Samstag, 31. Dezember 2011

Meine Hits des Jahres 2011


Es ist wieder Zeit für meine alljährliche Tradition der Jahresabschluss-Musikhitliste. Intern auch bekannt als "der Artikel, auf den ich mich jedes Jahr schon Monate im Voraus freue, obwohl er bereits wenige Tage nach Veröffentlichung völlig vergessen ist!"

Ich nutze diese Gelegenheit ja auch immer, zusammenfassende Worte darüber zu verlieren, wie mein Jahr so war. 2010 nannte ich noch ein sehr schnelllebiges, schemenhaftes Jahr. Mein Jahr 2011 war deutlich besser definiert, ein wirklich rundes Jahr mit seinen eigenen Erkennungsmerkmalen und Höhepunkten. Wäre es ein Film, würde ich es abgerundet nennen. Gleich dreimal. Denn wäre mein persönliches 2011 ein Film, so wäre es ein Episodenfilm mit drei oder vier in sich schlüssigen, eigenständigen Segmenten. Ganz besonders musikalisch. Was die Erstellung meiner alljährlichen Hitliste enorm erschwerte, da sich noch weniger Lieder als sonst über einen längeren Zeitraum in meinem Ohr festsetzten.

Außerdem hat der seit einiger Zeit bei mir anhaltende Trend noch immer nicht abgebrochen: Ich drifte mehr und mehr ins filmmusikalische ab. Aber Filmmusik halte ich ja, so lange ich kann, traditionell aus dieser Liste raus. So langsam ahne ich, dass ich das nicht ewig so halten kann. Es sei denn, ich begnüge mich zum Jahresende mit einer Top 5. Hm, wohl kaum. Nicht meine Art.
Und wie immer gilt: Singles, die 2011 aus 2010er-Alben ausgekoppelt wurden, dürfen teilnehmen. Ebenso wie Lieder, die ich eigentlich scheiße fand, aber durch positive Assoziationen emotional so sehr aufwerten konnte. Denn das ist nicht "Die besten Lieder 2011 gemäß musikalischem Regelwerk". Sollen sich darüber die Gelehrten aus Fachzeitschriften streiten.

Wie dem auch sei. Hier also meine Hits des Jahres 2011.


Platz 15: Grenade - Bruno Mars
If my body was on fire / Ooh, you'd watch me burn down in flames

Ich befürchte, dass es sich zu einer unvermeidlichen Tradition entwickeln wird, dass ich Jahr für Jahr an dieser Stelle mindestens einen Popsong positiv herausstelle, denn Todd in the Shadows in den vorhergegangenen Monaten völlig verrissen hat. Grenade ist so ziemlich der einzige Titel von Bruno Mars, den ich leiden kann (The Lazy Song macht mich etwa höchst aggressiv), was vor allem an der schmissigen Melodie liegt. Der Wechsel zwischen dem leidvoll, melodisch gewimmerten Refrain und den deutlich angepissteren (fast schon gerappten) Strophen durchbricht den immer monotoner werdenden Einheitsbrei, den die Standard-Radiostationen abspulen. Und ich finde, dass Todd dem Herren Mars zu wenig zutraut. Abgesehen von "Du hattest beim ersten Kuss die Augen auf, da wusste ich schon, dass du mir nur Ärger machst" (ähhh ... hast du euren ersten Kuss auf Foto, oder woher weißt du das?) scheinen mir die ganzen Übertreibungen und das Gewimmer ... keine Ahnung, wie man es ausdrücken soll ... beabsichtigt? Oder, sagen wir besser, sie sind dem Tonfall des Songs und der Laune, in der das Lyrische Ich skizziert wird, angemessen. Für ein kleines Popliedchen mit mitwippbarem Takt und beschwingter, leidvollen Melodie reicht mir der Text, möglicher Schwachsinn hin oder her.
Dass in den letzten vier oder fünf Wochen ein paar Radio-DJs meinen, das Lied plötzlich wieder rauszukramen und all zu oft spielen zu müssen, hätte Grenade übrigens beinahe seine Position in der Liste gekostet. Überhören kann man den Titel nämlich recht leicht. Aber eine Jahresbestenliste soll ja keine Momentaufnahme sein, weshalb ich davon absah, Grenade für die letzten Wochen runterzusetzen.

Platz 14: Rum - Alestorm
Rum! Rum! Ahoi!

Frohgemutes, rasantes, wildes Piratenmetal-Geschrammel, das dem Seeräuber unter den hochprozentigen Alkoholika huldigt. Sinnlos, Laune hebend, schwer aus dem Kopf zu kriegen. Ahoi!

Platz 13: Taken By a Stranger - Lena
Danger is a risky business (Is nich' wahr?!)

Akzeptiert das Nostalgia Chick als unseren neuen Messias!
Okay, der Gag musste bei meiner Bilderauswahl einfach sein. Nun aber zum Song, der auf dieser Hitliste ja wohl irgendwo platziert werden musste. Mittlerweile finde ich Taken By a Stranger eigentlich besser als Satellite, dessen blubbernde Quirligkeit sich so langsam abgenutzt hat (ebenso wie die Eurovision-Siegeseurophie). Die düstere Atmosphäre, die exzentrische Instrumentenwahl, die unheilvolle Tonabmischung ... Das hat echt was. Ich würde das Lied allerdings gerne mal von einer Künstlerin gecovert hören, zu der das ganze wie die Faust aufs Auge passt. Dass Taken By a Stranger nicht höher platziert ist, liegt zum Teil daran, dass dieses Lied ungeheuerlich schwer zu dosieren ist. So richtig funkt's erst nach ein paar Malen, aber wenige Male später ist es bereits vollkommen langweilig und aufgebraucht. Dadurch hat sich Taken By A Stranger nach seiner "Blütezeit" im März bis Mai auch schnell unter das Sofa meines Vergessens verkrochen. Ich sagte ja, dieses Jahr war ein Episodenfilm, und so groß der Eindrang dieses Songs in meinem Musikalltag damals auch war, danach spielte er keine Rolle mehr. Lenas Fremden fehlt die Standfestigkeit.

Platz 12: Moves Like Jagger - Maroon 5 feat. Christina Aguilera
And if I share my secret / you gonna have to keep it (Echt jetzt?!)

Vergangenes Jahr beschwerte ich mich noch, wie enttäuschend mich das Maroon-5-Album Hands All Over zurückließ und sperrte Moves Like Jagger aus meiner Jahreshitliste aus. Dieses Jahr wurde die tanzbare Nummer als Single veröffentlicht, mit einem unübersichtlich geschnittenen Video versehen und eroberte letztlich die geläufigen Radiowellen. So schaffte es Moves Like Jagger nicht nur auf den Wecker von Todd in the Shadows (der Kerl schon wieder), sondern auch endlich in meinen Gehörgang, wo er zuvor nach wenigem Hören einfach nicht reinpassen wollte. Manche Lieder muss man mir halt erst reinprügeln. Die durch gelungene Wochenenden ausgelösten Assoziationen mit dem Song halfen natürlich auch, ihn auf Platz 12 zu hieven: 2010 war es noch ein "Naja"-Titel, nun ist es ein Feel-Good-Mitwipp-Knaller(chen).

Platz 11: Du bist schuld - Knorkator
Du bist schuld, du bist schuld, du bist schuld. An allem!

Das Rennen zwischen Platz 11 bis 9 war haarscharf und hätte mit jedem noch kommenden Tag oder einer anderen Grundauffassung meinerseits, was diese Hitliste bedeuten soll, anders ausgehen können. Ein einfach geiler Song, ein eigentlich mieses Lied, dessen dümmlich-aufputschende Wirkung sich auch auf mich ausbreitete und ein spaßiger, glattpolierter Popkracher drängelten sich alle zusammen. Am Ende gab ich Knorkator den Rang abseits der Top Ten. So weh es mir auch noch immer tut. Du bist schuld fetzt, rockt und ist wieder einmal herrlich redundant. Damit ist es vom Wiederhörfaktor gleichauf mit Platz 10 und 9. Jedoch bringt Du bist schuld (noch?) nichts mit sich. Die nächsten Lieder sind (ungewollt) dümmer, bringen aber trotzdem mehr Spaß mit sich. Wieso, das muss und werde ich erklären ...


Platz 10: Party Rock Anthem - LMFAO feat. Lauren Bennett and GoonRock
Stop! Hating is bad! (Weise Worte, meine Freunde ... Weise Worte ...)

Was habe ich diesen Song gehasst! Zunächst einmal ist es einfach nicht meine Musikrichtung, was den Zugang bereits enorm erschwert. Dann kommen die gewöhnungsbedürftigen, dümmlich klingenden Stimmen von LMFAO hinzu, ein klischeehafter Einsatz einer irgendwo zwischen "sexy" und "mechanisch" stolpernden Frauenstimme, die ganz zum Schluss nochmal den Discogängern einheizen soll und dieser unsägliche Quietschsound im Hintergrund, dem das Wort "Abwechslung" fremd ist. Ein Lied zum Abschalten. Im Sinne von: Radiosender wechseln. Nicht im Sinne von Entspannung.
Tja, und dann ereilte sich der schicksalhafte Tag, an dem ich ausnahmsweise einmal nicht den Fahrer spielen musste. Sondern auf dem Rücksitz eines komplett besetzten, kleinen Flitzers saß. Und meine Freunde auf dem Hinweg zu unserer fernen, fernen Destination penetrant darauf bestanden, Party Rock Anthem zu hören. Immer und immer wieder. Vielleicht kennt ihr die Dynamik, die so etwas entwickelt. Vielleicht habt ihr auch nur via How I Met Your Mother davon gehört: Wenn man nur noch einen Song während einer Autofahrt hören kann, wird er irgendwann zum genialsten Lied aller Zeiten. Alle feierten sich, ihr Leben und alles, was ich zuvor noch am Song hasste. Denn nun war es auf einmal ... toll. Die Laune schoss durchs Dach. Und bevor wir (ich) Party Rock Anthem wieder hassen konnten, kamen wir endlich an.

Auf dem Hoch ist es geblieben. Wann immer dieses Lied erneut spielte, kehrte die großartige Stimmung zurück. Und, verflucht seid ihr, Wii-Nächte bei Freunden, ihr seid so unterhaltsam ...

Platz 9: Popular - Eric Saade
I put my hands up in the light / You see me dancing for my life

Ungefähr genau so eine Plastiknummer, hier allerdings ganz und gar bewusst und in klassischer Schwedenpoptradition. Schwedens Beitrag zum diesjährigen Eurovision Song Contest ist eine oberflächliche, dick aufgetragene Popnummer mit eingängiger Melodie und mitreißend poppigem Rhythmus. Ist es ein "Guilty Pleasure"? Ja, definitiv! Aber eins, dass genau weiß, was es will und was es ist.

Platz 8: E.T. - Katy Perry
Infect me with your love, and fill me with your poison! (Symbolism!?)

Katy Perry trifft Lady GaGa trifft t.A.T.u. und den Beat aus We Will Rock You. Okay, eine sehr, sehr krude Mischung. So lange man aber Kanye West rauslässt, an dem sich ja auch der gute Todd stieß (schon wieder) und der zum Glück nicht in der Originalversion dieses Liedes auftaucht, ist E.T. ein überraschend eingängiger Song, dem es sogar gelingt, eine eigene Atmosphäre aufzubauen. Trotz klarer Inspirationen wagt dieses Lied es auch, einfach mal anders zu klingen. Mit dem mitreißenden Beat und dem stimmig orchestrierten Gezirpe, Geklatsche und Elektro-Geschwurbel in der Klangästhetik hat mich diese Katy-Perry-Nummer irgendwie umgarnen können. Obendrein ist es einer dieser Songs, der in jeder Laune funktioniert. Bin ich wütend, kann ich mich an ihm abreagieren, bin ich gut gelaunt, treibt er die Stimmung weiter an,  bin ich mürrisch oder hab den Blues, ist dieser harmonische Lärm ein gutes Klangbett, um darin abzutauchen.

