Dienstag, 31. Januar 2012

Grosse Pointe Blank


Klassentreffen. Geisel der gebildeten Menscheit, oder feierlich willkommener Anlass, vergangene Tage wieder aufleben zu lassen? Zumindest den gelungensten Filmen über dieses Sujet nach zu urteilen, neigen solche Wiedervereinigungen deutlich in die ungewollt traurige und triste Richtung, sind sie doch nahezu geschlossen schwarze Komödien, die sich über das urbane Leben lustig machen und eher die Selbstzweifel, Persönlichkeitskrisen und bei solchen Veranstaltungen aufknospenden Verlierermentalitäten ins Zentrum ihrer Komik rücken. Anstelle der zu zelebrierenden Nostalgie, den ersehnten Treffen alter Bekannter und dem getätigten Fortschritt im eigenen Leben.

Grosse Pointe Blank zeichnet in seinem Subgenre nicht das drögeste Bild einer High-School-Wiedervereinigung, unter anderem mit seinem fantastisch zusammengestellten, nostalgisch verklärten 80er-Indie-Soundtrack feiert auch ein wenig die oh solch gefürchtete Heimkehr, von einem gelösten Fest des Zurückblickens ist diese Produktion dennoch meilenweit entfernt. Schließlich ist Grosse Pointe Blank nicht bloß irgendeine High-School-Reunion-Komödie, sondern in erster Instanz eine einfallsreiche, böse sowie nonchalante Komödie über einen Auftragskiller.

Der Auftragskiller Martin Blank (John Cusack), verliert die Freude an seiner Profession: Andauernd haben seine Kunden schwierige Sonderwünsche und sind unzufrieden, wenn Blank bei seiner Arbeit improvisieren muss. Noch dazu drängelt ihn sein Konkurrent Dan Grocer (Dan Aykroyd) mit der Idee einer Profikiller-Gewerkschaft, mit der Blank nichts zu tun haben will. Auch die Therapie verschafft Blank keine Ruhe. Auf Drängen seiner Sekretärin (eine großartig aufgelegte Joan Cusack) greift er also nach dem letzten Strohhalm für seinen Seelenfrieden: Er fährt zurück in seine Heimatstadt Grosse Pointe, wo nach zehn Jahren das große Abschlussjahrgangs-Wiedersehen seiner High School stattfindet. In Grosse Pointe begegnet er alten Schulkameraden, die mal mehr und mal viel weniger aus sich gemacht haben, aber letztlich geht es Blank eh nur um eine einzige Person: Debi (Minnie Driver), seine Jugendliebe, die er kurz vor dem Abschlussball hat sitzen lassen. Während Blank seine Vergangenheit zu kitten versucht, lauern ihm einige seltsame Gestalten auf, die ihm nach seinem Leben trachten. Und dieser Gewerkschaftsfreak ist auch vor Ort!

Als Produktion des Jahres 1997 muss sich Grosse Pointe Blank natürlich gefallen lassen, dass man bei einer Besprechung irgendwie auf Pulp Fiction hinweist. Stilistisch, inhaltlich und atmosphärisch sind diese Filme zwar grundverschieden, aber George Armitages Regiearbeit profitierte wohl vom Erfolg des Tarantino-Klassikers. "Profikiller in trivialen Situationen" waren danach erst so richtig denkbar im US-Kino, und es ist nur zu auffällig, dass Grosse Pointe Blank zu den seltenen guten Filmen von Hollywood Pictures gehört. Und dies ist ja eines der Erwachsenenlabels des Disney-Konzerns, der auch via Miramax Pulp Fiction auf die Leinwände dieser Welt brachte. Nun, zumindest hat man recht prominent einen Pulp Fiction-Werbeaufsteller im Film untergebracht, also verheimlichen die Macher diesen Trendsetter nicht.

Während Tarantino aber aus von Profikillern ausdiskutierten Nichtigkeiten coole Kultdialoge schuf, lebt Grosse Pointe Blank eher von dem Witz, wie trivial so ein Auftragskiller sein kann (Stichwort: Gewerkschaftsdebatte). Sowie von den zahllosen, unaufgeregten Reaktionen auf Blanks Beruf: "Ich bin Profikiller!" "- Oh. Ist man da krankenversichert?"

Der große Gewinn für Grosse Pointe Blank ist glasklar Hauptdarsteller Cusack: Er macht seine Figur für den Zuschauer sympathisch, hat ein unglaubliches komödiantisches Timing, tänzelt unauffällig zwischen kurioseren und staubtrockenen Gags und macht vor allem auch den Kern der Geschichte glaubwürdig. Ein Killer, der auf einem recht lahmen Klassentreffen seine Seele wiederfindet? Das kann man extrem vermasseln, aber Cusack bringt eine schwarzhumorige und auch augenzwinkernde Melancholie mit, wodurch diese Geschichte greifbar bleibt. Auch seine selbst nach zehn Jahren nicht überkommene Reue wegen Debi wird nachvollziehbar dargestellt. Leider kaufe ich ihm und Minnie Driver die verstaubte Schulromanze nicht ab. Driver hat in ihrer Rolle als Radiomoderatorin eines Lokalsenders zwar einige tolle Monologe, aber die Chemie mit Cusack und die ganze Entwicklung dieser Story hapert hin und wieder. Ich werde jedenfalls nicht emotional oder intellektuell an diesen Handlungsfaden gebunden, sondern folge ihm eher gleichgültig, weil er halt der Motor dieses ansonsten gelungenen Films ist.

Einen weiteren, kleineren Wermutstropfen gibt es dennoch: Mir scheint der Charakterbogen Blanks nach der Reunion eigentlich komplett abgeschlossen, da allerdings noch ein paar andere Fäden beendet werden müssen, geht der Film für einige Minuten weiter, in denen er auch eine eigentlich unnötige, größere Schießerei einbaut. Dadurch, dass Aykroyd in diesem Finale einige der besten Sprüche hat, kann ich aber wenigstens ein Auge zudrücken.

Grosse Pointe Blank gehört für mich zu den besten schwarzen Komödien, die Hollywood in den 90ern fabriziert hat. Cusack & Cusack sind super, aus der Geschichte wird das beste rausgeholt und Blanks Rückkehr in seine Jugendheimat bringt bösen sowie subtilen, und ja, ab und an auch köstlich albernen Humor mit sich.

Siehe auch:

Montag, 30. Januar 2012

52 Songs #31: Autofahren

Ich habe ja nicht viele Rituale. Aber immer, wenn mich an einem Wochenende die Lust überkommt, mit meinem geliebten Auto in die Stadt zu fahren und einen drauf zu machen, dann schmeiß ich mich in meine Lieblingsjacke. Die ist nämlich richtig heiß. Und dennoch auch total cool. In meiner bevorzugten Kluft begebe ich mich einsamer Wolf in meine allerliebste Spelunke. Sie sieht von außen nicht nach viel aus, aber es ist ein unvergleichliver Subkosmos, wo man faszinierende Individuuen trifft. Notgeile, doch irgendwie charismatische Typen, junge, gutaussehende Damen, die schier endlose Geschichten über sich erzählen können und einen richtig dollen Kerl von einem Barkeeper. Mit dem hab ich mich sogar schon ein wenig angefreundet.

Ohne, dass ich groß was sagen muss, stellt er mir meine Nachos mit Jalapenos und Käse auf den Tresen, und während ich mich an der Musik aus der legendären Jukebox (ja, er hat noch ganz nostalgisch eine Jukebox!) dieses Mannes labe, versuche ich neue Kontakte zu knüpfen. Denn, wie gesagt, in dieser Spelunke laufen faszinierende Gestalten herum. Als pflichtbewusster Fahrer gönne ich mir, sollte ich ein nettes Mädel kennengelernt haben, eine Virgin Pina Colada (auch ohne Alkohol absolut köstlich), und sobald es dann über die schattige Landstraße richtig Heimat geht, drehe ich folgenden Song auf volle Lautstärke:



Hände hoch, wer geht sonst so alles bei diesem Old-School-Pop-Rock ab? Und hier ein kleiner Bonus: Schmeißt eure Füße in die Luft und schreit "Yo!", wenn ihr bemerkt habt, was ich in meiner Anekdote falsch mache.

Kermit und Miss Piggy reagieren auf Fox News' Hetze

Kleiner Sprung zurück: Kurz nach US-Start von Die Muppets erlangten Berichte von Fox News und Fox Business unrühmliche Bekanntheit, in denen Vertreter des Senders und des ultra-konservativen Politflügels gegen den vergnüglichen Kinofilm schossen. Laut Fox wären die Muppets ein Werkzeug hinterhältiger Linker, die mit diesem Film Kinder in ihrer politischen Einstellung manipulieren wollen, indem sie mit Die Muppets gegen Ölkonzerne und Kommerzialismus schießen.

Lange versteckten sich die Muppets hinter einer Mauer des Schweigens, doch jetzt beziehen Kermit und Miss Piggy endlich Stellung zu dieser Kontroverse:



(gefunden via /Film)

Für alle, die es nicht wissen: Fox News ist als Nachrichtensender ungefähr so seriös, wie die Bild "Zeitung" als politisches Leitmedium. Nur deutlich konservativer und käuflicher. Was schon ein starkes Brett ist.

Mehr Muppets:

Prom


Als Rich Ross die Leitung der Disney-Filmstudios übernahm, versprach er eine in zwei Richtungen divergierende Entwicklung: Mehr Jugendliche und Erwachsene ansprechende Großproduktionen wie Fluch der Karibik auf der einen Seite (wenn möglich allesamt mit Fortsezungsmöglichkeiten), mehr ultrakleine Produktionen auf der anderen. Das Mittelfeld der cineastischen Größenordnung wollte Disney dagegen der Konkurrenz überlassen.

Das erste dieser kleinen Projekte sollte die Jugend-Dramödie Prom sein, die gerade einmal acht Millionen Dollar kostete und im Vorfeld als moderner John-Hughes-Film angepriesen wurde. Ganz im Stil von Der Frühstücksclub oder Das darf man nur als Erwachsener. Und nun haltet euch fest: Dieses Versprechen hält Prom ja mal sowas von nicht ein. Welche Überraschung! Doch es folgt auch eine gute Nachricht: Es ist auch nicht "High School Musical (3) ohne Musik". So würde die Selbstironie ja gar nicht mehr ankommen, und wir hätten einen einzigen Zuckerschock von einem Film. Nein, nein, Prom versucht ganz ehrlich, ein bittersüßes Stück High-School-Film zu sein. Bloß werden Regisseur Joe Nussbaum und Autorin Katie Wech ihren eigenen Ansprüchen bei weitem nicht gerecht.

Prom folgt nicht weniger als einem Dutzend an Figuren auf ihren jugendlich-dramatischen Wegen zum Abschlussball der High School. Nova (Aimee Teegarden) sitzt in so ziemlich jedem Komitee der Schule und stemmte den Löwenanteil der Vorbereitungsarbeiten für die wichtigste Nacht des kollektiven Schullebens, hat allerdings selbst kein in Aussicht stehendes Date. Tyler (De'Vaughn Nixon) und seine Freundin Jordan (Kylie Bunbury) haben beste Chancen, Ballkönigin und Ballkönig zu werden - wäre da nicht ein zunehmender Riss in ihrer Beziehung, die sich durch einen fremden Ohrring in Tylers Auto zur mittelschweren Krise wandelt. Mei (Yin Chang) hat eigentlich die perfekte Beziehung, würde ihr Freund Justin (Jared Kusnitz) nicht fest damit planen, dass beide auf die selbe Universität gehen werden. Denn Mei hat ein besseres Angebot bekommen ...
Der unauffällige Lloyd (Nicholas Braun) bekommt von seiner Stiefschwester Tess (Raini Rodriguez) derweil den Ratschlag, seine letzten Schultage einfach damit zu verbringen, aus seinem Schatten zu springen und jedes nette Mädel um eine Verabredung zu bitten. Was hat er schon zu verlieren? Und der Schulrebell Jesse Richter (Thomas McDonell) wiederum wird dazu verdonnert, die Prom-Vorbereitungen in die Hand zu nehmen ...

Und, und, und ... Das größte Problem an Prom ist, dass der Film unter der Last an Figuren zusammenbricht. Wäre es eine Teenieserie, so könnte man bei dieser Masse an Figuren aus jeglichen Schichten und Klassen des soziokulturellen Subsystems High School eine ganze Staffel an Storys spinnen, die in den wenigen Tagen spielen, die Prom abdecken möchte. In den 104 Minuten, die dieser Kinofilm letztlich in Anspruch nimmt, müssen sämtliche Figuren zu altbekannten, klischeehaften Charakterentwürfen degradiert werden, um für ihre vielen Geschichtchen Platz zu schaffen. Und selbst so steht noch immer zu wenig Zeit zur Verfügung, um den meisten der Handlungsfäden eine angebrachte dramaturgische Entfaltung zu ermöglichen. Viele der Storys bestehen nur aus den rudimentären Stationen einer stringenten Erzählung. Weshalb auf die stereotypischsten aller High-School-Missverständnisse zurückgegriffen werden muss, um alles unter einem Hut zu bringen. Man muss sich nur die Exposition aller Storys ansehen, und weiß schon, wie es weitergeht.

