Samstag, 29. Oktober 2011

Albert Hurter

Another Nine widmet sich, in Anlehnung an Walt Disneys Nine Old Men, den über viele Jahrzehnte prägenden Trickfilmern des Studios, neun großartigen Künstlern, deren Einfluss bisher nur unzureichend erkannt und gewürdigt wurde. Vorgestellt werden Menschen, die ihre kreative Arbeit in völlig verschiedenen Bereichen verrichtet haben – Im Schatten der Maus.


Der dritte Teil dieser Serie berichtet von einem alten Mann, dem es mit noch weitaus älteren Mitteln gelang, eine neue Form der Kunst mit zu erschaffen: Albert Hurter



Albert Hurter, Mitte der 1930er Jahre (Quelle: Disney)

Die künstlerische Entwicklung der Walt Disney Studios binnen weniger Jahre ist allenfalls vergleichbar mit dem raschen Wandel in der Computerindustrie des letzten Jahrzehnts. Der Fortschritt, der im Verlauf eines Jahrzehnts bis zur Veröffentlichtung von Pinocchio und Fantasia, aber auch schon Schneewittchen und die sieben Zwerge gelang, ist erstaunlich. Die Perfektion der Farbe und der Wechsel von Stumm- zu Tonfilm gelang mit solcher Bravour, dass außerhalb von Fankreisen kaum ein Zuschauer die Entstehungszeit des Märchens um Gepetto und seinen Sohn auf die späten 1930er Jahre datieren würde (gerne werden Arielle, die Meerjungfrau und Der König der Löwen als die „alten“ Filme Disneys bezeichnet). Viel bedeutender als das Hinzukommen von Ton und Farbe (die Musik soll bei dieser Beurteilung mit Nachdruck außenvorbleiben) ist aber die Entwicklung und Verfeinerung der eingesetzten Zeichentechnik, die bis Ende der 1920er Jahre über Slapstick nicht hinauskam – zumindest dann, wenn ein Zeichentrickstudio wirtschaftlich arbeiten musste und nicht die Möglichkeiten eines Winsor McCay besaß. Bezeichnend ist der bekannte Umstand, dass Schnellzeichner Ub Iwerks selbst die frühen Micky-Maus-Filme noch in wenigen Wochen aus dem Ärmel schütteln konnte. Die Filme mussten vor allem eine Voraussetzung erfüllen: man musste die Charaktere in möglichst kurzer Zeit auf Papier bringen können.

Die Weiterentwicklung des Zeichentrickfilms wurde von Walt Disneys visionären Ideen angestoßen. Die Umsetzung erwies sich zunächst als unmöglich, da Walt Disney niemand zur Verfügung stand, der eine künstlerische Ausbildung vorweisen konnte und bereits zuvor im Trickfilm gearbeitet hatte. Ersteres erwies sich als besonders schwer, letzteres half Disney als „Einzelleistung“ nur wenig weiter. Zu denjenigen, die bereits zuvor lange Jahre im Zeichentrickfilm aktiv waren, gehörte auch Ted Sears, der selbst ein weitaus begabterer Autor als Zeichner war. Doch er verhalf Walt Disney zu einem Mann, der sich schicksalhafterweise ausgerechnet in Kalifornien in den Vorruhestand verabschiedet hatte und wie gerufen auf der Bildfläche auftauche: Albert Hurter.



(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Albert Hurter wurde am 11. Mai 1883 in Zürich geboren, beinahe auf den Tag neun Monate nach der Vermählung seiner Eltern Albert Hurter sr., einem Maschinenbauer, und der Deutschen Maria Schmid. 1884 und 1890 sollten zwei weitere Söhne die Familie vervollständigen. In den Jahren dazwischen gelang den Hurters der gesellschaftliche Aufstieg, nachdem Albert Hurter sr. seine Arbeit aufgegeben hatte und begann, technisches Zeichen an einer Berufsschule zu unterrichten.

Überschattet wurden diese Jahre von der Erkrankung des jungen Albert, der an den Folgen eines rheumatischen Fiebers zu leiden hatten. Die weitreichenden Folgen der Krankheit, besonders die chronische Herzschwäche, schränkten ihn in seinen Aktivitäten sehr ein und führten dazu, dass er sich früh zurückzog und Leidenschaften entwickelte, denen er am heimischen Schreibtisch nachkommen konnte. Zunächst als Briefmarkensammler, dann, angeregt durch seinen Vater, in der Kunst, fand er schnell Erfüllung, und bereits in seiner Jugend ist sein Zeichenstil von Absurdität geprägt. Mit seinem Studium entdeckte er im Rauchen eine weitere Aktivität, der er in der Zukunft exzessiv nachkommen sollte – sein Studium selbst, Architektur, befriedigte sein Interesse kaum. Folgerichtig kehrte er nach drei Jahren der Universität Zürich den Rücken und verblieb sieben Jahre in der Hauptstadt des deutschen Kaiserreichs: Berlin. Dort wurde ihm die Möglichkeit geboten, klassisches Zeichnen und Malerei zu erlernen. Die schwere Krankheit seines Vaters bewog ihn im Anschluss zur Rückkehr nach Zürich – als sein Vater zwei Jahre darauf, etwa 60 Jahre alt, starb, beschloss er, seine Heimat für immer zu verlassen.


(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Hurters Biographie vor und zu Beginn des 1. Weltkriegs liegt im Dunkeln. Sicher ist, dass er einige Zeit in Paris verbrachte und anschließend über New York City 1916 in die USA auswanderte. Dort kam er zum ersten Mal in Berührung mit dem Zeichentrickfilm, auch wenn eine frühere Begegnung mit Émile Cohl in Frankreich nicht ausgeschlossen werden sollte. Sein Weg führte ihn zum Barré Studio, das, wie auch das Studio von John Randolph Bray, oft als erstes Trickfilmstudio weltweit bezeichnet wird.

Dort war man von Hurter begeistert, der mit seiner universitären Ausbildung über ein Jahrzehnt hinweg etwa zehn Jahre mehr davon genossen hatte, als sonst ein Zeichner des Studios. Raoul Barreals erkannte das Potential des Schweizers und machte ihn zum kreativen Leiter der Produktion und übergab ihm die Aufgabe, Mitarbeiter in das völlig neue Medium des Zeichentricks einzuführen. Bei Barré lernte Hurter auch Dick Huemer und den jungen Ted Sears kennen, auf die er bei Disney erneut treffen sollte. Seine hevorstechende Position war ihm durchaus bewusst, in Verbindung mit seiner peniblen Arbeitsweise weckte er in der jugendlichen Belegschaft damit nicht nur Gefühle der Zuneigung. Die Stimmung kippte endgültig, als ein Cartoon der vom Studio produzierten Mutt-and-Jeff-Serie die führenden Staatsoberhäupter der Welt parodierte, darunter den deutschen Kaiser Wilhelm II. Bei der Produktion sah sich Hurter mit rassistischen Vorwürfen konfrontiert und ihm wurde unterstellt, er sympathisiere mit dem US-Kriegsgegner im alten Europa. Wenig vorteilhaft war dabei Hurters stark ausgeprägter deutscher Akzent, der im New York der damaligen Zeit nur noch wenige Anhänger fand. Als Konsequenz daraus entschloss er sich, das Studio im Jahr 1918 zu verlassen und nach Kalifornien auszuwandern.


(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Dort hielt er sich mit Gelegenheitsaufträgen über Wasser, zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise erinnerte er sich an Wissen, das er Jahre zuvor antrainiert hatte – er spekulierte mit Briefmarken. In der Depression gelang es ihm, zahlreiche Sammlungen zu erwerben. Zwar kam er dadurch nicht zu Reichtum, konnte aber sein bescheidenes Leben problemlos fortführen. Das war notwendig, weniger aus Gemütlichkeit, als vielmehr aus Rücksicht auf seine labile Gesundheit, die er, sieht man vom Nikotin ab, zu schützen gedachte. Zu Geld kam er 1930 eher durch Zufall, als Hurter, der sein Geld im Schuh mit sich herumzutragen pflegte, in der Lotterie gewann und mehrere tausend US-Dollar erhielt.

In Gedanken hatte sich Hurter nun, ausgestattet mit genug Geld für einige Jahre, bereits in den verdienten Ruhestand zurückgezogen – wäre da nicht Ted Sears gewesen, den er 1916 bei Barré kennen gelernt hatte. Sears, damals erst 16 Jahre alt, hatte seitdem durchgängig im Trickfilm gearbeitet und war nach einigen Jahren bei Max Fleischer 1931 zu Walt Disney gelangt. Sears war es, der Albert Hurter dazu brachte, noch einmal ins „Business“ zurückzukehren.


(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Albert Hurter erhielt von Walt Disney einen Freifahrtschein. Seine Arbeit im Studio bestand darin, zu zeichnen, was ihm in den Sinn kam und Konzepte für kommende Trickproduktionen zu entwickeln. Das beinhaltete nicht nur Charaktere, sondern auch Hintergründe und Sketche. Das entscheidende an Hurter war, dass er nicht nur das fantastisches Geschickt besaß, in jedem denkbaren Stil an der Grenze zur Perfektion zu arbeiten, sondern dass es ihm auch gelang, den Punkt, an dem Charaktere und Landschaften noch im Trickfilm umsetzbar waren, genau auszuloten. Er forderte die Fertigkeiten der Trickfilmer hinaus, aber kannte die realistischen Grenzen der Umsetzbarkeit – sowohl bezogen auf die Animation, als auch die finanziellen Möglichkeiten des Unternehmens Disney. Unter anderem die Arbeit von Joe Grant wurde in den Anfangsjahren von vielen Seiten kritisiert, weil ihm genau das nicht gelang – wie auch Salvador Dalí und John Hench, deren Kurzfilm Destino zwischenzeitliches Ende fand.

Die Vielfältigkeit von Hurters Arbeit zeigte sich auch in der Praxis. 1933 entwickelte er für
Die drei kleinen Schweinchen den Bösen Wolf und zusammen mit dem jungen Talent Fred Moore die drei kleinen Schweinchen. Obgleich die kreativen Köpfe hinter Donald Duck bis heute nicht feststehen, darf vermutet werden, dass neben dem russischstämmigen Art Babbitt und Dick Huemer, Sohn österreichischer Eltern, der Schweizer Hurter federführend war.

