Dienstag, 31. Dezember 2013

Meine Hits des Jahres 2013


Bevor das Jahr 2013 mit Feuerwerk und Getöse verjagt wird, so dass es Platz für 2014 machen kann, soll an dieser Stelle noch (obligatorischerweise) auf meine Songs des Jahres eingegangen werden. Nicht, dass mir diese Blogtradition in ihrer jüngsten Inkarnation besonders leicht gefallen wäre: Weder habe ich 2013 ein sonderlich offenes Ohr für neue musikalische Veröffentlichungen gehabt (viel eher habe ich Filmmusik gelauscht sowie non-cineastische Songs aus früheren Jahren gehört), noch baute ich dieses Jahr größere emotionale / assoziative Verknüpfungen zu den neuen Liedern auf, die mir ins Ohr gingen.
Doch bekanntlich funktioniert eine Liste der besten neuen Musikstücke nur, wenn sie neue Musikstücke umfasst und wie in den früheren Song-Contdowns hier im Blog vielleicht deutlich wurde, basieren meine Musik-Hitlisten stets auch ein wenig auf der Verbindung, die ich zu einem Lied habe. Weshalb etwa 2007 etwa Rihannas Umbrella in meinem Countdown vorkam, obwohl ich die Nummer eigentlich ziemlich dumm finde.

Ein paar vereinzelte Lieder haben sich dennoch hier eingefunden, einsame, müde Krieger, die mir nicht nur gefielen, sondern in mir ausreichend Begeisterungsfähigkeit geweckt haben, so dass ich sie hier im Blog würdigen mag. Und ein weiteres Mal kam eine abstruse Genremischung dabei raus. Dieser Mix gehört zu mir (und meinem traditionsmäßigen Musik-Jahresrückblick), wie die Matrosenmütze zum guten, alten Donald.

Platz 11: Thrift Shop (Macklemore & Ryan Lewis feat. Wanz)
I'm gonna pop some tags / Only got twenty dollars in my pocket / I-I-I'm huntin' / Lookin' for a come up / This is fucking awesome

Das witzige Musikvideo machte mich erstmals auf diese herrlich vergnügt komponierte und vorgetragene Rapper-Swagsucht-Parodie aufmerksam, dann folgten die perfekt auf dieses Stück geschnittenen Pain & Gain-Trailer und so öffnete ich mich dann langsam für diesen launigen Indie-Hip-Hop. Und wieso auch nicht? Das Stück ist eingängig, gewitzt und ein klarer Stimmungsheber.

Platz 10: Lights (Ellie Goulding)
You show the lights that stop me / turn to stone / You shine them when I'm alone

2011 erstmals veröffentlicht, erreichte Ellie Gouldings Song Lights in Deutschland erstmals durch eine Performance in der Show Schlag den Raab die breite Öffentlichkeit - und auch mich. Durch Gouldings schmissigen Auftritt erhielt die Nummer genug Publicity, dass die Single wiederveröffentlicht wurde und erstmals in den hiesigen Charts zum Hit wurde. Daher erlaube ich es mir auch, Lights in den diesjährigen Countdown aufzunehmen. 2011 kannte ich ihn schlicht nicht und erst nun wurde er zum Erfolg. Spaßiger Refrain, starke Stimme und zudem eine ganz, ganz leicht beschwingende Qualität: Passt. Ich darf ihn nur nicht zu oft in kurzer Zeit hören.

Platz 9: Only Teardrops (Emmelie De Forest)
How many times do we have to fight / how many times till we get it right

Und hier ist er, der obligatorische jährliche Eurovision Song Contest-Titel in meinen Jahrescharts. Dieses Mal ist es der dänische Gewinnersong des großen Musikwettbewerbs: Eine verspielte, folkloristische Melodie, aufgepeppt und ins emotional tragende gehoben durch einen sanften Hall in der Stimme der Sängerin sowie den intensiven Drums im Hintergrund. Es ist, um ehrlich zu sein, kein Lied, das mir oft in den Sinn kommt. Doch die von Hoffnung getragene, sich der Resignation verzweifelnde Frage der zierlichen Interpretin, wie lange es denn noch dauert, bis das Lyrische Ich und die Person seiner Wahl endlich zu kämpfen aufhören und den richtigen Weg einschlagen, also einander finden, weiß den richtigen Nerv bei mir zu treffen. Ein zierlicher Hauch Melancholie, hinweg getragen von poppig umgesetzter Folklore und ambitioniertem Einsatz der Künstlerin, und so in Optimismus und die Erwartung eines Triumphs verwandelt. Passt super!

Platz 8: Happy New Fear (Lordi)
Happy happy new fear / Happy new fear / And the more you feed the fear / the more it consumes

Laut, kratzig, amüsant: Lordi zeigt sich in diesem Song des Studioalbums To Beast or Not To Beast von der energiereichen, eingängig-mitsingbaren und partytauglichen Seite. Der Refrain ist fantastisch, die Strophen legen das Tempo gut vor, bloß die Instrumentalstellen sind meiner Ansicht nach ein Stück zu lang für ihr eigenes Wohl. Als kleine Headbang-Hymne aber ein guter Vertreter der monströsen Band.

Platz 7: We're Not Bad For the Kids (We're Worse) (Lordi)
Make you mommy cry / Daddy blows his mind / Listen up and learn / We're not bad for the kids, we're worse

Einen Hauch besser ist meiner Meinung nach der Opener des Albums To Beast or Not To Beast gelungen. Ebenfalls schnell, etwas kantiger, eine Melodie, die sich an den Stil Motörheads anlehnt, aber einen Funken harmonischer ist. Knackig, kraftvoll, laut.

Platz 6: Stand Up and Fight (Saxon)
If you wanna make a life playing in a rock and roll band / You've got to take a chance and don't look back

Schroffer, direkter Rock 'n' Roll von den ebenso rockigen wie metal-mäßigen Urgesteinen Saxon: Epochale Instrumentalpassagen, die einen flott und melodisch in ihren Bann ziehen, hinzu kommen engagiert vorgetragene Texte mit autibiographischen Zügen, die jeder Aufgebermentalität einen Riegel vorschieben.

Platz 5: I Luv Ugly (Lordi)
Now listen kiddies / I salute the freaks/  It's only pretty when it's nasty

Weg mit den quietischig-süßen Plüschfiguren, her mit den charakterstarken, einmalig aussehenden Wesen, die oberflächliche Deppen als hässlich bezeichnen: Lordi besingt in dieser griffigen, im besten KISS-Stil gehaltenen Hymne mit rauen Riffs, einem im Ohr bleibendem Refrain sowie Mr. Lordis unvergleichlichem Monster-Timbre die Liebe zur nicht ganz so klischeehaft-hübschen Einzigartigkeit. Eine rasante Mitgröhl-Nummer, irgendwo zwischen schrammelndem Hard Rock und melodischem Power-Metal. Starke Nummer mit besonders cooler Bridge.

Platz 4: Standing in a Queue (Saxon)
We're standing in a queue / We don't know what to do / We're just trying to make it through / We're just standing in a queue

Saxon gibt sich humorvoll: Knackiger Rock 'n' Roll mit voluminösen Instrumentalparts in launig-großspuriger AC/DC-Marke ... und all dies, um möglichst laut tönend und rockig das Schlangestehen zu besingen. Nie klang doof in der Gegend stehen und warten bombastischer und aufregender als in diesem Song! Gute Laune garantiert. Leider verkürzt Standing in a Queue das Schlangestehen nicht wirklich ...

Platz 3: Do What U Want (Lady Gaga & R. Kelly)
You can't stop my voice cause / You don't own my life

Klanglich irgendwo zwischen 80er-Synthie-Pop und 90er-Bubblegum-Pop, so als würden die Lyrics eines verschollen gegangenen Christina-Aguilera-Nachfolgesongs zu Genie in a Bottle auf einen vergessenen Titel von Soft Cell treffen. Textlich als selbstbewusster Angriff auf ignorante Kritiker angelegt, der aber so suggestiv formuliert wurde, dass der Refrain auch ziemlich zweideutig erscheint, fügt sich dieser tanzbare, schwungvolle und dennoch stylisch-kühle Song toll in Lady GaGas Œuvre. Vor allem aber ist er unfassbar gut darin, mich um den Finger zu wickeln und mitwippen zu lassen. Ein toller Ohrwurm, der gut ins Heute passt, durch sein aufs Früher verweisendes Klangbett aber zeitlos ist. Spitze!

Platz 2: Horrifiction (Lordi)
It's all horrifiction / Silver screen addiction / Cinematic gore and murder / It's horrifiction Not a fact prediction / Movies cannot make you a killer / It's horrifiction

Ein poppiges Tempo, Ohrwurm-fähige Melodie, doch wunderbar schaurige Keyboard-Einsätze und ein sonst sehr an 80er-Metal erinnerndes Klangbett: Auch wenn die idiotischen Vorwürfe spießiger Moralapostel, Horrorfilme würden ihre Konsumenten zu Killern erziehen, mit nachlassender Taktung die Massenmedien erreichen, so ist diese These noch immer ein Thema von gewisser Relevanz. Da ist es nur fein, dass Lordi mit feiner Ironie und in coolem Sound die Horrofilm-Angst anpacken - Horrifiction handelt von einem Horror-Fan, dessen Umfeld ihn aufgrund dieses Hobbys fürchtet. Dank eines kernigen Refrains erinnern die nordischen Monster daran, dass Horrofilme nur Spaß sind. Ein finsterer Twist zum Abschluss des Songs lässt aber die Frage offen, ob in der Realität der Horrorkonsum wirklich immer ein gutes Ende nimmt. Denn wieso sollten uns diese Monster mit einem reinen, guten Gefühl entlassen?

Platz 1: Lieder (Adel Tawil)
Ich sang nur noch für mich, für ‘ne unendlich lange Zeit / Dann traf ich auf sie / Und sie erinnerte mich

Adel Tawil singt wieder und widmet sich in seiner Single Lieder den Songs seines Lebens, indem er diverse Titel (egal ob deutsch oder englisch) zu Textzeilen in seiner eigenen, autobiographischen Nummer verarbeitet. Das Ergebnis ist ein melodisches, gefühlvolles und dennoch auch beschwingtes Musikquiz und obendrein einfach eine richtig schöne Komposition, die sich als meine liebste neue Nummer dieses Jahres herauskristallisierte. Lieder macht Spaß, zollt den lieben Damen ihren Tribut, die einsame Menschen an die melodische Seite des Lebens erinnern und geht sofort ins Ohr, ohne dort nach größerer Verweildauer zu nerven. Sowas darf gerne mein Hit des Jahres 2013 sein!

Ich wünsche euch allen einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr!