Platz 7: Caffeine - Alice Cooper
I gotta stay awake / I just can't sleep / Because I know inside/  if I close my eyes / It'll be the death of me

Alice Cooper ist nicht totzukriegen, und so soll's auch sein. Mit Welcome 2 My Nightmare, der Fortsetzung eines seiner Albenklassikern, brachte das Urgestein ein gelungenes Album raus, welches einen zielsicheren Querschnitt durch den Sound des einstigen Schockrockers bietet. Caffeine ist eine komödiantischere, aber zum Thema passend energiegeladene Nummer, die sich einfach großartig für lange Nächte anbietet. Wenn man mal wieder völlig überarbeitet ist, irgendwo an einem Bahnhof gestrandet ist und stundenlang auf seinen nächsten Zug warten muss oder aus sonstwelchen Gründen einfach nicht einfschlafen darf, dann gehen Koffein und Coopers ironisch-quirlige Hymne Caffeine Hand in Hand. Einfach herrlich.

Platz 6: What Baby Wants - Alice Cooper feat. Ke$ha
I'll make you sit, beg, roll over, play dead

Rückblickend ist es eine naheliegende, geniale Idee von Alice Cooper, die rotzige Popgöre Ke$ha anzuheuern, damit sie ihm den Teufel gibt. Wer aus der modernen Musikwelt wäre eine treffendere Besetzung, als die siffige, saufende und in ihren Liedtexten rumhurende Ke$ha? Diese Kooperation bescherte uns What Baby Wants, zu dem ich nicht mehr viel sagen muss. Es ist eine saucoole Nummer, die sich auch nach mehrfachem Anhören kein Stück abnutzt.

Platz 5: Swashbuckled - Alestorm
Perhaps you here his deadly cry: "Come on son, buy a Honda!"

Irgendwo zwischen Folkrock und Metal angesiedelt erzählt Swashbuckled in bester Alestorm-Manier von drei berüchtigten Seefahrern und ihren überaus peinlichen Toden. Humor, Härte, spaßige Folk-Elemente. Ein Song, der verdammt schwer aus dem Kopf zu kriegen wäre. Wären da nicht noch ohrwurmigere Titel auf dem Album Back Through Time.

Platz 4: Scraping the Barrel - Alestorm
There are no more tales to be told

Melancholische Seefahrerromantik, die mit je einem ihrer rauen, krumm gewachsenen und behaarten im Bereich der Resignation und dem der Selbstherrlichkeit steht. In einem nachdenklich klingenden Piraten-Schunkelstück nehmen sich Alestorm mit ihrer eng umzäunten Thematik selbst auf die Schippe und verhohnepiepeln ihre Kritiker. Obendrein kann je nach Laune und Alkoholgrad Scraping the Barrel auch dem kernigsten Seeräuber Gänsehaut verleihen. Klingt einfach saugut und die Melodie verfolgt einen noch sehr, sehr lange.


Platz 3: Du nich - Knorkator
Ich hab ne waschechte originale Rolls-Royce-Kühlerfigur am Golf ‒ du nich!

Wir leben in einer Gesellschaft des Wettstreits. Jeder will größer, schneller, besser, schöner und erfolgreicher als der andere sein. Kaum kehrten Knorkator aus ihrem vorzeitigen Ruhestand zurück, versetzten sie sich in die Gedankenwelt eines dieser Menschen, die sich absolut auf der Gewinnerstraße sehen. Und es ihrem Gegenüber unentwegt unter die Nase reiben müssen. Mit genialen Bemerkungen wie Ich kann mit meinem Fahrrad schneller als du fahr'n ... äh ... du nich, Ich bestimme den Todeszeitpunkt einer Wasserleiche am Geschmack ‒ du nich und Ich hab magnetische Piercings, die immer nach Norden zeigen, du nich ist klar, wo hier der Hase langläuft. Richtig: Wir sind alles Loser, weil wir sowas nicht haben, nicht können, nicht dürfen, nicht sind. Schon scheiße.

Platz 2: Shipwrecked - Alestorm
Hey! you're banjaxed! / Hey! you're screwed! / And death is coming for you! /Trapped on an island lost at sea! / Shipwrecked your destiny!

Wenn gestandet zu sein so viel Laune machen würde, wie diesen Song zu hören, dann weiß ich nicht, warum alle mit diesem Schicksalsschlag so enorme Probleme haben. Ein starker Titel, der in Kopf, Beine und die Trinklust steuernden Membranen geht.

Platz 1: The Sunk'n Norwegian - Alestorm
One more drink at the Sunk'n Norwegian / Raise up your tankards of ale to the sky

Welch Überraschung! Dass ein Piratenlied mein Hit des Jahres 2011 wird, dem Jahr, in dem Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten die Kinos eroberte und Alestorm einen erneuten Angriff auf unsere Hörmuscheln startete. Das kommt wirklich komplett unerwartet, sogar für mich ...
The Sunk'n Norwegian ist nicht nur mein Hit des Jahres und mein Favorit vom aktuellen Alestorm-Album Back Through Time, sondern hat auch gute Chancen, sich zu meinem Lieblingslied von Alestorm herauszukristallisieren (No Quarter der Fairness halber mal ausgenommen). Das Seefahrer-Gefidel verschmilzt perfekt mit dem rockigen Metal-Geschrammel der Band, das kratzige Organ des Sängers kommt sehr gut zum Einsatz und die geballte Energie des Songs gepaart mit seiner Eingängigkeit macht The Sunk'n Norwegian für mich zu einer absoluten Wucht. Ob zum Feiern, zum aufmuntern bevor ich mich in eine schwere Aufgabe stürze oder einfach nur, wenn mir nach der erquicklichen Mischung aus piratigem Spaß und piratiger Härte ist: The Sunk'n Norwegian bringt's immer.

Das waren sie also, meine (nicht-filmischen) Songs des Jahres 2011. Und damit beende ich auch meinen diesjährigen Stoß an Blogpostings. Mir bleibt nur noch eins: Euch zu wünschen, dass ihr heute eine großartige Silvesterfeier erlebt. Vollkommen egal, ob ihr feiert, dass ein grausames Jahr endlich endet, oder ob ihr einen furiosen Abschied für ein paar grandiose Monate begehen möchtet: Feiert und genießt euer Leben!
Ich wünsche euch ein gesundes, fröhliches sowie erfolgreiches 2012"


Viel Spaß bei euren Silvesterfeierlichkeiten und einen guten Rutsch!

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Frank Churchill

Another Nine widmet sich, in Anlehnung an Walt Disneys Nine Old Men, den über viele Jahrzehnte prägenden Trickfilmern des Studios, neun großartigen Künstlern, deren Einfluss bisher nur unzureichend erkannt und gewürdigt wurde. Vorgestellt werden Menschen, die ihre kreative Arbeit in völlig verschiedenen Bereichen verrichtet haben – Im Schatten der Maus.

Der sechste Artikel dieser Serie widmet sich einem Künstler, dessen Leben eine eigenwillige Komposition war und in der Tragödie endete: Frank Churchill

Walt Disney, Frank Churchill und Johnny Cannon 1931
(v. l., Quelle Bildausschnitt: Michael Barrier, David Johnson)

Wer sonst, als ein Pianist, der sein Handwerk in dreckigen Kneipen perfektionierte, wäre in der Lage gewesen, die Filme eines Mannes mit Musik zu untermalen, der sich einen ersten Ruf erwarb, weil er im 1. Weltkrieg Ausrüstung des Roten Kreuzes verunstaltet hatte. Kein studierter Komponist, wie Leigh Harline, Paul Smith oder Oliver Wallace, kein populärer Liedermacher wie Ned Washington, sondern ein Kerl von der Straße, der vor einem Medizinstudium nach Tijuana in Mexiko geflohen war, dessen Beliebtheit bei Touristen aus dem nahen Kalifornien bis heute auf eine schier unerschöpflichen Quelle an Bars und Bordellen zurückzuführen ist. Er setzte sich ein Klavier und brauchte nur fünf Minuten, um Musikgeschichte zu schreiben. Und war ein Mensch, der nicht immer angenehm, aber absolut beständig und zielgerichtet war – sei es familiär, als Komponist und im Dialog mit anderen. Frank Churchill, der 1942, für alle unerwartet keine andere Lösung sah, als Suizid zu begehen, prägte den musikalischen Stil der Walt Disney Studios wie kaum ein anderer – bis heute.

Leigh Harline, Walt Disney und Frank Churchill
(v. l., Quelle: Disney)

Frank Edwin Churchill wurde am 20. Oktober 1901 in Rumford, Maine, geboren. Als er vier Jahre alt war, zog seine Familie vom äußersten Nordosten der Vereinigten Staaten nach Südkalifornien. Bereits als Kind liebte er Musik, besonders die Franz Schuberts. Mit 15 Jahren begann er, in Kinos am Klavier zu sitzen und die Vorstellungen zu begleiten, um auf diese Weise etwas hinzuzuverdienen. In den seltensten Fällen handelte es sich bei der musikalischen Untermalung von Stummfilmen um echte Filmmusik, vielmehr bediente man sich aus einem breiten Repertoire aus klassischer und Populärmusik. Hatten die Kinogänger Glück, verstand es der Pianist, wenigstens in gewissem Maße die Stimmung des Films einzufangen.

Dem Wunsch seiner Eltern folgend, die einer musikalischen Zukunft keinen langfristigen Erfolg zutrauten, begann er Vorkurse in Medizin an der University of California zu besuchen. Es dauerte nicht lange, bevor er dies aufgab, um sich wieder voll der Musik zu widmen. Allerdings nicht in Form eines Studiums. Stattdessen ließ er sich als Pianist in verschiedenen Spelunken im mexikanischen Tijuana anheuern, bevor er zurück in die Vereinigten Staaten ging, um in Tucson, Arizona, Teil eines Orchesters zu werden. Einen großen Schritt für seine Karriere bedeutete sein Umzug nach Hollywood im Jahr 1924. Dort gelang es ihm, sich gegen die zahlreiche Konkurrenz durchzusetzen und eine Anstellung als Klavierbegleiter und Solist für die erst wenige Jahre zuvor gegründete Radiostation KNX zu erringen. In den Folgejahren wurde der Sender zum Flaggschiff von CBS an der Westküste. Zu diesem Zeitpunkt war Churchill bereits zu RKO Pictures gewechselt, wo er bis Ende des Jahres 1930 blieb.