Auch seine Arbeit für die ersten Langfilme Disney waren wegweisend. Für
Schneewittchen und die sieben Zwerge arbeitete er nicht nur die fantastische Welt des Waldes aus und große Teile der aus allem Grünen springenden Tierwelt, sondern überwachte große Teile der Animation und damit, ob die hohen Anforderung an die Illusion der Bewegung erfüllt wurden. In diesem Zusammenhang entstand dieses frei übersetzte Zitat des Regisseurs des Films, David Hand:
„Wenn die Jungs für das Layout den groben Rahmen des Sketches fertig haben, bekommt Albert ihn, bevor er in die Hände des Trickfilmzeichners wandert. Ist das geschehen, geht er noch einmal an Albert zurück, damit er Verbesserungen vornehmen kann, vorausgesetzt, sie machen die Szene nicht kaputt, bevor Sam [Armstrong] alles bekommt. Gibt es Ergänzungen von Albert, fertigt er diese aus und die Animatoren bekommen sie, anschließend gehen sie wieder in Sams Abteilung. Bevor schließlich koloriert wird, erhält Albert die Zeichnungen erneut. Damit ist sichergestellt, dass alles hunterprozentig stimmt.”

Wer ein Vorbild von Hurters Arbeit in natura sehen möchte, muss nicht bis Kalifornien reisen, sondern nur ins bayrische Rothenburg ob der Tauber. Hier fand er die Inspiration für das Dorf in Pinocchio. Weitere Arbeiten Hurters findet man in Fantasia und Bambi, aber auch in Filmen, die lange nach Hurters Tod fertiggestellt wurden, wie Peter Pan oder Susi und Strolch. Schon früh wurde eine Auswahl von Hurters Arbeit – mit dem Segen und Vorwort Walt Disney – von Ted Sears unter dem Titel He Drew As He Pleased der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Das war im Jahr 1948, bereits sechs Jahre zuvor war Hurter in Kalifornien an seinem schwachen Herzen gestorben, nur 58 Jahre alt – die Krankheit seiner Kindheit hatte ihn besiegt.


(Quelle: Simon and Schuster, 1948)

Disney bewunderte nicht nur Hurters eigene Arbeit, sondern auch die zahlreicher mitteleuropäischer Karikaturisten, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, wie Wilhelm Busch oder Heinrich Kley. Insbesondere letzterer übte mit seinen der Phantastik zuzuordnenden Werken von Tieren und Menschen, die zur Zeit der Jahrhundertwende weitgehend aus dem Rahmen fielen, eine besondere Faszination auf Disney aus, der genau so etwas auf die Leinwand bringen wollte. Tatsächlich findet sich im Dance of the Hour-Segment aus Fantasia eine Vielzahl von Charakteren, die von Kley übernommen wurden.
In Anbetracht dessen, dass der Schwede Gustaf Tenggren erst 1936 zu Disney kam, muss man viel Einfluss auf den wegweisende Trickfilm der ersten Meisterwerke Walt Disney Albert Hurter zuschreiben. Nachdem Joe Grant 1933 zu Walt Disney kam, begeisterte er zusammen mit seinem schweizerischen Kollegen den Studiogründer explizit für die Arbeiten Heinrich Kleys und animierte Disney, eine Sammlung anzulegen. Das führte dazu, dass der Karlsruher Künstler in Deutschland nahezu unbekannt ist, in den USA aber ein reges Interesse an seiner Arbeit herrscht.


Albert Hurter selbst geriet in Vergessenheit. Bis heute wurde er vom Konzern nicht gewürdigt, eine Neuauflage seines künstlerischen Werks ist nicht in Aussicht. Was bleibt, ist ein Zitat aus einem Nachruf Walt Disney auf Hurter, das in wenigen Worten die Bedeutung des Schweizers verdeutlich – er sei ein „mastor creator of fantasy“.

Scream 4

Elf Jahre ist es mittlerweile her, seit mit Scream 3 die revolutionäre Slasher-Reihe von Wes Craven in die Kinos kam. Stand dieser Teil noch unter dem direkten Einfluss des Massakers an der Columbine High School, welches vorübergehend der Mediengewalt in US-Produktionen ein Ende setzte. Hollywood konnte sich allerdings von dieser Schreckenstat erholen. Nach einer kurzen Phase, in der das Horrorgenre von Remakes japanischer Streifen mit übernatürlichen Motiven dominiert wurde (darunter Gore Verbinskis The Ring als Vorreiter und Dark Water von Touchstone Pictures als frühes Vorzeichen, dass dieser Trend abstirbt) kehrte die Gewalt zurück in den Horrorfilm. Womöglich stärker denn je: Der unabhängig produzierte Überraschungserfolg Saw begründete ein neues Subgenre des amerikanischen Horrors - den von Kritikern abfällig getauften "Torture Porn".

Zugleich überschwemmten zahlreiche Remakes klassischer US-Produktionen das Genre. Marcus Nispels Texas Chainsaw Massacre und Freitag, der 13., Rob Zombies Halloween und nahezu alle anderen Neuverfilmungen setzten verstärkt auf mehr Blut, mehr Gedärme, mehr Schockeffekte.

In dieser Welt des neuen Horrorfilms wollte Bob Weinstein auf die Scream-Reihe zurückgreifen. Nicht jedoch in Form eines Reboots oder Remakes, sondern mit einer Fortsetzung. Auf die Ankündigung im Juli 2008 folgte fast zwei Jahre später Wes Cravens feste Zusage, er würde die Regie übernehmen. Außerdem kehrte Drehbuchautor Kevin Williamson zurück, der Scream 1 & 2 verfasste. Der freudige Aufschrei der Fans war kaum zu vermeiden - ebenso wie die typischen PR-Aussagen. Vor Kinostart schwörte ein Mitglied der Crew für Effekt-Makeup, dass Scream 4 mit der modernen Konkurrenz mithalten kann und ein äußerst grafischer Tod im Film garantiert Ärger mit der Jugendfreigabebehörde auslösen würde.

Irgendwann kam er endlich, der Kinostart von Scream 4. Und die Zuschauerreaktionen... die waren sonderbar gespalten. Ich habe Scream 4 letztlich im Kino ausgelassen, um ihn stattdessen auf DVD nachzuholen. Auch wenn ich meiner Kritik bereits vorgreife: Ich bereue es. Nicht, Scream 4 nachgeholt zu haben, sondern ihn nachholen zu müssen. Ich hätte wirklich ins Kino gehen sollen!

Selbstredend kann meine Kritik nicht ohne Spoiler zu Scream, Scream 2 und Scream 3 auskommen, also seien Neulinge zu dieser Kinoreihe gewarnt. Allerdings ist es bei Scream generell recht unsinnig, nicht chronologisch vorzugehen, also beschwert euch nicht, wenn Scream 4 eure erste Erfahrung mit Scream 2 versaut.

Die Mordserie wird wohl niemals enden...

Fünfzehn Jahre sind mittlerweile vergangen, seit die Teenager Billy und Stu eine blutige Mordserie begannen, welche als "die Woodsboro-Morde" große Medienaufmerksamkeit erlangte und die Horrorfilmreihe Stab inspirierten. Ihre Maskierung als Ghostface-Killer ist bis heute ein unvergesslicher Teil der Popkultur - und fast jeder Teenie hat auf seinem Smartphone eine App, die Ghostfaces bedrohliche Stimme nachahmen kann.

Sidney Prescott, das Hauptziel der echten und ursprünglichen Ghostfaces und eine Schlüsselperson in den Nachahmermorden auf dem Windsor College sowie am Set des Slasher-Films Stab 3, verarbeitete ihre Erfahrungen durch die Schriftstellerei. In ihrem Buch Out of the Darkness gelang es ihr, ihre vermeintliche Opferrolle neu zu definieren und Stärke auszustrahlen, was Menschen in vergleichbaren Situationen inspirieren und ermutigen soll. Als sie nach vielen Jahren im Rahmen einer Lesetour erstmals in ihre Heimatstadt Woodsboro zurückkehrt, werden zwei Jugendliche brutal ermordet vorgefunden, außerdem werden Sidneys Cousine Jill und eine ihrer Freundinnen von "Ghostface" telefonisch bedroht.

Die Polizei ermittelt unter der Leitung von Sherrif Dewey in dieser Sache, tappt jedoch im Dunkeln, was Dewey Ehefrau Gale Weathers-Riley auf den Plan ruft. Ihr Ruhm als Sensationsjournalistin ist mittlerweile verblasst, und ihre neue Berufung als Schriftstellerin fiktionaler Stoffe will nicht so richtig in Gang kommen. Also schließt sich sich kurzerhand mit den Nerds vom Filmclub der Woodsboro High School zusammen. Ihre Hoffnung: Mit ihrer Erfahrung und der Kenntnis moderner Horrorfilme sowie den neuen Medien, die der Filmclub mitbringt, kann sie die Tat aufklären und wieder ins mediale Rampenlicht treten.
Wie es zu ahnen war, schlägt der neue Ghostface-Killer bald darauf wieder zu...

"Wie Meta kann man sein?!"

Was habe ich es nicht vermisst, das waschechte Scream-Gefühl. Scream 3 strahlte für mich kaum die Identität eines Scream-Films aus, aber das holt der vierte Teil nach. Und wie! Mit einem gewaltigen WUMMS kehrt die mit komödiantischen Elementen versetzte Horrorreihe zurück. Scream 4 gelingt es in wenigen Sekunden den derzeitigen Genretrends gewaltig den Arsch zu versohlen, sich selbst mit kesser Selbstironie eine Ohrfeige zu verpassen und zwischen all dieser Filmsatire eine ernsthafte Schaueratmosphäre aufzubauen, auf welcher die Spannung dieses Films fußen kann.

Mir sind manche Stimmen bekannt, denen das Intro zu kompliziert sei - diese Leute kann ich nicht verstehen, und ich frage mich, was erst passiert, wenn sie einen wahrlich komplexen Film sehen. Scream 4 beginnt so, wie es Scream 2 schon wollte: Die Zuschauerwünsche werden mit einem sarkastischen Grinsen erfüllt, auf eine Weise, wie man es niemals erwartet hätte. Ich habe durchweg gegrinst, und war trotzdem auch gebannt und wegen mancher unvorhergesehenen Wendungen richtig baff. Nach dem nervenaufreibenden Startschuss zu Scream das beste Intro der ganzen Reihe, wenn ihr mich fragt.