Sonntag, 29. Dezember 2013

Die 15 erfolgreichsten Disney-Filme in Deutschland


Für all jene, die heute Abend überprüfen wollen, ob RTL in der Norddeich-TV-Produktion Die erfolgreichsten Disney-Filme aller Zeiten mit Lena Meyer-Landrut auch das korrekte Ranking verfolgt (oder für alle, die sich während der Countdownsendung die Spannung verderben wollen), gibt es hier die 15 erfolgreichsten Disney-Filme zu bestaunen. Gemessen wurde der Erfolg nach Anzahl der verkauften Kinotickets in Deutschland, entnommen sind diese Werte vom besten Nachschlagewerk in Sachen Kinoerfolgen, das das deutschsprachige Internet zu bieten hat: Insidekino.de.

Und, so viel sei verraten: Der erste Platz dieser Liste ist in Deutschland zugleich auch der Kinofilm mit den meisten Besuchern überhaupt ...

Platz 15: Cap & Capper (5,01 Millionen Besucher)
Platz 14: Die Schöne & das Biest (5,11 Millionen Besucher)
Platz 13: Tarzan (5,66 Millionen Besucher)
Platz 12: Robin Hood (6,05 Millionen Besucher)
Platz 11: Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt (6,07 Millionen Besucher)
Platz 10: Ratatouille (6,11 Millionen Besucher)
Platz 9: Fluch der Karibik (6,17 Millionen Besucher)
Platz 8: Aladdin (6,35 Millionen Besucher)
Platz 7: Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2 (7,23 Millionen Besucher)
Platz 6: Ein toller Käfer (7,42 Millionen Besucher)
Platz 5: Findet Nemo (8,84 Millionen Besucher)
Platz 4: Bernard & Bianca (9,77 Millionen Besucher)
Platz 3: Aristocats (11,29 Millionen Besucher)
Platz 2: Der König der Löwen (11,89 Millionen Besucher)
Platz 1: Das Dschungelbuch (27,39 Millionen Besucher)

Auch wenn Disney die Rechte an Star Wars erwarb, sind die bislang veröffentlichten Sternenkriegsfilme nicht berücksichtigt worden, ebenso wenig wie Indiana Jones oder Filme von Touchstone Pictures oder weiteren Disney-Studios ohne den Disney-Markennamen.

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Die schlechtesten Filme des Jahres 2013

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und somit liegen wieder einmal zwölf Monate hinter uns, in denen die Kinosäle des Landes mit Kassenschlagern, Kleinoden und qualvollen Fehlschlägen erfüllt wurden. Ehe ich mich meinen Höhepunkten des Filmjahres 2013 widmen werde (und dies werde ich, störrisch wie ich bin, erst kommenden Monat machen, weil ich finde, dass es ungalant ist, die besten Filme 2013 zu küren ehe das Jahr überhaupt zu Ende ist), möchte ich meinen Blick auf die letztgenannte qualitative Kategorie richten. Und wie schon in den vergangenen Jahren möchte ich auch an dieser Stelle klar machen, dass dies hier eher die von mir am meisten gehassten Filme des Jahres 2013 sind – und nicht die nach Lehrbuch schlechtesten Machwerke. Denn welchen Sinn hat es schon, auf inhaltslose D-Ware draufzuhauen, die von kaum jemanden gesehen und innerhalb von vier Tagen gedreht wurde? Ist es wirklich aufregend, zu sagen, das Jets – Helden der Lüfte schlechter animiert und ambitionsloser geschrieben wurde als Planes? Und vor allem: Wer will schon meine Meinung diesbezüglich hören? Ich habe bislang nicht einmal Kindsköpfe 2 komplett gesehen!

Nein, hier geht es um die Filme, die besonders aggressiv langweilten oder deren Figuren, Storys, Gags und/oder moralinsauren Aussagen nerven. Es geht um Filme, die mich erzürnen – und nicht um unbedeutenden Schund. Und somit ist diese Liste ganz und gar subjektiv. Mehr noch: Sie ist höchst emotional. Zum Ende des Jahres darf das einfach mal sein.

Platz 10: Schlussmacher (Regie: Matthias Schweighöfer)

Deutsches Massenkino nach dem Schema F: Ein Rüpel lernt Leute kennen, die er zunächst nicht mag, mit denen er sich dann aber langsam anfreundet. Zudem sieht er endlich ein, wie wertvoll die Liebe ist. Das Ganze mit zig Farbfiltern auf einen Pseudo-Hollywood-Look hochgebauscht und fast schon widerlich-zynisch auf ein möglichst großes Publikum abgestimmt: Die schmierige Hauptfigur darf sich in chauvinistischen Geisteshaltungen suhlen, damit der prollige Klischeemann im Publikum in versoffener Stimme „Ey, jo, Respekt, der weiß noch, was abgeht!“ brüllen kann, weil der Protagonist ja so ein geiles Vorbild ist. Daraufhin werden Romantikfloskeln auf Postkartenniveau in die Kamera gesäuselt und in Zeitlupe schmacht-sülzige Arien gesungen, um die Klischeefrauen dahinschmelzen zu lassen. Krasser Vulgärhumor trifft Rosamunde-Pilcher-Schmonzette in einer Billigkopie der einstmal einzigartigen Keinohrhasen-Ästhetik. Das ist weder witzig, noch romantisch, sondern einfach nur nervig. Dass RomCom mit Schweighöfer in der Hauptrolle sehr wohl furios funktionieren kann, bewies vor zwei Jahren noch der ungleich bessere RubbelDieKatz.

Platz 9: G. I. Joe – Die Abrechnung (Regie: Jon Chu)

Allein schon die Tatsache, dass der Action-Schund G. I. Joe – Geheimauftrag Cobra ein Sequel erhielt, während viel ansprechendere, mäßig erfolgreiche Franchiseerstlinge wie John Carter ohne Fortsetzung bleiben, ist traurig. Dass diese 3D-Fortsetzung dann aber zudem noch eine stinklangweilige, mit energieloser Action versetzte, konfus erzählte, inhaltlich dennoch völlig platte Aneinanderreihung alberner Sequenzen ist, in denen nicht eine glaubwürdige Figur herumtappst, ist umso ermüdender.

Platz 8: Der Butler (Regie: Lee Daniels)

Oscar-Bettelei in ihrer reinen und überdreisten Form: Diese Tragikomödie über einen Sklavensohn, der zum geliebten Butler des Weißen Hauses aufwächst und dort mehrere Amtszeiten über treu und würdevoll dient, während sich sein rebellischer Sohn der Black-Power-Bewegung anschließt, ist bis zum Bersten voll mit schmalzigen, bedeutungsschwanger vorgetragenen Dialogen. Diese sind jedoch nahezu durchgehend spürbar unehrlich – Regisseur Lee Daniels und Autor Danny Strong sind sich selbstredend der Bedeutung ihrer Themen bewusst, statt aber eine vom Herzen kommende Parabel über Rassismus, gesellschaftliche Auflehnung und die verschiedenen Formen der Dienerschaft zu erzählen, geben sie hohle Phrasen und forcierte, unecht wirkende erzählerische Versatzstücke von sich. Dadurch geht die dramatische und emotionale Wirkung des Filmstoffs verloren und übrig bleibt ein (auch dank des unfassbaren Overactings) unfreiwillig lachhafter Streifen, der kaum einen Funken Ehrlichkeit in sich trägt.

Platz 7: John Dies at the End (Regie: Don Coscarelli)

Die schwarz-groteske Horrorkomödie John Dies at the End ist einer dieser Filme, die viele allein schon aufgrund ihrer Absurdität verständnislos als mies abtun dürften. Dass bewusst trashige, übertreibende Verschmelzungen von makaberem Humor und blutigen Schauergeschichten allerdings sehr wohl gute, ungewöhnliche Filmkost darstellen können, beweisen solche Genreklassiker wie Tanz der Teufel II, Brain Dead oder Robert Rodriguez' B-Splatter-Hommage Planet Terror. John Dies at the End möchte offensichtlich in eben jene Kerbe schlagen, doch seine Story will für mich einfach nicht zünden: Zwei College-Abbrecher erfahren zufällig von der neuen Trenddroge „Sojasauce“, die ihren Konsumenten albtraumhafte Halluzinationen und prophetische Eingebungen ermöglicht. Das Problem: Viele der Sojajunkies kehren nach ihrem Rausch als unmenschliche, bedrohliche Wesen zurück. So rutschen die beiden Versager in einen abstrusen Horror-Sci-Fi-Komplott, der voller haarsträubender Wendungen ist und in dessen Verlauf die Figuren immer alberner, flacher und überzeichneter werden. Die Darsteller (selbst Gaststar Paul Giamatti) und die Regie treffen bei dieser Tour de Force selten den richtigen Ton: Zu viel Augenzwinkern, um einen spannenden Trip in ein schaurig-konfuses Filmuniversum zu ermöglichen, zu viel Geplotte, um jeder Verrücktheit genügend komödiantischen Raum zu geben und die schäbigen Effekte als Gags zu entschuldigen. John Dies at the End: Für mich die Horrorantwort auf die fehlgeleitete Exploitation-Hommage Bitch Slap.

Platz 6: Runner Runner (Regie: Brad Furman)

Dieser vor schwärmerischer (vollkommen unzureichend ausgenutzter) Kulisse spielende Betrugsthriller hätte das Zeug dazu, bei zahlreichen Film-Jahresfloplisten auf den obersten (äh, untersten?) Rängen mitzuspielen. Und direkt nach meinem Kinobesuch war ich überzeugt, dass ich Runner Runner mindestens in meine Flop 3 parken werde. Jedoch ist dieses Schnarchfest so dröge und dermaßen wenig denkwürdig, dass ich mich einfach nicht zu genügend Abneigung für Brad Furmans Flop aufraffen konnte. Justin Timberlake, Gemma Arterton und Ben Affleck schlafwandeln durch eine von Logiklöchern zerfressene, spannungsbefreite und mit nutzlosen Szenen gestreckte Thrillergeschichte, die dank magerer Dramaturgie, ideenloser Inszenierung und wackeliger Figurenzeichnung zu einem dummen Stück Zeitverschwendung degradiert wurde. Sobald dann der dritte Akt erreicht ist, wird aus der lahmen Erzählung plötzlich eine Ansammlung stümperhafter Entscheidungen: Subplots werden im Off gestartet und beendet, eine Erzählerstimme muss Storylücken schließen und in gewaltigem Tempo lösen sich mit einem Schlag alle Probleme der Hauptfiguren in Luft auf. Es wäre frustrierend und ärgerlich, wäre es nicht dermaßen unbedeutend!

