Donnerstag, 5. Januar 2012

Das feine Wiederaufflammen der verzweifelten Hausfrauen

Das ... ist ... SPARTA! Äh, was hat die Staffel eigentlich damit zu tun?

Erst vor kurzem *hust* *hust* habe ich an dieser Stelle die fünfte Staffel von Desperate Housewives besprochen, und mich enorm über das Ende aufgeregt. Das soapige Mike-Susan-Katherine-Liebesdreieck und das durchschaubarste, unglaubwürdigste und überzogenste Staffelgeheimnis in der Geschichte dieser Serie ließen mich sogar daran zweifeln, ob ich Desperate Housewives überhaupt weiter verfolgen sollte.

Wir erinnern uns: Am Ende von Staffel Fünf haben die Autoren den groß aufgebauschten Zeitsprung in der Narrative kaum ausgenutzt und hielten es zudem für eine gute Idee anzudeuten, dass die totgefahrene (*höhö, höhö*) Beziehung zwischen Mike und Susan wieder aufflammen könnte. Aufgrund dessen, dass mich diese Storyline bereits ungeheuerlich nervte, tat ich zwischen der deutschen Ausstrahlung der fünften und der sechsten Staffel das, was ich normalerweise abscheue: Ich habe mich gespoilert.

Ich rief den Artikel zur Serie in der englischen Wikipedia auf und las mir die ersten paar Absätze zur sechsten Staffel durch, um zu erfahren, ob Mike und Susan wieder heiraten und welche Storyfäden sich in den ersten Episoden entwickeln. Ich suchte nicht nach Auflösungen (vom Staffel-Fünf-Cliffhanger abgesehen), sondern nach Gründen, noch einzuschalten. Denn ich wusste: Wenn ich unwissend in die Staffel-Sechs-Premiere einschalte und Mikes und Susans ätzende (und die Serie runterziehende) Ehe erneuert wird, werde ich wutschnaubend abschalten und meinem Interesse an der Serie den Todesstoß geben.

Manchmal rauchen Fans das falsche Kraut
Natürlich kam es so, wie ich es befürchtete: Mike und Susan heiraten und die charakterlich wesentlich interessantere und noch immer Raum für unterhaltsame Geschichten bietende Katherine wurde ins Aus befördert. Da ich es auf Wikipedia las und bis zur Ausstrahlung Zeit hatte, mich mit dem Gedanken abzufinden und mich obendrein einige der anderen Storys reizten, schaltete ich weiterhin ein. Aber die ganze Susan-Sache war trotzdem sehr schwach. Im Laufe der sechsten Staffel wird zwei oder drei Mal angedeutet, dass sie etwas mit dem Staffelgeheimnis zu tun hat (etwa, dass sie es auflösen wird), was glücklicherweise nicht eintraf. Denn der Keks wurde bereits mehrmals in der Serie gekrümelt. Gegen Ende von Staffel 6 kriselt es dann erneut in der Beziehung von Mike und Susan (!!!), dieses Mal aufgrund von Geldproblemen. Wenn ihr mich fragt: Verschwendete Serienzeit, die für neue, witzigere oder spannendere Geschichten hätte genutzt werden können.

Susans glorreicher Moment in Staffel 6 ist die Episode 6x12 Alles Fassade, in der sie einen Stripclub erbt. Es wird zwar auch ein weiteres Mal als Plateau für kleine, eheliche Streitereien des Ehepaars Delfino genutzt, jedoch ist Tollpatsch Susan als ungewollte Beinahe-Puffmutter auch für so manche köstliche Momente zu gebrauchen. Dennoch: Nach rund einer halben Staffel pendelte sich bei Mike und Susan alles wieder in dem Bereich ein, der überhaupt Anlass genug war, die beiden zu Beginn von Staffel 5 zu trennen. Das stete Drücken des Reset-Knopfes in dieser Beziehung macht Susans Storylines in den späteren Desperate Housewives-Jahren zur Geduldsprobe.

