Donnerstag, 8. März 2012

Alter: Generation "Unverbunden"

Auf Formspring fragte mich Blackadder etwas sehr spannendes, für das ich aber leider etwas ausholen muss. Oder zum Glück? So habe ich immerhin Grund, hier im Blog wieder etwas zu schwadronieren ...

Die Frage: Ich schaue Polittalkshows, hasse Castingveranstaltungen, finde Paul Mcartney großartig und freue mich darüber, dass Andere schon Nachwuchs bekommen. Woran merkst du, dass du alt wirst?

Die Antwort: Bei mir sind es viel weniger geänderte Gewohnheiten oder sich ein in neue Richtungen entwickelnder Geschmack. Ich erkenne viel eher anhand meiner komplexer werdenden Reflektionen über meine Generation, dass ich älter werde. Was ich als Anlass nehmen möchte, die Antwort auf diese Frage in ein leicht anderes Themengebiet zu lenken. Zusammenhang besteht dennoch, denn beides, mein Bewusstwerden über mein Alter, als auch mein Sinnieren über meine Generation, haben den selben Stein des Anstoßes:

Es muss sich im fünften oder sechsten Semester zugetragen haben, und es ist ein derart lehrbuchtaugliches Beispiel, dass mir niemand glauben möchte, dass es nicht konstruiert ist: Ich besuchte in diesem Halbjahr eine dröge Pflichtvorlesung, in der es keine herausfordernde Prüfung zu bestehen galt und die auch kein mit mir befreundeter Kommilitone absolvierte. Allerdings galt Anwesenheitpflicht, und so fand ich mich wöchentlich zwischen irgendwelchen Gesichtern wieder, von denen mir keins länger als die Dauer einer üblichen Vorlesung im Gedächtnis blieb. Und üblicherweise ließ ich meine Gedanken schweifen, las mitgebrachte Bücher oder Studienmaterial oder versuchte, den interessanten Kern in den Ausführungen des Dozenten zu entdecken.

Nicht aber so an diesem einen Morgen. An diesem fand ich mich letztlich mit der hilflosen Frage konfrontiert: Wie alt bin ich eigentlich?! Im metaphorischen Sinne, selbstredend. Meines wahren Alters bin ich mir bewusst, doch das Alter im biographischen, sozialen oder mentalen Sinne erschien mir schwerer zu greifen als sonst.

Ich saß zwischen zwei mir völlig unbekannten Kommilitoninnen, welche wiederum zu ihrer jeweils anderen Seite eine Freundin hatten, die ihnen während der Vorlesung Gesellschaft leisteten. Zunächst lief es wie immer: Ich schnappte ein paar Gesprächsfetzen auf, entschied, das Gerede langweilig bis nervig zu finden, kümmerte mich um meinen eigenen Kram. Wir fünf, die zwei befreundeten Duos und ich, waren alle im gleichen Alter. Und Stück für Stück bemerkte ich, welche Divergenz zwischen dem Privatleben meiner linken und meiner rechten Sitznachbarin klaffte.

Während der Dozent sich in wiederholten Erklärungen simpler germanistischer Begrifflichkeiten und unverständlichen Entdeckungen seinerseits verlor, kamen die Grazien zu meiner linken auf ihr Wochenende zu sprechen. Meine direkte Sitznachbarin erwiderte das Nachfragen ihrer Freundin schüchtern, peinlich berührt, aber auch aufgeregt kichernd. Sie wurde leiser, nicht aber leise genug: "[Generischer Männer-Vorname, den ich vergessen habe] und ich haben das ganze Wochenende zusammen verbracht und [dieses gemacht, jenes gemacht, *schnatter schnatter*] und dann ... dann ... dann hatten wir zum ersten Mal Sex!" Ihre Freundin reagiert erst mit leicht bemühter Aufmerksamkeit, bis bei ihr der ungläubige Groschen fiel: "Das erste Mal? ... *nachdenk* Für euch, zusammen, oder?" Die Antwort: "Nein, nein! Mein erstes Mal überhaupt!"