Platz 5: Kokowääh 2 (Regie: Til Schweiger)

Til Schweiger, mal wieder. Viele hassen den deutschen Schauspielstar, der mit seinen Regiearbeiten regelmäßig mehrere Millionen Menschen in die Kinos lockt, allein schon aus Prinzip. Ein Blick auf seine liebevoll mit einem markanten Look versehenen Filme barfuss und Keinohrhasen zeigt aber, dass Schweiger wirklich ein Filmemacher mit einem ganz eigenen, stimmigen Auge für Ästhetik ist. Schade nur, dass er sich immer mehr auf eine unverrückbare Formel versteift, was seine Werke nicht nur schwer erträglich und vorhersehbar macht, sondern sie sogar mittlerweile zu einem Schatten ihrer selbst verkommen lässt. Kokowääh war nach dem feschen Zweiohrküken eine unausgegorene, nervende Patchworkfamily-Story, in der schriller Krawallhumor auf pointenlose „Sind Kinder nicht süß?“-Sequenzen und eine melodramatische Romanze traf. Das Sequel fühlt sich daneben wie ein (besonders) herzloser Cash-In an: Die auserzählte Geschichte wird mittels radikaler Veränderungen in der Charakterisierung mehrerer Figuren, Moralamnesie und Rom-Com-Klischees weitergesponnen, der laute Humor wird noch lauter und die Romanze noch kitschiger. Wenigstens artikuliert sich Emma Schweiger mittlerweile verständlich und Matthias Schweighöfer wirkt wie vom Set eines tausendfach besseren Films entführt: Als manische Karikatur eines erfolgsverwöhnten Schauspielers lässt er in seinem eigenen Subplot jede einzelne Pointe sitzen und macht Lust auf eine makabere, wilde Filmbusiness-Satire von und mit Schweiger & Schweighöfer. Den Film will ich sehen!

Platz 4: Taffe Mädels (Regie: Paul Feig)

Eine dicke, unflätige, kaum gebildete, jedoch bauernschlaue Rüpel-Polizistin ermittelt zusammen mit einer streng nach dem Regelbuch verfahrenen, gestriegelten Spitzen-Polizistin in einem komplizierten, blutigen und persönlichen Fall. Eine Story, wie man sie tausendmal gesehen hat, ohne ironische Brechung, ohne neue Impulse. Bloß ist Sandra Bullocks vorbildlicher Cop unausstehlich prahlerisch und Melissa McCarthy schimpft sich mit einem gepfefferten Vokabular durch die Szenerie. Gags sind hier gleichbedeutend mit Vulgärbegriffen und Charakterentwicklung mit dem Rumreißen an den Klamotten anderer. Wenn dieser Film nicht wegen seiner Formelhaftigkeit langweilt, dann zerrt er aufgrund seiner bemüht krawalligen Dialoge oder der schalen Figurenzeichnung an den Nerven.

Platz 3: Fack Ju Göthe (Regie: Bora Dagtekin)

Ein unhöflicher, kaum gebildeter Prolet und Ex-Knacki will unter der neuen Turnhalle einer Schule an seine versteckte Beute heran. Damit ihm dies gelingt, gibt er sich als Aushilfslehrer aus. In seiner neuen Position pöbelt er unentwegt seine Schüler an, was sich als Wundermittel im Umgang mit den Arschlöchern aus der Problemklasse 10b erweist. Nachdem diese erstmal mit Paintballgewehren angeschossen, mit einem riesigen Arsenal an Schimpfwörtern bombardiert und mit einer riesigen „Fickt euch doch selbst!“-Haltung begrüßt wurden, sind sie plötzlich Ohr für den (überaus beschaulichen) Unterrichtsinhalt des langsam auftauenden Machos. Dies ist zum Teil auch seinem Mauerblümchen von Kollegin zu verdanken, einer gewaltigen Spießerin, die sich in seinen heißen Body verguckt und durch ihn endlich lernt, dass man auch mal unflätig sein muss, um das Leben zu genießen.

Wäre dies eine weit ausholende Parodie auf Schulfilme, gekreuzt mit intelligenter Gesellschaftssatire, könnte diese Komödie vielleicht annehmbar sein. Stattdessen aber verkauft sich Fack Ju Göthe einfach bloß als reinrassige Blödelkomödie, die ungeliebte Klischees über kulturfremde, unerzogene Rüpelschüler nimmt, sie auf Hunderachtzig hochdreht und es dann als pures Comedygold verkauft, wenn ein türkdeutscher Schüler Sätze mit „Alter!“ beendet oder jede dritte Szene nach ihrer eigentlichen Schlusspointe meint, noch mit Vulgärwörtern einen zweiten Tusch setzen zu müssen. Durch die lächerliche Darstellung der einzigen intelligenten Figur in dem ganzen Wahnsinn (Karolin Herfurths graue Maus) als unattraktive, überkorrekte Langweilerin mutieren die ersten 30 Minuten dieses in quietschigen Neonfarben gehaltenen Kinofilms zur heillosen Zelebrierung des Asozialentums. Die dramaturgisch ausgelutschte Wandlung des harten Hunds zum halbwegs einfühlsamen Mitmenschen macht die restliche Laufzeit zwar erfreulicherweise nicht zu einer Moralstunde, versäumt aber, auch nur irgendwie seine anfängliche Verneigung vor Bildungsignoranz ernsthaft zu revidieren. Stattdessen regieren bis zum Schluss „Witze“, die daraus bestehen, dass Figuren ihr inkorrektes Deutsch geil finden, der vermeintliche Held (dessen begnadeter und ungeheuerlich charismatischer Darsteller Elyas M'Barek tausendfach besseres Material verdient hätte) ohne Unterlass Wörter wie „Arschloch, Wichser, Fotze“ benutzt und Herfurths Figur eine anstrengende Streberin ist.

Unsympathische Figuren, anstrengende Pointen und eine ätzend klischeehafte Storyformel machen Fack Ju Göthe zu einem Paradebeispiel dafür, wie leicht heutzutage in den deutschen Kinos schon etwas als Humor verkauft werden kann. „Die Figur da spricht wie ein dummer Jugendlicher. Es wird zwar nicht im Geringsten von der Realität abgewichen und es gibt auch keinen neuen Kontext, der dieser Abbildung des Assitums eine ironische Brechung verleihen würde oder sie sonstwie gewitzt erscheinen lässt, aber der Film behauptet, er ist eine Comedy, also lach ich mal!“ Assis gehen in den Film, um zu lachen, weil es so geil ist, wie auf der Leinwand ihr Menschenschlag endlich mal mit fast allem durchkommt, Normalos gehen in den Film und lachen sich mit arrogant erhobener Nase darüber schlapp, dass er sich ja vermeintlich über die sie nervenden Personen mokiert. Dabei reicht der Witz dieses Films gerade einmal so weit, festzustellen, dass das Berlin – Tag & Nacht-Klientel nicht gerne lernt und in einem stets angesoffen klingendem Tonfall spricht. Anscheinend ist das mittlerweile schon ein toller Gag – das behaupten jedenfalls die guten Kritiken und die zahllosen Facebook-Fans des Films. Für mich ist es aber bloß lästig, antriebslos und stupide.

Platz 2: Pacific Rim (Regie: Guillermo del Toro)

Roboter hauen Riesenmonstern eins auf die Schnauze. Umwickelt mit einer bemühten, pseudo-tiefsinnigen Mythologie, trockenen Figuren und massenhaft 90er-Jahre-Actionfilmklischees. Keinerlei Originalität, kein Spannungsbogen, kaum gute Gags und unterbelichtete, unübersichtlich fotografierte Action, die sich zu ernst nimmt, um als Camp zu funktionieren, aber zu albern ist, als dass del Toro hiermit einen finsteren Monsteractioner hätte abliefern können.

Platz 1: Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben (Regie: John Moore)

Eine Beleidigung, nicht nur an das Stirb langsam-Franchise, sondern das gesamte Action-Genre: Der knallharte, doch verletzliche und menschliche Polizist John „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ McClane verliert in diesem extrem kurzen, dennoch außerordentlich drögen Actionfilm jeglichen Wortwitz, sein gesamtes Charisma und all seine Menschenkenntnis. Sein zum toughen, starrsinnigen Undercover-Agent herangewachsener Sohn? Ein selbstverliebtes, eiskaltes Arschloch! Die Schurken, welche in den Teilen eins, drei und vier so viel Spaß machten? Die sind in Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben konturlose Pappfiguren. Keiner der Darsteller scheint in diesem fünften Part einer der wichtigsten Actionreihen überhaupt Freude an seinem Job zu haben, die Action ist zu rasant geschnitten, um übersichtlich zu sein, die Stunts aber sind zu klassisch, als dass sie bei dieser Schnittarbeit Energie entwickeln würden. Es gibt zahllose DVD-Premieren, die einen durchdachteren Plot und mehr visuellen Selbstanspruch haben. Ganze Essays ließen sich mit den Fehlleistungen von Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben füllen – doch jedes Wort mehr über diesen Film wäre schon eines zu viel. Am Besten ist es, dieses Schundwerk einfach zu vergessen!

Unehrenhafte Nennungen gibt es noch für Star Trek Into Darkness, dem ich einen Ehrenpreis für den Film mit der am rasantesten zerfallenden Dauerspaß verleihen möchte. Während des Anschauens war ich leidlich unterhalten, schon während des Abspanns machten sich bei mir gewaltige Zweifel an dieser Einschätzung breit und mittlerweile müsste man mich bestechen, damit ich ihn mir nochmal ansehe. Außerdem muss ich natürlich Disneys 53. abendfüllenden Animationsfilm Die Eiskönigin – Völlig unverfroren nennen, ein Film, den ich wegen seiner raren, dafür umso berauschenderen Stärken nicht hassen kann und der mich zwar zwischenzeitlich nervt, den ich als Gesamtwerk aber sehr wohl zu dulden weiß. Und gelangweilt hat er mich keine Sekunde. Ja, es gibt keinen Film, der mich in den vergangenen vier, fünf Jahren mehr frustrierte als dieser – aber darum geht es in dieser Liste nicht. Wären Elsa und ihre zentrale Powerballade nicht so faszinierend, könnte Die Eiskönigin die Krone meiner Filmflops 2013 einheimsen. Doch so? Nein, ich kann den Film nicht wirklich so hart abwerten, als dass er in eine meiner Negativlisten vorkommen würde.

So viel also zum Dreck des Filmjahres. Anfang 2014 blicke ich dann auf die Höhepunkte zurück!

Siehe auch:

Dienstag, 24. Dezember 2013

Seasons Greetings


Ich wünsche sämtlichen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein frohes Fest! Möget ihr nicht nur reich beschert werden, sondern auch die Chance haben, die Tage im Kreise eurer Liebsten zu verbringen. Nutzt die Zeit zur Besinnung und Erholung sowie auch dazu, euch auf die kommenden Jahre zu freuen, in denen ihr euer Glück weiterhin genießen oder ausbauen könnt. Je nachdem, wie gerade eure Lage ist.

Außerdem möchte ich mich bei all jenen bedanken, die Geduld mit diesem Blog und der rapide gesunkenen Schlagzahl an neuen Postings haben. In meinem Alltag hat sich viel verändert und mein Blog muss noch seinen Platz im neuen alltäglichen Zeitplan finden.

Doch glaubt mir: Es wird sich stets alles zum Guten wenden.