Dabei hätte Prom ein recht ansehnliches Teenagerdrama werden können. Ja, Drama. Hätte man die komödiantischeren Subplots rausgeschmissen und den generischen Disney-Fluff eingedämmt, so wäre es eigentlich möglich gewesen, aus den übrigen Geschichten mit etwas Vertiefung der Charaktere wirklich was annehmbares zu formen. Das meiste an Prom ist dastypische, humoristische Füllmaterial von thematisch verbundenen Episodenfilmen, wodurch die das High-School-Dasein (zumindest konzeptionell) realistisch einfangenden Plots erdrückt werden. Diese kleine Produktion scheut sich nämlich, für mich vollkommen unerwartet, nicht davor, manche der Handlungsfäden offen, in mausgrauen Tönen oder sogar ohne Happy End ausklingen zu lassen. Dadurch wäre Prom ein realistisches dennoch charmantes Abbild der ausklingenden Schulzeit.

Allerdings ist er dazu auf dem Weg dorthin viel zu überzeichnet. Wie hier Beziehungskrisen oder Balleinladungen (oder so vieles andere) abgehandelt werden, gehört eher ins High School Musical-Universum, als in die Dramödie, die Prom offenbar gern wäre. Diese (ohne jegliche Ironie) abgehandelten Übertreibungen führen dazu, dass Prom wie ein auf Kinolänge runtergestutzter Zusammenschnitt einer Teenie-Telenovela wirkt.

Prom ist aber keine absolute Katastrophe, weshalb ich ihn auch nicht in meine Kino-Flopliste 2011 aufnahm. Das Newcomer-Ensemble spielt so solide, wie es das Drehbuch halt zulässt, manche der Gags sitzen, und einige der kleineren Subplots sind trotz ihrer Vorhersehbarkeit immer noch süß. Es ist ein sehr schwacher Film, doch einer, in dem ganz tief verborgen ein recht guter Streifen steckt, den die Macher einfach nicht rausholen konnten. Genug andere Produktionen werden entweder mit voller Kraft gegen die Wand gefahren, oder sind von Anfang an zum Scheitern verdammt. Bei Prom hat's einfach nicht sollen sein. Eine unbeabsichtigte, tolle Lehre für alle Teenager: Auch ein verbockter Abschlussball ist nichts zum grämen. Einmal Kopfschütteln und mit was anderem weitermachen ...

Ähnliche Artikel:

Sonntag, 29. Januar 2012

Gedanken über das Kinojahr 2011


Üblicherweise sagt man ja in der Zeit von Heiligabend bis Silvester, dass man sich "zwischen den Jahren" befindet. Aus filmischer Sicht würde ich aber sagen, dass wir uns jetzt zwischen den Jahren befinden. Hollywood, und somit ja irgendwie die ganze filminteressierte (westliche) Gesellschaft, blickt auf das Kinojahr 2011 zurück, um die (vermeintlich?) besten und wichtigsten Leistungen mit Statuetten und Titeln zu prämieren. Sofern man nicht in den USA lebt, ist diese Phase dann gleichermaßen Rückblick, wie auch Vorschau. Denn viele Filme, die für den Oscar nominiert sind, starten in hiesigen Gefilden erst in den kommenden Wochen und Monaten.

Die meisten Jahresrückblicke in den großen Medien finden bereits Anfang Dezember statt. Was meines Erachtens nach absurd früh ist. So verpassen große Rückblicke öfters wichtige Ereignisse. Die ganze Affäre Wulff spielte in den Jahresrückblicken 2011 keine Rolle. Inwiefern soll das also als Jahresrückblick durchgehen? Ich halte es deshalb eher mit AMPAS und blicke lieber erst nach dem Jahreswechsel zurück. So kann man auch etwas Abstand gewinnen und vermeiden, den Dezember zu akut zu bewerten. Klar, die meisten wollen ihre Kinorückblicke lieber im Dezember haben, und denen werfe ich mit meiner Kino-Flopliste und meinem musikalischen Rückblick auch sehr gerne einen Knochen zu. Doch das mir wichtigste, die Filmwelt die mir nicht die Zornesröte ins Gesicht schreibt, die bekommt ihre Würdigung erst nach Jahresende.

Dass es dieses Jahr aber so lange gedauert hat, tut mir ehrlich leid. Aber ich hatte zu viel um die Ohren, als dass ich einen meinen eigenen Ansprüchen genügenden Kinorückblick auf 2011 hätte früher veröffentlichen können. Jetzt kann es allerdings endlich losgehen - für die kleine Handvoll an Leuten, die sich jetzt überhaupt noch für meine Gedanken zum Filmjahr erwärmen können.

Generelle Gedanken: Wie war das Kinojahr 2011?
Musikalisch und biographisch war 2011 für mich ja eher ein Episodenfilm mit sehr, sehr leicht übersehbarem thematischen roten Faden. Dem deutschen Kinojahr 2011 kann ich hingegen, anders als seinem Vorjahr, recht leicht einen Stempel aufdrücken. Für mich lässt es sich nämlich problemlos mit der Überschrift "Ziemlich unterschätzt" versehen. Wenn ich mich in meinem Umfeld so umhöre und einschlägige Ecken des Internets durchwühle, so scheint der allgemeine Konsens im Bezug auf 2011 "joah ... 'ne Nullnummer ohne Kracher und ohne Müll" zu sein. Dabei waren es doch zwölf richtig starke Kinomonate!

So war es doch eigentlich ein tolles Jahr für den typischen Blockbuster und Film-Franchises. Harry Potter wird wohl niemals zu einer Welt, für die ich mich erwärmen kann, aber alle Potter-Anhänger, die ich so kenne, sind mit dem Finale der Kinoreihe richtig glücklich. Mit Fast and Furious Five kann man mich brutal langweilen, aber Freunde der Reihe und sogar Filmkritiker feierten ihn als besten Teil der Reihe. Leute, die Hangover nicht nur wegen der Story, sondern auch dem Humor mochten, hatten im Regelfall riesigen Spaß an Hangover 2 (ich auch), Kung Fu Panda 2 gehört zu den besseren Trickfilm-Fortsetzungen, Der gestiefelte Kater räumte mit den letzten beiden Shrek-Filmen sein Katzenklo auf, Sherlock Holmes 2 kam beim Publikum (so weit ich das richtig überblicke) toll an, die Marvel-Filme wurden von denen, die sie sich denn auch angesehen haben, fast durchgehend ins Herz geschlossen, Mission: Impossible - Phantom Protokoll erinnerte uns (wieder einmal) daran, dass Tom Cruise ja eigentlich gar kein so mieser Kerl ist, Super 8 war ein besserer Spielberg-Film, als die meisten Spielberg-Streifen der letzten Jahre ... Also, in Sachen Blockbuster gibt's doch kaum etwas zu meckern! Gut, Transformers 3 und Breaking Dawn 1 haben so manchen Gelegenheitskinogänger und Internetpromi in die Verzweiflung getrieben, aber sind wir mal ehrlich: Bei diesen Filmen weiß man schon vorher, was man bekommt. Entweder ist man die Kernzielgruppe (CGI-süchtiger Teenie-Boy oder Kitsch-süchtiges Teenie-Mädel) oder eben nicht.

Oh, und meint ihr etwa, ich gehe hier nicht auf Pirates of the Caribbean - Fremde Gezeiten ein? Die Filmkritiker heulten, der Film sei kompliziert (die selben, die Fast and Furios Five für seinen Plot lobten ... mhm, genau ...), bei den Fans wurde er hingegen wohlig aufgenommen. Und ich hatte meinen riesigen Spaß mit ihm.

Jedoch war 2011 nicht nur ein tolles Blockbuster-Jahr, sondern auch ein großartiges Arthouse-/Programmkino-/Kunstfilmjahr. Wo 2010 noch enorm enttäuschte, war 2011 sowohl kommerziell, als auch qualitativ und imagetechnisch ein fantastisches Jahr für den gedankenvollen Film. Es half natürlich, dass mal wieder einige US-Produktionen von 2010 erst nach dem 1.1. 2011 nach Deutschland kamen, trotzdem konnten sich die geschmacklich distinguierteren Kinos in den letzten Monaten die Hände reiben:

Black Swan verführte mehr als 2 Millionen Kinogänger, The King's Speech schaffte es sogar in die Jahres-Top-Ten. Das deutsch-türkische Drama Almanya kam auf fast 1,5 Millionen Besucher, Der Gott des Gemetzels, Tree of Life und Midnight in Paris brachten drei verehrte Regisseure nicht nur wieder ins Gespräch, sondern erschlossenen ihnen auch ein neues Publikum, Melancholia war zwar kommerziell kein großer Wurf, zog aber viel (positive) Aufmerksamkeit auf sich ... Da sah es 2010 noch deutlich düsterer aus. Kurzum: Wieso soll 2011 kein denkwürdiges Kinojahr sein?

Die Enttäuschungen 2011
Gut möglich, dass die großen Enttäuschungen des Jahres die vorherrschende Meinung unnötig düster einfärbten. Denn so mancher Film war 2011 zwar nicht per se schlecht, jedoch äußerst enttäuschend. Sucker Punch hätte ein fantastischer "Hirn aus, Reizüberflutung an!"-Streifen werden können. Er wollte ein audiovisuell überwältigender, smarter Film mit bestechender Aussage und in sich schlüssiger Logik sein. Und letztlich ... wurde es ein halbfertiger, wirklich netter Versuch von Zack Snyder, seine überbordende Fantasie mit seiner eigenen Herangehensweise an Action und einigen klugen Ansätzen zu verbinden, der daran scheitert, dass alles nunmal nur angedacht wird. Ich erkenne, dass Snyder Größeres vorhatte, aber es gelang ihm nur in der Intro-Sequenz, bei der Ankunft des "High Rollers" und (wenngleich streitbar) in der Musicalsequenz im Director's Cut. Ich habe (im Gegensatz zu manch anderen Kritikern) nicht einmal in Erwägung gezogen, Sucker Punch zu den schlechtesten Filmen des Jahres zu zählen. Aber er hätte ein Favorit für die Bestenliste sein können. Stattdessen landete er irgendwo im grauen Mischmasch - und das ist bei all den Ambitionen Snyders wahrlich enttäuschend.

Ein starkes Stück schwächer war dagegen Bad Teacher: Was ein politisch inkorrekteres "Hangover in einer Schule" hätte werden können und sollen, wurde zu einer Rüpelkomödie, die sich nichts traute, eine schwarze Komödie, die zu farbenfroh sein wollte, ein komödiantisches Desaster, das nicht wusste, ob es das Publikum gegen seine Hauptfigur aufbringen will oder eben doch nicht. Bad Teacher versäumte nur knapp den Einzug in meine Flopliste des Jahres, da Cameron Diaz ehrlich versucht, aus dem verschnittenen Film und unebenen Skript noch ein bisschen Humor rauszuholen. Und Jason Segel ist höchst wahrscheinlich hochglücklich vom Muppet-Set vorbeigestolpert, um noch etwas Esprit zu versprühen. Ansonsten: Faule Gags, die auf die Schnaue fallen. Neee, das war nichts!

Eine andere herbe Enttäuschung war Source Code. Ich fand immer noch keine Gelegenheit, Duncan Jones' Regieerstling Moon zu sehen, allerdings wittere ich langsam, dass Jones wieder einer dieser Regisseure ist, die ich für gehörig überschätzt halte. Zumindest Source Code nach zu urteilen ist er wieder einer dieser Kerle, die überdurchschnittliche, nicht aber herrausragende Ware abliefern, bei denen sich aber ein paar elitäre Nasen fanden, die ihn zu einem Künstler ernennen - und schon plappern es alle nach. Man muss nur etwas gegen das Ende von Source Code sagen, und schon wollen einem vier, fünf dahergelaufene Leutchen jegliche Bildung aberkennen. Nein, ich verstehe das Ende von Source Code sehr wohl, es betrügt bloß jegliche zuvor aufgebaute Atmosphäre sowie die "moralische Logik" des Films. Dieser Sci-Fi-Thriller ist spannend und emotional involvierend, bloß ärgert es mich umso mehr, dass in der letzten Viertelstunde alles mit dem Hintern wieder eingerissen wird. (UPDATE: Ich habe Moon endlich gesehen!)

Und dann wäre da Jodie Fosters Der Bieber mit Mel Gibson: Zwischendrin kann man nicht schnell genug atmen, um mit dem Lachen hinterherzukommen, andere Male ist es ein vergnüglich-rührender Blick auf Depressionen ... und dann fühlt es sich für lange Strecken einfach nur wie eine minimal zynischere Kinoversion eines Disney-Fernsehfilms (Pre-High School Musical!) an. Die Botschaft ist so überdeutlich, die Familie so quirlig überzeichnet... Alles irgendwie schade.