Zu meiner Linken wurde ich von dem Moment an mit der Diskussion überschüttet, wie "so ein Kracher" wie meine Sitznachbarin nie zuvor Sex haben konnte, wie ungeheuerlich es doch war, dass ihre Freundin nie von der (nun verschenkten) Jungfräulichkeit erfuhr, wie das Deo von [generischer Männer-Vorname] roch ... Das wollte ich so im Detail alles gar nicht wissen, zumal ich mir immer mehr wie in einer Teenie-Serie vorkam. Also suchte ich nach akustischer Ablenkung, die ich dann zu meiner rechten fand ... Dort packte meine andere Sitznachbarin (vielleicht vom Dozenten gelangweilt oder meinen anderen Sitznachbarinnen genervt) mit ihren eigenen Erlebnissen seit der Vorwoche aus. Und zeigte ihrer Freundin auf dem Laptop Foros von der Einschulung ihrer zweiten Tochter.

Es fällt mir schwer, zu vermitteln, wie befremdlich ich mir währenddessen vorkam. Drei Menschen, ungefähr gleichaltrig, und das Mädel ganz links erzählt von ihrer wenige Tage vorher ereigneten, aufregenden Entjungferung durch einen Kerl, der offenbar so durchschnittlich und charakterarm ist, dass ich nun zwar weiß, dass er Sex hat, ihm aber nicht ein einziges Persönlichkeitsmerkmal zuschreiben könnte. Die Person ganz rechts ist verheiratet, hat zwei Kinder, beide im Schulalter. Und ich in der Mitte. Wie absonderlich. Wie zutreffend. Wie absonderlich zutreffend!

Woran ich also merke, dass ich alt werde? Ich merke es daran, dass ich in einem Alter bin, wo sich die Voraussetzung, dass man mich mit mehreren Gleichaltrigen in eine Sitzreihe packen kann, und wir uns alle an vergleichbaren Punkten in unseren Leben befinden, geringer ist, denn je zuvor. Eines Tages wird sich das wieder angleichen, spätestens dann, wenn wir uns wild mit unseren Krücken fuchtelnd vor einen Ultraflachbildschirm stellen und nach dem Pfleger brüllen, der bitte den 3D-Effekt runterregeln soll. Während draußen ungezogene Jugendliche mit ihren Hoverboards das vierzigstöckige Rentenheim hochrasen.

Im Moment hingegen? Studium, Ausbildung, bereits im Beruf. Verzweifelt, suchend, verzweifelt suchend, überzeugt allein, desinteressiert, nichts dazu sagend, verliebt, verlobt, verheiratet. Schwanger, mit Kind, Kinder hassend, noch im Kinderzimmer lebend. Eigene kleine Wohnung, WG in der Innenstadt, Studentenwohnheim, verheiratet in ansehnlichem Appartement.

Dass sich Leute in einem Alter voller Wendepunkte über so viele mögliche Stati verteilen, ist unvermeidlich. Aber es ist, wie ich es empfinde, nicht nur so, dass ich mich in einem Alter befinde, in dem sich Altersgenossen über die gesamte Bandbreite der biographischen Laufbahn verteilen. Ich finde, dass meine Generation generell einen Hang zur Unverbundenheit hat. Nicht zur Unverbindlichkeit, geschweige denn zu einer mangelnden Vernetzung. Nein, vernetzt sind wir alle, wenn man jemanden erreichen will, erstickt man in einer Auswahl an Möglichkeiten. "Erreich ich den heut besser per PN, SMS, Anruf oder schreib ich lieber eine E-Mail ... ach, nee, ich schreib lieber seine Freundin im ICQ an, das geht schneller!"

Die eigene Generation mit früheren Generationen zu vergleichen, ist ein problematisches Unterfangen, kann man sich ja nur auf mit "Also, zu meiner Zeit ..." eröffnete Erzählungen und (pop)kulturelle Dokumente verlassen, statt auf eigener Beobachtung. Doch so weit ich das festmachen kann, verbindet die Kinder der Spät-Achtiger wirklich um einiges weniger, als andere Jahrgänge. Teilweise liegt es wohl an der zu Ausfransungen führenden Laufbahn in der Ausbildung. Wer nach der Mittelstufe arbeiten gehen will, ist Meister im Handwerksbetrieb seines Heimatdorfs, wenn der aus armen Verhältnissen stammende Studioso in der Zeit der Studiengebühren (mittlerweile zum Glück ja wieder abgeschafft) bei seinen Eltern für die Prüfungen im fünften Semester pauken darf.