Montag, 23. Dezember 2013

James Bond – Octopussy


Octopussy, einer der bekanntesten James-Bond-Titel und auch einer der populärsten Teile der 007-Filmreihe. Und einer der Fälle, wo ich mich selbst beim besten Willen nicht mit dem Fan-Konsens anfreunden kann, sondern eher mit den negativen Kritiken der Profis sympathisiere. Auf mich wirkt der 13. von Eon Productions Ltd. in die Kinos gebrachte Bond-Film wie ein aus allen Klischees dieses Franchises zusammengeschustertes Machwerk, das im großen Duell-Jahr 1983 krampfhaft versucht, das Kinopublikum an die Identität des echten 007 zu erinnern, ehe Sean Connery in Sag niemals nie auftritt. Und so gibt es einen doppeldeutigen Titel, bunte Actionszenen, Sexismus und dafür leider keinen spannenden Plot. Dafür war wohl keine Zeit ...

Der Film eröffnet mit einem originellen, augenzwinkernden und knalligen Prolog mit Bond auf Kuba, wo er eine Luftwaffenbasis zerstören soll und dabei mehrfach in die Bredouille kommt. Aber dank verrückter Tricks und stets nonchalant umgesetzter Finesse kann er entkommen. Nach dem beliebigen Titelsong beginnt die eigentliche Story, die sich des brodelnden Ost-West-Konflikts annimmt und zu deren Beginn Bonds MI6-Kollege 009 kurz vor seinem Tod noch ein Fabergé-Ei an den britischen Botschafter übergeben kann. Dieses stellt sich allerdings als Fälschung heraus, weshalb Bond den Auftrag erhält, die Hintergründe dieses sonderbaren Falls zu beleuchten. Die Spur führt zum afghanischen Prinz Kamal Khan, der deshalb seine privaten Mordkommandos auf Bond setzt. 007 wird letztlich gefangen genommen und wird zufällig Zeuge eines unmoralischen Vertrags zwischen Kamal Khan und einem sowjetischen General, der hofft, durch einen militärischen Präventivschlag auf Westeuropa endlich den Kommunismus zum Sieg gegen den Kapitalismus verhelfen zu können. Wie Bond abhören kann, ist die dritte Verbündete in diesem diabolischen Abkommen eine mysteriöse Frau namens Octopussy. Diese betreibt einen Wanderzirkus, ist als Schmugglerin tätig und lebt auf einer abgelegenen Insel, zu der nur Frauen Zugang haben. Wo könnte Bond seine Stärken besser ausspielen?

Octopussy wirft alles zusammen, was die Bond-Formel verlangt. Die Introsequenz ist eine, nicht sonderlich stimmige, Vereinigung des anfänglichen Vorspannsequenzen mit Projektionen auf Frauenkörpern einerseits und dem neueren Stil mit interessant montierten Solhouetten andererseits. Der Plot wiederum ist ein Mischmasch aus Schmugglergeschichte und Weltbeherrschungskomplott, aufgefrischt mit einer in dieser Masse lange nicht mehr bei Bond dagewesenen Frauenfeindlichkeit. Die geheime Insel, auf der sich Bond an den bildhübschen Aufpasserinnen Octopussys ergötzen darf, dient ohne jeglichen Sinn für Ironie bloß der visuellen Stimulierung des (vornehmlich) männlichen Publikums. Die Actionsequenzen sind im Mittelteil derweil wenig stimulierend: Beim Versuch, möglichst viel von allem zu bieten, ging Regisseur John Glen offenbar der Blick für die Details verloren. Bonds Rangelei mit einer Riesenanaconda könnte glatt aus einem Ed-Wood-Film stammen, kleinere Verfolgungsjagden und sonstige Scharmützel überzeugen kaum. Richtig ärgerlich sind auch die mehreren Szenen, in denen Bond mit Tieren blödelt oder all zu aggressiv mit Frauen flirtet - der joviale Charme Bonds geht in diesem Streifen fast durchweg unter. Allein sein Geplänkel mit Miss Moneypenny geriet wieder einmal humorvoll.

Wirklich gut wird Octopussy erst wieder gen Ende - ausgerechnet dann, sobald sich Bond als Clown verkleidet, um in einem Zirkus eine Bombe zu entschärfen. Sozusagen als Gegengewicht zum albernen Look dieser Szene darf Moore schauspielerisch wieder etwas ähnliches wie Gravitas aussprühen, denn sein Bond zeigt in diesem Finale Anspannung und Nervosität. Dies ist man vom Überagenten 007 nicht gewohnt und nach all den knalligen, nie aber wirklich unterhaltsamen, sondern stets zu forcierten Abenteuern in Octopussy ist es sehr willkommen, in Bond wieder eine Figur statt einer Karikatur zu erkennen.

Trotzdem legten die Macher die Messlatte für die im selben Jahr veröffentlichte, unoffizielle Bond-Produktion mit Sean Connery in der Hauptrolle ziemlich niedrig an ...

Samstag, 21. Dezember 2013

Die Quellen der Disneyfilme: Die Muppets Weihnachtsgeschichte

 
Von Legenden zu historischen Ereignissen, von Märchen bis zu klassischer Literatur - die Zauberkünstler von Disney haben sich der vielfältigsten Quellen bedient, um Stoff für ihre Filme zu finden. Gemein haben sie jedoch alle, dass das Ursprungsmaterial nicht ohne Veränderung in den Disney-Kanon eingeflossen ist.

 

Diese Reihe von Im Schatten der Maus befasst sich mit dem Entstehungsprozess einiger dieser Meisterwerke:
Die Quellen der Disneyfilme

Charles Dickens hat mit seinen Romanen eine Menge von bis heute weltweit bekannten Klassikern geschrieben. Viele von ihnen wurden mehrfach verfilmt und für andere Medien umgesetzt, aber wohl keine nimmt eine solche Rolle in heutigem Bewusstsein ein wie Dickens Weihnachtsgeschichte (oder eigentlich „A Christmas Carol“, „Ein Weihnachtslied“).
Die Erzählung ist inspiriert von seinen eigenen Erfahrungen, von den harten Arbeitsverhältnissen, denen er als Kind ausgesetzt war, und von der Gestalt seines Vaters, einem strengen, doch beizeiten gütigen Mann, der als geistiges Vorbild für Scrooge gewirkt haben mag.
Es ist die Geschichte des alten Geizhalses Ebenezer Scrooge, der sein gesamtes Leben in den Dienst von Geldgier und Profit gestellt hat. Eines Heiligabends erscheint ihm der Geist seines verstorbenen Handelspartners Jacob Marley und warnt ihn vor den Folgen seiner Unbarmherzigkeit. In dieser Nacht besuchen Scrooge die drei Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht, die ihm Szenen aus seinem Leben vorführen und ihm so die Fehler seines harten Lebenswandels bewusstmachen.
Dickens empfand, dass eine solche Erzählung die beste Möglichkeit sei, um die Menschen zu bewegen. Nicht mit theoretischen Schriften über die Armut, sondern über eine anrührende Weihnachtsgeschichte hoffte er, die Gefühle seiner Leser zu erreichen. Und das ist ihm ganz offensichtlich gelungen. Bei Dickens Weihnachtsgeschichte handelt es sich im heutigen Bewusstsein wirklich um die Weihnachtsgeschichte; eine Erzählung, die es in ihrer Bedeutung mit jeder säkularen und so mancher christlichen Tradition aufnehmen kann - so sehr, dass man sich unweigerlich fragen muss, warum gerade diese?
Ich denke, die Erklärung ist simpel: Die Geschichte stellt einfach ein perfektes weihnachtliches Märchen dar. Sie schafft einen „Geist der Weihnacht“, ohne dafür auf eine direkte Religiosität zurückzugreifen. Die helfenden Geister sind genau das, „Geister“, entsprungen aus einer Fantasy-Welt, die gerade festlich genug ist, um Weihnachtsstimmung zu verbreiten und mondän genug, um wirklich keinen Leser zu beleidigen. Und auch die Moral der Geschichte ist so offensichtlich, dass es kaum möglich scheint, daran Anstoß zu nehmen (auch wenn es durchaus Meinungen gibt, die Aussage sei zu unbarmherzig sozialistisch formuliert). Im Großen und Ganzen ist klar, Nächstenliebe ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich jede Leserschaft bereitwillig einigen kann. Und damit ist die Weihnachtsgeschichte perfekt geeignet, um ganz unabhängig von jeder persönlichen Einstellung als der Inbegriff heutiger „Weihnachtsstimmung“ zu fungieren. Dabei ist zu bemerken, dass das Buch selbst diese heutige Weihnachtsstimmung erst prägend eingeführt hat, zusammen mit dem heute ikonischen Ausdruck „Frohe Weihnachten“.

Es gibt zahllose Bearbeitungen dieses Werkes (eine große Menge davon hat Jim Hill hier aufgeführt), und da das Grundprinzip der Geschichte so wunderbar allgemein funktioniert, verfügen viele Serien und Franchises über ihre eigene Version. Dabei wird dann gewöhnlich eine der antagonistischeren Hauptfiguren zur Scrooge-Gestalt und darf für eine Folge die Fehler seines Handelns einsehen.

Im Speziellen fällt einem dabei sicher Mickys Weihnachtsgeschichte ein, wo Dagobert Duck, oder Scrooge McDuck im Original, passenderweise direkt nach dem alten Geizhals benannt ist. Und auch ein Sesamstraßen-Special existiert, in dem Oscar der Griesgram mit Hilfe dreier CGI-Geister und ein paar klassischer Sesamstraßen-Ausschnitte den Wert von Weihnachten erfährt.
Doch trotz dieser beiden Kurzadaptionen haben sich die Muppets und Disney 1992 nach dem Tode Jim Hensons für eine erneute Verfilmung zusammengetan, nicht nur um ein simples Weihnachtsspecial abzudrehen, sondern um mit Die Muppets Weihnachtsgeschichte eine vollwertige Neuverfilmung von Dickens Klassiker zu schaffen.



Natürlich hätte es die Möglichkeit gegeben, eine der etablierten Muppet-Figuren als Hauptdarsteller zu nehmen (vielleicht Miss Piggy?) und dieser Weg hätte sicherlich auch irgendwie funktioniert. Aber die Verantwortlichen haben wohl schnell erkannt, dass solch eine Lösung für einen wirklich tiefgreifenden Film nicht ideal wäre. Zum einen, weil sich keiner der Muppets für diese Rolle so richtig anbietet, aber vor allem, da eine so bekannte und vertraute Geschichte, um wirklich ernstgenommen zu werden, das Gewicht einer emotional stabilen Hauptfigur braucht. Auch wenn die Muppets die Geschichte alleine wohl irgendwie über die Bühne gebracht hätten, so funktioniert die - gegen Ende ja recht schmalzige - Geschichte nur, wenn wirklich alle Gefühlsebenen voll ausgenutzt werden. Nur wenn durchgehend Trauer und Tragik von Scrooges Leben durchdringen, ist die umfassende Freude am Ende wirklich „wahr“.
Also wird die Rolle von Scrooge im Film von einem realen Darsteller gespielt, und nicht von irgendeinem: Charakterdarsteller und Oscar-Preisträger Sir Michael Kain hat die Aufgabe übernommen, als Ebenezer Scrooge unter dem bunten Puppen-Gewimmel seine Positur zu halten. Und natürlich erweist sich Michael Kaine als der Profi, der er ist; er nimmt diese Aufgabe auf einmalige Weise wahr. Seine dunkle Gestalt, die harte Miene ist der perfekte Kontrapunkt zu den um ihn herumquirlenden Muppets.