Ein Film kann mir allerdings auch sehr gut gefallen, obwohl er mich enttäuschte. So geschah es mit dem folgenden Titel: Der vielleicht am meisten überschätzte Film 2011 ist für mich nämlich Gore Verbinskis Animationsdebüt Rango. Und, so viel sei an dieser Stelle verraten, trotzdem werdet ihr ihn in meiner Jahresbestenliste antreffen! Der Kritikerkonsens scheint bloß irgendwie etwas durchgeknallt zu sein: Rango wurde für seine Verschrobenheit, seinen immer wieder kurz aufkeimenden Surrealismus gelobt, als ein im publikumstauglichen Kleid verstecktes, kleines Experiment in Sachen Genre-Hommage/-Revolution/-Parodie gefeiert. Und, ja, all diese Elemente sind in Rango vorhanden, jedoch setzt Verbinski sie in seinem animierten Western schlechter um, als in Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt. So gibt es eine durchgeknallte, sich an Dalí und Verbinskis Vorgängerfilm orientierende Traumsequenz ... die bloß im Film ist, weil man auf originelle Weise eine Epiphanie herbeiführen wollte. Am Ende der Welt hatte für seine Ausflüchte in die Bereiche der Traumlogik einen triftigen, handlungsimmanenten Grund. Um bloß ein Beispiel zu nennen. Rango ist schon schrill und cool, ich werde deshalb bald eh genug ins Schwärmen geraten, allerdings machten manche Kritiker aus ihm die neue Trickfilm-Offenbarung. Und die ist er, zumindest für mich, nichtmal ansatzweise. Wäre Rango in irgendeinem anderen Jahr gestartet, wäre er höchstwahrscheinlich "nur" mein liebster Non-Disney-Animationsfilm. Dass er 2011 den Trickthron eroberte, hat er zu einem gewissen Grad der sehr, sehr miesen Form von Pixar zu verdanken.

Liebling, ich habe das Publikum gehasst
Traditionen soll man pflegen, und manche davon sind besonders pflegeleicht. Man sollte denken, dass nach mehreren epischen Schimpftiraden mein Vorrat an Geschichten über nervige Kinogänger erschöpft sei. Weit gefehlt! Schon letztes Jahr gab es Nachschub, und auch dieses Jahr musste ich mich ab und an über mein cineastisches Umfeld aufregen. Herausstellen möchte ich zwei Vorfälle. Zum einen die Vorpremiere von The Green Hornet: Mittwochabend, Großstadt, volles Haus, hauptsächlich männlich und kurz nach der Pubertät. Das Kino unserer Wahl ist ein Haus, das sehr notorisch auf ein werbelastiges Vorprogramm setzt. In manchen Lichtspielhäusern überwiegen die Trailer, in diesem hingegen Lokalwerbung (allein schon für DREI!!! Wellness-Zentren), Produktwerbung, Veranstaltungshinweise ... so 'n Scheiß halt.
Dieser Abend war aber etwas besonderes, denn es liefen gleich zwei "Gib Aids keine Chance"-Spots, von denen ich das gesamte restliche Jahr über keinen einzigen mehr im Kino oder Fernsehen gesehen habe.

Der erste war ein absolut typischer Spot, wie man ihn bestimmt schon dutzendfach gesehen hat, im Grunde eine verfilmte Version der aktuellen Plakatkampagne: Ein milchbärtiger Bubi und ein knackiges Mädel machen rum, stoppen, irgendeine rhetorische Frage folgt, Kondom wird aus der Tasche gezogen, Slogan einblenden, yada, yada ... Reaktionen auf den Spot gab es wenige, bloß ein paar Kerle mussten lautstark attestieren, wie scharf das Werbemädchen ist, und dass sie es knallen würden. Nicht sonderlich distinguiert, aber meinethalben ...

Einen Wellness-Werbespot später erfüllte aber ein zweites, in schummrigen Licht eingefangenes Jugendzimmer die Leinwand. Dem nun spielenden Anti-Aids-Spot sollte allerdings deutlich mehr Aufmerksamkeit zu Teil werden: Aus einer eng anliegenden Herrenjeans pellt sich langsam ein wohlgeformter, Boxershorts verhangener Bubenhintern. Der Rücken dieses sich ausziehenden Jungens wird vorfreudig von einem Paar Hände abgetastet. Es folgt ein Schnit, der enthüllt, wie der Besitzer dieser ausgefülten Jeans aussieht. Und wie sein Date aussieht: Zwei Jungs mit zartem Gesicht küssen sich leidenschaftlich und ...

WWAAAAAH! IIIIIH! BAAAAH! ... ein kollektiver Schock überkommt die außerordentlich lautstarke Mehrheit des Saalpublikums. Der Ekel ist unüberhörbar, zwischen all diesen geräuschvollen Anwiderungsbekundungen pieksen ein paar peinlich berührte Lacher hervor, und mit fortschreitender Werbung finden die ersten Zurückgebliebenen ihr Sprachzentrum wieder. Ein Feuerwerk der homophoben Beschimpfungen wird gen Kinoleinwand entlassen, zwei oder drei wünschen sich mit brummender Stimme "die scharfe Ische mit den prallen Titten" von vorhin zurück ... Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wie lang dieser Werbespot überhaupt lief, mir kam es aber wie eine halbe Ewigkeit vor und es dauerte noch einige Spots und Trailer, bis ich mich aus dem sprichwörtlichen Grund und Boden rausziehen konnte, in den ich vor Fremdscham versunken bin. Wo war ich gelandet, dass so ein schlichter Anti-Aids-Spot mit zwei jungen Männern die Emotionen derart hochkochen lassen kann?

Dagegen war der kleine Junge in der Rio-Vorstellung noch richtiger Balsam für die Seele. Der hat einfach nur ganz euphorisch jeglichen Text vorgelesen, der eingeblendet wurde. Inklusive der Studiologos! Außerdem wusste er für die ersten zwanzig oder dreißig Minuten immer, was als nächstes geschehen wird. Kleine Anmerkung am Rande: Ich sah den Film mehrere Tage vor dem offiziellen Kinostart! Wo auch immer der Bub' seine Infos her hatte, seine Quellen waren sehr gut über Rio unterrichtet. Und versteht mich nicht falsch, ich hätte ihm gerne seinen Hosenboden lang gezogen. Aber immer noch besser einen überengagierten Jungen im Grundschulalter, als einen ganzen Mob an Spätpubertierenden, die sich in ihren eng gesteckten Vorstellungen sexueller Moral beleidigt fühlen, und kurz davor sind, das Kino mit brennenden Mistgabeln und stinkenden Fackeln im Anschlag kurz und klein zu hauen.

Schöne Stunden zu zweit
Oder zu dritt, zu viert, zu fünft ...
Ich meckere ja gerne über andere Kinogänger, doch da ich noch immer sehr gerne ins Kino gehe, muss es mir ja offensichtlich etwas bieten, das über meine schlechte Erfahrungen hinwegtröstet. Es ist wirklich noch lange nicht jedes Saalpublikum unausstehlich, und deswegen möchte ich an dieser Stelle auch einigen magischen Kinomomenten Tribut zollen. Denn wenn die Leute richtig mitgehen oder das Drumherum stimmt, dann kann das Kinoerlebnis den betroffenen Film so richtig aufwerten.

So muss ich das sehr euphorische Tron: Legacy-Publikum erwähnen, das am Startwochenende die 3D-Vorstellung im größten Saal eines meiner Stammkinos richtig mitging. Die Gags kamen sehr gut an (sogar kleinere Anspielungen an das Original erhielten einige wohlwissende Kicherer), es wurde mehrfach über das visuelle Spektakel gestaunt, die (bemühten) ernsteren Szenen wurden mit ehrfürchtiger, statt gelangweilter Stille bedacht und man spürte, wie die Musik von Daft Punk bei ihren Höhepunkten richtig aufgesogen wurde. Nach Filmschluss hörte man beim Rausgehen auch an allen Ecken und Enden Mutmaßungen, wie es wohl weitergehen könnte. Man merkte: Irgendwie haben sich da einige Tron- und generelle Sci-Fi-Fans zusammengerottet. Als ich den Film ein paar Tage später in einem anderen Kino sah, waren die Publikumsreaktionen wesentlich gediegener.

Der absolute Geek-/Nerdgasmus war aber die Vorführung von Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt im Studentenkino. Der Film selbst gehört ja eigentlich in den Artikel zum Kinojahr 2010, diese Vorstellung fand aber im Februar 2011 statt, also ... suck it! Und, wow, so muss Scott Pilgrim im Kino erlebt werden! Es wurde enorm laut gelacht, jede noch so verschrobene Anspielung fand Anklang, die Indie-Musik wurde gefeiert, es war ein kollektives Wohlfühlsein wie in einem richtig guten Konzert. Ohne, dass es so ausartete, so dass man vom Film nichts mitbekam. Wir haben den Film zu fünft gesehen, davon waren meine vier Begleiter allesamt Scott Pilgrim-Jungfrauen, und alle gingen mit dem Film mit. Bei manch anderen frenetischen Vorführungen im Studentenkino haben Ahnungslose den jeweils bejubelten Film dagegen gar nicht richtig mitbekommen können – das ist dann natürlich wieder zu viel des Guten.

Und natürlich ist mein Filmjahr 2011 auch sehr stark von Pirates of the Caribbean geprägt. Was sich auch auf die besten Kinoerlebnisse auswirkte, denn wenn die richtige Veranstaltung und/oder die richtigen Kino-Mittäter wählt, bietet sich diese Filmreihe für mich als Fan einfach für schwer vergessliche Kinostunden an. Noch bevor Fremde Gezeiten den Weg ins Kino fand, ging es bereits im Februar mit dem Fluch der Karibik-Konzert grandios los. Diese ikonische Filmmusik live zu hören, ist einfach was ganz besonderes, und ich freue mich schon auf das nächste Mal. Allerdings soll Disney auch endlich aus den Puschen kommen und Konzerte zu Teil 2 & 3 ankündigen. Und bitte, dieses Mal nicht erst in der Schweiz und Bayern austesten. Was soll der Driss? Die erste "Staffel" der Fluch der Karibik-Konzerte, Lost, Fantasia ... Der Rest des deutschsprachigen Raums ist ebenfalls kultiviert genug für solche Veranstaltungen, also startet eure Testballons auch etwas weiter nördlich!

Dann kam mit dem Mai halt auch endlich Fremde Gezeiten, und bei dem Film war eigentlich nahezu jeder Kinogang etwas einmaliges. Mit einem ganzen Packen Freunden die Mitternachtspreview sehen, nachdem zur Einstimmung die Vorgängerfilme geguckt wurden? Klasse. Mit einem genauso intensiv auf jedes Detail achtenden Fan ins "Heimatkino" streunen und den Streifen ganz genau analysieren? Jepp, ebenfalls super. Open-Air bei Vollmond? Berückend! Überhaupt hat das Autokino-Wochenende eine lobende Erwähnung verdient. Nicht perfekt organisiert, die Hälfte der Filme waren mir schnuppe, doch mit den richtigen Leuten macht man sich ein wahres Event draus ...

Um aber nochmal spezifisch auf Fremde Gezeiten zurückzukehren: Der Filmmoment des Jahres war definitiv Jacks und Gibbs großartiges, kameradschaftliches und sich (für Fans) heftig ins Postmoderne lehnende Geplänkel ganz zum Schluss des Films. Hier brach der Film, der sich zuvor mehr ins Feeling klassischer Abenteuerromane und piratiger Schauermären lehnte, zu neuen, selbstironischen Horizonten auf und sorgte jedes einzelne Mal dafür, dass nicht nur das ganze Kino lachte, sondern sich auch jedes Mal "meine" Sitzreihe besonders intensiv schieflachte. Absurde Vorschläge, Ziegen, eine Will-Turner-parodiert-Jack-Verballhornung ... Zwerchfell, wir alle hörten dich knacksen vor Schmerz!

Positive Überraschungen
"Was hat The King's Speech bei dieser Unter-Überschrift als Titelbild zu suchen?!?!"
Nun, ein anderer Film hat mich deutlich mehr überrascht, aber den wollte ich lieber an einer anderen Stelle zur Illustration nehmen, deshalb muss der letztjährige Oscar-Gewinner ranhalten. Bei dem erwartete ich natürlich keinen Schrottfilm, jedoch hatte ich vorab durchaus die Vermutung, dass es ein schlichtes Stück "Oscar Bait" sein könnte, dem die Academy grundlos aus der Hand frisst. Und dass es letztlich bloß ein annehmbares, nettes Drama sei. Stattdessen war The King's Speech wirklich stark, mit ausgefeilten Dialogen und superben Darstellungen. Ich hätte ihm nicht unbedingt den Oscar gegeben, aber ich gönne es diesem Film vollauf.