Die Metaebene von Scream 4 glänzt von Beginn des Films an in all jenen Belangen, die mich am Medien- und Genrekommentar von Scream 3 ärgerten. War Scream 3 ein reines Hollywoodkonstrukt, haben die Beobachtungen über Horrorfilme in Scream 4 wieder Bodenhaftung - sie klingen wie echtes Gerede unter Jugendlichen, gewinnen aber durch die Aneinanderreihung und ihren Kontext einen parodistischen Touch, der von den Erfahrungen der Filmemacher zeugt. Und vor allem viel Spaß macht. Da wird über die Ideenlosigkeit und dem Mangel an Atmosphäre im Remakewahn gelästert, die postmoderne Selbstironie hinterfragt und mit dem Finger auf den Unterschied zwischen Ekel und Angst bzw. Spannung gezeigt.

Das Drehbuch von Kevin Williamson erhält von mir außerdem einige Bonuspunkte, da es ähnlich wie im ersten Teil der Reihe versteht, die von Figuren geäußerten "Gesetze des Horrorfilms" dramaturgisch zu nutzen. All das Gequatsche über Genrekonventionen ist nicht bloß amüsanter Zeitvertreib, sondern stützt die Narrative: Die Figuren sprechen vornehmlich über Reboots und Remakes, mutmaßen, dass der Killer durch Medienberichte beeinflusst wurde und nun ein Reboot der Woodsboro-Morde plant. Ähnlich, wie die Morde in Scream 2 als selbstgemachte Fortsetzung von Stab gehandelt wurden. So bauen die Metakommentare eine Erwartungshaltung auf: Inwiefern folgt Scream 4 den Reboot-Gesetzen, wo bricht er sie absichtlich?
Doch das in dieser Hinsicht meiner Meinung nach genialste: Die Taten scheinen wirklich ein "realer" Reboot der fiktiven Stab-Reihe, und somit der Woodsboro-Morde, zu sein. Deshalb ist man schnell gewillt, die Reboot/Remake-Diskussionen der Filmfiguren aufzusaugen. Dabei ist Scream 4 eigentlich eine Fortsetzung - ist die intensive Thematisierung neuer Horrortrends etwa eine gewitzte Finte Wes Cravens und Kevin Williamsons? Oder ist es eine Finte, dass man den Zuschauer darüber nachdenken lässt, ob er auf eine Finte reinfiel? Also, aufgrund mancher negativen Kritiken weiß ich, dass es nicht alle so aufnahmen, ich jedoch fand diesen Kniff sehr, sehr faszinierend.

Die alten Gesichter

Nachdem Courtney Cox und David Arguette in Scream 3 bloß noch so etwas ähnliches, wie ihre alten Rollen spielten, sind sie in Scream 4 wieder richtig in Form. Sowohl Dewey, als auch Gale sind wieder so, wie man sie aus Scream 1 & 2 kennt, zeigen aber auch schlüssiges Charakterwachstum. Gale ist längst nicht mehr die abgebrühte, schale Sensationsjournalistin, sondern wird von Cox mit wahnsinniger Spielfreude als eine widerwillig in ein langweiliges Leben gerutschte Ex-Journalistin gezeigt, die mit Feuereifer jede Gelegenheit ergreift, wieder etwas Aufregung in ihr Leben zu bringen. Cox hat einige der witzigsten Sätze des Films und gibt ein einfach sehr sympathisches Biest. Auch David Arquettes Dewey ist seit dem ersten Teil der Reihe gewachsen: Aus dem trotteligen Dorfpolizisten wurde ein bodenständiger, kompetenter Sheriff - der aber ein schlechtes Verständnis für die modernen Kommunikationswege hat und so den selbstständigen Ermittlungens einer Frau etwas hinterherhinkt.

Und dann wäre da halt noch  Neve Campbell als Sidney, das Herzstück der Scream-Reihe. Fand ich sie in Scream noch etwas hölzern, hat sie sich mit jedem weiteren Teil der Reihe gebessert. Scream 4 bildet da in meinen Augen keine Ausnahme: Sie gibt eine sehr runde Performance, zeigt Sidney als eine von den vergangenen traumatischen Ereignissen seelisch vernarbte, aber dadurch auch erstarkte, selbstreflexive Frau. Als sie sich zum Schutz ihrer Familie in Scream 4 dem Ghostface-Killer stellt, ist man als die gesamte Reihe im Blick habender Zuschauer stolz auf sie, fürchtet jedoch auch um sie. Denn Scream 4 sagt sich: Neue Dekade, neue Regeln!

Scream - Die neue Generation

Fans kann man es ja schwer rechtmachen. Waren die neuen Figuren in Scream 3 allesamt zu flach, zu ausdruckslos und zu langweilig, nimmt der Zuwachs in Scream 4 einigen Zuschauern zu viel Raum ein. Ich kann ersteres nicht oft genug unterschreiben, letzteres nicht laut genug bestreiten. In Scream 4 ist natürlich nicht jede der jugendlichen Figuren ein echter Knaller: Der von Nico Tortorella gespielte Travis, Ex-Freund von Sidneys Cousine Jill, ist einfach nur ein anstrengender Laffe, welcher nur dadurch halbwegs interessant wird, wie andere Figuren über ihn reden. Auch Marielle Jaffe kann als blonde, vollbusige Teenagerin Olive keinen bleibenden Eindruck hinterlassen - sie ist halt das Quoten-Model unter Jills Freunden.

Die Filmnerds Charlie (Rory Culkin) und Robbie (Erik Knudsen) sind ganz klar als Ersatz für Randy gedacht, worauf sie auch anspielen. Somit haben sie bei einigen Fans einen schweren Stand, trampeln sie doch in den Fußstapfen des großen Fanfavoriten herum. Natürlich kommen sie nicht an Jamie Kennedy heran, der für Randy eine unbestechliche Mischung aus Selbstironie, liebenswürdiger Schusseligkeit und nerdiger Weltfremdheit an den Tag brachte. Aber ich finde Culkin und Knudsen trotzdem ganz nett in ihren Rollen - vor allem den Humor ihrer Parts treffen sie recht gut.

Sehr witzig, allerdings auch unwesentlich mehr als ein wandelndes Klischee, sind Alison Brie als Sidneys oberflächliche Presseagentin sowie Marley Shelton (Dakota Block in Planet Terror) als Deweys leicht in ihn verknallte Kollegin. Gerade von Shelton hätte ich sehr gerne mehr gesehen, da sie ihre kleine, leicht dümmliche Rolle mit so einer Freude spielt, als sei es ihr großes Karrieresprungbrett. Sie hat eine kindliche Freude in dieser Rolle, die leicht albern werden könnte, doch von Shelton einfach nur goldig rübergebracht wird.

Ein echter Fanfavorit ist Kirby Reed, eine enge Freundin von Sidneys Cousine und absoluter Horrorfilm-Fan. Im Gegensatz zu Jill und Olive wurde sie nicht von Ghostface bedroht, und sie sieht es auch überhaupt nicht ein, aufgrund der neuen Mordserie Zuhause rumzugammeln. Sie will trotz allem ausgehen. Diese Figur wäre bei zahlreichen anderen Autoren und Regisseuren zu einer reinsten Zicke verkommen, da besteht keine Frage. Doch Williamson und Craven wollen noch, dass wir uns um die Figuren sorgen (was für eine altmodische Idee), und so zeigt Kirby auch Fürsorge für ihre Freundinnen. Dass sie von Hayden Panettiere gespielt wird, die irgendwie von fast der gesamten Männerwelt angesabbert wird (ich kann's nicht so ganz verstehen) ist mehr, als nur ein schaler Casting-Trick, um auch schwanzgesteuerte Buben ins Kino zu kriegen. Es ist ein Zugeständnis an die gewandelte Popkultur. 1996 galt noch das Klischee, dass Jungs eher von Horrorfilmen besessen sind, als Mädels. Das hat sich längst gewandelt, und dem zollt Kirby Tribut.
 Außerdem überrascht Panettiere mit einem intensiven Schauspiel, das ich ihr nie zugetraut hätte. Die meiste Zeit über spielt sie recht routiniert ein populäres, oft angebaggertes Mädel, aber sie hat ihre Glanzmomente, in denen sie auch wirklich etwas leisten muss - und das Soll bei weitem übertrifft. In einer der besten Szenen der gesamten Reihe (!) schafft sie es, auf der Meta-Ebene von Scream 4 ein saukomisches "Take That!" an den modernen Horrorfilm zu richten und sich zugleich vor Scream zu verneigen, während sie auf der Handlungsebene Angst und Verzweiflung vermitteln muss. Und ja, ich saß wirklich gebannt vor dieser Szene. Gut, nach DVD-Sichtung habe ich entdeckt, dass sehr viele TV-Spots die Szene zerschnitten haben und ausschlachteten, so dass ich mir denken kann, dass sie für TV-Spot-Kenner längst nicht so impressiv war - doch das ist ja nicht meine Schuld.

Und trotzdem... Obwohl ich Panettiere gerade so sehr lobe: Ich finde die Fanreaktionen teilweise übertrieben. Ja, sie hat einige der Glanzmomente des Films abbekommen, doch sehr viel ihrer Leinwandzeit verbringt sie dann doch nur auf dem üblichen Niveau einer Scream-Nebenfigur. Dass Kirby so einen bleibenden Eindruck hinterließ, ist mindestens so sehr Verdienst des Drehbuchs, wie ihr eigener. Und ähnlich, wie die High-School-Szenen von Scream alterten, werden auch ihre Pendants aus Scream 4 altern.

Emma Roberts, zu guter letzt, macht ihre Sache einfach gut. Im Vorfeld wurde ja viel geklagt, dass ihre Rolle vom Marketing zu aufdringlich als "die neue Sidney" angepriesen wurde, ähnlich wie Shia LeBeouf den Staffelstab von Harrison Ford in Indiana Jones 4 erhalten sollte. Von der erwarteten Penetranz ist im Film aber nichts zu spüren: Roberts bringt unaufdrinliches Charisma und Respekt gegenüber Neve Campbell mit, und es fiel mir als Zuschauer leicht, sie als frisches Blut in der Scream-Familie zu akzeptieren.
Ansonsten gibt es noch ein paar weitere Auftritte, manche länger, andere kürzer - aber da sie meines Wissens nach nicht Teil des Marketings waren, will ich sie hier mal nicht ansprechen. Ich war bei DVD-Sichtung sehr überrascht, und wer wäre ich, andere daran hindern zu wollen, ähnliches zu fühlen?