Eine Folge dieser Besetzungswahl ist natürlich, dass die dunkle Seite des Geizhalses nun viel direkter herausscheinen kann. Jetzt reicht ein Blick von Scrooge, um klarzumachen, dass er von Grund auf anders ist als seine Umwelt, und keine Anstrengung der „lustigen“ Puppen um ihn herum könnte ausreichen, ihn umzustimmen - dafür braucht es mehr. Dies ist ein Thema, das sich durch den ganzen Film zieht: Bis auf wenige Ausnahmen sind es stets die Nicht-Muppet-Momente, die etwas an Scrooges Haltung bewirken können. Nicht die Geister der beiden Marleys, nicht der Geist der vergangenen Weihnacht überzeugen ihn, sondern die Bilder von seinem alten Selbst, und vor allem von Belle. Auf dieser Ebene finde ich es auch eine sehr gute Entscheidung, den Geist der zukünftigen Weihnacht nicht eigentlich als Muppet-Figur zu gestalten, und in dieser Szene auch Gonzo und Rizzo, die allanwesenden Erzähler, kurzfristig aus dem Bild zu schieben.
Die eine Ausnahme zu dieser „Regel“ ist offensichtlich: Tiny Tim, mit Robin dem Frosch von einer klaren Muppet-Gestalt gespielt, rührt Scrooge bis ins Innerste und zeigt somit, dass auch die Muppet-Figuren echt genug sind, um auf emotionaler Ebene etwas zu bewirken. So ist auch Haupt-Sympathieträger Kermit als Scrooges Untergebener Bob Cratchit wunderbar eingesetzt, gerade bei seinem eigenen großen Auftritt, wenn er stellvertretend für die Zuschauer eine allgemeine Weihnachtsstimmung verbreitet. Wenn er mit Frau und Kindern in seiner engen Küche Weihnacht feiert, dann wird mehr als klar, worum es bei dem Fest laut Dickens wirklich gehen soll.
Auch auf anderer Ebene wird der Geist des Buches perfekt aufgegriffen: Gonzo und Rizzo machen ihre Sache als Dickens-Ersatz wunderbar und zeigen nur zu deutlich, dass der Film seiner Vorlage trotz allem Spektakel wirklich gerecht werden will. Die beiden befinden sich immerzu im Zwischenspiel zwischen Komik und Witzeleien für die Kinder und ihrer Rolle als angemessene Geschichtenerzähler. Gerade durch diese Zweigleisigkeit bilden sie auch einen wirkungsvollen Avatar für die Zuschauer: Wenn die beiden weinen, nachdem sie sehen, wie Scrooge seine Belle verlässt, hat die Szene alleine dadurch auch auf das Publikum eine ähnliche Wirkung. Das ist wohl auch der einzige Grund, warum diese Szene in ihrer geschnittenen Version überhaupt funktionieren kann.

Was an dieser Stelle eigentlich kommen sollte (und auf einigen englischsprachigen DVD-Ausgaben auch wieder eingesetzt ist) ist ein geschnittenes Lied zwischen Belle und dem alten Scrooge: „When Love is Gone“ („Wenn Liebe vergangen ist“). Es ist das Abschiedslied, das Belle an den jungen Scrooge singt, der ihr erst eine Weile zuhört und sich dann ohne ein weiteres Wort von dannen macht. Was das Lied jedoch wirklich ausmacht, ist die Reaktion des alten Scrooge, der diese Szenerie mit ansehen muss, ohne dass er irgendetwas dagegen tun könnte. Er ist es, der schließlich in die Melodie einstimmt, er ist es, dessen Herz bricht - und der das Herz der Zuschauer brechen lässt.
Es ist eine Szene, wie sie tragischer kaum sein könnte und ein wunderbar passendes, zartes Abschiedslied. Nur wer diese Sequenz gesehen hat, wie sie eigentlich sein sollte, kann die Tiefe des ganzen Filmes meiner Meinung nach erst abschätzen. Und die (eigentlich geplante) Wirkung des Liedes zieht sich wirklich bis zum Ende des Films, wenn in der finalen Nummer „When Love is Found“ eine Reprise das Lied in Melodie und Text wieder aufgreift, und so als emotionale Auflösung noch um so viel stärker wiegen sollte. „When Love is Gone“ ist ein wunderbares Lied, das um seiner zu Herzen gehenden, leisen Stimmung willen gestrichen und erst für die Heimkino-Auswertung wieder eingefügt wurde - allerdings wird uns eine deutsche Nachsynchronisation wohl weiterhin verwehrt bleiben. Das Einzige, was in der geschnittenen Szene bleibt, ist die Reaktion der beiden Muppets auf das Lied, ihre Tränen, die die des gesamten Publikums sein sollten.


Doch geschnittene Szene hin oder her, dieser Faktor kann für den Wert des Filmes doch nur einen (wenn auch bedeutenden) Teilaspekt ausmachen. Michael Kaine ist in seiner Rolle genial, die Muppets machen ihre Sache wunderbar, und gemeinsam treffen sie den Ton von Dickens Geschichte perfekt. Es ist wohl eine Verfilmung der Gegensätze; Lachen und Weinen, gefühlvolle Szenen und Weihnachtskitsch, sie werden allesamt in extenso dargestellt - eben weil für alle Bereiche jeweils eine ideale Figurenriege vorhanden ist.
Über diese harten Kontraste könnte man sich nun vielleicht ereifern - aber warum? Gerade wegen dieser Vielfarbigkeit, dieses perfekten Gegensatzes der Gefühle (einem Gegensatz, der so wohl nur in dem noch unkonventionelleren Die Geister, die ich rief zum Tragen kam) ist die Geschichte wirklich ausgefüllt erzählt. Die Muppets Weihnachtsgeschichte stellt eine große Leistung dar, sie ist Brian Hensons gelungener Versuch, das große Erbe seines Vaters erfolgreich weiterzutragen.


Mehr von mir gibt es auf www.AnankeRo.com.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Gastkritik zu "Die Eiskönigin - Völlig unverfroren"

Seit nunmehr zwei Jahren betreibt meine werte Kollegin Antje Wessels ihren Blog Buy a Movie.de, und anlässlich dieses Jubiläums sind wir einen kleinen Deal eingegangen: Ich veröffentliche eine Kritik zu einem Film ihrer Wahl bei Buy a Movie.de, dafür bereichert sie meinen Blog um eine Kritik, die ich mir wünschen durfte. Während man daher meine Meinung zu Trance an anderer Stelle lesen kann, gibt es nun hier Antjes Versuch einer Erklärung der Faszination hinter Die Eiskönigin. Viel Spaß beim Lesen!