Die für mich dickste Überraschung 2011 war jedoch J. J. Abrams Stück 80er-Blockbusternostalgie Super 8. Während die Hälfte des (US-)Internets bei Anblick der Trailer in einen kollektiven Rausch der Begeisterung verfiel, ließen mich die nach "E.T. ist zurück ... und er ist angepisst" schmeckenden Trailer eher kalt zurück. Ich wusste nicht, worauf ich mich denn groß freuen sollte. Produzent Spielberg und sein x-tes Alien? Filmkinder, die sich garantiert nicht echt anfühlen, die auf die Tränendrüse drücken? Neeee ... Der eigentliche Film hingegen weckte in mir die Begeisterung, die alle beim Trailer verspürten. Großartige Kinderdarsteller, ein herrliches 80er-Feeling und gelungene Alien-Suspense. Super. Auch Scream 4 überraschte mich nach dem miesen Scream 3 sehr positiv, ebenso verhielt es sich mit Der gestiefelte Kater, der dem totgelaufenen Shrek-Franchise ein höchst amüsantes Abenteuerfilmchen entlockte.

So weit also meine halbwegs strukturierten Gedanken zum Kinojahr. Als nächstes muss ich noch ein paar Wackelkandidaten für meine Jahresbestenliste ganz genau und kritisch betrachtet, mir meinen Kopf über ein paar Platzierungen zerbrechen, und noch vor den Oscars sollte ich mit dem Jahr 2011 abschließen. Hübsch von mir, nicht wahr?

Empfehlenswerte Artikel:

Samstag, 28. Januar 2012

Tea for Two Hundred

War Micky das "Über-Ich" des ewigen Träumers Walt Disney, lässt sich der vom Pech verfolgte und cholerische Donald Duck als sein "Es" betrachten. Mit seiner unverwechselbaren Art trat er schnell aus dem Schatten der Maus. Diese Artikelserie präsentiert die Cartoons, die Donald auch aus Sicht der Academy of Motion Picture Arts &  Sciences in den Film-Olymp aufsteigen ließen. Dies sind die Kurzfilme, die ihm eine Oscar-Nominierung einbrachten. Dies ist Entengold.

Im siebten Teil dieser Reihe zeichnet sich langsam das Schema für Donalds letzte Kinojahre ab. Er zeigt sich wieder verstärkt als Frechdachs, und zugleich brilliert er weiter als Opfer eines ihm feindseligen Umfelds. Diese Auffrischung alter Kurzfilmkonzepte kam so gut an, dass Disneys Vorzeigeerpel drei Jahre hintereinander für den Oscar nominiert wurde. Während der goldenen Mitte dieses Hattricks lädt Donald zum Tea for Two Hundred.


Als Jack Hannah vom Cartoon-Autor zum -Regisseur aufstieg, gab er Donald eine neue Hauptbeschäftigung: Den Kampf gegen kleinere Lebewesen. Dazu kam es zwar auch in den Jahren zuvor immer wieder, aber Hannah machte dies tatkräftig zum Schwerpunkt seiner Donald-Kurzfilme. 1947 wurde die ewige Fehde Donald/Chip & Chap etabliert, im Laufe des Jahres 1948 traf der cholerische Erpel auch erstmals auf die ihm wiederholt Ärger bereitende Biene Spike. Zum Jahresende hin wurde die Größe von Donalds Quälgeistern weiter reduziert: Vom Streifenhörnchen zur Biene, hin zu einer Horde von Ameisen. Diese setzten sich jedoch nicht als neue Erzfeinde durch. Nach dem am 24. Dezember 1948 uraufgeführten Tea for Two Hundred tauchten sie nur noch ein weiteres Mal auf, nämlich knapp dreieinhalb Jahre später in Uncle Donald's Ants.

Während die Ameisen bei ihrer, so manches Stück Animation aus Tea for Two Hundred wieder verwendender, Rückkehr in Donalds Heimat einfallen, überraschen sie ihn im Oscar-nominierten Cartoon beim Picknick. Und erwecken so das Spielkind in Donald: Als eine Gruppe Ameisen Dinge vom x-facher ihrer Größe an ihm vorüberzieht, bemerkt er eine kleinere, dem Rest ihres Stamms hinterherhinkende Ameise. Dieser stellt er, sich dabei köstlich amüsierend, einige Hindernisse in den Weg und packt ihr seinen halben Picknickvorrat auf den Rücken. Als das kleine Tierchen letztlich unter der Last zusammenbricht, bekleckert es sich mit Tortensahne. Von deren Geschmack begeistert, trommelt die Ameise den ganzen Stamm zusammen, der mit vereinten Kräften Donald ausschalten und bestehlen will. Doch dieser versucht sich auf explosive Art zu wehren.

Donald verfolgt wie gebannt jede Begwegung seines kleinen Versuchskanninchens

Es ist nicht das erste Mal, dass Donald vergebens seine Picknickverpflegung vor der Wildnis beschützen will. Beim Betrachten dieses Cartoons werden durchaus grobe Erinnerungen an Beach Picnic aus dem Jahr 1939 und Donald's Vacation von 1940 wach, die ähnliche Situationen nachzeichneten. Was durchaus die Frage nahe legt: Hat das sich nach Barks' Weggang schrittweise etablierte Donald-Autorenduo Bill Berg & Nick George bei diesen früheren Kurzfilmen geklaut? Oder ist Tea for Two Hundred eine eigenständige, humoristische Bearbeitung einer bereits genutzten Ausgangsidee? Es bietet sich nur an, das übliche Format dieser Artikelreihe etwas aufzubrechen und einen Vergleich zwischen dem Oscar-nominierten Cartoon und seinen inoffiziellen Vorgängern anzustellen.

Beach Picnic beginnt mit einem heiter singenden Donald, der sein Strandpicknick aufbaut und dann mit einem Gummi-Seepferdchen ins Meer springt. Da er von seinem Badeutensil runterstürzt, zetert er erstmal herum, bevor er auf die Idee kommt, den am Strand schummernden Pluto damit zu ärgern. Von seiner Aktion als Störenfried abgelenkt, lässt Donald sein reichhaltiges Picknickbuffet unüberwacht, was die Aufmerksamkeit von einem Ameisenstamm auf sich zieht. Dieser fällt auf das Essen ein, treibt seinen Schabernack damit und wird letztlich von einem tobenden Donald in die Flucht geschlagen. Das sicherheitshalber aufgebaute Fliegenpapier führt dann aber zu Chaos mit dem neugierigen Pluto, während weder die Ameisen, noch das Gummi-Reittier erneute Erwähnung finden.

Der Kurzfilm von Clyde Geronomi, der im Cartoon-Sektor vornehmlich bei Pluto-Produktionen Regie führte, weißt tatsächlich ein paar Parallelen mit dem neun Jahre später folgenden Tea for Two Hundred auf. So werden die Ameisen als ein Stamm von stereotypischen Ureinwohnern dargestellt, inklusive musikalischer Anspielungen an Film-Indianer und Marotten wie rituellem Trommeln oder ähnlichem. In beiden Filmen betätigt sich Donald zudem als Störenfried, sei es in Tea for Two Hundred gegenüber der schwächsten Ameise oder in Beach Picnic gegenüber Pluto. Das ist insofern nennenswert, als dass es aufzeigt, dass sich unter Jack Hannahs Regie Donald in den späten 40ern wieder ein wenig zurückorientierte. Anfangs wurde er regelmäßig als kleiner Tunichtgut dargestellt, ganz prominent etwa in Mickys erstem Farbcartoon The Band Concert von 1935, in dem Donald mit der geflöteten Volksweise Turkey in the Straw (die erste Melodie, die der Weltöffentlichkeit aus Mickys pfeifendem Mund präsentiert wurde) ein Konzert der Willhelm Tell-Overtüre unterbrach. Während der 40er verlief sich dieses Naturell Donalds allerdings ein wenig.

Auf ein paar Sekunden wiederverwendeter, neu kolorierter Animation konnte man offenbarnicht verzichten (oben: Beach Picnic, unten: Tea for Two Hundred)

In Cartoons wie Trombone Trouble aus dem Jahr 1944 ist es sogar er, der sich von seinem Umfeld genervt fühlt (in diesem Fall von einem mies Posaune spielenden Kater Karlo). Ganz zu schweigen von all den Cartoons mit Tick, Trick und Track, in denen er das Opfer von Streichen jeglicher Größenordnung wird. Tea for Two Hundred sollte im Jahr 1948 wohlgemerkt keine kurzfristige Rückbesinnung auf Donalds schwer bezwingbare (und teils kuriose Triebe schlagende) Neugier sein. Auch in einigen der Kurzfilme mit Chip und Chap ließen die Autoren Donald wieder auf mitunter recht fiese Weise seine Gegenspieler zu Reaktionen provozieren. In ihrem ersten gemeinsamen Auftritt dagegen wollte Donald bloß Feuerholz sammeln, von seinem manchmal gemeinen Spieltrieb war dort nichts zu spüren.

Die Parallelen von Tea for Two Hundred und Beach Picnic sind allerdings rarer als die Unterschiede zwischen diesen Cartoons. Zu diesen zählt selbst die Gestaltung der Ameisen. In der älteren Produktion floss eher wenig Gedankenspiel in die visuelle Umsetzung der kleinen Tierchen: Sie sind simple, gezeichnete Versionen echter Ameisen, mit einem relativ akkuraten Körper, aber einem schlichten Cartoon-Gesicht mit den typischen Disney-Augen und keinem wirklich auffallendem Mund. Es ist die Gesichtsbemalung und die Musikbegleitung, die sie zu Indianern macht. Für Tea for Two Hundred entwarf Yale Gracey einen individuellen Look der Ameisen, die von den Zeichnern mit einem ganz eigenen Bewegungsschema ausgestattet wurden. Gracey, bestimmte das Gesicht der Nachkriegs-Donald-Cartoons entscheidend mit, ehe Walt Disney den erfinderischen Künstler aus den Trickstudios "abwarb" und die verschiedensten Effekten in Disneyland austüfteln ließ. Zu den legendärsten Arbeiten Graceys sollten die Geisterillusionen in der Haunted Mansion sowie der erstaunliche Nachthimmel in Pirates of the Caribbean zählen.

Den Ameisen in Tea for Two Hundred verlieh Gracey eine klare Persönlichkeit und ein humoristischeres Aussehen, als ihren Artverwandten aus Beach Picnic. Mit ihrem Körperschmuck und Pinto Colvigs unverständlichen Gebrabbel wurden sie zu Karikaturen stereotyper Kannibalen, die zum Standardrepertoire damaliger Abenteuerfilme zählten. Diese deutlich auffälligere und somit denkwürdigere Umsetzung des Gedanken "Wilde Ameisen, haha, machen wir daraus einen Stamm Wilder!" wurde Tea for Two Hundred Jahrzehnte später aber vielleicht sogar zum Verhängnis: In der Kurzfilm-Sammlung The Chronological Donald, Vol. 3 wurde dieser Cartoon aufgrund seines potentiell kontroversen Inhalts in die Sektion From the Vault verbannt, wo Filmhistoriker Leonard Maltin Eltern von diese DVD möglicherweise einlegenden Kindern warnt, dass der Humor in den 40er-Jahren noch deutlich unsensibler war. Beach Picnic konnte dagegen mit seinen Standard-Indianerameisen einem Warnhinweis entgehen, während Donald's Vacation allein für das Einspielen indianischer Musik beim Anblick eines an Häuptlingsschmuck erinnernden Anhängsels wieder den ermahnenden Zeigefinger angepappt bekam.

Das oberste Bild ist Disneys Ansichten nach zu urteilen das am wenigsten rassistische (von oben nach unten: Beach Picnic, Donald's Vacation, Tea for Two Hundred)

Die restlichen Unterschiede zwischen diesen beiden "Donald vs. Ameisen"-Filmen lassen sich direkt im Zusammenhang mit dem offenbar äußerst rassistischen Donald's Vacation aufzeigen. Dieser Cartoon hat mit Tea for Two Hundred nur die Idee gemeinsam, dass Donalds beinahe lächerlich großes Picknick-Schlemmerbuffet kettenartig von Waldtieren weggerollt wird. In diesem Fall sind es übrigens Streifenhörnchen, die Donald zur Last fallen, sieben Jahre bevor er zwei ganz ausgefuchste Vertreter dieser Art kennen lernt. Der Rest des Cartoons zeigt, wie Beach Picnic, einen heiter, melodisch dahinquackenden Donald und dann erstmal seine Probleme, einen Liegestuhl aufzubauen. Zum Schluss eskaliert die Situation durch das Eintreffen eines gewaltigen Bären.

Unter diesen drei Cartoons fällt Donald's Vacation insofern etwas aus dem Rahmen, als dass unser schnatternder Alltagsheld in diesem von Barks/Hannah entworfenen Film deutlich mehr rumzetert und auch einiges an sehr komödiantischen Text in den Schnabel gelegt bekommt. In Tea for Two Hundred dagegen hat er nahezu gar nichts zu sagen.