Wie Frank Churchill in Ventura, war auch Carl Stalling bereits in seiner frühen Jugend im lokalen Kino als Klavierspieler aufgetreten. Stalling war es auch, der mit seinem Weggang von Disney im Frühjahr 1930 eine große Lücke hinterlassen hatte. In nur etwas mehr als einem Jahr hatte der „Vater der Disney-Musik“ große Veränderungen angestoßen, bevor er überraschend Ub Iwerks folgte, als dieser sich entschloss, ein eigenes Studio zu eröffnen. Churchill stand ab Dezember 1930 vor der Aufgabe, die Silly Symphonies musikalisch zu beerben, ab 1932 mit dem kongenialen Leigh Harline an seiner Seite. Dem intuitiven Churchill gelang die Aufgabe mit Bravour. Gerade seine langjährige Erfahrung in Etablissements verschiedenster Art – immerhin konnte er vor seiner Anstellung bei Disney bereits auf eine fünfzehnjährige Karriere zurückblicken –, in denen er vielfältige Programme spielte und lernte, die Stimmung des Publikums zu erkennen, erleichterten ihm das Erfüllen der neuen Aufgaben. Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die dank einer universitären Ausbildung zwar komponieren konnten, ohne dabei auch nur an ein Instrument zu denken, denen aber oft die Nähe zur praktischen Umsetzung fehlte, wenn gefragt war, in der Musik auf Simplizität zu setzen. Churchill hingegen setzte sich an ein Klavier, dachte an einen klassischen Song und klimperte Alternativen dazu in die Tasten. Ihm wurde nachgesagt, er sei „geübt darin [gewesen], für Lieder einprägsame Notenfolgen zu entwickeln“.

Walt Disney, Wilfred Jackson und Frank Churchill beim Einspielen eines Soundtracks
(v. l., Quelle: Michael Sporn, aus: „Filmguide’s Handbook to Cartoon Production“ von Harold Turney, ca. 1940)

Ein Musterbeispiel für Frank Churchills Arbeit ist Who's Afraid of the Big Bad Wolf?, das er, nach eigener Aussage, in nur fünf Minuten geschrieben hatte und 1933 in Die drei kleinen Schweinchen Verwendung fand. Die Komposition lehnt sich in gewissen Teilen an Happy Birtdhay to You an, die erste Textfassung lieferte der Kopf des Story Department, Ted Sears. Es handelt sich dabei auch um ein Musterbeispiel für Churchills überaus exzentrischen Charakter, der von einer Extreme in die andere Sprang. In diesem Fall schafften es neun Worte, einen Satz ergebend, Disneys Haus- und Hofkomponisten völlig aus der Fassung und in absolute Rage zu bringen. Walt Disney erinnerte sich noch zwanzig Jahre später sehr lebhaft daran, wie Frank Churchill ihn deswegen in Grund und Boden geschrien hatte und, auf die Sache angesprochen, noch Jahre später nicht im Ansatz an Versöhnung mit dem Geschehenen dachte.

Alles nahm seinen Anfang, weil Sol Bourne es gewagt hatte, über ein Notenblatt „Words and Music by Frank E. Churchill and Ann Ronell“ zu drucken. Bourne hatte zusammen mit Max Winslow und Irving Berlin (Komponist von White Christmas, der erfolgreichsten Single der Musikgeschichte) einen bis heute bestehenden Verlag für Notenblätter gegründet und eine langjährige Zusammenarbeit mit Walt Disney beschlossen, die das gesamte Golden Age Bestand hatte. Ursprünglich war nicht geplant gewesen, das Lied irgendwie zu vermarkten, da man dachte, es gäbe kein Interesse an Musik aus einem Cartoon. Auch als sich abzeichnete, dass Die drei kleinen Schweinchen ein überwältigender Erfolg sein würden, zog niemand eine Veröffentlichung der Musik in Betracht. Als der Film schon mehrere Monate im Kino lief, sah ihn die Liedermacherin Ann Ronell zum ersten Mal an. Sie war begeistert und bat, den Text zu erweitern und die Musik neu zusammenstellen zu dürfen – und traf auf Ablehnung, weil der Gedanke, ausgerechnet in einen kurzweiligen Song aus einem Zeichentrickfilm zu investieren, weiterhin als absurd galt. Nach viel Überzeugungsarbeit und weil sich zeigte, dass das Lied auch ohne eine gesonderte Veröffentlichung auf den Straßen gepfiffen wurde, nahm man Ronells Angebot schließlich wahr.

Who's Afraid of the Big Bad Wolf? wurde zu einem unbeschreiblichen Erfolg. Die Radiostationen spielten den Song rauf und runter und die Notenblätter wurden zu einem Bestseller. Alleine in New York City wurden innerhalb der ersten drei Tage fast 40.000 von ihnen verkauft. Das Lied wurde zum Soundtrack eines neuen, aus der großen Wirtschaftskrise auferstehenden Amerikas. Es transportierte ausgesprochene Fröhlichkeit und genau die Klugheit, die die Bürger der Vereinigten Staaten in ihren Führungskräften vermissten. Mit dem Erfolg kamen Ruhm und (mehr oder weniger) Reichtum über Ann Ronell, Bourne Music und die Disney-Studios – und damit ausreichend Potential für Auseinandersetzungen. Sol Bourne hielt sich zurück, standen doch die Chancen gut, dass er nun auch die kommenden Jahre reichlich an Walt Disneys Musik mitverdienen würde. Walt Disney selbst bekam den größten Teil des Kuchens und war damit offensichtlich zufrieden. Ronell flogen die Herzen zu – nach der Komposition Willow Weep for Me, die sich ab 1932 zu einem großen Erfolg entwickelt hatte, hatte sie erneut einen Kassenschlager erschaffen. Es gab nur einen, der tobte, als ihm ein Notendruck des Lieds in die Hände fiel: Frank Churchill.

Was folgte, beschrieb Walt Disney später so: „Nun, Unterhaltung konnte man es nicht nennen; es war verdammt nahe an einer Katastrophe [...]“. Die Ursache lag in der Formulierung der Urheberschaft des Liedes auf den Notenblättern, die auf eine gleichberechtigte Leistung beider Musiker hindeutete. Das wiederum sah Churchill ganz anders. Seiner Meinung nach hatte Ronell lediglich sein Werk genommen, ein paar Zeilen dazugeschmiert und anschließend die Lorbeeren eingeheimst. Aus Furcht vor einer weiteren Attacke Churchills veranlasste Walt Disney sofort, dass der Text geändert werden müsse. Die zuvor verwendete Version kam aus der Feder des Verlags und war keine Vorgabe Disneys, Ronells oder gar Churchills gewesen. Bourne beeilte sich, Disneys Wunsch umzusetzen und druckte auf die nächste Auflage Churchill als alleinigen Schöpfer, mit dem Zusatz „additional Lyrics by Ann Ronell“. Die Bedeutung, die das Lied für Churchills späteren Ruhm hatte, lässt sich aus dem Titel des Nachrufs ableiten, den die Los Angeles Times ihm widmete: „Big Bad Wolf Creator Suicide“.

Üblicherweise findet sich an dieser Stelle nicht das Ende einer Geschichte, sondern die wahre Eskalation. Nachdem Churchill und Ronell Erwähnung auf den Noten gefunden und somit einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatten, regte sich Protest bei Walt Disneys übriger Belegschaft. Die Wut Churchills war keinem verborgen geblieben und es stand die Frage im Raum, weshalb nur Komponisten das Recht haben sollten, für ihre Leistungen besonders herausgestellt zu werden. Bis dato waren Credits in Disneys Produktionen äußerst rar gesät, was zwei Gründe hatte. Einerseits wollte Walt Disney seinen Namen in das Gedächtnis der Zuschauer einbrennen, um so eine Marke mit hohem Wiedererkennungswert zu erschaffen. Es war aber auch seine ehrliche Überzeugung, dass es sich bei den Produktionen um Gesamtkunstwerke handelte, die großartige Arbeit aller Beteiligter der Walt Disney Studios beinhaltete. Durch die Erwähnung der einzelnen Künstler wären zwangsweise einige zu kurz gekommen, gänzlich außenvorgeblieben oder übervorteilt worden. Dass nun eine studioexterne Person, noch dazu eine Frau, die, nach Churchills Version, welche sich natürlich wie ein Lauffeuer verbreitete, nur ein paar Zeilen verfasst hatte, ihren Namen unter den Disneys drucken durfte, sorgte für Wut unter den Mitarbeitern, die ihrerseits um jede Erwähnung kämpfen mussten. In der Folge kam Walt Disney auf seine Angestellten zu und erweiterte den Umfang der Genannten in den Credits seiner Filme.

Damit war das Thema vorerst ausgestanden. Who's Afraid of the Big Bad Wolf blieb ein vielfach verwendeter Klassiker, Ann Ronells Arbeitskraft wurde stetig nachgefragt und Frank Churchill die Aufgabe übertragen, die Filmmusik zu Schneewittchen und die sieben Zwerge zu komponieren. Ronell begann, freiberuflich für Disney zu arbeiten und schrieb im Verlauf der 1930er Jahre mehrere Liedtexte. Auch wenn Churchill sich weigerte, seine Meinung im Urheberstreit zu überdenken, war Ronell ihm dennoch dankbar und bewirkte, dass er Mitglied der ASCAP wurde. Mit Churchills Tod im Frühling 1942 schien die Grundlage für weitere Auseinandersetzungen genommen. Doch 1955 zeigte sich, das dem nicht so war, als Ann Ronell Walt Disney verklagte und versuchte, eine hohe Schadensersatzsumme vor Gericht zu erstreiten. Sie fühlte sich um ihr Ansehen betrogen, da Disney ihrer Ansicht nach systematisch versucht hatte, sie in den Jahren zuvor aus der „Schöpfungsgeschichte“ von Who's Afraid of the Big Bad Wolf? zu verbannen. Das Fass zum Überlaufen brachte 1954 eine Fernsehsendung, in der Walt Disney auftrat und eine nachgestellte Version der Erschaffung des Songs vorstellte. Zu sehen waren in dem kurzen Einspieler, neben Walt Disney selbst, unter anderem auch Ted Sears und Frank Thomas, letzterer stellte die Rolle des bereits verstorbenen Churchill dar. Es wurde gezeigt, wie Walt Disney und seine Mitstreiter, von zahlreichen Geistesblitzen erleuchtet, binnen kurzer Zeit Musik und Text des Lieds zu Papier bringen – von Ann Ronells Rolle war natürlich keine Rede. Letztere war zwar nicht unter den Zuschauern der Sendung, wurde aber von Freunden, die ihre Version der Geschichte kannten, darauf hingewiesen und war entsetzt von der Dreistigkeit des Studiogründers.

Zu dieser Zeit hatte Ronell den Höhepunkt ihrer Karriere bereits überschritten und klagte vor Gericht um die Zahlung von Einnahmen, die sie erzielt hätte, wäre ihr Name im Zusammenhang mit dem erfolgreichen Lied öfter gefallen. Dabei ging es ihr einerseits darum, eine angemessene finanzielle Erstattung für das ihr entgangene Ansehen zu erhalten, andererseits verlangte sie Schmerzensgeld für die psychischen Qualen, die sie durch die Auseinandersetzung hatte ausstehen müssen. Desweiteren stritt sie um Geld für die ihr genommene musikalische Leistung und entstandene Lücke in der eigenen Biographie. Ein weiterer Punkt in den Forderungen lag im Ausgleich für Aufträge, die sie erhalten hätte, wäre ihre Urheberschaft angemessen genannt worden und dadurch ihre Bekanntheit gestiegen. Das galt nicht nur für potentielle Aufträge aus der Vergangenheit, sondern auch für alle zukünftigen. Insgesamt beliefen sich die Forderungen auf 90.000 US-Dollar. Am Ende des Rechtsstreits unterlag sie in jedem einzelnen Punkt – der Richter war nicht der Meinung, dass Walt Disney ihr in irgendeiner Weise Unrecht angetan hätte.