Selten bekam ein Disneyfilm der letzten Dekaden ein derart positives Feedback wie es dieser Tage „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ ereilt. Das auf einer Geschichte von Hans Christian Andersen basierende Musicalmärchen, das zu adaptieren sich der Disneykonzern bereits über Jahrzehnte immer wieder vornahm, wird mit Klassikern des Disneykanons wie „Der König der Löwen“ verglichen – und braucht sich dabei keine Sorgen zu machen, dass derartige Entsprechungen einzig und allein einer ausgeklügelten Marketingmasche entstammen. Von Seiten des Storyaufbaus, der Animationsqualität und sämtlicher Figurenzeichnungen kann sich „Frozen“ – so der schlichte Originaltitel – ohne Zweifel an der zeitlosen Geschichte des Löwenkönigs messen. Mehr noch: Gehört der für den Disneykonzern verhältnismäßig komplexe Stoff des „Lion King“ hauptsächlich zu den gefühlvollsten seiner Art, kann „Die Eiskönigin“ gleichsam auf Seiten tiefgehender Emotionen als auch im Humorbereich auftrumpfen. Kurzum: Disneys „Hamlet“-Variation „Der König der Löwen“ bleibt auch weiterhin der zeitlose Klassiker, der er vor Disneys 53. Meisterwerk war. Gleichwohl schafft es mit „Die Eiskönigin“ zum ersten Mal ein Disneybeitrag, am perfekten Image des Films zu kratzen. „Frozen“ bietet optisch heute das, was „Der König der Löwen“ zu Beginn der Neunziger tat. Mit seiner ausgeklügelten, zwischen melancholischer Emotionalität und spritzigem Optimismus balancierenden Geschichte liefert die Story (tief)sinnige Unterhaltung mit Köpfchen, die viele oberflächliche Disneyfilme der letzten Jahre meilenweit in den Schatten stellt. Gleichzeitig bewiesen die Macher eine gehörige Portion Mut – nahmen sich praktisch das Leitmotto ihres eigenen Films zu Herzen und vertrauen darauf, dass das Publikum positiv auf ihre vielschichtig und irgendwie „anders“ gezeichneten Charaktere reagieren wird.
Für das für den (Publikums-)Erfolg so wichtige Konstrukt aus Handlung, Inszenierung, Figurenzeichnung und, im Falle eines Musicals, Musik zeichneten hauptsächlich Chris Buck und Jennifer Lee in Position der Regisseure verantwortlich. Chris Buck schuf bereits 1999 das Disney-Meisterwerk „Tarzan“ und war für den Mäusekonzern bis 2013 nur noch einmal tätig, als er 2004 den Charakter Maggie aus „Die Kühe sind los“ animierte. Auch Jennifer Lee ist in Disney-Kreisen noch kein allzu beschriebenes Blatt, kann mit „Ralph reicht‘s“, für den sie 2012 das Drehbuch schrieb, jedoch bereits einen Oscar-nominierten Animationsfilm vorweisen. In „Die Eiskönigin“ sind nun also beide Herr über ihr eigenes Meisterwerk, für das sie auch das Skript schrieben. Ihnen zur Seite steht mit Christophe Beck kein typischer Disney-Komponist. Einzig für den 2011 erschienenen „Muppets“-Film sowie das Shortmovie "Im Flug erobert" - den Vorfilm zu "Ralph reicht's" - lieferte er den dazugehörigen Soundtrack. Seine letzten Arbeiten für Filme wie „Hangover 1-3“ oder „Pitch Perfect“ stammen dagegen nicht aus dem Familienfilm- oder Animationssegment.
Mit der Einführung in die Szenerie kosten die Verantwortlichen hinter den Kulissen sogleich sämtliche Stärken ihres Werkes aus. Die Eingangssequenz der „Eiskönigin“ erinnert in ihrem raubeinigen Auftreten an den nahezu epischen Musical-Prolog aus Tom Hoopers „Les Misérables“. Eine einige Dutzend Mann starke Truppe aus Arbeitern, die in klirrender Kälte Eisblöcke zurechtschneidet, singt in epochalem Einklang den Eröffnungssong „Kaltes Herz“. Schon in den ersten Minuten erschließt sich dem Zuschauer hierdurch nicht nur die musikalische Qualität des Films, sondern gleichzeitig auch die Bildgewalt, mit welcher „Die Eiskönigin“ in den kommenden eineinhalb Stunden daherkommen wird. Was für „Rapunzel“ vor einigen Jahren die revolutionäre Realitätsnähe in Sachen Haaranimation war, ist für „Frozen“ die Darstellung von Schnee und Eis. Wenn sich in den kristallklaren Eisblöcken das Licht bricht oder der Pulverschnee die Animation jeder einzelnen Schneeflocke erahnen lässt, setzen die Animatoren neue Maßstäbe auf Seiten der Winteranimation. Filme wie die Blue-Sky-Studios-Reihe „Ice Age“ oder der letztes Jahr in den internationalen Kinos gelaufene „Die Hüter des Lichts“ wirken dagegen fast schon antiquiert.
Nachdem in der Eingangsszene auch noch einer der, den Film noch um Einiges bereichernden Sidekicks Kristoff sowie sein Rentier Sven vorgestellt werden (dessen Aussehen zugegebenermaßen anfangs arg an „Nico das Rentier“ erinnert), geben uns die folgenden, in Form von Bildmontagen arrangierten Szenen einen Einblick in die Herkunft unserer beiden Hauptfiguren. Entgegen dem üblichen Disneyklischee sind dies in diesem Fall keine potentielle Liebenden. Vielmehr entschieden sich Chris Buck und Jennifer Lee für zwei Protagonistinnen und konzipierten mit dem Schwesternpaar Anna und Elsa zwei optisch reife, jedoch nicht übermäßig in menschlichen Details ertrinkende Frauenfiguren. Bis es soweit kommt, dass der Zuschauer in den optischen Genuss dieser beiden Grazien kommt, erzählt „Die Eiskönigin“ jedoch zunächst von dem schicksalhaften Unfall, als sich Elsas magische Kräfte im Kindesalter zum ersten Mal als Gefahr für ihre Umwelt entpuppen und sie ihre Schwester in unbedarfter Spielfreude schwer verletzt. Die Szenerie, ein gemeinsames Herumtollen in der gefrorenen Eingangshalle des elterlichen Schlosses, ist dabei von einer im Disneykanon nie dagewesenen Eleganz. Eisskulpturen und fluffige Schneemassen bestimmen das Bild, verschiedene Blautöne und Weiß in allen erdenklichen Nuancen verleihen den Bildern einen kühlen, aber nie unterkühlten Charme.
Während man bei der Darstellung der kleinen Mädchen zu Beginn noch auf das Kindchenschema vertraut, wachsen Anna und Elsa - wunderschön arrangiert in einer Bildmontage zum berührenden Song „Willst Du einen Schneeman bauen?“ – von Kindern zu Teenagern und schließlich zu jungen Frauen heran. Um ihre Schwester zu schützen, verschließt sich Elsa seit jeher vor Anna, was diese nicht versteht und in den Lyriczeilen des Songs zum Ausdruck bringt. Dies geht zugegebenermaßen alles ziemlich zügig vonstatten und erweckt bisweilen den Eindruck, die Macher hätten sich hier ein wenig mehr Zeit  lassen können, um dem Ganzen noch mehr Tiefgang zu verleihen. Der Inhalt des Textes und die stimmigen Übergänge innerhalb der Montage, machen diesen kleinen Minuspunkt jedoch insofern wieder wett, als dass man schnell erahnt, dass sich Buck und Lee schlicht nicht länger als nötig mit etwas aufhalten wollten, was sich nicht auch stimmig in einem Zeitraffer einfangen lässt. Detailliert erkennt man vor allem die innerliche Reifung beider Foguren auch in dem anfangs ziemlich schief dargebotenen „Willst Du einen Schneemann bauen?“-Strophen, wenn Anna im Laufe der Jahre immer besser die Töne trifft und das Lied der Situation entsprechend variiert.
Mit dem Tag der Krönung, ab welchem der Zeitraffer endet und die „richtige“ da für den Film aktuelle Handlung beginnt, hat Anna bereits ihr nötiges Profil gefunden. Sie ist klar erkennbar der unbedarft-naive, aber auch bestimmte Part. Sie liebt ihre Schwester, ist von deren Verschlossenheit ihr gegenüber jedoch verwundert. In „Zum ersten Mal“, einem Song in der Tradition großer Disneylieder wie „Einmal“ aus „Der Glöckner von Notre Dame“ oder der „Aladdin“-Powerballade „In meiner Welt“, bringt sie ihre Freude über diesen ganz besonderen Tag zum Ausdruck. Das leichtfüßige Arrangement dieser Szene und der beschwingte Tonfall des Lieds kündigen hier zum ersten Mal an, mit welchem Stilmittel die Macher „Die Eiskönigin“ offensichtlich ausstatteten: Viele Szenen finden aus der Sicht Annas statt. Wirken dadurch ab und an gehetzt, jedoch nicht unübersichtlich sondern vielmehr verspielt und manchmal unüberlegt. Dass sich „Die Eiskönigin“ dadurch nie hundertprozentig auf einen Tonfall festlegen kann (und will) sowie dramatische Szenen mehr als einmal von einem (scheinbar) überstürzten Gag beendet werden, ist hier nur konsequent. Derartige Dramaturgiewechsel zeugen dabei nicht etwa von einer Unausgegorenheit des Drehbuchs, sondern sind vielmehr Ausdruck davon, dass neben sämtlichen Figuren innerhalb des Films auch der Film selbst eine eigene Persönlichkeit besitzt. Auf das zufällige Kennenlernen von Anna und Prinz Hans, die sich beide auf dem ersten Blick ineinander verlieben, folgt das kindlich-naive „Liebe öffnet Türen“, welches zunächst den Anschein erweckt, die raschen Liebesentwicklungen anderer Disneyfilme persiflieren zu wollen. Stattdessen ist jedoch auch dieser Song eine aus den Augen von Anna wiedergegebene Situationsbeschreibung: Sie trifft auf ihre erste große Liebe und ist überwältigt von diesem Gefühl der Zuneigung und Vertrautheit, was schließlich in einem beidseitig gegebenen Heiratsversprechen mündet. Eine Parodie hierauf hätte lediglich in Form einer sich viel zu ernst nehmenden Powerballade, nicht aber in einem schmissigen Liedchen funktioniert. Somit bildet „Liebe öffnet Türen“ mit seinem tonal wenig eingängigen Refrain zwar den musikalischen Tiefpunkt des Films, in die Handlung fügt es sich jedoch perfekt.
Im Kontrast zu der überglücklichen Anna steht Elsa, die mit ihrer Unsicherheit und der Angst vor ihren nicht einschätzbaren Kräften zu kämpfen hat. In einem Streit, in welchem Elsa ihre jüngere Schwester davor warnt, einen Mann zu heiraten, den sie kaum kennt, hat sie schließlich ihre eigenen Mächte nicht mehr unter Kontrolle und wird von den Umstehenden als Hexe beschimpft. Ab sofort kommt Elsa eine höchst ambivalent gezeichnete Figur zu. Obwohl der von Dina Kürten hervorragend gesprochenen, von Willemijn Verkaik genauso gut gesungenen, Titelgeberin von Beginn an eine Protagonistenrolle zufällt, ist sie von nun an ein Wesen, vor dem es sich zu fürchten gilt. Anders als das Biest aus „Die Schöne und das Biest“ nimmt Elsa ihr Schicksal an, ohne sich dabei bewusst zu verstecken. Stattdessen lässt sie sich auf den Gedanken ein, von nun an ein Leben mit dieser Gabe zu führen. Sie lässt das sich zur Eiswüste verwandelte Königreich Arendelle hinter sich zurück und schmettert sich in einem der besten Disneysongs aller Zeiten – „Lass jetzt los“ – den Schmerz von der Seele. Dabei ist nicht nur das Lied selbst von einer herausragenden Qualität. Auch die Songdarbietung, in welcher Elsa einen funkelnden Eispalast kreiert, ist von geschliffener Perfektion, immenser Ausdrucksstärke und nicht zuletzt von atemberaubender Schönheit, welche alles bisher Gesehene noch einmal übertrifft.

Wenn nun das Abenteuer um Annas Reise zu besagtem Eispalast beginnt und sie unterwegs sowohl auf Kristoff als auch auf einen der wohl besten Disney-Sidekicks aller Zeiten – den Schneemann Olaf – trifft, wird aus dem hochdramatischen, von amüsanten Einwürfen geprägten Schwestern-Drama ein flotter Road-Trip mit einigen passenden, den Rhythmus nie störenden Action-Einlagen (Stichwort Wölfe). Dabei gelingt Jennifer Lee und Chris Buck der Spagat zwischen den vielen unterschiedlichen Tonfällen mühelos. Ihre Figuren sind durchdacht und jede ihrer Handlungen für den Zuschauer nachvollziehbar. So ist Olaf nicht etwa ausschließlich Stichwortgeber oder Pointenlieferant. Vielmehr ist er die schneemanngewordene Ausgeburt von Elsas Innerstem. Um es mit den Worten von Hape Kerkeling zu sagen, der dem tollpatschigen Schneemann in der deutschen Fassung seine Stimme leiht: Olaf hat ein reines Herz und besitzt in all seiner Naivität dennoch eine liebliche Form von Lebensweisheit sowie einen unermüdlichen Glauben an das Gute im Menschen („Hallo! Ich bin Olaf! Und ich liebe Umarmungen!“). So entpuppt sich Olaf nicht nur der Bespaßung wegen als perfekte Ergänzung des Trios aus Anna, Kristoff und Rentier Sven, sondern ist unbemerkt einer der wenigen Helden in „Die Eiskönigin“. Sein Satz „Manche Menschen sind es wert, dass man für sie schmilzt!“ steht dabei stellvertretend für das – Wortspiel! – Verschmelzen seiner Attribute unbedarft und aufopfernd-ehrlich. Einzig Olafs Solo „Im Sommer“ darf sich voll und ganz den Schwarzen Peter als Tiefpunkt des Films zuschieben lassen. Die äußerst cartoonesque gezeichnete Songeinlage passt vom Tonfall nicht einmal ansatzweise in den durch und durch realistisch gehaltenen Film und wirkt somit wie ein Fremdkörper – auch wenn die Botschaft des Lieds äußerst niedlich ist. Wann hört man schon mal einen Schneemann davon singen, wie er sich den Sommer herbeisehnt?
Kristoff und Sven bleiben gegen so viel Charisma fast blass, sind jedoch nicht weniger liebenswert als ihr karottennäsiger Kumpel. Neben der offenen Anna bildet Sven den zurückhaltenden, fast schüchternen Part. Zu ihm wiederum bildet schließlich auch Sven einen großen Kontrast, der ähnlich dem Pferd Maximus aus „Rapunzel – Neu verföhnt“ mehr Hund denn Rentier ist, dies jedoch nicht in solch einer aufdringlichen Weise zur Schau stellt, wie es sein Huftierkollege tat. Vielmehr ist Svens Art Ausdruck all der Eigenschaften, die sein Herrchen Kristoff nicht auszuleben vermag: Als Eislieferant lässt es sich eben schlecht verspielt und verschmust sein. Gleichzeitig ist Kristoff auch das krasse Gegenteil zu Hans, der großen Liebe von Anna.
Um Gegenteile und Gemeinsamkeiten geht es vor allem bei der Inszenierung der temporeicheren Szenen, allen voran einem Kampf zwischen Elsa und der sie als Hexe ansehenden Königsgarde. Warf man Disney in der Vergangenheit schon öfter vor, zu Gunsten einer FSK-0-Freigabe inszenatorisch einen solch großen Bogen um Gewalt zu machen, dass Kämpfe und körperliche Auseinandersetzungen schnell steril wirken, ist die Ausrichtung hier eine völlig gerechtfertigte. Die unsichere Elsa, die nach wie vor nicht weiß, wozu sie mit ihrer Magie fähig ist, steht gestandenen Männern gegenüber, die ebenfalls nicht in der Lage sind, die vermeintliche Gefahr einzuschätzen. Aus Angst vor der jeweils anderen Seite kann ein konsequenter, gar blutiger Fight nie so zustande kommen, wie man ihn aus Klassikern wie „Der König der Löwen“ kennt, in welchem Simba und Scar sich bis aufs Blut bekämpften. Zaghaft, nahezu übervorsichtig tasten sich Elsa und ihre Gegner einen Schritt vor, nur um anschließend wieder einen zurückzutreten. Vor der Kulisse der kristallblauen Eisburg wirken derartige „Spielchen“ schnell unentschlossen – das sterile Weiß des Eises tut sein Übriges. Mangelnde Konsequenz kann man den Machern hier jedoch nicht ansatzweise vorwerfen. Schließlich nehmen die immer wieder die Ansicht ihrer Protagonisten ein. Quirlige Einstellungen aus der Sicht von Anna, zurückhaltende Bilder, wenn Elsa im Mittelpunkt steht. Erneut sei festzuhalten: Nicht nur die Figuren selbst besitzen an Tiefe – auch „Die Eiskönigin“ selbst ist sein ganz eigener Charakter.
Der Hype um „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ ist in allen Belangen gerechtfertigt. Das Regie-Duo aus Jennifer Lee und Chris Buck orientierte sich mit seinem Meisterwerk nicht etwa an üblichen Disney-Erfolgsmechanismen, sondern traut sich, auf für die Animationsfilmsparte neuen Pfaden zu wandeln. Ohne das klassische Gut-gegen-Böse-Schema zu verfolgen, erzählt die Geschichte von einer unzerstörbaren Liebe zwischen zwei Schwestern, die ummantelt wird von einer Inszenierung, die nicht nur optisch (vor allem in 3D) neue Maßstäbe im Animationsbereich setzt. Die detailverliebte Auseinandersetzung mit altbekannten Themen wie Liebe, Zuneigung und Vertrauen erhält mit der hier dargebrachten Aufbereitung und allerhand liebenswerten, vor allem aber multidimensionalen Figuren einen neuen Anstrich. Vor der verschneiten Kulisse einer skandinavischen Stadt und mit einem zauberhaft-unverkitschtem Ende ausgestattet, bringt „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ somit so ziemlich jedes Herz zum Schmelzen.