Allerdings zerfließt es auch in solchen Bereichen wie den Medien. Was sehr viele, die meinen auf einem gehobenen Niveau über das Fernsehprogramm debattieren zu können, ja missverstehen, ist die Aufgabe des Fernsehens. Wer sich für klug hält (es möglicherweise auch ist), ARD und ZDF einschaltet und keine Kultursendung vorfindet, pocht liebend gerne auf den Kultur- und Bildungsauftrag. Dabei übersehen diese Kritiker allerdings auch die Integrationsfunktion des Fernsehens, die genauso bedeutungsvoll ist. Das Lagerfeuer des späteren 20. und frühen 21. Jahrhunderts sollte die Gesellschaft beisammenhalten – was keineswegs allein durch Verdummungsprogramme erfolgen muss. Unter anderem auch aus diesem Grund bin ich ein eifriger Verteidiger von Unterhaltungssendungen wie Wetten, dass..? oder Schlag den Raab, die so mancher Medienstudent gerne attackiert, um sich beim Dozenten beliebt zu machen (Medien sind zum Bilden da!), nur im rasch auf die Nase zu fallen. Denn solche Showgiganten erzeugen ein Gemeinschaftsgefühl. Sie sind am besten, wenn man sie in der Gruppe schaut und laden am Montag darauf in Schule/Uni/auf der Arbeit zum plappern und "Haste Gottschalk/Raab gesehen?" fragen ein. Gleichwohl sind sie nicht der intellektuelle Bodensatz des Unterhaltungsangebots in Deutschland, da in Wetten, dass..? beispielsweise (mitunter sonderbare) Talente respektvoll, dennoch sehr kurzweilig zur Schau gestellt werden. Während in Schlag den Raab Sport, Spiele und Wissensfragen aller Fasson vorkommen. Klar, kein Bildungsfernsehen, aber noch immer mehr wert als Schwer verliebt.

Das Problem ist jedoch, dass "unsere Generation" in Fernsehfragen noch stärker zersplittert, als ältere Jahrgänge. Und die sind aufgrund der stetig wachsenden Sendervielfalt bereits zerstreuter, als vor zehn, zwölf Jahren. Aber meine Generation? Die einen haben gar keinen Fernseher, die anderen wollen gar keinen Fernseher, die anderen gucken nur Spartenkanäle, die nächsten nur Pay-TV, der andere hat die bleierne RTL-Fernbedienung. Und dazwischen finden sich noch ein paar mit "normalem" Fernsehverhalten, die halt nicht aus Überzeugung irgendwo einen großen Schnitt machen, sondern gucken, was ihnen halt gefällt. Ein Schlag den Raab erzielt bei Kindern der Spätachtziger/Frühfrühneunziger schon eine für heutige Verhältnisse Bindungsfunktion, und ich bin mir trotzdem sicher: Keiner meiner Schlag den Raab-guckenden Blogleser zwischen 20 und 25 Jahren wird mehr als fünf Menschen in seinem sozialen Umfeld haben, die ebenfalls in die Kategorie fallen und mit denen er über diese Show reden kann. Das Medium Fernsehen hat einfach sehr viel an seiner vereinenden Wirkung verloren

Wohl noch deutlicher ist diese Beobachtung in Sachen Musik zu machen. Um einem Artikel, den ich seit Jahren vor mir herschiebe, nicht das Wasser abzugraben, und diesen zugleich noch stärker expandieren zu lassen, werde ich wohl ein wenig generalisieren müssen. Dennoch: In den vergangenen Jahrzehnten gab es doch stets eine, nahezu die gesamte Jugend vereinende Musikrichtung. Manchmal gab es vielleicht auch zwei. Selbstredend war nicht jeder Jugendliche ein Fan des Mainstream-Geschmacks, aber die Chancen waren groß, unter Gleichaltrigen recht flux zahlreiche Anhänger der gleichen Musik zu finden. Wie sieht es aber heute aus? Da gibt es nicht mehr die Jugend-Musikkultur und die Gegenseite. Es gibt einfach alles, und jede Musikkonklave hat ein zwischen leichter Sympathie und schierem Hass schwankendes Bild von allen anderen.