Carolyn Kay Shafer, Frank Churchills zweite Ehefrau.
(Quelle: Vintage Disney Collectibles)

Mit dem Beginn der Arbeiten an Schneewittchen und die sieben Zwerge stand Frank Churchill vor der Aufgabe, zahlreiche Lieder zu schreiben und einen Soundtrack zu erschaffen, der zwar die Tradition des Studios verfolgen, aber eine ganz neue Qualität aufzeigen sollte. Seine großes musikalisches Gefühl zeigte sich erneut in Liedern, ersonnen am Klavier, die in kurzer Zeit ihren Weg in die Herzen der Zuschauer fanden und auch denen ein Begriff sind, die mit den Filmen Walt Disney allenfalls in ihrer Kindheit in Berührung kamen: Whistle While You Work, Someday My Prince Will Come und natürlich Heigh-Ho. Weiterhin waren seine Kompositionen von Einfachheit geprägt und an Eindringlichkeit kaum zu überbieten. Dieses Mal musste niemand überzeugt werden, um die Musik Churchills zu veröffentlichen: Schneewittchen und die sieben Zwerge wurde der erste Spielfilm, dessen Soundtrack auf Schallplatte veröffentlicht wurde. Seine Arbeit wurde mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Wie auch Fred Moore war Frank Churchill durch Die drei kleinen Schweinchen zur großen Hoffnung geworden und hatte alle Erwartungen mit seiner Arbeit an Walt Disneys erstem abendfüllenden Meisterwerk noch übertroffen. War Fred Moore im Anschluss die Aufgabe anvertraut worden, Micky Maus' Gestalt grandios zu modernisieren, wurde Frank Churchill offiziell zum Supervisor of Music ernannt und gab damit in jedem Sinne den Ton an.

Zusammen mit Oliver Wallace schuf er die musikalische Untermalung für Dumbo und erhielt dafür den Oscar und eine weitere Nominierung für Babe Mine. Zusammen mit Edward Plumb entwickelte er die Kompositionen für Bambi und war, wie auch für den Soundtrack selbst, mit dem Lied Love is a Song erneut Anwärter auf eine der Goldstatuen. Wie bei Fred Moore trübten die oberflächlichen Erfolge Churchills Seelenzustand und wie bei Moore, verlor sich Frank Churchill zeitweise im Alkoholismus, wenn man der Aussage seiner Tochter aus erster Ehe glauben darf. Zu dieser Zeit wurde Frank Churchill noch verschlossener, als zuvor. Trotz seiner gelegentlichen Wutanfällen musste man ihn als schüchternen Menschen bezeichnen, der sich in erster Linie über seine Musik und die daraus hervorgehende Anerkennung identifizierte.

Auch familiär hatte Frank Churchill Höhen und Tiefen erlebt. Er hatte bereits jung geheiratet, war jung Vater und ebenso jung wieder geschieden geworden. Seine zweite Ehe beging er mit einer Dame, die in vielen Dingen gegenteilig zu ihrem Ehemann war. Carolyn Kay Shafer wurde 1905 als Tochter deutsch-irischer Eltern geboren und zog 1929, zusammen mit einem Großteil ihrer Familie, von Indiana nach Kalifornien, nachdem sich der Ehemann ihrer Schwester Rosine das Leben genommen hatte (Rosine heiratete später erneut – Frank Baum jr., Sohn des Autors von Der Zauberer von Oz). Dort wurde sie 1930 die Sekretärin von Walt Disney und war zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit rund um die Silly Symphonies und Micky-Maus-Cartoons, empfing und beantwortete Fanpost und wurde als „weltweit einzige Sekretärin einer Maus“ bezeichnet. Zudem ist davon auszugehen, dass sie es war, die viele der Autogramme schrieb, die von Walt Disney aus der Zeit zwischen 1930 und 1934 erhalten sind. Ihre exzentrische Art als handtaschenverrückte Lebefrau, der die Männer und eine Maus zu Füßen lagen, machten sie in Los Angeles bekannt. Während ihrer Arbeit im Studio traf sie Frank Churchill, das Paar heiratete am 10. Juni 1933. Kurz darauf verließ sie die Walt Disney Studios. Sie brachten es zu Wohlstand und erwarben die Paradise Ranch in den Weiten Kaliforniens, um Abstand vom Alltag nehmen zu können.

Grabstein von Frank Churchill auf dem
Forest Lawn Memorial Park in Glendale (Quelle: Find A Grave)

Nicht nur Franks, sondern in gewisser Weise auch Carolyns Leben endete, als sich der Komponist mit einem Gewehr das Leben nahm. Später heiratete sie erneut, wurde von ihrem zweiten Mann ihres gesamten Vermögens beraubt, wurde schwer krank und erblindete, 65 Jahre alt. 1974 schrieb sie verzweifelt an die Walt Disney Studios, bot Unterlagen ihres ersten Mannes an und fragte nach, ob das Studio der üblichen Erstattung der Beisetzungskosten 1942 nachgekommen war oder man ihr noch den Betrag zukommen lassen könne. Sie starb im Sommer 1977. Am 14. Mai 1942 fand Carolyn ihren Mann über dem Klavier auf einem Rosenkranz liegend. Sie war vom Schuss geweckt worden. Er hatte ihr eine kurze Abschiedsbotschaft hinterlassen:

„Liebe Carolyn – ich bin mit den Nerven am Ende. Bitte verzeihe mir diese grausame Tat. Es scheint der einzige Weg sein, mich selbst zu heilen. Frank.“

Am Tag zuvor war er noch in den Disney-Studios gewesen und wollte, so seine Kollegen später, sich nur einige Tage auf der Paradise Ranch erholen. Dem waren sechs Monate vorausgegangen, in denen sich Frank Churchills Verfassung immer wieder verschlechterte, mehrfach war er in Behandlung gewesen, hatte seine Arbeit aber nicht unterbrochen. Die oft erzählte Legende, Churchill sei in eine Depression abgeglitten, weil seine Musik zu Bambi nicht akzeptiert worden war, lässt sich nicht durch Tatsachen untermauern. Die Hintergründe seiner Entscheidung, den Freitod zu wählen, sind mit Sicherheit komplex – und in jedem Falle nicht mehr rekonstruierbar.

Allerdings trat er nicht ab, ohne eine letzte Provokation anzuzetteln, die abermals in einem Rechtsstreit endete. Er vermachte seiner ersten Frau keinen Cent, der gemeinsamen Tochter Corinne, 18 Jahre alt, die Summe von einem (in Zahlen: 1) US-Dollar. In seinem letzten Willen begründete er die Entscheidung:

„Der Grund, warum ich meiner Tochter diesen Nachlass zugestehe, besteht in ihrem Unwillen, irgendeine Form von Erziehung, Ratschlag oder moralischer Führung von mir anzunehmen und ihrem ausgesprochenen Drang, sich mit ihrer Mutter zusammenzutun.“

Seine Tochter ging daraufhin vor Gericht und beschuldigte Carolyn Shafer, einen schlechten Einfluss auf Frank Churchill gehabt und systematisch versucht zu haben, sie und ihre Mutter von ihm zu entfremden. Zudem sei er zu dem Zeitpunkt, als er das Testament aufsetzte nur bedingt zurechnungsfähig gewesen („mentally incompetent“). Die von ihrem Anwalt geforderte Summe betrug stolze 50.000 US-Dollar. Wie der Rechtsstreit ausging ist, anders als sein Auftakt, der es bis in die Los Angeles Times schaffte, nicht dokumentiert.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Die schlechtesten Kinofilme 2011

Da ist sie wieder, diese Zeit des Jahres, in der man zurückdenkt. Wie schon 2010 möchte ich zum Jahresabschluss zurückblicken und zusammenfassen, welche Filme mir die meisten Nerven abverlangten. Ich sollte wohl direkt betonen, dass dies eine subjektive Liste ist und der korrektere Titel "Die Filme, die ich 2011 am meisten gering geschätzt, gehasst und verabscheut habe" wäre. Bloß ist der bei weitem nicht so griffig.

Bewertet wird nach dem deutschen Kinojahr 2011, es werden also auch Filme berücksichtigt werden, die in ihrem Heimatland vor dem 1.1. 2011 gestartet sind. Außerdem habe ich manche Filme, die richtige Spitzenkandidaten für diese Liste sind, noch nicht gesehen. Etwa Die Schlümpfe, Alvin und die Chipmunks 3, Meine erfundene Frau, Breaking Dawn oder im Falle meiner subjektiven Wahrnehmung nunmal auch Real Steel und Transformers 3. Spy Kids 4D wiederum bekommt erst 2012 seine Chance, in Deutschland verrissen zu werden.

Trotzdem gibt es genügend Stoff für diese Liste, also legen wir am besten einfach sofort los:

 Platz 12: Gnomeo & Julia

Der erste, aber längst nicht der letzte Animationsfilm auf dieser schändlichen Hitliste. Ich war kurz geneigt, stattdessen Happy Feet 2 in diese Liste aufzunehmen, allerdings hat dieser Film mit den fantastischen Krills Will und Bill einen gewaltigen Vorteil gegenüber Gnomeo & Julia. Und obwohl die Gartenzwerg-Nacherzählung von Shakespeares Klassiker rund um Elton Johns Diskographie entworfen wurde, nutzt sie die Musik deutlich schlechter als Happy Feet 2. Und der Film ging meines Erachtens nach schon ziemlich schludrig mit seinen Musikeinsätzen um. Einige lahme Gags, durchschnittliche Animation und überdeutliche Desorientierung, wer eigentlich das Zielpublikum dieser Trickkomödie sein soll, machen Gnomeo & Julia zu einem der vielen Gründe, weshalb 2011 ein schlechtes Jahr für die Trickfilmkunst war.

Platz 11: Fast and Furious Five

Der fünfte Teil der Autorenn- und Autoklau-Kinoreihe Fast and Furios Five ist ein Fall für doppelte Ratlosigkeit: Wieso zum Teufel hat dieser Schmarrn über 600 Millionen Dollar eingenommen, und was zum Teufel haben die Kritiker geraucht, dass dieser an Humor und Spannung mangelnde Actionfilm 78% bei Rottentomatoes bekommt? Von Dwayne Jonson abgesehen ist dies eine Schar unsympathischer Menschen, die rumlabern, sich dann verfolgen, rumlabern und am Ende einen Tresor stehlen. Die Autoren versuchen händeringend, ein zweites Ocean's Eleven zu erschaffen, was allerdings daran scheitert, das die Darsteller eine deutlich schwächere Chemie untereinander haben und sowohl die Figuren, als auch das Skript immens dümmer sind, als aus der Ocean's-Reihe gewohnt. Die Rennsequenzen sind spektakulär und dennoch übersichtlich gemacht, aber für einen Film, der nur von Lärm lebt, hat dieser hier viel zu wenig davon.

Platz 10: Gullivers Reisen

Würden Die Muppets noch 2011 in Deutschland starten, wäre ja alles vergeben und vergessen. Da dem aber nicht so ist, kann ich ohne Gewissensbisse sagen, dass Jason Segel ein sauschlechtes Kinojahr hatte. Bad Teacher versäumte nur knapp den Einzug in diese Hitliste, weil der Film wenigstens gelegentlich seinen bösen Haudrauf-Humor konsequent durchzuziehen weiß. Und weil Jason Segel jede seiner Szenen zum Volltreffer macht. In Gullivers Reisen kann Segel kaum etwas retten und auch der Kugelblitz Jack Black leiert eine seiner lustlosesten Darbietungen runter. Aus einer Familien-Abenteuerkomödie wird schnell ein zusammenhangloses Sammelsurium an Popkulturreferenzen und Kopfschmerzen verursachenden Handlungswendungen.