Mehr von Antje Wessels findet ihr bei Buy a Movie.de!

Sonntag, 15. Dezember 2013

Reingehört 78: Die Golden-Globe-Nominierungen


Langsam wird es ernst in der Award-Saison 2013/2014. Die Nominierungen für die Golden Globes stehen fest und so manche Enttäuschung und auch manch positive Überraschung hat sich ergeben. Ich hatte das Vergnügen, im Quotenmeter.de-Podcast gemeinsam mit Antje Wessels und Manuel Nunez Sanchez darüber zu diskutieren. Außerdem nahmen wir uns die Zeit, über die momentane Lage von TV total und Elton zockt zu reden.

Oscars 2014: Die sieben möglichen Nominierten für "Make-Up & Hairstyling"


Hi-Ho Oscars, away! Nachdem der Lone Ranger bereits den Sprung in die Shortlist für die besten Effekte machte, ist Gore Verbinskis bildgewaltiges Actionspektakel nun auch ein möglicher Anwärter auf eine Nominierung in der Kategorie "Make-Up & Hairstyling". Sieben Filme wurden ausgewählt, drei davon werden schlussendlich um den Academy Award kämpfen. Wie schon in den vergangenen Jahren verzichtet diese Kategorie auch dieses Jahr auf ein Übermaß an den Filmen, die sonst in sämtlichen Sparten um Aufmerksamkeit kämpfen, und konzentriert sich stattdessen auf beeindruckende Leistungen, die Schauspieler visuell verwandeln.

Die sieben Anwärter auf eine Oscar-Nominierung sind:

  • American Bullshit
  • Dallas Buyers’ Club
  • Der große Gatsby 
  • Hänsel & Gretel - Hexenjäger
  • Die Tribute von Panem: Catching Fire
  • Jackass Presents: Bad Grandpa
  • Lone Ranger

Eine illustre Runde, bei der ich mir ziemlich sicher bin, dass Die Tribute von Panem keine Chance hat. Schon Teil eins wurde nicht nominiert, und auch wenn die Arbeit in Teil zwei bewundernswert ist, so ist sie nun nicht so viel stärker, dass nun überraschend eine Nominierung daherkommen müsste. Hänsel & Gretel verlässt sich etwas zu sehr auf CGI, dürfte daher bei der Prüfung der Stimmberechtigten durchfallen. Bad Grandpa hat Johnny Knoxville überzeugend in einen alten, perversen Knacker verwandelt, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Film nominiert wird, der praktisch nur eine einzige Make-Up-Leistung beinhaltet. Da dürfte eher Lone Ranger drankommen, mit seinem stark gealterten Johnny Depp als Erzähler, einem unfassbar verunstalteten William Fichtner als Schurken sowie vereinzelten Schusswunden-Make-Up-Effekten, Tontos Kriegsbemalung und allerhand pompösen Frisuren, die bei Tontos und John Reids kurzen Ausflug in Reds Bordell zu sehen sind.

Dallas Buyers' Club hat neben Jared Leto als stolzem Transvestiten auch massenhaft unterstützendes Make-Up zu bieten, das Matthew McConaugheys Performance als AIDS-Erkrankten verstärkt. Um den dritten Platz streiten sich also American Bullshit und Der große Gatsby. Beide bestechen primär mit Frisuren, American Bullshit hat zudem einen stark gebräunten Bradley Cooper zu bieten, während Gatsby vor allem seinen Damen eine für das zeitliche Setting der Story angemessene, modische Blässe gibt. Ich tendiere hauchdünn zum Gatsby. Und klage zugleich an, dass Evil Dead nicht mit von der Partie ist!

Samstag, 14. Dezember 2013

Entengeschnatter: Episodenhorror I


Horror in kleinen Dosen: Zusammen mit meinem Entengeschnatter-Co-Moderator Stephan und unserer werten Stammgästin Antje Wessels schnattere ich in der neusten Ausgabe unseres munteren Podcasts über die Horror-Episodenfilme Trick 'r Treat und V/H/S.


Mittwoch, 11. Dezember 2013

Frank Darabonts "Godzilla"-Trailer: F**k yeah, so sollten Monster-Filme aussehen!

Ich war ja wahrhaftig kein Freund von Pacific Rim, aber kommendes Jahr könnte mich ein Monster-Zerstörungsstreifen schon wesentlich mehr begeistern. TV-Macher Frank Darabont lässt Godzilla von der Leine und baut um ihn herum eine majestätisch-erdrückende Atmosphäre auf.

Der Trailer braucht ein wenig, aber in der zweiten Hälfte nimmt er heftig an Fahrt auf. Und zollt auch dem Godzilla-Klassiker seinen Tribut! Super!



Tja, da bleibt einem wirklich die Spucke weg. Könnte einer der besseren Big-Budget-Filme 2014 werden. Was soll man sonst noch dazu sagen?

Vielleicht das noch:
Wer den Trailer in seiner wahren Form sehen will, klickt hier. ;-)

Dienstag, 10. Dezember 2013

Schwupps, Videos weg


Kleiner Hinweis für die drei oder vier Leute, die sich hier im Blog gelegentlich meine alten Videos anschauen: Da Blip nur noch Internetgrößen hostet, wurde mein Account automatisch gelöscht. Ich konnte vorab zwar einige meiner Videos speichern (manche waren irgendwie bockig beim Runterladen), allerdings stehe ich nun vor dem Problem, dass ich aufgrund der etwas anders liegenden YouTube-Musikrechte nicht alle dort wieder hochladen kann. Daher habe ich vorläufig die Posts mit meinen Video-Gehversuchen runtergenommen, bis ich mich um eine schlüssige Lösung kümmern kann. Da meine Videos aber eh nicht zu den erfolgreichsten Artikeln hier zählen, glaube ich, es dürfte eh niemanden jucken, wenn es etwas länger dauert. ;-)


Meine Golden-Globe-Prognose: Wer wird für 2014 nominiert?


Langsam nähert sich der große Tag der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen 2014. Auf dem Weg dahin gilt es allerdings zunächst die Golden Globes abzuhaken. Die wilde, glamoursüchtige, weniger seriöse Schwester des Oscars. Hier sind Geglitzer und Gepose etwas wichtiger, im Gegenzug fallen die Globes aber auch weniger auf Pseudodramatik rein. Welche Filme werden diese Woche als Globe-Nominierte ausgerufen? Nun, hier sind meine Prognosen für die 14 Kino-Kategorien bei den 71. Golden Globes ...

Bestes Drama
  • Gravity
  • Blue Jasmine
  • Captain Phillips
  • Saving Mr. Banks
  • 12 Years a Slave
In dieser Kategorie bin ich mir ziemlich sicher. Einziger Wackelkandidat könnte Saving Mr. Banks sein, aber als sentimental-optimistischer Film über Filme ist dieser Streifen eigentlich ganz die Liga der Globes, erst recht aufgrund der tollen Besetzung.

Beste Komödie/Bestes Musical
  • American Bullshit
  • Wolf of Wall Street
  • Inside Llewyn Davis
  • Her
  • Das erstaunliche Leben des Walter Mitty
In dieser Sparte bin ich mir bereits wesentlich unsicherer als bei den Dramen. Die ersten drei Streifen sehe ich aufgrund der namenhaften Darstellerriege (bei den Globes nie als Kriterium zu unterschätzen) und des Kritikerhypes als sicher. Her bekommt nahezu täglich ein besseres Image und Walter Mitty könnte vom Look und Ben Stiller profitieren. Andererseits sind Im August in Osage County und Nebraska als Oscar-Favoriten nicht einfach so aus diesem Rennen zu tilgen ...

Bester Drama-Hauptdarsteller
  • Chiwetel Ejiofor - 12 Years a Slave
  • Matthew McConaughey - Dallas Buyers Club
  • Tom Hanks - Captain Phillips
  • Robert Redford - All is Lost
  • Forest Whitaker - Lee Daniels' The Butler
Auch hier denke ich, dass die ersten drei Namen gesetzt sein sollten. Aber ob Hugh Jackman für Prisoners oder einer der Rush-Stars oder Idris Elba als Mandela nominiert werden könnten? Ich bin tatsächlich unsicher ...