Blutrünstiger denn je?

Wer sich Scream 4 auf DVD kauft, bekommt die (vermeintliche) Antwort entgegen geschrieen. Zumindest in Deutschland. Ein eiskaltes Blau prangt auf dem schlichten, schwarzen Cover mit der messerscharfen Ghostface-Maske. FSK-Freigabe ab 16 Jahren. Glücklicherweise gibt es ein Wendecover, doch gibt einem die FSK-Freigabe, bevor man sie für immer und ewig wegdreht, eine brauchbare Angabe über den Gewaltgrad von Scream 4?

Nun, dies zu beantworten fällt gar nicht so einfach. Um auf die Aussage eines der Makeup-Künstler zurückzugreifen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Scream 4 in Zeiten der Saw-Fortsetzungen wirklich schwerwiegende Probleme mit der MPAA hatte. Trotzdem mag ich es nicht als reine PR-Aussage abstempeln. Denn der neue Ghostface-Killer lässt seine Opfer länger leiden, als es in Scream 2 & 3 der Fall war, und diese sadistischere Ader wird in manchen der Mordsequenzen (bei weitem nicht in allen) auch explizit gezeigt. Die Gewalt geht insofern zurück auf die letzten Minuten der legendären Eröffnungssequenz von Scream, bloß mit deutlich größeren Mitteln. Das ist sicherlich auch ein kleines Zugeständnis an das neue Horror-Publikum, doch ich sehe es mehr als Anpassung an die neuen Sehgewohnheiten. Wie sehr sich die Rezeption von Mediengewalt änderte, zeigen ja bereits die FSK-Freigaben. Scream war seinerzeit in der ungekürzten Fassung indiziert, der keinesfalls zimperlichere Scream 4 erhielt dagegen eine (sicherlich knapp erreichte) FSK ab 16 Jahren. Kurz darauf erhielt Scream in einem Neu-Prüfungsverfahren ebenfalls diese Freigabe. Wenn Craven in Scream 4 also genauso schocken will, wie in Scream, so muss er die Quantität von Kunstblut und Gedärmen wieder rauf fahren. Trotzdem macht Scream 4 keinen auf Folterhorror, sondern verfolgt das Konzept der ersten beiden Scream-Teile: Man soll dafür sein, dass Figuren entkommen, dass der Fall gelöst wird. Die Gewalt dient nicht dem Selbstzweck, sondern der Spannung und Fallhöhe.

Ausnahme ist vielleicht ein Mord im Laufe des Films. Der scheint mir nur enthalten zu sein, um einen weiteren Horrormoment zu haben. Das erinnert etwas an den Mord am Rektor in Scream: Bob Weinstein merkte an, dass in der Mitte des Films eine lange Blut-Durststrecke ist. Also sollte ein neuer Mord eingefügt werden. Williamson und Craven entschieden sich dazu, den Selbstzweck-Mord zu nutzen, um die Geschichte weiter auszurunden: Der Rektor muss dran glauben. So erhalten die Partygänger am Ende des Films einen Anlass, das Landhaus zu verlassen. Und Billy & Stu haben auch ein Motiv, den Rektor umzulegen. Was der (für mich) überflüssige Mord in Scream 4 für eine Motivation hat, erschließt sich mir nicht. Passenderweise begeht das Opfer auch ein paar der üblichen Horrorfilm-Fehlschritte. OHNE, dass der Film sie zuvor aufklärt, wie etwa das Treppen-Hinaufrennen von Sarah Michelle Gellars Figur in Scream 2 ganz beiläufig begründet wurde. Diese unnötige Ermordung in Scream 4 ist eine enorm spannende Szene, keine Frage. Craven legt mit seiner Regieführung ein paar falsche Finten, der Score von Marco Beltramis Score ist intensiv und effektiv, die Ausleuchtung ist schaurig-stimmungsvoll... Doch es ist nahezu ausschließlich ein Lückenfüller.

Ansonsten finde ich die Gewalt in Scream 4 sowohl in einer Linie mit Scream 1 & 2, als auch grafischer und somit derber. Das wird jedoch wieder etwas relativiert, da (ähnlich Rose McGowans Sequenz in Scream) auch in Scream 4 einige der zuvor ernst angelegten, atmosphärischen Killerszenen plötzlich mit einer zynischen Pointe aufgelöst werden. Seien es witzige letzte Worte eines Ghostface-Opfers oder die Absurdität der Situation an sich. Das veranlasste manche Kritiker zu behaupten, Scream 4 sei der komödiantischste der Reihe. Das kann ich nicht unterstützen, mir scheint es so, als hätten diejenigen die Original-Trilogie seit ihren frühen Jugendjahren nicht mehr gesehen. Selbst bei TV Tropes steht, Scream 4 sei der komödienhafteste, da dieses Mal sogar einer der Tode zum Lachen anmutet - was Scream aber nicht anders machte. Scream 4 hat mehr solche Momente, doch er hat auch den höheren Bodycount und auch mehr atmosphärische, mehr schockende und mehr rein dramaturgische Todesszenen. Ich finde die Mischung vollkommen ausgewogen.


Ich schätze, dass die subjektive Bewertung von Scream 4 damit steht und fällt, wie man die Auflösung der Ghostface-Identität einschätzt. Ich finde sie zumindest so konsequent, schockierend und gallig bösartig wie die von Scream, und anders als bei Billy und Stu finde ich das nach der Auflösung folgende Schauspiel nicht unnötig übertrieben. Natürlich grimassiert Ghostface auch dieses Mal, aber es hat etwas viel diabolischeres, manisches als bei den irgendwann völlig den Halt verlierenden Buben aus Scream.

Im Vorfeld der Auflösung kann man aber, finde ich, nicht ganz so intensiv mitraten, wie im sehr auf das "Whodunit?"-Element ausgelegten Scream 2. Zudem fällt es noch schwerer, Scream 4 für sich betrachtet zu genießen, als Scream 2, bei dem man ohne Kenntnisse von Scream lediglich ein paar Gags versäumt oder manche Ticks der Figuren schwerer versteht. Dafür finde ich die stilistische Elemente in Scream 4, Humor, Horror, Treue gegenüber der Filmreihe und Innovationssuche, alles in allem ausgewogener als in der ersten Fortsetzung. Sehr schön finde ich etwa die zahlreichen satirischen Seitenhiebe auf Twitter, Facebook und Co. Scream 4 ist, wie schon Scream 2, nicht nur Horrorfilm, sondern zuweilen auch eine amüsante Abhandlung über den Einfluss der Medien. Dass diese Medienkritik zudem doppelbödig ist, also gleichermaßen die Kritik kritisiert, macht's für mich noch besser. Ein kleiner Wehrmutstropfen ist für mich, dass das Finale von Scream 4 auf dem Papier eigentlich danach schreit, noch soghafter, noch gigantischer zu sein, als das Finale von Scream. Inszenatorisch kommt es aber kleiner als der letzte Akt des Originals daher - 1996 haben Wes Craven und Kevin Williamson irgendwie ein besseres Händchen bewiesen, alle Fäden schnell zusammenzuführen und den Spannungsbogen extrem aufzuziehen. Scream hatte deswegen das größere Gefühl der Eskalation als Scream 4.

Müsste ich also eine Rangfolge der Scream-Filme erstellen, ich denke, ich würde Scream 1 & 2 und Scream 4 auf dem gleichen Niveau ansiedeln. Scream ist der atmosphärisch intensivste, Scream 4 ist sowohl witziger, als auch brutaler und inhaltlich wundervoll boshafter... und Scream 2 ist das stilistische Brückenstück. Scream 3 ist dafür das schwarze Schaf. Ehren Kruger überarbeitete einige der Dialoge in Scream 4, die grundlegende Arbeit übernahm laut Wes Craven jedoch Williamson allein - und der scheint von Scream 3 so viel zu halten, wie ich. Denn auch wenn nichts in Scream 4 seinem direkten Vorgänger widerspricht - Anspielungen gibt es nur auf die ersten beiden Teile.

Sollte es Scream 5 geben? Nun, ich weiß es nicht. Scream 4 funktioniert sehr gut als Kreisschluss und bitterböse Schlussfolgerung der zuvor angerissenen Themen sowie Handlungsfäden. Andererseits bewies Scream 4, dass der Meta-Slasher im Umfeld gänzlich anderer Horror-Trends wunderbar funktioniert. Und mit ein paar mutigen Ideen kann man aus dem Ende von Scream 4 einen richtig gemeinen "Was danach geschah"-Film schöpfen. Direkt eine zweite Trilogie anzuvisieren, wäre aber vorerst zu weit gegriffen. Ich sehe nur noch Raum für eine letzte Fortsetzung. Ob sie kommt..? Dimension Films ist eher unglücklich mit den Kinoeinnahmen. Also liegt's am DVD- und Blu-ray-Verkauf, ob wir ein letztes Mal vor Lachen und vor Schrecken schreien dürfen...

Siehe auch:

UPDATE: So entsteht "Phineas & Ferb" - Der Rap!

Der Phineas & Ferb-Fernsehtrickfilm kam in den USA sehr gut an, und Disney darf sicherlich mit guten DVD-Verkäufen rechnen. Im Gegensatz zu Kim Possible bekommen die zwei arbeitsamen Jungs auch eine hübsche Dosis Bonusmaterial auf DVD spendiert. Darunter ein Video, das erklärt, wie eine Episode einer Zeichentrickserie entsteht. Ganz getrau der Serie ist dieses Making of kein stinknormales Video, sondern ein Song.



Mooooom, Phineas & Ferb werden von rappenden Zeichnern gemacht!

UPDATE: Dieser Post wurde ursprünglich am 17. August veröffentlicht, dann nahm Disney allerdings das Video offline

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Ein letztes Mal...