Weshalb die Susan-Segmente anfangs überhaupt erträglich waren, ist Dana Delany zu verdanken, die in den ersten Episoden der Staffel eine furiose Leistung als sich dem Wahnsinn nähernde Katherine abliefert. Von der Zurückweisung Mikes zutiefst verletzt, scherzt sie anfangs gegenüber ihren Nachbarn und Freundinnen, dass es ja so schlimm nicht gewesen sei. Mit der Zeit verliert sie sich aber in der Verleugung ihrer Probleme und streut miese Gerüchte, um Susans Vertrauen in Mike zu zerstören. Außerdem versucht sie durch eine dicke Beziehung zu Mikes und Susans Sohn die Bande zu Mike aufrecht zu erhalten. Als sie erneut zurückgewiesen wird, erleidet sie einen Nervenzusammenbruch. Delany spielt all dies mit einem bitteren Witz und emotionaler Überzeugung, was die Szenen mit Katherine, trotz mancher Melodramatik seitens der Drehbuchautoren zu den Highlights der sechsten Staffel macht.

Zur Mitte der Staffel zeigen sich die Autoren allerdings wieder von ihrer lächerlichen Seite: Binnen kürzester Zeit wird Katherine all ihrem Wahn zum Trotz wieder in der Wisteria Lane akzeptiert (eine haarsträubende Reintegration der Figur), woraufhin die Serienmacher gar nicht mehr wissen, was sie mit ihr tun sollen. Nach eher lieblosen Reinterpretationen Katherines verlässt Delany die Serie für die identitätsarme Krimiserie Body of Proof.

All das hätte anders kommen können. Und vielleicht auch sollen. Marc Cherry verriet, dass er ursprünglich Katherine an Mikes Seite enden lassen und Susan in den Wahn treiben wollte. So wäre uns nach dem "Katherine wird verrückt"-Subplot die ewiggleiche Mike-und-Susan-sind-ein-super-Paar-aber-auch-kompliziert-Leier erspart geblieben. Zudem wäre ein Zusammenbruch Susans nach den langen gemeinsamen Jahren und dem zusammen erlittenen Mordversuch im Finale von Staffel 5 auch gemeinhin etwas glaubwürdiger gewesen. Wir hätten so Delanys intensives Spiel versäumt, jedoch denke ich, dass Teri Hatcher ebenfalls eine gute Wahnsinnige darbieten kann. Auf langer Sicht wären die vertauschten Rollen definitiv ein Gewinn für Desperate Housewives gewesen. Wieso es nicht dazu kam? Cherry bekam Angst vor einer Fanrevolte, da Fans in der Staffelpause ziemlich klar verlautbarten, dass sie unbedingt Mike und Susan wiedervereint sehen wollten. Fans können manchmal so falsch liegen ...

Bree in neuen Händen
Richtig gelungen finde ich den ersten Handlungsbogen mit Bree in der sechsten Staffel. Hinter Orsons Rücken führt sie eine Liasion mit Susans schmierigem Ex Karl, und die Gegensätzlichkeiten zwischen ihnen bringen wieder das konservativste und verklemmteste in Bree zum Vorschein. Zu den vielen köstlichen Situationen gehört etwa Brees konstantes Verweigern, mit Karl in einer billigen Absteige zu schlafen, weil diese viel zu eklig seien. Letztlich bringt sie ihr eigenes Bettzeug mit - genial. Das Spiel, Orson im Unwissen zu lassen, lässt den sympatischen, armen Mann manchmal zu sehr in einem mitleidserregenden Licht dastehen, was die Autoren damit zu kompensieren versuchen, das Arschloch in ihm wieder rauszukitzeln, als welches er vor einigen Staffeln eingeführt wurde. Das sind für mich schwächere, klar von der Drehbuchfee konstruierte Momente, allerdings bekommt Orson auch wieder genügend Sprüche in den Mund gelegt, die mich damit versöhnen können.

Manche mögen vielleicht anbringen, dass dieser Plot ein Grund ist, der dafür spricht, Susan nicht zur Irren zu machen (sondern Catherine). Aber für mich zeigt diese Story noch mehr, weshalb es besser gewesen wäre, beim eigentlichen Plan zu bleiben. Susans große Liebe Mike in den Händen ihrer einstigen besten Freundin und ihr scheußlicher Ex-Mann Karl in den Händen ihrer derzeitigen, treuen Freundin Bree? Das ist doch zum verrückt werden! Stattdessen hält man nun diese Affäre lange vor Susan geheim, und als es so weit ist, zickt sie nur kurz, um dann unspektakulär ihr Okay abzugeben. Vergeudetes Potential! (Ja, man merkt, ich hab's echt mit Susan ...)