Bester Komödien-/Musical-Hauptdarsteller
  • Leonardo DiCaprio - Wolf of Wall Street
  • Christian Bale - American Bullshit
  • Oscar Isaac - Inside Llewyn Davis
  • Bruce Dern - Nebraska
  • Johnny Depp - Lone Ranger
Bevor ihr eure Kommentare in die Tasten hämmert: Ich rechne nicht wirklich mit einer Nominierung für Depp. Da die Globes aber gerne mal mit Glamour-Nominierungen überraschen, die bei den Kritikern durchfielen (Alice im Wunderland), an den Kinokassen untergingen (Bernie) oder komplett floppten (The Tourist), wäre eine Nominierung für Depp kein Wunder. Und wenn Lone Ranger eine Globe-Nennung einheimst, will ich sie wenigstens prognostiziert haben!

Beste Drama-Hauptdarstellerin
  • Sandra Bullock - Gravity
  • Cate Blanchett - Blue Jasmine
  • Emma Thompson - Saving Mr. Banks
  • Adele Exarchoupoulus - Blau ist eine warme Farbe
  • Judi Dench - Philomena
Schwere Kategorie. Da gute Rollen für Frauen leider noch immer selten sind, ist es auch schwer, auf wirklich preiswürdige Performances zu kommen, die obendrein dem typischen Geschmack der Preisjurys entsprechen ...

Beste Komödien-/Musical-Hauptdarstellerin

  • Meryl Streep - Im August in Osage County
  • Amy Adams - American Bullshit
  • Julie Deply - Before Midnight
  • Greta Gerwig - Frances Ha
  • Julia Louis-Dreyfus - Enough Said
Siehe oben.

Bester Nebendarsteller
  • Michael Fassbender - 12 Years a Slave
  • Jared Leto - Dallas Buyers Club
  • Tom Hanks - Saving Mr. Banks
  • Bradley Cooper - American Bullshit
  • Jake Gyllenhaal - Prisoners
Bei den ersten vier Namen bin ich mir sicher, aber Nummer fünf ..?! Gyllenhaal gewann bereits beim Hollywood Film Festival, aber Jonah Hill hat einigen Hype für Wolf of Wall Street, Daniel Brühl hätte eine Nominierung für Rush verdient und George Clooney macht zwar wenig in Gravity, aber er ist George Clooney und dies sind die promisüchtigen Globes ...

Beste Nebendarstellerin
  • Lupita Nyong’o - 12 Years a Slave
  • Oprah Winfrey - Lee Daniels' The Butler
  • Jennifer Lawrence - American Bullshit
  • Julia Roberts - Im August in Osage County
  • Jennifer Garner - Dallas Buyers Club
Sally Hawkins aus Blue Jasmine könnte sich in diese Liste mogeln, ebenso wie Nebraska-Darstellerin June Squibb.

Beste Regie
  • Alfonso Cuaron - Gravity
  • Steve McQueen - 12 Years a Slave
  • David O. Russel - American Bullshit
  • Martin Scorsese - Wolf of Wall Street
  • Paul Greengrass - Captain Phillips
Uff. An Regie-Kandidaten mangelt es wirklich nicht. Baz Luhrmann könnte eine Globe-Überraschung werden und gegen Joel & Ethan Coen für Inside Llewyn Davis sollte man eigentlich auch nicht wetten. Auch John Lee Hancock wäre eine typische Globe-Wahl dank Saving Mr. Banks ... 

Bestes Drehbuch
  • Woody Allen - Blue Jasmine
  •  Joel & Ethan Coen - Inside Llewyn Davis
  • John Ridley - 12 Years a Slave
  • Kelly Marcel & Sue Smith - Saving Mr. Banks
  • Billy Ray - Captain Phillips
Uff, das ist wie eine Tombola. Gravity, Her, Im August in Osage County, Nebraska, Wolf of Wall Street könnten genauso da hinein ...

Beste Filmmusik
  • Steven Price - Gravity
  • Hans Zimmer - 12 Years a Slave
  • Thomas Newman - Saving Mr. Banks
  • Randy Newman - Die Monster Uni
  • Henry Jackman - Captain Phillips
Ginge es nach mir, würden wir sogar drei Zimmer-Nominierungen bekommen ...

Bester Song
  • Let it Go aus Die Eiskönigin
  • Young and Beautiful aus Der große Gatsby
  • The Moon Song aus Her
  • I See Fire aus Der Hobbit: Smaugs Einöde
  • He Loves Me Still aus Black Nativity
Sicher bin ich nur bei den ersten dreien ...

Bester Animationsfilm
  • Die Eiskönigin
  • Die Monster Uni
  • The Wind Rises
  • Epic
  • Ich - Einfach unverbesserlich 2
Oder: Disney gegen den Rest der Welt!

Bester fremdsprachiger Film
  • Blau ist eine warme Farbe
  • Das Mädchen Wadjda
  • Le Passé - Das Vergangene
  • Die Jagd
  • Die große Schönheit
Oder: Frankreich und Saudi-Arabien gegen den Rest der Welt.

Ob ich wirklich richtig lag, erfahren wir am Donnerstag ...

Das Jerusalem-Syndrom

Copyright: SWR / Das Erste

Die Biologin Ruth Gärtner erfährt von ihrem Vater, dass ihre jüngere Schwester Maria in Israel in eine psychiatrische Spezialklinik eingeliefert wurde. Als Ruth ihre Schwester vor Ort besucht, erklärt ihr ein behandelnder Arzt, dass Maria am sogenannten Jerusalem-Syndrom erkrankte und glaubt, die Muttergottes zu sein, die kurz davorsteht den Messias zu gebären. Ruth ist besorgt und kündigt an, Maria zurück nach Deutschland zu fliegen, um sich dort um sie zu kümmern. Doch nur eine Nacht später ist Maria spurlos verschwunden.

Wie sich herausstellt, geriet Maria während ihrer Zeit in Jerusalem in die Fänge einer christlich-fundamentalistischen Sekte, die sie manipulierte, um als Schlüsselfigur in einem wahnsinnigen Kampf gegen andere Religionen zu dienen. Diese Sekte entführte Maria auch aus der psychiatrischen Klinik, ehe Ruth sie zu sich holen konnte. Nun muss sich Ruth an die Fersen der vom fragilen, doch größenwahnsinnigen Peter geleitete Sekte heften, um Ruth zu retten. Hilfe erhält sie dabei vom israelischen Psychiater Uri Peled, der sich für dieses Netz aus Glauben, Wissenschaft und Aberglauben fasziniert …

Was mir zu diesem Plot als erstes einfällt? Nun: „Simpsons Already Did It“! So lautete einst bei South Park eine Anspielung darauf, dass es schwer ist, Storys zu finden, die nicht bereits mit den chaotischen Knilchen aus Springfield erzählt wurde. Ein Stück weit trieben die South Park-Macher damit Selbstverteidigung, immerhin haben Die Simpsons schon einige Jahre Vorsprung und dennoch ein vergleichbares Publikum – natürlich ähneln sich da so manche Geschichten. Dennoch lässt sich die Beobachtung, dass Homer und Co. allerhand Storykonzepte vorweg gegriffen haben, sogar auf deutsche Fernsehfilme ausweiten: Eine Geschichte rund um das berüchtigte, nicht aber als psychologische Diagnose anerkannte, Jerusalem-Syndrom zu spinnen, ist eine spannende Idee. Bloß könnte sie zumindest so manchen Zuschauern bereits aus Die Simpsons bekannt sein, was den Innovationsbonus etwas schmälert.

Davon abgesehen hat die Existenz einer Simpsons-Folge, in der Homer von der einmaligen Atmosphäre Jerusalems beeinflusst durchdreht und glaubt, im Herzstück der drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam zu einem neuen Heiland ernannt worden zu sein, selbstredend wenig Einfluss auf die Rezeption eines SWR-Fernsehthrillers. Es ist trotzdem amüsant zu sehen, dass die Lenker und Denker der ARD teilweise auf Fakten anspringen, die sich auch die Simpsons-Autoren vorknöpfen. Wie etwa aufdie Tatsache, dass bis zu 100 Touristen jährlich während ihres Jerusalem-Aufenthalts von dem Gedanken besessen sind, eine biblische Figur zu sein oder ihr geistiges Erbe anzutreten.

Dieses interessante Grundkonzept genügt den Verantwortlichen hinter dieser Oliver-Berben-Produktion jedoch leider nicht. Statt die kühle Wissenschaftlerin Ruth Gärtner schlicht auf ihre labile, jüngere Schwester Maria treffen zu lassen, die nach wenigen Monaten Arbeit als Touristenführerin in der Heiligen Stadt davon überzeugt ist, die Mutter eines neuen Messias zu sein, spinnen die Autoren dieses Familien- und Psychodrama in einen Verschwörungsthriller weiter. Das Konzept, eine streng rationale, ungläubige Naturwissenschaftlerin Hatz auf religiöse Fanatiker machen zu lassen, ist aber nicht nur abgedroschen, sondern vor allem schwer in die konventionelle ARD-Fernsehfilmlaufzeit von 90 Minuten zu pressen. Was ein Dan Brown in einen Roman mit dem Umfang eines Türstoppers packt oder Ron Howard in Brown-Kinoverfilmungen mit Überlänge verarbeitet, wird in Das Jerusalem-Syndrom in eineinhalb Stunden runter gebrochen. Klar, dass da kein Raum für Suspense erzeugende falsche Fährten, clever ausgetüftelte Rätsel und soghaft wirkende Verschmelzungen aus Fakt, Fiktion und Religion bleibt. Geschweige denn für runde Charakterisierungen.

Stattdessen ist die Protagonistin antireligiös eingestellt, weil ihr gläubiger Vater unfähig war, zudem sind die Motivationen der Sektenführer hauchdünn und obendrein bleibt das bei gelungenen Verschwörungsthrillern so essentielle Miträtseln aus, weil der Plot nahezu störungsfrei direkt vom Startpunkt zum durchgehend telegraphierten Finale marschiert. Inhaltlich ist Das Jerusalem-Syndrom daher recht mager ausgefallen. Jedoch überzeugt diese zwei Millionen Euro schwere deutsch-israelische Koproduktion wenigstens handwerklich. Triebel und Schick deuten in ihrem passionierten Schauspiel mehr Charakter an, als es ihre fadenscheinig geschriebenen Rollen auf dem Papier rechtfertigen würden, und der 54-jährige Regisseur Dror Zahavi fängt Jerusalem an Originalschauplätzen von seiner faszinierendsten Seite ein. Besonderes Lob verdient sich der Thriller zudem für seine natürliche Mehrsprachigkeit – Figuren müssen in diesem Projekt zwischen Sprachen hin und her wechseln, was sich auch inhaltlich auswirkt und dem etwas überdrehten Verschwörungsstoff eine reale Note verleiht.

Das Jerusalem-Syndrom läuft am 11. Dezember um 20.15 Uhr im Ersten.