...parodieren die Muppets vor dem US-Kinostart von Die Muppets (jaja, super Titel...) ihre Hollywood-Konkurrenz. Schließlich war das Online-Feedback auf Trailer wie diesen richtig gut.

Und pünktlich zu Halloween parodieren die Muppets... Ach, seht selbst:



Manche Muppet-Veteranen sind übrigens gar nicht glücklich mit dem anstehenden Kinofilm. Dass Fozzie etwa einen Furzwitz macht, während Kermit sich zu Beginn des Films in eine Villa zurückzog - dies seien nicht mehr Jim Hensons Muppets. Nun, haben die Jungs jemals einige der anderen Muppet-Filme der vergangenen Jahre gesehen?

Wie auch immer - sofern ihr den Artikel noch immer nicht gelesen habt, THR geht ausführlich auf die negativen Reaktionen mancher Muppet-Veteranen ein, und gibt zugleich etwas Entwarnung: Die teils sehr harschen Meinungen erinnern auch an die Disney-Studios nach Walt Disneys Tod - plötzlich war alles schlecht, was neu war, und alles, was Walt machte, pures Gold.

Eine eigene Meinung können wir uns erst nächstes Jahr machen, aber schon bald gibt's die US-Reaktionen - die sollten uns dann einstimmen können. Auf einen Erfolg... oder eine Enttäuschung.

Hotel Lux


Michael "Bully" Herbig lässt sich vom Sonnenallee-Regisseur Leander Haußmann vorsichtig ins ernste Fach führen: In der redlich bemühten, allerdings in Sachen Feinschliff hinkenden Tragikomödie Hotel Lux spielt er den Varieté-Künstler Hans Zeisig, der in Berlin kurz vor der Machtergreifung durch die Nazis gemeinsam mit seinem Freund Siggi Meyer eine wahnsinnige Parodienummer auf Stalin und Hitler aufführt. Noch lacht das Publikum, aber bald wird keine Hitlerkritik mehr geduldet. Der kommunistische Meyer taucht in den Untergrund ab, während der unpolitische Zeisig tapfer weitermacht - bis er gezwungen wird, eine antisemetische Hetznummer aufzuführen. Stattdessen verspöttet er Hitler - klar, dass er schnell das Land verlassen muss.

Der mit neuen Papieren ausgestattete Zeisig landet im Moskauer Hotel Lux - dem berüchtigten Zufluchtsort kommunistischer Größen. Dort begegnet Zeisig dem eiskalt agierenden sowjetischen Regime, seinem seit Jahren unterdrückten Engagement, seiner großen Liebe und wird für Stalins privaten Astrologen gehalten.

Der Humor will nach manchen dramatischen Momenten nicht mehr so richtig in Gang kommen, aber Bully agiert sehr ansprechend, Jürgen Vogel hat ebenfalls sichtlichen Spaß, und mit ein paar nötigen Geschichtskenntnissen im Hintergrund, ist Hotel Lux gewiss einen Kinobesuch wert. Es sei denn, man bekommt bei Bully generell Ausschlag, selbst wenn er sich mal zurückhält.

Dienstag, 25. Oktober 2011

52 Songs #17: Kneipe/Bar

Kneipe/Bar - dies sind die neusten Stationen bei 52 Songs, dem ansprechenden Musikprojekt von der Gedankendeponie. Ursprünglich wollte ich ein Stück Barjazz vorstellen, aber da ich mich nicht entscheiden konnte, lass ich die Metal-Piraten von Alestorm halt vollbusige Kellnerinnen und Met besingen. Passt auch zum Thema und lädt obendrein zum besoffenen mitgröhlen ein.

Montag, 24. Oktober 2011

Scream 3

Nichtmal 365 Tage lagen zwischen den Kinostarts von Scream (1996) und Scream 2 (1997). Bis zum Kinostart zum Abschluss der ursprünglichen Scream-Trilogie sollte mehr Zeit vergehen: Erst im Februar 2000 fand Scream 3 den Weg in die Kinos. Fast ein Jahr zuvor, im April 1999, fand das Schulmassaker an der Columbine High School statt und änderte vorrübergehend die Empfindlichkeit gegenüber Mediengewalt. Konnten Scream 1 und 2 noch halb scherzend über vermeintlich medieninduzierte Gewalttaten sprechen, nahm man nach Columbine in den USA Distanz von ausufernder Gewalt in Filmen.

Blickt man heute zurück, wissen wir, dass es mit etwas Abstand zu Columbine in Sachen Mediengewalt nur deutlich härter wurde, Folter-Horror und mit CGI-Verstümmelungen gefüllte Remakes ziehen die Schockschraube noch viel mehr an, als es die ersten Scream-Filme taten. Aber im Frühjahr 1999, zum geplanten Produktionsbeginn von Scream 3, schien es zunächst unmöglich, wie gewohnt fortzufahren. Erst recht nicht mit der ursprünglich von Autor Kevin Williamson geplanten Handlung. Die Produzenten forderten einen neuen Ansatz, und da Williamson zudem mit anderen Projekten ausgelastet war, wandte man sich stattdessen an Ehren Kruger, der im Juli 1999 mit Arlington Road einen respektablen Erfolg feierte.

Für viele ist Scream 3 ein gewaltiger Bruch in der Scream-Reihe. Definitiv zeigen sich die turbulenten Produktionshintergründe auch im fertigen Film. Wie genau lässt sich nicht ohne Spoiler zu Scream 1 & 2 erläutern. Aber das erklärt sich ja von selbst.


Kevin Williamson wollte ursprünglich, dass Sidney in Scream 3 nach Woodsboro zurückkehrt. Dort sollte eine neue Mordserie vom Zaun brechen, deren Ursprung, wie sich herausstellen sollte, auch im Anfang der Filmreihe liegt: Killer Stu überlebte Scream und leitet als kriminelles Mastermind vom Gefängnis aus einen mörderischen Protégé. Aufgrund des Columbine Attentat lehnte man allerdings diesen Gewaltexzess, noch dazu vor einem Kleinstadt-Hintergrund, ab und ersetzte ihn durch einen weniger brutalen Trilogie-Abschluss, der weitestgehend auf seine Horror-Wurzeln verzichtet. Wie zwei schusselige Polizisten anmerken, erinnert der in Hollywood spielende Fall von Scream 3 eher an "Polizisten jagen einen Serienmörder"-Filme wie Se7en, bloß weitaus weniger grafisch...

Seit der in Scream 2 geschilderten Ereignisse stiegen sowohl Gale Weathers, als auch Cotton Weary zu bekannten Talkshowmoderatoren auf, wobei insbesondere letzterer mit seiner Sendung 100% Cotton (muhahaha) äußerst kontrovers aufgenommen wird. Eines Abends wird Cotton während seiner Heimfahrt von einem vermeintlichen Fan angerufen - aber schnell stellt sich heraus, dass es ein in seinem Haus lauernder Killer ist, der Informationen über Sidneys neuen Wohnsitz erpressen will. Cotton hält dicht - und zahlt mit seinem Leben.

Sidney lebt mittlerweile von der Außenwelt abgeschieden auf einem mehrfach abgesicherten Landhaus, wo sie unter dem Decknamen Laura als Telefonseelsorgerin für Frauen in Not tätig ist. Als sie davon erfährt, dass die Darsteller von Stab 3 nach und nach einer Mordserie zum Opfer fallen, vereint sie sich mit ihren letzten Vertrauten, den mittlerweile zerstrittenen Dewey und Gale, um bei den Ermittlungen gegen den Täter zu helfen. Will jemand die Karriere des Regisseurs sabotieren? Ist es ein menschenverachtender Publictiy-Stunt? Oder hat der Täter etwas mit dem Mord an Sidneys Mutter zu tun, welche ihrer traumatisierten Tochter neuerdings wiederholt erscheint?


Oh Leute, oh Leute, wo fange ich nur an? Mh, am besten mit dem Tod von Cotton Weary: Was für ein verschenkter Moment. Würde er ähnlich wie Randy gen Mitte des Films sterben, wäre es vielleicht ein Schock. Eine mehrdimensionale, charismatische und dennoch einschüchternde Figur direkt im Intro zu verbraten, hat natürlich etwas von einem Konventionsbruch, dessen erschütternde Wirkung wird allerdings absolut verschenkt. Wenn der Betrachter zu Beginn des Films Cotton wiedertrifft, ist er ein gänzlich anderer Mensch, als noch in Scream 2. Als wohlhabender, beliebter, wenngleich umstrittener Talkshow-Moderator mit gänzlich neuen Charakterzügen könnte es auch eine völlig andere Figur sein. Nur der Name und Darsteller Liev Schreiber erinnern uns daran, dass dies Cotton ist. Eine solche Charakterumkrempelei kann wirksam sein, würde man etwa beleuchten, wie er sich veränderte und dem Zuschauer wieder Zeit geben, sich an den "neuen" Cotton zu binden, so hingegen fällt Cottons Tod völlig flach. Selbst als nur indirekt mit dem Film verbundener, erster Mord in einer ganzen Serie (analog zum Intro von Scream 1 & 2) ist diese Sequenz nur ein schwacher Schatten der ersten Teile. Durch den Trieb "größer, schneller, weiter" zu sein, wird das Auflauern des Killers in Cottons Haus mit Zwischenschnitten zu behäbigen Auto-Stunts gestreckt, so dass keine beklemmende Stimmung aufgebaut wird. Die eigentliche Tat ist dann auch in Sekundenschnelle vorbei - von der Gewalteskalation in Scream oder der Zynik aus Scream 2 ist nichts zu spüren.

Dies ist nicht allein die Schuld der nach Columbine (kurzzeitig) weich gewordenen Miramax Studios, sondern auch des neu dazugezogenen Autors Ehren Kruger. Kruger gesteht selbst, dass er kein wirkliches Gefühl für die Scream-Figuren entwickeln konnte, er etwa Sidney in manchen Entwürfen zu einer viel zu taffen Powerfrau umgestaltete, und ihn Regisseur Wes Craven regelmäßig auf den rechten Pfad leiten musste. Nun kann ein Wes Craven sich ja auch nicht um alles kümmern, und das merkt man Scream 3 überdeutlich an. Keine der wiederkehrenden Figuren ist sich hundertprozentig treu geblieben, alle fühlen sich leicht "falsch" an. Am besten steht ganz klar Sidney da. Und das muss man vor allem Neve Campbell zu gute halten, deren Schauspiel, meiner Meinung nach, um ein Vielfaches besser geworden ist. In Scream 3 ist ihre Furcht viel deutlicher und lebensnaher, ihre aufkeimende Hoffnung, ihre Verzweiflung... all das bringt Campbell richtig gut zur Geltung. Schade nur, dass sie ihre beste Leistung der Trilogie im schlechtesten Teil abgeben muss...