Platz 9: Resturlaub

Je mehr ich über diese Komödie nachdenke, desto mehr nervt sie mich. Klar, solche Filme sind nicht zum "darüber nachdenken" geschaffen, trotzdem ist es schlecht, wenn mich etwas bei jeder Sekunde, die ich daran denke, immer mehr über seine Schwächen ärgern lässt. Eine äußerst fragwürdige Moral, ein unverantwortlicher Protagonist, ein Feuerwerk an dämlichen Gags, ein schwer verständlicher Einschlag an Lokalkolorit, peinliche Dickenwitze und eine als Sexgöttin verkaufte weibliche Hauptrolle, bei deren Anblick ich mich wie ein kaltes, nasses Handtruch fühle (soll heißen: die einzige Anforderung an diese Rolle war es,  heiß auszusehen, und das tut sie für mich nicht). Und habe ich schon die Moral erwähnt? Also, wenn ich einem Komödienhelden (einer spritzig-leichten, anspruchslosen Komödie) wünsche, gewaltig auf die Fresse zu fallen, muss was schiefgelaufen sein! Ein Film, der meine Antipathien wachkitzelt.


Wo wir schon bei unsympathischen Protagonisten und hinkender Moral sind, kann ich diese Körpertauschkomödie nicht unerwähnt lassen. Vulgaritäten ohne Anlass, nervige Dialoge, schier endlose Szenen und lärmender Humor machen Wie ausgewechselt stellenweise zur reinen Tortur. Nur eine der beiden Figuren lernt ihre obligatorische Lektion, ganze Storyfäden werden vergessen (und dabei ist der Film schon deutlich länger als nötig) und die Fäden, an die sich die Autoren zum Schluss erinnern, werden so breit getreten, dass es nicht mehr feierlich ist. Vom Körpertausch merkt man auch nur was, weil Bateman und Reynolds dauernd davon reden. Darstellerisch ändert sich den gesamten Film über nichts. Dass dieser Film sich auf Platz 8 dieser Liste retten konnte, statt noch höher zu landen, liegt an einer Leslie Mann, die wesentlich besser spielt als in den Filmen ihres Mannes (was aufgrund der flach geschriebenen Figur leider nahezu verpufft) sowie ein paar leidlich amüsanten Chaosszenen. Irgendwas in meinem Hirn muss durchgebrannt sein, aber sich verletzende Babys find ich komisch. Und die Musikauswahl ist recht hinnehmbar.


Manche Filme sind nervig, andere dumm, dieser hingegen ist des Verbrechens der Langeweile schuldig. Ich bin Nummer Vier ist ein Film wie eine überlange, schlecht geskriptete und unwohl gespielte Pilotepisode zu einer eigentlich ganz ansprechend klingenden Fernsehserie. Zwischen den Darstellern herrscht nicht der geringste Funken Chemie, die krude Mischung aus Twilight-mäßiger Teenie-Romanze, Sci-Fi und Action wirkt wie am Reißbrett entworfen, die Action ist mechanisch und ideenlos inszeniert und die Dialoge sind anstrengend. Die interessantesten Elemente werden straflos vernachlässigt, die Figuren könnten blasser nicht sein. Ein herz-, witz- und spannungsloser Pseudo-Blockbuster (produziert von Michael Bay!), der sämtliche aktuellen Kinotrends vereinen möchte und so jegliche eigene Identität verliert.

Platz 6: Milo und Mars

Der Film, der Robert Zemeckis' Motion-Capturing-Schmiede ImageMoversDigital killte und in Deutschland insgesamt sensationelle 885 Besucher anlockte. Milo und Mars handelt von Milo (ach?), der rotzfrech zu seiner Mutter ist. Marsmenschen entführen diese, um ihr Wissen über Erziehung abzusaugen (hä?), was ein tödlicher Prozess ist. Milo, der eher per Zufall mit auf den Mars reist, vereint seine Kräfte mit dem unreifen Erwachsenen Gribble (kein Mensch, den man als Freund haben möchte) und einer durch Hippie-Filme sozialisierten Marsianerin und macht sich auf, seine Mutter zu retten.
Milo und Mars ist zum einen ein anstrengender Film, weil er einfach nie ruhig halten kann. Dauernd muss sich irgendwas bewegen, etwas lärmen, irgendeine schwindelerregende Kameraeinstellung eingenommen werden. Die Szenen, in denen die Kamera still hält, kann man an maximal zwei Händen abzählen. Ununterbrochen, auch wenn überhaupt nichts los ist, bewegt sich die Kamera in einem unwohlen Tempo durchs Bild, das mit ungleichmäßig detallierten Texturen ausgestattet ist. Die menschlichen Figuren bewegen sich zwar mehr, als die aus Toy Story 1, aber die Modelle sehen kaum besser aus. Die digitale Lichtarbeit ist schlecht, alles sieht so klinisch tot aus. Milo hat grausige Wolfsaugen und irritierende Wangenknochen, Gribble kann je nach Lichtverhältnissen richtig gruselig aussehen, und die Story bemüht sich zwar um Emotion, kann sie aber niemals vermitteln.

Und obendrein ist der Film (ungewollt?) frauenfeindlich und gegenüber alternativen Familienmodellen extrem reserviert. Natürlich können auch heute noch die Werte der Familie gefeiert werden, aber Milo und Mars geht immer eine Extrameile, um zu betonen, dass nur Frauen die Erziehung übernehmen sollten und eine richtige Familie aus Vater-Mutter-Kind besteht. Wir haben also eine seelenlose Inszenierung, hässliche Optik und eine leicht falsch zu deutende Aussage. Meine Lieblingskritiken des Films: "Mars Needs To Work Out How To Animate Humans So They Don't Look Like Possessed Shop Window Dummies" und "They took a small story, made it complicated and burdensome, filmed some actors performing it, turned those actors into affectless, mechanical cartoons, converted it to 3-D, and dropped it in theaters. Wheeee!"

 Platz 5: Sanctum

Sanctum ist wie geschaffen für einen Verriss von Horror- und Thriller-Kritiker Phelous. Die Figuren sind so platt wie ein Stück Papier und trotzdem schafft es das Drehbuch nicht, Sinn und Verstand in die Figurenkonstellation zu bringen. Wenn eine Figur als Kletterexpertin eingeführt wird, sonst keine Eigenschaften besitzt und alle besser klettern können als sie, dann ist das entweder schlecht vermittelte Ironie oder Dummheit seitens der Filmemacher. Die Gottgleichheit, mit der die Vaterfigur dieses Films skizziert wird, geht einem unheimlich schnell auf den Senkel, "basierend auf einer wahren Geschichte" wurde selten lockerer definiert als hier und das groß beworbene 3D arbeitet gegen die Spannungswirkung von Sanctum! Hinzu kommen zahllose Klischees und Dialoge wie aus einem in fünfzehn Minuten runtergschriebenen TV-Film, und fertig ist die Fischsuppe.

Platz 4: Your Highness

Wir machen nun einen meilenweiten Sprung hinein in den Abgrund der Kinowelt.

David Gordon Green war einst auf anspruchsvolles Cinema reserviert, doch dann zauberte er mit Ananas Express eine herrlich verschrobene Kiffer-Actionkomödie aus dem Hut. So weit, so gut. In besagter, benebelter Actionparodie spielten James Franco, Danny McBride und Seth Rogen ein berauschtes Heldentrio, das dem Actiongenre seinen eigenen, verrückten Stempel aufdrückte. Nun ersetzten der Regisseur David Gordon Green, Franco und McBride Seth Rogen durch Natalie Portman und das Action- durch ein Fantasysetting, um eine zweite derbe Kifferkomödie zu drehen. So weit, so gut? Nein, denn was deutlich besser hätte werden können, wurde eine einzige, haltlose und den Verstand jedes Zuschauers beleidigende Katastrophe.

Königssohn Thadeous (McBride) spielt am Hof dauernd die zweite Geige hinter dem schöneren und erfolgreichere Aventuiren bestreitenden Fabious (Franco). Eines Tages entführt ein manischer Zauberer (Justin Theroux) Fabious jungfräuliche Verlobte (Zooey Deschanel), und beide Prinzen machen sich auf, die holde Maid zu retten. Unterwegs begegnen sie der Kriegerin Isabel, die beide locker in die Tasche stecken könnte. Und es zwischendurch auch tut. Denn das mit dem "Kräfte vereinen" klappt nicht so ganz ...

Der Plot ist äußerst simpel, und umso schockierender ist es, wie irritierend Your Highness auf seinen Betrachter wirkt. Die Erzählweise erfolgt absolut unkonzentriert und die keinerlei handwerkliches Fingerspitzengefühl aufweisende Inszenierung verstärkt diese Wirkung enorm. Von vorne bis hinten ist diese Fantasy-Kifferkomödie mit Effekten der Mittelklasse gefüllt, die von der infantilen Blödelei der männlichen Darsteller ablenken soll. Dadurch, dass das Timing in diesem Film, sowohl der Darsteller als auch des Schnitts, beinahe schon sagenhaft daneben ist, sitzt kaum eine der platten Pointen und Zoten. Ein Pups- und Peniswitz jagt den nächsten und zwischendurch erfolgen schwulenfeindliche Kommentare. McBrides Mimik entgleist regelmäßig wenn eine vermeintliche Pointe auftauchte, so dass selbst der benebelste Zuschauer mitbekommen müsste, dass er hätte lachen sollen. Die männlichen Figuren sind unsympathisch bis zum geht nicht mehr und die zu bestehenden Abenteuer sind haarsträubend. In diesem Film steckt kaum Mühe oder Herzblut. Es sind einfach ein paar Jungs, die sehr viel Geld verschwenden, um eine Schnapsidee umzusetzen. Der Spaß überträgt sich aber nicht auf den Zuschauer, viel mehr fühlt man sich beleidigt, dass man für das gedankenlos zusammengeschwurbelte Privatvergnügen ein paar Kerle auch noch aufkommen soll. Einzig Steve Jablonskys Musik hört man, trotz ihrer unetwegten Anleihen auf andere aktuelle Blockbuster, zumindest etwas grundlegende Gedankenarbeit an.

Die größte Sünde des Films ist aber, wie mit Natalie Portmans Rolle umgesprungen wird. Portman gibt sich vor der Kamera als einzige Mühe, ihren Charme wirken zu lassen und dem Publikum etwas Schauspiel für sein Geld zu bieten. Ihre Figur hat eine ansatzweise interessante Vergangenheit, ist witzig, unabhängig und kann austeilen. Doch wozu wird Portman letztlich genutzt? Als dumme, den Männern verfallene Love Interest und um mit ihrem kaum bedeckten Hintern die DVD-Käufe anzukurbeln.