Den beiden älteren Cartoons ist unterdessen gemein, dass sie rund zwei Minuten länger sind als Tea for Two Hundred. Dieser verzichtet unter anderem darauf, Donalds Genuss an seinem freien Tag durch comichaften Gesang darzustellen, wodurch schon einige Zeit gespart wird. Es ist aber nicht nur eine Zeitsparmaßnahme, sondern obendrein auch ein Zeichen dafür, wie sich innerhalb von weniger als zehn Jahren der Humor änderte. Das schrille Singen von Disney-Cartoonhelden war noch ein Überbleibsel aus den sehr musikalischen Anfängen des animierten Kurzfilms, welches in einigen frühen Produktionen wie Mickey's Grand Opera sogar den ganz großen Aufhänger bildeten. Aber der Humor des Publikums änderte sich, so wurde etwa das Interesse an cartoonigen Verfolgungsjagden größer, und in Disney-Cartoons wurde mit der Zeit immer seltener schrill gesungen. Zu den raren Ausnahmen zählt etwa Zip-A-Dee-Doo-Dah aus dem Disney-Kinoerfolg Onkel Remus' Wunderland, welches Donald 1948 in Soup's On anstimmt. Dies lässt sich aber auch als disneyinterne Anspielung verbuchen und ist zudem deutlich knapper, als sein Geträller in den Cartoons der 30er und frühen 40er.

Tea for Two Hundred ist mit seiner kürzeren Laufzeit zudem geradliniger. Bereits nach wenigen Sekunden werden die Ameisen eingeführt, die Donald zunächst neckt, wodurch er sich dann aber den Kleinkrieg mit ihnen einbrockt, der sich bis zum Gebrauch von Dynamit steigert. Beach Picnic und Donald's Vacation lassen sich hingegen nicht als Cartoons beschreiben, deren Fokus darauf liegt, dass Donald sich mit Tierchen anlegt, sondern folgen eher der Leitfrage "Donald will seine Freizeit genießen, was kann dabei alles schief gehen?" Vergleicht man diese zwei Kurzfilme miteinander, wird einem auch bewusst, weshalb sich in den Disney-Studios üblicherweise feste Gruppen für die einzelnen Cartoonreihen durchsetzten. Geronimis Beach Picnic zerfällt in seine Segmente, vereinzelte Gags treffen zwar, komplett betrachtet ist er allerdings eher zähflüssig.

Jack Kings ein Jahr später gestarteter Donald's Vacation ist zwar ebenfalls ein Sammelsurium an Einfällen, doch ihm gelingt es, sie durch Donalds launenhafte Natur und einem stimmigen Tempo zu vereinen. Natürlich gibt es im riesigen Fundus an Disney-Filmen Beispiele für gelungene "Gastregie" (etwa den an dieser Stelle bereits besprochenen Der Fuehrer's Face), trotzdem erweist sich die Einteilung der Gagschreiber und Cartoon-Regisseure (sowie deren gezeichneten Stars) in feste Gemeinschaften als schlüssiges, fruchtendes System. Eines, aus dem Jack King bei Veröffentlichung von Tea for Two Hundred ausschied: 1948 kamen seine drei letzten Regiearbeiten in die Kinos. Sie alle zeigen Donald in für ihn typischen, tückischen Situationen, die vom Humor her trotzdem ganz anders sind, als die nicht minder zu dieser Figur passenden Jack-Hannah-Filme.


Die späteren Cartoons unterscheiden sich unter anderem auch durch die mit satteren Farben umgesetzten Hintergrundgemälde (etwa von Thelma Witmer) von den frühen Anfängen (oben: Beach Picnic, unten: Tea for Two Hundred)

Wie schon im Jahr zuvor, wurden 1949 bei den 21. Academy Awards gleich zwei Disney-Produktionen als bester animierter Kurzfilm nominiert. Neben Tea for Two Hundred wurde mit Mickey and the Seal diese Ehre auch erstmals nach dem 1941 produzierten Oscar-Gewinner wieder einem Micky-Kurzfilm zu Teil.

Es war zudem das erste Jahr nach der Blütezeit des Stummfilms, in dem ein Darsteller ohne Text mit dem Oscar prämiert wurde. Tja, die Filmgeschichte läuft in Zyklen ab.

In der Kategorie "Bester animierter Kurzfilm" wurde außerdem Robin Hoodlum nominiert, ein Cartoon aus der Screen-Gems-Kurzfilmreihe über eine Krähe und einen Fuchs. Dieser Eintrag in ihre Filmserie ist ein ganz besonderer, da das übliche Schema "Die Krähe ist der Held und muss sich gegen den Fuchs wehren" auf den Kopf gestellt wurde, indem die Krähe als Sherrif engagiert wird und die Zuschauer nun auf der Seite des Fuchs stehen sollen, der vor der übereifrigen Krähe fliehen muss. Mit The Little Orphan wurde zudem ein weiteres Mal ein Tom & Jerry-Cartoon nominiert, der letztlich auch den Oscar gewann und dem Katz-und-Maus-Duo so seinen fünften Goldjungen einbrachte. In diesem Film nimmt Jerry über Thanksgiving ein außerordentlich verfesssenes Mäusewaisenkind unter seine Fittiche und muss deshalb nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Teilzeitschützling gegen Kater Tom verteidigen.

Zu guter letzt wurde auch der Looney Tunes-Kurzfilm Mouse Wreckers von Charles M. Jones nominiert. Dieser hatte das nunmehr größtenteils vergessene, selbst einigen Looney-Fans unbekannte Mäuse-Duo Hubie & Bertie als Star, die in den Jahren zuvor Jones schnelleren Humor etablierten und mit Mouse Wreckes in Form des Katers Claude Cat einen neuen Erzfeind erhielten. Die beiden Mäuse wollen sich in diesem Cartoon ein einladendes Haus zur neuen Heimat machen, müssen dazu jedoch unter Verwendung von Slapstick-Gewalt erstmal die Hauskatze verjagen.

In dieser Artikelreihe bin ich ja bemüht, die Oscar-nominierten Donald-Cartoons historisch einzuorten, wozu auch ab und an ein Blick auf die Qualität gehört. Diese Betrachtungen laufen selbstredend eher Gefahr, vom Objektiven ins Subjektive zu driften. Erwähnt werden sollte er meines Erachtens nach trotzdem: Auch wenn Tea for Two Hundred dank der einprägsameren und vor allem auch mühevollen Animation der Ameisen und einem zu Hochform auflaufenden Oliver Wallace, der den gesamten Cartoon mit wandelbaren Melodien untermalt, es vollauf verdient hat, neben der oben genannten Konkurrenz nominiert zu werden, so zieht er im internen Wettstreit der 1948 veröffentlichen Donald-Kurzfilme leicht den Kürzeren. Jack Kings Drip Drippy Donald lässt einen übermüdeten Donald mit einem enervierenden, tropfenden Wasserhahn aneinander rasseln und lässt Disneys Sound Department mit diesem Konzept freien Lauf, so dass ein Stück Tonfilmgeschichte entsteht. Donald's Dream Voice parodiert gekonnt die Sprachprobleme seines Titelhelden, mit dem Gerichtsdramen originell parodierenden The Trial of Donald Duck verabschiedete sich Jack King mit einem ungewöhnlicheren Cartoon in den Ruhestand, und Jack Hannah fand mit Three for Breakfast die Kernformel für einen schmissigen "Donald vs. Chip & Chap"-Cartoon.

Mein persönlicher Favorit dieses Jahres ist aber Soup's On, Jack Hannahs wild gewordene Variante der "Donald und seine Neffen"-Filme, die er als Autor zusammen mit Carl Barks prägte. Sie alle hätten eine Oscar-Nominierung mindestens genauso sehr verdient, wie Tea for Two Hundred. Neben dem Cartoon mit den Frühstück ruinierenden Chip und Chap passt dieser aber am besten ins damalige Beuteschema dieser Oscar-Kategorie – und damit überlasse ich das restliche Diskussionsfeld euren eigenen Köpfen. Ganz gleich, ob ihr zustimmt oder widerstrebt.


Die tänzelnde Wurstschlange, ein vergessener Klassiker des Disney-Humors (oben: Beach Picnic, unten: Tea for Two Hundred)

1948 war nicht bloß das Jahr, in dem sich Jack King in den Ruhestand verabschiedete und eine kunterbunte Mischung aus atypischen Donald-Cartoons sowie ausgezeichneten Ausformungen klassischer Donald-Formeln in die Kinos kam, sondern auch das Jahr, in dem der gefiederte Disney-Star wieder vermehrt Wutanfälle an den Tag legen durfte. Filme mit den für ihn so markanten Temperamentsausbrüchen waren in den Jahren zuvor noch deutlich in der Unterzahl, irgendwie war Donalds Charakter in den Kriegs- und Nachkriegsjahren etwas besonnener. Aber nun lässt sich langsam erkennen, dass die Donald-Filmreihe wieder einen bestimmten Weg anschlägt: Donald sollte in vielen Cartoons dieser Ära sein Umfeld necken und durchdrehen, sobald seine Einfälle übermäßige Reaktionen auslösen. Donald, der emotionsgeladene Frechdachs, der sich gleichzeitig auch in der Opferrolle befindet.

Dieses Bild zeigte 1948 neben Tea for Two Hundred auch Three for Breakfast, in welchem er Chip und Chap nicht einfach vom Frühstückstisch verjagt, sondern mit Gummi-Pfannkuchen in die Irre führt oder auch entnervt in den Toaster steckt. Was so nonchalant runter geschrieben viel brutaler klingt, als es ist. Denn parallel dazu sollte man als Zuschauer auch Verständnis für Donald haben, der einfach in Ruhe frühstücken will. Andere Cartoonreihen hatten zu dieser Zeit scharf umrissene "Sympathieträger / Antipathieträger"-Grenzen. So wollten die Macher von Sylvester und Tweety angeblich, dass sich das Publikum moralisch mit Tweety verbündet, während ab 1949 beim Road Runner und dem Kojoten die Sympathie dem Jäger gelten sollte.

Wie bereits erwähnt, war Tea for Two Hundred der erste von nur zwei Auftritten der karikaturhaften Ameisen. Für weitere Verwendungen waren sie auch einfach nicht flexibel genug. Chip und Chap hingegen boten sich sehr wohl für etwas Abwechslung an, und so kamen 1949 bereits drei Cartoons mit ihnen heraus. Der andersartigste von ihnen erhielt schließlich auch eine Oscar-Nominierung, und deshalb werden wir den Nagern im nächsten Entengold auch wieder begegnen.

Freitag, 27. Januar 2012

Miss Piggy zu Gast bei neoParadise

Wer Joko und Klaas nicht mag, der hat entweder einen sehr "ernsten" Humor oder immer nur die falschen Ausschnitte aus MTV Home gesehen. Klar, nicht jede ihrer Aktionen ist ein Bringer, aber sie vereinen das Freche eines frühen Stefan Raabs mit der Anarchie eines lustvollen Harald Schmidt und der Idiotie von Simon & Elton. Manchmal schleicht sich sogar ein Hauch des satirischen Anspruchs in ihre Auftritte. So auch bei ihrer ZDFneo-Show neoParadise. Nicht alles läuft dort rund, aber die Gespräche mit den Gästen sind stets sehr unterhaltsam.

Gestern wurde wohl ein neuer Höhepunkt in der Karriere dieser zwei Berufs-Flitzpiepen erreicht. Joko interviewte einen der berühmt-berüchtigsten noch aktiven Filmstars, während Klaas vergnügt grinsend daneben saß. Miss Piggy war zu Besuch, und was dabei rauskam, könnt ihr euch hier ansehen:



Die Muppets ist seit letzter Woche in den deutschen Kinos zu sehen und ein absoluter Pflichtpunkt in eurem diesjährigen Kinoprogramm (selbst wenn ihr daran zweifelt, glaubt mir einfach)! neoParadise läuft jeden Donnerstag ab ca. 22.40 Uhr auf ZDFneo und ist auch jederzeit in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Donnerstag, 26. Januar 2012

The Artist


Mit den Oscar-nominerten Filmen Avatar und Hugo Cabret hat das moderne 3D den Film-Olymp erreicht. Trotzdem wird diese Technologie den Ruf nicht los, nur Augenwischerei zu sein, die keine künstlerische Relevanz hat. Das Kino kam jahrzehntelang ohne 3D aus, wieso sollte man plötzlich damit neue Wege finden, Geschichten zu erzählen?

3D hat allerdings auch seine Verteidiger. Einige von ihnen, darunter Martin Scorsese, vergleichen 3D mit Farbe: Man kann Farbe verwenden, einfach nur, weil es Standard wurde, weil es realistischer aussieht, als schwarz-weiß. Doch man Farbe auch verwenden, um den Prozess des Geschichtenerzählens voranzutreiben.
The Artist schlägt derweil in die komplett andere Richtung aus. Während Martin Scorsese mittels 3D früheren Kinozeiten gedenkt, erinnert Regisseur Michel Hazanavicius daran, dass nicht 3D, nicht Farbe, sondern auch der Ton schierer Luxus ist. Er versetzt uns zurück in eine Zeit, als der Stummfilm noch zur Tagesordnung gehörte, und erzählt die Geschichte eines Stummfilmstars, der sich dem modernen Hokuspokus des Tonfilms verweigert. Und dadurch in ein Karrieretief fällt. Erzählt wird diese Geschichte ... ohne Ton. Prätentiöse Kunst, die sich über moderne Techniken echauffiert? Nein! The Artist ist kein snobistisches Produkt eines der Moderne überdrüssigen Zynikers, sondern eine liebevolle und engagierende Hommage an eine verloren gegangene Filmkunst. Und wie kann man Menschen besser für vergessene Künste begeistern, als sie zum Lachen und zum Mitfiebern zu bringen?