Der neue Cast wiederum ist erschreckend farblos. Keine der neuen Figuren hat nennenswerte, sie vom Rest abhebende Charakterzüge, und stellenweise wird der Zuschauer über das vermeintliche Wesen einer Figur informiert, ohne dass sich dies daraufhin auch nur ansatzweise zeigt. So wird ein selbstironischer Gag darüber gemacht, dass Deon Richmonds Figur Tyson Fox in Stab 3 einen billigen Ersatz für eine bereits bekannte Figur spielt (er verteidigt sich, es sei viel eher eine "Hommage") - aber ohne diesen Wink käme niemand darauf, dass die Scream 3-Figur Tyson Fox auch nur eine der beiden Funktionen erfüllt. Patrick Dempsey wiederum weiß überhaupt nicht, wie er seinen Polizisten anlegen soll. Nett, bedrohlich, verräterisch schleimig, dümmlich... er probiert in jeder seiner Szenen einfach sämtliche Möglichkeiten durch, hoffend, dass irgendwas hängen bleibt und aufgeht. Eine vergebliche Hoffnung.


Auch die Meta-Ebene sowie der Humor von Scream 3 fühlen sich für mich nicht mehr korrekt an. Auf der einen Seite gibt es in Scream 3 weniger ausgewachsene, richtige Lacher. Gleichzeitig ist der groß angekündigte Trilogie-Abschluss von der Gesamtstimmung her lockerer, flockiger, komödienhafter. Nur halt ohne die so essentiellen Pointen. Die Art des Meta-Humors verstärkt diese Wirkung: Er ist nicht mehr so bissig, wie in Scream 1 & 2, und zugleich ist er längst nicht mehr so real. In den Vorgängern gab es überzeichnetere Momente, doch generell sprachen die Filmfiguren über Horrorstreifen, wie es echte Menschen tun. Scream 3 versucht sich zu sehr als Kommentar über das Medium, die Seitenhiebe auf Klischees und Medienrezeption sind schlicht konstruiert. Selbst Randys Videobotschaft, die von Jamie Kennedy mit Charisma, Leben und gesunder Ironie rübergebracht wird, ist ein behäbig in die Handlung geklopptes Element, das sämtliche Authentizität verloren hat und eher wie eine vom Drehbuchautor in die Welt seiner naiven Figuren platziert wurde.

Da Scream 3 die Bodenhaftung eh schon verlor, wäre es wohl am klügsten gewesen, richtig in die Vollen zu gehen. So taucht, für nur eine einzige Szene, Randys uns bislang völlig unbekannte Schwester auf. Unsere Filmhelden kennen sie dagegen schon seit langem und freuen sich, sie wiederzusehen. Das hätte man sehr clever nutzen können um die Filmhandlung besser aufzubereiten, außerdem wäre es nur zu angebracht, sich auch ausgiebig über diesen klassischen Autorenkniff zu mokieren. Stattdessen kommt sie, übergibt ein Video und geht ins Nirgendwo. Oh, und während der Gastauftritt von Jay & Silent Bob für andere lachhaft ist, finde ich die Idee an sich nett. Bloß wird nichts aus ihr gemacht. Ein Fehler, den Scream 3 recht häufig macht...

Trotzdem gibt es in Scream 3 wenigstens ein paar Meta-Kommentare, die durchaus sitzen. Die Darsteller von Stab 3 ärgern sich beispielsweise darüber, dass man aus Angst vor Internet-Leaking gleich drei versionen des Skripts erhielt - ganz so, wie bei Scream 3, bei dem man wegen des Lecks während der Produktion von Scream 2 besonders vorsichtig vorging. Und sowohl Teil 2, als auch Teil 3 wurden mehrfach umgeschrieben, was auch die Stab 3-Darsteller erdulden müssen. Sehr schön ist auch der Satz, Popkultur sei die Politik des 21. Jahrhunderts - durchaus wahre Worte, die in Scream 3 leider kein Stück weit mehr verfolgt werden.
Dafür liebe ich Sidneys gefrusteten Aufschrei, dass Psychopathen aufhören sollten, dauernd ihre Eltern oder die Medien für ihre Taten zu beschuldigen - sie töten, weil sie wollen, und sollten gefälligst anfangen, sich selbst dafür verantwortlich zu machen. Ein schöner Schlusspunkt für das heimliche, wiederkehrende Thema der Scream-Serie.


Was mich ebenfalls an Scream 3 stört, wobei das eher ins Feld der persönlichen Preferenzen rückt und nicht schon an und für sich ein großer Makel ist, ist das Neuschreiben der Vergangenheit Sidneys. Die Umstände des Mords an Sidneys Mutter waren bereits den handelnden Figuren und dem Zuschauer bekannt - es gab keine Ungereimtheiten, welche Scream 3 für eine eigene Geschichte ausnutzen konnte. Dass der Fall in Scream 3 neu aufgerollt und umgeschrieben wird, ist entweder ein unerwarteter Twist oder an den Haaren herbeigezogener Bullshit, der auf keinerlei zuvor etablierter Grundlage fußt. Je nach persönlichem Anspruch, den man an Plottwists stellt.

Aber nicht allein das Drehbuch, sondern auch die Inszenierung ist schwächer, als in den ersten Scream-Filmen. Wes Craven war wohl sehr frustriert, dass die Weinsteins einen blutleeren Scream-Film haben wollten, und dass Craven dennoch erneut Rangeleien mit der MPAA hatte, verärgerte den Regisseur nochmehr. Und dabei war er eh schon unmotiviert: Er willigte zu diesem Zeitpunkt nur ein, Scream 3 zu drehen, wenn Dimension Films danach sein Wunschprojekt (ein Musikdrama) unterstützt.
In einer Szene läuft Craven fast wieder zur alten Form auf: Sidney stolpert auf das Woodsboro-Set in den Studios, wo Stab 3 gedreht wird. Dort werden ihr die traumatischen Ereignisse aus Scream wieder vor Augen geführt, und auch wenn dieses Aufeinandertreffen von Kunstwelt und Vergangenheit nicht ganz so schaurig umgesetzt wird, wie es könnte, so hat diese Sequenz eine unwohle (und dadurch für den Betrachter auch coole) Eigenart an sich, die sie vom Rest des Films abhebt. Ansonsten ist Scream 3 zu einem dieser beliebigen, ideenlosen Horrorfilme geworden, den man zuvor noch angriff: Hollywood-Gesetze der Pysik, billige Schreckeffekte, feige "Es war nur ein Traum!"-Momente, sich idiotisch verhaltende Figuren und eine effekthascherische Auflösung, die aber auch durch jedwedes anderes Killer-Motiv ersetzt werden könnte. Am eigentlichen Film ändere sich nichts.

Um somit also zum Schluss zu kommen: Scream 3 ist langweilig, voller Logik- und Charakterisierungslücken und kurz davor, eine Beleidigung gegenüber Scream 1 & 2 zu sein. Dass dies abgewendet werden konnte, ist der Verdienst einer großartig agierenden Neve Campbell, kleinerer gelungener Meta-Gags (sowie einer Verwendung eines Eispickels, was ein sehr leiser, deshalb genialer Rückgriff auf einen Joke aus Scream ist) und der überdurschschnittlichen Verfolgungsjagd durch das Woodsboro-Set. Ansonsten ist es ein Horrorfilm ohne Schrecken, eine Komödie, die auf Witze verzichtet, und ein Abrutschen der intelligent mit Klischees spielenden Scream-Reihe in eine simple Aneinanderreihung von Klischees.

Siehe auch:

Samstag, 22. Oktober 2011

Fantasia - Elemente eines Meisterwerks: Der Zauberlehrling

Fantasia is timeless. It may run 10, 20 or 30 years. It may run after I'm gone. Fantasia is an idea in itself. I can never build another Fantasia. I can improve. I can elaborate. That's all.“ - „We all make mistakes. Fantasia was one, but it was an honest mistake. I shall now rededicate myself to my old ideals.
- Walt Disney


Ganz im Sinne dieser geradlinigen Beurteilung seines Schöpfers möchte ich in dieser Artikelreihe Im Schatten der Maus Walt Disneys zeitlosen Fehler näher beleuchten:

Fantasia – Die Elemente eines Meisterwerks
Mickys Darbietung in Fantasia ist das mit Abstand bekannteste Segment des Films und ein wahrhaft ikonischer Auftritt der kleinen Maus. Außerdem könnte man die Szene, die unverändert in zwei Filmen vorkommt, als das dreisteste Beispiel für wiederverwendete Animation überhaupt bezeichnen: Der Zauberlehrling

Die Ballade Der Zauberlehrling wurde 1797 von Johann Wolfgang von Goethe nach einem alten Motiv gedichtet, und genau hundert Jahre später entstand das Scherzo L‘Apprenti-Sorcier von Paul Dukas.
 Es ist eines der berühmteren Stücke der Programmmusik und stellt, nicht zuletzt wegen Fantasia, Dukas‘ mit Abstand bekanntestes Werk dar.
 


Um 1937 begann Walt Disney mit der Planung einer neuen Silly Symphony, um Micky Maus wieder zu etwas mehr Beliebtheit verschaffen. Seine Idee, Dukas‘ Scherzo zu verwenden, um Micky in der Rolle des Zauberlehrlings auftreten zu lassen, war die eigentliche Geburtsstunde von Fantasia.
Als Disney mit Stokowski über seine Idee sprach, war dieser begeistert und schlug sofort vor, einen ganzen Film aus verschiedenen illustrierten Stücken klassischer Musik zusammenzustellen - inklusive der Toccata und Fuge in d-Moll, an der er seit längerem mit Fischinger arbeitete.