Model im Schatten
Ohne die Zeit, die Gabrielle Solis zu sehen ist, wirklich gestoppt zu haben, machen ihre Storylines zu Beginn der Staffel den Anschein, dass Eva Longorias Rolle etwas gedrosselt wurde. Und das durchaus zu ihrem Gunsten, denn auch wenn sie in dieser Phase nicht die stärksten Geschichten hat, so sind diese sehr unterhaltsam. Ein konstantes Thema gibt's insofern nicht, als dass der zum Schluss der fünften angedeutete Faden mit einer durchtriebenen Nichte nicht wirklich fruchtet. Hier kann man sich wohl bei den Fans bedanken: Die Familien zerstörende "Adoptivtochter" hatten wir schon, weshalb Gabys Nichte weniger stark ins Zentrum gerückt wird und auch nicht ganz das boshafte Biest darstellt, sondern eher "Gaby junior". Das oberflächliche, Männer um den Finger wickelnde Ex-Model mit einer ihr sehr ähnlichen, jüngeren Figur interagieren zu sehen, die sie zu erziehen hat, funktioniert gut. Zumal diese Idee nicht überreizt wird, sehen wir einige Episoden später doch viel eher, wie Gaby ihre Tochter zu unterrichten versucht, nachdem sie wegen unsittlicher Sprache von der Schule flog. Nichts sensationelles, aber meistens pointiert geschrieben und Teil eines kurzen, aber starken Aufschwungs von Desperate Housewives in der sechsten Staffel.

Schon wieder schwanger
Als sich abzeichnete, dass Lynette in Staffel 6 erneut schwanger sein wird, befürchtete ich zunächst das schlimmste. Lynette und Schwangerschaftsdramatik klang mir weder originell, noch roch es nach sonderlich vergnüglichen Fernsehstunden, sondern viel mehr nach "die nachvollziehbar gefrustete, allerdings unamüsant meckernde Lynette ist zurück". Obwohl es in der ersten Phase der Staffel immer wieder kleinere, dramatische Momente mit der entnervten Mutter gab, ging man für diese Storyline zunächst einen blödelnden, komödiantischeren Weg. Das gab's schon länger nicht mehr für Lynette und Tom und war mir somit willkommen. Erst versucht Lynette ihre Schwangerschaft vor ihren Kindern geheim zu halten, und danach vor ihrem Arbeitgeber Carlos, der zu einem Zeitpunkt sogar auf den Gedanken kommt, Lynette hätte sich die Brüste vergrößern lassen. Da Felicity Huffman Comedy genauso gut kann wie Drama, und ich es mag, wenn seltenere Figurenkonstellationen ausgespielt werden, wie nunmal Lynette/Carlos (was zuvor in den raren Momenten, in denen es vorkam, toll funktionierte), sagte mir diese Storyline sehr zu.
Auch die dramatische Wende, sobald es aufgrund Lynettes Lügerei zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen kommt, ist schlüssig, wird plausibel umgesetzt und lässt den Zuschauer zwischen beiden Fronten stehen.

Etwas schwächer gefiel mir Toms Rückkehr zum College. Es ist ein etwas uninspirierter Versuch der Autoren, wieder eine "Tom will was, das Lynette nicht will"-Handlung aufzubauen. Allerdings gibt es auch einige ehrliche Momente, etwa wenn Tom erkennen lässt, nicht nur seine Jugend nachholen zu wollen, oder wenn er zugeben muss, bei den Prüfungen Probleme zu haben. Das Zusammenspiel von Huffman und Doug Savant hebt die "so lala"-Storyline auf ein grundsolides Niveau. Und dass Desperate Housewives nach der verkorksten fünften Staffel wieder grundsolide sein kann, hätte ich nicht mehr gedacht.


Der große Krach
Wir auch in den Jahren zuvor verbinden sich (fast) alle Storylines der ersten Staffelhälfte in einer großen Katastrophenfolge, die alles verändert. Das mag zwar eine offensichtliche und somit durchschaubare Tradition sein, wie alles ausgeht, ist allerdings überraschend. Zudem hält dieser Richtungswechsel zur Mitte der Staffel die Serie in Bewegung und sorgt für einen zusätzlichen Höhepunkt im Laufe einer Season. Mit dem Flugzeugabsturz über der Wisteria Lane und vorweihnachtlicher Zickerei unter den Hausfrauen ist Der große Krach auch eine deutlich stärkere Highlightepisode, als die sensationsarme Brandfolge in Staffel 5.