The Artist ist eine wunderbare Vereinigung von Kunst und Unterhaltung. Sich technisch und handwerklich bewusst einzugrenzen und mit einer scheinbaren Leichtigkeit eine Hohelied auf den Stummfilm und Künstlerseelen zu singen, erfordert ungeheures künstlerisches Geschick. Doch zugleich ist The Artist im diesjährigen Oscar-Rennen auch der vergnüglichste Anwärter auf die Goldstatuette für den besten Film. Man lacht und leidet mit den Hauptfiguren, man strahlt über den unschuldigen Witz, den der Filmhund Uggie mitbringt, man summt beinahe schon die vergnügliche Filmmusik mit und man wundert sich letztlich, wieso in Filmen eigentlich so viel gelabert wird. The Artist verzaubert und begeistert ohne große Worte. Das ist Unterhaltungskino wie aus den 20er-Jahren, dank sehr feiner Ironie aufbereitet für ein Publikum des neuen Jahrtausends. Und es ist letztlich auch große Kunst - ohne die Arroganz, vieler anderer großer Kunstfilme.

Mittwoch, 25. Januar 2012

52 Songs #30: Versuchung

Konnas verflucht clevere Aktion, die ihm für die Dauer eines Jahres massenhaft Links aus der Blogosphäre einbringt, geht in die 30. Runde. Und die handelt von etwas, in das wir nur ungerne geführt werden: Versuchung.

Und welche Versuchung lässt sich musikalisch eingängiger bearbeiten, als die, jemanden zu lieben, den man nicht lieben sollte? Es ist ein Motiv, das sich für poetische Vergleiche eignet, für Melodien, die Entschlossenheit ausdrücken und somit dem gelegentlich ins Verzweifelte ausbrechenden Gesang gegenüberstehen ...


Alice Cooper - Poison von centrum99

Und damit diejenigen, die sich 52 Songs-Beiträge durchlesen, um neue Musik kennenzulernen, und nicht um zu wissen, für welchen Rockklassiker sich der Autor entschieden hat, eine gewisse Chance haben, diese Woche glücklich zu werden, gibt's von mir noch einen Bonustrack. Versuchung muss ja nicht immer Gift für einen sein. Es gibt auch Versuchungen, die richtiggehend beißend zu sein scheinen:

Dienstag, 24. Januar 2012

Oscar 2012: Prognosenauswertung, die Nominierungen, Kommentare


 Eine ausführliche Betrachtung der Oscar-Nominierungen findet ihr hier, an dieser Stelle folgen hingegen nur die Fakten, meine Prognosen-Auswertung und schnelle, kurze Reaktionen zu den einzelnen Kategorien.

Bester Film
- «The Artist»
- «The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten»
- «Extrem laut und unglaublich nah»
- «The Help»
- «Hugo Cabret»
- «Midnight in Paris»
- «Moneyball»
- «The Tree of Life»
- «Gefährten - War Horse»

Treffer: 7/9
Kommentar: Immer wieder wiegelte ich in Gesprächen und den Kommentaren hier im Blog die Möglichkeit einer Nominierung für Tree of Life ab. Ich gebe stolz zu, dass ich mich geirrt habe. Warum hätte ich ihn auch auf dem Schirm haben sollen, wo er doch einfach kein klassisches Oscar-Material ist? Auch wenn ich ihm einen Oscar-Sieg nicht wünsche (meine Filmkritik zu Malicks Magnum Opus folgt irgendwann zwischen übermorgen und dem St. Nimmerleinstag), so bin ich doch sehr froh über seine Nominierung. Extrem laut und unglaublich nah hingegen gehört für mich in die Kategorie von Der Vorleser. *Alten Hass wieder aufkommen lass*

Bester Hauptdarsteller
- Demián Bichir für «A Better Life»
- George Clooney für «The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten»
- Jean Dujardin für «The Artist»
- Gary Oldman für «Dame, König, As, Spion»
- Brad Pitt für «Moneyball»

Treffer: 3/5
Kommentar: Mich freut's ungemein, dass Gary Oldman mir meine Prognose versaut hat. Über Bichir kann ich noch nichts sagen und ich bin mir auch im Unklaren, ob ich irgendwann Lust habe, daran was zu ändern.

Bester Nebendarsteller
- Kenneth Branagh für «My Week with Marilyn»
- Jonah Hill für «Moneyball»
- Nick Nolte für «Warrior»
- Christopher Plummer für «Beginners»
- Max von Sydow für «Extrem laut und unglaublich nah»

Treffer: 3/5
Kommentar: 5 von 5 hätte ich hier eh niemals bekommen, meine "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt"-Prognose mit Serkis war ja eine Verzweiflungstat. Und ich hätte mich unter den ernsthaften Tipps niemals für Nolte entschieden. Passt also. Von Sydow hätte ich vorhersagen können, aber dafür war mir Brooks eine zu sichere Wahl.

Beste Hauptdarstellerin
- Glenn Close für «Albert Nobbs»
- Viola Davis für «The Help»
- Rooney Mara für «Verblendung»
- Meryl Streep für «Die eiserne Lady»
- Michelle Williams für «My Week with Marilyn»

Treffer: 4/5
Kommentar: Dass Mara drin ist, ist für mich (obwohl ich es vorhergesagt habe) eine ebenso große Überraschung, wie das Fehlen von Tilda Swinton. Mich freut's jedoch enorm für Mara. Nächster Schritt: Vollkommen unerwarteter Oscar-Sieg!

Beste Nebendarstellerin
- Bérénice Bejo für «The Artist»
- Jessica Chastain für «The Help»
- Melissa McCarthy für «Brautalarm»
- Janet McTeer für «Albert Nobbs»
- Octavia Spencer für «The Help»

Treffer: 4/5
Kommenar: Hier war ich zu sehr davon überzeugt, dass die Academy alle Klischees erfüllt. Glückwunsch an McCarthy: Für so eine verdiente wie atypische Nominierung opfere ich gerne meinen Prognosenschnitt!

Bester Animationsfilm:
- «A Cat in Paris»
- «Chico & Rita»
- «Kung Fu Panda 2»
- «Der gestiefelte Kater»
- «Rango»

Treffer: 3/5
Kommenar: Wow! Die Academy würdigt zwei europäische Independent-Zeichentrickfilme, die keinen solch großen Hype erlebten, wie L' Illusioniste letztes Jahr. Eine positive Überraschung! Und: Fuck Yeah, das seelenlose, kameratechnisch aber beachtenswerte Abenteuerchen Tim & Struppi hat es nicht geschafft! Und wer mir als nächstes sagt, dass die Academy Pixar für jeden Müll würdigt, bekommt die diesjährigen Oscarnominierungen von mir höchstpersönlich in die Schnauze gerammt. *Kopfkino*


Bestes Szenenbild:
- Laurence Bennett für «The Artist»
- Stuart Craig für «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2»
- Dante Ferretti für «Hugo Cabret»
- Anne Seibel für «Midnight in Paris»
- Rick Carter für «Gefährten - War Horse»

Treffer: 3/5
Kommentar: Mich freut's ungemein für Midnight in Paris, auch Gefährten gönne ich es. Dennoch hätte ich auch meine Favoriten gerne hier gesehen. *Dämliche Begrenzung auf fünf Nominierungen!*

Beste Kamera
- Guillaume Schiffman für «The Artist»
- Jeff Cronenweth für «Verblendung»
- Robert Richardson für «Hugo Cabret»
- Emmanuel Lubezki für «The Tree of Life»
- Janusz Kaminski für «Gefährten - War Horse»

Treffer: 5/5
Kommentar: Ich kenne halt meine visuellen Pappenheimer. Jetzt zwingt mich aber bitte nicht, einen eigenen und einen Oscar-Favoriten zu wählen ...

Bestes Kostümdesign
- Lisy Christl für «Anonymous»
- Mark Bridges für «The Artist»
- Sandy Powell für «Hugo Cabret»
- Michael O’Connor für «Jane Eyre»
- Adrianne Phillips für «W.E.»

Treffer: 3/5
Kommentar: Sandy Powell wird nicht gewinnen, da sie ja nur dann einen Oscar erhält, wenn Colleen Atwood ebenfalls nominiert ist.

Bester Regisseur
- Michael Hazanavicius für «The Artist»
- Alexander Payne für «The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten»
- Martin Scorsese für «Hugo Cabret»
- Woody Allen für «Midnight in Paris»
- Terrence Malick für «The Tree of Life»

Treffer: 4/5
Kommentar: Wo kommt denn der Herr Malick plötzlich her, und wieso kann er nicht Payne statt Spielberg aus dem Rennen kegeln?

Bester Dokumentarfilm
- «Hell and Back Again»
- «If a Tree Falls: A Store of the Earth Liberation Front»
- «Paradise Lost 3: Purgatory»
- «Pina
- «Undefeated»

Treffer: 1/5
Kommentar: Ich habe schlecht geraten.

Bester Kurz-Dokumentarfilm
- «The Barber of Birmingham: Foot Soldier of the Civil Rights Movement»
- «God is he Bigger Elvis»
- «Incident in New Baghdad»
- «Saving Face»
- «The Tsunami and the Cherry Blossom»

Treffer: 4/5
Kommentar: Ich habe gut geraten und habe nun Lust auf einen neuen Kurzfilmtag im Blog. Dann aber bitte mit mehr Rückmeldung, denn zu hören, wie die mir zusagenden Kurzfilme bei euch ankommen, war überhaupt erst der Anlass, sowas zu machen ...

Bester Schnitt
- Ann-Sophie Bion und Michel Hazanavicius für «The Artist»
- Kevin Tent für «The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten»
- Kirk Baxter und Angus Wall für «Verblendung»
- Thelma Schoonmaker für «Hugo Cabret»
- Christopher Tellefsen für «Moneyball»

Treffer: 3/5
Kommentar: Ich gönne Verblendung ja seine Anerkennung, aber den Schnitt hätte ich nun wahrlich nicht nominiert. Dann eher Midnight in Paris, der viel abgerundeter wirkt ...

Bester ausländischer Spielfilm
- «Bullhead» (Belgien)
- «Footnote» (Israel)
- «In Darkness» (Polen)
- «Monsieur Lazhar» (Kanada)
- «Nader und Simin - eine Trennung» (Iran)

Treffer: 3/5
Kommentar: Pina wird in der für mich "falschen" Kategorie berücksichtigt ...

Bestes Make-Up
- Martial Corneville, Lynn Johnston und Matthew W. Mungle für «Albert Nobbs»
- Nick Dudman, Amanda Knight und Lisa Tomblin für «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2»
- Mark Coulier und J. Roy Helland für «Die eiserne Lady»

Treffer: 2/3
Kommentar: Da habe ich The Artist ausnahmsweise überschätzt ...

Beste Filmmusik:
- John Williams für «Die Abenteuer von Tim und Struppi»
- Ludovic Bource für «The Artist»
- Howard Shore für «Hugo Cabret»
- Alberto Iglesias für «Dame, König, As, Spion»
- John Williams für «Gefährten - War Horse»

Treffer: 3/5
Kommentar: Zweimal Williams? Ich lege mich jetzt lieber nicht mit seinen Fans an, aber ich fand die Musik in Tim & Struppi zwar schmissig, aber nicht preiswürdig.

Bester Song
- „Man or Muppet“ von Bret McKenzie aus «Die Muppets»
- „Real in Rio“ von Sergio Mendes und Carlinhos Brown aus «Rio»

Treffer: 1/4 (da ich zwei Leerstellen mehr hätte erahnen sollen)
Kommentar: Needs more Muppet!

Bester animierte Kurzfilm
- «Dimanche/Sunday»
- «The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore»
- «La Luna» (Pixar!)
- «A Morning Stroll»
- «Wild Life»

Treffer: 3/5
Kommentar: Ein bisschen Pixar muss halt sein! :-)

Bester Kurzfilm
- «Pentecost»
- «Raju»
- «The Shore»
- «Time Freak»
- «Tuba Atlantic»

Treffer: 1/5
Kommentar: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen ...

Bester Tonschnitt
- Lon Bender und Victor Ray Ennis für «Drive»
- Ren Klyce für «Verblendung»
- Philip Stockton und Eugene Gearty für «Hugo Cabret»
- Ethan Van der Ryn und Erik Aadahl für «Transformers 3»
- Richard Hymns und Gary Rydstrom für «Gefährten - War Horse»

Treffer: 2/5
Kommentar: Ich wünsch's Verblendung.

Bester Ton
- David Parker, Michael Semanick, Ren Klyce und Bo Persson für «Verblendung»
- Tom Fleischmann und John Midgley für «Hugo Cabret»
- Deb Adair, Ron Bocar, Dave Giammarco und Ed Novick für «Moneyball»
- Greg P. Russel, Gary Summers, Jeffrey J. Haboush und Peter J. Devlin für «Transformers 3»
- Gary Rydstrom, Andy Nelson, Tom Johnson und Stuart Wilson für «Gefährten - War Horse»

Treffer: 3/5
Kommentar: Dito.