In der frühen Planungsphase brachte Stokowski einmal die Idee, statt Micky Maus eine neue Figur als Zauberlehrling zu verwenden - ein Vorschlag, der von Disney absolut nicht in Betracht gezogen wurde. Angeblich war in einer ähnlichen Überlegung zeitweise sogar Seppl für die Rolle im Gespräch, auf jeden Fall sind Mickys fröhlich tollpatschige Bewegungen zusammen mit seiner zu großen Kleidung sichtbar an den Zwerg angelehnt.
Die Produktionskosten für den Kurzfilm schossen schnell in die Höhe; die Angaben gehen von 125.000 bis zu über 160.000 $ und damit dem drei- bis vierfachen einer gewöhnlichen Silly Symphony. Um den Film dennoch profitabel zu machen, sah Disney nur eine Möglichkeit. Ab Februar 1938 begannen offiziell die Arbeiten für den Konzertfilm - oder, wie Stokowski später vorschlug: Fantasia.


Dukas‘ Zauberlehrling ist ein Werk reiner Programmmusik, in dem das gesamte Zusammenspiel der Instrumente nur dazu dient, eine spezifische Geschichte zu erzählen und zu untermalen. Damit eignet er sich natürlich ideal zur Verbildlichung; die möglichen Bilder sind quasi schon in die Musik „hineinkomponiert“. Allerdings merkt man dem Ergebnis an, dass es hauptsächlich eine elaboriertere Silly Symphony ist.

Genau wie bei diesen sind die Klanguntermalungen wie das Rauschen des Wassers und der Marsch der Besen eigens als Untermalung der Handlung geschrieben und die fehlenden Bilder mussten nur ergänzt werden. Vergleicht man den Zauberlehrling mit den anderen Segmenten, kann man spüren, dass den Animateuren hier viel von der Möglichkeit fehlte, ihre eigene Vorstellungskraft frei spielen zu lassen.


Ein wunderhübscher Hidden Mickey!

Darüber, wie Fred Moore Micky für Fantasia zu seinem heutigen Design verhalf, hat Sir Donnerbold in unserem Fred-Moore-Beitrag ja schon gesprochen. Micky Maus stellt als angehender Zauberer mit Mantel und Hut eines der ikonischsten Disney-Symbole überhaupt dar. Alleine der berüchtigte Zauberhut hat mittlerweile in vielen Disney-Parks eine ähnliche Position inne wie das zentrale Schloss. Und warum auch nicht? Immerhin war Micky die erste Disney-Figur, die mit phänomenalen, kosmischen Kräften die Gestirne bewegen darf - und sei es auch nur eine Traumfantasie.

Gerade aufgrund von Mickys wichtiger Position für Disney stellte die grausamste Szene des Segments, in der er den ungehorsamen Besen zertrümmert, einen schwierigen Grenzakt dar. Anfangs gab es Storyboard-Konzepte, in denen man die Gewalttat effektiv sieht. 

Doch da man den kleinen Helden nicht zu brutal darstellen wollte, suchten die Künstler nach einer anderen Lösung. Schließlich orientierten sie sich bei der Szene am deutschen Expressionismus und kamen so auf Schattenbilder und die verstörende Schwarz-Weiß-Verschiebung.

Die Folgen sind dramatischer, als im Original:  Statt einem oder zwei wird Micky jetzt von einer ganzen Legion von Besen heimgesucht, die das Haus systematisch unter Wasser setzen.  Ich muss zugeben, dass mir in einigen Einstellungen nicht ganz klar ist, wie das genau funktioniert: Das Wasser ist gegen Ende des Stückes mit Sicherheit schon bis zum Brunnenrand gestiegen. Aber da der Zauberlehrling trotzdem wohl das physikalisch korrekteste Segment von Fantasia ist, frage ich lieber nicht weiter nach.



Eine andere Entscheidung, die eine Menge zur Atmosphäre des Stückes beiträgt, war die, den verzauberten Besen kein Gesicht zu geben. Im Gegensatz zu ersten Konzeptbildern, in denen der Besen Micky erst freudig und später abweisend ansieht, haben die ausdruckslosen Diener nun eine viel unheimlichere Ausstrahlung: Sie wirken umso mehr wie eine unaufhaltsame Naturkatastrophe.
 

Um den Figuren ausdrucksstarke Bewegungen zu geben, griffen die Zeichner wie sonst auch auf reale Vorbilder zurück: Für Mickys Spiel mit den Sternen und Fluten schwebten Disney die Bewegungen eines exzentrischen Dirigenten vor und für seinen ersten Kampf mit den Wellen filmte man einen Football-Spieler dabei, wie er sich durch einen Raum voller Hindernisse wühlt.


Für den Zauberer stand offiziell der Schauspieler Nigel de Brulier Pate, doch Bill Tytla, der verantwortliche Zeichner, orientierte sich zusätzlich nach einem für ihn lebensnäherem Vorbild: Er gab der Figur, die den sprechenden Namen Yen Sid trägt, nicht nur Walt Disneys Nase und Augenbrauen, sondern er versuchte zusätzlich, den einschüchternden Blick zu imitieren, für den Disney bekannt und gefürchtet war.


Doch nicht nur der Zauberer, vor allem Micky Maus ist ein Avatar für Walt Disney selbst - schließlich hatte er in Fantasia als Mickys Stimme seinen ersten Kinoauftritt. Und in dieser Form lies Disney es sich nicht nehmen, dem Dirigenten persönlich seinen Dank auszusprechen. Auch wenn Stokowski später lächelnd meinte, Mickey habe ihm die Hand schütteln dürfen (und nicht etwa umgekehrt): Der Handschlag zwischen ihm und dem kleinen Zauberlehrling wird für immer ein Stück großer Disney-Geschichte bleiben.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

Freitag, 21. Oktober 2011

Contagion


Wenn Steven Soderbergh ankündigt, einen neuen Film zu drehen, weiß man nie, was einen erwartet. Mit Filmen wie Sex, Lügen und Video, Voll Frontal, Ocean's Eleven und Der Informant! deckt der arbeitsame und vielseitige Regisseur zahlreiche Genres und Kinotraditionen ab.

Contagion ist ein neuer, unaufgeregter, dadurch aber besonders beklemmender Thriller von Soderbergh. Wie zuvor schon Traffic verzichtet auch dieser Film auf einen Protagonisten. Stattdessen erzählt er, wie unterschiedliche Personen mit einer Epidemie zu kämpfen haben. Biologen, Ärzte, Betroffene, sensationsgierige Journalisten...

Die Stimmung ist kühl und distanziert, die Figuren sind interessant und die gesellschaftlichen Folgen der unberechenbaren Epidemie glaubwürdig. Es fehlt irgendwie an einem letzten, den Magen umdrehenden Knalleffekt, doch die soghafte Wirkung von Contagion genügt, um ihn zu einem klaren Kino-Geheimtipp zu machen.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Scream 2

Die Weinstein-Brüder wählten für Scream einen Kinostart am 20. Dezember 1996. Ein ungewöhnlicher Termin, läuft zum Weihnachtsgeschäft üblicherweise eher Familienware an. Die Taktik der Köpfe hinter den kultigen Miramax-Studios war, dass sich Genrefans in Zeiten des Thrill-Hungers auf Wes Cravens Teenager-Schlitzer mit der guten Dosis Selbstironie und "Whodunit?"-Krimi stürzen werden. Am ersten Kinowochenende sah es so aus, als hätten sich die Weinsteins verzockt, aber die sensationelle Mund-zu-Mund-Propaganda resultierte letztlich in einen Rekordumsatz von 103 Millionen Dollar allein in den USA. Bis heute erreichte kein Slasher höhere kommerzielle Weihen. Auch die Filmkritiker feierten Scream, und so wurde im Eilverfahren die Produktion von Scream 2 in die Wege geleitet. Im März 1997 erfolgte der Startschuss für Scream Again, Scream Louder, Scream: The Sequel Scream 2 und bereits am 12. Dezember 1997 startete die Fortsetzung in den USA.

In einer Sequenz des Horror-Thrillers diskutieren Studenten eines Filmseminars über die Natur von Fortsetzungen. "Fortsetzungen sind scheiße, von Haus aus minderwertige Filme", brüllt einer von ihnen aus, insbesondere das Horror-Genre sei durch sie zu Boden gegangen. Einige seiner Kommilitonen reagieren erbost und halten mit ihren Lieblings-Fortsetzungen dagegen. Welche Rolle Scream 2 in einer realen Diskussion zu diesem Thema spielt?
 Ich bemühe mich, eine Antwort zu finden. Unvermeidlicherweise mit Spoilern zu Scream - nur wen juckt das heute noch?


Knapp zwei Jahre nach der Mordserie in Woodsboro startet der Metzelfilm Stab in den Kinos, basierend auf der literarischen Nacherzählung des Blutbads aus der Sicht der Reporterin Gale Weathers. Während einer Vorpremiere mit überaus enthusiastischem Publikum werden zwei College-Studenten von jemandem in Ghostface-Montur abgeschlachtet. Diese Schreckensnachricht wird in den Medien heftig diskutiert, manche Journalisten empfehlen, die Veröffentlichung von Stab aufzuhalten - und alle mutmaßen über die Identität des Killers. Ahmt ein bislang unbekannter Psychopath die in Stab geschilderten Grauetaten nach, oder hat Sidney in ihrem Bekanntenkreis eine weitere blutgierige Person?

Sidney besucht übrigens mittlerweile das College und versucht, eine harmlose, langweilige Existenz aufzubauen. Das erweist sich als nicht sonderlich einfach, wird sie in Erwartung von Stab von zahlreichen anonymen Anrufern belästigt. Ihr Bekannter Randy, ebenfalls Überlebener des Massakers während der Landhausparty, nimmt die Sache lockerer. Als Filmfreak besucht er Seminare zur Filmtheorie und debattiert wie selbstverständlich über Horrorfilme und ihre seiner Meinung nach nicht vorhandenen Auswirkungen auf die Bevölkerung. Und dennoch: Als er von den jüngsten Morden hört, argumentiert er im reinen Film-Fachjargon. "Jemand will eine Fortsetzung von Stab, und die muss blutiger aufallen" - so seine sinngemäße Analyse. Die jüngsten Vorgänge in Sidneys Leben rufen auch Gale Weathers wieder auf den Plan, welche als Bestseller-Autorin und Augenzeugin eines Gemetzels jedoch mittlerweile ebenfalls von Journalisten umlagert wird. Und trotz seiner am Schreckensabend auf dem Landhaus zugezogenen Behinderung will auch Dewey den Morden auf den Grund gehen. Schnell stellen er und Sidney eine Theorie auf: Ist womöglich Sidneys neuer Partner Derek der Täter?


Wir alle haben wohl schonmal darüber diskutiert, und so auch die Figuren aus Scream 2: Fortsetzungen sind davon besessen, das Original in allen Punkten zu überbieten - und sind womöglich auch deshalb die von Natur aus schwächeren Filme. Mit so einer Steilvorlage konnten die Kino-Kritiken zu Scream 2 unmöglich um dieses Thema herum. Der generelle Konsens lautete, dass Scream 2 der ersten Hälfte der zitierten Regel gehorcht: Mehr Opfer, mehr Blut, ausgefeiltere und brutalere Morde. Scream 2 hat in einer Zeit nach zahlreichen Scream-Kopien und erst recht seit Saw längst nichts schockierendes zu bieten, geht aber zuweilen bizarre und auch effekthaschende Wege, die Scream noch vermied. Löblicherweise ohne dabei ein viel zitierbares Folter-Gimmick über Suspense zu stellen.
Die zeitgenössischen, und auch sehr viele rückblickende Kritiken, sind sich außerdem einig, dass Scream 2 nicht nur mehr Thrill, sondern auch viel mehr Humor zu bieten hat. Bloß das Duell mit Teil 1 verlief uneinig. Grottig fand den Nachfolger kaum jemand, aber ob er knapp über oder knapp unter Scream anzusiedeln ist..?

Nun - hinsichtlich des Humors kann ich mich der vorherrschenden Meinung nicht guten Gewissens anschließen. Ich würde in Sachen Witz beide Teile auf die selbe Stufe stellen - um Scream zu toppen mangelt es der Fortsetzung einer solch schrillen Todesszene wie Rose McGowans in Teil 1, wo Ghostface mit Bierflaschen attackiert und von einer Kühlschranktür niedergeschlagen wird. Aber im Bereich des Meta-Kommentars zieht Scream 2 recht deutlich am Vorgänger vorbei. Schon das Intro mit einigen der anstrengendsten Kinobesucher der Weltgeschichte (ehrlich, wer benimmt sich so im Kino?) hängt die Messlatte wesentlich höher. War Scream im direkten Vergleich temporär eine Horror-Parodie, ist Scream 2 fast schon eine Mediensatire. Zu meinem Bedauern wird dieses Element von Scream 2 nicht so weit getrieben, wie es möglich wäre.Gerne hätte ich zum Beispiel mehr vom Film-im-Film gesehen, der größtenteils von Robert Rodriguez gedreht wurde. Trotzdem bin ich sehr erfreut über diesen feschen satirischen Ansatz.

Kurioserweise empfinde ich den Meta-Kommentar in Scream 2, obwohl er raumfüllender und den Gesamteindruck des Films prägender ist, weniger "aufdringlich" - er ist homogener in die eigentliche Geschichte und Dialoge eingearbeitet, weshalb er in Scream 2 sicherlich auch Leuten gefallen dürfte, die in Scream davon genervt waren (soll's ja geben).


Einer meiner größeren Kritikpunkte an Scream sind ja die in Kritiken aus Zeiten der Kino-Erstveröffentlichung vollkommen überbewerteten Schauspielleistungen der meisten Jungdarsteller. Diesen Makel konnten die wiederkehrenden Besetzungsmitglieder von Scream in der Fortsetzung ausbügeln. Neve Campbells Emotionen wirken für mich die meiste Laufzeit des Films weiterhin unecht, doch in den humoristischeren Sequenzen hat sich ihr Timing meiner Meinung nach deutlich verbessert (etwa in der ersten Szene nach dem Intro während der wilden Stab-Vorpremiere) und der Nervenzusammenbruch, als Sidney auf der Theaterbühne Cassandra spielt, ist ihr sehr gut gelungen - diese Szene schlägt wirklich ein. Auch ihr Zusammenspiel mit bereits aus Scream bekannten Gesichtern ist viel routinierter und längst nicht mehr so hölzern. Die restlichen Scream-Veteranen haben sich in meinen Augen noch stärker verbessert: Courtney Cox' Reporterin fällt für den heutigen Betrachter des Films aus dem engen Schema der herrischen 90er-Jahre-Journalistin heraus und ist sowohl lustiger, als auch charakterlich besser ausgearbeitet, so dass ihre zärtlicheren Momente mit David Arquette sowie ihre Angstgefühle sehr viel glaubwürdiger sind. Arquettes Dewey gehen die ungewollt komischen Facetten abhanden, weshalb eine viel engere Bindung zu dieser charismatischen Figur ermöglicht wird. Und der Quoten-Filmfreak schafft es auch plötzlich, irgendwie zwischen seiner Meta-Sprüche auch eine Beziehung zu den anderen Figuren aufzubauen und als "echte" Figur aufzutreten.

Das alles sorgt dafür, dass ich als Betrachter in Scream 2 noch stärker um die Hauptfiguren bange - und das macht gute Horrorfilme aus. Ich zumindest mag die Art Slasher nicht, in denen ich aufgrund der miesen Teenager-Figuren nur drauf warte, dass sie abgemetzelt werden. Das sind keine Horrorfilme, sondern zumeist ungewollte, makabre Komödien.

Die Neuzugänge im Ensemble glänzen leider weniger: Die Kerngruppe an Figuren ist zwar längst nicht so knallig, wie jene aus Scream, und erntet somit rückblickend weniger unfreiwillige Schmunzler. Jedoch sind Sidneys neuer Freund Derek (Jerry O'Connell) und die restliche Clique sterbenslangweilige Personen die keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dazu zählt auch Sarah Michelle Gellars Figur, die jedoch durch das Charisma der hier sichtlich gut aufgelegten Darstellerin wenigstens ein paar kleinere Pluspunkte sammeln kann.
Einzig Liev Schreiber, der nach einem Winzauftritt in Scream nun eine gewichtigere Rolle spielen darf, ist unter allen Neuzugängen fähig, seine Figur mit mehreren Charakterzügen auszustatten. Als Cotton Weary, der von Sidney fälschlicherweise für den Mord an ihrer Mutter beschuldigt wurde, ist er einschüchternd und gewitzt, zieht gleichermaßen Verdächtigungen, wie vorsichtiges Mitleid an. Das Drehbuch nutzt ihn leider nur etwas zu wenig.

Unter anderem weil mehr Zeit in die Interaktion wichtiger Figuren verwendet wird, aber auch schlicht von der Dramaturgie her, hat Scream 2 auch einen noch stärker definierten "Whodunit?"-Charakter. Soll heißen: Mehr noch als in Scream ist eines der leitenden Elemente des Films die Suche nach der Identität nach dem Täter. Das Mutmaßen macht mehr Spaß, als noch bei Scream, und mittels toller Kernmomente wie einesüber den gesamtem Campus führenden, hitzigen Telefongesprächs mit dem Killer werden auch viel mehr packende, intelligent geschriebene Sequenzen geboten, in denen es schlicht um die Identität Ghostfaces geht - und nicht darum, ob und wie er sein nächstes Opfer erwischt.

Die Auflösung jedoch ist, wenngleich plausibel, längst nicht so pervertiert-konsequent wie jene in Scream. Lässt sich Scream daraufhin nochmal in völlig neuem Licht sehen, ändert sich für Scream 2 durch die Kenntnis seines letzten Akts eigentlich nichts. Die Lösung kommt zwar beim ersten Ansehen recht unerwartet, doch sie hat kein derartiges dramatisches Gewicht wie die des Originals. Die Motivsuche gerät durch das aufgesetzte Changieren der im Finale anwesenden Darsteller für meinen Geschmack letztlich sogar zu karikaturenhaft - und das will in der Scream-Reihe schon was heißen.


Um aber wieder zur großen Leitfrage zurückzukehren: Ist Scream 2 schlechter als sein Vorgänger? Nun... ich weiß es nicht! Während Scream auch ohne Fortsetzungen stehen kann, benötigt Scream 2 zur vollen Wirkung seinen Vorläufer - jedoch wachsen einem dank besserer Schauspielleistungen und besseren Charaktermomenten die Protagonisten näher ans Herz. Die Mordsequenzen sind elaborierter, härter und zum Großteil spannender. Das nächtliche Katz-und-Maus-Spiel innerhalb des Unigebäudes macht findigen Gebrauch von den Möglichkeiten des Schauplatzes - es könnte nicht so gut als meisterlicher Kurzfilm alleine für sich stehen, wie das Intro von Scream, doch als Herzstück des Films ist es enorm effektiv und stellt zahlreiche andere Slasher in den Schatten.

Dramaturgisch eskaliert Scream 2 nicht so sehr wie Teil 1, die Schraube wird nicht so fest gedreht. Das liegt auch schon allein daran, dass das Finale von Scream beinahe ein eigener Film ist, so dass natürlich viel mehr Raum in dieser einzelnen Szene steckt, um den Zuschauer zu packen. In Scream 2 sind die Einzelteile besser voneinander zu trennen, allerdings gibt es von einer saudämlichen Gesangssequenz (nein, es ist keine Musicaleinlage, jemand macht sich nur grundlos zum Affen) abgesehen auch viel weniger Ausrutscher, als in Scream. Scream 2 ist also kein so genial ausgetüfteltes, großes Ganzes - dafür aber qualitativ ausgewogener und in sich stimmiger. So paradox es aufgrund meiner Klage, er zerfalle eher in seine Einzelszenen, auch klingen mag.

Scream 1 und 2 spielen deshalb für mich in der selben Liga. Das Original ist ein Horror-Phänomen, das sich selbstständig gemacht hat, ein Nerven aufreibender Horror-Thriller mit parodistischen Elementen. Scream 2 ist weniger ikonisch, aber hat mehr Emotion (sowohl Thrill, als auch Sorge um die Figuren), den größeren Schock-Faktor und einen reizvollen mediensatirischen Charakter - hat aber ein weniger wirkungsvolles Ende. Scream 1 oder Scream 2 - es ist wohl davon abhängig, in welcher Stimmung man ist.

Tja - und dann kam Scream 3. Für viele Fans das schwarze Schaf der Reihe...

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