindruck perfekt ausbalanciert. Wahrscheinlich liegt das zu einem großen Teil auch an dem fast surrealen, schwarz-weiß funkelnden Zauberwald und den mystisch anmutenden Kostümen - es ist beindruckend, wie sehr man das Auge auch mit einem Szenario ohne Farben verwöhnen kann.
      Und zum Abschluss noch etwas zu meiner Lieblingsfigur: Für mich ist und bleibt Puck eine Rolle, die von einem Jungen gespielt werden muss. Und der kleine Kerl mit seinem teuflisch-bezaubernden Charme ist einfach unwiderstehlich!

      Platz 2: Neverland

      Ein fremdartiger Junge mit seiner Feen-Freundin besuch drei Geschwister und nimmt sie mit in ein unwirkliches Zauberland - einen abgehalfterten Vergnügungspark namens „Neverland“. Dort können die Jugendlichen sich zwischen transsexuellen Indianern und falschen Meerjungfrauen nach Herzenslust austoben und die einzige Gefahr besteht in dem düsteren Hausmeister, der es mit seinem - ähm - „Haken“ auf die Jungen abgesehen hat.
      Als großer Fan des Buches „Peter und Wendy“ habe ich mir diesen Film mit einiger Erwartung und viel Skeptik angesehen: „Neverland“ ist eine düstere Verfilmung des „Peter Pan“-Mythos, die aus den Kindern Jugendliche macht und den Zauber des Originals durch Kirmes-Glitter und jugendliche Rebellion ersetzt.
      Das für mich Überraschende war jedoch, dass das stark veränderte Setting für die Geschichte wenig Unterschied macht. Es geht nicht um Provokation oder um einen „Twist“, sondern um eine folgerichtig weitergedachte Realisierung der bekannten Geschichte - und man kann sicher sein, dass sexuelle Untertöne, die im Original vielleicht unterschwellig zu spüren sind, hier brutal ausgereizt werden.
      Insgesamt ist dieser Film eine der werkgetreuesten „Peter Pan“-Verfilmungen (ganz im Gegensatz zu dem Disney-Film). Der Text ist durchgehend fast wörtlich aus dem Buch übernommen - auch wenn Ausdrücke wie „Feenglanz“ und „Fliegen“ im Zusammenhang mit Tinks weißem Pülverchen eine etwas andere Bedeutung annehmen. Aber vor allem bleibt der Film dem Buch wirklich treu: Die Gefühle stimmen und der Charakter der Figuren wird schmerzlich real dargestellt.
      Auch wenn Peter hier etwa 17 ist und seine Tage zwischen alten Kulissen und Kirmes-Bahnen verbringt, er bleibt ein Kind, das sich weigert, erwachsen zu werden und sein Traumland zu verlassen, und gerade bei dem Kontrast zu Wendys langweilig-peniblen und gefühlskalten Zuhause kann man ihm diesen Wunsch kaum verdenken.
      Mein einziges Problem mit dem Film ist die weibliche Hauptfigur; Wendy ist durchweg langweilig und ihr Genörgel geht auf die Nerven - dies ist die erste „Peter Pan“-Verfilmung, bei der ich sie absolut unerträglich finde. Wahrscheinlich soll sie einen deutlichen Kontrast zu der farbenfrohen, verspielten Tinkerbell darstellen, aber für mich führt das vor allem dazu, dass ich am Ende nur heilfroh bin, wenn Wendy wieder nach Hause geht.
      Gleichzeitig hat sie aber sehr viel mehr Berechtigung in ihrem Versuch, Peter „erwachsen werden“ zu lassen. Auch wenn er es nicht einsieht, ist dem Zuschauer klar, dass die selbstgewählte Kindheit so kein ewiger Zustand bleiben kann. Und damit wird das Ende erstmals so bittersüß dargestellt, wie ich es immer schon empfunden habe: Keine triumphale Endmusik oder romantische Schlusschöre, die vergessen lassen wollen, dass es hier immerhin um das Zurücklassen der Jugend und das Loslassen - oder Festklammern - der eigenen Kindheitsträume geht.