Beste visuelle Effekte
- Tim Burke, David Vickery, Greg Butler und John Richardson für «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2»
- Rob Legato, Joss Williams, Ben Grossman und Alex Henning für «Hugo Cabret»
- Erik Nash, John Rosengrant, Dan Taylor und Swen Hillberg für «Real Steel»
- Joe Letteri, Dan Lemmon, R. Christopher White und Daniel Barrett für «Planet der Affen - Prevolution»
- Scott Farrar, Scott BRenza, Matthew Butler und John Frazier für «Transformers 3»

Treffer: 3/5
Kommentar: Real Steel? Echt jetzt?

Bestes adaptiertes Drehbuch
- Alexander Payne, Nat Faxon und Jim Rash für «The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten»
- John Logan für «Hugo Cabret»
- George Clooney, Grant Heslov und Beau Willimon für «The Ides of March – Tage des Verrats»
- Steven Zaillian und Aaron Sorkin für «Moneyball»
- Bridget O’Connor und Peter Straughan für «Dame, König, As, Spion»

Treffer: 4/5
Kommentar: Dass The Help fehlt, überrascht mich. Ides of March ist nun auch nicht so schlecht, wie ich ihn manchmal wirken lasse, dennoch bin ich mir unschlüssig, ob ich ihn in dieser Kategorie dulden mag.

Bestes Original-Drehbuch
- Michael Hazanavicius für «The Artist»
- Annie Mumolo und Kristen Wiig für «Brautalarm»
- J. C. Chandor für «Der große Crash»
- Woody Allen für «Midnight in Paris»
- Asghar Farhadi für «Nader und Simin - eine Trennung»

Treffer: 3/5
Kommentar: Ich hätte es echt niemals gedacht, dass Brautalarm nominiert wird, nachdem schon Hangover an dieser Hürde scheiterte. Wow ...

Insgesamt: 75/119

Naja, eher so im dunkelgrünen Bereich. Besonders bedauerlich ist die eiskalte Schulter, die Super 8 erhielt, und ich hätte mich natürlich für ein paar Nennungen der verfluchten Karibik-Piraten gefreut. Aber da war ja eigentlich eh nicht viel zu erwarten.

Disaster Movie


Irgendwo da draußen sind Menschen, die dafür sorgen, dass die Filme des dilettantischen Regie- und Autorenduos Aaron Seltzer/Jason Friedberg Profit abwerfen. Ob Date Movie, Fantastic Movie oder Meine Frau, die Spartaner und ich sowie Beilight - Bis(s) zum Abendbrot; so viel das Genre der Filmparodie in Verruf bringender Schrott, und doch so viel finanzielle Einträglichkeit.

Zwischenzeitlich bestand jedoch ein kurzes Fenster, in dem Hoffnung für den Verstand der westlichen Zivilisation aufkeimte. Im Jahre 2008 bekamen diese humorbefreiten Spinner endlich eine Reaktion auf ihre qualitativ unterirdischen Machwerke zu spüren. Eine ihrer filmischen Katastrophen ging an den Kinokassen verdientermaßen baden: Disaster Movie. Seiner Free-TV-Premiere sei Dank konnte ich mich nun selbst davon überzeugen, ob diese "Parodie" solcher Filme wie Nachts im Museum, Indiana Jones und das Königreich der Kristallschädel sowie Beowulf (die allesamt den Titel "Katastrophenfilm" bestenfalls aus qualitativer Sicht verdient haben, und das ist auch nur davon abhängig, wen man fragt und selbst dann nur, so lange man solchen Müll wie die Seltzer/Friedberg-Fließbandproduktionen nicht zum Vergleich heranzieht) ihre Alleinstellung verdient hat.

Streng genommen sollte ja jeder Film von Seltzer/Friedberg floppen. Sofern die Strippenzieher des cineastischen Schicksals jedoch darauf bestehen, nur einen dieser verfilmten Schrotthaufen für seine Faulheit zu bestrafen, so hat es Disaster Movie tatsächlich am meisten verdient. Date Movie war eine Qual, Fantastic Movie hatte tatsächlich ein paar vereinzelte, halbwegs hinnehmbare Einfälle (was all den Witzmüll aber nicht wieder wett macht), Meine Frau, die Spartaner ist eine Beleidigung an den Intellekt der Kinogänger und Beilight hat wirklich aus den gröbsten Fehlern der vorhergegangenen Filme gelernt (war aber trotzdem weit unterdurchschnittlich). Doch Disaster Movie ... Selbst an den ultra niedrigen Standards von Seltzer/Friedberg gemessen ist Disaster Movie erschreckend grauenhaft.

Die "Story", wenn man überhaupt davon sprechen kann, handelt von Will, der am 29. August seinen Geburtstag feiert und davon geträumt hat, dass ihm eine säbelzähnige Amy Winehouse für dieses Datum den Weltuntergang vorhersagt. Ein gilber Kristallschädel soll mit diesen Ereignissen in Verbindung stehen ...
Will erzählt seiner Freundin davon, die ihm jedoch nicht glaubt und Schluss macht. Davon unbeirrt feiert Will zu seinem 25. Wiegenfest seinen 16. Geburtstag nach. Während der Geburtstagsfeier erschüttert ein Erdbeben die Stadt. Zusammen mit seinen engsten Freunden macht er sich also auf, die Stadt zu verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Als er erfährt, dass seine (Ex-)Freundin in einem Museum eingeschlossen ist, ändert er seine Pläne, und macht sich auf den gefährlichen Weg, sie zu retten. Dabei rennen er und seine Freunde von einer miesen Filmparodie zur nächsten ...

Disaster Movie basiert zu gefühlt 89% seiner Laufzeit auf einem einzigen "Witz", der bis zum Hirntod wiederholt, in die Länge gezogen und wiederholt wird. Eine der Hauptfiguren blickt neben sich, sieht eine Flitzpiepe in einem billigen Filmfigurenfigur und sagt: "Oh, hey, Name der Filmfigur!" Manchmal bringt die Faulheit von Seltzer und Friedberg, oder vielleicht doch eher ihre Vermutung, wie blöd das Publikum ihres Films sei, etwas Variation hinein, und eine Filmfigur wird mit den Worten "Oh, hey, Typ/Mädel aus Name des Films, aus dem diese Figur stammt!" begrüßt.

Ja, so hirnrissig ist diese "Filmparodie". Die Hauptfigur rennt in einen Typen mit einem schäbigen Pandakostüm und grüßt ihn: "Oh, hey, Kung Fu Panda!" Wer also wissen möchte, wie es sich anfühlt, auf dem unterirdischen intellektuellen Niveau zu sein, in dem man rein deskriptive Gedanken fassen kann ... Disaster Movie hat für euch die Antwort bereit.

In den meisten Szenen wird ja nicht einmal etwas mit den billigen Parodien von Figuren anderer Filme etwas angefangen. McLovin aus Superbad steht hinter der Bar auf Wills Super Duper Sweet Sixteen-Party (ihr müsst jetzt lachen, Seltzer/Friedberg haben dem Super Sweet Sixteen ein Wort hinzugefügt! Hahahahaha!) und sagt seinem Freund (einem miesen Jonah-Hill-Double): "Ich bin McLovin!". Dann gehen sie wieder. Iron Man, Hulk und Hellboy tauchen auf, um sich den Naturkatastrophen zu stellen, sagen ihren Namen auf (damit auch jeder Depp weiß, wer gemeint ist ... was Schwachsinn ist, denn wenn ich Hellboy nicht kenne, dann lache ich auch nicht über seine Parodie, sobald ich ihr einen Namen zuordnen kann!), bekommen eine Pappkuh entgegengeschleudert ... und das war's.

Seltzer/Friedberg scheinen mir zwei Spaten zu sein, die liebend gerne Musikvideos drehen würden, aber zu unysmpatisch und dilettantisch sind, um jemals mit einem Musiker mit einem Funken Selbstrespekt einen Deal abzuschließen. Denn wenn in Disaster Movie nicht einfach nur eine zehntklassige Kopie einer Filmfigur aufkreuzt, um beim Namen genannt zu werden, dann wird gesungen. Schlecht arrangiert, orchestriert, choreographiert und getextet. Aber es wird gesungen. Viel zu lang und ohne jede Pointe. Wills Geburtstagsfeier wird unnötig in die Länge gezogen, indem Jungs und Mädels in High School Musical-Outfits aufkreuzen, und dann erstmal darüber singen, dass sie Freunde sind (soll das die überzogene Heile-Welt-Mentalität der Disney-Channel-Filme persiflieren? Wenn ja, wo bleibt die satirische Spitze?), dann liefern Seltzer/Friedberg in Musikform noch überflüssige Charakterexposition ab (!!!!), dann taucht der weltschlechteste Justin-Timberlake-Impersonator auf sowie eine untalentierte Kopie von Jessica Simpson. Der Schluss des Films ist wiederum eine minutenlange Vergewaltigung von Jimmy Kimmels und Sarah Silvermans urkomischen I'm fucking Matt Damon. Die alles vergisst, was am Original eigentlich komisch war.

Es gibt Besoffene, die sich mit zugeknalltem Kopf mehr Mühe machen, die ideale Pinkelstelle zu finden, als Seltzer/Friedberg bei Disaster Movie. Es gibt kaum Gags, das meiste ist nur das sinnbildliche Abhaken einer Liste sämtlicher Filme, die dieses Schreckensduo nach Drehschluss gerne sehen will. "Angesprochen? Jepp!" Und ja, die meisten "parodierten" Filme haben die zwei tatsächlich nicht gesehen, da sie erst nach Disaster Movie rauskamen - oder während der Postproduktion (die so lang nicht gewesen sein kann). Was erklärt, weshalb viele Parodien auch noch ihre Vorlage nichtmal so richtig verstanden haben. 

Im ganzen Film gibt es einen halbwegs guten Gag. Einen einzigen! Im Radio ist davon die Rede, wie Meteore ganze Stadtteile zerstören. Den Partygängern ist dies schnuppe. Dann heißt es, dass ein Starbucks zerstört wurde. Panik bricht aus. Ein sehr flacher Witz, aber er persifliert wenigstens etwas, nämlich die Kaffeegeilheit unserer Gesellschaft. Ich als Kaffeehasser konnte darüber schmunzeln. Der Rest des Films glich dagegen dem Zugucken trocknender Farbe. Mit gelegentlicher Holzhammer-Lobotomie.

Siehe auch:

Montag, 23. Januar 2012

Die Muppets

"Die Muppets finden durch eine Gruppe treuer Fans zu ihren Ursprüngen zurück." Damit lässt sich die Story des neuen Muppet-Kinofilms ebenso zusammenfassen, wie die Produktionsgeschichte. Aber gut, holen wir mal etwas ausführlicher aus:

Die ungleichen Brüder Gary und Walter wachsen in der beschaulichen Stadt Smalltown auf, irgendwo mitten in den USA. Der (puppenhafte) Walter wird aufgrund seiner kleinen Statur häufig gehänselt, findet aber stets Rückhalt bei seinem warmherzigen (menschlichen) Bruder, sowie im gutmütigen, durchgeknallten Humor der Muppets. Auch lange, nachdem die Muppets ihren Zenit überschritten haben, sind Gary und Walter riesige Muppet-Fans. Walters Lebenstraum ist es, einmal die Muppet-Studios zu besuchen und der verrückte Truppe in persona zu begegnen. Gary, die treue Seele, lädt Walter deshalb auch mit nach Los Angeles ein, wo er zur Feier des zehnjährigen Jubiläums seiner Beziehung mit der Grundschullehrerin Mary hinfährt. Diese wünscht sich zwar, Gary würde sich endlich von seinem kindlichen Bruder emanzipieren, schluckt ihren Ärger aber (bemüht verständnisvoll) herunter. In Los Angeles angekommen muss Walter dann der Wahrheit ins Gesicht sehen: Die Muppet-Studios sind zerfallen, die Truppe getrennt, und die schäbigen, einen Schatten der alten Glanzzeit darstellenden Studios stehen zum Verkauf. Noch dazu an einen raffgierigen Ölbaron, der diese muppethistorische Stätte dem Erdboden gleichmachen will. Um das Studio zu retten, müssten die Muppets wieder zusammenfinden und eine Show auf die Beine stellen ... Jetzt liegt es an Walter, die Muppets zusammenzutrommeln und für ein Comeback zu motivieren. In einer Zeit, in der nur noch zynischer, weltverdrossener Humor und das Publikum verblödende Haudrauf-Unterhaltung zieht ...