Und versteht mich nicht falsch. Ich begrüße die durch iPod, iTunes und Co. gestiegenen Möglichkeiten zur freieren, individuellen Entfaltung. Mehr Musikvielfalt ist gut, nur bricht darüber auch die vereinende Mitte weg. Was daran liegt, dass der Mainstream vom Musikbusiness totgepflegt wurde - und sich viele auch denken "ich hör nur noch das, was ich will", statt auf Entdeckung zu gehen. Und wie rasant diese Entwicklung vonstatten ging, ist besonders erstaunlich. Wobei da auch wieder das Alter eine Rolle spielen könnte. Eine typische, öffentliche Feier im Jahre 2002 bedeutete noch: Jeder der anwesenden hat seinen eigenen Musikgeschmack, einige hören auch vornehmlich Zeug, das nicht in den Charts ist. Aber es spielten mehr Songs, die alle in Partylaune versetzten, als Kram, der vereinzeltes Augenrollen verursachte. Im Jahr 2005? Da gab's immerhin noch einen langen Block, in denen alle vereint zufrieden mit der Musikauswahl waren. 2009? Es gab immerhin vereinzelte Lieder, in denen das geschah. 2012? Pff, ha ha!
So zieht es sich durch die Popkultur und die Medien. Auch die sozialen Netzwerke sind davon befallen, alle verteilen sich durch das komplette Angebot. Auch wenn Facebook die Mehrheit anspricht, so sind in meiner Generation doch ausreichend Leute über die Konkurrenz verstreut.

Kurzum: Wir sind alle lose über sämtliche Möglichkeiten verteilt. Einen klaren Mittelgrund gibt es nicht. War ich in der eingangs geschilderten Vorlesung nun der Verlierer in meiner Sitzreihe, weil ich nicht aufgeregt von großen, in meinen Privatbereich eindringenden Neuheiten berichten konnte? War ich der Verlierer, weil ich nicht Frau, Kind, Haus und Baum habe, obwohl ich altersmäßig immerhin schon die große Zweinull überschritten habe? War ich der Held unter uns dreien, weil ich nicht wie eine aufgescheuchte Dreizehnjährige aus einem Teenie-Drama klinge, und genauso wenig schon so fest im Leben angekommen bin, dass ich mich in meiner alltäglichen, freien Entfaltung stark zurücknehmen muss - obwohl ich ja gerade einmal dabei bin, das Studium abzuschließen? Ich könnte mich ja nach der Mehrheit richten, um herauszufinden, wie es um mich bestellt ist. Aber welche Mehrheit? Die meisten in meinem Alter würden in der metaphorischen Mitte von "Wow, ich weiß jetzt, wie sich ein Penis anfühlt!" und "Die Klassenlehrerin meines Zweitgeborenen hat mich gesiezt!" sitzen. Das war's dann schon mit der allumfassenden Gemeinsamkeit.

Und, lieber Blackadder ... weil mir sowas auffällt, weiß ich, dass ich älter geworden bin.

2 Kommentare:

Antje hat gesagt…

Großartig! :-)

Lieschen hat gesagt…

Toll!
Und, obwohl ich die große zweinull erst vor anderthalb Jahren überschritten habe: das selbe gilt für mein soziales Umfeld.
Ich kenne keine fünf anderen Menschen, die gerne Schlag den Raab schauen (und das auch zugeben), vor fünf Jahren noch hat mein ganzer Freundeskreis die gleiche Musik wie ich gehört, jetzt bin ich froh, wenn auf Partys meine Kommilitonen zur gleichen Musik zu tanzen bereit sind. Mein bester Freund heiratet im Dezember und mein Mitbewohner wäscht nichtmal seine Wäsche selbst...
Aber ich versuche, diese Entwicklung positiv zu betrachten und danke dir für diesen tollen Text!

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