Platz 3: Cars 2

Boah, Leute ... Ihr wisst vielleicht schon, dass ich diesen Film verabscheue. Aber ihr habt, denke ich, noch immer keine rechte Vorstellung davon, wie sehr ich Cars 2 hasse. Dieser Film ist kein Blechschaden in der glänzenden Karosserie Pixars, sondern ein saftiger, 200 Millionen Dollar teurer Dreckshaufen, den jeder Disney- und Pixar-Fan mit einem abfälligen Grinsen vor die Haustür geliefert bekommt. Brennend.
Ich hätte im Kino fast geheult, und das nicht vor Rührung, sondern vor Schmerzen. Mein Fanherz verkrampfte schon nach wenigen Minuten, und immer, wenn sich in mir die Überzeugung aufbaute, es könne nicht schlimmer werden, der Film würde sich sogar vielleicht noch fangen ... Wurde es schlimmer, schlimmer, schlimmer! Hook, der im ersten Cars noch ein dümmlich-liebenswerter Sidekick war, wird in Cars 2 zum Helden aufgepimpt (Fehler #1) und seine Dummheit wird von "nicht schlau, aber goldig im Herzen" auf "zu dumm zum überleben" aufgestockt (Fehler #2). Oh, und wie auch immer das geschehen ist: Seine Naivität mutiert in einem schmerzvollen, Nervenenden verätzenden Prozess zu einer ignoranten, arroganten und weltfernen Ich-Bezogenheit, die sich hinter den Geistesstörungen solch legendärer Superschurken wie Bella Swan einreihen kann (Fehler #3 - #95).

Wie, Bella Swan ist kein Schurke? Na, große Klasse ...
Zurück zum Text: Hook ist ein so egozentrischer Vollspacken in diesem Film, dass ich ihm schon nach wenigen Filmminuten einen grausigen Rosttod an den Hals gewünscht habe. Durch die Charakterzeichnung dieses Südstaaten-Trottels geht auch jegliche Moral dieses Films flöten. Nein, nicht einmal das, sondern viel schlimmer. Keine Moral, das wäre ja erträglich. Stattdessen lehrt dieser Film seinen jungen Zuschauern, dass sich die Welt nach den Dummen richten muss. "Wenn du so doof bist, dass du nicht kapierst, wie sehr du deinen Freunden schadest, und du zudem zu unflexibel bist, dich zu ändern, dann müssen sich deine Freunde halt ändern!" Ja, halleluja, gut gemacht, John Lasseter! Tolle Sache, um an die "Denk nicht nur an dich selbst"-Lektion des ersten Cars-Films anzuschließen!

Hooks dauernden Wortwitze gehen einem schnell gegen den Tachozeiger, und dass die Action fast durchgehend völlig handzahm ist, um dann zwischendurch verstörende Maße anzunehmen, spricht auch nicht gerade für diesen Film. Mal ganz davon abgesehen, dass dieser verdummbeutelte Rostkübel Hook am Ende das Mädchen kriegt! Er hat nichts getan, außer dauernd mehr Glück als Verstand zu haben, und er kriegt den flotten Schlitten ab! Boaoooooaaaargh!

Dass Cars 2 nicht noch schlechter platziert ist, hat Pixar erstens seinen hervorragenden Hintergrund-Machern zu verdanken. Diese haben fabelhafte Arbeit geleistet und wunderschöne Landschaften geschaffen. Es reihen sich auch ein paar hübsche visuelle Gags ein, die zwischen den verkorksten Dialogpassagen wenigstens ein paar Lacher ernten können. Den Rest macht Michael Giacchino, einer der derzeitigen Filmmusikgötter. Ich hasse Cars 2 - aber ich würde ihn mir eher nochmal ansehen, als die folgenden zwei Schandflecke ...

Platz 2: Kokowääh

Oder wie es auch heißen könnte: My Own Personal Hell.
Es gab zwar einen einzigen Film, der dieses Jahr in die Kinos kam und den ich noch schlechter fand. Aber ich könnte vergleichsweise problemlos in diesem Film leben. Sollte es wiederum die Hölle geben, und sollte sie sogar persönlich für jeden eingerichtet sein, und sollte ich dorthin kommen, so wäre die Welt von Kokowääh mit einer großen Wahrscheinlichkeit mein Fegefeuer. Ein ständig in einer unverständlichen Sprache dahinsabbelndes Kind, dessen einzig verständlichen Sätze von einem Pappschild unter der Kamera abgelesen klingen. Vorhersehbare Sitcom-Dialog-Retourkutschen. Ein unerzogenes Rotzgör von Kind, dass einem die halbe Wohnung und das ganze Leben zerstört, dass man aber nicht hassen darf, weil es ja soooo süß guckt und soooo ernste Probleme hat. Eine Liebesgeschichte, die bis zum Himmel stinkt und eine audiovisuelle Ästhetik, die in Keinohrhasen noch schön war, nun aber mit solch einer Penetranz eingesetzt wird, dass man jede Sekunde darauf wartet, dass endlich das Logo für das vermeintlich beworbene Familienprodukt eingeblendet wird. Oh, und Til Schweigers sich selbst auf den Leib geschriebene Supervater-, Megastecher- und Überkünstlerrollen haben längst die Grenze von "öhm ... nett" zu verstörend selbstverliebt überschritten.

Ein Film, bei dem ich stets darauf gehofft habe, dass jeden Moment Jason hinterm Kühlschrank hervorspringt und alle abmetzelt. Ja, das wäre mal ein Horrorfilm geworden ...

Und der schlechteste Kinofilm 2011 ist:

    Was für ein Schrottfilm. Wenn man Borat mit einer ultraschlechtauflösenden Wackelkamera nachdrehen, die Gesellschaftskritik auf das absolute Minimum reduzieren und 99% der Gags durch unpointierte Vulgaritäten ersetzen würde, dann bekäme man einen Film, der ungefähr so ein Dreck ist wie I'm still here. Denn ein in die Kamera gehaltener Penis und eine als Hure beschimpfte Frau sind nicht von Natur aus witzig. Witzig ist das alles erst, wenn ich weiß, wieso dieser Penis die Kamera knutscht, warum diese Frau eine Hure ist und wie sie darauf reagiert. Und auch dann benötigt man so etwas wie Timing!
    Es funktioniert einfach gar nichts, die Langeweile ist enorm und durch das unverständliche Gebrummel sowie die forcierten Schocks landet dieser Film souverän auf diesem "Ehrenplatz".

    Die Liste meiner liebsten Filme 2011 hebe ich mir für nächstes Jahr auf. Bei einigen Kandidaten muss ich noch eine Zweitsichtung auf DVD in Angriff nehmen, um mich festlegen zu können, auf welchen Rang sie gehören.

    Empfehlenswerte Artikel:

    52 Songs #26: Mitsingen

    Das Jahresende steht vor der Tür, und somit auch die Silvester-Feierei. Passend dazu sucht der Meister der Gedankendeponie Musik zum Mitsingen. Da gibt es ja einen schier endlosen Pool an Songs. Ich entschied mich für Minnie the Moochie aus Blues Brothers:


    Cab Calloway - Minnie The Moocher (Blues... von Bodhisattva1956

    Eigentlich hat man im Kino ja ruhig zu sein. Von Lachern natürlich abgesehen. Wer meint, in jedem Film jeden Song mitsingen zu müssen, zieht schnell den Hass seiner Mitmenschen auf sich.
    Allerdings gibt es Ausnahmen. Wer in die Rocky Horror Picture Show geht, sollte auf Mitgesang eingestellt sein, und wenn es im Studentenkino spezielle Filmpartys gibt, sieht es ähnlich aus. Bei Blues Brothers übernimmt das Saalpublikum während diesem Song die Stelle des Konzertpublikums aus dem Film. Und wenn es einem halt die Zunge verknotet, dann ist dem so. Hauptsache Spaß.

    Mittwoch, 28. Dezember 2011

    Sherlock Holmes: Spiel im Schatten


    Ja, mein Blogbeitrag zu Sherlock Holmes: Spiel im Schatten kommt etwas später. Man mag es mir nachsehen. Wer schon am Startwochenende meine Meinung zum Film wissen wollte, konnte sie ja ganz bequem bei Quotenmeter nachlesen. Dass ich hier im Blog erst jetzt nachziehe, liegt daran, dass ich zum Ausgleich an dieser Stelle von meinem "privaten" Kinobesuch berichten wollte, den ich mit einem Freund in Angriff nahm. Und der kam nunmal erst gestern zu Stande.

    Zur Handlung des Films: 1891 spannt sich das politische Klima in Europa durch eine Reihe von Bombenanschlägen an. Sherlock Holmes mutmaßt, dass der angesehene Professor Moriarty etwas damit zu schaffen hat. Ein Wettstreit zweier Genies entbrennt, und Doktor Watson, die Wahrsagerin Simza und die Ganovin Irene Adler sind die Schachfiguren in diesem Spiel.

    Ich fand den ersten Sherlock Holmes-Teil ja gut, war aber in meinem Freundeskreis trotzdem wohl der mit der "kühlsten" Reaktion auf Guy Ritchies Blockbuster-Einstand. Auf die Fortsetzung war ich dennoch scharf, und die gemeinsame Vorfreude auf ein winterliches Double-Feature hat die Erwartungshaltung noch weiter geschürt. Hier in der Gegend gab es jedoch kein Double, also ging's in eine für unsere Gefilde toll gefüllte Dienstagabendvorstellung.

    Den Publikumsreaktionen, die ich bislang mitbekam (in Foren, in meinem Kinosaal, wenn ich meinen Kumpel frage) nach zu urteilen sind sich beide Sherlock Holmes-Filme ungefähr ebenbürtig, während der generelle Kritikerkonsens deutlich schlechter ist. Bei Rottentomatoes hat die Fortsetzung einen Wert von 59%, gegenüber den 70% des Vorgängers. Allerdings schneidet Sherlock Holmes 2 bei einigen angesehenen Filmkritikern wie Roger Ebert wiederum besser als das Original ab. Nun, was soll ich jetzt zu diesem Kuddelmuddel an Meinungen sagen?

    Ich denke, nach meinem zweiten Besuch ganz klar einen von vielen Kritikern geäußerten, harschen Kritikpunkt entschärfen zu können. Viele Kritiken bemängeln, dass Holmes in der Fortsetzung eine viel zu große Beobachtungsgabe hätte. Es wäre zwischendurch geradezu lächerlich. Ich selbst glaube, rund die Hälfte von Holmes Beobachtungen geschnallt zu haben, bevor der Film mir alles klein auf klein schilderte, und mein Kino-Mitgänger hat ungefähr die andere Hälfte an Hinweisen vorschnell aufgefasst. Da darf jemand wie Holmes ja wohl so schlau sein, wie wir zwei zusammen.

    Bei den Schauspielern sind Downey jr. und Law immer noch absolute spitze. Ich finde, dass Jarred Harris als Moriarty recht öde ist und seine gemeinsamen Szenen mit Downey jr. eher wegen der Dialoge und der Inszenierung richtig klasse bin. Nach dem Kinobesuch erntete ich aber ein eher unschlüssiges "och joah", während die meiner Meinung nach zu wenig genutzte Kelly Riley als Watsons Frau großes Lob erhielt.
    Noomi Rapace finde ich anfangs wirklich super in ihrer Rolle, sie verleiht ihrer Figur eine eigene Aura und mehrere Schichten, aber im Laufe des Films verliert Ritchie sie aus dem Fokus und sie wird fast schon zum Ballast.

    Tonal ist Spiel im Schatten düsterer und ambitionierter. Natürlich behält Ritchie die komödiantische Note bei, aber während der Vorläufer nahezu durchgehend vergnüglich-schräg war, konzentriert die Fortsetzung den Humor auf bestimmte Sequenzen. Die Dynamik zwischen Holmes und Watson, alles mit Stephen Frys Mycroft und Sherlocks Reitkünste sind extrem komisch, dafür dreht Ritchie dazwischen die Spannungsschraube umso heftiger an.