Merkt man, dass nicht ein Standard-Muppetautor das Drehbuch zu Die Muppets geschrieben hat, sondern zwei gewaltige Muppet-Fans, die ihre Idole wieder auf der großen Leinwand sehen wollen? Die Muppets ist im Grunde ein glorifiziertes, offiziell abgesegnetes Fanfic. In meiner Zusammenfassung scheint der "Bitte, bitte, nehmt die Muppets wieder wahr!"-Ansatz zugegebenermaßen zu stark durch, der Film bettelt weniger um Aufmerksamkeit (oder schimpft das Publikum für seine Muppetverdrossenheit aus), als dass er eigentlich recht ehrlich mit der Lage der Muppets umgeht. Neben dieser ungewohnt ehrlichen Reflektion dessen, dass die Muppets eigentlich längst aus der Mode sind, flossen auch ein paar Seitenhiebe auf Disney ein. In mehreren Presseinterviews erzählte Jason Segel, dass er während der Zusammenarbeit mit den Jim Henson Studios (die im Rahmen von Nie wieder Sex mit der Ex stattfand), dass er gerne die Muppets sehen würde. Und als ihm erklärt wurde, dass sowohl die Rechte an den Muppets, als auch die tatsächlichen Puppen bei Disney liegen, habe er diese traurige Vorstellung der verlassenen Muppet-Heimat vor Augen gehabt.

Man merkt dem Film immer wieder an, wie Segel zunächst von Disneys Übernahme der Muppets dachte. Die Heimat der Muppets ist verlassen und vergammelt. Ein raffgieriger Konzernbonzen will die Rechte an den Muppets an sich reißen und auf ihrem Vermächtnis herumtrampeln. Neeeein, das hat nichts mit Disney zu tun ...

Tja, und dann ist Die Muppets zu guter letzt auch Jason Segels selbst erfüllter Wunsch, einfach mal eine Episode der Muppet Show zu schreiben. Das bedeutet natürlich, dass der Plot des Films ungeheuerlich simpel ist. Mehr noch, als der anderer Muppet-Filme. Und gewisse Parallelen zu It's a Very Merry Muppet Christmas Movie sind auch nicht zu leugnen. Um ehrlich zu sein: Mir ist das völlig schnuppe. Soll der eigentliche Plot doch so dünn sein, wie ein Blatt Papier. Er wird sehr ansprechend umgesetzt und mit einigen gut ausgearbeiteten Zwischentönen versetzt. Zudem: Wir alle wollten die Muppets wohl endlich mal wieder als sie selbst erleben, statt als wandelnde Weihnachts-Grußkarte oder ungewöhnliche Darsteller in einer Literaturverfilmung. Die Muppets haben sich in ihrer eigentlichen Form schon kennengelernt, ein Broadwaymusical auf die Bühne gebracht und einen Diamantenraub aufgeklärt - dann lasst sie doch im Kino endlich mal eine Fernsehshow machen. Sofern es bei diesem einen Mal bleibt, gehe ich damit völlig d'accord!

Kommen wir nun aber zur eigentlichen Filmkritk. Ihr konntet ja bereits andernorts nachlesen, dass mir der Film sehr gefiel. Um euch hier im Blog etwas mehr bieten zu können, als einen bloßen Hinweis auf diese Kritik, wollte ich mit meiner "Bonuskritik" an dieser Stelle warten, bis ich den Film nochmal "privat" und mit einem Freund sehen konnte. Um vor diesem Hintergrund neu über den Film berichten zu können und vielleicht auch ein paar persönliche, höchst subjektive Lieblingsstellen aufzuzeigen. Und um den Artikel nicht noch weiter in die Länge zu ziehen und uns allen Zeit zu sparen, mache ich das stichwortartig! *Muppet-mäßiger Metagag, hey!*

Das Disney-Feeling
Okay, für manche andere ist es sicher auch ein nostalgisches, Herzen erwärmendes Muppet-Kinofilm-Feeling. Aber da mich die Musik aus den Non-Disney-Muppet-Filmen niemals so richtig packte, sondern bestenfalls amüsierte, nenne ich es an dieser Stelle halt Disney-Feeling. Was so falsch auch nicht ist, denn allen Seitenhieben zum Trotz ist Die Muppets auch ganz klar ein Disney-Streifen. Die Hauptstraße von Smalltown sieht aus wie die Main Street U.S.A. (nur mit maroderem Asphalt *g*), es gibt einen gigantischen "Hidden Mickey", und die ganze Botschaft von Freundschaft und Lebensoptimismus ist halt nicht nur etwas, das aus den klassischen Muppetfilmen entsprungen sein könnte, sondern sich auch ideal in die Disney-Filmgeschichte fügt.

Ein wohliger Schauer erfüllte mich ja im letzten Abschnitt der ersten Musicaleinlage Life's a Happy Song: Dutzende von Tänzern, ein sonniger Schauplatz, eine lebensfrohe Melodie, der kleine Muppet Walter wird keck lächelnd auf einem Koffer ins Bild gefahren und das Orchester schwillt nochmal richtig an. Das versprüht die Stimmung der tollen, früheren Disney-Realfilmmusicals wie Mary Poppins (oder auch früherer Judy-Garland- und Mickey-Rooney-Filme, aber das vermiest mir wieder die Unterüberschrift). Aber auch später im Film kommt immer wieder dieses glückselige, unbesorgte Gefühl auf, einen Film zu sehen, der sein Publikum einfach nur beglücken will. Klasse.

Amy Adams und Jason Segel
Wirklich gefordert werden die beiden wahrlich nicht in diesem Film, das stimmt. Da hatten Tim Curry (Muppets - Die Schatzinsel) und Michael Caine (Die Muppets-Weihnachtsgeschichte) neben den Muppets mehr Gelegenheit, sich zu beweisen. Auch hätte ich mir gewünscht, dass die Zerrissenheit von Jason Segels Gary, zwischen unbekümmerter, ewiger Jugend in einer Welt des Muppet- und Disney-Kitsch, und einer "echten" Beziehung mit Mary besser ausgelotet wird. Der Konflikt wird immer wieder angedeutet, ich habe ihn lieber halbgar im Film drin, als komplett draußen (da er der Geschichte etwas Erdung gibt sowie die Chance für eine tolle Gesangseinlage), dennoch wünsche ich mir mit Blick auf dessen, was Pixar vermagt, irgendwie mehr Tiefe. Wenn Jason Segel aber dazu kommt, seine Rolle richtig auszuspielen, macht er das sehr charmant und nachfühlbar. Zugleich ist er aber in einigen gemeinsamen Szenen mit den Muppets sowie in vielen Momenten des bereits genannten Life's a Happy Song wirklich denkbar kurz davor, in einen Freudentaumel auszubrechen, tatsächlich mit den Muppets drehen zu dürfen. "Gutes Schauspiel" ist das nun nicht, jedoch spielt er ja zum Glück einen Muppet-Fan (womit man sich sein kindliches Grinsen auch werkimmanent erklären kann) - und Segel ist mir auch enorm sympathisch, weshalb ich darüber hinwegsehen kann. Wer Segel (weshalb auch immer) nicht leiden kann, könnte sich aber ab und zu an ihm stoßen, befürchte ich.

Amy Adams hat darstellerisch noch weniger zu tun, ist allerdings genauso grundsympathisch und kann im Gegensatz zu Jason Segel ihre wahre Freude über ihre Rolle insofern verbergen, als dass sie nie davor ist, die Illusion zu brechen. Zugleich spürt man aber natürlich auch ihr an, wie sehr sie die Arbeit an diesem Film genießt. Und diese Spielfreude ist sehr viel wert - eigentlich ist Mary keine nennenswerte Figur. Sie hält Gary etwas auf dem Boden der Tatsachen, ist jedoch keine "Antagonistin" und somit öfter Mittel zum Zweck. Doch sie ist sooo sympathisch, und Adams kann hervorragend singen und tanzen. Segel und Adams sind somit die Multiplikatoren der Filmwirkung: Die Muppets machen einen in diesem Streifen wieder richtig glücklich, und die Dynamik dieser beiden verstärkt alles nochmal.

Der Humor
Die Muppets wurden nicht weichgespült. Es gibt versteckte Zweideutigkeiten, eine kurze Drogenanspielung und humoresque Gewalt. Wie in guten, alten Zeiten, als die Muppet-Macher Janice von ihrer Einstellung zu Nacktfotos erzählen ließ und Sketche, die keinen Schlusspunkt finden wollen, damit beendet haben, alle darin vorkommenden Muppets in die Luft zu jagen. Die Muppets werden in diesem Film allerdings auch nicht verdorben. Manche der jüngeren Muppet-Werke jagten Fans der ersten Stunde ja richtige Schrecken ein, hier hingegen zeigen sie wieder ihren grundauf positiven Humor. Sie sind albern, durchgeknallt, bescheuert ... und niemals böswillig. Es gibt saudämliche Wortwitze, cleveren Meta-Humor und sowohl Dinge, wo man denkt "Nee, das machen die jetzt doch nicht?!", als auch wirklich fantasievolle Einlagen. Mir ganz persönlich fehlte nur eine würdige Repräsentation der surrealen Seite der Muppet Show. Es fanden zwei skurrile Gesangsnummern den Weg in den Film, in denen die Muppets auf ihre eigene Art Chartmusik coverten, was eigentlich auch vollauf amüsant ist. Nur hätte es für mich noch eine dieser künstlerisch-abgehobenen Stücke geben dürfen. Naja, vielleicht an anderes Mal.

Dennoch: Franz Oz äußerte sich ja negativ über den Eindruck, den ihm das Marketing vermittelte. Die Muppets hätten ihr Niveau verloren. Nein. Sie fanden es wieder!

Die Muppets
Die Muppets sind eine so große Gruppe an Figuren, dass es nahezu unmöglich ist, jeden Muppet-Fan bezüglich der Aufmerksamkeit, die einzelnen Persönlichkeiten zu Teil kommt, vollauf zufriedenstellen kann. Dieser Film stellt zum Beispiel Gonzo wieder etwas weiter zurück. Da er in den letzten drei Kinofilmen eine sehr prominente Rolle hatte, ist das vollkommen verständlich, ja, fast sogar fair. Richtig glücklich bin ich auch, dass Miss Piggy nicht überreizt wird. Natürlich hat sie ihre große Szenen, ihr kommt mehr Aufmerksamkeit zu Teil als Gonzo oder auch Fozzie, ihre vielen Fans werden also sicherlich nicht zu kurz kommen. Jedoch kann Piggy schnell auch übermächtig werden, und ich selbst war nie ein großer Anhänger von ihr, so dass es mich stets doppelt nervte, wenn ihr Diva-Gehabe, das ständige Rumbaggern und das Verprügeln von Co-Stars völlig aus dem Ruder lief. Der große Muppet-Krimi etwa leidet in meinen Augen sehr unter dem Rumgenöle Piggys. In Die Muppets dagegen wird sie genau richtig eingesetzt.

Schade finde ich hingegen, dass Honigtau Bunsenbrenner und Beaker nicht in ihrem wissenschaftlich-chaotischen Element gezeigt wurden. Und auch Rolf, der mit in diesem Film wohl endgültig wieder in der ersten Reihe der Muppet-Riege zurückkehrt, hätte gerne noch mehr von sich zeigen dürfen. Der Muppet-Fernsehmarathon im Film scheint fast nur aus Gesang zu bestehen - ein Tierklinik-Sketch hätte da noch sehr gerne mit hineingedurft. Vielleicht hätte man so auch Walters Rolle noch etwas weiter aufbauen können, etwa, indem ihm eine Rolle im Sketch angeboten wird, und er ablehnt oder in letzter Sekunde etwas umorganisiert werden muss.
Ich finde auch, dass Dr. Goldzahn und die Band noch ihren Musikstil mehr hätten ausleben sollen. Dafür stört es mich nicht so sehr, dass Statler und Waldorf so wenig vorkamen. Sie hatten in den Muppet-Filmen nie viel zu tun, und (ohne nachgemessen zu haben) mir scheint, dass sie in diesem mehr kommentieren, als je zuvor in den Kinofilmen. Das reicht mir schon. Dafür fand jeder andere, mit dem ich Die Muppets sah, den Mangel an den Meckeropas bedauerlich ...


Sonstige Gedanken
Als ich Die Muppets das erste Mal sah, fand ich die Wiedereinführung Rolfs, trotz ihrer humorigen Note, richtig rührend. Ich glaub, ich war sogar ganz kur davor, ein kleines Tränchen zu verdrücken. Jim Hensons liebster Muppet, der mangels eines hinnehmbaren Ersatz für Henson nach seinem Tod an den Rand gedrängt wurde, findet nun wieder im Kern der Muppet-Gruppe Platz. Und er hat all die Zeit über nur geruht ... Fast schon poetisch. Gleichzeitig ist es aber auch enorm witzig, wie Rolf seine Zeit ohne die Muppets verbracht hat, und das kam beim zweiten Mal besser rüber. Die Stimmung im Saal war viel lockerer, es wurde viel lauter über kleinere Gags gelacht, und *zack* war diese Stelle einfach nur urkomisch.
Das nervigste am Film war übrigens das digital eingefügte Cars 2-Poster, das in gleich zwei Szenen dämlich grinsend über das Geschehen wacht. Und da stimmt übrigens mein Kumpel mit mir überein, der Cars 2 nicht gesehen hat, also muss es nicht allein an meinem Hass für Pixars Kreativflop liegen. Wenn in vierzig Jahren nur noch Pixar-Fans von diesem Film wissen, und Die Muppets ein Musical- und Familienklassiker ist, wird man sich wegen dieser Crosspromotion noch in den Allerwertesten beißen.

Weiterführende Artikel: