Freitag, 31. August 2012

Play Dead

Der berührende Disney-Spielfilmklassiker Zurück nach Hause, gepaart mit der Zombie-Apokalypse, und das nicht auf einer perfiden, Schockeffekt suchenden Art, sondern mit Charme, Witz und Stil? Kickstarter-Projekte können wirklich verführerisch sein.

Andres und Diego Meza Valdes erzählen in Play Dead, einem Nachfolger im Geiste des 1993 gestarteten Disney-Films, von einer Gruppe Haustiere, die immun gegen die Zombieplage sind, und nun versuchen, in den zerrütteten Straßen Miamis zurecht zu kommen.

Bevor ich irgendwann wieder einen gesamten Kurzfilmtag veranstalte, verabschiede ich euch schlicht mit diesem Streifen in den September. Viel Spaß:


Beim Oscar 2013 gibt es fünf Nominierungen für den besten Song. Garantiert!


Für mich als Disneyfan müsste die Oscar-Kategorie "Bester Song" eigentlich eines der ganz großen Highlights sein. Doch in jüngster Vergangenheit fiel sie vermehrt negativ auf, statt als Zelebrierung toller Lieder für Freude zu sorgen. 2009 gab es bloß drei Nominierungen, und zwar zwei Mal für Slumdog Millionär und einmal für WALL•Es berührend-besonnenen Abspannsong Down to Earth. Bruce Springsteens viel gelobter und mehrfach ausgezeichneter Song für The Wrestler? Der blieb außen vor. 2011 schockierte die Academy, die sich erneut um die üblichen fünf Nominees herumscherte und stattdessen vier nannte, mit der kaum verständlichen Entscheidung, Randy Newmans monotone Toy Story 3-Nummer Rapunzel vorzuziehen. Und 2012 machte sich die Academy völlig lächerlich, indem bloß zwei Lieder zur Wahl standen. Wenigstens gewann mit Man or Muppet der richtige Kandidat.

Dass das stete Hin und Her in der Musikkategorie bei vielen Filmliebhabern zynische Reaktionen hervorrief, blieb der Academy nicht verschlossen, und tatsächlich reagierte sie. In einem aktuellen Statement hieß es, dass durch eine Regeländerung wieder fünf Nominierungen garantiert werden. Das regelmäßig kritisierte Punktesystem, das bislang Verwendung fand, wird abgesägt:
Während des Nominierungsprozess erhalten sämtliche Mitglieder des Musikarms eine Erinnerungsliste mit sämtlichen in dieser Kategorie eingereichten Werken sowie eine DVD-Kopie der Songausschnitte. Mitglieder werden darum gebeten, sich diese Clips anzuschauen und dann in Reihenfolge ihrer Präferenz für nicht mehr als fünf Errungenschaften in dieser Kategorie zu stimmen. Die fünf Errungenschaften, die die meisten Stimmen erhalten, werden für die Finalabstimmung um den Preis nominiert.
Somit gleicht sich die "Bester Song"-Sparte dem Prozess in der Hauptkategorie an, der, trotz einer Nennung für Extrem laut und unglaublich nah, ausgereift ist und sich weniger für aggressive Anti-Wahlen eignet als das nun ausgediente Punktesystem bei den Liedern.

To Rome with Love


Das nächste Ziel von Woody Allens filmischer Europareise: Die Ewige Stadt. Rom. Dort erzählt der neurotische Oscar-Preisträger in vier den Flair der Stadt atmen wollenden Geschichten von Liebe, Zuneigung und Sex. Doch im Gegensatz zu Midnight in Paris fehlt To Rome with Love die stringente künstlerische Vision, weshalb der Nachfolgefilm zu Woody Allens europäischen Glanzstück eher in den niederen Rängen seiner Filmographie anzusiedeln ist.

Zwei der vier Geschichten sind eigentlich ganz fantastische Sketche: Roberto Benigni spielt mit planloser Unschuldigkeit den Durchschnittsitaliener Leopoldo, der nach seiner Klage, die Welt würde ih nnicht genug achten, über Nacht zum großen Star wird. Mit verschrobener, sich selbst aber ohne ironische Brechung ganz trocken nehmender Komik zeigt Woody Allen den Wahn der Promiverehrung auf und kreiert intellektuell-klamaukige Situationen, in denen der Das Leben ist schön-Star toll chargieren kann. Doch Allen überreizt diese Geschichte, wendet sie gen Schluss noch ein wenig, und raubt ihr so ihren anachronistischen Charme.

In einer weiteren Story reist Woody Allen in der Rolle eines exzentrischen Opernregisseurs mitsamt seiner Frau nach Rom, um seine Filmtochter zu treffen und ihren Verlobten kennen zu lernen. Dessen Vater ist ein begnadeter Sänger, und so setzt er es sich in den Kopf, mit seiner Hilfe wieder von der Opernszene anerkannt zu werden. Auch diese Geschichte verfügt über einen ebenso klugen wie dämlichen Grundwitz, außerdem begeistert Woody Allen als eine nervöse, sarkastische Leinwandversion seiner selbst, aber mehr noch als bei Leopoldo ist hier der Witz früh ausgelutscht.

Unspektakulärer, dafür stets auf adäquatem Qualitätslevel und genau so lang, wie die Story sein soll, ist die Geschichte eines frisch vermählten Paars (Allessandro Tiberi und Alessandra Mastronardi), welches sich zu Beginn der Flitterwochen aus den Augen verliert. Sie trifft bei der Suche nach einem Friseur ihren Lieblingsschauspieler, er wird von einer Edel-Bordsteinschwalbe (Penelope Cruz in einer herzensguten wie feurigen Rolle) für einen Kunden gehalten. Es folgten durchwachsen durchdachte, aber amüsant vermittelte Liebesweisheiten und Verwechslungsspielchen.

Frustrierend ist die Geschichte rund um den Architekturstudenten Jack (Jesse Eisenberg), der in Rom seinem Idol John (Alec Baldwin) begegnet und zu sich einlädt. Dort wird John Zeuge, wie Jack seine besonnene, glückliche Liebesbeziehung in Gefahr bringt, weil er sich in die beste Freundin seiner Freundin verguckt, die prahlerische Freigeistige Monica (Ellen Page). Schauspielerisch ist es dank einer beeindruckenden Page und dem sympathischen Gespann Baldwin/Eisenberg das beste Element des Films, doch die Story ist vorhersehbar, die Figur des John so gewollt ambivalent und die ganze Erzählung so wiederholungslastig, dass viel des potentiellen Flairs flöten geht.

Nach Midnight in Paris war es klar, dass To Rome with Love ein Abstieg wird. Aber diese ambitionierte, letztlich allerdings ziellose Mixtur aus dem Kulturtouristen-Woody und dem klamaukigen Stadtneurotiker-Allen geht nur in sehr wenigen Szenen auf. Die Episoden sind mäßig zusammengestellt unddauern in drei von vier Fällen länger, als es für sie gut wäre. Schade.

Disneyland Paris Nostalgie: Mickey's Showtime & Minnie's Birthday Surprise

Ich bin momentan wieder vollauf in Disneyland-Laune, weshalb ich das Internet nach mir bislang unbekannten Fakten sowie nach Erinnerungsstücken aus vergangenen Jahren durchstöbere. Dabei bin ich auch über Videos zwei alter Videopolis-Shows gestolpert, die zwar keinesfalls mit The Legend of the Lion King mithalten können, aber den Shows, die in den letzten Jahren auf der Central Plaza Stage aufgeführt wurden, noch immer ordentlich in den Hintern treten. Selbst wenn meine Erinnerung sie etwas heger gepflegt hat, als sie es wohl verdient haben.

Da wäre etwa Mickey's Showtime. Das Video von filipv wird der Show nicht völlig gerecht, da die Show mehrere Sängergruppen hatte und die hier auf Film festgehaltene nicht die absolute Spitzenbestzung ist. Dennoch ist es eine gelungene kostengünstige Disney-Bühnenshow: Livegesang für die älteren Besucher, rumhüpfende Characters für die jüngeren und junggebliebenen Gäste.



Der Hakuna Matata-Rap zu Beginn ist rückblickend viel peinlicher, als er mir in Erinnerung war, ansonsten sind Songauswahl und Stil durchaus gelungen. Wenn man statt der guten die hervorragenden Sänger hatte, waren Einmal und Farbenspiel des Winds echte Gänsehautkandidaten. Dass man Friend Like Me auf Französisch in die Show zwängen musste, ist eine mittelmäßige Entscheidung (wenn schon nicht die deustche Synchro, so dann lieber Robin Williams), aber das ist längst nicht so verwundernd wie das "BJ"-Shirt eines der Sänger. Naja, 2003 war das sicher nicht so missverständlich wie heutzutage ...

Ein Jahr zuvor plante Minnie für Micky eine große Disneyland-Geburtstagsüberraschung, die sich musikalisch eingangs frappierend mit Mickys künftigem Showprogramm decken sollte. Doch Minnie's Birthday Surprise hat auch ein paar weitere schnelle Songs sowie Tänzerinnen mit Federboas und sehr kurzen Höschen. Weil ... das muss bei Geburtstagsüberraschungen, scheint mir. Dennoch ist es für mich die schwächere der beiden Shows, da der Gesang in den Hintergrund rückt und die Blödelei stärker ist. Produktionstechnisch sind beide Shows eh weit unter dem, was Disneyland Paris drauf hat - aber, hey, es waren immerhin Shows. Man könnte die leerstehenden Bühnen ja mal wieder nutzen, liebe Parkleitung ...


Donnerstag, 30. August 2012

Geheimmission: Helicarrier > Luxusdampfer


Was hat Disney mit allen anderen Hollywoodstudios gemeinsam? Genau, Disney liebt Geld! Was unterscheidet Disney von anderen Hollywoodstudios? Ich gönne es dem Mäusekonzern vom ganzen Herzen. Doch dieses Mal geht es nicht um meine Disneyliebe. Und auch nicht um meine Zuneigung zu den Marvelhelden. Nein, dieses Mal geht es um Hass. Okay, und um die anderen beiden Dinge ebenfalls. Das hier ist also der "One True Threesome" unter den Einspielergebnis-Meldungen. Bis eines Tages ein Film der Pirates of the Caribbean-Reihe in eine ähnliche Situation kommt. Oder was mit Donald Duck. Aber schweifen wir nicht noch mehr ab ...

In den USA herrscht gerade folgende Situation: Das anstehende Labor-Day-Wochenende ist aus Sicht der Filmstarts das wohl unattraktivste seit Beginn des Blockbuster-Sommers. Und da wir von den USA reden, reicht diese Zeitspanne mindestens bis in den Mai zurück. Derweil befindet sich The Avengers nur einen Steinwurf davon entfernt, der zweiterfolgreichste Film der US-Kinogeschichte zu sein (ohne Berücksichtigung der Inflation). Genauer gesagt: 40 Millionen Dollar. Doch da nur noch 142 Leinwände mit dem Spektakel bespielt werden, ist selbst diese für einen Megaerfolg geringe Summe außer Reichweite.

Irgendein kluger Kopf bei Disney hat sich nun gedacht: Hey, lass uns doch einen zeitlich limitierten Neustart in Angriff nehmen und erneut Promo fahren!

Gedacht, veröffentlicht, getan: Vom 31. August bis zum 6. September kommt The Avengers nochmal in voller Breite in die US-Kinos zurück. Helicarrier gegen Luxusdampfer, Robert Downey Jr. gegen Leonardo DiCaprio in seinen Milchbubijahren, Scarlett Johansson in hautengem Leder gegen Kate Winslet, die sich in den Tod stürzen will. The Avengers gegen Titanic, Disney•Marvel gegen James Camerons unheilige Doppelspitze in den Kinocharts.

Ich weiß, wem ich die Daumen drücke. Avengers ... Assemble!

Robin Hood (1973)


Wenn die Walt Disney Animation Studios bereits existierendes Material adaptieren, was häufiger geschieht als dass es nicht der Fall ist, so prägen sie mit ihrer Interpretation zumeist die kollektive Erinnerung jener Geschichte. Wer an Schneewittchen denkt, denkt an ein junges Mädel im blau-weiß-rot-gelben Kleidchen und sieben Zwerge mit individuellen Identitäten, zudem sind vielen Menschen die zwei von Disney ausgelassenen Ermordungsversuche nicht weiter bekannt. Das Dschungelbuch weckt Assoziationen mit einem lässig tanzenden Bären, einem gestrengen Panther und einem jazzigen Affenkönig. Und auch Disneys Peter Pan ist derart ikonisch, dass sich sogar Verfilmungen der Konkurrenz an Marc Davis' Zeichnungen Tinkerbells orientieren. Während es bei diesen Geschichten einigen Menschen wenigstens bekannt ist, dass sie von Disney bloß verfilmt und nicht etwa erdacht wurden, so haben andere Disney-Filme ihre Quelle sogar vollauf verdrängt. Man denke bloß an Dumbo, Bernard und Bianca oder 101 Dalmatiner.

Aber längst nicht jeder abendfüllende Disney-Trickfilm hat der breiten Öffentlichkeit ihre "definitive" Fassung der darin bearbeiten Geschichte präsentiert. So dürfte der Durchschnittsfilmkonsument bei Robin Hood erst an Kevin Costner oder Errol Flynn, vielleicht sogar an Douglas Fairbanks und den Schwerter schwingendne Russel Crowe denken, bevor ihm Disneys gezeichneter Fuchs in den Sinn kommt.

Liegt dies etwa allein daran, dass Robin Hood zu den am häufigsten behandelten Stoffe der Filmgeschichte gehört, während es Das Dschungelbuch im direkten Vergleich auf eine überschaubare Anzahl an Kino- und Fernsehvarianten bringt und zum Beispiel Dumbo ausschließlich in der Welt Disneys vorzufinden ist?
Eine fundierte Antwort auf diese Frage zu finden, dürfte eine geisteswissenschaftliche Abhandlung füllen, die womöglich sogar lesenswert sein könnte, aber ich möchte sie in einem subjektiven Schnellschuss viel knapper beantworten: Nein. Disney ist auch dazu fähig, massenhaft verfilmten Geschichten intensiv seinen Stempel aufzudrücken. In den Monaten vor Kinostart des meisterlichen Zeichentrickabenteuers Tarzan prognostizierten Schwarzseher, dass Disney mit seiner Nacherzählung der Dschungelromanze auf die Nase fliegen wird, weil das kollektive Bild Tarzans bereits festgelegt ist, so dass die Disney-Trickstudios ihre Sichtweise daneben nicht mehr in gewohnt ikonischem Maße etablieren könnten.

Dreizehn Jahre später kann ich selbst meine disneyfernsten Bekannten über Tarzan ausfragen, und die ersten Antworten lauten (in variabler Reihenfolge) Disney, Zeichentrick und Phil Collins. Der legendäre Tarzan-Darsteller Johnny Weissmüller wurde von Disneys Version der Geschichte zwar, im Gegensatz zum Kamm und Gürtel aus dem klassischen Schneewittchen-Märchen, nicht vollkommen ins schwarze Nichts des Vergessens gedrängt, allerdings stellt der mitreißende Abschluss der Disney-Renaissance für eine recht große Gruppe an Kinogängern den ultimativen Tarzan dar.

Quantitativ spielen die Geschichten von Tarzan und Robin Hood wohl zweifelsohne in der Königsklasse literarischer und folkloristischer Stoffe mit, wodurch sich die Frage aufdrängt, wieso Disneys Tarzan in Sachen Popularität es sogar mit einigen der ehrwürdigen "Platinum Edition"-Filme aufnehmen kann, während Robin Hood von einem Neunziger-Jahre-Konfektionsprodukt an den Rand gedrängt wird. Die Antwort, zumindest jene, die ich geben würde, beginnt ebenfalls mit einem "Q": Qualität. Während Tarzan rockt, ist Robin Hood eine Schlaftablette.

Wie der Gockel Alan-a-Dale erklärt, hat das Tierreich seine eigene (wahre?) Version der berühmten Sage des Diebes Robin Hood, der von den Reichen (vornehmlich vom sich als König aufspielenden Prinz John) stahl, um die Beute den Armen zu geben. In dieser Nacherzählung ist Robin Hood ein (vermeintlich) gewiefter Fuchs, der mit seinem Bären-Kumpel Little John durch Sherwood Forest streift und oftmals mittels schriller Verkleidungen an das Hab und Gut der Reichen gelangt. Ihr erklärtes Ziel ist es, den von ungeheuerlichen Steuern geplagten Bürger Nottinghams das Leben zu verschönern und den Königsclown Prinz John sowie seine Schlange von einem Assistenten (Sir Hiss) abzusetzen. Eines Tages erfährt Robin Hoods und Little Johns Komplize Bruder Tuck (ein Dachs), dass Prinz John ein Bogenschützenturnier veranstaltet, dessen Sieger einen Kuss von Robin Hoods Geliebter Maid Marian erhält. Von diesem Preis umgarnt, nimmt der Fuchs in Verkleidung am Turnier teil, auch wenn es ihn in gefährliche Nähe der ihn suchenden Regentschaft Englands bringt ...

Schon die ersten Sekunden stehen symptomatisch für die falsche Geisteshaltung, mit der Regisseur Wolfgang Reitherman, nach Walt Disneys Tod nahezu der alleinige Herrscher über die Disney-Zeichentrickstudios, an dieses Projekt heranging. Ähnlich, wie die Muppets niemals innerhalb ihrer eigenen Filme als Puppen bezeichnet werden dürfen (es sei denn, es handelt sich dabei um einen miesen Fernsehfilm, das fast im Alleingang ihre Disney-Karriere zerstörte), so haben Disney-Animationsfilme es zu verschweigen, dass sie nur eine von vielen Versionen einer bereits erzählten Geschichte sind. Wo kämen wir hin, wenn Phil Collins zu Beginn von Tarzan gesäuselt hätte "Ihr denkt wohl, ihr kennt die wahre Geschichte über Tarzan, oder? Nun, lasst mich die wirklich, wirklich reale Geschichte erzählen ...", ehe die Trommeln von Zwei Welten erklingen? Dass zu Beginn von Robin Hood explizit erklärt wird, dass es sich um die Antwort aus dem Tierreich, und nicht den definitiven, ultimativen Robin Hood handelt, macht selbstredend nicht im Alleingang den gesamten Film kaputt. Aber es lässt tief in die Gedankengänge der Disney-Künstler blicken, die nach Aristocats erstmals völlig ohne irgendeinen Input Walt Disneys die Trickmaschine am Laufen halten mussten. Sie wollten nicht den Robin Hood-Film machen, stattdessen lieferten sie einen Robin Hood ab. Und somit ging diesem Werk vieles der Ambition, Verbissenheit und des künstlerisch-schöpferischen Größenwahns ab, wodurch die Walt Disney Meisterwerke üblicherweise geprägt werden.

Dies zieht sich durch die komplette erste Viertelstunde dieser Produktion durch, die staubtrocken, konfliktlos und ereignisarm ist. 15 Minuten ruhiger Pfeifmusik, des wohl unkreativsten Vorspanns im Meisterwerke-Kanon und gemächlich erzählter Randgags sind für Disneyfilme, die im Normalfall spektakulär eröffnen und ihr Publikum von der ersten Minute an packen, fast schon eine Bankrotterklärung. Bevor der Fuchs wirklich in Action treten darf, plappern charakterarme Waldtierkinder mit Maid Marian über ihre Liebe zu Robin Hood (so viel zu "Show don't tell") und eine vollbusige Henne verliert einen Federball in ihrem Ausschnitt. Würde so etwas heute passieren, würden alle Disney-Liebhaber aufheulen, das Studio sei auf DreamWorks-Niveau abgerutscht, 1973 war es der neue, frech-kindliche Humor auf der Höhe des Zeitgeistes.

Generell beherrscht nebensächlicher, blödelnder Humor diesen Film, der auf komödiantischer Ebene zudem von Robin Hoods anstrengender Selbstverliebtheit getragen wird. Vermutlich sollen seine Sprüche lässig sein, vielleicht sogar eine kantige Charackterschwäche, nicht ungleich des eine ähnliche Mode bevorzugenden Peter Pan, aber das Rotfell nervt mich nur mit seiner arroganten und ungerechtfertigten (und niemals ironisch gebrochenen) Selbstbeweihräucherung. Seine vermeintliche Cleverness ist in Wahrheit auch nahezu unverschämtes Glück, dass dieser Robin Hood nicht schon in den ersten Filmminuten gefangen genommen wird, liegt bloß daran, dass seine Widersacher erschreckend dumm sind. Dadurch geht Disneys Zeichentrick-Robin Hood jegliche Spannung verloren, denn selbst wenn der weinerliche Prinz John und der hinterlistige Sir Hiss für die besten Lacher des Films zuständig sind, so sind sie als Schurken nicht ernstzunehmen. Sogar Comedyschurken wie Hades oder der Mann mit der Melone hatten Jahrzehnte später mehr Einschüchterndes an sich. Wenigstens sind Ollie Johnstons Prinz John und Frank Thomas' Sir Hiss ausdrucksstark und sauber gezeichnet, womit sie den Films im Alleingang davor bewahren, sich das Prädikat "animationstechnisch undenkwürdig" zu verdienen.

Die restlichen Figuren sind mimisch und gestisch so schlicht, so abhängig von der Charakterisierung früherer Disney-Trickpersönlichkeiten und mitunter auch so ungeschliffen, dass man fast glauben könnte, eher eine Disney-Kopie der Mittelklasse vor sich zu haben: Die Augen schmerzen nicht, finden allerdings auch nichts, woran sie sich ergötzen könnten. Dies gilt auch für die blass-dreckigen und aufgeräumten (um nicht zu sagen "langweiligen") Hintergründe. Dass Reithermann den Jubiläumsfilm zum 50. Jahrestag der Studiogründung zudem mit mehreren kopierten Szenen füllte, die laut einigen Studiomitarbeitern zeitaufwändiger waren als das Entwerfen und Umsetzen neuer Bewegungsabläufe, zugleich aber im Finale auch mal völlig auf die Animation von Randfiguren verzichtete, sichert Robin Hood aus technischer endgültig einen Platz auf der letzten Bank.

Dass Robin Hood, im Gegensatz zu solchen Ausfällen wie Die Kühe sind los!, keinerlei konzentrierten Hass auf sich zieht, liegt derweil wohl daran, dass diese 70er-Jahre-Produktion wenigstens einen unschuldigen, simplen Charme aufweisen kann. Robin Hood ist vielleicht öde, hat aber wenigstens erträgliche Figuren und funktioniert dank der treffend gewählten Tierfiguren für ein Kinderpublikum sehr erfrischend. Ich erinnere mich, ihn vor vielen Jahren nach meiner ersten Sichtung auf Videokassette sofort nochmal geguckt zu haben. Und da bin ich wohl nicht allein, denn Robin Hood mag zwar bei Kritikern durchfallen, dennoch ist er ein kleiner Kultfavorit unter Liebhabern der weniger prominenten Disney-Filme.

Es ist ein einfacher Film, ganz im Gegenteil zur ursprünglich geplanten Reinecke Fuchs-Adaption, die schnell wegen mangelnder Disneyhaftigkeit abgesägt wurde, einer, der zum Entspannen einlädt und der von seinen Musiknummern nicht völlig erdrückt wird. Vor allem im historischen Kontext muss man diesem Film deshalb etwas Anerkennung zukommen lassen: 1973 war Robin Hood ohne Walt, mit geschrumpfter Geldbörse und ohne jeglicher Form von Mut noch das Beste, was man von den Disney-Trickstudios erwarten durfte. Sie mussten einfach überleben – und wohl auch aufgrund der zeitgenössischen (wenngleich inhaltlich deplatzierten) Country-/Schlager-Musik war dieser episodisch erzählte Abenteuerspaß bei Erstveröffentlichung sogar ein waschechter Kassenschlager. Rückblickend vielleicht ungerechtfertigt, doch es war ein großes Glück. Man mag sich nicht ausmalen, wie eng die Schlinge um den Hals der Trickkunst geworden wäre, hätte Robin Hood sein Ziel an den Kinokassen verfehlt. Manchmal müssen halt auch mäßige Filme obsiegen, um der Kinogeschichte gut zu tun ...

Mittwoch, 29. August 2012

Die Zeichen der Donnerboldokalypse


Dieser Blog eröffnete im Jahr 2007 mit einem Posting, dessen Überschrift Alles, was ein Ende haben wird, muss auch einen Anfang haben lautet. Obendrein macht bereits der Blogname klar, was ich von meinem Passionsprojekt halte. Schlussendlich ist das alles nur eine Bagatelle. Eine, die ich begeistert verfolge, eine Bagatelle bleibt es dessen ungeachtet. Dass diese Reise eines Tages ihr Ende finden muss, stand also nie außer Zweifel.

Untergänge, und sei es nur der entengleich geschnatterte Schwanengesang dieses Blogs, kommen jedoch ungern ohne unheilvolle Vorboten. Düstere Zeichen des sich zum letzten Fall bereit machenden Vorhanges. Und damit ihr, meine lieben Leserinnen und Leser, für den Tag gewappnet seid, an dem ihr euch auf das baldige Ende der donnerboldschen Bagatellen einstellen dürft, verrate ich hiermit großzügig, wie ich manchmal halt sein kann, welche Symptome euch stutzig machen sollten. Seht diesen Artikel als Leitfaden zum Blogarmageddon, als Erkennungshandbuch für die Quittierung meines Dienstes. Wenn folgende Dinge dicht aneinander gedrängt eintreten, dann formieren sie sich zur Reiterstaffel der Sir-Donnerbolds-Bagatellen-Apokalypse und ich bereite mein großes Schlusscrescendo vor.

Sir Donnerbolds Bagatellen nähern sich ihrem Ende, wenn ...
  • ... ich mehrere Monate hintereinander weniger als 13 Posts verfasse
  • ... ich einen Countdown meiner liebsten Walt-Disney-Meisterwerke starte
  • ... ich meine persönliche Lieblingsfilm-Hitliste veröffentliche
  • ... ich mich nach einem vollkommen demoralisierenden Tag besaufe und im angetrichterten Zustand hier im Blog ein Essay poste, das meine Hassliebe zu Just Like We Dreamed It bis ins kleinste Detail erläutert
  • ... ich meine inoffizielle Artikelreihe darüber, weshalb mein Leben keine Biographie braucht, zu Ende führe und dann als Bonus eine Hitliste mache, weswegen mein Leben sehr wohl eine gedruckte Biographie verdient hat
  • ... ich die Zeit finde, den seit drei Jahren in meinem Dashboard verschimmelnden Artikel zum Thema "Kitsch" zu beenden
  • ... ich meine Drohung wahr mache und "Die schlimmste Disney-Hitliste aller Zeiten" starte
  • ... ich euch an der in meinem Hirn bestehenden Verbindung zwischen Gefährliche Liebschaften, Die Royal Tenenbaums, Transformers, Sweeney Todd, High School Musical 3, Repo! und Moonrise Kingdom teilhaben lasse
  • ... ich die von mir geliebte Indie-Tragikomödie Garden State rezensiere
  • ... ich eine ausführliche Rezension zu Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt poste
  • ... ich zusätzlich dazu eine Abhandlung darüber veröffentliche, weshalb Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt eine Sonderstellung in meinem Fanherzen hat
Wenn diese Dinge eintreffen, so zeichnen sich für diesen Blog beunruhigende Dinge ab. Ich könnte ihn dann über haben. Doch das hat noch Zeit.

So, nun setze ich mich mal an diesen doofen "Kitsch"-Artikel ...

Darkwing Duck Annual


Abseits der fünf großen Handlungsbögen, die die Darkwing Duck-Comics der Boom!Studios schlagen konnten, erschien 2011 in den USA auch der Sonderband Darkwing Duck Annual #1, der leider zugleich der letzte sein sollte. In diesem Extraband, dessen Inhalt praktischerweise auch in das Paperback des vierten Storyarcs integriert wurde, werden zwei spezielle Einzelgeschichten aus dem Darkwing-Universum erzählt: Eine denkwürdige Story, die den Lesern nicht nur einen der boshaftesten Pläne Quackerjacks, sondern auch einen Einblick in seine verschrobene Psyche bietet, sowie ein komödiantischer Comic von Darkwing Duck-Schöpfer Tad Stones.

Obwohl es aufregend ist, dass auch der Serienproduzent sein Scherflein zur Comic-Fortsetzung beiträgt, so ist die erste Geschichte, Toy With Me, das schwer vergleichliche Vorzeigestück des ersten und letzten Darkwing Duck-Jahressonderbandes. Wie der kundige Comicleser sicherlich erkannt hat, spielt das Cover von James Silvani auf die legendäre Joker-Geschichte The Killing Joke an, in der die (eine) Hintergrundgeschichte von Batmans Erzschurken erzählt wird und in der er Commissioner Gordon beinahe in den Wahnsinn treibt, indem er seine Tochter schwer verletzt, entführt, nackt fotografiert und foltert. Toy With Me ist, so boshaft-spannend es auch wäre, keine Parodie auf jene laut umjubelte, zugleich auch kritisch beäugte Joker-Geschichte, das Cover ist bloß ein nennenswerter Bonus für ältere Darkwing Duck-Leser, der mir zum Beispiel ein dreckiges Grinsen entlockte.

Eine weitläufige Assoziation zur Vorlage besteht dennoch, schließlich hält in beiden Comics ein schurkischer Clown die Fäden in der Hand, und so wie The Killing Joke zu den düsteren Batman-Bänden gehört, ist Toy With Me eine etwas ernstere Erzählung aus St. Erpselsburg: Quackerjack gelangt an den Digitalisierer, mit dem die Whiffelboy-Spielemacher einst ihren Helden aus der realen Welt in die digitale transportierten, und lässt ihn zu einer schrecklichen Waffe umprogrammieren. Mit dieser geht er auf einen rücksichtslosen Rachefeldzug an der Videospielindustrie und ihren abhängigen Kunden. Darkwing Duck hofft, Quackerjacks Spur aufzunehmen, indem er das plüschig-groteske Spielzeug ausfindig macht, das dem wirren Spielzeugmacher einst so treu begleitete. Auf der Suche lernt Darkwing, seinen Feind aus einer neuen Perspektive zu betrachten ...

Statt von James Silvani stammen die Zeichnungen zu Toy With Me von Sabrina Alberghetti, die einen leichteren, schwungvolleren Strich führt. Ihre Bilder sind runder, cartooniger als die des Darkwing Duck-Stammzeichners, was in der schattigen Eröffnungsszene etwas stört, doch Alberghetti trifft dafür in den emotionaleren Phasen des Comics mit Leichtigkeit den Nagel auf den Kopf. Ihre etwas simpleren, weniger überlasteten Hintergründe und klare Posen helfen, diese kurze, tolle Geschichte nachhaltig ins Gedächtnis der Leser zu brennen. Ian Brill erzählt die Handlung straff und schnörkellos, mit wenigen, dafür ins Schwarze treffenden Dialogwitzen und einigen kleinen popkulturellen Seitenhieben. Im Zentrum steht dieses Mal nicht der Comicwahnwitz von Crisis oder F.O.W.L. Disposition, stattdessen wird Quackerjacks Plan ausnahmsweise ernst genommen, was ihm in der Fernsehserie kaum vergönnt war. Alles in allem ein hervorragender Disney-Comic, der die Serie großartig ergänzt und jedem Fan von Darkwing Duck in Erinnerung bleiben wird.

Die Kurzgeschichte The Untimley Terror of the Time Turtle derweil ist ein kurzweiliger, doch auch unspektakulärer Lesespaß. Eddie Erpel geht mit Kiki in eine Tierhandlung, um ihr ein Haustier zu beschaffen. Bei aller Uneinigkeit stolpern sie über eine seltsame Schildkröte, mittels derer man durch die Zeit reisen kann. Da dies St. Erpelsburg ist, ist auch ein Superschurke mit ausgefallenem Kostüm nicht fern, der dieses Tierchen für seine Zwecke gebrauchen will. Amüsant wird dieser Comic nur durch die zahlreichen Disney-Cameos, ein paar Meta-Gags und einem Seitenhieb auf das Zeitreisenkonzept, durch die Kürze der Handlung und die unaufregende Story ist The Untimley Terror of the Time Turtle allerdings so schnell vergessen wie durchgelesen.

Siehe auch:

Dienstag, 28. August 2012

"The Avengers" hätte viel ernster beginnen können

The Avengers ist bombastisches, spaßiges und pures Popcornkino mit tollen Charakteren und beeindruckenden Bildern. Das Einspiel von über einer Milliarde Dollar hat sich dieses Superheldenepos redlich verdient und es dürfte niemanden überraschen, dass der Film nicht aus dem Stand heraus so eine Entertainmentbombe geworden ist. Zahlreiche Szenen wurden geschnitten, mehrere Alternativen wurden gedreht. So hätte eine Zeit lang ein impressiver, nachdenklicher Prolog die Action einrahmen können, in dem Cobie Smulders als Agentin Maria Hill sich von ihrer erschütterten Seite gezeigt und die Entscheidungen ihres Vorgesetzten in Frage gestellt hätte.



Die Bilder und die ambivalente Stimmung sind super, alleinstehend ist es wirklich ein klasse Einstieg in einen Superheldenfilm. Nicht jedoch in Marvels The Avengers, der im weiteren Verlauf nicht mehr an diese Mentalität anschließt und glasklar den Spaß im Superheldengenre betont. Gut, dass diese Szene auf dem Boden des Schneideraums landete - und nun im Web und auf Blu-ray bewundert werden kann.

Darkwing Duck: F.O.W.L. Disposition


Der dritte Storyarc der Boom!Studios-Comicreihe rund um Darkwing Duck bietet nach dem wilden, schnellen Comedybombast der ersten beiden Geschichten einen atmosphärischen Tapetenwechsel. Mit der Fiesen Organisation für weltweite Lumpereien hält nämlich nicht nur ein den Drive der Darkwing-Comics auffrischender Hauch Spionagespaß und Infiltrierungsspannung Einzug in diese Reihe, mit seinem dritten Streich bekommt es Darkwing Duck zudem mit einer entenstarken Persiflage von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos zu tun. Denn selbst wenn die F.O.W.L.-Episoden von Darkwing Duck ein vergnügliches Überbleibsel seiner konzeptuellen Anfänge als Agentenparodie waren, so kokettierten die Schattenmänner hinter dem eitlen Gockel Eisenbeiß öfters mit abgedrehten Aufträgen und paranormalen Plänen. Unter den ambitionierten Händen der etwas kantiger denkenden Boom!Studios führt dies alles zu einer sehr atmosphärischen, wenngleich auch hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibenden Mischung aus Anarcho-Humor, Agenten-Spinnereien, schauriger Lovecraft-Parodie und ... einem richtig deftigen Mindscrew-Moment.

Um den Imageschaden zu kompensieren, den Darkwing die Ereignisse von Crisis on Infinite Darkwings einbrockten, wendet sich der extravagant gekleidete Held an eine Marketingagentur, deren Vorschläge allerdings seiner Eitelkeit und seinem Narzissmus zuwiderlaufen. Entnervt und mit zerknitterter Haltung beschließt Darkwing, diese Nacht auf eigene Faust seine Wachrunde durch St. Erpelsburg zu ziehen. Dabei begegnet er den Schuften Eisenbeiß, durch den er in Erfahrung bringen kann, welche Pläne das F.O.W.L.-Oberkommando momentan ausheckt: Sie wollen das fürchterliche, übermächtige Wesen Duckthulhu erwecken und dadurch die Welt unterjochen. Und die Schattenmänner der Schurkenorganisation sind mit ihrem Vorhaben weiter vorangeschritten, als einem lieb sein dürfte ...

Nach dem Gagfeuerwerk Crisis on Infinite Darkwings schalten Ian Brill und James Silvani einen Gang zurück und lassen in F.O.W.L. Disposition etwas mehr Raum für eine ambivalente Atmosphäre, die sich zwischen chaotischer Agentenspannung und verplanter Mystik einordnen lässt. Statt auf jeder einzelnen Seite eine Vielzahl an visuellen Gags zu bieten, setzt der dritte Darkwing Duck-Band darauf, mit der Prämisse rund um die Erweckung Duckthulhus und den Interaktionen zwischen Darkwing und Eisenbeiß zu unterhalten. Zwischendurch schimmert auch, viel mehr als in Crisis on Infinite Darkwings, ein ernsthaft ausgespielter Handlungsfaden rund um Darkwings Heldendasein durch: Darkwing will sich, wie einst im TV-Zweiteiler Heldenmut tut selten gut, als Einzelkämpfer beweisen und entwickelt auch Neid auf die Ausrüstung F.O.W.L.s, was selbstredend keine Geisteshaltungen sind, die dem gefiederten Schurkenbekämpfer gut bekommen.

Dass die Gagdichte nach den ersten beiden Storylines runtergeschraubt wurde, ist nur gut zu heißen, denn zu versuchen, nach Crisis on Infinite Darkwings noch einen draufzusetzen, hätte nur schiefgehen können. Witzig ist Darkwings Abenteuer mit dem stahlschnäbligen Gockel dennoch: Die Wortgefechte zwischen den beiden selbstverliebten Hauptakteuren sind scharfzüngig geschrieben, Quack ist für einige Lacher gut, der alleinige Gedanke an Duckthulhu dürfte viele Nerds zum Schmunzeln bringen und auch die Running Gags rund um F.O.W.L.s Ausrüstung sind pointiert. Leider wurde jedoch nicht die Menge an Fanservice ähnlich gekürzt, weshalb die Kerngeschichte mehrfach durch kleine, teils augenzwinkernde Action-Slapstickeinlagen unterbrochen wird, was die interessante Story schwächt. Obendrein leidet F.O.W.L. Disposition, wesentlich mehr als die ersten Darkwing Duck-Comicbände, an einem sehr ungleichmäßigen Spannungsbogen sowie an unkonzentriertem Storytelling, wodurch sehr viel Potential des zugrunde liegenden Konzepts verschenkt wird. Während das Duo Quack/Morgana Witz hat und auch für die Charakterentwicklung taugt, nimmt die ins Leere laufende Storyline um Kiki und Alfred bloß Platz weg.

Außerdem entwickelt sich der Drang der Boom!Studios, mehrere Serienschurken pro Band zu verfeuern lästige Züge an, indem neben Eisenbeiß und den Dotterköpfen weitere Bösewichter in die Handlung gequetscht werden, bloß um daraufhin schnell und witzarm aus dem Weg geräumt zu werden. Dieser Platz hätte stattdessen für die Figurenentwicklung genutzt werden sollen, da Darkwings neuster Egotrip zwar in seinen Grundzügen verständlich ist, jedoch als massiver Stützpfeiler dieser Geschichte nur passabel aufgebaut wird. Es war eine clevere Idee, ausgerechnet diesen Aspekt Darkwings in einer Story mit dem eitlen Eisenbeiß auszuleuchten, aber gerade die dramatischen Folgen von Darkwings Egozentrik, die in F.O.W.L. Disposition vorkommen, können ihre volle emotionale Wirkung nicht entfalten, da sie zuvor so abgehetzt werden. Insofern ist F.O.W.L. Disposition der ärgerliche Gegenpart zu Crisis on Infinite Darkwings: Hatte dieser Band eine dünne Story, die durch viel Humor und Action gut gestreckt wurde, wohnt F.O.W.L. Disposition eine gut durchdachte, eng mit dem Charakter Dakrwings verknüpfte Handlungsidee inne, die durch Nebensächlichkeiten und Humor zerstückelt wird. Auch die neu eingeführte Figur einer kessen Fuchskollegin von Eisenbeiß ist für mich eher überflüssig.

Auch einige Zeit nach Lesen des Bandes bin ich mir vollkommen unschlüssig, was ich vom Finale halten soll, das aus dem eingangs erwähnten, großen Mindscrew-Moment besteht. Ich möchte nicht zu sehr in die Details gehen, um niemandem die Überraschung zu verderben, aber es sei gesagt, dass die Stimmung und der Stil des Finales vollkommen aus dem Nichts kommt und selbst für Darkwing Duck äußerst eigen ist. Immerhin ist die Aussage deutlich, was bei Abstechern ins Absurde nicht immer gegeben ist, allerdings wird sie so schnell ausformuliert und mit so wenig Voraufbau bedacht, dass es mich tatsächlich verwirrte, dass sie überhaupt so ein relevantes Element der Darkwing-Comics ist. Skurril und kreativ ist die Auflösung des Comics zweifelsohne, doch sie hätte meiner Meinung nach besser gestützt werden sollen. Es ist ohne Grund so schräg, weshalb es wie eine Notlösung anmutet, wenngleich eine denkwürdige.

Obwohl die Geschichte das Zeug dazu hätte, die Vorläuferbände in den Schatten zu stellen, ziehen die nicht sehr zielstrebige Erzählweise, das Platz verschwendernde Verfeuern mehrerer Schurken und der effekthascherische Schlussakt F.O.W.L. Disposition weit unter das Niveau der Vorläuferstorys. Es ist noch immer ein vergnüglicher Comic, zumindest sofern man bereits Darkwing Duck kennt (für Neulinge ist der Band weniger geeignet), aber bei weitem nichts besonderes. Wenn man PkNA zum Vergleich nimmt, wird überdeutlich, was bei einer atmosphärischeren, dramatischeren Disney-Superheldenentenstory alles möglich wäre, doch an die Dramaturgie und Komplexizität der italienischen Kultcomics kommt dieser noble Versuch niemals heran.

Siehe auch:

Samstag, 25. August 2012

Waltmenschen: Fred Spencer

In der Serie Waltmenschen möchten wir den bekannten und weniger bekannten kreativen Mitarbeitern Walt Disneys einige Zeilen widmen.


Fred Spencer, 1904–1938

Fred Spencer gehört zu den Trickfilmzeichnern, denen eine großartige Karriere beschieden gewesen wäre. In einem Brief von 1935 beschrieb Walt Disney, dass seine jungen Zeichner sich künstlerisch fantastisch entwickeln hätten, seit sie von Fred Moore, Hamilton Luske, Norm Ferguson und Fred Spencer unterrichtet würden. Die ersteren drei gehörten später zu den angesehensten Künstlern im Trickfilm und sind seit über zehn Jahren in die Liste der Disney Legends aufgenommen. Fred Spencer starb 1938 bei einem tragischen Autounfall – und ist seitdem von Disney nie gewürdigt worden.

Dabei ist die Leistung Fred Spencers beeindruckend. Ihm ist maßgeblich der Charakter und das Design Donald Ducks zuzuschreiben, den er im Auftrag von Walt nach seinem ersten Auftritt weiterentwickelte. Besondere Beachtung sollte Fred Spencers Liebe zum Detail finden, die die einzigartigen Bewegungen Donalds wiederspiegeln. Spencer beschrieb auf vielen Seiten, die teilweise noch heute erhalten sind, wie Donald in Filmen zu gehen, sich im Zorne zu benehmen und unbedacht zu schnattern hatte. Seine model sheets zeigen, wie intensiv und fortschrittlich Spencer sich Donalds Schicksal an nahm und es an viele Trickfilmer weitergab – und so, ganz unbestreitbar, zum gewaltigen Erfolg des Erpels beitrug. Fred Spencer, der 1931 begonnen hatte, für Disney zu arbeiten, war Chefzeichner für Schneewittchen und die sieben Zwerge (assistiert von Walter Clinton) und wirkte an zahlreichen Cartoons mit.

Mittwoch, 22. August 2012

Entengeschnatter: Mit Feuerzangenbowle und Uwe Boll per Anhalter durch die Kinos – Unsere Filmtraditionen


Wenn zwei filmvernarrte Blogger auf ein bei den Themen Disney, Sleepy Hollow und Douglas Adams auf Zack seiendes, aktives Mitglied der Partei Die Partei treffen, dann ist Chaos vorprogrammiert:

In der neuen Ausgabe des von Donalds Erben im Geiste präsentierten Podcast Entengeschnatter plappern Stephan und Ich mit unserem Gast Kevin über unsere Filmtraditionen. Nunja, zumindest ab und an. Welche Trinkspiele haben wir und welche unfreiwillig komödiantischen Filme schauen wir immer wieder? Was sind unsere Weihnachts-Pflichtfilme und gehen wir eigentlich verkleidet ins Kino? Doch zwischen solchen Themen wie High School Musical 3, Die Feuerzangenbowle und Per Anhalter durch die Galaxis hat sich auch mehrfach ein berüchtigter, deutscher Regisseur eingeschlichen. Uwe Boll schwebt über diese Podcastausgabe, wie ein Damoklesschwert.

Ob das gut geht, erfahrt ihr hier. Viel Vergnügen!

Disneys Totgesagten fliegen länger


Wenn sich Kinofilme aussuchen dürften, bei welchem Studio sie floppen, so wären sie gut beraten, Disney als Stätte des Scheiterns zu wählen. Nirgendwo sonst können einstige finanzielle Rückschläge zu Erfolgen erblühen und sich eventuell auch Fortsetzungen oder passionierte Neuauflagen sichern. Disneys Historie mit gescheiterten Kinofilmen, die ihren Wert steigern, reicht bis ins Jahr 1940 zurück, in dem Pinocchio hinter den Erwartungen Walt Disneys zurückblieb und Fantasia eine Enttäuschung von filmhistorischen Ausmaßen darstellte. Beide Produktionen gelten nunmehr als Klassiker der Trickfilmgeschichte und spülen konstant gutes Geld in die Konzernkassen. Ähnliches geschah auch mit Bambi und Dornröschen, im Realfilmsektor kann Disney unter anderem auf Tron und Newsies zurückblicken. Während ersterer nach fast drei Jahrzehnten eine gigantische Fortsetzung erhielt, bekam das Kinomusical über streikende Zeitungsjungen nach zwei Jahrzehnten eine Broadway-Adaption spendiert.

In diesen Reigen der unverhofft mit Anerkennung bedachten Disney-Projekten darf nun auch Rocketeer aufschließen: Die 1991 in die Kinos gelangte Comicverfilmung über einen mit Köpfchen, Pistole und Jetpack Nazis und die Mafia bekämpfenden Schaupiloten sollte ursprünglich ein florierendes Action-Franchise für Disney begründen, woraus mangels Publikumsinteresse nichts wurde. Seither hat sich der Film eine treue Fanbase erarbeitet, Disney erachtet ihn als wichtig genug, um zum 20-jährigen Jubiläum ein großes Event abzuhalten und Regisseur Joe Johnston überzeugte Kritiker und Kinogänger gleichermaßen mit einer anderen Comicverfilmung über einen Nazis verprügelnden Typen. Und in der Disney-Fangemeinschaft war dieser Kassenschlager Anlass für einige lautstarke Rufe nach mehr Rocketeer-Kinoabenteuern.

Wie Vulture berichtet, hat man bei Disney offenbar ein offenes Ohr für dieses Verlangen: Unter der Führung des neuen Studiobosses Alan Horn trommelt das Studio derzeit zahlreiche Drehbuchautoren zusammen, in der Hoffnung, dass einer von ihnen einen kinoreifen Ansatz für einen neuen Rocketeer-Film hat. Im Hause Disney ist also Platz genug für einen Nazis bekämpfenden Supersoldaten, einen Schurken austricksenden Multimilliardär mit fliegender Rüstung und einem charmanten 40er-Jahre-Jedermann mit Raketenrucksack. Großartig! Hoffen wir, dass ein talentierter Drehbuchautor eine Idee hat, die einen fähigen Regisseur anzieht. Vielleicht mag Joe Johnston nochmal ran?

Siehe auch:

Montag, 20. August 2012

Darkwing Duck: Crisis on Infinite Darkwings

Achtung! Diese Kritik enthält Spoiler zum ersten Darkwing Duck-Comic-Arc The Duck Knight Returns!


Die Rückkehr des gefiederten Schreckens, der die Nacht durchflattert, barg treuen Kennern von Enten-Comics und der frühen Disney-Zeichentrickserien eine gepfefferte Überraschung: Darkwing Ducks diabolischer Doppelgänger Fiesoduck heckte gemeinsam mit Dagobert Ducks magischer Widersacherin Gundel Gaukeley eine interdimensionale Attacke auf den selbstbewussten Erpel in Lila. Diese Zusammenkunft weckte enorme Erwartungen, fanden so doch zwei beliebte und fähige Schurken aus Darkwing Duck und DuckTales beziehungsweise dem Barks-Comicuniversum zusammen, die mit vereinten Kräften dem watschelnden Hutträger immens gefährlich werden könnten.

Crisis on Infinite Darkwings, dessen Titel nach The Duck Knight Returns erneut an einen Klassiker der DC-Comicliteratur angelehnt ist, beginnt mit Darkwings triumphalem Ankommen im Herzen der Bürger von St. Erpelsburg. Dank seines erfolgreichen Einsatzes gegen neue und altbekannte Schurken erreicht seine Beliebtheit neue Höhen – und das, obwohl er zunehmend ohne Hilfe seiner Vertrauten in den Kampf ziehen muss, schließlich hat Quack eine neue Verantwortung, während Kiki sich in ihrer Schule gekonnt langweilt. Zwar gibt es für Darkwing ein Wiedersehen mit seiner geliebten, moralisch halbseindenen Morgana Makaber, doch dieses läuft auch eher betrüblich ab. Unterdessen verbreitet etwas Unbeschreibliches Angst und Schrecken in den Gewässern von St. Erpelsburg. Und zu allem Übel zeigt die ungewöhnliche Kooperation von Gundel Gaukeley und Fiesoduck ihre ersten Früchte: Das fiese Duo entführte die Darkwing Ducks aus zahllosen Dimensionen und manipulierte sie so, dass sie eine Schneise der Zerstörung durch das St. Erpelsburg "unseren" Darkwings ziehen ...

Seit Darkwings Rückkehr gibt es in St. Erpelsburg wahrlich keine Verschnaufpausen mehr, und im Gegensatz zur Fernsehserie sind die neuen Abenteuer des Superhelden auch miteinander verknüpft. Die im Comic gebotene Kontinuität stellt einen klaren Bonus dar, mit dem Fans von Darkwing Duck für das Kaufen der Comicbände entlohnt werden sollen, und die Verbundenheit der Comic-Stoylines untereinander sorgt auch effektiv für Spannung, während die (teils etwas Ordnung in die Serienlogik bringenden) Rückgriffe auf die Zeichentrickserie für den einen oder anderen zusätzlichen Schmunzler sorgen. Im gleichen Atemzug sind die Verantwortlichen hinter dem Comic-Darkwing auch an sinniger Charakterzeichnung interessiert, weshalb Gundel Gaukeley nicht einfach bloß auftaucht (was schon cool wäre), sondern einen sinnigen Grund geliefert bekommt, sich nun Fiesoduck anzuschließen, obwohl sie nie zuvor an der Auseinandersetzung mit Darkwing Duck Interesse hatte. Für Barks-Liebhaber erwähnenswert ist an dieser Stelle wohl, dass es sich hier, logischerweise, um die DuckTales-Gundel handelt, sie also mit dickem Akzent, Augenringen und weit ausgefeilten, magischen Kräften auftritt.

Obwohl die Crisis on Infinite Darkwings-Story damit beginnt, sein Comicuniversum etwas zu vertiefen und für ihren Helden eine emotionale Grundlage zu schaffen, ist diese Geschichte deutlich stärker auf Comedy und Chaos gebürstet als The Duck Knight Returns. Durch das Konzept zahlloser paralleler Darkwings sind Autor Ian Brill und Zeichner James Silvani Tür und Tor für eine Flutwelle an Anspielungen geöffnet. Neben populären und weniger bekannten Disney-Helden aus vergangenen Tagen und der Jetztzeit (inklusive den Jonas Brothers, denn ein Seitenhieb auf die Disney-Channel-Stars muss wohl pro Paperback sein) sind natürlich auch viele weitere Comic-, Film- und Literaturhelden Vorlage für die Parallelwelt-Darkwings. Sie alle sind charakterstark gezeichnet, manche sind cool, andere zum Schreien komisch. Es lohnt sich wirklich, jedes Panel nach Cameos, Anspielungen und Insidergags zu durchforsten. Abseits der Alternativ-Darkwings gibt es unter anderem auch Cameos von Carl-Barks-Gemälden und Goliath aus Gargoyles, die Liebe zum Detail ist wahrlich erstaunlich.

Zeichnerisch ist Crisis on Infinite Darkwings allerdings nicht ganz auf der Höhe des Vorgängers, Gundel Gaukeley erscheint mehrmals etwas "off model", der Original-Darkwing stürzt sich nicht in ganz so viele markante Posen und gen Schluss gerät die Action durch etwas Unübersichtlichkeit auch visuell zu albern. Etwas Entschädigung bieten mehrere aufwändige Megapanels sowie Fiesoduck, der einen tollen Comicschurken abgibt, der für einige sehr einprägsame Panels herhält. Erzählerisch verliert sich die Handlung mehr als The Duck Knight Rises in wahnsinnige Chaos-Megalomanie, wodurch die Atmosphäre und letztendlich auch die Spannung leiden. Der Fanfiction-Beigeschmack ist im letzten Viertel für mich zu dick, denn obwohl die letzten Twists für sich genommen klasse wären, wird zu viel aufeinandergestapelt, zu viel Pulver verschossen, um einen möglichst bombastischen Comic zu liefern.

Dank Gundel Gaukeley, den Alternativ-Darkwings, zahlreichen Randgags sowie einem fantastisch agierenden und genial eingesetzten Fiesoduck ist aber auch Crisis on Infinite Darkwings ein Muss für jeden Darkwing Duck-Fan, denn die dünne Story und das wahllose Durcheinander gen Schluss wird durch viel treffsicheren Humor aufgewogen.

Siehe auch:

Sonntag, 19. August 2012

Darkwing Duck: The Duck Knight Returns


Mit Darkwing Duck erreichte die legendäre, von damaligen Fans bis heute verehrte und regelmäßig von Kindern der Folgejahren neu entdeckte, erste Ära der Disney-Zeichentrickserien ihren Höhepunkt. Der maskierte Erpel mit dämlichem Hut und mordsmäßigem Ego parodierte mit großer Passion und ehrlichem Respekt die Comicwelt des Silver Age, ohne dabei ahnungslose Zuschauer auszustoßen. Durch Darkwings sarkastischen Sprüchen, lebhafter Animation und einer denkwürdigen Schurkengallerie wurde diese Serie zu einem von Jung und Alt geliebten Höhepunkt im Disney-Fernsehportfolio.

Als Superheldenpersiflage bietete sich Darkwing Duck rein konzeptuell schon immer perfekt für eine Comicadaption an, selbst wenn dadurch die großartigen Sprecherleistungen von Jim Cummings und Co. (im englischen Original) beziehungsweise Gudo Hoegel und Co. (in der deutschen Synchrofassung) verloren geht. Doch wenn Disney etwas beherrscht, dann zwei Dinge: Enttäuschende Comicadaptionen seiner aktuellen Kino- und Fernsehproduktionen und das Lebendighalten seiner Marken. In den Neunzigern litt Darkwing Duck unter dem ernstgenannten Talent des Mäusekonzerns: Die hierzulande vor allem in Limit veröffentlichten Comics boten lahme Storys und scheiterten daran, den Humor der Fernsehserie einzufangen.

Glücklicherweise trat 2010 die andere, vorhin genannte Disneyregel in Kraft: Disneystoffe können jederzeit wieder zum Leben erweckt werden. In diesem Fall mit Hilfe des Boom!Studios-Redakteurs Aaron Sparrow, der den Erwerb der Disney-Lizenz seines Arbeitgebers als perfekte Gelegenheit empfand, den Schrecken, der die Nacht durchflatterte, wieder auf Schurkenhatz zu schicken. Zusammen mit Autor Ian Brill und Zeichner James Silvani erschuf er so endlich einen Comic, der Darkwing Duck gerecht wurde.

Zu Beginn von The Duck Knight Returns bekommen die Leser St. Erpelsburg zu sehen, wie sie es noch nicht kannten: Frei von Superschurken und Großverbrechen. Dies ist jedoch nicht Darkwing Duck zu verdanken, denn der Schrecken, der die Nacht durchflatterte, hing nach einem einschneidenden Ereignis sein Cape an den Nagel. Seither ist ein Jahr ins Land gezogen, in dem er seinen Kumpel Quack nicht mehr gesehen hat, Kiki auf eine Schule für hyperaktive Kinder schickte und als Eddie Erpel eine Anstellung bei Quackwerks annahm, einem jungen Megaunternehmen, für welches nahezu die gesamte Stadt arbeitet und das unter anderem für die Wasserversorgung und Verbrechensbekämpfung zuständig ist. Diese erledigen allerdings Roboter, während Eddie Erpel sein Dasein hinter dem Schreibtisch fristet, wo er Papierkram zu bewältigen hat, den er selbst nicht versteht. Seinen Tag versucht der demoralisierte Enterich mit Erinnerungen an verrückte, frühere Einsätze als Darkwing zu versüßen, doch dass die Bürger St. Erpelsburg ihren maskierten Helden bereits vergessen, deprimiert ihn nur weiter. Doch wie aus dem heiteren Himmel formiert sich eine neue Bedrohung für ihn, seine geliebten Mitmenschen und seine Heimatstadt: Der zurückgetretene Megavolt wird aus seinem Verbrechensruhestand gezerrt, um wieder elektrisierenden Terror zu verbreiten. Unterdessen verrennt sich die Kriminalitätsbekämpfung Quackwerks in herrische Strafen für Bagatellendelikte. Eddie Erpel hat keine Wahl: Er muss sich wieder in den Einsatz schwingen!

Von den ersten Zeilen an wird spürbar, dass bei Boom!Studios passionierte Fans der Darkwing Duck-Zeichentrickserie tätig waren und mit Begeisterung das Feeling der Disney-Serie rekreieren wollten. Im Gegensatz zu den Neunziger-Comics, die Disney als Werbemittel für die Serie in Auftrag gab, entstand The Duck Knight Returns, weil Liebhaber des Originals neue Abenteuer des lila gekleideten Entenheldens erleben wollten. Die archetypische Story des in den Ruhestand getretenen, am unspektakulären Alltag zerbrechenden Superhelden konterkarieren Sparrow und Brill gekonnt mit haarsträubenden Tagträumen/Erinnerungen von außerordentlich lachhaften Abenteuern Darkwings, die selbst während des durchgeknallten Silver Age der Superheldencomics wegen ihrer Albernheit aufgefallen wären. Die Dialoge und Monologe lesen sich so, als wären sie 1:1 aus ungesendeten Originalepisoden entnommen. Darkwings selbstverliebten, komischen Intros, der trockene Sarkasmus, Megavolts Verwirrtheit ... Einfach jede einzelne Figur spricht so, wie aus der geliebten Serie gewohnt. Auch die Charakterisierungen treffen den Nagel auf den Kopf – lediglich der ebenfalls auftauchende Quackerjack ist eine Spur diabolischer und manischer, als einst in der Fernsehserie, was aber begründet wird und ihm auch gut zu Gesicht steht. Dafür stört es mich ein wenig, dass Quackerjack eine größere, breitere Zahnpartie spendiert bekam als in der Serie – alle anderen Figuren sind stimmig zu ihrer TV-Inkarnation, ausdrucksstark sowie mit festem und dennoch dynamischen Strich gezeichnet und wunderbar koloriert. Da stach mir der "neue" Quackerjack einfach zu sehr hervor.

Wie in den besten Serienfolgen kann The Duck Knight Returns nicht nur amüsieren, sondern auch Spannung erzeugen. Es fällt schwer, den Comicband wegzulegen, ehe sich herausstellt, wer hinter der Verschwörung steckt und weshalb Darkwing in den Ruhestand trat (und ich muss zugeben, beides vorab nicht erraten zu haben). Trotz der kleinen Prisen packender Atmosphäre und Dramatik herrscht der Humor ganz eindeutig vor: Neben den genialen Sprüchen der Figuren gibt es pfiffige Running Gags, knackigen Comic-Slapstick und auch zahlreiche Disney-Insiderjokes zu bestaunen. Von ironischen Seitenhieben auf offene Fragen rund um Darkwing Duck hin zu Gastauftritten von Entenversionen aktueller Kinohelden und mal deutlichen, mal versteckten Cameos weiterer Figuren hat nahezu jede Seite tolle Lacher und vergnügliche Details zu bieten. Und für das ältere Publikum hat der Comic auch Anspielungen auf extravagante Fetische zu bieten.

Von der Stimmung her würde ich den Darkwing-Comic als die Komplementärreihe zu Paperinik New Adventures bezeichnen: Während beim modernen Phantomias die Dramatik, die Action, das Erschaffen einer eigenen Mythologie und die Spannung im Vordergrund stehen, Donald und Co. dennoch auch Spaß bereiten, ist diese Mischung bei The Duck Knight Returns genau umgekehrt. Paperinik New Adventures ist allerdings fähiger darin, seine Story kontrolliert zu Ende zu erzählen. Das letzte Viertel von The Duck Knight Returns ist so überdreht und mit Gastauftritten, Seitenhieben und schneller Action überfrachtet, dass es sich wie ein Stück Fanfiction anfühlt, und nicht mehr nach einer von Fans gestützten, offiziellen Weiterführung. Wenngleich es immerhin noch gute Fanfiction ist. Trotzdem wäre mir etwas mehr Bodenhaftung am Ende lieb gewesen.

Dies trübte meinen Spaß am Comic jedoch nur minimal. The Duck Knight Returns ist ein absoluter Pflichtkauf für jeden Darkwing-Fan und auch Neulinge sollten am Band ihren Spaß haben.

Siehe auch:

Samstag, 18. August 2012

Die Quellen der Disneyfilme: Basil, der große Mäusedetektiv

 
Von Legenden zu historischen Ereignissen, von Märchen bis zu klassischer Literatur - die Zauberkünstler von Disney haben sich der vielfältigsten Quellen bedient, um Stoff für ihre Filme zu finden. Gemein haben sie jedoch alle, dass das Ursprungsmaterial nicht ohne Veränderung in den Disney-Kanon eingeflossen ist.

 

Diese Reihe von Im Schatten der Maus befasst sich mit dem Entstehungsprozess einiger dieser Meisterwerke:
Die Quellen der Disneyfilme

Als Arthur Conan Doyle 1887 anfing, seine Geschichten über die Fälle von Sherlock Holmes zu veröffentlichen, brachte er ohne es zu wissen eine Lawine ungeahnten Ausmaßes ins Rollen, er definierte das Genre des Kriminalromans neu und machte sich und seine ikonische Hauptfigur zur Legende.
Mit Sherlock Holmes schuf Doyle eine Gestalt, die über die Rolle des simplen Ermittlers hinausgeht und sich als eigenständige Persönlichkeit einen Platz in der Weltliteratur erobern konnte. Holmes hat nicht nur einen eigenständigen Charakter, sondern stellt eine derart faszinierende Figur dar, dass seine Geschichten auch für völlige Krimi-Verachter als rein personenbezogene Romane funktionieren. Dieser Ansatz erklärt zumindest ansatzweise die ungebrochene Faszination des beratenden Detektivs, der seit seiner ersten Kurzgeschichte vor über hundert Jahren ein ungebrochener Kritiker- wie Zuschauerliebling ist und bis heute in unterschiedlichsten Inkarnationen sein Publikum findet.

Eine der ungewöhnlicheren dieser Bearbeitungen ist die Buchreihe um „Basil of Baker Street“, die sich alle Mühe gibt, Sherlock Holmes‘ Faszination schon einer Leserschaft von Kindern nahebringen zu können.
Die Figur des Mausers, der in den Kellerräumen von 221b, Baker Street seine Wohnung aufgeschlagen hat und dort buchstäblich im Schatten seines großen Idols Sherlock Holmes Kriminalfälle löst, wurde 1958 von Eve Titus geschaffen, Präsidentin der Sherlock Holmes Society von Los Angeles. Die von 1958 bis 1982 erschienen fünf Bände sind seit seinem Ersterscheinen fester Bestandteil von John Bennet Shaws „100 items for the Basic Holmesian Library“.
Die Hauptintention der Autorin kommt gleich auf der ersten Seite des Buches zum Ausdruck, direkt nach der Widmung an Doyles Sohn Adrian M. Conan Doyle: Es ist Titus‘ Wunsch, gerade Kinder mit ihren Büchern an die klassischen Sherlock-Holmes-Geschichten heranzuführen. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass die Bücher voller größtenteils leichtverständlicher Anspielungen auf ihr literarisches Vorbild stecken - angefangen direkt mit dem Namen der Hauptfigur, der natürlich eine Hommage an den legendären Sherlock-Holmes-Darsteller Basil Rathbone darstellt.
Generell sind die starken Parallelen zwischen Basil und Holmes kein handlungsnotwendiger „Zufall“, sondern werden durch Basil gezielt hervorgerufen. Der Mauser verehrt sein menschliches Vorbild und ahmt ihn nach, wo er nur kann. Das ist überhaupt erst der Grund für Basils Wohnsitz; er selbst hat die Mäusesiedlung Holmestead explizit gegründet, um den Deduktionen des Meisters besser lauschen zu können und von ihm zu lernen. In anderer Hinsicht ist er allerdings weniger erfolgreich: Obwohl Basil Holmes‘ Geigenspiel nur zu gerne imitieren würde, zeigt er sich gänzlich unfähig und muss in musikalischer Verehrung auf die Flöte zurückgreifen. Die Pistolenfertigkeiten seines Vorbildes wiegt Basil dagegen mit Pfeil und Bogen auf.
In den Büchern wird klar, dass Basil sich als sehr guter, aber dennoch zweitklassiger Detektiv betrachtet und in jeder Hinsicht eigentlich Sherlock Holmes‘ größter Fan ist. Gerade da er ansonsten den durchaus selbstgerechten Charakter seines Idols teilt, wirkt diese Zurückhaltung teilweise unangebracht und trübt das Bild von Basil als alternativer Holmes-Figur zuweilen leicht.
Besonders erwähnenswert ist dagegen das wiederkehrende Motiv von Holmes Gerechtigkeitssinn, der das eigenständige Denken über simple Gesetzestreue stellt. Wie er hat auch Basil keine Bedenken, überführte Verbrecher laufen zu lassen, wenn er selbst es für moralisch angebracht hält - ein auffallender Kontrast zu vielen anderen politisch korrekteren und somit „pädagogischeren“ Detektivgeschichten.
Nicht nur Holmes selbst, auch die Staffage der Doyle-Geschichten findet sich in Basils Umgebung detailgetreu wieder. Von seinem treuen Begleiter David Q. Dawson über Basils Nemesis, Professor Padraic Ratigan (trotz seines Namens in den Büchern eine Maus), bis zu der verführerischen Opernsängerin Mlle Relda kommen hier die ikonischsten Gestalten von Doyles Universum allesamt in Nagetiergestalt vor.
Insgesamt stellt Basil of Baker Street eine erstaunlich charaktergetreue Holmes-Verkörperung dar und trotz kleinerer Schwächen handelt es sich bei Titus‘ Büchern um eine allerliebste Krimireihe für Kinder, die ihre Aufgabe, den Lesern einen Geschmack des Meisterdetektivs zu vermitteln, meisterhaft erfüllt. Von den wichtigen Charakteristiken der Deduktion als Mittel der Falllösung, die teilweise direkt aus Doyles Geschichten übernommen sind, bis zu dem Klischee der Deerstalker-Mütze, von denen Basil (im Gegensatz zu Holmes) einen ganzen Vorrat besitzt, spiegelt sich wirklich das gesamte Spektrum des zeitgenössischen Sherlock-Holmes-Fankults.



Mit diesen Grundvoraussetzungen stellen die „Basil of Baker Street“-Bücher ein ideales Quellenmaterial für Disney dar. Gerade in einer Zeit, als man sich im Mäusestudio stark auf anthropomorphe Tiere konzentrierte und dafür zeitweise sogar klassische Geschichten kurzerhand ins Tierreich verfrachtete, passte Basil, der große Mäusedetektiv perfekt ins Beuteschema - schließlich hatte Titus den Storyentwicklern in ihren Büchern dabei schon die Hälfte der Arbeit abgenommen, um Sherlock Holmes in das Disney-Universum einzufügen.
Natürlich gibt sich der Film Mühe, auch für Nichtkenner der Bücher sofort klarzumachen, dass Basil hier nicht Holmes‘ Alter-Ego darstellt, sondern sein Gewerbe parallel zu dem des großen Detektivs ausführt. Gleich in der ersten Szene kann man Sherlock Holmes hinter seinem Fenster Violine spielen sehen und in einer Szene leiht ihm sogar Basil Rathbone persönlich die Stimme - und das 19 Jahre nach seinem Tod. Dieser kurze Sprachfetzen aus der „Liga der Rothaarigen“ sorgt allerdings für ein kleines zeitliches Paradoxon, da dieser Fall laut Watsons Aufzeichnungen im Herbst 1890 spielt, während der Film eindeutig im Jahre 1897 angesiedelt ist.
Während der Name Basil in den Büchern im Übrigen wohl einen Nachnamen darstellt (seine Schwester heißt Brynna Basil), ist die Lage im Film uneindeutig und manche Übersetzungen des Filmtitels lassen Basil zu einem klaren Vornamen werden.


Ansonsten lässt sich, was den Vergleich zwischen Film und Büchern angeht, generell nicht viel zum Inhalt sagen. An Parallelen lässt sich das Entführungs-Szenario erwähnen, Basils Geschick, was eine überzeugende Seemann-Verkleidung angeht und die Tatsache, dass Professor Rattenzahn als einzige Maus souverän mit Katzen umgehen kann. Doch von solchen Schnipseln abgesehen, hat der Kriminalfall des Disneyfilms weder mit Titus‘ noch mit Doyles Geschichten viel zu tun und somit liegt der Schwerpunkt der Beurteilung (wie auch in vielen anderen Sherlock-Holmes-Verfilmungen) vorrangig auf der Originaltreue und den eingebrachten Charaktereigenschaften der Figuren. 

Als Erstes fällt beim Vergleich der verschiedenen Versionen auf, dass sich der Disneyfilm weit mehr auf die originalen Sherlock-Holmes-Geschichten stützt, als dies in den Büchern der Fall ist. Man spürt dem Film an, dass die verantwortlichen Künstler das Ursprungsmaterial nicht mit der gleichen ehrfürchtigen Achtung betrachteten wie Eve Titus, und der daraus folgende unverkrampfte Umgang tut speziell Basils Charakter wirklich gut.
Natürlich hält sich auch der Film an die gängigen Klischees und weder die Deerstalker-Mütze, noch Watsons korpulentere Statur dürfen dabei fehlen. Aber Basil selbst ist hier nicht mehr der obsessive Sherlock-Holmes-Fanboy, sondern er wird nun seinem großen Vorbild selbst charaktergetreuer. Er meistert nun doch erfolgreich die Violine, hat geradezu manische Stimmungsschwünge und Anflüge von Melancholie und hält sich nicht zurück, auch gereizt, unfreundlich oder geradezu unverschämt mit seinen Gästen umzugehen.
Speziell in Basils sorglosen Umgang mit der Pistole zeigt sich eine Rücksichtslosigkeit, die an ein aussagekräftiges Zitat aus dem erstem Sherlock-Holmes-Roman „Studie in Scharlachrot“ erinnert:
„Ich könnte mir vorstellen, dass er einem Freund eine kleine Prise eines neuentdeckten pflanzlichen Giftstoffes gibt; nicht aus Bösartigkeit, verstehen Sie, sondern nur aus Forscherdrang, um die genaue Wirkung festzustellen. Um ihm aber Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, denke ich, dass er es mit derselben Bereitwilligkeit selbst nehmen würde.“



Und wenn die Rede auf Giftstoffen kommt: Auch wenn der Disney-Basil genau wie die Kinderbuch-Version selbstverständlich keinerlei verbotene Drogen nehmen, wurde ihm zumindest die ikonische Detektiv-Pfeife nicht verwehrt und in einer Szene darf er um seiner Verkleidung willen sogar Zigarette rauchen und trinken.

Im Film ist Basil zum größten Teil auch nicht der freundliche, besorgte Helfer aus Titus‘ Büchern. Er macht sich keine Mühe, seine Ungeduld Olivia gegenüber zu zügeln und erklärt sich erst bereit, dem Kind zu helfen, als sich deren Fall mit seinen eigenen Interessen überschneidet. Alles in allem benimmt er sich, verglichen mit den Büchern, sehr viel mehr wie seine grenzwertig soziopathischer Vorlage Sherlock Holmes, und das in einer Darstellung, die dieser eher „modernen“ Lesart um einige Jahre vorauseilt.
Auch in anderer Hinsicht traut sich der Film, um Basils Charakters Willen Neuland zu betreten: Basil, der große Mäusedetektiv ist der erste Disney-Zeichentrickfilm mit einer erwachsenen Hauptfigur, der ohne Liebes-Szenerie auskommt - und bis zu dem notirischen Regelbrecher Ein Königreich für ein Lama blieb er auch der einzige.
Dabei galt diese Entwicklung wohl nicht als selbstverständlich, denn in ersten Story-Entwürfen sollte eine sehr viel ältere Olivia noch als potentieller Love-Interest für Basil oder zumindest Wasden sorgen. Es war wohl nur ein glücklicher Zufall, dass man sich entschied, Olivia als Kind „sympathischer“ wirken zu lassen und Basil somit seine originalgetreue Integrität zu belassen.



Stattdessen findet sich im Film eine mehr oder weniger subtile Andeutung auf die Frau, auch bekannt als Irene Adler oder Mlle Relda in der Mäusewelt: Satt der Opernsängerin treffen Basil und Wasden auf die Tanzmaus Miss Kitty, die mit verführerischem Charme und der anfangs allzu unschuldigen Aufmachung die Männer um den Verstand bringt. Zwar gönnt Basil selbst ihr keinen genaueren Blick, aber immerhin ist sie es, die es schafft, für die 15 Minuten Verspätung zu sorgen, die Rattenzahns Plan so weit durcheinanderbringen, dass er Basil schließlich unbeaufsichtigt zurücklassen muss ...
Doch auch an sich bietet Miss Kitty für genug Zunder für mehr als einen Disneyfilm. Mit Zeilen wie „Hey fellas, I‘ll take off all my blues! Hey fellas, there‘s nothin‘ I won‘t do, just for you!“ versucht sie gar nicht mehr, die Anzüglichkeiten zu verschleiern und bietet Mäusen wie Zuschauern einen gewagten viktorianischen Striptease.

Und natürlich stellt das Ende eine einigermaßen kreative Abwandlung des Reichenbachfall-Szenarios dar, wenn Basil und Rattenzahn scheinbar gemeinsam in ihr Verderben stürzen, das nur Basil alleine überlebt. Will man dieser Entwicklung das Klischee vorwerfen, muss man bedenken, dass dieses Sherlock-Holmes-Kapitel zu der Zeit noch nicht so ausgereizt war wie nach den verschiedenen Verfilmungen der letzten Jahre. Seinerzeit war Basils kurzfristiger Untergang nur ein ganz gewöhnlicher, typischer Disney-Tod.

Betrachtet man sie objektiv, so besteht wohl keine Frage, dass Titus‘ Bücher - so geeignet sie als Hinführung auch sein mögen - es doch literarisch gesehen nicht mit Doyles Werk aufnehmen können. Von daher kann man es wohl als eine gute Entscheidung bezeichnen, dass sich Basils Charakter näher an Holmes‘ Vorbild als an seiner direkten literarischen Quelle orientiert; durch diese Entscheidung wurden die Figuren stärker und ausgeprägter, und der unverkennbar gewagtere Inhalt gibt dem Film einen eigenen, markanten Charakter.
Basil, der große Mäusedetektiv hat die Babyschuhe der Basil-Bücher abgestreift und ist mehr als eine kindgerechte „Nacherzählung“ der Holmes-Geschichten - es ist ein selbstständiger Beitrag zu dem ständig wachsenden Erbe des Meisterdetektivs und damit Disneys höchsteigene Verfilmung der Sherlock-Holmes-Legende.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

Piraten in der womöglich wichtigsten Filmhitliste; und weitere Bemerkungen zu "Sight & Sound"


Yarr! Jeder sollte seine Lieblingsfilme wertschätzen dürfen, ganz gleich, was andere Menschen denken. Denn nicht immer muss die Weisheit der Vielen auch für einen selbst zutreffend erscheinen. Dennoch ist es immer wieder schön, wenn persönliche Favoriten prominente Anerkennung erfahren. Selbst wenn es längst nicht das Kernziel der einmal alle zehn Jahre stattfindenden Sight & Sound-Umfrage ist, die aus den Top 10 von über 1.000 Filmjournalisten, -akademikern und -kennern die Hitliste der am meisten angesehenen Filme erstellt.

Der Countdown des britischen Filmmagazins gehört aufgrund der Breite an Teilnehmern und der Bedeutung der dahinter stehenden Publikation zu den respektiertesten Film-Ranglisten, und er half auch, Citizen Kane als DIE Antwort schlechthin nach dem besten Film aller Zeiten zu zementieren. Von 1962 bis 2002 führte Orson Welles' Klassiker diesen Countdown an, doch dieses Jahr wurde er von Alfred Hitchcocks Vertigo überholt, was in den vergangenen Wochen bereits munter durch diverse Filmportale getragen wurde.

Nunmehr hat Sight & Sound die Top 250 veröffentlicht, sowie den kompletten Abstimmungsapparat. Und hier kommt die eingangs genannte Zweckeentfremdung der Umfrage zur Geltung: Natürlich kann man die Top 250 abklappern, ungesehene Filme auf seine Einkaufliste setzen und sich in cineastischem Gold suhlen. Das sollte man sogar, wenn man für's Zelluloid etwas übrig hat. Doch es macht auch Spaß, herumzustöbern um herauszufinden, ob ganz persönliche Favoriten von den erlesenen Kritikern ebenfalls geachtet wurden.

Gentlemen, ich wasche mich nicht rein von dererlei Merkwürdigkeiten, denn ich habe mich sofort auf die Liste sämtlicher gewählter Filme mit dem Anfangsbuchstaben P gestürzt, um nachzuschauen, ob irgendeiner der feinen Filmkenner ebenfalls etwas für die von mir so hoch verehrte Pirates of the Caribbean-Reihe übrig hat. Wenn überhaupt, so war mein Gedanke, könnte es Teil 1 geschafft haben, eine Stimme zu erhalten. Aber weit gefehlt. Stattdessen hat sich Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt in der Liste der besten Filme aller Zeiten eingenistet. Muhahahahahaha! Darauf eine Buddel voll Rum!

Ausgerechnet mein Lieblingsteil des Freibeuter-Franchises hat es geschafft. Der britische Filmredakteur Mark Sinker nahm Am Ende der Welt in seine Top 10 auf, und hat ihm somit eine Ehre ermöglicht, die viel konventionelleren Wahlen unter den kontemporären Publikumserfolgen verwehrt blieb. Denn Filme wie Der König der Löwen, Inception, Der Herr der Ringe 3, Forrest Gump oder gar Schindlers Liste sind nicht Teil der Sight & Sound-Hitliste. Auch Kevin Smith, der sich wenigstens mit Clerks gerne in solche Auflistungen einschleicht, ist mit keiner einzigen Nennung bedacht worden.

Wie Sinker bezüglich seiner Wahl anmerkt:
There are films that matter historically. There are films that mark what all the world agrees is greatness. And there are films that do something you hadn’t seen before, that catch at you and divert you and teach you something you didn’t know: a performance, a move, a feel, a sound, a view, a device. It might be small (it may not). Perhaps it eats through expectation at an odd angle, in a film you anticipated nothing from. Glenn Anders, giggly, perverse and sweaty in Shanghai. The vast, grindingly gorgeous whole-cloth mythology in Pirates III, with the franchise figurines chirruping like ghosts in front of it. Milla Jovovich’s breakneck teenage martyrdom in Messenger, and why the hard-bitten French army is captivated by it. In Rawlinson, the treacle-black surreal concentrate of the history of British comic writing and performance. Walken cracking up in Communion, jerkily hallucinating a silly-weird story of alien abduction that his family prefers to the notion of his being badly mad (as in fact do we). The anti-noir daylight ambience of modern evil in The Long Goodbye, and the innocent, incorruptible drift of Elliott Gould’s honesty, his near-passive soft-shoe refusal. Sometimes other people get it (Police Story, Maborosi); sometimes everyone does (Eraserhead, The Thing).
Mister Sinker, Sie haben in zwei Sätzen zusammengefasst, was ich der ganzen Welt über diesen von mir auf Händen getragenen, verehrten, gefeierten und geliebten Film zu sagen versuche. Sollte ich jemals zu bloggen aufhören und mich eine Leserin oder ein Leser anschnauzen, ich hätte vor meinem Abschied wenigstens Am Ende der Welt noch besprechen sollen, so kann ich auf diese Worte verweisen. Es mag kein filmhistorisch überaus relevanter Film sein, doch es ist einer, der auf zermürbend-atemberaubende Weise das Unerwartete wagt und ein Filmuniversum entwirft, ausleuchtet, bevölkert und überhöht, während die vom üblichen Kinogänger ersehnten, altbekannten Figuren geisterhaft vor dieser Bühne herumtänzeln. Das ist Blockbusterkino, wie man es nicht kennt, und es sagt mir in dieser ambitioniert-wahnsinnigen und dennoch kontrollierten Ausführung ungeheuerlich zu.

Während ich mich wie das letzte, volltrunkene Besatzungsmitglied der Black Pearl über die Wahl von Am Ende der Welt freue, werden sich andernorts Fans von Metallica freuen, denn auch Metallica: Some Kind of Monster erhielt eine Stimme. Ebenso wie der Porno Behind the Green Door, die Komödien Office Space und Borat sowie die Game-Verfilmungen Hitman und Dead or Alive 2: Birds. Zoolander erhielt sogar zwei Stimmen. Mache ich mit der Nennung dieser etwas schrilleren Wahlen mein ganzes Lob für Am Ende der Welt kaputt? Nicht doch, denn schlussendlich ist die Sight & Sounds-Liste sehr erlesen, und dennoch kein reiner Klischeeverein. Nicht nur Geschmäcker können verschieden sein, auch Wertungsparameter. Und so lange WALL•E in den Top 250 ist, haben Disney-Fans auch einen etwas typischeren Vorzeigefilm, auf den sie verweisen können.

Weitere Bemerkungen, die mir spontan in den Sinn kommen:
  • Ich bin gespannt, ob Vertigo sich nun so als Spitzenklassiker manifestieren kann, wie Citzen Kane. Die Historie ist ja ähnlich: Seinerzeit zwar nicht missachtet, aber doch bestenfalls nur bemerkt, wurde er von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr respektiert, vom Geheimtipp zum Klassiker zum "offiziell" besten Film aller Zeiten. Aber, was geschieht im Gegenzug mit Wells' Opus? Wird Citizen Kane nun langsam in der Cineastengunst sinken, sich einen Zweikampf mit Vertigo liefern oder sind in 50 Jahren Mark Sinker und ich die lachenden Dritten?
  • Persona ist der bestplatzierte Film von Bergman? Ich hätte mit der vermeintlich populäreren Wahl Das siebente Siegel (Rang 93) gerechnet.
  • Apropos Rang 93: Mit Das siebente Siegel, Ein andalusischer Hund und Intoleranz dürfte es der filmhistorisch kraftvollste, mehrfach besetzte Platz dieser Hitliste sein. Oder gibt es Gegenstimmen?
  • Der Pate ist von Rang 4 der Kritiker-Bestenliste auf (einen geteilten) Platz 21 abgestürzt.
  • Selbstredend ist Mulhollhand Drive mit Rang 28 der stärkste Lynch. Leider. Ich bin für den Elefantenmensch (3 Nennungen, Platz 447), Blue Velvet (Platz 69, höhö) oder The Straight Story (1 Nennung, noch ein Disneyfilm in der Hitliste, yeah!)
  • Psycho kommt erst auf der 34, Das Fenster zum Hof auf der 53!
  • Mich erstaunt es sehr, dass Barry Lyndon der zweitplatzierte Kubrick ist, während Dr. Seltsam auf dem 117. Rang ruht und Shining auf dem 154. Ich will das keinesfalls verurteilen, trotzdem finde ich es bemerkenswert.
  • Texas Chainsaw Massacre auf Platz 183. Wenn Genrefilme so stilisiert und machtvoll sind, dass sie zu Kunst werden ...
  • WALL•E teilt sich Platz 202 unter anderem mit Berlin Alexanderplatz, There Will Be Blood und Videodrome. Die Streifen zusammen, das wäre ein Filmmarathon, den ich mir im Kino geben würde. Andererseits .. Schon Berlin Alexanderplatz allein wäre eine XXL-Kinositzung. Lassen wir das lieber!
  • Jeder der Kritiker, die WALL•E wählten, nannten noch mindestens zwei weitere Filme, die ich sehr gut finde. Cineastischer Konsens lässt sich also finden.
  • Memento ist der einzige Christopher-Nolan-Film in der Liste, Royal Tenenbaums der einzige von Criterion-Favorit Wes Anderson.
  • Weil ich mich erst letztens mit jemandem darüber gestritten habe, welcher Eintrag in die Star Wars-Saga besser ist: Das Imperium schlägt zurück ist Teil der Sight & Sound-Liste, Rückkehr der Jedi-Ritter dagegen nicht!
  • Mehr Disney: Fantasia, Mary Poppins, Pinocchio, Toy Story 1 & 2, Tron und Oben
  • Die freie Journalistin Karen Oughton nannte neben Mary Poppins in ihren Top 10 Die Rocky Horror Picture Show, Vertigo, Die Verurteilten und Das Leben des Brian sowie A Serbian Film. Scheint eine sehr interessante Zeitgenossin zu sein, die Dame.
Wer selber staunen, stöbern, lernen und grübeln sowie seine "To watch"-Liste aufstocken möchte findet hier die vollständige Liste. Viel Spaß und verliert nicht zu viel Zeit beim Lesen. Ihr könntet in der Zwischenzeit sicher auch ein paar Filme schauen.