    Ob nun Teil 1 oder Teil 2 besser ist? Also, wer lieber einen konsistenen Tonfall bevorzugt, statt einen häufigen (aber stets flüssigen) Übergang zwischen viktorianischem Polit-Actionthriller und exzentrischer Komödie, wird den ersten bevorzugen. Wer statt eines eher unspektakulären, aber charmanten Whodunit? ein groß angelegtes Katz-und-Mausspiel sehen möchte, wird wohl Teil 2 bevorzugen.

    Ich würde wohl sagen, dass mir Sherlock Holmes 2 wesentlich besser gefällt. Als ich das Original sah, dachte ich bei Beginn des Abspanns "Ich brauch den Soundtrack!". Bei diesem Film dachte ich "Ich will so schnell wie möglich die DVD! Und ich brauch den Soundtrack!" Denn Hans Zimmer hat mal wieder einen genialen, komplexen und eingängig-exzentrischen Score geschaffen. Etwas düsterer als der Vorgänger, aber noch immer voller spaßiger Einlagen wie der sehr Country-Western-mäßigen Begleitmusik zur Verfolgungsjagd während Watsons Junggesellenabschied.

    So, und ab nun betreten wir SPOILER-TERRITORIUM!

    Spoilerfrei geht's in meiner anderen Kritik zum Film weiter!

    Letzte Warnung! Es geht um den Schluss des Films!




    Sobald der Wasserfall gezeigt wird, der direkt neben dem Veranstaltungsort des Friedensgipfels liegt, ahnte ich natürlich, in welche Richtung der Film gehen wird. Fand doch auch der literarische Sherlock im Kampf mit Moriarty an einem Wasserfall sein nasses Ende. Und so kommt es auch. Man sieht Holmes' Beerdigung, Watson gibt eine rührende Schlusserzählung. Wirklich gelungen. Aber dann nimmt der Film eine klare Wende.

    Den Film-Holmes endgültig sterben zu lassen, wäre eine sehr mutige Entscheidung gewesen, und ich hätte dem Film meinen vollsten Respekt dafür erteilt. Als Watson dann ein Paket erhält, in dem sich ein Sauerstoffgerät befindet, musste ich entnervt mit den Augen rollen. "Ach Mist. War ja klar ..."

    Den Tod der Hauptfigur in den letzten Minuten "rückgängig" zu machen ist lahm und überreizt. Dann allerdings sehen wir Holmes, der als Sessel verkleidet Watson beobachtete. Das ist schonmal ein netter Rückgriff auf einen Gag zu Beginn des Films und schiebt diese Enthüllung ins Skurrile. So konnte ich mich schon etwas besser mit dem "Twist" anfreunden. Und, wow, die Zuschauerreaktion darauf ist einfach köstlich.

    Dann liest Holmes aber mit verschmitztem Lächeln die ihn lobenden letzten Worte von Watsons Buch über seine Erlebnisse mit diesem Meisterdetektiv. Keck fügt er dem "The End" ein Fragezeichen hinzu und Hans Zimmer schmeißt und wuchtig und energiegeladen aus dem Film raus.

    Das finde ich erstens nicht nur perfekt abgestimmt, sondern insgesamt sehr clever. Einerseits halt der Rückgriff auf Holmes' alberne "urbane Camouflage", dann aber auch die ganze Aktion. Dass sich Guy Ritchies und Robert Downey juniors Sherlock Holmes irgendwo in Europa versteckt und Watson als kleinen Handwink das Sauerstoffgerät schickt, finde ich als Ende so lala. Dass er, wie Watson vermutet, als Postbote verkleidet auch noch selbst das Paket überreicht, wäre mir zu viel. Dass Holmes aber voraussichtlich gedenkt, sein Wort zu halten ("Watson, das ist unser letztes Abenteuer!"), jedoch so selbstverliebt und wissbegierig ist, dass er unbedingt noch Watsons Aufzeichnungen lesen will, das ist meiner Ansicht nach ein ungeheuerlich schlüssiger Einfall der Autoren. Es passt perfekt zu dieser Figur. Doch wann und wie will er Watsons letzten, geschriebenen Worte über Holmes lesen? Na, was wäre für Holmes selbstverständlicher, als voll und ganz von seiner Tarnkleidung überzeugt ins Büro zu steigen, Watson mit dem rätselhaften Paket abzulenken, und sich dann im richtigen Moment etwas Selbstbestätigung abzuholen?!

    Dass er ein Fragezeichen ins Manuskript tippt und Watson so einen weiteren Hinweis gibt, nun, das ist in erster Linie der Rausschmeißer-Joke. Aber da Sherlock nun eh schon den Gedanken streute, er hätte überlebt, dann kann er ja wohl auch noch selbst das Ende in die Hand nehmen. Sprichwörtlich, wortwörtlich und metatextuell. Er behält (ein wenig überheblich, wenngleich mit einem Augenzwinkern) das letzte Wort, lässt Watson wissen, dass er es ist, der ihm sagt, wann Schluss mit den Abenteuern ist. Er gab ihm zwar sein Versprechen, aber man kann sich nie sicher sein, wann die Welt die Kooperation zwischen Watson und Holmes ein weiteres Mal benötigen wird. Also schnell in Watsons Aufzeichnungen rumgefpuscht und dann (im Off des Films) aus dem Büro geschlichen. Bis zu Teil 3. Eventuell.

    Es ist als Ende bei weitem nicht so mutig, wie ein endgültiger Sturz in den Tod. Dieser Schluss wäre aber auch vom Schock getragen, dass Holmes dahinschied und dieses eine Mal nicht weit genug vorausdachte.

    Das tatsächliche Ende dieses Films verzichtet auf den dramatischen Nachhall, augenscheinlich allein, um sich einem dritten Teil zu öffnen und das Publikum mit oberflächlicher, guter Laune zu bespaßen. Aber aus den obig erläuterten Gründen ist es auf der charakterlichenen Ebene deutlich cleverer und sinniger. Wie ich finde. Und es ist obendrein handwerklich perfekt umgesetzt und kein faules, rangeklatschtes Happy End, wie es uns etwa so manche schlechtere Disney-Filme verkaufen wollen.

    Obendrein: Welch Narr war ich, zu denken, dass der Film-Holmes ein ultimatives Ende findet, das seiner Vorlage schließlich auch nicht beschieden war ...

    Siehe auch: 

    Der Gott des Gemetzels, Hans Zimmer und Theaterschluss

    Ein Artikel, der nirgends hinführt
    Enthält Spoiler zu Der Gott des Gemetzels und Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten
    (sowie Einschätzungen der tonalen Natur der Schlussszenen von Fluch der Karibik 1 & 2, Inception und The Dark Knight, aber nichts von inhaltlicher Natur)

    Ich habe letztens endlich Der Gott des Gemetzels sehen können, und ich sollte definitiv eine Filmkritik über Roman Polanskis herrlich irrwitziges Kammerstück verfassen. Da ich nun jedoch auch in den Genuss kam, Sherlock Holmes: Spiel im Schatten in einem sehr gut gefüllten Kinosaal zu genießen, brennt mir zunächst dieses Thema hier mehr auf den Nägeln ...

    Die Theaterverfilmung Der Gott des Gemetzels, das möchte ich bereits meiner Kritik vorwegnehmen, hat mir sehr gut gefallen. Was mich jedoch ein wenig störte, oder besser gesagt meinem Genuss des Films einen holprigen Abbruch versetzte, war der Schluss. Nun, um jene einzuweihen, die Gott des Gemetzels nicht gesehen haben, und trotzdem meinen, diesen Artikel lesen zu müssen: Der Film handelt von zwei streitenden Ehepaaren. Anfangs kamen sie zusammen, um über eine Prügelei ihrer elfjährigen Söhne zu verhandeln, doch diese Diskussion ufert maßlos aus. Eine solche Geschichte, noch dazu wenn sie als Filmkomödie erzählt wird, bietet sich meiner Auffassung nach für folgende zwei Abschlüsse an: Entweder der Streit wird gelöst (was narrativ sicherlich schwer einzufädeln ist und vielleicht auch abgelutscht harmonisch sein könnte) oder als Autor/Regisseur endet man mit einem großen, knalligen Schlussgag. So kann man dem Kinopublikum Sand in die Augen streuen, es wohl unterhalten mit dem Abspann nach Hause schicken, bevor es merkt, dass der Konflikt noch immer nicht gelöst ist und es kein inhaltliches Ende erhalten hat.

    Gott des Gemetzels macht keins von beidem, sondern wählt eine dritte Option: Mit einem sehr leisen Lacher plätschert er einfach in den Abspann hinein. Ein kleiner Gag (ein unerwartetes, verteufeltes Handyklingeln), Abblende, Schluss.
    Vielleicht liegt es an mir, eventuell bin ich noch von meinem Germanistikstudium geschädigt, keine Ahnung. Jedenfalls war ich in der einen Sekunde noch voll im Film drin und grinste bis über beide Ohren, aber in der anderen Sekunde, in der das Bild zu Schwarz überging, sagte ich nur noch halblaut zu mir selbst: "Pfff ... Theaterende!"

    Gut möglich, dass ich mir irgendetwas einbilde, oder einfach nur in die falschen Stücke ging. Aber ich finde durchaus, dass die Mehrheit moderner Theaterstücke (insbesondere moderner Komödien) exakt so enden. Das Stück ist mehr oder minder noch im vollen Gange, die Situation noch nicht vollends gelöst. Es folgt ein kleiner Gag und *wusch* der Vorhang fällt zu. Oder die Bühnenlichter gehen aus. Ende.

    Ich kenne Gott des Gemetzels bisher nur als Kinofilm, und wenn ich mir jemals das Theaterstück ansehen sollte, kann ich meine These natürlich nicht überprüfen, da ich die Handlung ja bereits kenne. Trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, dass mich dieses Ausplätschern am Schluss im Theater überhaupt nicht gestört hätte, während es einer der raren Kritikpunkte ist, die ich an der Filmversion habe.

    Nun, wieso das denn? Ich vermute recht stark, dass es eine medial bedingte Sache ist. Denn auch wenn ein Kinofilm und ein Theaterstück rein strukturell und narrativ einiges gemeinsam haben können, so sind es noch immer unterschiedliche, narrative Kunstformen. Mit ihren eigenen Gepflogenheiten und Ansprüchen.
    Ein Theaterstück verlangt üblicherweise von seinem Publikum wesentlich stärkere Eigenleistungen hinsichtlich der Kreierung der Illusion. Die Kinofassung von Gott des Gemetzels spielt in einem Wohnzimmer, das, so wie die Kamera es uns zeigt, auch vollständig zu sein scheint. Im Theater existieren maximal drei von vier Wänden, und auch dann sind wir nicht "mittendrin", sondern sitzen als Zuschauer in einem Saal, wo wir auf die Bühne herabblicken. Nun lässt sich natürlich argumentieren, dass der Film mit seiner Schnittarbeit und wechselnden Kamerawinkeln ja viel irrealer ist, bloß empfindet das Publikum dem nicht so, und aus dieser Perspektive heraus arbeiten viele Filme auch (es sei denn sie arbeiten mit Illusionsbrechungen).

    Bevor ich mich nun völlig in meinen Argumenten stranguliere: Theaterstücke sind eher mit der Grundvoraussetzung im Hinterkopf geschrieben, dass das Publikum immer wieder Mal für einen kurzen Moment innerlich einen Schritt zurückgeht, um das Geschehen zu reflektieren. Und/oder sich der Künstlichkeit des Aufgeführten bewusst zu werden. Und letzten Endes ist auch, so banal das nun auch klingen mag, die Rezeptionssituation eine andere, als im Kino. Das drumherum, das Kernpublikum, und so weiter.