      Platz 1: Die kleine Meerjungfrau

      Eine kleine Meerjungfrau träumt vom Leben an Land und ihrer großen Liebe ...
      Andersens wohl berühmtestes Märchen wurde in den letzten Jahrzehnten wieder und wieder verfilmt. Es gibt viele Zeichentrickfilme (einer etwas bekannter als der Rest), die die Geschichte quasi alle zu einem Happyend führen und es gibt den ein oder anderen Spielfilm, der sich mit den Unterwasserszenen dann meist etwas schwerer tut und sie dementsprechend abkürzt.
      Die meiner Meinung nach mit Abstand beste Verfilmung (und generell einer meiner fünf liebsten Filme überhaupt) stammt aus dem tschechischen Filmstudio, das wohl einigen durch den von der Stimmung her ähnlichen Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ein Begriff sein sollte.
      Dieser Film war nicht bereit, auf die für die Charakterentwicklung unerlässlichen Szenen im Meer zu verzichten, und so wurde eine von blauem Licht durchflutete und von hohen Felsen umgebene Meereswelt „nachgestellt“. Doch die Unterwasserwelt wird nicht nur einfach umgesetzt, sie wird real. Durch die fließenden Gewänder, die aufwendigen Haarbauten und nicht zuletzt die atmosphärisch-unterirdische Musik entsteht eine traumartige Szenerie, bei der ich mir immer noch nicht vorstellen kann, dass sie wirklich im Trockenen gedreht wurde.
      Die Musik verdient auf jeden Fall besondere Würdigung: Vom überwältigenden orchestralen Wellenklang über berückenden Sirenengesang bis zu fast experimentellen Höhlengeräuschen ist alles dabei, um eine wirklich einzigartige Welt unter der Meeresoberfläche zu erschaffen. Gleichzeitig wird so der Kontrast zu der gefälligen, aber braveren Hofmusik im Schloss des Prinzen unterstrichen und die kleine Nixe bleibt allein durch ihr musikalisches Thema ein Fremdkörper in dieser Welt.
      Auffallend finde ich auch den Vergleich des gewaltigen Hauptthemas mit den sanften Anfangstönen des Themas von „Arielle die Meerjungfrau“: Beide ahmen den Fluss der Wellen nach, doch während das eine an zarte karibische Strömungen denken lässt, spiegelt das andere alle Gewalt der Nordsee wider.
      Und dann ist da ja noch der Gesang der kleinen Meerjungfrau selbst (etwa bei 4:30):

      Es ist ein betörender Gesang in griechischer Sirenen-Tradition, der die Seefahrer um den Verstand bringt und das Herz des Prinzen umgarnt. Warum muss ich nur gerade an den neuesten „Fluch der Karibik“-Film denken?
      Aber der Film hat weit mehr zu bieten, als Atmosphäre und Musik. Die relativ kompakte Geschichte wird nicht, wie in vielen simplen Märchenfilmen, einfach wiedergegeben; die Figuren haben alle ihren einzigartigen Charakter und viele Handlungsmotive, die weit über die Vorlage hinausgehen. Die Tatsache, dass - wie auch bei Andersen - niemand einen Namen trägt, scheint die Intensität der Charaktere dabei fast noch zu vertiefen.
      So wird zum Beispiel aus verschiedenen Andeutungen klar, warum der Meereskönig seine Töchter alleine erziehen muss: Offensichtlich hatte sich seine Frau vor vielen Jahren in einen Fischer verliebt und hat - mit Hilfe derselben Hexe, an die sich ihre Tochter wendet - Mann und Kinder für ein Leben an Land verlassen. Dass die kleine Meerjungfrau ihrer Mutter nun so ähnlich ist, erklärt auch ihren Status als Lieblingstochter und die vergeblichen Versuche ihres Vaters, sie zu schützen.
      Ein anderer zusätzlicher Einschub ist der, dass der Gesang der Meerjungfrau es war, der den Prinzen und sein Schiff erst zu ihr gelockt hat - und die Macht ihres Vaters hat den Sturm gerufen, um das Schiff und alles, was darauf ist als „Geburtstagsgeschenk“ unter Wasser zu holen. Nach dieser Logik war der Prinz von Anfang an ihr Eigentum und ihre Entscheidung, ihm sein Leben zu schenken wird zu einem Akt der Gnade.
      Und dann – das Ende.
      Was soll ich dazu schreiben? Ein Tip: Der Film endet anders als „Arielle“. Es ist eines der wenigen Enden, die es schaffen, mich tränenüberströmt und gleichzeitig lächelnd zurückzulassen.
      Mit einem Wort: Perfekt.