Auch wenn der Absturz einer Amateurmaschine über der Wisteria Lane das umworbene Unglück dieser Episode ist, so findet sich im Streit das übergreifende Thema: Lynette und Gaby vermiesen die Weihnachtsstimmung ihrer Freunde, weil sie sich über Lynettes Entlassung und ihre Rechtsklage gegen Carlos streiten. Lee zankt sich mit Bree, weil er gerne einer der singenden Weihnachtsengel wäre (herrlicher Comic Relief), Bree zankt sich mit Carl, weil er die Aufforderung, endlich was romantisches zu tun, ausgerechnet in Form eines "Ich liebe dich, heirate mich" Flugzeugbanners umsetzen muss. Und ein altes Ehepaar zankt sich so sehr, dass er, ein Hobbypilot, am Steuer seines kleinen Flugzeugs einen Herzinfarkt bekommt ...

Sämtliche Storylines sind sehr plausibel, und dennoch humorig überspitzt umgesetzt. Die Darsteller sind wieder in Hochform und für den richtig dramatischen Einschuss sorgen der Cliffhanger nach dem Flugzeugabsturz, ein kindisch anfangender und dann brutal werdender Kampf zwischen Orson und Karl sowie wieder einmal Dana Delany als Katherine. Diese beschuldigt Mike, er habe sie erstechen wollen. Susan ist sich aber sicher, dass Katherine lügt und sich ihre beinahe tödlichen Verletzungen selbst zugefügt hat. Sowohl, wenn sie auf Katherine einzureden versucht, als auch Katherines wahnsinnige Antworten darauf sind mit einer satirischen Note versehen und dramatisch, wie es die Serie lange nicht mehr war. Katherines Gespräch mit Tochter Dylan, das erst die emotionale Methode hinter Katherines Wahn erkennen lässt, und wie sie daraufhin völlig zusammenbricht, ist einer der intensivsten Momente in der Geschichte dieser Serie. Klasse.

Diese Folge wird auch dazu genutzt, um direkt danach eine weitere besondere Episode anschließen zu lassen. Sonst geriet Desperate Housewives nach der Katastrophenfolge in eine Storyfaden-Aufrollnot oder ein dramaturgisches Schlagloch. In der sechsten Staffel hat man den Dreh raus: Sämtliche Hausfrauen nutzen die Schreckensstunden nach dem Absturz und ihre Krankenhausbesuche bzw- -aufenthalte, um über ihr Leben zu reflektieren und sich auszumalen, was wäre, wenn sie eine relevante Entscheidung anders getroffen hätten. So lässt sich Karl in einem neuen Licht, gleichzeitig aber wieder in alter Ekel-Bestform sehen, Gaby in einem übertriebenen, Eva Longoria aber mal wieder was zum schauspielern gebenden Aufguss der "Eine Mutter, die ihre Tochter ins Rampenlicht drängt"-Geschichte erleben und ähnliches. Keine der Geschichten lässt einen die Serienheldinnen komplett unerwartet auftreten oder alles neu überdenken, doch sie alle sind sowohl amüsant, als auch sehr rührend. Insbesondere Komponist Steve Jablonsky darf endlich wieder zeigen, wie sehr er diese Serie tragen kann.

Zwischenfazit: Die sechste Staffel bringt Desperate Housewives nicht wieder ganz auf Topniveau zurück, allerdings gelingt es ihrer ersten Hälfte, meine Zweifel an der Zukunft der Serie in den Wind zu schlagen. Die Autoren ließen sich wieder einiges einfallen, die Figuren fühlen sich wieder wie sie selbst, und nicht abgespeckte Versionen ihres früheren Ichs an. Und dennoch geraten sie in ungewohnte Konstellationen, weshalb die ersten Folgen dieser Staffel mancher Schwächen zum Trotz sehenswert ist. Auch das Staffelgeheimnis birgt mehr Rätsel, als im Vorjahr. Aber dazu im nächsten Housewives-Artikel mehr ...

Anmerkung: Ich weiß, ich hab meine Desperate Housewives-Besprechungen schleifen lassen. Da ProSieben nun die letzte Staffel gestartet hat, werde ich mich endlich zusammenreißen. Schon bald werde ich auf die zweite Hälfte der sechsten Staffel zurückblicken, wo ich leider wieder mehr zum Meckern habe. Voraussichtlich werde ich auch die siebte Staffel in zwei Anläufen besprechen. Wie ich mit Staffel 8 verfahre, überlege ich mir noch.

Siehe auch:

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