    Nun möchte ich keineswegs sagen, dass das Theater die anspruchsvollere Kunstform ist. Selbst wenn es üblicherweise so gehandhabt wird, insbesondere in politischen Diskussionen. Ich bleibe fest bei meiner Meinung, dass Literatur, Theater und Kino einander ebenbürtig sind. Keine Kunst ist per se besser als die andere, und welche dieser Künste jemand als die ihm am nähsten liegende auserwählt, ist nicht vom Intellekt sondern vom persönlichen Gusto abhängig. Dass sich der Film eher um eine den Betrachter gänzlich aufsaugende Wirkung bemüht und den Denkprozess stärker als das Theater auf einen späteren Zeitpunkt verlagert, ist nicht "weniger wert", sondern einfach nur "anders". (Und natürlich muss ich gerade generalisieren ...)

    Um aber zum Ende von Gott des Gemetzels zurückzukommen: Ich breche die ganze Theaterkunst zwar gerade auf wenige Sekunden herunter, doch ich muss ja irgendwie meinen Gedanken vermitteln, und ich ahne aus folgenden Gründen, wieso ein ins Nichts plätscherndes Ende im Theater fünktioniert. Da haben wir unsere vier Protagonisten und eine ausweglose Situation. Ein kleiner Gag, wahrlich kein Brüller, sorgt für amüsiertes Grinsen und etwaiges Gekicher, als die Lichter ausgehen. Das Kichern geht nahtlos in den Schlussapplaus über. Unser exemplarischer Theatergänger lehnt sich zu seiner Begleitung rüber: "Darsteller X war richtig toll, oder?", grübelt ein wenig über die Schlussaussage nach, applaudiert weiter, das Licht geht wieder an, das Ensemble verneigt sich, weiteres Getuschel mit der Begleitung, langsames Hinausschreiten gen Lobby. Gute Laune, man hat direkt ein Gesprächsthema, schlufft zur Garderobe ...

    Ja, das ist eine generalisierte, vielleicht sogar romantisierte Darstellung des Theaterbesuchs. Aber ihr solltet meinen Gedanken fassen können. Hoffe ich zumindest. Ein echter Kracher zum Schluss, ein Mordsbrüller, würde hier stören. Wir befinden uns ja jetzt nicht in einem Musical wie Der König der Löwen, wo alles mit dem Crescendo von Der ewige Kreis in Gänsehaut und Emotionsüberschuss endet, sondern in einer modernen, satirischen Theaterkomödie. Ein richtig knalliger Schlussgag und dann plötzlich finito, das kann, wenn man es falsch schreibt oder nicht mit dem perfekten Timing spielt, irgendwie irritierend wirken. Findet ihr das nicht auch?

    So, nun übertragen wir das 1:1 ins Kino, und durch die leicht veränderte Publikumssituation geht uns die rundum gelungene Wirkung des kleinlauten Schluss-Witzleins irgendwie verloren. Die Handlung steckt ausweglos fest, man hätte den Film entweder schon vor fünf Minuten enden lassen können oder ihn noch ewig weiterspinnen. Eine winzige Pointe, die ein paar, kurze, kaum hörbare Schmunzler rauskitzeln. Schwarzblende, Abspann. Jacken-Gekrame hier, ratloses auf die das Bild entlanglaufenden Namen Gestarre dort, ein flüsterndes Gespräch über den Filminhalt da. Hm ...

    (Übrigens: Nicht, dass ich blind dem Theaterstück nun den Vorzug geben will, Polanski hat das filmische Medium gut genutzt und ich bin mir sicher, bei einem Vergleich genügend Punkte zu finden, wo ich die Leinwandadaption wieder gelungener finde. Und wenn der metzelnde Gott den Weg in meine Nähe findet, werd ich's bei Gelegenheit sicher gerne rausfinden. Aber das Artikelthema hier drängt mich halt gerade dazu, mich an dieser winzigen Kleinigkeit von

    Gott des Gemetzels ist eine sehr unterhaltsame Komödie, ich habe sie wirklich genossen. Der Film (beziehungsweise seine Vorlage) enthält auch gesellschaftskritische, dramatische Untertöne, nichtsdestoweniger will er sein Publikum aber auch bei Laune halten. Ich sehe mich mit diesem Ende unterhalten aus dem Theater schreiten. So gings mir jedenfalls bereits oft genug. Der Kinofilm hat mich natürlich auch grandios unterhalten, ich bereue nicht einen Cent, den ich in die Kinokarte investiert habe. Allerdings war ich für ein paar Sekunden lang eben nicht auf höchstemn Niveau amüsiert, sondern fiel in meine Kritiker- oder Literaturwissenschaftsrolle und dachte mir halt "Mrmblpf! Also, dieses Ende ... Naja .... Pfff, passt schon!" Womöglich hätte es schon gereicht, das finale Handyklingeln mehr zu "zelebrieren", es also stärker in Szene zu setzen. Oder ein "Smash Cut" statt einer Abblende, dazu vielleicht ein dieses Klingeln als Schlussgag unterstreichender Soundeffekt ... Wäre das schon eine Verbesserung gewesen?

    Tja, was hat das alles ausgerechnet mit Sherlock Holmes 2 zu tun?
    Dazu muss ich Sachen vergleichen, die es eigentlich nicht zu vergleichen gilt.

    Was mich am ersten Sherlock Holmes am meisten störte, war das Ende. Fall geklärt, in aller Gelassenheit die letzten Fäden zusammenbringen, gewissermaßen "die Tage danach" zeigen. Holmes arbeitet gedanklich bereits an seinem nächsten Fall, findet Anlass, sein Vorhaben nach außen zu tragen. Wir stecken praktisch schon in den ersten Minuten einer möglichen Fortsetzung, und mit einem Mal transformiert sich die Szene in den Bleistiftskizzen nachahmenden Abspann. Hans Zimmers Musik dreht langsam hoch, und ich sitze als Zuschauer ein wenig verworren vor dem Film: "Äh, ja, wie, und damit hörst du nun auf? Dir war einer der Gags vor drei Minuten nicht gut genug, und du willst auch nicht lieber noch zwei Minuten weiter gehen, um uns mit einem Pseudo-Plottwist oder Cliffhanger gespannt zurückzulassen? Du ... hörst einfach so auf?"

    Für einen so in sich stimmigen und energetischen Film wie Guy Ritchies Sherlock Holmes ist das meiner Meinung nach ein ziemlich lahmer Schluss. Die Fortsetzung dagegen findet ein deutlich besseres, cineastischeres Ende. Oder sollte ich besser sagen "popcornigeres Ende", weil "cineastisch" ausschließlich für's Arthouse reserviert ist? Nun gut, nennen wir es ein "filmischeres Ende"!

    Ein dramatischer Abschluss von Sherlock Holmes größten Fall. Still sehen wir "die Wochen danach". Dr. Watson findet die perfekten, alles abrundenden, auch rührenden letzten Worte. Ein mysteriöses Päckchen lässt vage eine Wende vermuten, als der Film clever und lebendig zu seiner Quirligkeit zurückfindet. Und mit einem perfekten Timing hämmert uns ein Fragezeichen einen cleveren Schlussgag entgegen. Exakt in der Sekunde, in der Hans Zimmers wuchtiger, exzentrisch-spaßiger Score den Abspann einleitet. Ein saftiges Grinsen erfüllt das Kinopublikum und flotte, die Atmosphäre des Films einfangende, allerdings etwas besser gelaunte, tänzelnde Musik erklingt. Welch ein Ende für einen gelungenen Kinogang.

    Das haben Hans Zimmer (und seine Komponistenzöglinge) sowieso hervorragend drauf. Das Ende von Fluch der Karibik etwa: Es verleiht dem Film nicht noch zusätzliche Substanz oder schenkte der Filmgeschichte mit irgendeiner künstlerisch wertvollen, ästhetischen Breitbildaufnahme ein lyrisches Bild. Und trotzdem halte ich es aufgrund der Darstellung, der Regie und der Musik für eine der besten Schlusssequenzen. Punkt. Ich könnte nun mit Einschränkungen ankommen, etwa "seit der Jahrtausendwende" oder so. Aber nö: Eine letzte, geniale gesprochene Zeile von Johnny Depp, ein wenig Abenteuerlust schürender Singsang und mit dem Zuklappen eines Kompass und zeitlich perfekt abgestimmten Musikeinsatz geht der Film mit einem Hochgefühl in den Abspann hinüber. Auch Teil 2 hätte es nicht besser machen können. Hier gehen die Macher der Pirates of the Caribbean-Reihe die bewährte Cliffhanger-Route. Nun, ein Cliffhanger ist auch immer gut, um die Zuschauer an den Rand ihres Kinosessels zu locken, aber sie können auch frustrierend sein. Ein "Och, Möööööönsch, ich will wissen wie's weitergeht!" hervorrufen.

    Die Truhe des Todes (ja, ich bleibe nun penetrant dabei, Fluch der Karibik 2 so zu nennen) endet mit einem dicken Cliffhanger, auf Papier mit einem richtig fiesen noch dazu. Darstellung und Gore Verbinskis atmosphärisch so herrlich wandelbare Inszenierung präsentieren den Cliffhanger allerdings so, dass er die Fans mit einem hämischen Grinsen zurücklässt. Während all dem schwillt die Musik an und genau im richtigen Bruchteil eines Moments kickt das imposante Stück He's a Pirate in den höchsten Gang. Natürlich inklusive Umschnitt zum Abspann. Einen Hauch früher, und man hätte sein eigenes Schlussgrinsen nicht vollauf genießen können, etwas länger, und es würde wie ein urtypischer Cliffhanger aussehen, den man fälschlischerweise angelacht hat.

    Oh, und selbstredend sind auch die Schlusssequenzen von Inception und The Dark Knight über nahezu jeden Zweifel erhaben. Ebenfalls nicht zuletzt aufgrund von Hans Zimmers Musik. Zimmer und Christopher Nolan haben es bei Inception geschafft, das Publikum über seine eigene Erwartungshaltung lachen zu lassen (was wieder einmal für das Kino und gegen Heimkino oder gar illegale Alternativen spricht, denn nur in einem gut gefüllten Saal hat man den perfekten Klang der kollektiven Emotion). The Dark Knight hingegen bauscht und bauscht und bauscht dieses ambivaltene, tendentiös triumphale, aber definitiv ehrfürchtige Gefühl auf, und dann rauscht der Abspann herbei. Meine Reaktion bei den ersten paar Sichtungen: Ein von Gänsehaut begleitetes "Wow!"

    Jetzt will ich natürlich keinesfalls sagen, dass jeder Film mit einer bombastischen Hans-Zimmer-Abspannsuite enden sollte. Wobei es wirklich einige Filme gibt, die schon allein dadurch einiges an Pluspunkte sammeln würden (etwa Tim Burtons Alice im Wunderland, Prince of Persia - Der Sand der Zeit, Küss den Frosch, Rapunzel oder Titanic). Und selbstredend gibt es Filme, in denen ein unkaschiertes, offenes Ende besser funktioniert, als ein Ende mit einem Knall. Sei es nun Schlussgag, Schlusstusch oder ein emotionales Schlusszitat.

    Trotzdem wollte das einfach diskutiert sein.

    *WUMMS*
    *Laute Musik von Hans Zimmer spielt*
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